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Kapitel 134 - Der Preis auf ihren Köpfen

Theol überreichte dem Grafen den schweren Sack mit Gold, seine Bewegungen ruhig und kontrolliert, als wäre dies nicht einfach nur ein Geschäft, sondern ein Ritual, das mit größter Präzision ausgeführt werden musste. Das Leder des Beutels knirschte leise unter seinem Griff, und als er ihn in die Hände von Graf Lukas Riederberg legte, klirrten die Münzen leise aneinander.


Der Graf wog den Sack kurz in der Hand, ein zufriedenes Lächeln zog über seine Züge. Seine schmalen Augen funkelten gierig.


„Es war ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen“, sagte er, und seine Stimme trug eine höfliche Freundlichkeit, die jedoch nicht über die tieferliegende Arroganz hinweg täuschen konnte. „Das Waisenhaus wird gebaut, wie vereinbart. Sie haben mein Wort.“


Theol erwiderte den Blick des Grafen regungslos. Er hatte kein Interesse an Nettigkeiten, kein Bedürfnis nach Bestätigung. Worte waren für ihn nichts als leere Hüllen, und Versprechen – selbst die eines Grafen – waren nur so viel wert, wie die Angst vor den Konsequenzen eines Wortbruchs. Er nickte knapp, dann wandte er sich um und verließ den Burgfried.


Seine Schritte hallten auf dem kalten Steinboden wider, während er durch die dunklen Gänge der Burg schritt. Der Geruch von Rauch und altem Holz hing in der Luft, ein vertrauter Duft, der ihn an vergangene Zeiten erinnerte – an andere Burgen, andere Grafen, andere Abmachungen, die mit Gold besiegelt wurden. Doch heute war er nicht hier, um zu verhandeln oder Schlachten zu schlagen. Heute hatte er nur eine Aufgabe erfüllt.


Draußen schlug ihm der kalte Herbstwind entgegen, eine willkommene Erfrischung nach der stickigen Enge der Burg. Er atmete tief ein, spürte die kühle Luft auf seinen Schuppen und ließ den Blick über die weite Landschaft schweifen. Die Hügel und Wälder lagen in warmen Rottönen unter dem sanften Licht der Nachmittagssonne. Die Blätter wirbelten im Wind, ein Zeichen des Wandels, des nahenden Winters.


Doch Theol beachtete die Schönheit der Natur kaum. Seine Gedanken waren woanders.


„Was nun?“ murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem.


Er hatte getan, was von ihm verlangt worden war. Liams Auftrag war erfüllt, Roxy und Fer hatten ihre letzte Ehre erhalten. Doch was nun? Sollte er nach Randurin reisen, um zu sehen, ob Liam seine Mission erfolgreich abgeschlossen hatte? Oder gab es etwas anderes, das er tun konnte? Etwas, das ihn nicht nur von einer Aufgabe zur nächsten trieb, sondern einen echten Sinn ergab?


Er beschloss, dass er darüber erst nachdenken würde, wenn sein Kopf nicht mehr so müde war. Zunächst brauchte er eine Pause – etwas, das sich wie Normalität anfühlte. Wielenstein lag nur wenige Stunden entfernt, eine ruhige Kleinstadt, deren Tavernen für gutes Essen und anständigen Wein bekannt waren. Vielleicht würde ein heißer Eintopf und ein Becher Rotwein helfen, seine Gedanken zu ordnen.


Mit dieser Entscheidung drehte er sich um und schritt zu seinem Pferd, das unweit der Burg in einem überdachten Stall auf ihn wartete. Ein junger Stallbursche stand daneben, das Tier am Zügel haltend, während er nervös mit den Füßen scharrte. Als er Theol kommen sah, trat er eilig zurück und senkte den Blick – eine Mischung aus Respekt und Unsicherheit in seinen Bewegungen.


„Euer Pferd ist bereit, Herr“, murmelte der Junge und reichte ihm die Zügel.


Theol nahm sie wortlos entgegen und legte eine Hand auf den warmen Hals des Tieres. Sein Ross war kräftig gebaut, sein senfbraunes Fell glänzte im Licht der untergehenden Sonne. Das Tier schnaubte leise und scharrte mit den Hufen, als wollte es zeigen, dass es längst bereit war.


„Komm, Junge“, sagte Theol leise, während er sich geschmeidig in den Sattel schwang. „Wir haben eine Reise vor uns.“


Mit einem leichten Druck seiner Beine setzte sich das Pferd in Bewegung. Der Kies knirschte unter den Hufen, während sie die Anhöhe hinunterritten, weg von der Burg und hinein in die offene Landschaft.


Die Straßen im Norden des Herzogtums Inhantes waren einsam, nur das leise Rascheln der Blätter im Wind und das rhythmische Klappern der Hufe begleiteten ihn. Der Himmel verfärbte sich langsam zu tiefem Orange und Rosa, während die Sonne hinter den Hügeln verschwand.


Theols Gedanken wanderten, während er ritt. Er dachte an Liam und Ralf, an die Schatten der Vergangenheit und an die ungewisse Zukunft. Doch für den Moment ließ er sich von diesen Gedanken nicht einholen.


Heute würde er einfach reiten.


Heute würde er eine warme Mahlzeit und einen guten Wein genießen.


Morgen… morgen würde er sich um alles andere kümmern.


Die Zukunft konnte warten.



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,,Einen Becher mit Wein und einen Rotwildeintopf bitte’’, rief Theol der Wirtin zu.


,,Kommt sofort’’, gab sie lächelnd zurück.


Theol ließ sich auf einen der massiven Holzstühle fallen, der unter seinem Gewicht leicht knarrte. Er streckte die Beine aus, lehnte sich gegen die Rückenlehne und ließ seinen Blick träge durch die Taverne wandern. 


Der Raum war schlicht, aber funktional eingerichtet – Tische und Stühle aus dunklem Holz, bereits von Jahren des Gebrauchs gezeichnet. An den Wänden hingen Jagdtrophäen, verstaubte Wappen und alte Pergamente, die längst vergessen schienen. Der Geruch von gebratenem Fleisch, würzigen Eintöpfen und kaltem Bier lag schwer in der Luft, vermischt mit dem leichten, aber unverkennbaren Duft von Kaminrauch.


Nur wenige Gäste hielten sich hier auf. In einer dunklen Ecke saßen zwei Männer, bereits deutlich angeheitert, die mit rauen Stimmen über einen alten Streit schimpften, während ihre Hände in betrunkenem Übermut immer wieder drohten, ihre Becher umzukippen. Ein Stück weiter saß ein Elf mit silbernem Haar, vertieft in ein vergilbtes Buch, als wäre er allein in diesem Raum. Die Welt rings um ihn existierte nicht – nur die Zeilen vor ihm.


Theols Aufmerksamkeit wurde jedoch auf etwas anderes gelenkt. Direkt neben ihm hing ein Korkbrett, an das mehrere vergilbte Steckbriefe geheftet waren. Er beugte sich leicht vor, um die grob gezeichneten Gesichter besser zu erkennen. Die große, fett gedruckte Überschrift war unmissverständlich:


,,Terroristen gesucht. Jeder Hinweis der zu der Beseitigung einer dieser Leute führt wird mit einem niederen Adelstitel und einer Belohnung von hundert Goldmünzen vergolten.’’


Darunter prangte das Symbol des Schwarzen Sterns – ein Amulett im Hintergrund, ein schwarzer Stern davor, und ganz vorne eine goldene Faust.


Ein vertrautes Zeichen. Ein Zeichen seiner Verbündeten.


Sein Herz schlug schneller, als seine Augen über die Namen glitten:


,,Ralf Tersten - Hauptmann des Schwarzen Sterns. Vermeintlicher Aufenthaltsort: Randurin.’’


,,Liam Valleri - General des Schwarzen Sterns. Vermeintlicher Aufenthaltsort: Randurin.’’


,,Pala der Meris - Hauptmann des Schwarzen Sterns. Vermeintlicher Aufenthaltsort: Unbekannt.’’


,,??? - Stellvertretender Anführer des Schwarzen Sterns. Vermeintlicher Aufenthaltsort: Unbekannt.’’


,,??? - Anführerin des Schwarzen Sterns. Vermeintlicher Aufenthaltsort: Unbekannt.’’


Theol sog langsam die Luft ein, sein Blick verweilte auf den Namen und Gesichtern, die er kannte. Liam und Ralf. Seine engsten Vertrauten. Die Männer, mit denen er gekämpft, getrunken und Blut vergossen hatte. Männer, die sich nicht verstecken sollten, sondern auf goldenen Sockeln stehen müssten.


Und dann waren da noch die unbekannten Namen. Pala der Meris? Nie gehört. Wer war diese Person? Und noch wichtiger – der Stellvertreter? Er wusste, dass Prinzessin Nara die Anführerin des Schwarzen Sterns war, aber ihre Identität schien dem Kaiserreich noch immer ein Rätsel zu sein. Das war gut.


Die Belohnung war hoch. Ein Titel und hundert Goldmünzen. Das bedeutete, dass sie eine ernsthafte Bedrohung darstellten.


Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen.


,,Es ist erschreckend, was für Leute unter uns leben, oder?’’ 


Die Stimme gehörte der Wirtin, die sich neben ihn gestellt hatte, einen dampfenden Teller Eintopf in der Hand, den sie vor ihm auf den Tisch stellte. Ihr Gesicht war freundlich, aber ihr Blick war scharf, abwartend. Sie war eine stämmige Halbriesin, breitschultrig und kräftig, mit dunklem Haar, das sie zu einem dicken Zopf geflochten hatte. Trotz ihrer rauen Erscheinung wirkte sie nicht unfreundlich.


Theol nickte nur leicht, ohne den Blick von den Steckbriefen zu nehmen. Erschreckend, ja. Aber nicht aus dem Grund, den die Wirtin meinte.


„Man weiß nie, wer sich hinter einer freundlichen Maske verbirgt“, fuhr sie fort, während sie ein hölzernes Tablett abstellte. Darauf stand ein Becher Rotwein.


Theol schnaubte leise, eine leere Bestätigung, die weder Zustimmung noch Widerspruch bedeutete. „Ja, erschreckend“, erwiderte er mit ruhiger Stimme, bedacht darauf, nicht mehr zu sagen als nötig.


Die Wirtin musterte ihn noch einen Moment. Doch dann zuckte sie nur mit den Schultern.


„Genießt das Essen. Falls Ihr noch etwas braucht, sagt mir Bescheid.“


Mit diesen Worten drehte sie sich um und ließ ihn allein.


Theol betrachtete den dampfenden Teller vor sich. Der Eintopf duftete nach Rotwild, Kräutern und einem Hauch von Lorbeer. Seine Gedanken hingen noch immer an den Namen auf dem Steckbrief. Randurin. Liam und Ralf waren dort. Bedeutete das, dass sie in Gefahr waren? Oder hatten sie die Stadt bereits unter Kontrolle?



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Theol stellte den leeren Becher mit einem dumpfen Geräusch auf den Tisch und strich sich über das Gesicht. Der Wein hatte seine Kehle angenehm gewärmt, doch die Müdigkeit lastete schwer auf seinen Schultern. Die Strapazen der letzten Tage hatten Spuren hinterlassen, und alles in ihm verlangte nach Schlaf.


Er stand auf und trat zur Theke. Die Wirtin, die Halbriesin mit den kräftigen Armen und dem aufmerksamen Blick, musterte ihn kurz, als er näher kam.


„Ein Zimmer für die Nacht“, sagte er knapp. Seine Stimme klang ruhig, aber bestimmt.


Sie nickte, nahm die Münzen entgegen und warf einen prüfenden Blick darauf, als könnte sie daran erkennen, was für ein Mann vor ihr stand. Doch sie fragte nicht weiter, sondern griff nach einem kleinen Schlüssel und schob ihn über den Tresen.


„Zimmer drei, oben rechts“, sagte sie. „Schlaft gut.“


Theol nahm den Schlüssel, nickte dankend und machte sich auf den Weg zur Treppe. Die Holzstufen knarrten unter seinem Gewicht, und als er den Flur erreichte, roch die Luft nach trockenem Stroh und altem Holz. Er öffnete die Tür zu seinem Zimmer und trat ein.


Der Raum war schlicht, aber sauber. Ein kleines Bett mit einer groben Wolldecke, ein Tisch mit einem hölzernen Stuhl, eine schmale Kommode. An der Wand hing eine alte Öllampe, die ein warmes, flackerndes Licht warf. Durch das kleine Fenster konnte er die dunkle Straße von Wielenstein sehen – leer, bis auf ein paar flackernde Laternen, die den Kopfsteinpflasterweg in ein gespenstisches Licht tauchten.


Er ließ sich auf das Bett sinken, seufzte tief und zog sein Schwert aus der Scheide. Mit einer geübten Bewegung lehnte er es gegen die Wand neben sich. Eine Angewohnheit aus Zeiten, in denen er nie sicher schlafen konnte. Die Klinge musste immer griffbereit sein.


Gerade als er sich zurücklehnen wollte, durchbrach ein Geräusch die Stille.


—KLOPF— —KLOPF—


Sein Körper spannte sich augenblicklich an. Sein Herz schlug schneller, seine Finger glitten wie von selbst zum Griff seines Schwertes.


„Du bist doch Theol, oder?“


Die Stimme klang gedämpft durch die Tür, ruhig, aber bestimmt. Keine Unsicherheit, kein Zögern.


Theol schloss kurz die Augen. Nicht gut. Er griff das Schwert fester und richtete sich auf, stellte sich neben die Tür, bereit, jeden, der hereinkam, mit einer gezielten Bewegung niederzustrecken. Seine Gedanken rasten. War es ein Soldat? Ein Spion des Kaisers? Jemand, der ihn bereits durchschaut hatte? Er atmete einmal tief durch.


„Wer fragt danach?“ Seine Stimme war hart, scharf wie eine frisch geschärfte Klinge.


Für einen Moment herrschte Stille. Dann kam die Antwort.


„Ein Freund“, sagte die Stimme. „Liam hatte mir geschrieben, dass du hier in der Gegend sein würdest.“


Liam?


Sein Griff um das Schwert lockerte sich leicht, doch sein Instinkt hielt ihn wachsam. Es konnte immer noch eine Falle sein. Er rief zurück: ,,Komm rein.’’


Die Tür öffnete sich langsam.


Der Mann, der eintrat, war mittelgroß, mit breiten Schultern und einem selbstsicheren Gang. Seine blonden Haare waren kurz geschnitten, und ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen – ein Lächeln, das freundlich wirkte. Sein Mantel war schlicht, ein gewöhnliches Reisendengewand, doch Theol erkannte auf den ersten Blick, dass dieser Mann nicht irgendein einfacher Reisender war. Er war jemand, der eindeutig ein Adliger war, oder jemand, der viel Zeit unter dem Adel verbracht hatte.


„Wer bist du?“ fragte er kalt.


Der Fremde hob beschwichtigend die Hände. Seine Bewegungen waren ruhig, kontrolliert – die eines Mannes, der sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen ließ.


„Ich bin der Mann von Nara“, sagte er schließlich.


Theol blinzelte. Das Lächeln des Mannes wurde ein wenig breiter, als er die Verwirrung in Theols Blick bemerkte.


„Leandro di Lorenzo.“

 
 
 

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