Kapitel 13 - Warmes Wasser
- empirewebnovel
- 29. Aug. 2024
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen

Es war bereits später Abend, als Leyla wieder nach Ramir zurückkehrte. Der Dorfplatz lag beinahe verlassen unter dem blassen Licht des Mondes – nur vereinzelt brannte noch Licht hinter den Fenstern der kleinen Häuser, und aus einigen Schornsteinen stieg dünner Rauch in die kühle Nachtluft auf.
Leyla verlangsamte ihren Schritt und blickte nach oben.
Der Mond hing wie immer direkt über ihr am Himmel. Groß. Still. Unverändert. Seit sie in dieser Welt angekommen war, hatte sie ihn niemals an einer anderen Stelle gesehen – sobald das Licht der Sonne verblasste, erschien er mitten am Himmel, als würde er dort einfach warten. Nie wanderte er. Nie veränderte er seine Position.
Unwillkürlich runzelte Leyla die Stirn. „Steht der Mond hier eigentlich immer direkt über einem?" murmelte sie leise. Der Gedanke fühlte sich plötzlich seltsam unangenehm an. Falsch. „Das muss ich Liam fragen…"
Liam selbst war wie erwartet außerhalb des Dorfes geblieben. Trotzdem begann Leyla langsam zu merken, dass sie genau das inzwischen störte – sie wusste nicht genau warum, aber der Gedanke, ihn jedes Mal draußen warten zu lassen, fühlte sich zunehmend seltsam an. Wie eine Gewohnheit, die man sich angewöhnt hatte, ohne sie je bewusst gewählt zu haben.
Schließlich wandte sie den Blick zum Kräuterladen. Noch immer brannte Licht hinter den Fenstern, und durch die Scheiben konnte sie Birgit und Herbert erkennen, die offenbar gerade miteinander redeten. Leyla blieb kurz stehen – ein Teil von ihr überlegte, ob sie die Varellen nicht lieber erst morgen vorbeibringen sollte. Doch die Aufregung in ihr war zu groß. Sie wollte ihre Reaktion sehen.
Also trat sie zur Tür und läutete die kleine Silberglocke.
—DING—
Das helle Geräusch durchschnitt die nächtliche Ruhe des Dorfes. Nach einigen Sekunden öffnete sich die Tür und Birgit blickte überrascht hinaus.
„Liebes", sagte sie sofort besorgt, „was machst du denn noch so spät hier draußen? Geht es dir gut?"
Leyla nickte rasch. Dann zog sie langsam den Bund Varellen aus ihrer Tasche hervor.
Augenblicklich weiteten sich Birgits Augen. „Varellen…" hauchte sie ungläubig. „Wie hast du die…?"
Noch bevor Leyla antworten konnte, erklang von hinten Herberts Stimme. „Kommt erstmal rein."
Leyla folgte Birgit zurück in den Laden. Die vertraute Wärme des Ofens schlug ihr sofort entgegen, und erneut erfüllten Kräuterdüfte die Luft – dieselbe Wärme, die sie am Morgen schon ein wenig zur Ruhe gebracht hatte. Herbert trat näher und betrachtete die Pflanzen aufmerksam.
„Wo hast du die her?" fragte er ernst.
Leyla richtete sich leicht auf. „Aus der Grotte." Der Stolz in ihrer Stimme war kaum zu überhören.
Sofort veränderte sich Birgits Gesichtsausdruck. „Da darfst du auf keinen Fall nochmal hingehen", sagte sie besorgt. „Du hast großes Glück, dass du überhaupt noch lebst."
Leyla zögerte kurz und sah zwischen den beiden hin und her. „Wegen Maegnar? Der wird euch kein Problem mehr machen."
Für einen Augenblick wurde es vollkommen still im Laden. Birgit und Herbert sahen sich schweigend an – dann stiegen Birgit plötzlich Tränen in die Augen, während Herbert langsam lächelte. Ein müdes, ehrliches Lächeln, das noch älter wirkte als sein Gesicht.
„Du hast uns wirklich geholfen", sagte er leise. Birgit schüttelte leicht den Kopf und wischte sich über die Augen.
„Wie lange ist es her, seit wir das letzte Mal Varellen hatten?" murmelte Herbert nachdenklich.
„Ich weiß es nicht mehr", antwortete Birgit leise.
Nach einigen Sekunden griff Herbert schließlich zu einem kleinen Geldbeutel und zog zwei Silbermünzen heraus. Vorsichtig drückte er sie Leyla in die Hand. „Mehr kann ich leider nicht entbehren. Aber bitte nimm das als Dank."
Leylas Augen begannen sofort zu leuchten. Zwei Silbermünzen – deutlich mehr, als sie erwartet hatte. Breit grinsend verstaute sie die Münzen sorgfältig.
„Vielen Dank." Ihre Stimme klang beinahe feierlich.
Dann trat sie langsam wieder zur Tür und warf den beiden ein letztes Lächeln zu. „Ich wünsche euch noch einen schönen Abend."
Mit diesen Worten verließ Leyla den Kräuterladen und trat zurück hinaus in die kühle Nachtluft von Ramir.
--------------------------------------------------------------------------
Leylas Füße trugen sie beinahe automatisch in Richtung der Taverne. Der Dorfplatz war inzwischen fast vollkommen still geworden – nur vereinzelt hörte man Stimmen hinter verschlossenen Fenstern oder das ferne Knarren einer Tür im Wind.
Unwillkürlich ließ Leyla ihren Blick über die Umgebung wandern. Von Rigor war keine Spur zu sehen – und obwohl sie sich selbst nicht ganz sicher war warum, fragte sie sich sofort, ob das etwas Gutes bedeutete.
Schließlich erreichte sie Varmins Stube und drückte die schwere Holztür auf. Sofort schlug ihr angenehme Wärme entgegen. Der Geruch von Essen, Holz und Rauch erfüllte den Raum und ließ die Müdigkeit in ihrem Körper plötzlich deutlicher werden. Mehrere Regale standen entlang der Wände, und zwischen den wenigen Tischen lagen allerlei Waren ausgebreitet – die Taverne war offenbar gleichzeitig auch eine Art Gemischtwarenladen.
„Guten Abend. Was darf's sein?"
Leyla blickte auf. Hinter der Theke stand derselbe Elf mit den braunen Haaren und dem freundlichen Lächeln, den sie bereits am Morgen durch das Fenster gesehen hatte.
„Das muss wohl Varmin sein…" murmelte Leyla leise vor sich hin.
Der Elf lächelte sofort breiter. „Ganz genau. Ich bin Varmin. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?"
Leyla zuckte leicht zusammen, als ihr klar wurde, dass er sie gehört hatte. Ein Hauch von Röte schlich sich auf ihre Wangen, doch Varmin schien sich darüber nur zu amüsieren. Sie räusperte sich kurz und ließ den Blick durch den Raum schweifen, während ihre Finger beinahe automatisch zu den Silbermünzen in ihrer Tasche glitten.
„Ich würde gerne einkaufen… und danach ein Zimmer mieten."
„Natürlich", antwortete Varmin sofort. „Suchen Sie etwas Bestimmtes?"
Leyla betrachtete die Regale genauer. Zwischen Schüsseln, Töpfen, Besteck und zusammengerollten Teppichen standen auch kleine Werkzeuge und Reiseutensilien – offenbar kauften die Dorfbewohner einen Großteil ihrer Alltagsdinge direkt hier. Nach kurzem Überlegen wandte sie sich wieder an Varmin.
„Verkaufen Sie zufällig Taschenmesser?"
„Taschenmesser nicht", sagte Varmin nachdenklich. „Aber ich könnte Ihnen ein Jagdmesser anbieten." Er ging zu einem kleinen Tisch hinter der Theke, nahm ein Messer auf und reichte es ihr.
Leyla betrachtete die Klinge aufmerksam. Das Messer war schlicht, aber sauber verarbeitet – die etwa fünfzehn Zentimeter lange Klinge bestand aus dunklem Stahl und fühlte sich überraschend stabil an. Sofort nickte sie. „Das nehme ich auf jeden Fall."
Während sie weitersprach, wanderte ihr Blick erneut durch den Raum. Dann blieb er an einer dunkelgrünen Jacke hängen, die an einem Haken nahe der Wand hing.
„Und die grüne Jacke dort? Wie viel kostet die?"
„Drei Kupfer."
„Dann nehme ich die auch."
Eigentlich hatte sie die Jacke sofort wegen Liam ausgesucht. Seit er seine entsorgt hatte, lief er nur noch mit seinem dunkelgrünen Hemd herum – die neue war schlicht und ohne besondere Verzierungen, doch genau deshalb fand Leyla, dass sie zu ihm passen würde.
Zusätzlich kaufte sie noch einen kleinen Notizblock, einen schwarzen Stift, etwas Proviant für die Reise und schließlich ein Buch, das sofort ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. „Reichsmythologie" von Jonar di Lorenzo – allein der Titel genügte, um ihre Neugier zu wecken. Vielleicht würde sie darin mehr über diese Welt erfahren. Oder über die seltsamen Dinge, die hier geschahen und für die sie noch keine Erklärung hatte.
Nachdem Varmin alles sorgfältig zusammengerechnet hatte, blickte er wieder zu ihr auf.
„Das macht dann insgesamt ein Silber und zwei Kupferstücke", sagte er freundlich lächelnd.
--------------------------------------------------------------------------
Langsam öffnete Leyla die Tür zu ihrem Zimmer im oberen Stockwerk der Taverne. Der Flur draußen war still. Müde trat sie ein und schloss die Tür hinter sich.
Es war eines von nur vier Gästezimmern. Klein, aber überraschend gemütlich. Ein ordentlich gemachtes Bett stand an der Wand, daneben ein kleiner Nachttisch mit einer Öllampe, deren warmes Licht den Raum in sanfte goldene Farben tauchte. Gegenüber befand sich ein schlichter Schrank aus dunklem Holz.
Dann blieb Leylas Blick plötzlich an etwas anderem hängen.
An einer Badewanne.
Einen Moment lang starrte sie sie einfach nur an. Natürlich kannte sie Badewannen aus ihrer alten Welt – doch hiermit hatte sie in einem kleinen Dorf wie Ramir überhaupt nicht gerechnet. Sie hatte inzwischen verstanden, dass diese Welt in vielen Dingen deutlich fortschrittlicher war, als sie zunächst gedacht hatte. Aber trotzdem überraschte sie so etwas immer wieder.
„Darüber muss ich Liam später unbedingt ausfragen…"
Der Gedanke ließ sie leicht lächeln.
Dann verlor die Müdigkeit endgültig den Kampf gegen ihren Körper. Ohne lange nachzudenken streifte Leyla ihre Schuhe ab, zog ihre Kleidung aus und ließ sich erschöpft auf das Bett fallen. Sofort sank sie tief in die weiche Matratze ein. Die Decken fühlten sich warm und angenehm an, beinahe so, als würde der Stoff sie sanft umschließen – nach Nächten auf hartem Boden und in kalten Schlafsäcken fühlte sich selbst einfaches Bettzeug plötzlich unglaublich luxuriös an.
Für einige Sekunden blieb Leyla einfach regungslos liegen und starrte an die Decke.
Dann fiel ihr Blick auf das Buch, das sie unten gekauft hatte.
Neugierig griff sie danach und schlug es auf. Auf der Rückseite befand sich kein Klappentext, sondern lediglich eine Illustration – ein schwarzer Rabe, dessen Augen seltsam lebendig wirkten, fast so, als würde er sie direkt ansehen. Unwillkürlich lief Leyla ein leichter Schauer über den Rücken.
Sie schlug eine zufällige Seite auf und begann zu lesen.
„… und da betete er zu seinem Vater, zum Herrscher der Erde, zum Erzdämon Dharait. ‚Oh Vater, Schützer meines Volkes, schenke uns deinen Segen, auf dass wir erneut träumen dürfen.' Doch Dharait schwieg, so wie er seit Jahrhunderten geschwiegen hatte."
Leyla runzelte sofort die Stirn. Ein Erzdämon – allein das Wort fühlte sich unangenehm an. Sie blätterte einige Seiten zurück, bis sie den Anfang des Kapitels fand.
„Kapitel Fünf — Die Dualität der Erzwesen."
Langsam begann sie von vorne zu lesen. „Es begab sich, dass einst ein Komet vom Firmament stürzte und auf der zuvor leeren Erde landete. Als der Komet sich öffnete, traten zwanzig Wesen hervor – die Erzwesen."
„Das klingt schon wieder wie irgendeine Schöpfungsgeschichte …" murmelte Leyla leise.
Trotzdem las sie weiter. Immer wieder überflog sie einzelne Absätze über Erzengel, Erzdämonen und uralte Kriege, bis ihre Konzentration langsam nachließ. Irgendwann legte sie das Buch schließlich neben sich auf das Bett.
Dann wanderte ihr Blick erneut zur Badewanne. Ein kleines Grinsen erschien auf ihrem Gesicht.
„Mal sehen, ob die wirklich funktioniert."
--------------------------------------------------------------------------
Angenehm warmes Wasser floss aus einem hölzernen Rohr in die Badewanne. Leyla beobachtete fasziniert, wie der aufsteigende Dampf langsam den Raum erfüllte. Selbst nach allem, was sie in den letzten Wochen gesehen hatte, überraschten sie solche Dinge noch immer – Magie war für die Menschen dieser Welt offenbar so selbstverständlich geworden, dass selbst fließendes warmes Wasser nichts Besonderes mehr zu sein schien. Für Leyla dagegen fühlte es sich beinahe absurd an.
„Magie ist wirklich unglaublich…" murmelte sie leise. „In meiner Welt hätte man sich im Mittelalter so etwas wahrscheinlich nicht einmal vorstellen können."
Langsam stieg sie in das warme Wasser. Sofort breitete sich ein angenehmes Gefühl in ihrem Körper aus – die Wärme löste langsam die Anspannung aus ihren Muskeln, und zum ersten Mal seit Tagen begann sich Leyla wirklich sauber zu fühlen. Sie schloss kurz die Augen und lehnte den Kopf entspannt zurück.
Während das Wasser leise gegen den Rand der Wanne schwappte, begannen ihre Gedanken erneut um die letzten Wochen zu kreisen. So vieles war passiert. Viel zu viel. Noch vor nicht einmal drei Wochen hatte sie ein völlig normales Leben geführt – und nun saß sie in einer fremden Welt in einer kleinen Taverne, nachdem sie gemeinsam mit einem Elfen einen Magier getötet hatte, der Seelen verschlang. Allein der Gedanke klang vollkommen verrückt. Und trotzdem war er inzwischen Realität geworden, so selbstverständlich und unausweichlich wie das warme Wasser um sie herum.
„Ich habe wirklich Glück gehabt…"
Zuerst war da Roxy gewesen. Dann Liam. Ein kleines Lächeln schlich sich auf Leylas Lippen. Auch wenn sie noch immer nicht genau wusste, wie sie Liam eigentlich einordnen sollte, hatte sie längst verstanden, dass sie ihn mochte – vielleicht sogar mehr, als sie sich selbst bisher wirklich eingestehen wollte. Seine spöttische Art, die sie anfangs fast zur Weißglut gebracht hatte, fühlte sich inzwischen seltsam vertraut an. Beruhigend sogar.
„Eigentlich ist er ja ganz süß…"
Als ihr plötzlich bewusst wurde, worüber sie gerade nachdachte, spürte Leyla, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Genervt und überrascht von sich selbst tauchte sie kurzerhand komplett unter Wasser und blieb für einige Sekunden einfach dort, die Luft angehalten, das Geräusch der Welt zu einem dumpfen Rauschen gedämpft.
Doch selbst dort ließen ihre Gedanken sie nicht in Ruhe.
Wieder erinnerte sie sich an Liams Worte.
„Ich gehe nicht mit dir ins Dorf. Ich will dir deinen Ruhm nicht streitig machen."
Langsam tauchte Leyla wieder auf, Wassertropfen liefen ihr über das Gesicht, während sie nachdenklich die Stirn runzelte. Bisher war sie eigentlich davon ausgegangen, dass Liam wegen Maegnar nicht nach Ramir kommen wollte. Doch jetzt war sie sich plötzlich nicht mehr sicher. Was war der wirkliche Grund? Warum blieb er jedes Mal draußen? Irgendetwas daran fühlte sich seltsam an – ein leises Unbehagen, das sie nicht ganz benennen konnte.
Sie nahm sich fest vor, ihn später darauf anzusprechen.
Noch eine ganze Weile blieb sie einfach im warmen Wasser sitzen und genoss die seltene Ruhe. Das flackernde Licht der Öllampe spiegelte sich auf der Wasseroberfläche, und langsam begann die Müdigkeit wieder schwer auf ihren Körper zu drücken – sanft, beständig, wie etwas, gegen das man nicht ankämpfen wollte.
Schließlich stieg Leyla aus der Wanne. Das kühle Holz unter ihren nassen Füßen ließ sie kurz zusammenzucken. Sie griff nach dem grauen Handtuch an der Tür und trocknete sich langsam ab, dann schleppte sie sich erschöpft zum Bett. Kaum hatte sie sich in die weichen Decken fallen lassen, schlossen sich ihre Augen wie von selbst.
Und nur wenige Augenblicke später war Leyla bereits eingeschlafen.
--------------------------------------------------------------------------
„Möge Kamera deinen Weg segnen!" rief Leyla noch einmal fröhlich zurück, während sie die Taverne verließ. Varmin hob hinter der Theke lächelnd die Hand zum Abschied, bevor die Tür sich hinter ihr schloss.
Draußen empfing sie sofort warme Morgenluft. Die Sonne war noch nicht einmal besonders hoch gestiegen, und trotzdem lag bereits drückende Wärme über Ramir. Leyla spürte schon nach wenigen Minuten, wie ihr unangenehm heiß wurde. Mit einem leichten Seufzen band sie sich die Jacke um die Taille und begann die Straße entlangzulaufen.
Leyla fühlte sich befreit an. Sie hatte Geld. Eine Richtung. Und sie lebte noch. Unbewusst begann Leyla leise vor sich hin zu pfeifen.
„Guten Morgen, Liebes!"
Leyla blickte zur Seite. Birgit stand vor dem Kräuterladen und goss gerade einige Pflanzen, die ordentlich in Tontöpfen entlang der Hauswand standen – der Morgen schien die alte Frau bereits vollkommen geweckt zu haben.
„Guten Morgen", antwortete Leyla lächelnd.
„Du gehst also schon?" fragte Birgit und winkte sie näher heran.
„Malyl wartet schließlich auf mich."
Birgit lächelte warm. „Warte bitte einen Moment." Ohne weitere Erklärung verschwand sie wieder im Laden.
Leyla blieb stehen und beobachtete kurz die ruhige Dorfstraße. Während sie wartete, fragte sie sich unwillkürlich, was Birgit wohl noch von ihr wollte – einen weiteren Auftrag würde sie vermutlich ablehnen müssen. Sie wollte endlich weiterreisen.
Schon wenige Augenblicke später kehrte Birgit jedoch zurück, einen kleinen Stoffbeutel in den Händen. „Hier. Nimm das bitte als Abschiedsgeschenk."
Überrascht nahm Leyla den Beutel entgegen und öffnete vorsichtig die kleine Schnur. „Ist das…?"
„Salz", antwortete Birgit sofort mit einem leichten Lächeln, als hätte sie Leylas Gedanken gelesen. „Das kann man auf Reisen immer gebrauchen."
Leylas Augen begannen sofort zu leuchten. Sie wusste, dass Salz wertvoll war – und vor allem nützlich. Breit grinsend zog sie den Beutel wieder zu.
„Dankeschön!"
Dann hob sie noch einmal lächelnd die Hand. „Möge Kamera deinen Weg segnen!"
Birgits Gesicht wurde weich. „Und deinen ebenso, Liebes."
--------------------------------------------------------------------------
„Und?" fragte Liam grinsend, sobald Leyla die vereinbarte Stelle erreichte. „Wie war die Nacht mal in einem richtigen Bett?"
Er saß lässig auf einem dicken Ast über dem Weg, die Arme locker hinter dem Kopf verschränkt. Offenbar hatte er dort oben geschlafen und einfach auf sie gewartet. Leyla konnte sich nicht einmal vorstellen, freiwillig auf einem Ast zu schlafen.
Trotzdem musste sie leicht grinsen. „Sehr gut", antwortete sie ehrlich.
Für einen kurzen Moment herrschte angenehme Stille zwischen ihnen. Der warme Morgenwind rauschte durch die Baumwipfel, und irgendwo in der Ferne zwitscherten Vögel. Doch Leyla dachte noch immer an die Frage, die sie seit der letzten Nacht beschäftigte.
Sie zögerte kurz. Dann sah sie zu Liam auf.
„Warum kommst du eigentlich nie mit ins Dorf?"
Das Grinsen auf Liams Gesicht wurde schwächer. Für einen Augenblick sah er sie einfach nur an, bevor sein Blick leicht zur Seite wanderte. „Hab ich dir doch gesagt. Ich will dir deinen Ruhm nicht…"
„Das stimmt nicht."
Leyla unterbrach ihn sofort, die Stimme ruhig, aber deutlich entschlossener als zuvor. „Und du weißt das selbst. Also warum wirklich?"
Langsam sah Liam sie wieder an. In seinem Blick lag plötzlich etwas, das Leyla nicht richtig einordnen konnte – als würde er kurz überlegen, ob er ihr tatsächlich antworten sollte. Doch stattdessen stellte er selbst eine Frage.
„Wenn du mich schon so ausfragst …" sagte er langsam, „was ist eigentlich mit dir?"
Leyla spürte sofort, wie sich etwas in ihr anspannte.
„Warum hast du bei der Spinne damals so reagiert?", fragte Liam weiter. „Und gestern vor Maegnars Tür auch." Seine Stimme blieb ruhig. „Du wirkst in solchen Momenten plötzlich wie erstarrt."
Die Worte trafen Leyla härter, als sie erwartet hatte. Sofort schossen Erinnerungen durch ihren Kopf – das Dröhnen eines Motors, der Schrei ihrer Mutter, der Aufprall. Sie spürte innerlich wieder dieses dumpfe Chaos aus Schmerz und Panik, das sie damals verschlungen hatte. Unwillkürlich versteifte sich ihr gesamter Körper, die Hände ballten sich leicht.
„Das geht dich nichts an."
Die Antwort kam schärfer heraus, als sie eigentlich wollte. Für einen kurzen Moment wurde es vollkommen still zwischen ihnen.
Leyla wandte den Blick ab und sah die Straße entlang. „Komm. Wir müssen weiter."
Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte sie sich in Bewegung. Hinter ihr sprang Liam lautlos vom Ast und landete auf dem Boden – doch diesmal sagte auch er nichts mehr.
Während Leyla weiterging, begann es in ihrem Inneren unangenehm zu rumoren. Warum wich Liam ihrer Frage so aus? Warum hatte er das Gespräch plötzlich auf sie gelenkt? Und überhaupt – wer war Liam eigentlich wirklich?
Mit diesen Gedanken machten sich die beiden schließlich schweigend auf den Weg.



Kommentare