Kapitel 133 - Der Mann mit den leeren Augen
- empirewebnovel
- 6. März 2025
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Der Schnee peitschte unaufhörlich durch die Luft, getrieben von einem eisigen Wind, der unbarmherzig über die weite Landschaft fegte. Die klirrende Kälte kroch durch Jakiras Mantel, biss sich durch das dicke Fell, als würde sie sich mit frostigen Klauen an ihr festklammern. Sie zog den Kragen höher, doch es war vergebens – die Kälte hatte längst ihren Weg in ihre Knochen gefunden.
Die Welt um sie herum war in endloses Weiß getaucht. Die Nadelbäume am Straßenrand standen wie starre Schatten, ihre Äste schwer unter der Last des Schnees. Keine Bewegung, keine Geräusche – nur der Wind, der leise durch die Nadeln säuselte und das monotone Trommeln von Himmels Hufen auf dem gefrorenen Boden.
Himmel ritt unermüdlich weiter, Schritt für Schritt durch das winterliche Nirgendwo, als könne ihn nichts aufhalten. Jakira ließ sich tiefer in den Sattel sinken, schmiegte ihr Gesicht an seine warme Mähne und atmete seinen mittlerweile vertrauten Duft ein – ein schwacher Trost inmitten der erbarmungslosen Kälte. Ihre Glieder fühlten sich schwer an, müde von der langen Reise, doch sie durfte jetzt nicht nachlassen. Nicht jetzt, wo ihr Ziel so nahe war.
Kartaffel.
Allein der Gedanke an die Festungsstadt gab ihr neue Kraft. Sie stellte sich vor, wie sie durch die Tore ritt, wie sie in der warmen Stube eines Gasthauses saß, umgeben von knisterndem Feuerholz, einem dampfenden Becher Tee in den Händen.
Dann glitten ihre Gedanken zu Liam. Wie es ihm wohl ging? Ob er stolz auf sie war? Sie hatte seine Stimme so lange nicht mehr gehört, seine Nähe nicht mehr gespürt. Wie lange es wohl dauern würde, bis sie sich wiedersehen konnten?
Ein Zittern durchlief sie, doch diesmal hatte es nichts mit der Kälte zu tun.
Dann endlich, nach einer scheinbaren Ewigkeit, tauchte vor ihr eine dunkle Silhouette im endlosen Weiß auf. Die Mauern von Kartaffel ragten wie ein Bollwerk aus Stein in der gefrorenen Landschaft empor. Türme mit Zinnen, auf denen sich der Schnee sammelte, ragten in den düsteren Himmel. Der Anblick der Stadt ließ ihre Erschöpfung für einen Moment verblassen. Sie hatte es geschafft.
Langsam näherte sie sich dem massiven Holztor, das mit einer dicken Schicht Eis überzogen war. Die Wachen, in dicke Mäntel gehüllt, standen aufrecht an ihren Posten, ihre Gesichter halb von Helmen und Schals verborgen. Jakira spürte ihre prüfenden Blicke, wie sie sie wortlos musterten, abschätzten.
Einer der Soldaten trat nach vorne. Sein Umhang flatterte im eisigen Wind. „Wer seid Ihr, und was führt Euch nach Kartaffel?“ Seine Stimme klang rau, vielleicht vor Kälte, vielleicht aus Gewohnheit.
Jakira hob den Kopf und sah ihm direkt in die Augen. „Mein Name ist Jakira. Ich bin eine Reisende, die Unterkunft sucht.“
Der Soldat hielt ihren Blick für einen Moment, als wolle er prüfen, ob ihre Worte wahr waren. Dann nickte er knapp. Ohne weitere Fragen gab er ein Zeichen, und die schweren Tore wurden langsam geöffnet. Ein Knirschen hallte durch die kalte Abendluft, als die Holzbalken über den vereisten Boden scharrten.
Jakira lenkte Himmel durch das Tor, nickte den Wachen dankbar zu – doch keine von ihnen reagierte.
Kaum hatte sie die Stadt betreten, fiel die Anspannung von ihr ab.
Die Reise war endlich vorbei.
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Nachdem Jakira Himmel in den Ställen abgegeben hatte – ein junger Stallknecht hatte das Pferd mit einem freundlichen Nicken in Empfang genommen und ihm sogleich ein Büschel Heu hingehalten – zog sie den Mantel enger um sich und begann, durch die schneebedeckten Gassen von Kartaffel zu streifen.
Trotz der bitteren Kälte war die Stadt voller Leben. Händler unterhielten sich mit Kunden, ihre Stimmen vermischten sich mit dem gelegentlichen Wiehern von Pferden und dem Klirren von Hufen auf gefrorenem Pflaster. Der Duft von frisch gebackenem Brot mischte sich mit dem Geruch nach geschmolzenem Wachs aus den Laternen. Kinder jagten sich kreischend durch den Schnee, hinterließen wirbelnde Fußspuren, während ihre Eltern in dicken Mänteln und mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen geschäftig durch die Straßen eilten. Die eisige Luft war schneidend, aber das Herz der Stadt schlug unaufhörlich weiter.
Jakira zog den Kragen ihres Mantels höher und hielt nach einer Taverne Ausschau. Ein Ort, an dem sie sich aufwärmen, einen heißen Tee trinken und vielleicht jemanden vom Schwarzen Stern treffen konnte. Doch bevor sie eine geeignete Gaststube erspähen konnte, wurde sie von einer fremden Stimme angesprochen.
[???] ,,Bist du Jakira?’’
Sie drehte sich abrupt um, die Hand bereits am Griff ihres Dolchs, bereit, sich zu verteidigen, falls nötig.
Der Mann, der vor ihr stand, war groß und schlank, seine Gestalt wirkte beinahe übernatürlich im schneeweißen Licht der Stadtlaternen. Unter der Kapuze seines langen, weißen Umhangs quollen dunkle Haarsträhnen hervor. In seiner Hand hielt er eine kleine Fackel, deren Flamme seltsam ruhig brannte – als würde sie nicht vom Wind beeinflusst werden, sondern von einer anderen, unsichtbaren Kraft genährt.
Doch es waren seine Augen – oder vielmehr das Fehlen davon — die Jakira für einen Moment erstarren ließen. Wo sich normalerweise ein Blick hätte treffen müssen, waren nur zwei hellblaue Punkte in einem bodenlosen Schwarz zu sehen, umgeben von einem dichten Netz dunkler Adern, das sich unnatürlich über seine Wangen ausbreitete. Trotz seines unheimlichen Äußeren spürte Jakira keine Bedrohung, keine feindliche Absicht.
Nach einem Moment der Stille antwortete sie mit fester Stimme: „Ja, das bin ich.“
Der Mann neigte leicht den Kopf, als ob er auf diese Antwort gewartet hätte. Dann drehte er sich abrupt um und begann zu gehen. „Folge mir“, sagte er nur, ohne jegliche Erklärung.
Jakira warf einen schnellen Blick zurück in die belebten Straßen, als könnte sie dort eine Antwort auf die Fragen finden, die sich in ihrem Kopf überschlugen. Doch niemand schien den seltsamen Mann zu beachten, als wäre er nur ein Geist, der durch die Stadt glitt, von den Augen der normalen Menschen unbeachtet. Schließlich zog sie den Mantel enger um sich und folgte ihm durch die engen, dunklen Gassen.
Der Weg führte sie durch das Herz von Kartaffel, vorbei an schlichten Steinhäusern, deren Fenster schummrig leuchteten, an Plätzen, auf denen Schneeverwehungen gegen die Hauswände gedrückt wurden, bis sie schließlich vor einem kleinen, unscheinbaren Häuschen hielten. Die Tür war aus dunklem Holz, schief und mit abblätterndem Lack – ein Gebäude, das in seiner Unauffälligkeit beinahe absichtlich versteckt wirkte.
Ohne zu zögern stieß der Mann die Tür auf und trat ein. Jakira folgte ihm vorsichtig, ihre Sinne geschärft, die Hand immer noch in der Nähe ihres Dolches.
Der Raum, den sie betraten, war schlicht, fast karg eingerichtet. Ein einfaches Sofa stand an der Wand, daneben ein kleiner Tisch mit ein paar Stühlen und einem großen Sessel. Ansonsten war der Raum leer – abgesehen von den Gestalten, die darin auf sie warteten.
Auf dem Sofa saßen drei Männer.
Der erste, ein Elf mit schneeweißem Haar, das ihm glatt bis zu den Schultern fiel, trug schwarze Kleidung, die ihn noch schmaler und eleganter wirken ließ. Neben ihm, achtlos an das Sofa gelehnt, lagen fünf Schwerter. Nicht irgendwelche Schwerter – Jakira konnte die feinen Gravuren auf den Klingen erkennen, die kunstvollen Griffe, die so gefertigt waren, dass sie direkt auf einen geübten Schwertkämpfer verwiesen.
Der zweite Mann war das genaue Gegenteil des Elfen. Breit gebaut, mit grimmigen, von Narben durchzogenen Zügen, trug er das dichte Fell eines schwarzen Bären wie einen Mantel um die Schultern. Der Kopf des Tieres ruhte wie eine schauerliche Krone auf seinem eigenen Kopf. Seine dunklen Augen bohrten sich in Jakira, als würden sie sie bis auf die Knochen durchleuchten, als wäre er bereits dabei, sie zu beurteilen, noch bevor sie ein Wort gesprochen hatte.
Der dritte war ein Drachar – ein Mann mit schimmernder, schuppiger Haut, dessen Umhang, weiß wie Schnee, ihn beinahe wie eine geisterhafte Erscheinung wirken ließ. Seine reptilienhaften Augen ruhten kalt und berechnend auf ihr, seine schmalen Finger spielten nervös an den Säumen seines Umhangs.
Und dann war da die Frau.
Sie saß nicht auf dem Sofa, sondern auf dem Sessel, ihre Haltung war aufrecht, ihre Hände ruhig gefaltet. Ihre langen goldenen Haare waren von einem schwarzen Scheitel durchzogen, als würde Licht auf Schatten treffen. Ihre Kleidung war schlicht, doch edel – ein schwarzes Kleid mit goldenen Akzenten, das ihre kaiserliche Herkunft nicht leugnen konnte.
Prinzessin Nara.
Ihre Augen funkelten mit scharfem Verstand, ihre Miene verriet keinerlei Unsicherheit. Doch als sie Jakira ansah, zeigte sich ein Hauch von Erleichterung – als hätte sie bereits auf ihre Ankunft gehofft.
Ein sanftes, aber bestimmtes Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Ich freue mich, dich zu sehen, Jakira“, sagte sie, ihre Stimme war ruhig, aber durchdringend. „Liam hat also Erfolg gehabt?“
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Jakira ließ sich auf einen der freien Stühle sinken und spürte, wie die Anspannung der letzten Wochen langsam von ihr abfiel. Die Wärme des Raumes und das leise Knistern des Kaminfeuers wirkten beinahe tröstlich, doch die Blicke der Anwesenden ließen keinen Zweifel daran, dass dies keine gewöhnliche Zusammenkunft war. Sie alle warteten auf ihre Worte – auf ihren Bericht.
Sie atmete tief durch und begann zu erzählen.
Ihre Stimme war ruhig, aber fest, als sie von dem Sturm auf Randurin berichtete. Sie schilderte, wie sie in die Stadt gelangten, wie die Boz erobert worden war und wie der Herzog schließlich seinen letzten Atemzug getan hatte. Ihre Worte waren präzise, jedes Detail klar und ungeschönt, doch in ihrer Stimme lag eine unterschwellige Erschöpfung. Sie hatte diese Kämpfe nicht nur geführt, sondern durchlebt.
Die Zuhörer verfolgten jedes Wort mit ernster Miene. Der Elf lehnte sich ein wenig vor, seine schlanken Finger um den Griff eines seiner Schwerter geschlossen, als könnte er die Spannung ihrer Geschichte in der Klinge fühlen. Der Mann mit der Bärenmütze runzelte die Stirn, sein Blick hart und nachdenklich, während der Drachar regungslos blieb, seine gelben Augen nur hin und wieder blinzelnd, als würde er jedes ihrer Worte in sich aufsaugen.
Als Jakira geendet hatte, trat eine Stille ein.
Prinzessin Nara war die Erste, die sprach. Sie lehnte sich leicht vor, ein Lächeln auf den Lippen, das sowohl Erleichterung als auch Anerkennung verriet. „Dann können wir aufbrechen und unsere neue Basis festigen“, sagte sie mit einer Stimme, die keine Zweifel an ihrer Entschlossenheit ließ.
Jakira ließ ihren Blick durch den Raum wandern, während sie sich einen Moment nahm, die Männer genauer zu betrachten. Jeder von ihnen strahlte eine einzigartige Präsenz aus, und doch schien keiner die Ausstrahlung eines kaiserlichen Gemahls zu haben. War keiner von ihnen der Mann der Prinzessin?
Nara, die ihren prüfenden Blick bemerkt hatte, schmunzelte leicht und begann, die Männer vorzustellen.
„Der Drachar heißt Gendri“, sagte sie und deutete auf den schmalen, schuppigen Mann, dessen Umhang ihm wie eine zweite Haut um die Schultern hing. „Er ist ein Meister der Donnermagie und einer der mächtigsten Magier, die ich je getroffen habe.“
Gendri neigte kaum merklich den Kopf, sein Blick kühl und unlesbar.
„Neben ihm ist Ulfgur Dranar“, fuhr Nara fort und nickte dem breitschultrigen Krieger zu, dessen imposante Erscheinung durch das schwere Bärenfell auf seinen Schultern noch verstärkt wurde. „Er kann sich im Kampf in einen Bären verwandeln.“
Ulfgur schnaubte belustigt und kreuzte die Arme vor der Brust, als wollte er ihre Worte bestätigen.
„Der Elf dort ist Baharmut“, erklärte sie weiter, ihre Augen auf den weißhaarigen Mann gerichtet, dessen Haltung voller Eleganz war. „Er ist der einzige lebende Meister des Schwertertanzes.“
Baharmut verzog keine Miene, doch ein Anflug von Stolz war in seinen dunklen Augen zu erkennen.
„Und schließlich…“ Nara deutete auf den stillen Mann mit den blauen, leeren Augen, „derjenige, der dich hierhergeführt hat. Atorm. Der stärkste Krieger des Schwarzen Sterns.“
Jakira runzelte die Stirn und musterte Atorm noch einmal genauer. Obwohl er die ganze Zeit über kaum eine Bewegung gemacht hatte, spürte sie eine unübersehbare Präsenz um ihn herum – als würde er trotz seiner reglosen Haltung bereit sein, in jedem Moment zu töten.
Nara beugte sich leicht zu ihr hinüber und sprach leise, fast verschwörerisch: „Abgesehen von Yang ist er wohl der stärkste Kämpfer im Kaiserreich.“
Jakira schluckte. Das war eine beeindruckende Behauptung – und wenn sie die Kälte in Atorms Blick betrachtete, zweifelte sie keine Sekunde daran.
Doch dann richtete die Prinzessin ihre Aufmerksamkeit wieder auf Jakira.
„Du hast uns einen wertvollen Dienst erwiesen“, sagte sie mit sanfter Anerkennung in ihrer Stimme. „Endlich können wir Kartaffel verlassen. Wir sollten den Winter zu unserem Vorteil nutzen und morgen aufbrechen.“
Die Worte ließen Jakiras Herz schneller schlagen. Das Gefühl, der Prinzessin nützlich zu sein, erfüllte sie mit Freude.
Nara betrachtete sie einen Moment lang nachdenklich, dann schmunzelte sie leicht. „Dir scheint noch eine Frage auf der Seele zu liegen“, stellte sie fest. „Stell sie ruhig.“
Jakira zögerte kurz, doch dann fragte sie direkt: „Wer von ihnen ist Euer Mann?“
Einen Moment lang herrschte Stille. Dann brach die Prinzessin in ein helles, warmes Lachen aus. Es war ein Klang, der den Raum zu füllen schien, ein unerwarteter Moment der Leichtigkeit in einem ernsten Gespräch.
„Keiner von ihnen“, antwortete sie schließlich amüsiert. „Mein Mann ist momentan im Süden – er formiert eine zweite Truppe.“
Jakira spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht schoss. Sie senkte schnell den Blick, verlegen über ihre Annahme. Doch Nara nahm es ihr nicht übel, stattdessen legte sie ihr sanft eine Hand auf die Schulter.
„Es ist gut, dass du nachfragst“, sagte sie schmunzelnd. „Das zeigt, dass du aufmerksam bist.“
Dann richtete sie sich auf und wandte sich an Ulfgur.
„Sammle unsere Leute zusammen“, befahl sie mit jener unbestreitbaren Autorität, die ihr ganz selbstverständlich zu gehören schien. „Sag ihnen, dass wir morgen früh nach Randurin aufbrechen.“
Ulfgur nickte nur, brummte zustimmend und erhob sich. Mit schweren, bedächtigen Schritten verließ er die Hütte, während sich der Rest der Versammlung auf das Kommende vorbereitete.
Draußen fiel weiter der Schnee, doch in Jakiras Brust begann eine neue Flamme zu brennen. Bald konnte sie zu Liam zurückkehren.



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