Kapitel 132 - Friedensangebote
- empirewebnovel
- 5. März 2025
- 23 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 6. März 2025

Als Leyla erwachte, war die Kajüte bereits in goldenes Licht getaucht. Die ersten Strahlen der Morgensonne fielen durch das kleine Bullenauge, zeichneten lange, sanfte Streifen auf die hölzernen Wände und verliehen dem Raum eine friedliche Stille. Das leise Knarren des Schiffes, das sich sanft in den Wellen wiegte, erinnerte sie daran, wo sie war.
Sie lag noch eine Weile in der Hängematte, ließ sich von ihrer langsamen Bewegung baumeln und schüttelte die letzten Reste der Müdigkeit ab. Ihre Muskeln waren schwer von der Erschöpfung des vergangenen Tages, doch ihr Geist war wach, geschärft. Sie hatte keine Zeit, sich dem Luxus des Ausruhens hinzugeben.
Mit einem leichten Seufzen glitt sie aus der Hängematte, streckte sich ausgiebig und verließ die Kajüte. Der enge Gang des Schiffes war erfüllt von den Geräuschen des Morgens – das gedämpfte Murmeln der erwachenden Matrosen, das entfernte Klirren von Geschirr aus der Kombüse, das rhythmische Knarzen der Planken unter ihren Füßen.
Sie traf auf einen älteren Matrosen. Sein wettergegerbtes Gesicht war von den Jahren auf See gezeichnet, die tiefen Falten um seine Augen erzählten Geschichten von Stürmen und fernen Häfen. Als er Leyla sah, nahm er ruckartig eine Haltung an, als würde er auf einen Befehl warten.
„Kannst du mich zurück aufs Deck führen?“ fragte sie mit einer Stimme, die weder fordernd noch unterwürfig klang, sondern ruhig, freundlich.
Der Matrose blinzelte, als hätte er eine klare, harte Anweisung erwartet. Doch dann nickte er hastig und antwortete mit rauer Stimme: „Jawohl, Edle Miss Leyla! Bitte folgt mir.“
Während sie ihm folgte, nahm sie die kleinen Details des Schiffslebens um sich herum wahr. Die Vorratskisten, die entlang der Wände gestapelt waren, rochen nach Salz, Holz und dem schwachen Aroma von geräuchertem Fisch. Einige Matrosen schliefen noch, zusammengerollt in ihren Hängematten, während andere sich mit müden Gesichtern an ihre morgendlichen Aufgaben machten.
Als sie schließlich das Deck erreichte, atmete Leyla tief ein. Die frische Meeresluft füllte ihre Lungen, brachte ihr Klarheit, während die Morgensonne das Wasser in schimmernden Tönen von Blau und Grün leuchten ließ. Das Meer ruhig, als würde es auf sie warten.
Ihr Blick wanderte über das Deck und blieb an einer einzelnen Gestalt hängen – Admiral di Lorenzo. Er stand am Bug des Schiffes, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Blick fest auf den Horizont gerichtet. Seine Haltung war gerade, diszipliniert, doch in der Art, wie er den Kopf leicht geneigt hatte, erkannte sie eine unterschwellige Spannung.
Leyla trat mit selbstbewussten Schritten an seine Seite. „Guten Morgen, Herr Admiral“, begrüßte sie ihn mit einem freundlichen, aber bestimmten Lächeln. „Ich werde nach Tripolis aufbrechen. Haltet hier die Stellung.“
Langsam drehte er sich zu ihr um, sein Gesicht ausdruckslos, seine blauen Augen kalt und berechnend. Es war offensichtlich, dass er sich nur ungern von ihr Befehle erteilen ließ. Doch er wusste, dass er keine Wahl hatte.
„Sehr wohl“, erwiderte er knapp. „Wie habt Ihr auf meinem Schiff geschlafen?“
Leyla lächelte leicht. Sie konnte sehen, wie schwer es ihm fiel, sich ihr zu fügen. Wahrscheinlich war er es gewohnt, dass andere vor ihm strammstanden, dass seine Worte Gesetz waren.
Sie wollte den einfachen Bürgern gegenüber freundlich sein, gegen die machthungrigen Adligen, zumindest die meisten, wollte sie jedoch ihre Position ausspielen.
„Sehr gut, danke der Nachfrage“, antwortete sie in einem Tonfall, der beinahe spöttisch war, als wäre seine Frage belanglos.
Sie ließ seinen Blick auf sich ruhen, während sie zur Reling trat. Von hier aus konnte sie das endlose Meer überblicken, das sich bis zum Horizont erstreckte. Die Sonne war noch nicht hoch am Himmel, und doch war es bereits warm – eine beständige, tropische Hitze, die nichts mit den kühlen Herbstwinden des Kaiserreichs gemein hatte.
„Ich lasse Euch eine Nachricht zukommen, wenn der Krieg vorbei ist“, sagte sie über ihre Schulter, ohne ihn anzusehen.
Dann trat sie auf die Reling. Sie hörte, wie einige Matrosen den Atem anhielten, als wäre es das erste Mal, dass sie eine solche Szene sahen. Ohne zu zögern, sprang sie vom Schiff.
Das Wasser empfing sie mit kühler, herzlicher Umarmung. Es umhüllte sie, zog sie hinab, doch sie war nicht hilflos – im Gegenteil. Die Kraft des Runensteins pulsierte in ihr, als wäre sie eins mit dem Meer, sie konnte seine Strömungen nicht nur spüren, sondern lenken.
Sie richtete ihren Blick gen Süden. Tripolis lag in dieser Richtung, und es gab keinen Grund, sich Zeit zu lassen. Sie ließ Mana aus ihren Händen und Füßen strömen, spürte, wie das Wasser sich verdichtete, um ihr einen Weg zu ebnen. Dann stieß sie sich ab.
Mit der Geschwindigkeit eines Pfeils schoss sie durch das Wasser, die Strömungen trugen sie, das Meer jubelte ihr zu.
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Während Leyla durch das Meer glitt, getrieben von der Macht des Wassers, spürte sie eine Veränderung in ihrer Umgebung. Am Vortag war das Meer noch voller friedlichem Leben gewesen – Schwärme von Fischen waren unter ihr geschwommen, Mantarochen hatten sich durch die Tiefen geschoben, und selbst einige Haie hatten sich neugierig in ihre Nähe gewagt.
Doch heute bemerkte sie eine neue Präsenz, eine, die ihr selbst mit der Kraft des Runensteins Unbehagen bereitete. Zuerst waren es nur vereinzelte Seeschlangen, deren dunkle Silhouetten sich im trüben Wasser wanden. Doch je näher sie Tripolis kam, desto mehr von ihnen tauchten auf. Dann erschienen andere Kreaturen – Riesenkraken, deren lange Tentakel sich wie Schatten durch das Wasser bewegten, deren Augen kalt und uralt wirkten. Tief in der Dunkelheit sah sie Wesen, deren Formen sie nicht einmal genau erkennen konnte, als würden sie von der Finsternis selbst verschluckt.
Und doch – keines dieser Monster griff sie an. Sie glitten an ihr vorbei, als sei sie unsichtbar oder als würden sie sie bewusst meiden. Leyla konnte es nicht mit Sicherheit sagen, doch in ihrem Inneren wusste sie, dass dies an der Macht des Runensteins lag, den sie nun in sich trug. Vielleicht sahen die Kreaturen sie als eine von ihnen, vielleicht spürten sie etwas in ihr, das sie respektieren mussten – oder fürchteten.
Als sie sich Tripolis näherte, durchbrach ein Anblick die endlose Weite des Ozeans unter ihr – Mylrie. Oder das, was noch von der Stadt übrig war.
Ein Anflug von Unruhe stieg in ihr auf. Sie wusste nicht, was sie dazu trieb, doch sie tauchte tiefer, hinab in die versunkene Stadt, als ob sie sich mit eigenen Augen von der Zerstörung überzeugen musste.
Mylrie war nicht mehr die Stadt, die sie einst gewesen war. Die einst prunkvollen Straßen, die sie nur kurz gesehen hatte, lagen nun in Trümmern. Die eleganten Gebäude, in denen einst die reichen Bürger gelebt hatten, waren zerstört, ihre Mauern eingestürzt, ihre Fenster von den Wassermassen zerschlagen. Die goldenen Türme, die einst hoch in das Meer geragt hatten, waren nichts weiter als zerborstene Skelette, ihre Überreste trieben ziellos durch das Wasser.
Nur wenige Meriden hatten überlebt. Leyla konnte sie sehen, wie sie sich in den Ruinen versteckten, verloren und verängstigt. Ihre einst leuchtenden Augen waren nun voller Verzweiflung. Doch nicht nur sie bewohnten die Stadt – überall sah sie Monster.
Dann fiel ihr Blick auf den Palast. Der Sitz der Neraner, einst das strahlende Herz der Stadt, stand noch, doch selbst er war schwer beschädigt. Und davor, als würde es nur darauf warten, dass die im Palast Schutzsuchenden hinauskommen würden, lauerte ein gewaltiges Monster.
Es war eine Kreatur, die Leyla noch nie zuvor gesehen hatte – eine Mischung aus Seeschlange und Drache, mit einem langen, schuppigen Körper, der im fahlen Licht des Wassers glänzte. Seine Augen funkelten in einem unergründlichen Blau, und seine Bewegungen waren langsam, lauernd, als würde es darauf warten, dass jemand töricht genug wäre, sich ihm zu nähern.
Doch dann traf sein Blick den ihren. In dem Moment, in dem Leyla ihm ins Gesicht sah, zuckte die Kreatur zurück, als hätte sie einen unsichtbaren Schlag erlitten. Ihr Körper spannte sich, und dann – mit erschreckender Geschwindigkeit – wirbelte sie herum und schoss davon. Ihr langer Körper durchschnitt das Wasser mit einer Eleganz, die ihre Größe Lügen strafte, und binnen weniger Augenblicke war sie in den Tiefen des Meeres verschwunden.
Leyla verharrte für einen Moment, ihre Augen verfolgten die Richtung, in die das Monster geflüchtet war. Was bedeutete das? War es Angst gewesen?
Doch sie hatte keine Zeit für Antworten. Sie richtete ihren Blick wieder auf den Palast. Wenn noch Überlebende übrig waren, dann würden sie dort sein.
Sie durchquerte die mächtigen Tore, die einst undurchdringlich gewesen waren, nun aber schief in ihren Angeln hingen. Die Luftkammern innerhalb des Palastes hatten sich gehalten – hier war das Wasser noch nicht eingedrungen. Ein letzter, einsamer Zufluchtsort.
Ihre Schritte hallten durch die leeren Hallen, als sie sich tiefer ins Innere des Palastes bewegte. In diesen Mauern hatte einst Macht geherrscht, prunkvolle Bankette waren gefeiert, Entscheidungen getroffen worden, die über das Schicksal Tausender bestimmt hatten. Jetzt war es nur noch ein leeres, sterbendes Monument.
Dann erreichte sie den Thronsaal. Und dort waren sie.
Gut hundert Meriden hatten sich hier versammelt, ein Schatten dessen, was einst das Volk von Mylrie gewesen war. Ihre Gesichter waren gezeichnet von Erschöpfung, von Angst, von Resignation. Einige waren verletzt, getrocknetes Blut klebte an ihren Körpern, ihre Augen blickten sie starr an.
Und in ihrer Mitte stand Sandyr.
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Sandyr starrte sie an, seine Miene eine unheilvolle Mischung aus Wut, Verzweiflung und Trauer. Seine Augen glühten vor Zorn, doch dahinter lag etwas anderes – eine unausgesprochene Frage, eine stumme Anklage, die sich nicht nur gegen sie richtete, sondern auch gegen ihn selbst.
„Warum bist du wiedergekommen?“ rief er ihr entgegen, seine Stimme war heiser, rau von der Erschöpfung der letzten Stunden. Er trat einen Schritt auf sie zu, die Hände zu Fäusten geballt. „Wolltest du dir dein Werk noch einmal ansehen? Dich am Leid ergötzen?“
Leyla blinzelte. Einen Moment lang war sie sprachlos. Dass Sandyr am Ende gezögert hatte, war ihr bewusst gewesen, doch dass er ihr nun die Schuld an allem gab, ließ einen Funken heißer Wut in ihr aufflammen.
Sie spürte, wie der Runenstein des Meeres auf ihre Emotionen reagierte, wie sich die Energie in ihr regte, pulsierte, als wolle der Stein sie ermutigen, diese Wut nicht zu unterdrücken. Ein leises, rauschendes Wispern in ihrem Kopf, eine Einladung, Sandyr für seine Worte büßen zu lassen.
Sie spürte die Macht in ihren Adern, wild und unberechenbar. Sie könnte ihn einfach mit einem Gedanken in die Fluten schleudern oder unter Stein begraben, ihn zwingen, seine eigenen Fehler mit einem letzten Atemzug zu bereuen.
Doch dann kam die Angst. Nicht die Angst vor ihm. Sondern vor sich selbst. Vor dem, was sie werden könnte, wenn sie diesem Impuls nachgab.
Sie drehte sich abrupt um und rannte aus dem Palast. Ihre Schritte hallten durch die verlassenen Gänge, schneller, als sie es gewollt hatte, als würde sie nicht nur Sandyr, sondern vor allem sich selbst entkommen wollen.
„Bleib stehen, Leyla!“ rief er ihr hinterher. Seine Stimme war nun nicht mehr voller Wut, sondern flehentlich, als würde er verzweifelt nach einer Antwort suchen, nach einem Funken, der ihm erklären könnte, warum es so gekommen war. „Hast du nichts zu sagen?“
Draußen angekommen, das Wasser wieder um sich, blieb Leyla stehen. Sie drehte sich langsam zu ihm um, ihre Augen funkelten vor unterdrückter Wut. Die Strömung riss an ihren Haaren und das Wasser um sie herum begann sich unruhig zu kräuseln.
„Du hast mir geholfen, mein Ziel zu erreichen“, sagte sie, und ihre Stimme war schärfer als jeder Dolch. „Und jetzt wirfst du mir vor, dass ich mich darüber freuen würde?“
Sandyr wich zurück, als hätte sie ihn geschlagen.
„Ich habe dir gesagt, dass du aufhören sollst…“ flüsterte er, doch seine Stimme brach.
Leyla lachte leise, ein bitteres, humorloses Lachen. „Und?“ fragte sie kühl. Ihre Schritte führten sie näher an ihn heran, bis sie ihm direkt gegenüberstand, der Blick eindringlich, ihre Präsenz überwältigend. „Du hast mir nichts zu befehlen.“
Bevor er reagieren konnte, packte sie ihn am Kragen. „Ich habe mir den Stein geholt, weil er mir gehört“, sagte sie langsam. „Du wolltest dich an der Stadt rächen. Wir hatten dasselbe Ziel, aber dein Antrieb war Hass.“
Sandyr rang nach Worten, doch sein Gesicht war eine Maske aus Schock und Schuld.
„Ich wollte das nicht…“ murmelte er, seine Stimme klang so schwach, dass sie fast im Wasser verloren ging.
,,Nicht?’’ Leyla wurde immer wütender. Das Wasser um sie herum begann zu wirbeln, die Strömung wurde stärker. ,,Das ist dir ja früh eingefallen. Aber jetzt ist es zu spät, und wir müssen beide mit den Konsequenzen leben.’’
Sandyr sog scharf die Luft ein, sein Körper zuckte zusammen, als ihm das ganze Ausmaß seiner eigenen Schuld erneut bewusst wurde.
Das Wasser begann, in kreisenden Wellen um sie herumzustrudeln, als ob eine unsichtbare Hand es rühren würde. Die Kraft, die in Leyla pulsierte, wuchs unaufhaltsam, und sie konnte spüren, dass der Runenstein des Meeres jubelte – er wollte mehr.
Sie merkte, dass der Stein Oberhand gewann. Dass sie dabei war, eine weitere riesige Katastrophe zu verursachen. Das wollte sie nicht. Ihre Macht nutzen, um an einem deutlich schwächeren ihre Wut abzulassen? Nein, das war das Gegenteil von dem, was sie mit ihrer Macht tun wollte.
Die Wellen schlugen gegen die Ruinen von Mylrie, und das Wasser begann, an den Überresten zu zerren, als könnte ein einziger Moment der Unachtsamkeit die gesamte Stadt in den Abgrund reißen.
Leyla erkannte es in diesem Moment. Sie ließ zu viel zu.
Ihr Griff um seinen Kragen lockerte sich, dann ließ sie ihn los. Das Wasser wurde ruhiger, als sie ihre Wut unter Kontrolle brachte. Der Runenstein in ihr verstummte, als wäre er enttäuscht, doch Leyla ignorierte ihn.
Sandyr rang immer noch nach Fassung, als sie ihn erneut ansah – diesmal nicht mehr voller Zorn, sondern mit einer kalten, unerschütterlichen Entschlossenheit.
„Ich will die, die von euch noch übrig sind, retten“, sagte sie mit ruhiger, aber unverrückbarer Stimme. „Könnt ihr über den Tunnel nach Tripolis entkommen?“
Sandyr blinzelte verwirrt, als ob er sich nicht sicher war, ob er ihr glauben sollte, ob sie wirklich helfen wollte. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Der Tunnel ist eingestürzt“, sagte er, und seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
Leyla schnaubte leise. „Dann werde ich ihn freilegen.“
Das Meer beruhigte sich weiter, die Wellen ließen nach, und in ihr spürte Leyla die Stille des Runensteins.
„Ich entscheide, wann ich deine Macht nutze, nicht du.“
Keine Antwort. Nur weiteres Schweigen.
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„Tretet zurück“, befahl Leyla mit fester Stimme und ließ ihren Blick über die verängstigten Meriden gleiten, die sich um den Eingang zum Tunnel drängten. Ihre Stimme war ruhig, aber unmissverständlich, und nach einem kurzen Zögern wichen die Überlebenden zurück, so weit es der begrenzte Raum des Palastes erlaubte.
Leyla trat näher an das schwere Tor heran, das den Zugang zum Fluchtweg versperrte. Mit einer schnellen Handbewegung entriegelte sie die alten Mechanismen, und sofort strömte Wasser in den Palast, stürzte in die große Halle und drohte, den Raum in kürzester Zeit zu fluten. Doch bevor es die Meriden erreichen konnte, hob Leyla ihre Hand. Augenblicklich folgte das Wasser ihrem Befehl und zog sich zurück, ihren Willen spürend und respektierend.
Sie ließ ihre Finger über das zerstörte Gewölbe des Tunnels gleiten, spürte die Energie des Runensteins in sich pulsieren, bereit, ihren Befehl auszuführen. Die Trümmer – zerbrochene Steinsäulen, verbogene Metallstreben und umgestürzte Balken – lagen in einem wilden Durcheinander.
Sie kniete sich hin und legte eine Hand auf den Boden. Wärme breitete sich in ihr aus, ihr Mana durchströmte den Stein wie eine Welle, die das Chaos ordnete. Langsam begannen sich die Trümmer zu bewegen, als würden sie von unsichtbaren Fäden gezogen. Große Brocken schwebten aufeinander zu, fügte sich wieder in ihre ursprüngliche Form, Balken richteten sich auf, verankerten sich an ihrem Platz. Innerhalb weniger Minuten war der Tunnel wieder stabil, so als wäre er nie eingestürzt.
Leyla richtete sich auf und ließ den Blick über die Gruppe schweifen. Ihre Gesichter waren ein Mix aus Staunen, Angst und Erleichterung. Sie konnte spüren, wie sich ihre Haltung veränderte, wie sich ihre Ehrfurcht vertiefte.
„Folgt mir“, befahl sie und schritt voran, ohne auf Zustimmung zu warten. Ihre Schritte waren fest und entschlossen, und die Meriden eilten hinter ihr her, geführt von einer Mischung aus Hoffnung und Instinkt. Sandyr lief an ihrer Seite, sein Gesicht ein wirres Spiel der Gefühle – Erleichterung, Schuld, vielleicht auch ein Hauch von neuer Entschlossenheit.
Der Tunnel war lang und kalt, doch niemand sprach ein Wort. Jeder wusste, dass dies keine normale Flucht war – es war eine letzte Reise fort von dem, was einst ihr Zuhause gewesen war.
Als sie schließlich die verborgene Öffnung in Tripolis erreichten, fühlten sich die ersten Meriden wieder sicher genug, um leise zu murmeln, sich untereinander zu flüstern, sich langsam zu sammeln. Erschöpfte Körper sanken auf den Boden, einige begannen zu weinen, andere lachten leise, ungläubig über ihr eigenes Überleben.
Sandyr trat zu Leyla. Sein Blick war anders als zuvor – weniger anklagend, mehr suchend. „Danke, Leyla…“ murmelte er. Seine Stimme war leise, fast ein Hauch, aber voller Bedeutung.
Leyla zögerte kurz. Dann lächelte sie – ein echtes, ehrliches Lächeln. Kein Spott, keine Überlegenheit, sondern einfach nur… Dankbarkeit. Für diesen Moment, für die Chance, richtig zu entscheiden, das Richtige zu tun.
Doch sie wusste, dass ihr Weg hier nicht endete. Wortlos drehte sie sich um und begann, sich durch die Straßen von Tripolis zu bewegen. Ihr Ziel war klar: Yanis’ Anwesen.
Doch während sie durch die engen Gassen der Stadt schritt, fiel ihr die seltsame Stille auf, die über allem lag. Wo vor ein paar Tagen noch Händler lautstark ihre Waren anpriesen, waren heute nur geschlossene Läden zu sehen. Keine Marktstände, keine spielenden Kinder, keine streitenden Seeleute. Die Straßen waren leer, fast gespenstisch ruhig.
Sie blieb am Hafen stehen. Nur wenige Schiffe lagen dort vor Anker, und die schweren Kriegsschiffe waren verschwunden – aufgebrochen, um Schlachten zu schlagen, die sie niemals gewinnen würden.
[???] ,,Ihr müsst Leyla sein?’’
Sie drehte sich um und sah einen kleinen Jungen, vielleicht zehn Jahre alt. Er war dünn, sein Haar zerzaust, seine Kleidung schmutzig. Doch in seinen großen, dunklen Augen lag eine ungewöhnliche Neugier – und ein Funken Hoffnung.
Leyla trat einen Schritt näher und beugte sich leicht zu ihm hinunter. „Ja, das bin ich“, antwortete sie ruhig, ihre Stimme sanft, aber bestimmt. „Warum fragst du?“
Der Junge trat von einem Fuß auf den anderen, als würde er mit sich ringen. Dann, nach einem Moment des Zögerns, sagte er: „Ich soll Euch zum Rathaus bringen. Die Händler wollen mit Euch reden.“
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Leyla folgte dem kleinen Jungen durch die staubigen Straßen von Tripolis, vorbei an Reihen von Tabak’schen Soldaten, deren Blicke sie durchbohrten wie Speere. Ihre Gesichter waren angespannt, ihre Hände ruhten auf den Griffen ihrer Waffen, als wäre jeder Moment der richtige, um zuzuschlagen. Die Atmosphäre war geladen mit Feindseligkeit, mit unausgesprochenem Zorn und Misstrauen. Sie spürte es in der Luft – schwer, fast erdrückend.
Wussten sie bereits, was sie getan hatte? Oder sahen sie in ihr nur eine Bedrohung, eine Fremde, die mit übernatürlicher Macht gesegnet war? Doch Leyla zeigte keine Unsicherheit. Ihr Gang blieb gleichmäßig, ihr Blick nach vorne gerichtet.
Schließlich erreichten sie ein gewaltiges Gebäude, das sich über den anderen erhob wie ein Mahnmal des Wohlstands. Das Rathaus von Tripolis war aus tiefgrünem Stein erbaut, massiv und unerschütterlich. Mächtige weiße Säulen trugen ein weit ausladendes Dach, dessen goldenes Relief die Geschichte der großen Seefahrer der Tabakinseln erzählte.
Leyla ließ ihren Blick kurz über die Architektur gleiten, nahm die imposante Erhabenheit dieses Ortes in sich auf. Ein Ort, an dem Entscheidungen gefällt wurden – Entscheidungen, die Leben kosteten und Reichtümer mehrten.
Kaum angekommen, übernahm eine Gruppe von Soldaten das wortlose Kommando über sie. Der Junge, der sie hergeführt hatte, verschwand in einer Seitengasse, ohne sich noch einmal umzudrehen. Leyla wurde durch breite Gänge geführt, die mit kunstvollen Wandteppichen und Gemälden großer Handelsflotten geschmückt waren. Der Glanz des Reichtums lag in jedem Detail – in den goldenen Kronleuchtern, die das polierte Marmorparkett in warmem Licht erstrahlen ließen, in den schweren Türen aus dunklem Mahagoni.
Schließlich kamen sie vor einer prächtigen Flügeltür zum Stehen. Die Tür war aus tiefblauem Holz gefertigt, mit feinen, silbernen Intarsien, die sich zu kunstvollen Blumenmustern verwoben. Ein weiteres Zeichen für Reichtum, für Macht.
Einer der Soldaten klopfte an. Nach einem Moment erklang eine raue Stimme von drinnen.
[???] ,,Lasst sie herein.’’
Die Tür schwang langsam auf, und Leyla trat ein. Vor ihr, an einem langen Tisch aus dunklem Holz, saßen vier Männer. Ihre Blicke ruhten schwer auf ihr, jeder Ausdruck sprach seine eigene Geschichte.
Ganz links saß Yanis Marghri. Sein Gesicht trug dieselbe Arroganz wie immer, sein Lächeln war süßlich und falsch. Er war ein Mann, der sich selbst am meisten liebte, ein Opportunist, der überall eine Chance witterte. Leyla wusste, dass er glaubte, ihre Anwesenheit wäre sein größter Vorteil – vielleicht sah er sich bereits als Protektor der Tabakinseln, als ein Herzog in der Gunst des Kaisers.
Es lag allerdings weder in ihrer Macht ihn zum Protektor zu ernennen, das war die Aufgabe des Generals, der für den Feldzug zuständig war, noch war es an ihr, den Herzog zu bestimmen.
Wenn sie dem Buch ,,Aufbau und Struktur des Kaiserreichs’’, das erste Buch, das sie in der Gefangenschaft im Kaiserpalast gelesen hatte, glauben konnte, dann wurde der Herzog einzig vom Kaiser selbst bestimmt.
Sie hatte nicht vor, Yanis zu sagen, dass ihr Versprechen ein leeres war. Einem Mann wie ihm, der alles und jeden für seinen Profit verkaufte, brauchte man nicht ehrlich gegenüber zu sein.
Rechts von ihm saß ein alter Mann mit breiten Schultern und einem schweren Bauch, sein Gesicht gezeichnet von Falten, die eher von Wut als von Alter herrührten. Sein Schnurrbart war dick und gepflegt, sein Blick jedoch schneidend wie ein Dolch. Er sah Leyla an, als wäre sie eine Plage, ein Unglück, das es zu beseitigen galt.
Am anderen Ende des Tisches saß ein junger Mann mit blondem Haar, der sie mit neugierigen, wachsamen Augen beobachtete. Anders als die anderen schien er kein vorschnelles Urteil über sie zu fällen.
Neben ihm saß der vierte Mann – unscheinbar, gehüllt in mehrere Schichten feiner Stoffe, als wollte er sich mit Reichtum selbst eine Identität schaffen.
Nach einem Moment der angespannten Stille erhob sich der ältere Mann mit dem Schnurrbart. Der Stuhl unter ihm knarrte unter der Last seines Körpers, als er sich mit langsamer, bedächtiger Bewegung aufrichtete.
„Ehrenwerte Leyla“, begann er mit tiefer, gewichtiger Stimme. „Ich möchte mich vorstellen. Mein Name ist Gandolf von Mamorstein, Oberhaupt der Mamorstein-Familie. Herr Marghri hat uns von Eurer… besonderen Rolle berichtet. Ich hoffe, dass wir heute zu einem vernünftigen Ergebnis kommen können.“
Seine Augen musterten sie scharf, suchten nach einer Regung in ihrem Gesicht. Leyla erkannte, dass dieser Mann gewohnt war, Kontrolle zu haben – in Verhandlungen zu dominieren.
Doch das würde ihm heute nicht gelingen.
Sie setzte sich langsam auf einen der freien Stühle, ließ sich Zeit, als wäre sie nicht in einem Saal voller Männer, die sie am liebsten in Stücke reißen würden. Sie schlug ein Bein über das andere, lehnte sich zurück und sah Gandolf mit ruhigen, emotionslosen Augen an.
„Ich habe Euch holen lassen, weil Herr Marghri mir mitteilte, dass Ihr für Friedensverhandlungen offen seid“, fuhr Gandolf fort. Seine Stimme war freundlich, doch die scharfe Kante in seinen Worten verriet ihn.
Leyla hob eine Augenbraue. Hatte Yanis ihnen gesagt, dass sie für Friedensverhandlungen hier war?
„Ich bin nicht hier, um einen Frieden zu verhandeln“, sagte sie, ihre Stimme war klar und unmissverständlich. „Sondern um eure bedingungslose Kapitulation zu akzeptieren.“
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Der Raum wurde schlagartig still, als hätte Leylas Ankündigung die Luft aus dem Saal gesogen. Ein unsichtbares Gewicht legte sich auf die Schultern der Anwesenden. Das Lächeln auf dem Gesicht des jungen Blonden erstarrte, sein zuvor lässig zur Seite geneigter Kopf richtete sich abrupt auf, als hätte sie ihm mit ihren Worten den Boden unter den Füßen weggezogen. Seine Finger, die eben noch locker auf der Tischplatte gelegen hatten, umklammerten nun deren Kante, als würde er Halt in einer Welt suchen, die gerade ins Wanken geraten war.
Der unscheinbare Mann in den teuren Gewändern atmete schwer aus, sein Brustkorb hob und senkte sich unruhig. Seine Finger, geschmückt mit goldenen Ringen, klammerten sich an die Armlehnen seines Stuhls, so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
Yanis, der sich sonst so gerne mit einem selbstsicheren Lächeln zurücklehnte, musterte Leyla jetzt mit einem Ausdruck, den sie nicht ganz deuten konnte – Respekt? Überraschung? Oder hatte er genau diese Eskalation gewollt? Wollte er sie als Druckmittel nutzen, um die anderen in die Ecke zu treiben, während er sich geschickt im Hintergrund hielt?
Gandolf von Mamorstein jedoch zeigte keine Regung. Seine wachsamen Augen ruhten auf Leyla, und sie konnte fast hören, wie in seinem Kopf die Zahnräder arbeiteten. Dann lehnte er sich langsam vor, stützte seine massigen Hände auf die Tischplatte und sprach mit einer Stimme, die so scharf war wie ein frisch geschliffenes Messer.
„Kapitulieren?“ Er ließ das Wort auf seiner Zunge rollen, als schmecke es bitter. Sein Blick war durchdringend, seine Haltung lauernd, wie die eines Raubtieres, das seine Beute mit einem letzten, abschätzenden Blick misst. „Ihr wollt, dass die Handelsfürsten von Tripolis sich einem Feind beugen, der von uns abhängig ist? Ihr verlangt, dass wir unsere Unabhängigkeit, unseren Wohlstand, unseren Stolz einfach aufgeben – nur weil Ihr es verlangt?“
Leyla atmete langsam aus, ließ seinen Widerstand an sich abperlen wie Wasser an Felsen. Er hielt sich für mächtig, für unerschütterlich. Doch sie hatte schon mit Männern gesprochen, die weitaus gefährlicher waren. Männer wie Selfmun Aragi, der mit einem einzigen Wort seinen Gegenüber brechen konnte. Im Vergleich dazu war Gandolf nur ein Händler, ein Mann, dessen Macht auf Gold und Verträgen basierte – beides Dinge, die wenig wert waren, wenn sich das Meer selbst gegen ihn wandte.
Sie erwiderte seinen Blick, ihre Augen eine undurchdringliche Mauer. „Ja, genau das verlange ich“, sagte sie, ihre Stimme ruhig und messerscharf, mit einer Autorität, die keine Widerworte duldete.
Gandolfs Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie zusammen, und sein Blick wanderte für einen Moment zur Seite, hinaus durch die hohen Fenster, wo das Meer wie ein stiller, lauernder Gigant in der Ferne lag. Vielleicht suchte er dort nach einer Antwort. Vielleicht erkannte er zum ersten Mal die Wahrheit in ihren Worten.
Leyla richtete sich langsam auf und trat einen Schritt zurück. Ihre Magie pulsierte in ihr, bereit, entfesselt zu werden. Sie ließ einen Bruchteil ihres Mana in den Boden strömen. Das gesamte Gebäude begann zu beben.
Die Kronleuchter über ihren Köpfen schwankten bedrohlich, ihr goldenes Licht flackerte, während die schweren Wände vibrierten. Die hölzernen Stühle ächzten, und die Männer am Tisch griffen instinktiv nach den Kanten ihrer Sitze. Yanis zuckte zusammen, der blonde Mann sog scharf die Luft ein, und der unscheinbare Händler in den teuren Gewändern wirkte, als hätte ihm jemand sämtliches Blut aus den Adern gesaugt.
Nur Gandolf blieb ruhig. Äußerlich zumindest.
Leyla ließ das Beben weiter anhalten, um ihre Worte mit Nachdruck zu untermauern.
„Ihr habt diesen Krieg bereits verloren“, erklärte sie, ihre Stimme so ruhig wie das Auge eines Sturms. „Die Hauptflotte, die ihr der Barbarossa entgegengesetzt habt? Versenkt. Die Großmagi, eure mächtigsten Magier? Tot. Und das Kaiserreich?“ Sie ließ ihren Blick über die Männer am Tisch wandern, ließ sie spüren, dass sie die Wahrheit sprach. „Das Kaiserreich hat mehr Truppen, mehr Schiffe, stärkere Krieger – und die Geduld des Kaisers schwindet mit jeder Sekunde.“
Sie machte eine Pause, ließ die Stille für sich sprechen, bevor sie weitersprach.
„Ihr habt zwei Möglichkeiten. Kapituliert – oder lasst euch vernichten.“
Die Worte trafen wie Hammerschläge.
Gandolf ließ sich langsam zurück in seinen Stuhl sinken, als hätte das Gewicht ihrer Aussage ihn in den Sitz gedrückt. Seine Hände lagen nun flach auf dem Tisch, die Finger nicht mehr verkrampft, sondern gespreizt, als versuche er, den kühlen Holztisch unter ihnen zu verankern. Sein Blick war undurchdringlich, doch Leyla wusste, dass er innerlich längst mit den Konsequenzen rang.
Der unscheinbare Händler zuckte nervös mit den Fingern, als würde er am liebsten aufspringen und weglaufen. Der blonde Mann sagte nichts, doch seine Miene hatte sich verändert – er wirkte nicht mehr arrogant, sondern zum ersten Mal wirklich nachdenklich.
Yanis hingegen? Er hatte ein schmales Lächeln auf den Lippen.
Leyla ließ das Beben verstummen, ließ den Raum in eine bedrückende, lauernde Stille fallen.
Dann ließ sie ihren Blick erneut über die Anwesenden gleiten, ihre Haltung vollkommen ruhig, vollkommen sicher.
„Also, wie wählt ihr?“ fragte sie schließlich, ihre Stimme war weich, fast sanft – und dennoch trug sie die Kälte eines unausweichlichen Schicksals in sich.
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Es dauerte einen Moment, bevor Gandolf erneut das Wort ergriff. Er wirkte, als hätte er ein schweres Gewicht auf seinen Schultern zu tragen. Er schien zu wissen, dass seine nächste Entscheidung über das Schicksal seiner Heimat bestimmen würde. Schließlich atmete er tief ein und ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen.
„Ich möchte die Meinung jedes Familienoberhaupts hören“, sagte er mit ruhiger, doch eindringlicher Stimme. Dann wandte er sich an den jungen Mann mit dem blonden Haar, dessen Gesicht noch immer eine Mischung aus Unsicherheit und Sorge zeigte. „Jacques, was denkst du?“
Jacques richtete seinen Blick auf Leyla, seine Hände ineinander verschränkt, als suche er Halt in der Realität, die sich vor ihm entfaltete. Als er sprach, klang seine Stimme bedächtig, aber nicht mehr unsicher. „Was geschieht mit unseren Familien, wenn wir kapitulieren? Behalten wir unseren Besitz?“
Leyla nickte leicht. Das Kaiserreich hatte selten ein Interesse daran gezeigt, die besiegten Adligen und Händler ihrer Besitztümer zu berauben – zumindest nicht, wenn sie sich widerstandslos ergaben. Die Geschichte hatte oft genug bewiesen, dass diejenigen, die sich beugten, weiterleben durften. Diejenigen, die kämpften, jedoch nicht.
Jacques ließ einen leisen Atemzug entweichen. „Dann sollten wir kapitulieren“, sagte er schließlich und hob den Blick. „Wir müssen an die Bürger denken. Wie viele Leben können wir schützen, wenn wir uns für diesen Weg entscheiden?“
Gandolf musterte ihn schweigend, sein Blick schien eine Spur von Enttäuschung zu verraten. Doch er sagte nichts. Stattdessen wandte er sich an den nervösen, unscheinbaren Mann neben ihm.
„Und du, Emmanuel?“
Emmanuel zuckte zusammen, als hätte man ihn aus einem Albtraum gerissen. Seine Finger spielten nervös mit den Säumen seiner seidigen Ärmel, und als er den Mund öffnete, schien seine eigene Stimme ihn zu erschrecken.
„I-Ich denke, wir sollten… wir sollten a-aufgeben.“ Seine Worte klangen nicht wie eine Entscheidung, sondern wie eine Kapitulation vor einer unausweichlichen Wahrheit.
Leyla konnte sich ein kurzes, amüsiertes Grinsen nicht verkneifen. Emmanuel war eindeutig kein Mann, der für Schlachten oder Widerstand gemacht war.
Schließlich richtete Gandolf seine Aufmerksamkeit auf Yanis, als würde er an ihm seine letzte Hoffnung festmachen. „Yanis, du willst doch kämpfen, oder?“ fragte er, seine Stimme beinahe flehend.
Yanis erhob sich langsam von seinem Stuhl, zog seine Jacke glatt und sah mit einem unergründlichen Blick in die Runde. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, das tue ich nicht“, erklärte er mit ruhiger Stimme. „Jacques hat recht – unser oberstes Ziel muss der Schutz unserer Bürger sein. Wir haben eine Verantwortung. Ein Krieg, den wir nicht gewinnen können, wäre nichts anderes als sinnlose Sturheit. Wir können es uns nicht leisten, auf unserem Stolz zu beharren, während unser Volk dafür bezahlt.“
Dann setzte er sich wieder, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
Eine bleierne Stille legte sich über den Raum. Gandolf sah erschöpft aus, als hätte diese Debatte ihn um Jahre altern lassen. Sein Blick wanderte von einem zum anderen, als suchte er nach einer letzten Möglichkeit, das Ruder herumzureißen. Doch es gab keine. Sie hatten bereits entschieden.
Mit einem resignierten Seufzen zog er ein Blatt Pergament aus einer Schublade, griff nach einer Feder und begann, mit bedächtigen Bewegungen darauf zu schreiben. Das Kratzen der Feder über das Papier war das einzige Geräusch im Raum. Dann, als er fertig war, reichte er das Dokument an die anderen Händler weiter. Nacheinander setzten sie ihre Namen darunter, einige schneller, andere mit einem Hauch von Zögern. Als der letzte seine Unterschrift geleistet hatte, schob Gandolf das Pergament mit ernster Miene über den Tisch in Leylas Richtung.
„Die Tabakinseln beugen sich dem Kaiserreich“, verkündete er, seine Stimme klang wie eine alte Tür, die langsam ins Schloss fiel. „Wir werden jede Kampfhandlung einstellen und sind bereit, jegliche Bedingungen zu akzeptieren.“
Leyla nickte zufrieden und griff nach der Kapitulationserklärung. „Eine weise Entscheidung“, sagte sie schlicht. „Der Heerführer wird mit euch die Bedingungen ausarbeiten.“
Sie überflog das Dokument mit einem schnellen Blick – die offizielle Kapitulation, unterschrieben von den vier führenden Familien der Tabakinseln. Mit diesem Pergament in der Hand war der Krieg vorbei.
Sie erhob sich, ihr Blick glitt noch einmal über die Männer am Tisch, bevor sie sich wortlos umdrehte und den Raum verließ.
Erst als sie das Rathaus hinter sich gelassen hatte und die frische, salzige Meeresluft sie umfing, ließ sie einen langen, erleichterten Atemzug entweichen. Es war vorbei.
Die Großmagi waren tot – mit Ausnahme von Miguel. Die erste Flotte der Tabakinseln lag auf dem Grund des Meeres. Die führenden Familien hatten kapituliert. Leyla hatte ihren Auftrag erfüllt.
Nun konnte sie endlich nach Hause zurückkehren.
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Einige Tage später stand Leyla am Hafen von Tripolis. Über den Dächern der Stadt wehte nun die Flagge des Kaiserreichs – eine goldene Krone, umgeben von schwarzen Flammen, auf rotem Grund. Ein Symbol des Sieges, der Eroberung und der unausweichlichen Herrschaft.
Die Luft roch nach Salz und nach frischer Farbe – die Hafenmeister hatten bereits begonnen, die alten Banner der Tabakinseln zu entfernen und durch die des Kaisers zu ersetzen. Matrosen und Soldaten bewegten sich geschäftig über die hölzernen Stege, während Händler versuchten, das Beste aus der neuen Ordnung zu machen. Tripolis war gefallen, doch das Leben ging weiter.
Heute würde Leyla sich mit dem führenden General treffen, ihm das Pergament mit der Kapitulationserklärung überreichen und dann endlich ins Kaiserreich zurückkehren. Der Gedanke an die Rückkehr nach Hause löste in ihr ein Gefühl der Erleichterung aus – aber auch eine seltsame Unruhe.
[???] ,,Edle Miss Leyla, welch eine Freude Euch hier zu treffen.’’
Leyla fuhr herum. Die Stimme war tief und selbstsicher, und in ihr schwang eine Spur von Amüsement mit.
Ihr Blick fiel auf einen Mann mit kurzem, blutrotem Haar, dessen schwarze Uniform mit dem goldenen Wappen des Kaiserreichs bestickt war. Ein Stirnband hielt seine wilden Haare zurück, daran befestigt ein einzelnes rotes Horn.
Thibedeau van Trey.
Leyla hatte ihn seit Malyl nicht mehr gesehen, und ehrlich gesagt war sie bisher froh darüber gewesen. Damals hatte er sie fast getötet, und nur durch eine Wendung des Schicksals hatte sie schließlich sein Leben gerettet. Ihr Verhältnis war kompliziert – eine Mischung aus Respekt, Skepsis und etwas, das sie nicht genau benennen konnte.
Doch heute schien keine Feindseligkeit zwischen ihnen zu liegen.
„General van Trey“, erwiderte sie mit einem höflichen Lächeln. „Ich hatte nicht erwartet, Euch auf den Tabakinseln anzutreffen.“
Der General trat näher, seine Bewegungen waren geschmeidig und selbstbewusst. Mit einer lässigen Geste streckte er ihr die Hand entgegen.
„Ich wurde als Heerführer für diesen Krieg ausgewählt“, erklärte er, während sein Blick prüfend über ihr Gesicht wanderte. „Und nun, nachdem Ihr so hervorragende Arbeit geleistet habt, hat der Kaiser mich zum Protektor der Tabakinseln ernannt.“
Leyla nahm seine Hand und erwiderte seinen festen Griff. Sein Blick war ruhig, doch in seinen Augen lag ein unterschwelliges Funkeln – ein Interesse, das über bloße Höflichkeit hinausging. Was genau er von ihr wollte, wusste sie nicht, aber sie konnte sich vorstellen, dass sie es bei ihrem nächsten Treffen erfahren würde.
„Ich danke Euch für das Lob“, sagte sie mit einem höflichen Nicken und überreichte ihm die Kapitulationserklärung.
Der General nahm das Pergament entgegen, entrollte es mit einem geübten Handgriff und überflog die Zeilen mit kühler, professioneller Effizienz. In seinem Gesicht zuckte keine Regung, doch Leyla wusste, dass er jede einzelne Klausel genau analysierte.
Sie wollte sich gerade abwenden, um zu gehen, als ihr noch etwas einfiel.
„Einer der Händler, Yanis Marghri, hat darauf bestanden, zum Protektor der Tabakinseln ernannt zu werden“, sagte sie mit einem leichten Lächeln, das nicht ganz unschuldig war. „Ihr findet ihn in seinem Anwesen.“
Thibedeau hielt inne. Sein Blick glitt zu ihr hinüber, und für einen Moment war seine Miene ausdruckslos. Dann verzog er leicht das Gesicht – eine Mischung aus Spott und Belustigung.
„Hat er das?“ Seine Stimme klang amüsiert, aber in seinen Augen blitzte etwas auf – eine dunklere, kältere Note. „Nun, dann sollte ich ihm wohl einen Besuch abstatten.“
Leyla beobachtete ihn einen Moment lang und konnte nicht verhindern, dass sich ein zufriedenes Lächeln auf ihre Lippen schlich. Yanis hatte seine eigenen Leute verraten, nur um sich selbst an die Spitze zu setzen. Jetzt würde er den Preis dafür zahlen.
Thibedeau wandte sich wieder ihr zu, sein Blick aufmerksamer als zuvor.
„Edle Miss Leyla“, sagte er mit einer unergründlichen Stimme. „Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Ich würde mich gerne zu einem besseren Zeitpunkt mit Euch unterhalten.“
Sie neigte leicht den Kopf.
„Sehr gerne. Ihr wisst ja, wo Ihr mich in der Kaiserstadt findet.“
Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging zur Kaimauer. Sie wollte nicht länger bleiben, wollte nicht noch einen Moment mehr in dieser Stadt verbringen, die längst nicht mehr ihr Problem war.
Sie warf einen letzten Blick auf Tripolis, auf das Meer, das sich ruhig und endlos vor ihr erstreckte, und auf die rote Flagge des Kaiserreichs, die im Wind flatterte.
Dann sprang sie ins Wasser, und mit einem einzigen kraftvollen Stoß verschwand sie in den Tiefen des Ozeans.



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