top of page

Kapitel 129 - Der Wunsch nach Freundschaft

,,Sandyr, da bist du ja!’’


Nereus’ Stimme klang fröhlich, als Sandyr das neue Arbeitszimmer des Königs betrat. Der alte Raum war verschwenderisch eingerichtet, mit hohen Decken, kunstvollen Wandteppichen und einem massiven Schreibtisch, der mit Karten, Berichten und königlichen Dekreten übersät war. Die Luft roch nach Tinte und altem Papier, nach Macht und Verantwortung.


Der neue Raum war schlicht, lediglich der Geruch war geblieben.


Nereus stand hinter dem Tisch, ein breites Lächeln auf dem Gesicht, als hätte er gerade eine besonders erfreuliche Nachricht erhalten.


Sandyr trat ein, doch seine Gedanken waren woanders.


Er dachte an Leyla, die sich im Palast umsah, sich dem Stein näherte. Er hoffte, dass sie ihn finden und an sich nehmen würde. Was für ein Stein es war, welche Kräfte er hatte – das interessierte ihn nicht. Er brauchte keine Details.


Er brauchte nur eines: die Zerstörung Mylries.


„Danke, Nereus“, sagte Sandyr und zwang sich, ruhig zu wirken. „Leyla gefällt der Palast wirklich gut. Sie wollte sich noch die Glasfassade mit dem Ausblick auf Mylrie ansehen.“


Für einen Moment musterte Nereus ihn, als hätte er in Sandyrs Stimme etwas entdeckt, das nicht ganz passte. Doch der Ausdruck verschwand so schnell, wie er gekommen war.


„Ich wollte dir etwas zeigen“, sagte der König dann und trat an das große Fenster seines Arbeitszimmers.


Sandyr folgte ihm und blickte hinaus. Der Anblick raubte ihm den Atem.


Unten, in den Straßen von Saphirath – dem wohlhabendsten Bezirk Mylries – bewegten sich lange Reihen von Meriden, geschwächt und ausgezehrt. Sie wurden von Soldaten begleitet, die sie in die leerstehenden Paläste der Aristokraten führten. Sandyr erkannte die kranken Körper, die müden Bewegungen, das fahle Blau ihrer Haut.


Kiemenstopfung.


Die Krankheit, die unter den Armen wütete, die unzählige Leben forderte. Doch es war nicht nur das, was ihn fesselte.


Es war die Abwesenheit der Aristokraten. Nirgendwo waren sie zu sehen. Ihre prachtvollen Häuser waren nicht mehr bewohnt.


„Ist das—?“ begann Sandyr, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.


„Ja“, unterbrach Nereus ihn. Sein Ton war voller Entschlossenheit, sein Blick leuchtete vor Stolz. „Der zweite Schritt des Sandyr-Plans. Die Verpflegung aller an Kiemenstopfung erkrankten Einwohner Mylries.“


Sandyr erstarrte. „Sandyr-Plan?“ fragte er ungläubig.


„Ja“, bestätigte Nereus mit einem zufriedenen Nicken. „Der erste Schritt war es, die Aristokraten zu enteignen und aus der Gesellschaft zu entfernen. Jetzt werden wir die Kranken versorgen, sie heilen. Danach folgt der dritte Schritt: Wir verteilen den Reichtum neu, verbessern die Infrastruktur und treiben das Segraina aus den Straßen. Genau so, wie du es vorgeschlagen hast.“


Sandyr ließ sich langsam in einen Stuhl sinken. Er hatte nicht damit gerechnet. Nereus hatte nicht nur zugehört, sondern gehandelt. Seine Worte waren keine leeren Versprechen gewesen – er hatte die Reformen nicht nur angestoßen, sondern in die Tat umgesetzt.


Sandyr hatte erwartet, dass Nereus scheitern würde. Dass das Militär sich gegen ihn stellen, dass er unter der Last seines Idealismus zerbrechen würde. Oder aber, dass er alles halbherzig anging und am Ende nicht veränderte.


Doch stattdessen… geschah das hier. Ein Plan, den er einst nur als Mittel zum Zweck gesehen hatte – ein Scheinmanöver, um Vertrauen zu gewinnen – war Wirklichkeit geworden.


„Ist etwas los, Sandyr?“ fragte Nereus, als er die plötzliche Stille bemerkte. „Soll ich dir etwas zu Essen holen lassen? Brauchst du Ruhe?“


Sandyr schüttelte langsam den Kopf. Er hatte keinen Platz für Ruhe. Er musste sich sammeln. Denn in wenigen Minuten würde alles vorbei sein.


Mylrie würde fallen.


Er hatte darauf gewartet, geplant, alles darauf ausgerichtet. Seine Rache war greifbar nahe. Doch warum fühlte es sich an, als würde etwas in ihm zerbrechen?


Warum tat der Gedanke daran so weh?



--------------------------------------------------------------------------



Sandyr schüttelte sich, als ob er eine unsichtbare Last abschütteln wollte. Diese seltsamen Gedanken, diese Regungen tief in seinem Inneren – sie konnten nicht von ihm stammen.


Zweifel? Nein. Er hatte keine Zweifel. Er durfte keine haben. Er hatte sein Ziel immer klar vor Augen gehabt, hatte jahrelang auf diesen Moment hingearbeitet. Nichts sollte ihn davon abbringen. Doch warum fühlte es sich plötzlich so an, als würde der Boden unter ihm wanken?


Nereus betrachtete ihn mit Besorgnis. „Habe ich etwas falsch gemacht?“ fragte er sanft.


Sandyr schloss kurz die Augen, atmete tief durch. Nein. Nereus hatte nichts falsch gemacht. Es war vielmehr die absurde Realität dieser Situation, die ihn aus dem Konzept brachte.


Als er die Augen wieder öffnete, war seine Stimme ruhig und kontrolliert. „Nein“, sagte er schließlich. „Ich bin nur… überwältigt. Ich hatte nicht erwartet, dass es so gut laufen würde.“ Er zwang sich zu einem Nicken. „Du hast meinen Respekt, Nereus.“


Er wollte nicht weiterreden. Wollte nicht in eine Konversation geraten, die ihm weitere Fragen aufzwang, auf die er keine Antwort wusste. Also stand er auf und trat zum Fenster, den Blick starr auf die Stadt gerichtet, die er so sehr hasste.


Mylrie.


Die Straßen hinter dem Bezirk der Aristokraten lagen friedlich da. Die Meriden gingen ihren täglichen Geschäften nach, Händler riefen lautstark ihre Waren aus, Kinder rannten lachend durch die Gassen. Die Sonne tauchte alles in ein warmes Licht, ließ das Wasser funkeln.


„Wusste ich’s doch…“ murmelte er leise. Ein schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht, doch es war bitter.


Es war immer noch Mylrie. Die Fassaden hatten sich geändert, die Strukturen verschoben, doch im Kern war diese Stadt dieselbe geblieben.


Die Blicke der Aristokraten, als er in den Palast gekommen war, hatten ihn an seine Kindheit erinnert. Das Starren der Wachen, als Nereus ihn durch den Tunnel ließ, hatte ihn erneut daran erinnert, wer er in ihren Augen war.


Ein Außenseiter.


Nichts hatte sich wirklich geändert. Warum also diese Unruhe in seiner Brust?


Hinter ihm räusperte sich Nereus. „Ich habe noch eine Neuigkeit für dich.“


Sandyr drehte sich langsam um, eine ungutes Gefühl im Magen. Was jetzt?


Nereus lächelte, voller Überzeugung. „Sobald das Militär erneuert wurde, wirst du als erster Bürgermeister die Regierung von Mylrie übernehmen.“


Sandyr blinzelte. Er hatte sich verhört.


…Oder?


„Was?“


Nereus nickte. „Es werden freie Wahlen abgehalten. Mylrie wird dadurch in eine neue Ära treten. Und du wirst diese Ära anführen.“


Sandyr hustete, als hätte er sich verschluckt. Sein ganzer Körper verkrampfte sich.


„Bürgermeister?“ wiederholte er, als würde das Wort ihm nicht gehorchen.


„Ja.“


„Ich?“


„Ja.“


Sandyr starrte ihn an, als hätte der König gerade etwas völlig Absurdes gesagt. „Warum tust du das?“ Seine Stimme war brüchig, zerrissen zwischen Schock und Frustration. „Eine Abdankung war doch gar nicht vorgesehen.“


Nereus’ Blick blieb fest, seine Stimme ruhig, doch voller Entschlossenheit. „Nein, aber es ist der richtige Weg. Meine Familie hat den Meriden genug angetan. Es wird Zeit, dass die Neraner Vergangenheit werden.“


Sandyr fühlte sich, als würde der Boden unter seinen Füßen nachgeben. „Aber… das ergibt doch keinen Sinn! Warum ich?!“


Nereus lächelte leicht. „Weil du derjenige warst, der diese Veränderungen angestoßen hat.“


Seine Worte waren von fester Überzeugung getragen, als wäre das die natürlichste Entscheidung der Welt. „Du, Sandyr, bist der fähigste Merid Mylries.“


Sandyr schüttelte hastig den Kopf. Das war unmöglich. „Aber ich bin nicht fähig genug“, presste er hervor. „Außerdem verabscheuen die Meriden mich.“


„Sie verabscheuen, was sie nicht verstehen.“ Nereus’ Stimme war sanft, doch in seinen Worten lag eine unausweichliche Wahrheit.


„Wenn es einem schlecht geht, blickt man stets auf die, die noch weiter unten stehen. Oder auf jene, die anders sind. Man grenzt sie aus, um sich besser zu fühlen. Aber wenn wir dafür sorgen, dass es allen besser geht… wird diese Ausgrenzung nach und nach verschwinden.“


Er machte eine kurze Pause, ließ Sandyr die Worte auf sich wirken. „Vor allem dann, wenn die Meriden erfahren, dass du es warst, der diese Änderungen herbeigeführt hat.“


Sandyr spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. Das durfte nicht sein. Das konnte nicht sein. Er hatte darauf hingearbeitet, diese Stadt zu zerstören. Hatte all die Jahre seinen Hass genährt, hatte sich an die Vorstellung geklammert, dass es keine Rettung für Mylrie gab.


Doch nun –


Nun sah er sich mit einer Möglichkeit konfrontiert, die nie Teil seines Plans gewesen war. Er hatte nie an eine Zukunft gedacht. Nie an eine Alternative zur Zerstörung. Alles, was er je wollte, war Rache gewesen.


„W-Warum vertraust du mir so sehr?“ Seine Stimme war rau, voller Emotionen, die er nicht greifen konnte.


Nereus trat näher, legte ihm eine Hand auf die Schulter.


Sein Blick war warm, ehrlich.


,,Weil wir Freunde sind.’’



--------------------------------------------------------------------------



[???] ,,Tormund, geh raus spielen!’’


Der Ruf von Tormunds Mutter hallte durch das Haus, ein sanftes, aber bestimmtes Echo, das jede Fluchtmöglichkeit im Keim erstickte. Ihre Stimme war freundlich, doch Tormund wusste, dass kein Raum für Widerrede blieb.


Er kauerte sich auf seinem Bett zusammen, seine Finger vergruben sich in der Decke, als könnte er sich in den Stoff hineinziehen, ihn um sich wickeln und verschwinden. Doch es war nutzlos. Er wusste, dass nie etwas Gutes geschah, wenn er nach draußen ging.


Langsam und widerwillig rutschte er vom Bett, schleppte sich zur Tür und schlurfte die Treppe hinunter. Seine Schritte waren schwer, als würden sie ihn in den Abgrund führen, nicht in die Straßen der Stadt.


„Kann ich nicht drinnen bleiben, Mama?“ Seine Stimme war leise, unsicher, kaum mehr als ein geflüstertes Flehen. 


Seine Mutter drehte sich zu ihm um, ein sanftes Lächeln auf den Lippen. Ihre Augen strahlten Wärme aus, doch Tormund wusste, dass sie ihn nicht verstand.


„Nein, Tormund. Deine Haut wird noch ganz trocken, wenn du nie in die Stadt gehst.“


Ihre Worte waren harmlos gemeint, doch sie stachen tief.


Tormund biss sich auf die Unterlippe und murmelte: „Aber was soll ich denn draußen?“


Die Antwort kam, bevor er die Frage überhaupt vollständig ausgesprochen hatte.


,,Mit Freunden spielen. Spaß haben.’’


Freunde.


Tormund senkte den Blick. Die Wahrheit saß in seiner Kehle wie ein harter Knoten. Wie oft hatte er sich vorgenommen, es ihr zu sagen? Wie oft hatte er gehofft, dass sie es von selbst merken würde?


Heute. Heute würde er es tun.


Er hob den Kopf, doch seine Worte stolperten über seine Lippen. „I-Ich habe keine F-Freunde.“


Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, als würde er befürchten, dass die Wahrheit ihn selbst verletzen könnte. Seine Mutter blinzelte, ihre Augen weiteten sich für einen winzigen Moment. Doch dann kehrte ihr sanftes Lächeln zurück.


„Dann geh und such dir Freunde.“ Ihre Stimme war aufmunternd, voller gut gemeinter Ermutigung. „Einer reicht für den Anfang.“


Tormund spürte, wie sein Herz sich zusammenzog. Hatte sie überhaupt gehört, was er gesagt hatte? Verstand sie nicht, dass er es schon versucht hatte? Dass er jedes Mal scheiterte? Dass niemand ihn mochte?


Doch er wollte ihr keinen Kummer bereiten.


Also nickte er langsam, drehte sich um und ging zur Tür. „Ja, Mama.“


„Pass auf dich auf!“ rief sie ihm noch hinterher, als er hinaustrat.


Tormund trat durch die dünne Wasserschicht, die die Luftkammer von den Tiefen des Meeres trennte. Die Nässe auf seiner Haut fühlte sich gut an, beruhigend, ein kurzer Moment der Geborgenheit in einer Welt, die ihn nicht wollte.


Zumindest verbarg das Wasser seine Tränen.


Er lief durch die Straßen, vermied es, den Blick zu heben, suchte nach einem ruhigen Platz, an dem er sich verstecken konnte. Vielleicht in einer schmalen Gasse, vielleicht hinter einem verlassenen Marktstand. Einfach irgendwo, wo niemand ihn sah.


Doch dann hörte er ihn.


[???] ,,Tormund!’’


Sein Herz sank. „Oh nein“, dachte er verzweifelt.


Die Stimme war laut, fordernd, voller Überheblichkeit.


[???] ,,Bleib stehen Tormund!’’


Langsam drehte er sich um.


Meros.


Der Sohn des Aristokraten, bei dem seine Eltern arbeiteten, stand vor ihm, umgeben von seinen Freunden. Sein Lächeln war hämisch, voller Spott, als wäre Tormunds bloße Existenz eine Einladung zur Grausamkeit.


Tormund erstarrte.


„B-Bitte…“ flüsterte er, seine Worte kaum hörbar.


Meros zog eine Augenbraue hoch. „Du musst lauter sprechen! Das habe ich dir doch schon so oft gesagt.“


Tormund hörte das Lachen der anderen. Ein dröhnendes, kaltes Geräusch, das ihn noch kleiner machte, als er ohnehin schon war.


„Wobei…“ Meros grinste breit. „Wenn du lauter sprichst, lispelst du so schlimm, dass niemand dich versteht.“


Das Gelächter wurde lauter.


Tormund suchte verzweifelt nach einem Fluchtweg, doch bevor er sich rühren konnte, traf ihn der erste Schlag. Ein brennender Schmerz schoss durch sein Gesicht, und er taumelte zurück, wie ein lebloser Fisch, den die Strömung mit sich riss. Er wusste, dass es nicht der letzte Schlag sein würde. 


Und er wehrte sich nicht. Er hatte gelernt, still zu sein. Es einfach über sich ergehen zu lassen. Bei jedem weiteren Schlag schloss er die Augen und stellte sich vor, wie jemand kam. 


Jemand, der ihn beschützte. 


Ein Freund.


Doch tief in seinem Herzen wusste er, dass dieser Freund nie kommen würde.


Er hatte keine Freunde.


Niemand beschützte ihn.


Niemand mochte ihn.


Und so blieb er allein.


Ein Junge, der in einer Stadt lebte, die ihn nicht wollte.


Ein Junge, der sich nach Freundschaft sehnte – doch nur Schmerz und Einsamkeit fand.



--------------------------------------------------------------------------



Eine einzelne Träne rann Sandyr über die Wange. Reflexartig hob er die Hand, um sie wegzuwischen – als könnte er damit auch die aufkeimenden Gefühle tilgen, die seinen Hass ins Wanken brachten. Doch es war nutzlos.


Die nächste Träne folgte, dann die nächste.


Die Tränen strömten unaufhaltsam über sein Gesicht, als hätten sie jahrelang darauf gewartet, endlich hervorzubrechen. Seine Hände waren machtlos gegen die Flut, die seine Wangen hinunterlief und seine Seele bloßlegte. Er spürte, wie sein Körper leicht bebte, wie etwas in ihm zerbrach – oder sich vielleicht zum ersten Mal zusammensetzte.


Nereus stand vor ihm, schweigend, sein Blick fest auf ihn gerichtet. Doch Sandyr sah ihn nur verschwommen durch den Schleier der Tränen.


Die Erinnerungen, die er einst ausgegraben hatte, um seinen Hass zu schüren, waren nun zu einem Strom geworden, der ihn überwältigte. Sie hatten ihn nicht stärker gemacht. Sie hatten ihn nicht vorangetrieben. Sie hatten ihn stattdessen zerschlagen.


Und jetzt stand er hier, entwaffnet, verletzlich, vor einem Mann, der ihm alles gegeben hatte, was er einst verzweifelt gesucht hatte.


Der größte Wunsch des kleinen Tormund, denr er einst gewesen war, war endlich erfüllt worden.


Die Sehnsucht nach einem Freund. Der Traum, nicht alleine zu sein.


Nereus hatte das Loch in ihm gefüllt, das er mit Hass zu verschließen versucht hatte.


Und dann –


Spürte Sandyr eine Umarmung. Nereus zögerte nicht. Er zog ihn einfach an sich, hielt ihn fest. Es war eine Umarmung, wie Sandyr sie seit seiner Kindheit nicht mehr gespürt hatte – warm, sicher, als hielte Nereus ihn zusammen, damit er nicht in tausend Stücke zerbrach.


Minutenlang standen sie so. Kein Wort wurde gesprochen. Sandyr ließ es zu. Zum ersten Mal. 


Er ließ es zu, dass der Schmerz herausfloss, dass das, was so lange verborgen geblieben war, ans Licht kam. Langsam löste er sich schließlich aus der Umarmung, strich sich mit zitternden Fingern über das Gesicht und atmete tief durch.


„Danke, Nereus“, sagte er, seine Stimme rau und brüchig. „Ich werde—“


Er hielt abrupt inne. Etwas fiel ihm ein. Etwas Wichtiges. Etwas, das er in all dem Chaos seiner Gefühle vergessen hatte.


Sein Magen zog sich schlagartig zusammen.


Leyla.


Nereus musterte ihn, sein Blick sanft, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, als wollte er Sandyr beruhigen. Doch Sandyr hatte keine Zeit für Beruhigung.


Sein Herz schlug schneller.


„Nereus, wir müssen sofort zum Stein!“ Seine Stimme war drängend, fast atemlos.


Der König runzelte verwirrt die Stirn. „Woher weißt du—?“


„Nein, das ist jetzt nicht wichtig“, unterbrach Sandyr ihn, seine Worte überschlugen sich fast. „Es geht um den Stein. Leyla – sie will ihn an sich nehmen!“


Nereus‘ Augen weiteten sich. Für einen Moment war da nur Stille. Dann erkannte Sandyr, wie die Bedeutung seiner Worte in Nereus‘ Bewusstsein einsickerte.


Ein Schatten zog über das Gesicht des Königs.


Sandyr spürte, wie sein eigener Puls raste.


Jeder Moment, den sie hier zögerten, könnte der Unterschied zwischen Sieg und Niederlage sein. Zwischen Leben und Tod. Zwischen dem Bestehen und der Zerstörung Mylries.


Sandyr griff die Hand des Königs und zog ihn mit sich.


„Wir müssen los – jetzt!“



--------------------------------------------------------------------------



Die Schritte der beiden hallten durch die weiten Gänge des Königspalastes, ein rhythmisches Dröhnen, das Sandyrs Herzschlag übertönte. Jeder Schritt fühlte sich schwer an, als würde er durch Wasser laufen, während sich in seinem Kopf eine Flut aus Gedanken, Angst und Hoffnung vermischte.


Er blickte nicht zurück.


Hinter ihm hörte er Nereus, der laut Befehle an seine Wachen rief, doch Sandyr schenkte den Worten keine Beachtung. Sie waren bedeutungslos, bloßes Rauschen in seinem Kopf. Nur eines zählte.


Leyla.


Als sie die schmale Wendeltreppe erreichten, spürte er plötzlich eine Hand an seinem Arm, die ihn ruckartig zum Stehen brachte. Nereus’ Griff war fest, sein Atem schwer, seine Stimme angespannt, als er sprach.


„Selbst wenn sie bereits an der Tür unten angekommen ist – der Stein lässt nur die Königsfamilie zu sich. Sie wird scheitern.“


Sandyr wollte ihm glauben. Doch in seinem Inneren wusste er es besser.


Leyla war zu sicher gewesen, zu entschlossen. Sie hatte keinen Zweifel an ihrem Erfolg gehabt. Wie konnte er also darauf vertrauen, dass der Stein sie einfach abweisen würde?


Ohne zu antworten riss er sich los, stürmte die Stufen hinab. Stufe um Stufe, schneller, immer schneller, bis seine Beine brannten. Er hörte Nereus keuchen, spürte die Anspannung des Königs, doch er kümmerte sich nicht darum.


,,Bitte lass uns rechtzeitig sein.’’ 


Die Worte hallten in seinem Kopf wider wie ein verzweifeltes Gebet, ein Ruf ins Leere, an wen auch immer. An irgendetwas, das mächtig genug war, um das Unvermeidliche aufzuhalten.


Als sie den Fuß der Treppe erreichten, keuchend, erschöpft, drängte sich Nereus an Sandyr vorbei. Dann erstarrte er.


Sandyr folgte seinem Blick – und sein Herz setzte einen Schlag aus.


Die Kammer lag vor ihnen, erfüllt von klarem, schimmerndem Wasser. Ein unwirkliches, beinahe übernatürliches Leuchten lag über der Szenerie, und in der Mitte, umgeben von vier riesigen Antoken, schwebte Leyla.


Sie trieb im Wasser, bewegungslos, ihr Gesicht friedlich, als sei sie in einem tiefen Traum versunken.


„Leyla, hör auf!“ rief er, seine Stimme schnitt durch die Stille.


Doch sie reagierte nicht. Es war, als wäre sie nicht mehr hier, als wäre sie irgendwo anders, in einer Welt, zu der er keinen Zugang hatte.


Nereus trat zögernd näher, seine Stirn in Falten gelegt. Mit einer vorsichtigen Bewegung berührte er die Wasseroberfläche. Plötzlich schoss einer der Antoken auf ihn zu. Die Kreatur bewegte sich mit erschreckender Geschwindigkeit, ihre langen Stacheln glitzerten gefährlich im blauen Licht. Bevor Nereus reagieren konnte, bohrte sich ein Stachel zwischen seine Rippen.


Ein erstickter Schrei entrang sich seiner Kehle. Sandyr sah, wie der König mit schmerzverzerrtem Gesicht zurücktaumelte, seine Hand blutend an sich gepresst.


Da öffnete Leyla die Augen.


Sandyr spürte, wie sich ihm der Magen zusammenzog.


Ihre Augen leuchteten in einem übernatürlichen Blau. Um sie herum flackerte eine Aura aus purer Magie, als wäre sie zur Quelle einer unbändigen Kraft geworden.


„Leyla, hör auf! Ich möchte nicht mehr, dass Mylrie zerstört wird!“


Verzweiflung durchzog seine Stimme wie feine Risse in einem zerbrechenden Glas.


Doch sie hörte ihn nicht. Oder sie ignorierte ihn. Sie öffnete langsam den Mund – und sprach.


„Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg.“


Ihre Worte klangen ruhig. Bedauernd. Doch unausweichlich.


Warum konnte sie unter Wasser reden? Das war eigentlich nur den Meriden möglich, deren Stimme nicht durch das Wasser gebrochen wurde.


Sandyr riss den Mund auf, wollte etwas erwidern – doch bevor er reagieren konnte, bewegte sich Leyla.


Sie streckte die Hand aus, legte sie flach gegen die massive, graue Steinwand der Kammer.


—KRRRR—


Ein tiefes, grollendes Geräusch, fraß sich wie ein hungriges Monster durch die Mauern. Risse zogen sich durch die Decke, breiteten sich aus wie Adern. Sandyr spürte, wie sein Atem stockte.


Dann brach das Meer in die Kammer herein.


Das tosende Wasser stürzte von oben herab, vermischte sich mit dem stillen Quellwasser der Kammer, eine unaufhaltsame Kraft, die alles mit sich riss. Auch die Barriere, die den mit Luft gefüllten Raum von der Kammer des Steines getrennt hatte, riss ein.


Sandyr kämpfte gegen die Strömung an, klammerte sich an die Kante der Treppe, während sich das Wasser rasend schnell in den Raum ergoss.


Und inmitten des Chaos –


Leyla.


Sie blickte ihn noch einmal an. Ihr Gesicht war ruhig, aber in ihren Augen lag etwas, das ihn verfolgte, noch bevor sie verschwand.


Entschlossenheit.


Dann, mit einer einzigen, fließenden Bewegung, schoss sie durch die Öffnung in der Decke und verschwand in den unendlichen Weiten des Meeres.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page