top of page

Kapitel 130 - Der Tag, an dem der Ozean den Krieg verschlang

Als Leyla ihre Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick auf Sandyr.


Sein Gesicht war voller Entsetzen, seine Augen weiteten sich, als wollte er nicht glauben, was er sah. Neben ihm stand ein weiterer Merid, gekleidet in einen langen, goldenen Mantel. Eine prächtige Krone saß auf seinem Haupt und unterstrich die königliche Würde, die er ausstrahlte.


König Nereus?


Also hatte Sandyr doch gezögert. Er hatte kalte Füße bekommen und den König mit ins Spiel gebracht. Ein bitteres Lächeln zuckte über Leylas Lippen, doch es verweilte nur einen Moment, bevor es verging.


,,Leyla, hör auf! Ich möchte nicht mehr, dass Mylrie zerstört wird!’’


Sandyrs Stimme war verzweifelt, sein Flehen hallte durch die Kammer. Doch sie hörte nicht hin.


Es war ihr nie um Mylrie gegangen. Die Stadt war nicht mal ein Hindernis, nur ein Kollateralschaden auf dem Weg zu dem, was wirklich zählte. In dem Moment, als sie sich zwischen dem Runenstein und der Stadt entscheiden musste, hatte sie Mylrie längst aufgegeben.


Unnötige Opfer verhindern – das hatte sie sich geschworen.


Doch dieses Opfer war unvermeidlich. Und jetzt war es ohnehin zu spät.


Die Verbindung zwischen ihr und dem Stein war bereits vollendet. Die uralte Energie hatte sich in ihr festgesetzt, war mit ihr verschmolzen. Sie konnte es spüren – die Magie war nun Teil ihres Wesens, floss durch ihre Adern wie das Wasser, das sie umgab.


Die massiven Wächter des Steins schwebten um sie herum, ihre stachelbewehrten Körper ruhig, beinahe ehrfürchtig. Sie atmeten mit ihr, bewegten sich mit ihr.


Sie war Teil dieser Welt geworden.


Doch sie hatte keine Zeit, diese neu gewonnene Kraft zu verstehen oder zu erkunden.


Sie würde trainieren müssen, Wassermagie meistern, bevor sie mit der neuen Kraft so geschickt werden würde, wie mit ihrer Erdmagie.


,,Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg.’’


Ihre Worte waren ehrlich. Ein tiefer, fast schmerzhafter Wunsch. Wenn es einen anderen Weg gegeben hätte, dann hätte sie ihn genommen. Doch es gab keinen anderen Weg.


Sie hob langsam die Hand und legte ihre Finger auf die massive, graue Wand der Kammer. Ein lautloses Flüstern durchzog das Wasser, ein unsichtbarer Befehl, der sich durch den Stein fraß. Ihre Magie floss in ihn hinein, nicht mit Gewalt, sondern mit einer unaufhaltsamen, beherrschenden Kraft.


Das alte Gestein begann zu beben. Ein tiefes, donnerndes Knirschen erfüllte den Raum, als Risse über die Oberfläche der Wand krochen.


—KRRRR—


Der Stein öffnete sich, hinter ihm erblickte Leyla die dunklen, endlosen Tiefen des offenen Meeres.


Wellen strömten in die Kammer, kühl und lebendig, als hätten sie nur darauf gewartet, sich mit ihrem Quell zu vereinen. Das Wasser riss an Leyla, zog sie in seine Arme, hieß sie willkommen wie eine Mutter ihr Kind.


Freiheit.


Hinter ihr brach die Barriere der Luftkammer endgültig zusammen. Sandyr und Nereus wurden von den Fluten erfasst. Das Wasser drang durch die Mauern, füllte die Kammer mit rasender Geschwindigkeit. Doch Leyla wusste, dass sie nicht sterben würden – die Meriden konnten unter Wasser atmen. Sie würden überleben.


Aber sie würden sie nicht mehr aufhalten können. 


Noch einmal blickte sie zurück.


Auf Sandyr. Auf den König. Auf alles, was sie hinter sich ließ.


Dann breitete sie die Arme aus und ließ ihre Magie durch ihre Hände strömen. Das Wasser folgte ihrem Ruf.


Eine kraftvolle Welle brach unter ihr hervor und trug sie mit sich, katapultierte sie durch die Öffnung hinaus, in das endlose Blau des Meeres. Ihre Bewegungen waren noch unkontrolliert, ihre Kraft wild und unerforscht, doch sie war zielstrebig.


Die Stadt, die Kammer, die Vergangenheit – all das verschwand hinter ihr. Und mit jedem Meter, den sie sich entfernte, spürte sie es deutlicher.


Ein Runenstein hatte sie erneut verändert.


Und nun gehörte ihr das Meer.



--------------------------------------------------------------------------



Während Leyla durch den Ozeans schoss, entfaltete sich vor ihr eine Welt, die sie nie zuvor aus dieser Perspektive gesehen hatte.


Korallenriffe in allen erdenklichen Farben schwankten sanft in den Strömungen, schillernde Fischschwärme zogen in synchronen Formationen durch das Wasser, ihre silbernen Schuppen reflektierten das Sonnenlicht in zahllosen flackernden Lichtspielen. Riesige Rochen glitten schwerelos durch die Weiten, während Haie mit ruhiger, tödlicher Eleganz durch die Schatten schwebten. Tief unten, verborgen im sandigen Grund, ruhten die Überreste vergessener Schiffe, ihre Rümpfe von Muscheln und Algen überwuchert. Ihre einst wertvollen Schätze lagen verstreut zwischen geborstenen Planken – glitzernde Juwelen, rostige Schwerter, von der Zeit verschlungene Truhen.


Das Meer war gewaltig, unergründlich, wunderschön.


Freiheit.


Leyla hielt nicht an, sie hatte keine Zeit, sich in der Schönheit dieser Welt zu verlieren.


Im Norden, jenseits der stillen Tiefen, tobte bereits die erste Schlacht. Die kaiserliche Flotte hatte die Verteidigungslinien der Tabakinseln erreicht. Goldene Segel trafen auf weiße, eiserne Rümpfe auf kunstvoll geschnitzte Holzschiffe. Der Krieg hatte begonnen – unausweichlich, gnadenlos.


Leyla wusste, was ein langer Krieg bedeutete. Nicht nur die Soldaten auf den Schiffen würden sterben – es waren immer die Zivilisten, die den höchsten Preis zahlten.


Wochen, Monate, vielleicht Jahre des Hungers, Dörfer, die in Flammen aufgingen, Familien, die auseinandergerissen wurden. Plündernde Soldaten, die sich an den Schwächsten vergingen. Kinder, die ihre Eltern in den Trümmern verloren.


Nach dem Krieg würde der Hass bleiben.


Die Menschen auf den Tabakinseln würden das Kaiserreich nicht als neue Ordnung, sondern als Eroberer sehen, als Tyrannen. Jede zerstörte Stadt, jedes niedergebrannte Haus, jeder ermordete Zivilist würde ihre Wut schüren, ihre Ablehnung vertiefen. Sie würden nicht in Frieden leben, sondern in einer ständigen Rebellion, getrieben von dem Schmerz, den die Kaiserlichen ihnen zugefügt hatten.


Das durfte sie nicht zulassen.


Wenn sie die Flotte der Tabakinseln versenkte, wäre der Krieg vorbei, bevor er richtig begonnen hatte. Ein schneller, endgültiger Schlag. Keine Invasion, keine Massaker.


Trotzdem sie musste vorsichtig sein.


Der Runenstein in ihr pulsierte wie ein Herz, sein Rhythmus wurde schneller, je näher sie der Schlacht kam. Er wollte entfesselt werden. Sie konnte seine Macht spüren – anders als die des Runensteins der Erde, der ruhig und unbeirrbar gewesen war. Dieser hier war wild und unberechenbar.


Es war, als würde das Meer selbst sich danach sehnen, seine ganze Kraft zu entfesseln.


Leyla spürte, wie die Strömungen um sie herum stärker wurden, wie das Wasser in ihrem Körper vibrierte, als wäre sie selbst ein Teil der Tiefe geworden.


Dann hörte sie es. Dumpf, durch das Wasser gedämpft, aber dennoch klar. 


Das Donnern der magischen Kanonen. Das Klirren von Metall, das Bersten von Holz.


Das Meer schien ihr die Geräusche zuzuflüstern, als wolle es ihr den Weg weisen.


Sie änderte ihre Richtung, ließ sich von den Strömungen tragen – und dann sah sie sie.


Vor ihr, kaum hundert Meter entfernt, erstreckte sich das Herz der Schlacht. Die Schiffe der kaiserlichen Flotte bildeten eine massive Linie, ihre goldenen Segel spannten sich gegen den Wind, während die ersten Reihen der Tabak’schen Verteidigung sich formierten. Pfeile zischten durch die Luft, brennende Körper stürzten ins Wasser, das von Blut und Feuer getränkt war.



--------------------------------------------------------------------------



Leyla verlangsamte ihre Bewegung, ließ sich lautlos einige Dutzend Meter unter der Wasseroberfläche treiben. Um sie herum war nur das gleichmäßige Schwingen des Ozeans, ein sanftes Wiegen inmitten des drohenden Sturms. Sie blickte nach oben, beobachtete die Männer an Deck der Schiffe.


Junge Soldaten, kaum älter als sie selbst, standen in Reih und Glied, die Hände verkrampft um die Griffe ihrer Waffen. Keine Krieger aus Überzeugung, sondern Jungen, die in einen Krieg geschickt worden waren, weil es ihr Befehl war. Ihre Augen waren hart, aber nicht mit Hass erfüllt – nur mit Pflichtbewusstsein, mit Angst, mit der unausweichlichen Realität dessen, was auf sie zukam.


Leyla spürte einen stechenden Schmerz in der Brust.


Wie sollte sie vorgehen? Bis heute hatte sie nie Wassermagie eingesetzt. Sie wusste nicht, wie viel Kraft sie entfesseln konnte – oder wie viel zu viel sein würde. Was, wenn sie nicht nur die Flotte versenkte, sondern den Ozean selbst gegen jene richtete, die nichts mit diesem Krieg zu tun hatten?


Was, wenn sie erneut ein Massaker anrichtete, so wie damals in Welldyl?


Tief in ihrem Inneren vibrierte der Runenstein des Meeres, pulsierte wie ein zweites Herz in ihrer Brust.


,,Lass einfach alles raus.’’


Die Stimme war gleichzeitig hell und fröhlich, wie die Brise auf offener See, aber auch tief und grollend, wie das Rauschen eines uralten Sturms, der sich in den dunklen Gräben des Meeres sammelte.


Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie die Worte damit vertreiben, als könnte sie das Pochen der Magie in ihrem Inneren zum Schweigen bringen. Egal, wie viele Runensteine sie absorbierte, egal, wie mächtig sie wurde – sie durfte nicht zu einem Werkzeug blinder Zerstörung werden.


Sie war es, die entschied. Nicht die Steine. Nicht die Macht.


Langsam ließ sie sich näher an die Wasseroberfläche treiben, bis ihr Kopf durchbrach. Die kalte, salzige Luft schlug ihr ins Gesicht, der Wind fuhr durch ihr nasses Haar. Für einen Moment schloss sie die Augen, sog den Geruch des Meeres in sich auf.


Dann stellte sie sich eine Fontäne vor, eine Wassersäule, die sie hoch in die Luft trug – hoch genug, um das gesamte Schlachtfeld zu überblicken.


Das Meer reagierte sofort.


Das Wasser bäumte sich unter ihr auf, riss sie mit sich, hob sie empor, bis sie hoch über der Flotte thronte. Unter ihr lag die tobende Schlacht.


Hundert, vielleicht zweihundert Schiffe der Tabakinseln gegen die überlegene kaiserliche Marine. Goldene Segel gegen kunstvoll geschnitzte Holzrümpfe, magische Kanonen gegen Pfeile und Brandgeschosse.


Die Männer auf den Schiffen hielten inne. Kaiserliche Soldaten unterbrachen ihre Kämpfe, richteten ihre Blicke nach oben.


Dann brandeten erste Jubelschreie auf. Sie hatten sie erkannt.


Leyla, die Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Es war selten, dass Kopfgeldjäger direkt in Schlachten eingriffen.


Sie ignorierte die Rufe. Sie war nicht hier, um für das Kaiserreich zu kämpfen. Sie war nicht hier, um Ruhm zu erlangen. Sie war hier, um diesen Krieg zu beenden.


Ein seltsames Gefühl stieg in ihr auf. Der salzige Duft des Windes, das Rauschen der Wellen, das Gefühl von Wasser unter ihren Füßen – es kam ihr seltsam vertraut vor. Ein Hauch von Nostalgie überfiel sie, ein vages Echo aus einer Zeit, an die sie sich nicht erinnern konnte.


Sie war noch nie auf See gewesen.


Oder doch?



--------------------------------------------------------------------------



Leyla blickte in das strahlende Gesicht ihrer Mutter. Ihre Augen leuchteten vor Freude und Stolz, während der warme Sommerwind ihr sanft die dunklen Locken aus dem Gesicht strich. Heute war ihr sechster Geburtstag, und ihre Eltern hatten sich eine ganz besondere Überraschung für sie ausgedacht – eine Fahrt nach Helgoland.


Der Katamaran hatte den Hamburger Hafen bereits hinter sich gelassen und schnitt nun mit beeindruckender Geschwindigkeit durch das offene Meer. Die Wellen brachen sich sanft am Bug, das Wasser kräuselte sich in eleganten Mustern, als wollte es mit dem Schiff tanzen. Die Sonne spiegelte sich in den kleinen, silbernen Kämmen der Wogen, ließ das Meer funkeln wie ein endloser Teppich aus flüssigem Licht.


„Und? Gefällt es dir?“ fragte ihre Mutter sanft, während sie sich zu ihr hinunterbeugte.


Leyla riss ihren Blick von der Weite des Ozeans los und sah ihre Mutter an. Ihre Stimme war warm, voller Liebe und Geborgenheit, die sanften, braunen Augen machten sie noch schöner.


Leyla nickte begeistert. „Ja, es ist super!“ rief sie, ihre Stimme voller Aufregung.


Dann wandte sie sich wieder dem Wasser zu, lehnte sich über die Reling und klammerte sich mit ihren kleinen Fingern an das kalte Metall. Fasziniert beobachtete sie, wie die Wellen in stetigem Rhythmus gegen den Rumpf des Schiffes schlugen, als wollten sie ihm leise Geheimnisse zuflüstern.


„Dann war es ja das richtige Geschenk für unseren Engel, nicht wahr, Sabrina?“


Leylas Vater lachte, ein warmes, herzhaftes Lachen, das sich mit dem Wind vermischte. Seine starke Hand legte sich schützend auf ihre Schulter – ein sanfter, aber bestimmter Griff, als wollte er sie daran erinnern, dass er immer da war, um sie aufzufangen, falls sie stolperte.


„Ja, es war eine wunderbare Idee, Thomas“, erwiderte Sabrina mit einem sanften Lächeln.


Sie tauschten einen kurzen Blick, voller Liebe und Stolz für das kleine Mädchen, das zwischen ihnen stand – ihre Tochter, ihr größter Schatz.


Doch Leyla bemerkte es kaum.


Ihre Welt war in diesem Moment das Meer.


Die unendliche Weite, der endlose Horizont, die weißen Möwen, die kreischend über ihnen kreisten, während sie sich von den Aufwinden tragen ließen. Am Himmel zogen Flugzeuge feine, weiße Linien, als würden sie die Unendlichkeit mit unsichtbaren Fäden durchziehen.


Sie konnte sich nicht sattsehen. Die Welt schien so riesig, so voller Möglichkeiten, als könnte sie alles entdecken, wenn sie nur weit genug hinausblickte. 


Der Wind wehte ihr die Haare ins Gesicht, ließ sie wild und frei flattern, wie ein dunkles Banner, das in der salzigen Brise tanzte.


Dieser Geruch.


Das Salz in der Luft, das leise, beständige Rauschen der Wellen – sie kannte es, sie liebte es. In Hamburg, ihrer Heimatstadt, trug der Wind es manchmal vom Hafen zu ihnen nach Hause. Aber hier draußen, auf dem offenen Meer, war es anders. Stärker. Reiner. Als wäre es direkt aus der Tiefe des Ozeans aufgestiegen, nur für sie.


Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, während sie tief einatmete.


Und auch wenn Leyla nicht mehr in ihrer Heimatwelt war, auch wenn sie alle Erinnerungen an ihr altes Leben verloren hatte, auch wenn es nichts gab, was sie noch mit ihrer Vergangenheit verband – der salzige Geruch des offenen Meeres würde für immer in ihr verankert bleiben.



--------------------------------------------------------------------------



Leyla verscheuchte die aufkeimenden Gefühle aus eine Vergangenheit, die ihr unbekannt und doch unheimlich vertraut war. Jetzt war nicht die Zeit für Gedanken, die nur wie Schatten am Rand ihres Bewusstseins lauerten, unendlich fern und doch so nah.


Vor ihr breitete sich die Flotte der Tabakinseln aus – eine riesige Ansammlung von Schiffen, die sich im Rhythmus des Krieges bewegten. Die weißen Segel hoben sich scharf von den goldenen Bannern des Kaiserreichs ab, ein Kontrast, der sie nur noch angreifbarer machte. Gut. Es würde ihr die Entscheidung erleichtern. Doch was sollte sie tun?


Eine gewaltige Welle heraufbeschwören, um die Schiffe zu verschlingen? Kanonenkugeln aus Wasser formen, um die Masten und Rümpfe zu durchbohren? Nein. Das war nicht genug.


Sie brauchte etwas Absolutes. Etwas Endgültiges. Einen einzigen Angriff, der die Schlacht und vielleicht sogar den gesamten Krieg mit einem Schlag beenden würde.


Leyla hob langsam die Hände, spreizte die Finger leicht, als könnte sie die Kraft des Ozeans durch ihre Adern lenken. Sofort begann ihre Aura zu flackern – ein kaltes, pulsierendes Blau, gemischt mit einem Hauch von braun, das die Luft um sie herum vibrieren ließ. Das Licht spiegelte sich auf den nassen Holzplanken der Schiffe, ließ die Gesichter der Soldaten geisterhaft wirken.


Ihre Augen begannen zu leuchten.


In ihren Gedanken formte sich ein Strudel, der aus dem Herzen des Meeres emporstieg und die Flotte verschlang. Sie stellte sich vor, wie das Meer nach den Schiffen griff und sie in seinen Magen zog. 


Einen gewaltigen Mahlstrom, geboren aus den Tiefen des Ozeans, stärker als jede Waffe, unaufhaltsam wie der Tod.


Ein Schauer lief über ihren Rücken, als sich ihr Mana in das Wasser ergoss, als es mit den Strömungen verschmolz, als das Meer ihren Befehl mit Freuden entgegennahm.


Unter ihr regte sich etwas. Die Meeresoberfläche begann sich zu verdunkeln. Nicht plötzlich, nicht hektisch – sondern mit bedrohlicher, langsamer Unaufhaltsamkeit. Die Wellen bäumten sich auf, wuchsen, türmten sich zu grotesken Höhen, ihre Kämme schäumten in heller Gischt.


Und dann begann es.


Zuerst kaum sichtbar. Ein sanftes Ziehen, ein kaum merkliches Schieben. Die Schiffe wankten, als hätte sich unter ihnen eine unsichtbare Strömung gebildet. Ein leises Ächzen ging durch die Flotte, Holz knarrte, Seile wurden straff gezogen. Dann wurde die Bewegung stärker. Die Schiffe begannen zu kreisen. Langsam. Dann schneller. Der Strudel hatte sie erfasst.


Die Wucht riss sie mit sich, zwang sie in einen gewaltsamen Tanz. Die Masten ächzten unter der Last des Sogs, die Segel flatterten wie verängstigte Vögel im Wind. 


Die ersten Schreie erreichten Leylas Ohren. Panik. Verzweiflung. Die Angst vor dem unausweichlichen Abgrund.


Leyla hörte sie. Doch sie fühlte nichts. Der Runenstein der Erde, tief in ihr, verschlang jedes Zögern, jede Unsicherheit. Er ließ ihr keine Wahl.


Einige kaiserliche Schiffe wurden ebenfalls vom Strudel erfasst. Sie wurden mitgerissen, taumelten hilflos in der sich drehenden Wasserwand. Doch es war Leyla egal.


Das Kaiserreich bedeutete ihr nichts.


Die Soldaten, die sie bejubelt hatten, hielten sie jetzt vielleicht für eine Retterin. Vielleicht aber auch für ein Monster.


Doch es spielte keine Rolle. Nicht mehr.


Der Strudel hatte mittlerweile die gesamte Flotte erfasst. Er war so gewaltig, dass er ohne Probleme die gesamte Kaiserstadt hätte verschlucken können. 


Die ersten Schiffe erreichten den Mittelpunkt. Sie zerschellten. Ihre Rümpfe brachen unter dem gewaltigen Druck, wurden auseinandergerissen wie Spielzeug in einer Kinderhand. Segel, Masten, Holz – alles verschwand in der unergründlichen Dunkelheit des Wassers. Einer nach dem anderen wurden die weißen Segel in den gähnenden Abgrund gezogen, als hätte das Meer beschlossen, seine eigene Beute zu verschlingen.


Das Tosen des Wassers war ohrenbetäubend, lauter als die Schreie, lauter als das Ächzen des zerbrechenden Holzes. Lauter als alles andere.


Und dann –


Stille.


Der letzte Mast versank. Der letzte Schrei verstummte. Die letzte Luftblase platzte an der Oberfläche.


Und das Meer beruhigte sich. Die Wellen glätteten sich, die dunklen Strömungen zerstreuten sich, als wäre nie etwas gewesen. Der Strudel löste sich auf, seine Spuren verwischten sich, als hätte sich das Meer sattgegessen und beschlossen, wieder zur Ruhe zu kommen.


Leyla ließ ihre Hände sinken. Das blaue Leuchten in ihren Augen erlosch.


Die Schlacht war vorbei. Die Flotte der Tabakinseln existierte nicht mehr.



--------------------------------------------------------------------------



Leyla atmete tief ein, spürte, wie die salzige Luft ihre Lungen füllte, rau und belebend zugleich. Dann ließ sie die Wassersäule, die sie noch immer in der Luft hielt, langsam nachgeben. Das flüssige Konstrukt, das sie getragen hatte, zerfiel in tausend Tropfen und fiel zurück ins Meer. Auch sie selbst sank mit ihm, ließ sich einen Moment lang von den Wellen verschlingen, als wäre sie ein Teil von ihnen. Das kühle, stille Reich unter der Oberfläche umhüllte sie, beruhigte sie, löschte die letzten Spuren der Anstrengung, bevor sie mit einem leichten Schwall wieder auftauchte.


Ihre Augen richteten sich auf das gewaltige Kronschiff der kaiserlichen Marine – die Barbarossa. Das unsinkbare Schiff.


Ein schwimmender Koloss aus schwarzem Eisen und vergoldetem Holz, größer als jedes andere Kriegsschiff in dieser Schlacht. Die Masten ragten wie Türme in den Himmel, die Segel waren mit dem Wappen der Flotte des Kaiserreichs bestickt – eine goldene Krone, umgeben von zehn silbernen Wellen. Auch jetzt, nach der vollständigen Vernichtung der Tabak’schen Flotte, thronte das Schiff über den ruhigen Wassern wie ein Symbol der Unbesiegbarkeit.


Leyla ließ sich von den Wellen an die Oberfläche treiben, dann spannte sie ihre Muskeln an und schoss mit einem einzigen, kraftvollen Sprung aus dem Wasser. Sie landete federleicht auf dem harten Holzdeck der Barbarossa, ihre Bewegungen elegant, aber voller Entschlossenheit.


Kaum hatte sie den Boden berührt, verstummte das Gemurmel auf dem Schiff.


Einige der Soldaten rissen die Arme in die Höhe, jubelten und riefen ihren Namen. Ihre Stimmen hallten über das Deck, voller Bewunderung und Erleichterung. Sie hielten sie für eine Heldin, für die Retterin, die ihnen den größten Sieg des Krieges geschenkt hatte.


Andere hingegen schienen wie erstarrt. Ihre Augen waren geweitet, ihre Mienen von etwas durchzogen, das zwischen Ehrfurcht und Angst schwankte. 


Leyla ignorierte sie alle.


Ihre Beine fühlten sich schwer an. Die Erschöpfung war jetzt deutlich spürbar, ein dumpfes Zittern in ihren Muskeln, das sie zwang, sich langsam zu bewegen. Doch sie hatte noch keine Zeit, sich auszuruhen.


Sie richtete ihren Blick auf die Soldaten, die sie umringten.


„Holt euren Admiral“, befahl sie, ihre Stimme fest und unerschütterlich. „Ich möchte mit ihm reden.“


Ein junger Elf, kaum älter als achtzehn, schrak aus seiner Starre auf, seine Haltung wurde steif vor Respekt. „Jawohl, Edle Miss Leyla!“ Seine Stimme bebte leicht, als hätte er Angst, dass er sich durch bloße Verzögerung ihren Unmut zuziehen könnte.


Er drehte sich abrupt um und rannte unter Deck, um den Admiral zu holen.


Leyla ließ sich auf ein Fass sinken, ihre Arme ruhten auf ihren Oberschenkeln, ihr Blick glitt über das Meer. Die Sonne versank langsam hinter dem Horizont, tauchte den Himmel in ein Gemisch aus violetten, goldenen und tiefroten Tönen. Die Farben des Abends breiteten sich wie ein lebendiges Gemälde über das friedliche Wasser aus. So friedlich, dass der Anblick fast grotesk wirkte.


Hätte sie denselben Zauber mit dem Runenstein der Erde gewirkt, wäre alles außer Kontrolle geraten. Sie erinnerte sich noch genau an die rohe, überwältigende Kraft der Erde, wie er sich gegen sie gestemmt hatte, sich nur in Bruchstücken zähmen ließ. Er hatte seine Macht nie freiwillig gegeben – er hatte sie gezwungen, sie sich entschlossen zu nehmen.


Doch der Runenstein des Meeres war anders. Er hatte mit ihr gearbeitet. Er hatte ihr gegeben, was sie verlangte – mit Leichtigkeit und voller Freude. Er war fließend. Formbar. Wild und doch vertraut.


Sie hörte Schritte hinter sich. Schwer. Bestimmt.


[???] ,,Edle Miss Leyla, wollen wir uns nicht in meiner Kajüte unterhalten?’’



--------------------------------------------------------------------------



Leyla musterte den Admiral, der sich vor ihr aufgebaut hatte. Er war ein junger Mann von imposanter Statur, seine Schultern breit, sein Rücken kerzengerade. Kurzes, blondes Haar lag sauber gekämmt an seiner Kopfhaut, und seine eiskalten blauen Augen verrieten nichts außer unerschütterlicher Disziplin. 


Sein schwarzer Mantel, verziert mit sechs Orden, glänzte im Licht der untergehenden Sonne, jeder einzelne ein Beweis für seine Jahre im Dienste des Kaiserreichs. Doch es war nicht Stolz, der in seinem Blick lag, als er sie ansah.


Es war Missfallen.


Leyla erkannte es sofort – die Spannung in seinem Kiefer, das kaum merkliche Ballen seiner Fäuste. Sie hatte ihm den Ruhm gestohlen, den er für sich beansprucht hatte. Sein Sieg, sein Triumph, sein Moment – mit einem einzigen Zauber hatte sie ihm alles genommen.


Ihr war das egal.


Sie nickte nur, dann stand sie auf. Ihre Bewegungen waren ruhig, selbstbewusst, als würde ihr das Schiff schon seit Jahren gehören. Der Admiral sagte nichts, sondern drehte sich um und marschierte los, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie folgte ihm durch die engen, hölzernen Gänge der Barbarossa, vorbei an Matrosen, die sich ehrfürchtig an die Wand drückten, ihre Blicke gesenkt. Niemand wagte es, ein Wort zu sprechen.


Schließlich erreichten sie die Kapitänskajüte.


Der Raum war geräumig, größer als Leyla es erwartet hatte. Ein massiver Holztisch nahm den Mittelpunkt des Raumes ein, darauf ausgebreitet eine große Seekarte mit unzähligen eingezeichneten Routen, Hafenmarkierungen und kleinen Notizen in feiner Handschrift. Navigationsinstrumente hingen an den Wänden, daneben ein gut gepflegtes Schwert, das an einem Waffenständer lehnte.


Leyla ließ sich ohne zu fragen in die Hängematte fallen, die in einer dunklen Ecke des Raumes hing, und stützte ihren Kopf in die Handfläche. Der Admiral beobachtete sie mit abschätzendem Blick, seine Lippen zu einer dünnen Linie gepresst, doch er schwieg. Stattdessen trat er an seinen Schreibtisch und lehnte sich dagegen, die Arme locker verschränkt.


„Euer Erscheinen wurde mir nicht mitgeteilt“, begann er schließlich, seine Stimme hart und unnachgiebig.


Sein Blick bohrte sich in sie, kalt wie gefrorenes Wasser.


„Ihr habt dem Kaiserreich einen großen Dienst erwiesen.“


Es klang wie ein Kompliment, doch Leyla hörte den Zorn dahinter. Sie hatte seinen Sieg zu ihrem gemacht, und das nagte an ihm. Doch so sehr er sich auch darüber ärgerte – er konnte es sich nicht leisten, ihr offen zu widersprechen.


„Mir war es wichtig, den Krieg schnell zu beenden“, erwiderte sie kühl, ohne auch nur zu blinzeln. „Ein gezielter Schlag, der den Widerstand der Tabakinseln mit einem Mal bricht, schien mir die beste Lösung.“


Der Admiral schnaubte leise, seine Kiefermuskeln zuckten.


„In der Tat. Eine effektive Lösung.“ Er schwieg kurz, dann nickte er kaum merklich „Beeindruckende Kräfte habt Ihr da, Kopfgeldjägerin.“


Leyla richtete sich in der Hängematte auf, ihre Augen funkelten scharf. „Meine Kräfte gehen Euch nichts an.“


Ihre Stimme war leise, doch sie schnitt wie eine Klinge durch die angespannte Luft. Der Admiral hielt ihrem Blick stand, doch es war kein offenes Misstrauen mehr darin – vielmehr eine gewisse Wachsamkeit.


Leyla wechselte das Thema. Als Kaiserliche Kopfgeldjägerin durfte sie im Krieg Befehle erteilen. Natürlich würde sie sich für die Befehle vor Yang verantworten müssen, doch das war kein Problem.


„Ich werde die Kapitulation der Tabakinseln morgen erzwingen.“ Sie verschränkte die Arme. „Bis dahin will ich, dass Eure Flotte sich nicht rührt. Keine Kampfhandlungen. Keine Überfälle.“


Der Admiral schürzte die Lippen, sein Blick wurde scharf wie eine Klinge. Er wollte widersprechen. Sie konnte es an der Art sehen, wie sich seine Haltung leicht versteifte, wie seine Finger sich auf der Tischkante verkrampften. Doch er wusste, dass ein Widerstand gegen ihren Befehl ihm nur Probleme bringen würde.


„Sehr wohl, Edle Miss Leyla“, sagte er schließlich, seine Stimme kontrolliert, doch das Knirschen seiner Zähne war fast hörbar.


Leyla ließ den Moment noch einige Sekunden wirken, dann stand sie auf.


„Ich werde heute Nacht auf diesem Schiff schlafen. Habt Ihr eine freie Kabine für mich?“


Der Admiral rührte sich erst nicht. Dann drehte er sich um, öffnete die Tür und rief: „Matrose Kail!“


Fast augenblicklich tauchte der junge Elf von vorhin auf, seine Haltung aufrecht, seine Augen voller Eifer. „Jawohl, Admiral di Lorenzo!“


„Führe die Edle Miss Leyla zu einer der freien Kabinen.“


„Zu Befehl!“ Kail verbeugte sich tief, dann wandte er sich mit fast kindlichem Enthusiasmus an Leyla. „Bitte folgt mir, Edle Miss Leyla.“


Sie trat mit ihm hinaus in den Korridor. Der Matrose führte sie unter Deck, durch schmale Gänge, vorbei an verschlossenen Türen und Wachposten, die sich jedes Mal steif aufrichteten, sobald sie an ihnen vorbeiging.


Schließlich erreichten sie einen Bereich mit mehreren großzügigen Kajüten. Kail öffnete eine Tür auf der linken Seite und trat beiseite.


„Dies ist Eure Kabine, Edle Miss Leyla.“


Leyla trat hinein. Der Raum war schlicht, doch zweckmäßig. Eine Koje an der Wand, eine kleine Truhe, eine hölzerne Kommode. Ein Bullauge bot einen Blick auf das dunkle Meer, das sich in sanften Wellen gegen das Schiff schmiegte.


Sie nickte.


„Danke, Kail.“ Sie drehte sich zu ihm um. „Sorge dafür, dass ich nicht gestört werde.“


Der Elf verbeugte sich hastig. „Wie Ihr befehlt!“ Dann verschwand er eilig.


Leyla schloss die Kabinentür hinter sich, trat zur Koje und ließ sich hineinfallen.


Ein leises Seufzen entwich ihr.


Die Müdigkeit kam mit unerwarteter Wucht, legte sich über sie wie eine bleierne Decke. Kaum hatte sie die Augen geschlossen, fiel sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page