Kapitel 135 - Die neuen Herrscher von Randurin
- empirewebnovel
- 6. März 2025
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Ralf ließ seinen Blick über die versammelten Rekruten schweifen, während er die Hände hinter dem Rücken verschränkte. Die Gruppe war gewachsen. Mehr als vierzig Männer und Frauen standen nun in den Reihen, darunter kampferprobte Veteranen und blutige Anfänger.
Jeder von ihnen hatte eine Geschichte, eine Bürde, die ihn hierhergeführt hatte. Sie kamen aus den verschiedensten Ecken Randurins – ehemalige Tagelöhner, Bauern, enteignete Händler, verarmte Adelige und geflohene Soldaten.
Doch trotz all ihrer Unterschiede einte sie eine gemeinsame Wahrheit: Sie hatten das Kaiserreich satt. Sie hatten satt, den Befehlen eines Adels zu folgen, der sie wie Werkzeuge behandelte. Sie hatten satt, als entbehrliche Zahnräder in einer gigantischen Mühle gesehen zu werden, die sich nur für den Wohlstand der wenigen an der Spitze drehte.
Und nun standen sie hier. Einige mit angespannten Kiefern, andere mit nervösen Händen, die sich unbewusst an ihren Waffen klammerten. Doch in ihren Augen – in allen von ihnen – brannte eine Entschlossenheit, die Ralf nur allzu gut kannte.
Er erinnerte sich an die Worte, die Liam ihm in Malyl einst gesagt hatte:
„In den Herzen aller Bürger glüht ein Funke. Sie wollen sich gegen die Ordnung stellen und Missstände bekämpfen. Es ist unsere Aufgabe, diese Funken zu entzünden und die Flammen, die dann in jedem einzelnen lodern, zu einem großen Flächenbrand zusammenzuführen.“
Diese Worte hatten ihn damals bewegt. Sie taten es noch immer. Doch was Ralf nicht aussprechen wollte – nicht vor diesen Rekruten, nicht vor seinen neuen Vertrauten – war, dass er Liam vermisste. Er wünschte sich, sein Freund und Anführer wäre hier, um diese Stadt in eine neue Zukunft zu führen. Doch Liam war fort. Und so lastete nun die Bürde der Führung auf Ralfs Schultern, schwer wie eine Eisenkette.
Trotzdem war er nicht allein. Sein Blick blieb an drei bestimmten Rekruten hängen – Männern, die in den vergangenen Wochen bewiesen hatten, dass sie mehr waren als einfache Kämpfer.
Roman. Der Schmied mit den breiten Schultern und dem ruhigen Blick, dessen massiver Hammer nicht nur ein Werkzeug, sondern eine Waffe war. Er war kein Stratege, kein Soldat, doch er verstand Disziplin und Ordnung. Seit er sich dem Schwarzen Stern angeschlossen hatte, hatte er sich instinktiv um die Ausbildung der Neulinge gekümmert, ihnen beigebracht, wie man mit einem Schwert kämpfte, wie man die eigene Kraft einsetzte. Er war klug und zuverlässig, jemand, auf den Ralf sich verlassen konnte.
Dann war da Kurr, der Lupid – wild, ungezähmt, unberechenbar. Seine Bewegungen erinnerten an ein Raubtier auf der Jagd, sein Kampfstil war brutal und gnadenlos. Doch ebenso oft, wie er seine Gegner niederstreckte, verletzte er aus Versehen seine eigenen Verbündeten. Kurr war eine Waffe, aber eine, die man mit Vorsicht führen musste. Doch wenn man ihn gezielt einsetzte, wenn man ihn dort entfesselte, wo Chaos notwendig war, dann war er unaufhaltsam.
Und schließlich Azoph. Ein Drachar, ein Magier. Azoph sprach wenig, doch seine Worte waren durchdacht, seine Anwesenheit beruhigend. Seine starke Magie machte ihn zu einem wichtigen Verbündeten, doch für Ralf war er mehr als das. Er war jemand, mit dem er sich beraten konnte. Jemand, der verstand, was es bedeutete, an der Spitze zu stehen.
„Hast du noch etwas hinzuzufügen, Hauptmann Ralf?“ fragte Roman, nachdem er die Verteilung der Wachposten besprochen hatte. Seine Stimme war ruhig, aber in seinen Augen glomm Stolz.
Ralf ließ einen Moment verstreichen, als würde er überlegen, doch er wusste bereits, dass Roman alles gesagt hatte, was nötig war.
„Nein, du hast das gut ausgeführt“, erwiderte er. Seine Stimme war fest, aber nicht hart. Er wusste, dass er sich auf Roman verlassen konnte. Und das war eine Erleichterung.
Roman nickte knapp, sichtlich zufrieden mit der Anerkennung, und wandte sich wieder den Rekruten zu. Während er weitere Anweisungen gab, drehte sich Ralf um und machte sich auf den Weg zur Herzogsburg.
Die Straßen Randurins waren lebendig, doch sie zeigten eine angespannte Unruhe. Die Bürger hatten sich noch nicht an die neue Herrschaft gewöhnt. Ralf konnte es ihnen nicht verübeln. Frühere Herzoge hatten zu oft ihre Versprechen gebrochen.
Doch der Unterschied diesmal war: Er war nicht hier, um sich eine Krone aufzusetzen.
Als er die Burg betrat, die nun sein neuer Sitz war, spürte er erneut das Gewicht der Verantwortung auf seinen Schultern. Doch anders als an den Tagen zuvor, fühlte sich dieses Gewicht heute leichter an.
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Ralf betrat den Saal der Boz mit entschlossenen Schritten, sein Blick scharf und prüfend. Der Raum war kaum beleuchtet, doch das matte Glühen der Runen auf der massiven Waffe reichte aus, um die beiden Frauen zu erkennen, die an ihrer Seite Wache hielten. Elina und Marry – zwei Schwestern, die einst als Dienerinnen eines Adligen gearbeitet hatten, nun aber die gefährlichste Waffe des Schwarzen Sterns bewachten.
Elina saß auf einer einfachen Holzbank, ihre Hände ruhten locker auf ihrem Schoß, doch Ralf erkannte an der angespannten Haltung ihres Körpers, dass sie jederzeit bereit war, zu handeln. Marry stand neben ihr, ein Buch in der Hand, doch ihre Augen waren nicht auf die Seiten gerichtet. Sie musterte ihn aufmerksam, als er nähertrat.
Die Schwestern wechselten sich mit dem Schlafen ab. Wenn es dunkel wurde schlief Elina, Marry blieb wach, bereit, die Boz zu nutzen, sollte das Kaiserreich eine Rückeroberung starten. Sobald die Sonne aufging, wechselten sie. Vom Mittag bis zum Abend waren sie beide wach.
„Geht es euch gut?“ fragte Ralf mit leiser Besorgnis in der Stimme. „Braucht ihr irgendetwas?“
Marry hob eine Augenbraue und warf ihm ein amüsiertes Lächeln zu. „Wenn wir etwas brauchen, dann sagen wir es“, erwiderte sie mit einer Ruhe, die sie sich in den letzten Wochen antrainiert hatte.
„Azoph versorgt uns regelmäßig mit allem Notwendigen“, fügte Elina hinzu. „Essen, Wasser, Bücher. Wir haben alles, was wir brauchen.“
Ralf nickte, zufrieden mit der Antwort. Er wusste, dass Azoph sich um sie kümmerte. Der Drachar war nicht nur ein fähiger Magier, sondern auch ein stiller, aber unermüdlicher Organisator, der die Stadt am Laufen hielt, während Ralf sich um die militärischen Angelegenheiten kümmerte.
„Ihr macht einen guten Job“, sagte Ralf anerkennend. Seine Stimme war fest, doch er meinte es ehrlich. „Ohne euch wäre das hier nicht möglich.“
Marry grinste, während Elina lediglich ein knappes Nicken zeigte. Die Schwestern verstanden die Bedeutung ihrer Aufgabe, aber sie verlangten keine Anerkennung. Sie taten, was getan werden musste.
Doch Ralf konnte es sich nicht leisten, lange hier zu verweilen. Er hatte noch eine andere Angelegenheit zu klären. Er wandte sich zur Treppe, die in die unteren Bereich der Herzogsburg führte, und stieg langsam hinab. Die Luft wurde kühler, feuchter, und mit jedem Schritt wurde die Dunkelheit dichter. Nur das matte Licht der Fackeln an den Wänden erhellte den steinernen Gang, der sich immer tiefer in den Boden zog.
Unten angekommen, hielt Ralf für einen Moment inne. Der Kerker war still. Eine bedrückende Stille, die sich schwer auf die Brust legte.
Er ging weiter, seine Schritte hallten auf dem kalten Steinboden wider. Schließlich erreichte er die kleine Zelle, in der Kronprinz Sebastian gefangen gehalten wurde.
Der einst so stolze und arrogante Prinz saß auf dem feuchten Boden, sein Rücken gegen die kalten Eisenstangen gelehnt. Sein Gesicht war blass, seine Wangen eingefallen, sein dunkles Haar verfilzt. Die Kleider, die er trug waren zerknittert, fleckig und schmutzig.
Ralf blieb vor der Zelle stehen und ließ seinen Blick über den Gefangenen gleiten.
Am Anfang hatten sie Sebastian noch in einem normalen Zimmer eingesperrt. Doch nachdem er versucht hatte, eine Bürgerin, die ihm Essen brachte, zu töten, hatten sie ihn in den Kerker verlegt.
Er kam bei der Zelle an, der Kronprinz saß vor ihm. Sein Gesicht wirkte fahl und eingefallen. Von seiner Überheblichkeit und seiner Arroganz war nichts mehr übrig.
Vielleicht würde Ralf ja heute etwas Neues erfahren.
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Ralf empfand keine Genugtuung dabei, ihn so zu sehen – doch Mitleid? Das verspürte er ebenso wenig. Was er hier vor sich hatte, war nicht ein Mann, sondern ein Symbol. Ein Symbol der Macht, die das Kaiserreich verkörpert, nun eingesperrt in einer feuchten Zelle, reduziert auf einen Spielstein in einem viel größeren Spiel.
„Wie geht es dir heute, Prinz?“ fragte Ralf schließlich, seine Stimme war nüchtern, fast beiläufig, als ob es sich um eine belanglose Floskel handelte. Doch der Unterton in seinen Worten war spöttisch, distanziert – er erwartete keine ehrliche Antwort, ebenso wenig wie er daran glaubte, dass Sebastian sie geben würde.
Der Prinz hob träge den Kopf, sein Blick war leer, als würde er durch Ralf hindurchsehen. Ein Schatten huschte über seine Züge, eine Mischung aus Müdigkeit und Gleichgültigkeit. Dann zuckte er leicht mit den Schultern.
„Hat das irgendeine Bedeutung?“ fragte er, seine Stimme rau, brüchig – nicht von Schwäche, sondern von Resignation.
Ralf betrachtete ihn einen Moment schweigend. Das war es also. Keine Wut, keine Forderungen nach seiner Freilassung, nicht einmal der Stolz, der ihn sonst stets begleitet hatte. Nur eine Leere, die ihn von innen heraus verzehrte.
„Das hängt von dir ab“, sagte Ralf schließlich, sein Tonfall geschäftsmäßig. „Ich habe dir bereits mehrfach angeboten, dich in eine vernünftige Unterkunft zu verlegen. Ein richtiges Bett, eine ordentliche Mahlzeit. Alles, was du tun musst, ist kooperieren.“
Sebastian lachte leise, ein heiseres, bitteres Geräusch, das in der Dunkelheit des Kerkers nachhallte. Es war nicht das Lachen eines Mannes, der etwas amüsant fand, sondern das eines Mannes, der nichts mehr hatte, das ihn kümmerte.
„Kooperieren…?“ wiederholte er langsam, als würde er das Wort kosten. Dann lehnte er sich gegen die feuchten Steinwände, ließ den Kopf leicht zur Seite kippen und sah Ralf mit einem Ausdruck an, der vage an ein Lächeln erinnerte. „Für ein warmes Bett?“
Er schüttelte den Kopf, als wäre das Angebot nicht einmal der Mühe wert, es zu überdenken.
„Das Prinzenspiel habe ich in dem Moment verloren, in dem mich Hypos besiegt hat“, fuhr er fort, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Alles andere ist nur noch… das letzte Zittern eines Mannes, der ohnehin nicht mehr existiert.“
Ralf beobachtete ihn schweigend. Für einen kurzen Moment hatte er den Impuls, weiter auf ihn einzureden, ihn zu provozieren, ihn dazu zu bringen, irgendetwas zu fühlen. Wut, Stolz, Ehrgeiz – irgendetwas, das zeigte, dass er noch lebte. Doch stattdessen war da nur diese kühle Gleichgültigkeit, als wäre Sebastian bereits halb in einer Welt, die nichts mehr mit dieser hier zu tun hatte.
Ralf schnaubte leise und schüttelte den Kopf. „Dann verschwendest du nur meine Zeit.“
Er wandte sich ab, ließ den Prinzen in seiner Zelle zurück und begann, die Treppen hinaufzusteigen. Seine Schritte hallten durch den engen, kalten Gang, das einzige Geräusch in der bedrückenden Stille des Kerkers.
Je weiter er sich von der Dunkelheit entfernte, desto wärmer wurde die Luft. Doch die Kälte, die sich tief in seine Gedanken gegraben hatte, blieb.
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Ralf stand auf dem hohen Turm der Herzogsburg, die Hände auf das kalte Steinwerk gestützt, während sein Blick über die schneebedeckte Landschaft wanderte. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchten die Welt in warme Orange- und Rottöne, die sich auf der glatten Oberfläche der Bucht spiegelten. Es war ein atemberaubender Anblick – einer, den man in friedlicheren Zeiten vielleicht hätte genießen können. Doch Ralf wusste, dass dieser Frieden trügerisch war, ein Moment der Stille vor dem Sturm.
Noch wehten keine kaiserlichen Banner im Wind, noch war Randurin unberührt von der Welle der Gewalt, die kommen würde. Aber sie würde kommen. Das war so sicher wie der Wechsel von Tag und Nacht.
Er ließ seinen Blick über die Stadt schweifen. Die Brandnarben, die Nidhogg ihr zugefügt hatte, waren oberflächlich verheilt, die meisten Gebäude wiedererrichtet, doch die Erinnerung an das Feuer, das einst die Straßen verschlungen hatte, war nicht so leicht zu tilgen.
Das Leben war zurückgekehrt, das Lachen der Kinder hallte wieder durch die Gassen, und die Märkte waren belebter als noch vor einigen Wochen. Doch Ralf konnte die unterschwellige Spannung spüren – eine ständige Wachsamkeit, die über der Stadt lag wie ein unsichtbares Netz. Die Menschen hatten sich mit ihrem neuen Leben arrangiert, doch in ihren Augen lag die Frage, die sich alle stellten, aber kaum jemand aussprach: Wie lange noch?
Seine Aufmerksamkeit glitt zum Handelshafen. Die kaiserliche Marine kontrollierte mittlerweile große Teile der Seerouten, und der einst geschäftige Umschlagplatz war fast leer. Nur wenige Schiffe kamen der Stadt nahe – verbündete Händler aus Arkan, die weit genug vom Einfluss der Krone entfernt waren, um ihnen zu helfen.
Auf hoher See wurden heimlich Güter ausgetauscht: Waffen und Gold für Nahrung, Kleidung und Rohstoffe. Solange dieser Handel aufrechterhalten wurde, konnte Randurin durchhalten. Doch wie lange würde das gut gehen, bevor das Kaiserreich ihre Versorgungslinien vollständig abschnitt?
Er strich sich mit einer Hand übers Gesicht und atmete tief die kühle Luft ein. Zumindest war Randurin nicht schutzlos. Die unterirdischen Kornkammern der Stadt waren prall gefüllt – über ein Jahr konnten sie durchhalten, vielleicht sogar länger, wenn die Rationen klug eingeteilt wurden. Der Fischreichtum in der Bucht war eine weitere Lebensader, die sie versorgte. Und doch – Nahrung war nicht das Einzige, was eine Stadt am Leben hielt. Hoffnung war es, was die Menschen brauchten. Einen Grund, weiterzumachen.
Doch Ralf fragte sich, wie lange auch das noch reichte.
Seine Gedanken wanderten weiter, hinaus über das Meer, hinaus über die gefrorene Eiswüste, bis zum Horizont. Wann würde Unterstützung kommen? Würde sie überhaupt kommen? Waren sie auf sich allein gestellt? Die Zweifel nagten an ihm, dunkle Stimmen in seinem Inneren, die er nur mit Mühe zum Schweigen brachte.
Wenn er nicht mehr an ihre Sache glaubte, wer dann?
Er ballte die linke Faust und hob sie leicht, als würde er einen stummen Schwur sprechen. Er durfte nicht zweifeln. Nicht jetzt, nicht hier. Die Menschen zählten auf ihn, auf den Schwarzen Stern, auf ihren Widerstand. Es gab kein Zurück, nur den Weg nach vorn.
Die Sonne versank langsam hinter dem Horizont, und der Himmel färbte sich von warmem Gold zu tiefem Violett. Der Wind wurde kälter, biss ihm ins Gesicht, während die ersten Sterne am dunkler werdenden Himmel zu funkeln begannen.
Ralf blieb noch einen Moment stehen, lauschte dem leisen Rauschen des Windes. Dann atmete er tief durch, schloss für einen Moment die Augen – und als er sie wieder öffnete, war seine Entschlossenheit stärker denn je.
Egal, was kam.
Weder sein Willen, noch Randurin würden brechen.



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