Kapitel 137 - Die Sprache der Elemente
- empirewebnovel
- 6. März 2025
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Leyla schoss durch das tiefe Meer, schneller als jedes Schiff, schneller als jeder Meeresbewohner. Das Wasser teilte sich vor ihr, gehorchte ihrem Willen, ließ sie gleiten wie einen Pfeil, der sein Ziel niemals verfehlte.
Ihr Blick war starr nach Norden gerichtet, in Richtung des Kaiserreichs.
Inhantes würde ihre erste Station sein – die große Hafenstadt an der südlichen Küste des Kaiserreichs. Von dort aus würde sie ein Pferd nehmen und weiter in Richtung Kaiserstadt reiten. Die Reise würde fast einen Monat dauern, doch das störte sie nicht.
Sicher, es gab schnellere Methoden. Sie könnte in Welldyl ein Schiff den Goldenen Fluss hinauf nehmen. Doch Leyla wollte Zeit. Sie wollte das Reich erkunden, die Natur erleben, die raue, ungezähmte Schönheit des Landes auf sich wirken lassen. Sie wollte ihre Gedanken ordnen, ihre Kräfte noch besser verstehen.
Und vielleicht, wenn sie ehrlich mit sich war, wollte sie auch einfach der Kaiserstadt, und damit Yang, Hypos und Aragi, nicht sofort gegenübertreten.
Nea, Bunj, Eroica – sie alle fehlten ihr. Die vertrauten Stimmen, die Kämpfe, das Lachen. Ein Teil von ihr sehnte sich nach ihnen, wollte zurück in ihre Welt, in ihr Leben. Doch sie wusste, dass sie sich erst selbst finden musste.
Ein tiefes Grollen durchbrach das ewige Rauschen des Meeres.
Leyla stutzte, tauchte neugierig auf und ließ sich von den Wellen nach oben tragen, bis ihr Kopf die Oberfläche durchbrach.
Einige Kilometer entfernt erhob sich eine der Tabakinseln, ihre zerklüfteten Felsen ragten wie dunkle Zähne aus dem Wasser. In ihrer Mitte thronte ein Vulkan, aus dessen Krater eine dichte Rauchsäule in den Himmel stieg. Ein weiterer Donner erschütterte die Luft, gefolgt von einem tiefen, grollenden Beben.
Leyla runzelte die Stirn. Sie hatte von diesen Vulkaninseln gehört – unzählige kleine Eilande im Westen der Inselgruppe, einige aktiv, andere längst erloschen. Doch dieser hier… dieser erwachte gerade erst.
Ihr Blick verengte sich.
Plötzlich kam ihr eine Idee. Doch bevor sie handelte, wollte sie Gewissheit.
Mit einer geschmeidigen Bewegung tauchte sie wieder unter und steuerte auf die Insel zu. Die Strömungen um sie herum schienen in Aufruhr zu sein, als spürten sie die Macht, die unter der Erde erwachte.
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Als Leyla die Vulkaninsel erreichte, spürte sie die vibrierende Spannung in der Luft, das Beben der Erde unter ihren Füßen, als wäre der Berg selbst dabei, aufzuwachen. Der Koloss aus schwarzem Gestein erhob sich hunderte Meter über ihr, sein Gipfel verborgen in dichten, aschegrauen Wolken. Dünne Rauchfäden stiegen aus Spalten in den Hängen, als würde der Vulkan leise atmen, seine Kraft im Inneren sammeln.
Leyla trat auf die harte, rissige Erde, und die Hitze, die von der Oberfläche ausstrahlte, ließ ihre Haut prickeln. Dies war kein gewöhnlicher Berg. Er lebte. Und sie war hier, um ihn zu verstehen.
Mit fließenden Bewegungen begann sie, den zerklüfteten, steilen Abhang hinaufzuklettern. Jeder Griff, jeder Tritt musste präzise sein, denn der Boden unter ihr war trügerisch – brüchig, scharfkantig, mit Hohlräumen, aus denen hin und wieder dünne Rauchschwaden zischten. Sie setzte ihre Magie nur sparsam ein, nutzte sie, um sich an den glatten Felswänden festzuhalten, wenn ihre Finger abrutschten, oder um kleine Vorsprünge aus dem Stein wachsen zu lassen, die ihr Halt boten.
Höher und höher kämpfte sie sich hinauf. Der Wind wurde stärker, er heulte um die zerklüfteten Felsen, als wolle er sie warnen, zum umkehren bewegen. Doch sie ignorierte ihn. Schließlich erreichte sie den Kraterrand.
Vor ihr erstreckte sich eine Landschaft aus brodelnder, aufgewühlter Luft. Der Boden unter ihr war eine dicke, unruhige Steinschicht, die in tiefem Rot und Orange leuchtete, als wäre sie nur eine dünne Haut über dem kochenden Herz des Berges. Sie sah, wie sich Wellen durch das zähflüssige Gestein zogen, als würde der Vulkan atmen.
Leyla ließ den Blick über die brodelnde Tiefe schweifen. Sie könnte den Vulkan ausbrechen lassen, wenn sie es wollte.
Doch das war nicht der Grund, weshalb sie hier war.
Bisher hatte sie geglaubt, dass die Runensteine die bekannten Magieelemente widerspiegelten – dass ihre Macht in das vorgefertigte Raster passte, das Gelehrte über Jahrhunderte hinweg geschaffen hatten. Der Runenstein der Erde gab ihr Macht über Gestein, Metall und Pflanzen. All das war Teil der Natur, also musste es Teil der Naturmagie sein.
Und doch…
In den letzten Tagen war ihr ein Widerspruch aufgefallen.
Sie hatte wiederholt versucht, ihre Magie auf Tiere anzuwenden, um ihnen Befehle zu geben – doch es war ihr nicht gelungen. Ihre Verbindung zur Erde ließ sie Pflanzen wachsen und Steine formen, doch kein komplexeren Lebewesen reagierte darauf. Obwohl auch die Kontrolle über Tiere Teil der Naturmagie war.
Zusätzlich hatte Eroica ihr vom Runenstein im Denja-Dschungel erzählt. Ein Runenstein, der die Macht über Tiere und Monster verlieh. Warum sollte es mehrere Steine geben, die sich die Naturmagie teilten? Warum sollte der Runenstein der Erde Tiere ausschließen, aber Pflanzen beherrschen?
Die Antwort war einfach – und doch öffnete er ihr eine völlig neue Perspektive.
Die Runensteine unterlagen nicht den von Gelehrten aufgestellten Gesetzen der Magie. Sie folgten keiner Ordnung, die Sterbliche geschaffen hatten. Sie waren älter als das Kaiserreich, älter als die Bücher, in denen die Magier ihre Theorien niedergeschrieben hatten. Sie gehorchten ihren eigenen Regeln.
Der Stein des Vulkans war eindeutig etwas, das von der Magie des Runensteins der Erde beeinflusst werden konnte. Und in seinem Inneren brodelte Magma, bereit, als Lava hervorzubrechen und Feuer regnen zu lassen.
Die Kontrolle über Lava und Feuer war Teil der Feuermagie — völlig unterschiedlich von Naturmagie.
Vielleicht musste sie weniger auf die Worte der Gelehrten vertrauen. Vielleicht musste sie lernen, auf die Natur selbst zu hören.
Vorsichtig legte sie ihre Hände auf die glühend warme Oberfläche des Kraters. Sie schloss die Augen. Tief in sich spürte sie, wie das Mana durch ihren Körper floss, durch ihre Fingerspitzen in den Berg sickerte.
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Zwei Befehle sendete sie mit ihrem Mana.
Der erste galt der dünnen Steinschicht, die das brodelnde Magma zurückhielt. Sie sollte teilweise aufbrechen, sich in ihre Einzelteile zerlegen und den Weg freigeben.
Der zweite war an das Magma selbst gerichtet. Es sollte ruhig bleiben, sich nicht unkontrolliert in einer zerstörerischen Eruption entfesseln, sondern sich in geordneten Bahnen bewegen – ein kontrolliertes Zusammenspiel der Natur.
Doch konnte sie das wirklich? Konnte sie Feuer befehlen, wie sie es mit Stein und Erde tat?
Ein leises Knirschen durchzog die Luft. Dann ein erstes Brechen, ein dumpfes, hohles Geräusch, als die ersten Risse sich durch das schwarze Gestein zogen. Die Erde gehorchte ihrem Ruf.
Leyla spürte, wie sich die Struktur unter ihren Händen veränderte. Bruchstücke der Steinschicht brachen ab, fielen in den gähnenden Abgrund des Kraters und verschwanden mit einem zischenden Geräusch im heißen Schlund darunter. Dampf stieg auf, verdichtete sich zu dicken, weißen Schwaden.
Dann – Stille.
Leyla grinste, ihre Augen funkelten vor fast kindlicher Freude. Das Magma lag träge in seinem steinernen Gefäß, glühend, leuchtend, aber still. Ruhig.
Leyla riss die Augen auf, ungläubig, dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus – nicht irgendein Lächeln, sondern ein triumphales, ein Ausdruck purer Euphorie.
Sie hatte es geschafft.
„Yippie!!!“ schrie sie begeistert, ihre Stimme hallte über den Krater.
Sie ließ sich erschöpft nach hinten sinken, das heiße Gestein unter ihr vibrierte sanft, wie das zufriedene Atmen eines Wesens, das in einen tiefen, ruhigen Schlaf gefallen war. Sie hatte es verstanden, ohne Gelehrte, ohne Lehrer – nur sie, ihre Macht und das, was sie in der Natur fühlte.
—BAMM—
Mit einem donnernden Schlag zersprang die verbliebene Steinschicht in tausend Stücke, das Magma bäumte sich auf, als hätte es sich von der kurzen Ruhe betrogen gefühlt. Eine Druckwelle raste aus dem Krater hinaus, Staub und Asche wirbelten in die Luft.
Leyla sog scharf die Luft ein. Sie hatte die Kontrolle verloren.
Instinktiv ließ sie eine Steinsäule unter sich wachsen. Die Plattform katapultierte sie nach hinten, schleuderte sie weg vom Kraterrand, hinaus in Richtung des offenen Meeres. Der Himmel drehte sich über ihr, während sie durch die Luft flog, sich überschlug. Sie sah den Feuerschweif, der aus dem Vulkan schoss, ein glühendes Inferno, das sich in den Himmel warf, als wäre es ein brüllender Riese, der seine Ketten gesprengt hatte.
Die Wasseroberfläche kam rasend schnell näher. Dann tauchte sie ein. Das Meer nahm sie auf, kühl und beruhigend, es umfing sie wie eine schützende Umarmung. Sie ließ sich treiben, das Wasser dämpfte die Geräusche, doch selbst in der Ruhe unter der Oberfläche konnte sie die Kraft des Vulkans spüren.
Über ihr tobte das Inferno. Asche und Feuer regneten aus dem Himmel, Steinsplitter stürzten in das Wasser, ließen es zischen und dampfen.
Leyla tauchte ab und ließ sich von der Strömung wegtragen, weiter in Richtung Norden.
Leyla lächelte.
Sie war nicht geflohen. Nein, sie war triumphierend davongeschwommen.
Ein Triumphzug – einer, den nur sie verstand.
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Es war bereits der folgende Abend, als Leyla endlich in Inhantes ankam. Über sechsunddreißig Stunden waren vergangen, seit sie Tripolis verlassen hatte. Sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf, ohne Pause, ohne wirkliche Erholung. Nur das Adrenalin, das stetige Rauschen des Wassers um sie herum und ihre eigene Willenskraft hatten sie so lange wach gehalten. Doch nun, als ihre Füße den festen Boden der Kaiserstadt berührten, fiel all das von ihr ab wie ein zu schwer gewordener Mantel.
Die Hafenstadt war geschäftig wie immer. Händler entluden Waren aus den tropischen Inseln, Fischer flickten ihre Netze im Licht der Laternen, und Seeleute lachten laut an den Tavernen, ihre Stimmen trunken von Bier und Erleichterung nach einem langen Tag auf See. Einige Hafenarbeiter warfen ihr verwunderte Blicke zu, als sie aus dem Wasser trat – trocken, als hätte das Meer sie nie berührt. Doch niemand sprach sie an. In einer Stadt wie dieser war es besser, nicht zu viele Fragen zu stellen.
Leyla sog die kalte Nachtluft ein und spürte, wie ihre Glieder schwer wurden. Ihr Mana war fast vollständig aufgebraucht. Normalerweise regenerierte es sich schnell, schneller als bei den meisten, doch nach einer so langen Reise und dem Zwischenfall am Vulkan hatte sie selbst ihre Grenzen erreicht.
Sie brauchte Schlaf.
Ihr Blick glitt über die Straßen, vorbei an dampfenden Garküchen und wackeligen Marktständen, bis er an einem einladenden Gasthaus hängen blieb. Über der Tür hing ein hölzernes Schild, auf dem in kunstvoll geschnitzten Buchstaben „Smörje & Arrne“ stand. Warmes Licht schimmerte aus den Fenstern, begleitet von Stimmengewirr und dem verführerischen Duft nach gebratenem Fleisch und frischem Brot.
Leyla trat ein.
Der Innenraum war gemütlich, erfüllt von dem sanften Knistern des Kamins. An einem der Tische saß eine Gruppe junger Abenteurer, ihre Rüstungen zerkratzt und mit Staub bedeckt, doch ihre Gesichter strahlten die sorglose Freude von denen aus, die gerade ihren ersten großen Sieg feierten. An der Bar saßen wettergegerbte Seeleute, die mit rauen Stimmen Geschichten erzählten, einige lachten, andere grummelten über den letzten Fang.
Leyla ging geradewegs zum Tresen.
Der Wirt, ein massiger Mann mit buschigem Bart und einer Narbe, die sich quer über seine linke Wange zog, musterte sie kurz, bevor er sich ihr zuwandte.
„Ein Zimmer für die Nacht, bitte“, sagte sie knapp.
Ihr eigener Tonfall kam ihr härter vor, als sie es beabsichtigt hatte. Zu müde, zu erschöpft, um noch Höflichkeit zu simulieren. Also zwang sie sich zu einem Lächeln, wenn auch nur schwach.
Der Wirt hob eine Braue. „Drei Kupfer“, brummte er und schob ihr einen Schlüssel über den Tresen.
Leyla griff in ihre Tasche und zog eine Silbermünze hervor, legte sie auf den Tresen, ohne groß nachzudenken. Erst, als der Wirt das Wechselgeld auf den Tisch klimpern ließ, wurde ihr bewusst, dass sie als Kaiserliche Kopfgeldjägerin gar nicht hätte zahlen müssen.
Doch sie war zu müde, um sich darüber Gedanken zu machen.
Sie nahm den Schlüssel, nickte dem Wirt knapp zu und schob sich durch die Menge in Richtung Treppe. Die Geräusche des Gasthauses verschwammen bereits um sie herum, ihre Lider wurden schwer, und als sie endlich die Tür zu ihrem Zimmer hinter sich schloss, fiel jede Anspannung von ihr ab.
Der Raum war schlicht, aber sauber. Ein schmaler Holztisch, ein Stuhl, ein Bett mit frischen Laken. Mehr brauchte sie nicht.
Leyla löste den Gürtel, ließ ihn achtlos auf den Boden fallen und schlüpfte aus ihrer Jacke. Mit einem erschöpften Seufzen ließ sie sich auf das Bett sinken, ihr Kopf kaum auf dem Kissen, bevor der Schlaf sie gnadenlos übermannte.
Draußen hallten die Stimmen der Stadt, das ferne Kreischen der Möwen und das leise Rauschen der Wellen.
Doch für Leyla war die Welt für diesen Moment verstummt.
Sie schlief. Und das war alles, was zählte.



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