Kapitel 136 - Tote sind geduldig
- empirewebnovel
- 6. März 2025
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Endlich war er wieder in seiner Heimat.
Die Kaiserstadt erstreckte sich vor ihm, geschäftig und lebendig wie eh und je. Die breiten Straßen waren gefüllt mit Händlern, mit Reisenden und mit Wachen, die in schweren Rüstungen patrouillierten und dabei wachsame Blicke über die Menge schweifen ließen. Über den Dächern der Häuser thronte der Kaiserpalast, sein weißer Stein schimmerte im fahlen Herbstlicht, während rote und goldene Banner in der kühlen Brise wehten.
Der Herbst kündigte sich an – die Luft war frisch, der Wind trug den Geruch von feuchtem Laub mit sich. Die ersten Blätter färbten sich in tiefem Rot und warmem Gold, ein flüchtiger Moment der Schönheit, bevor der Winter alles mit seiner gnadenlosen Kälte verschlingen würde.
Sein Blick glitt über die Menge, ohne dass er bewusst nach etwas suchte – bis er an einer jungen Frau hängen blieb.
Eine Filina.
Ihr blaugraues Fell schimmerte sanft im Licht, ihre Ohren zuckten leicht, während sie mit konzentriertem Blick über ein Buch fuhr, das sie in der Hand hielt. Sie war in die schlichte, aber würdevoll geschnittene Robe einer Bibliothekarin gekleidet.
Er wusste sofort, dass sie eine besondere Person war. Nicht nur eine Magierin – eine kluge Frau. Eine mit einem scharfen Verstand, mit Augen, die mehr sahen als nur die Oberfläche der Dinge. Er hatte ein Gespür für so etwas. Ein Talent, jene zu erkennen, die mehr waren, als sie auf den ersten Blick schienen.
Einen Moment lang verharrte er, prägte sich ihr Gesicht genau ein – dann wandte er sich ab und ging weiter.
Während er durch die Straßen schlenderte, beobachtete er die Stadt mit distanzierter Neugier. Ein Obsthändler hatte seine Ware kunstvoll aufgereiht – leuchtend gelbe Zitronen, die aus den Sommerinseln stammten, und eine Frucht, die aussah wie ein kleiner Igel, mit stacheliger brauner Schale und blassgoldenem Fruchtfleisch.
Früher hätte ihn der exotische Geschmack vielleicht interessiert. Früher hätte er angehalten, eine Münze gezückt, gekostet. Doch diese Zeiten lagen hinter ihm.
Er konnte nicht essen. Nicht mehr.
Das Bedürfnis nach Nahrung, nach Schlaf – all das war ihm längst fremd geworden. Seine Existenz war von anderem bestimmt, von etwas, das jenseits des Menschlichen lag. Kein Herz schlug mehr in seiner Brust, kein Blut floss durch seine Adern. Nur seine eigene Magie hielt ihn aufrecht, formte ihn, gab ihm Kraft.
Seine Schritte wurden schneller. Er wurde erwartet.
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Die Wache vor dem Kaiserpalast musterte ihn mit einer Mischung aus Argwohn und Nervosität. Ihre Haltung war steif, die Hand lag bereits an der Waffe, doch in ihren Augen flackerte Unsicherheit – als würde sie spüren, dass der Mann vor ihr niemand war, den sie mit einem bloßen Schwert aufhalten konnte.
„Ich habe eine Audienz bei Seiner Majestät“, flüsterte er leise, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch, und doch schien sie das Gewicht eines Befehls zu tragen.
Die Wache erstarrte. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht, und ihre Lippen bebten, als müsste sie gegen eine unsichtbare Kälte ankämpfen. „S-Seid I-Ihr… V-V-Varon?“ stammelte sie schließlich, ihre Stimme ein zitternder Schatten dessen, was sie sein sollte.
Varon unterdrückte ein müdes Lächeln. Warum nur hatten sie alle solche Angst vor ihm? Diese Menschen, diese schwachen, ängstlichen Geschöpfe, die sich vor dem Unbekannten versteckten wie Mäuse vor einer Schlange. Er würde ihnen nichts tun – nicht, weil er Skrupel hatte, sondern weil sie einfach nicht von Interesse waren.
„Ja, das bin ich“, antwortete er knapp, seine Worte präzise, scharf wie die Klinge eines Skalpells.
Die Wache schluckte hörbar. „D-Dann f-f-folgt m-m-mir b-b-bitte.“
Hastig wandte sie sich ab und eilte durch das gewaltige Tor in den Hof des Kaiserpalastes, als hätte sie Angst, dass er es sich doch noch anders überlegen könnte. Varon ließ sich Zeit, seine Schritte waren gelassen, sein Blick wanderte über die weißen Türme, die imposanten Kuppeln des Hauptpalastes und die kunstvoll errichteten Nebenflügel.
Einst war dieser Ort sein Zuhause gewesen. Der Sitz der Herrscher. Doch hier hatte man ihn auch gerichtet.
Hier hatte man seine Forschung verurteilt.
Hier hatte man ihn aus dem Kaiserreich verbannt.
Weil er anders war. Weil er den Tod nicht fürchtete, sondern ihn verstehen wollte. Weil er den Sterblichen einen Blick auf die Wahrheit hinter der Illusion des Lebens geben wollte.
Er erinnerte sich noch genau an die Anklagen, die ihm entgegengeschleudert worden waren:
Es sei „gegen die Reinheit der magischen Studien“, hatte die Akademie vom Engelssee erklärt.
Es sei „gegen Kameras Willen“, hatte ihm die Kameristische Kirche vorgeworfen.
Es sei „gegen die Menschlichkeit.“ Das waren die Worte von Kaiser Tavil IV gewesen.
Sie sahen nur Leichen und Fäulnis, während er die Perfektion der unvergänglichen Dinge betrachtete. Sie ekelten sich vor dem Tod, während er darin die wahre Essenz der Magie erkannte. Die Schönheit der Toten.
Sein Blick wanderte weiter – und blieb hängen.
Im Hofgarten, zwischen sorgsam gepflegten Rosensträuchern und hohen Marmorstatuen, stand eine Frau. Sie sprach leise mit ihren Dienerinnen, ihre Stimme war ruhig, voller natürlicher Autorität. Das Sonnenlicht fiel sanft auf ihr Gesicht, ihre dunklen Locken schimmerten wie gesponnene Seide.
Ohne einen Blick auf die Wache zu verschwenden, die ihn entsetzt ansah, setzte Varon sich in Bewegung.
Die Dienerinnen verstummten, als er näher trat. Sie sahen ihn verwirrt an, einige mit vorsichtiger Zurückhaltung, andere mit offener Skepsis. doch die Dame lächelte.
,,Varon, bist du es?’’
Ihre Stimme war sanft, aber voller Gewissheit. Sie hatte ihn erkannt, ohne Zweifel, ohne Zögern. Er nickte langsam. Und dann, ohne darüber nachzudenken, nahm er ihre Hände in seine, wie immer kalten, doch sie zuckte nicht zurück.
„Isabella“, sagte er leise, seine Worte getragen von etwas, das einer Emotion glich, die er längst verloren geglaubt hatte. „Ich freue mich sehr, dich wiederzusehen.“
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Kaiser Verion III wurde im Alter von sechzehn Jahren von seinem Vater mit der zwei Jahre jüngeren Valetta Aldobrandini verlobt – einer Tochter aus dem einflussreichen und wohlhabenden Haus Aldobrandini, dessen politische Macht bis in die höchsten Ränge des Kaiserreichs reichte. Doch es war keine Verbindung aus Liebe, keine romantische Verheißung zweier junger Seelen, sondern ein kühles, strategisches Bündnis, das dem Kaiserhaus Stabilität und Einfluss sichern sollte.
Nur ein Jahr später, frisch siebzehn geworden, führte Verion Valetta als seine zukünftige Kaiserin vor den Altar. Noch im selben Sommer kam ihr erstes Kind zur Welt – Prinz Geroius.
Doch Geroius blieb nicht lange das einzige Kind. Die Ehe zwischen Verion und Valetta, so lieblos sie auch begann, brachte vier weitere Kinder hervor: Prinz Cornelius, ein Mann von scharfem Verstand und grausamer Disziplin; Prinz Eugenius, der sich früh für die Künste und Wissenschaften begeisterte; Prinzessin Nara, die kluge und unbeugsame, deren politisches Gespür bald die Erwartungen ihrer Familie übertraf; und schließlich Prinz Sebastian, der jüngste dieser Ehe, dessen fehlendes Talent für Zeitmagie ihn zu einer Randfigur in der Familie machte.
Doch während die Jahre ins Land gingen, veränderte sich Verion. Mit sechsundzwanzig Jahren, nach einer Dekade als Ehemann und Kronprinz, erlebte er zum ersten Mal, was es bedeutete, wirklich zu lieben. Nicht seine Gemahlin Valetta hatte dieses Gefühl in ihm geweckt, sondern eine Frau, die zwar nicht aus dem Hochadel stammte, doch eine Schönheit und Anmut besaß, die ihn in ihren Bann zog – Isabella vi Trittonia.
Ihre Ehe war von Leidenschaft geprägt, doch während sie selbst nie offiziell in die Dynastie der Algavias aufgenommen wurde, trugen ihre Kinder dennoch kaiserliches Blut. Die Verbindung brachte drei Nachkommen hervor: zuerst Prinz Hypos, den man später als den wahnsinnigen Prinzen kannte – ein Mann mit ebenso scharfem Intellekt wie unberechenbarem Geist.
Drei Jahre nach ihm wurde Prinzessin Alarya geboren, die, kurz vor Verions Krönung, mit Giovanni Aldobrandini, dem Erben des Hauses Aldobrandini, vermählt wurde – ein weiterer geschickter politischer Schachzug, der die Bande zwischen den Familien verstärkte. Das jüngste Kind aus dieser Ehe war Prinz Tavil, dessen Name Kaiser Tavil IV zu ehren gewählt wurde.
Doch Verion war kein Mann, der sich mit zwei Frauen zufriedengab. Er suchte mehr – sei es aus politischem Kalkül oder aus einer unersättlichen Sehnsucht nach etwas, das ihm noch immer fehlte. Und so nahm er, mittlerweile achtunddreißig, eine dritte Gemahlin: die fünfzehn Jahre jüngere Micy de Follar.
Auch aus dieser Verbindung gingen drei Kinder hervor. Ihr erstgeborener Sohn, Prinz Ludwig, kam als siebter Sohn Verions zur Welt, ein potenzieller Erbe mit einer unbekannten Zukunft. Ihm folgten zwei Töchter – Julia und Maya Algavia – die bis heute unverlobt geblieben waren, zwei Damen von kaiserlichem Blut, deren Schicksal noch in der Schwebe lag, bereit, durch politische Ehen das Reich weiter zu formen.
Drei Frauen. Zehn Kinder. Und ein Kaiser, der mehr als nur über ein Reich herrschte – er lenkte eine Dynastie, formte mit jeder Entscheidung die Zukunft, schuf Allianzen und Feindschaften zugleich.
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Isabella lächelte Varon an, ein Ausdruck warmer Nostalgie lag in ihren goldenen Augen.
In ihrer Jugend hatten sie unzählige Stunden miteinander verbracht, ihre Gespräche waren endlos gewesen, ihre Neugier auf die Welt unersättlich. Doch dann war Verion in ihr Leben getreten – damals noch Kronprinz, voller Ambition und Charisma. Sie hatte sich in ihn verliebt, und Varon, der einst ihr Vertrauter gewesen war, war aus ihrer Welt verschwunden, an den Rand gedrängt von einer Liebe, die er nicht hatte aufhalten können.
„Ist deine Verbannung aufgehoben?“ fragte sie sanft, doch ihre Stimme verriet, dass sie die Antwort bereits erahnte.
Varon nickte, sein Lächeln kühl, beinahe amüsiert. „Zumindest vorübergehend“, erwiderte er trocken. „Dein Mann ist kein Narr – er wird Bedingungen gestellt haben. Vielleicht bin ich heute Abend schon wieder auf dem Weg in die Verbannung.“
Isabella öffnete den Mund, wollte ihm widersprechen, wollte vielleicht sagen, dass Verion sich geändert hatte, dass er eventuell erkannt hatte, welchen Fehler sein Vater begangen hatte – doch sie kam nicht dazu.
Plötzlich wurde Varon mit roher Kraft nach hinten gerissen. Ein harter Griff packte ihn an der Schulter und zog ihn mit brutaler Leichtigkeit von Isabella weg.
Er blickte auf und sah sich funkelnden, bernsteinfarbenen Augen gegenüber. Der breite Schädel, die dichten Fellbüschel an den Wangen und die kräftigen Pranken ließen keinen Zweifel zu: Vor ihm stand Bunj, der Kaiserliche Kopfgeldjäger – ein Chimp, ein Wesen mit der rohen Kraft eines Raubtiers und der Präzision eines Assassinen.
„Varron“, knurrte Bunj, seine Stimme tief und kehlig. „Du solltest den Kaiserr nicht warrten lassen.“
Varon verzog kaum eine Miene. Sanft schüttelte er den Griff des Kopfgeldjägers ab und richtete sich auf, sein Mantel fiel wieder glatt über seine Schultern. Bevor er ging, warf er Isabella noch einen letzten Blick zu.
„Wir unterhalten uns wann anders in Ruhe“, sagte er mit einer Stimme, die ruhiger klang, als er sich tatsächlich fühlte.
Isabella nickte langsam und winkte ihm nach, während sich ein besorgter Ausdruck auf ihrem Gesicht breitmachte. „Pass auf dich auf, Varon.“
Bunj gab einen gutturalen Laut von sich, packte Varon erneut – diesmal fester – und machte einen gewaltigen Satz. Seine kräftigen Beine katapultierten ihn mit unnatürlicher Präzision zur nächsten weißen Mauer des Kaiserpalastes. Dann begann er mit erschreckender Geschwindigkeit nach oben zu klettern, seine Hände und Füße fanden mit einer instinktiven Leichtigkeit Halt in den kleinsten Vorsprüngen des Marmors. Varon, der auf seiner Schulter hing, wirkte fast wie eine Feder in den Armen des Chimps.
Innerhalb weniger Sekunden hatte Bunj ein Fenster erreicht, kletterte hindurch und setzte Varon unsanft auf den Boden eines breiten Korridors ab.
„Du kannst eintrreten, Varron“, brummte Bunj und wischte sich den Staub von seinen mächtigen Händen. „Du wirrst berreits errwarrtet.“
Varon richtete sich auf, glättete den Saum seines schwarzen Mantels und richtete seinen Blick auf die Tür vor sich. Dahinter wartete der Kaiser. Sein alter Freund. Sein alter Feind.
Langsam hob er die Hand – und klopfte.
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„Komm doch herein, Varon“, erklang die Stimme des Kaisers, ruhig, aber mit einem Unterton, der keine Widerrede duldete.
Varon öffnete die schwere Tür und trat ein. Der Raum war groß, aber drückend. Dunkelgraue Wände, schwarze Vorhänge, die das Licht des Tages fast gänzlich schluckten, und ein Teppich, so tiefschwarz, dass er fast den Eindruck erweckte, man stünde auf Nichts. Varon lächelte in sich hinein. Verion hatte sich in den letzten Jahrzehnten keinen Deut verändert. Schon früher hatte er die Empfangsräume seinem Gast anpassen lassen.
Er trat näher, verneigte sich leicht und sprach mit höflicher Distanz: „Eure Majestät, ich bin erfreut über Eure Einladung.“
Verion erwiderte die Worte nicht sofort. Stattdessen musterte er Varon mit der ruhigen, kaiserlichen Gelassenheit, die er perfektioniert hatte. Schließlich deutete er auf einen Stuhl ihm gegenüber.
„Setz dich, Varon“, sagte er schließlich, seine Stimme nun bestimmter. „Wir haben einiges zu besprechen.“
Varon ließ seinen Blick über die Anwesenden gleiten, während er sich setzte.
In der Mitte des langen Tisches thronte der Kaiser selbst, seine Krone funkelte im schwachen Licht der silbernen Leuchter. Sein goldener Bart glänzte, akkurat gestutzt, jedes Haar an seinem Platz. Neben ihm saß Kaiserin Valetta, ihre dunklen Augen prüfend auf Varon gerichtet, ihr Mund eine schmale Linie.
Und dann war da noch Yang, die schweigende Leibwächterin, die wie ein Schatten hinter dem Stuhl der Kaiserin stand, regungslos, ihre dunklen Augen starr auf Varon gerichtet. Nicht einmal ihre Brust hob und senkte sich.
Varon lehnte sich in seinem Stuhl leicht zurück, faltete die Hände vor sich auf den Tisch. „Ist das hier ein Verhör, Eure Majestät?“ fragte er mit einer Spur von Belustigung in der Stimme.
„Nein, das ist es nicht“, entgegnete Verion sofort, ohne eine Spur von Zögern. „Ich habe entschieden, deine Verbannung aufzuheben. Allerdings erwarte ich dafür eine Gegenleistung.“
Natürlich.
Varon unterdrückte ein Schmunzeln und ließ sich Zeit, seine nächsten Worte zu wählen. „Und was genau kann ich für Euch tun, Eure Majestät?“
„Wie du sicher weißt, wurde Randurin von Terroristen des Schwarzen Sterns erobert“, begann der Kaiser, während er sich leicht in seinem Stuhl zurücklehnte. „Im Gegenzug für deine Begnadigung wirst du die Stadt befreien – und die Rebellen zur Rechenschaft ziehen.“
Varon wusste bereits davon, doch die Frage blieb: Warum er?
„Ich bin mir sicher, Ihr habt mächtigere Krieger und erfahrenere Heerführer in Eurem Dienst“, bemerkte er mit gespielter Unschuld. „Warum sollte ich mich darum kümmern?“
„Weil es eine Sache gibt, die diese Stadt so gefährlich macht, dass selbst meine besten Männer scheitern würden.“ Verion hielt kurz inne, um die Wirkung seiner Worte zu verstärken. „Die Boz.“
Varon runzelte die Stirn. Das Wort sagte ihm nichts. „Ich verstehe nicht, worauf Ihr hinauswollt.“
„Die Boz ist eine magische Waffe, die in Randurin jedes Ziel töten kann“, erklärte der Kaiser mit kalter Präzision. „Sie manipuliert die Körpertemperatur ihrer Opfer – wer in das Sichtfeld der Rebellen gerät, kann binnen Sekunden erfrieren oder verbrennen.“
Langsam zog ein Schmunzeln über Varons Lippen. Natürlich. Eine Waffe, die Lebende in einem einzigen Moment vernichten konnte – aber keine Macht über das hatte, was bereits tot war. Seine Armee aus Untoten würde unbehelligt bleiben. Selbst wenn einige von ihnen zerfielen, bedurfte es nur eines kurzen Zaubers, bis er neue hatte.
„Also, Varon“, sagte Verion schließlich, und sein Blick wurde schärfer. „Was sagst du?“
Varon ließ sich einen Moment Zeit, sein Lächeln verschwand nicht. „Zunächst einmal“, begann er mit gespieltem Ernst, „möchte ich mich für diese große Ehre bedanken.“
Er sah dem Kaiser direkt in die Augen. „Aber was springt für mich dabei heraus? Ich würde nur ungern in ein paar Jahren wieder verbannt werden.“
Die Kaiserin verzog kaum merklich die Lippen. Yang zeigte keine Regung.
Verion nickte, als hätte er diese Antwort erwartet. „Das Kaiserreich wird über deine Forschung hinwegsehen. Du wirst die Nekromantie frei erforschen können – ohne weitere Einmischung der Kirche oder der Akademie.“
Das war doch mal ein Angebot. Seit über fünfundzwanzig Jahren war seine Forschung gebrandmarkt, seine Werke verbrannt, sein Name aus den Registern der Akademie getilgt worden. Der damalige Kaiser, Tavil IV, hatte ihn vor die Wahl gestellt: die Nekromantie aufzugeben oder zu verschwinden. Varon hatte sich für die Verbannung entschieden – für seine Überzeugungen.
Und nun bot ihm der Sohn des Mannes, der ihn einst verbannt hatte, genau das an, was ihm damals verwehrt worden war.
„Ich akzeptiere Eure Bedingungen“, sagte er schließlich. „Ich nehme an, ich werde sofort aufbrechen?“
Der Kaiser erhob sich und streckte ihm seine Hand entgegen. „Genau. Bunj wird dich durch den Tiefenwald begleiten, dann trennt ihr euch. Ich freue mich, dass wir uns einig sind.“
Varon stand auf, erwiderte den Händedruck des Kaisers und verneigte sich leicht. „Ich danke Euch für Euer Vertrauen, Majestät.“
Dann drehte er sich um und verließ den Raum mit bedächtigen Schritten. Doch bevor er die Tür hinter sich schloss, ließ er mit einer kaum merklichen Handbewegung einen winzigen, schwarzen Käfer auf den Teppich fallen – einen untoten Diener, so klein, dass es fast unsichtbar war.
Er musste wissen, was in diesem Raum noch gesagt wurde, nachdem er gegangen war.
Ohne zurückzublicken, zog Varon die Tür hinter sich zu und verschwand in den dunklen Korridoren des Palastes.
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Ohne sich Zeit zu lassen, schlug Varon den Weg zu einer der Toiletten des Kaiserpalastes ein – ein diskreter, aber notwendiger Ort. Dort angekommen, schob er den schweren Riegel vor die Tür, lehnte sich an die kühle Steinwand und schloss die Augen.
Mit einem gedanklichen Befehl aktivierte er die Verbindung zu seinem kleinen Diener. Sofort wurde sein Bewusstsein in eine andere Perspektive gezogen. Er sah nicht mehr mit seinen eigenen Augen, sondern durch jene des untoten Käfers, der nun reglos auf dem Boden des Thronsaals saß.
Yang, das wusste Varon, konnte jeden Herzschlag, jeden fließenden Tropfen Blut in ihrem Umfeld wahrnehmen. Doch sein Diener war tot. Und somit für Yang unsichtbar.
Die Welt wirkte verzerrt, Farben waren blasser, doch die Stimmen waren klar.
Die Kaiserin stand nun direkt vor Verion, ihr Gesicht war angespannt, und ihre Augen funkelten vor Zorn. „Verion, Ihr wollt doch nicht wirklich diesen Mann ins Kaiserreich lassen? Der Hohepriester der großen Kamera wird das niemals gutheißen!“
Verion hob beschwichtigend die Hände, seine Stimme blieb ruhig. „Nein, Valetta, Liebes. Sobald er seinen Auftrag erfüllt hat, wird sich um ihn gekümmert werden. Ich brauche ihn nur für diese eine Sache.“
Die Kaiserin schnaubte verächtlich und ließ sich zurück in ihren Stuhl fallen. Ihre Miene war eine Maske aus Missbilligung, doch sie wusste wohl, dass ihre Worte den Kaiser nicht umstimmen würden.
Yangs dunkle Augen waren noch immer auf Verions Gesicht gerichtet. Ihr Blick schien jede seiner Regungen zu durchdringen, als würde sie ihn wortlos analysieren, beurteilen. Doch sie sagte nichts.
Der Kaiser seufzte leise, als würde das Gewicht der Entscheidung ihm doch mehr zusetzen, als er sich eingestehen wollte. „Ich hätte ihn nie zurückgeholt, wenn ich eine bessere Option gehabt hätte“, murmelte er schließlich. Dann hob er den Kopf und sah Valetta an. „Aber wie du weißt, kann ich weder Hypos noch Aragi vertrauen.“
Valetta zog scharf die Luft ein, doch sie erwiderte nichts mehr.
Mit einem stummen Befehl ließ Varon seinen kleinen Spion zerfallen. Der untote Käfer verwandelte sich in einen Hauch von Staub, der unsichtbar mit einem Lufthauch verflog. Varon öffnete seine Augen. Sein Körper war zurück in der engen Kammer der Toilette, doch sein Geist war hellwach. Der Kaiser wollte ihn benutzen und anschließend entsorgen.
Mit schnellen Schritten verließ er den Palast. Sein Mantel wirbelte leicht auf, als er in die kühle Nacht hinaustrat, und sein Blick war bereits auf sein nächstes Ziel gerichtet: die Unterkunft der Kaiserlichen Kopfgeldjäger.
Verion glaubte, er könnte ihn kontrollieren? Betrügen? Ausnutzen?
Vielleicht war es an der Zeit, sich nach neuen Verbündeten umzusehen. Vielleicht hatten die Rebellen bessere Argumente als der Kaiser.
Varon schmunzelte in sich hinein.
Die Toten waren geduldig.



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