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Kapitel 138 - High Rock

6. März 2025
15 Min. Lesezeit

Der Drachar Yuurio wurde in Drachenkamm geboren, einem abgelegenen Dorf im Herzogtum Randurin, tief im frostigen Norden des Kaiserreichs. Die Welt, in die er hineingeboren wurde, war rau und ungezähmt – eine gefrorene Wildnis aus tiefen Schluchten und uralten Höhlen, verborgen unter einer dichten Schicht aus Schnee und Eis. Der Winter beherrschte das Land mit eiserner Faust, und nur die Stärksten überlebten in dieser erbarmungslosen Umgebung.


Drachenkamm lag jenseits der bekannten Handelsrouten, abgeschottet vom Rest der Welt. Hier gab es keine Straßen aus Stein, keine glanzvollen Bauten oder große Märkte – nur schlichte Holzhütten, die sich an die Felsen klammerten, und eine Gemeinschaft von Dracharen, die sich mehr auf ihre eigene Magie als auf die Zivilisation der Menschen verließen. Magie war hier nicht nur ein Werkzeug, sondern ein essenzieller Bestandteil des Lebens.


Schon als Kind zeigte Yuurio eine außergewöhnliche Affinität zur Eismagie. Während andere Kinder spielerisch kleine Schneekristalle formten, ließ er bereits mit sechs Jahren gefrorene Wellen über die Oberfläche eines Sees tanzen. Er liebte die Kälte, das sanfte Knirschen von Eis unter seinen Füßen und das Flüstern des Windes, der über die Gletscher fegte. Sein Vater, ein angesehener Eismagier des Dorfes, erkannte schnell, dass in seinem Sohn ein Talent schlummerte, das selbst unter den magiebegabten Dracharen als außergewöhnlich galt.


Mit nur neun Jahren wurde Yuurio zur Akademie Engelssee geschickt – der renommiertesten Magieakademie des Kaiserreichs. Es war ein Schock für das Kind, das sein ganzes Leben in der Wildnis verbracht hatte. Die hohen, steinernen Türme der Akademie, die endlosen Bibliotheken voller uralter Folianten und die Disziplin der Gelehrten waren eine völlig neue Welt für ihn. Doch anstatt sich von den strengen Regeln erdrücken zu lassen, blühte er auf.


Yuurio erwies sich als Wunderkind. Während andere Schüler Jahre brauchten, um die Grundtechniken der Magie zu meistern, vollbrachte er es in wenigen Monaten. Mit dreizehn Jahren legte er als jüngster Absolvent in der Geschichte der Akademie die Abschlussprüfung ab – und bestand sie makellos. Kein einziger Fehler. Sein Name wurde zur Legende, und der Titel, den er sich selbst gab, wurde bald von allen übernommen: „High Rock“, der Unerschütterliche.


Die Nachricht von seinem Talent verbreitete sich wie ein Sturm durch das Kaiserreich und darüber hinaus. Magieakademien aus allen Teilen der Welt boten ihm Plätze an – die Kaiserliche Akademie, in der die Prinzen der Algavia-Dynastie ausgebildet wurden, die Lehrstätten der Tabakinseln, die Gelehrtenklöster von Garnime. Doch Yuurio lehnte sie alle ab. Stattdessen wählte er einen anderen Weg.


Er zog in den tiefsten Süden, nach Wyllhär – eine Akademie, die nur den begabtesten Eismagiern offenstand. Ein Ort, an dem Wissen nicht nur gelehrt, sondern bis an die Grenzen des Möglichen erforscht wurde. Achtzehn Jahre lang lebte er in der eisigen Wildnis des Südpols, studierte alte Runen, lernte die uralte Sprache der Eisdrachen und perfektionierte seine Magie, bis er die Grenzen des Erlernbaren erreicht hatte.


Mit zweiunddreißig Jahren verließ er Wyllhär – nicht als Schüler, sondern als Meister.


Er zog durch die Welt, gründete eine Abenteurergilde in Tripolis und begann, sein Wissen und seine Kraft für jene einzusetzen, die sie brauchten. Wo er auch hinkam, hinterließ er Spuren: Er rettete Dörfer vor Räubern und Monstern, half beim Bau neuer Straßen, schuf Bewässerungssysteme mit seiner Magie und lehrte junge Magier, wie sie ihre Kräfte verantwortungsvoll einsetzen konnten.


Doch dann lernte er Tyjah kennen.


Die Dracharin aus Arazul, der Hauptstadt des Dracharenkönigreichs Drakia, trat in sein Leben wie ein warmer Sommerwind in einer eisigen Welt. Sie war klug, stark und unabhängig – und als sie sich in einem Kampf gegen eine Wüstenhydra gegenseitig das Leben retteten, wusste Yuurio, dass er gefunden hatte, was ihm all die Jahre gefehlt hatte.


Zum ersten Mal in seinem Leben entschied er sich gegen die Rastlosigkeit.


Gemeinsam mit Tyjah ließ er sich in einem ruhigen Dorf nieder, fernab von den Schlachten und Intrigen der Welt. Sie gründeten eine Familie, und in seinen vier Kindern fand Yuurio eine neue Art von Magie – eine, die keine Runen oder Formeln brauchte. Die Magie der unendlichen Liebe.


Doch auch wenn er ein ruhiges Leben führte, blieb sein Name unvergessen. Junge Magier suchten seinen Rat, Krieger erzählten sich Legenden von „High Rock“, dem mächtigsten Eismagier der westlichen Welt.



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Mino stolperte durch die Straßen seines Heimatdorfs, sein kleiner Körper bebte vor Angst, Erschöpfung und Kälte. Die Blätter, die sonst wie eine schützende Decke über den Dächern und Wegen lagen, waren schwarz von Asche, die Flammen fraßen sich durch die Holzbalken der Häuser und warfen verzerrte, gespenstische Schatten auf den Boden. Der Geruch von Rauch, verbranntem Fleisch und Blut lag schwer in der Luft, erstickend, alles verschlingend.


Überall um ihn herum herrschte Chaos. Dracharen kämpften, schrien, fielen. Einige versuchten zu fliehen, andere versuchten, das Unvermeidliche aufzuhalten. Doch es gab kein Entkommen. Die Schreie der Verwundeten vermischten sich mit dem grausamen Lachen des Angreifers.


Minos Herz hämmerte in seiner Brust, als er über einen leblosen Körper stolperte und beinahe hinfiel. Er erkannte das Gesicht – es war ein Nachbar, ein Mann, der ihm einst gezeigt hatte, wie man einen einfachen Zauber zum Kochen von Wasser nutzte. Jetzt lag er mit leeren Augen im Schnee, eine klaffende Wunde an der Brust.


Mino unterdrückte ein Schluchzen und zwang sich weiterzulaufen. Er konnte nicht stehenbleiben. Er durfte nicht. Die Worte seines Bruders hallten in seinem Kopf wider, lauter als das Brüllen des Feuers, lauter als der Tod, der hinter ihm her war.


„Mino, hole Yuurio! Er ist der Einzige, der sie aufhalten kann!“


Er wusste nicht, wo sein Bruder war. Ob er noch lebte. Doch das spielte keine Rolle. Wenn es noch eine Chance gab, dann lag sie auf dem Tränenberg. Dort, wo „High Rock“ lebte.


Seine kleinen Beine brannten vor Anstrengung, sein Atem war ein keuchendes Röcheln, als er die steilen Treppen hinaufrannte, die zum Haus des legendären Magiers führten. Der Pfad war rutschig, die Kälte des Winters biss durch seine dünne Kleidung, aber er ignorierte es. Er konnte nicht aufhören.


Hinter ihm krachte ein Dach in sich zusammen, ein erstickter Schrei kam aus seinem Innern, bevor es den Flammen endgültig zum Opfer fiel.


Mino stolperte die letzten Stufen hinauf und erreichte endlich die schwere Holztür. Sein Körper war am Ende seiner Kräfte, doch er riss seine kleinen Fäuste hoch und hämmerte gegen das Holz.


„Yuurio!“ Seine Stimme war heiser, zitternd voller Verzweiflung. „Bitte, öffne die Tür! Wir brauchen dich! Das Dorf brennt!“


Er schlug weiter, immer wieder, obwohl seine Arme sich anfühlten, als wären sie aus Blei. Die Erschöpfung übermannte ihn, sein Kopf dröhnte, schwarze Flecken tanzten vor seinen Augen.



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Yuurio spielte gerade mit seiner jüngsten Tochter, als ein verzweifeltes Hämmern gegen die Tür ihn aufschrecken ließ. Er war sofort auf den Beinen, sein Körper reagierte, noch bevor sein Geist die Worte verarbeiten konnte, die durch das Haus hallten:


„Yuurio! Bitte, öffne die Tür! Wir brauchen dich! Das Dorf brennt!“


Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Das Dorf brannte? Jetzt, mitten im Winter? Das ergab keinen Sinn.


Mit einem schnellen Blick zu seiner Frau Tyjah, die ebenfalls alarmiert aufgesprungen war, eilte Yuurio zur Tür und riss sie auf. Vor ihm kauerte ein kleiner, zitternder Junge, rußverschmiert und mit panischem Blick.


„Mino…“ Yuurio erkannte den Jungen sofort, ein Dracharenkind aus dem Dorf. Seine Kleidung war zerrissen, und auf seinen Schuppen haftete Ruß, als hätte er sich durch die brennenden Trümmer gekämpft.


Ohne eine Sekunde zu zögern, kniete Yuurio sich hin und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. Ein sanfter Hauch eisiger Magie floss von seinen Fingerspitzen über Minos Körper, ließ winzige Eiskristalle über die Brandblasen wachsen und kühlte das geschundene Fleisch. Der Junge zuckte kurz zusammen, doch dann sah Yuurio, wie sich seine Atmung beruhigte, die Schmerzen nachließen.


„Sprich, Junge. Was ist passiert?“ Seine Stimme war ruhig, aber fest, die Worte von einer unterschwelligen Dringlichkeit durchzogen.


Mino schluchzte, seine kleinen Fäuste krallten sich in Yuurios Ärmel. „E-Ein Mädchen…“ keuchte er. „Sie… sie ist einfach aufgetaucht… und dann… hat sie angefangen, alle zu töten…“


Ein Mädchen? Yuurios Augen verengten sich. Das Bild, das Minos Worte zeichneten, war verstörend.


Sein Blick schnellte hoch zu Tyjah, die bereits neben ihm stand. Ohne ein Wort zu verlieren, nickte sie ihm zu, nahm Mino sanft in ihre Arme und drückte ihn an sich.


„Kümmer dich um ihn“, bat Yuurio, seine Stimme war nun von Härte durchzogen. „Ich werde herausfinden, was hier vor sich geht.“


Er wartete nicht auf eine Antwort. Mit einem einzigen Satz war er auf der Terrasse hinter seinem Haus und spähte in Richtung Dorf.


Was er sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.


Die schneebedeckten Häuser, die das Dorf einst wie eine schützende Umarmung umschlossen hatten, standen lichterloh in Flammen. Dunkler Rauch stieg in dicken Schwaden zum Himmel, das Rot der Feuer spiegelte sich gespenstisch in den weißen Schneefeldern. Und inmitten des Chaos erkannte er sie – eine einsame, schattenhafte Gestalt.


Sie bewegte sich mit einer erschreckenden Eleganz, blitzschnell und tödlich, und wo sie hintrat, folgten Tod und Zerstörung. Die verbliebenen Kämpfer des Dorfes versuchten, sich ihr entgegenzustellen, doch ihre Bewegungen waren zu langsam, zu schwerfällig. Einer nach dem anderen fiel.


Keine Zeit zu zögern.


Yuurio sprang über das Geländer seiner Terrasse und ließ sich den Hang hinabgleiten. Unter seinen Füßen bildete sich augenblicklich eine Bahn aus purem Eis, beschleunigte seine Abfahrt, während der eisige Wind ihm ins Gesicht schlug. Der Berg neigte sich steiler, doch er verlor nicht das Gleichgewicht. Er kannte dieses Land, jede Unebenheit, jeden Vorsprung.


Als er den unteren Hang erreichte, stieß er sich mit aller Kraft ab und landete mit einem donnernden Knall inmitten des Chaos.


Er hob die Arme.


Der Temperatursturz war augenblicklich. Ein gleißendes, bläuliches Licht breitete sich aus, als ein eiskalter Sturm über das Dorf hinwegfegte. Schneeflocken tanzten in der Luft, die feuchten, rußgeschwängerten Winde erstarrten zu frostiger Kälte. Die Flammen, die sich wie gierige Bestien über die Dächer gefressen hatten, erloschen binnen Sekunden, das Holz knackte und dampfte, als es von der plötzlichen Kälte verschlungen wurde.


Der Rauch verzog sich. Dann sah er sie.


Sie stand am Rand des Dorfplatzes, eine junge Frau — wobei Mädchen eine bessere Beschreibung war, sie war höchstens fünfzehn — ihr Körper gehüllt in dünne, braune Kleidung, viel zu dünn für diese Jahreszeit. In ihrer rechten Hand hielt sie eine Klinge, deren blutige Schneide schwarz leuchtete.


Ihre Augen trafen seine – und in ihnen lag weder Zorn noch Hass. Nur eine tiefe, unerschütterliche Hitze.


Yuurio spannte sich an.


„Wer bist du?“ fragte er, seine Stimme trug sich über den gefrorenen Boden.


Das Mädchen neigte leicht den Kopf, als würde sie seine Präsenz nun erst richtig wahrnehmen. Dann lächelte sie – ein gefährliches, leeres Lächeln.


„Oh, du musst High Rock sein“, sagte sie leise, und ihre Stimme war so sanft wie der fallende Schnee, durchzogen von einer uralten Autorität. „Man hat mir gesagt, du würdest kommen.“



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Sofort schoss das Mädchen auf Yuurio zu, ein Wirbel aus Geschwindigkeit und tödlicher Präzision. Ihre Bewegungen waren so blitzartig, dass es schien, als würde sie sich in mehreren Richtungen gleichzeitig bewegen. Ihre Schattenklinge, die sich wie eine peitschende Schlange verlängerte, zielte direkt auf seinen Bauch, während in ihrer anderen Hand eine gewaltige Flammenkugel aufloderte. Sie schwebte kurz über ihrer offenen Handfläche, bevor sie sich teilte – fünf kleinere Feuerbälle schossen in präzisen Kreisen um Yuurio herum, bereit, sich auf ihn zu stürzen und ihn in Sekunden zu Asche zu verwandeln.


Doch Yuurio blieb ruhig.


Er kannte Gegner, die mit Raserei kämpften, die blind auf rohe Zerstörung setzten. Dieses Mädchen war anders. Ihre Angriffe waren nicht nur präzise, sondern mit erschreckender Effizienz geplant. Jeder Feuerball war perfekt platziert, die Schattenklinge war so geführt, dass er kaum Ausweichmöglichkeiten hatte.


Aber sie unterschätzte ihn.


Yuurio atmete tief aus – und mit seinem Atem kam die Kälte. Ein eisiger Wind strömte aus seinem Mund, schnitt durch die Hitze und legte sich um ihre Beine wie eine eiserne Fessel. Sekundenbruchteile später erstarrten ihre Füße in einem Mantel aus purem Eis, unzerbrechlich und fest mit dem gefrorenen Boden verbunden. Gleichzeitig sprang Yuurio hoch, seine Bewegungen waren fließend und kraftvoll, während sich über seinen ausgestreckten Fingern riesige Eissplitter bildeten.


Mit einem Ruck schleuderte er sie auf die Feuerbälle.


Eis traf auf Flammen, und die Welt explodierte in einem grellen Blitz aus Weiß und Rot. Die Druckwelle ließ den Schnee um sie herum in chaotischen Wirbeln aufsteigen, das Beben der aufeinanderprallenden Elemente dröhnte wie ein Donnerschlag


Yuurio landete leichtfüßig und formte augenblicklich einen Speer aus purem Eis, sein Ziel war eindeutig: die Beine des Mädchens, er wollte sie kampfunfähig machen, nicht töten. Er schleuderte ihn mit all seiner Kraft.


Doch sie reagierte schneller, als er es für möglich gehalten hätte.


Ihr Oberkörper riss sich nach hinten, ihre Knie gaben nach – und mit einem schockierenden Knacken trennten sich ihre Unterschenkel von ihrem Körper. Die eingefrorenen Stümpfe blieben am Boden verankert, während sie sich geschmeidig in der Luft drehte.


Dann geschah das Unmögliche. Weißes Licht pulsierte aus ihren Wunden. Ein unnatürliches Leuchten, reines Mana, das sich in Sekundenschnelle formte. Noch bevor sie den Boden berührte, wuchsen ihre Beine nach – vollkommen neu, vollkommen intakt.


Yuurio erstarrte. Das war keine gewöhnliche Magie. Keine bloße Heilung. Das war etwas, das er kannte. Ein Echo aus der Vergangenheit. Die Magie eines alten Freundes.


Das Mädchen landete leichtfüßig im Schnee, ihre Augen brannten jetzt heller als zuvor – nicht mit Zorn, nicht mit Wut. Mit reiner, ungebändigter Lust auf Kampf und Zerstörung.


Und dann veränderte sich die Luft um sie herum. 


Eine bedrohliche Aura aus rotem Licht begann zu flackern, erst schwach, dann stärker, bis sie wie eine brennende Flamme um ihren Körper pulsierte. Ihre Haut färbte sich blutrot, dunkle Adern zogen sich über ihre Arme. Dann, mit einem markerschütternden Geräusch, brachen zwei riesige weiße Flügel aus ihrem Rücken.


Und in dem Moment riss der Himmel über ihnen auf.


Das Blau des Himmels wich einem unnatürlichen Leuchten, einem Riss in der Welt selbst. Sie stieg auf, höher und höher, bis sie nur noch ein Schatten gegen das flammende Rot über ihr war.


Dann sah Yuurio es.


Über ihr formte sich ein gewaltiger Ball aus Feuer, größer als jedes Feuer, das ein gewöhnlicher Magier je hätte beschwören können. Ein brennender Meteor, der mit Sicherheit nicht nur ihn, sondern das gesamte Dorf in die ewige Dunkelheit reißen würde.


Er hatte keine Zeit zum Überlegen.


Yuurio schloss die Augen für den Bruchteil einer Sekunde – und dann explodierte die Welt um ihn herum in Eis. Eine Treppe aus kristallklarem Frost wuchs mit rasender Geschwindigkeit unter seinen Füßen, trug ihn in die Lüfte, direkt auf seine Gegnerin zu. Der Meteor begann zu fallen, stürzte mit zerstörerischer Wucht auf ihn zu.


„Nicht heute“, knurrte Yuurio, und mit einer einzigen Geste erhob sich etwas Großes aus dem Schnee unter ihm.


Ein Gigant aus purem Eis, mehr als hundert Meter hoch, erwachte zum Leben. Seine massiven, frostbedeckten Arme reckten sich nach dem herabstürzenden Feuerball, seine Augen glühten mit kaltem Licht.


Der Aufprall war wie ein Erdbeben. Der Gigant stieß ein donnerndes Brüllen aus, als er seine Hände gegen den Meteor stemmte. Die Hitze war so intensiv, dass der Schnee unter ihnen schmolz, sich dampfend auflöste. Yuurio spürte, wie seine Muskeln sich verkrampften, wie sein Mana gegen die schiere Macht des gegnerischen Zaubers ankämpfte.


Die Kraft des Meteors ließ das Eis unter seinen Füßen vibrieren. Doch er hielt stand.


Mit einem letzten, alles verzehrenden Ruck schleuderte der Gigant den Feuerball zur Seite, weg vom Dorf, weg von seinen Leuten. Der brennende Komet flog in Richtung Meer und verschwand in der Ferne.


Doch Yuurio hatte keine Zeit, um zu verschnaufen. Noch bevor er sich auf die Gegnerin konzentrieren konnte, spürte er eine Bewegung – und dann war sie plötzlich direkt vor ihm.


Ihr Lächeln war ruhig. Zu ruhig.


„Du übertriffst meine Erwartungen, High Rock“, hauchte sie, ihre Stimme war süß und gefährlich zugleich. „Ich danke dir!“


Dann trat sie zu. Yuurio sah es kommen, doch er konnte nichts mehr tun. Ihr bloßer Fuß traf ihn mit einer Wucht, die ihm die Luft aus den Lungen presste. Schmerz explodierte in seinem Brustkorb, als mehrere Rippen knackend nachgaben.


—KRRK—


Dann spürte er nur noch den Wind, als er in die Tiefe stürzte. Die Welt drehte sich, verschwamm in einem Strudel aus Dunkelheit und Schmerz.



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Yuurio versuchte, die Kontrolle über seinen Sturz zurückzugewinnen, doch der Aufprall war unausweichlich. Er krachte durch die dichten Nadeln eines mächtigen Tannenbaums, seine Schuppen schabten an der rauen Rinde entlang, während Zweige unter seinem Gewicht zerbarsten. Der Schnee dämpfte seinen Sturz, aber nicht genug. Er schlug hart auf dem gefrorenen Boden auf – ein dumpfes Knacken erfüllte die Luft, als mehrere Knochen unter der Wucht des Aufpralls nachgaben.


Schmerzen zuckten wie Blitze durch seinen Körper, ließen seine Sicht verschwimmen. Ein schwacher, frostiger Atem entwich seinen Lippen, während er mit dem Gesicht im Schnee lag, unfähig, sich zu bewegen. Alles in ihm schrie danach, liegen zu bleiben, aufzugeben, einfach die Augen zu schließen und den Schmerz versinken zu lassen.


Doch Yuurio gab nicht auf.


Mit letzter Kraft konzentrierte er sein Mana. Kälte strömte durch seine Adern, sein Atem wurde zu Nebel. Eis kroch über seinen Körper, schloss sich um seine gebrochenen Rippen und stabilisierte seine Knochen. Es war keine Heilung, nur eine temporäre Lösung, um seinen Körper am Funktionieren zu halten. Ein verzweifelter Trick, ein letzter Versuch, aufrechtzustehen.


Sein Blick hob sich langsam – und da war sie.


Das Mädchen stand am Rande des Waldes, direkt vor ihm, ihre Silhouette vom Schein der brennenden Ruinen hinter ihr umrahmt. Ihr Körper war unversehrt, als hätte er sie nie verletzt. Ihr braunes Haar wirbelte leicht im Wind, ihre roten Augen funkelten voller stiller, lauernder Freude. Und dann kam dieses Lächeln – süß und unschuldig, als hätte sie gerade einen wundervollen Tanz vollführt.


Yuurio wusste es. Das war seine letzte Chance. Jeder weitere Kampf würde nur noch ein einseitiges Abschlachten werden. Sein Körper war am Ende. Doch es gab noch eine Sache, die er tun konnte. Eine letzte Tat.


Sein Blick wurde ruhig. Er wusste, dass er diesen Kampf nicht überleben würde. Doch wenn er sein Ende besiegeln musste, dann würde es nach seinen eigenen Bedingungen sein.


In seinem Geist formten sich Worte, leise und voller Schmerz, doch frei von Reue.


„Es tut mir leid, Tyjah“, flüsterte er in Gedanken, seine Lippen bewegten sich kaum. „Kümmere dich gut um unsere Kinder.“


Dann hob er die Hand. Ein eisiger Wind durchzog das Schlachtfeld, stärker als alles, was er je zuvor entfesselt hatte. Die Temperatur stürzte in den absoluten Tiefpunkt, so frostig, dass selbst die brennende Aura des Mädchens zu flackern begann, als würden sie im Angesicht dieser übermächtigen Kälte erstarren.


Yuurio ließ los.


Sein Mana brach wie eine Flutwelle aus ihm hervor, ein Sturm aus glitzernden Eissplittern, die in alle Richtungen schossen. Jedes einzelne von ihnen war so scharf, dass sie Drachenschuppen mühelos hätten durchbohren können. Die Luft selbst gefror zu dicken, schwebenden Kristallen, die das Licht in tausend Farben brachen.


Dann geschah es.


Der Hagel aus gefrorenen Dolchen riss auf das Mädchen zu. Unzählige Klingen durchbohrten ihren Körper, ihre Arme, ihre Beine, ihre Brust. Yuurio sah, wie sie zuckte, wie ihre Bewegungen stockten.


Sie erstarrte für einen Moment, ihr Blick fiel auf ihren eigenen Körper. Die Schattenklinge in ihrer Hand verblasste, ihr rotes Leuchten wurde schwächer. Ihr Blick wanderte langsam zu Yuurio – Überraschung lag in ihren Augen, doch kein Schmerz. Dann brach sie zusammen.


Yuurio lächelte.


Sein Körper sackte zusammen. Sein Mana war verbraucht, seine Kräfte vollkommen erschöpft. Seine Knie gaben nach, er fiel in den Schnee. Seine Sicht wurde dunkler, sein Herz schlug langsamer.


Das letzte, was er wahrnahm, war das leise Rieseln des gefrorenen Schnees auf seiner Haut.


Yuurio, der mächtigste Eismagier seiner Zeit, war gefallen.



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,,Ist es endlich vorbei?’’


Taliba saß regungslos in dem trostlosen, leeren Raum, in dem sie schon seit Monaten gefangen war. Ihre Knie angezogen, die Arme um sich geschlungen, als könne sie sich vor der Realität verstecken. Der Raum hatte keine Wände, keine Türen, kein Entrinnen. Doch es gab einen einzigen Ort, zu dem ihr Blick stets hingezogen wurde – ein schimmernder Riss in der Dunkelheit, durch den sie sehen konnte, was mit ihrem Körper geschah.


Und dort, jenseits ihres Gefängnisses, lag es.


Das „Monster“.


Sein geschundener Körper lag zerschmettert im Schnee, zerfetzt von den eisigen Klingen des Mannes, den es „High Rock“ genannt hatte. Blut tränkte den gefrorenen Boden, dunkle Flecken auf makellosem Weiß. Taliba konnte es spüren – ihr eigenes Herz schlug kaum noch, ein schwaches, unregelmäßiges Pochen, das langsam, aber sicher erlosch. Ihre Glieder waren kalt, taub, als gehörten sie nicht mehr zu ihr.


Ein Lächeln bildete sich auf ihren Lippen. 


Endlich.


Endlich hatte jemand es aufgehalten. Endlich würde sie sterben.


Die Ketten, die sie so lange gebunden hatten, würden reißen. Der Fluch, der sie gequält hatte, würde ein Ende finden. Nie wieder würde sie seine Taten mitansehen müssen, nie wieder die Schreie der Unschuldigen hören, nie wieder spüren, wie das „Monster“ ihre Hände bewegte, ihre Stimme benutzte, ihr Gesicht zu einer Fratze des Grauens verzog.


Die Tränen, die sich in ihren Augen gesammelt hatten, waren keine der Trauer, sondern der puren Erleichterung.


Doch dann.


Ein leises Klatschen.


Und eine Stimme.


[???] ,,Da bist du doch tatsächlich besiegt worden. Ein Glück hast du mich!’’


Taliba erstarrte.


Die dunkle Präsenz, die sich durch den Raum schlängelte, war ihr nur allzu bekannt. Eine brennende Hitze, die sich durch ihren Geist fraß, ein Echo aus der Tiefe, das niemals verstummte. Die Stimme des Onis war sanft, beinahe verspielt, doch Taliba kannte die Wahrheit, die dahinter verborgen lag.


„Nein…“ flüsterte sie. Ihre Lippen bebten. „Bitte… Nein!“


Sie versuchte, ihren Körper loszulassen, den letzten Funken Leben aufzugeben, sich endlich in den Schlaf der Erlösung sinken zu lassen.


Doch das Licht kam.


Warm und golden durchflutete es ihre Glieder, breitete sich in ihren verletzten Organen aus, durchtränkte ihre Knochen mit brennender Heilung. Wunden schlossen sich, Muskeln erneuerten sich, und mit jedem Herzschlag wurde sie zurück in die Dunkelheit gezogen.


Langsam, mit erschreckender Ruhe, richtete sich ihr Körper auf.


Die klaffenden Schnitte an ihrer Haut schlossen sich, ihre Gliedmaßen erstarkten. Ihr Blick war leer, ihr Körper nicht mehr ihr eigener. Die Fäden, die sie schon so lange versuchte zu durchtrennen, zogen sich nur noch fester.


Taliba begann zu weinen. „Wieso…“ schluchzte sie leise, „wieso lasst ihr mich nicht gehen?“


Ihr eigener Körper lachte leise.


„High Rock war sehr stark“, sagte das „Monster“ mit anerkennendem Tonfall. Seine Finger zuckten, als würden sie sich an das Echo des Kampfes erinnern. Dann hob es eine Hand, und die Welt erzitterte.


Taliba musste nicht hinsehen, um zu wissen, was geschah. Sie spürte es – das Aufsteigen von etwas Gigantischem, etwas Kaltem und Mächtigem, das selbst die Naturgesetze verspottete. Ein Eisgigant erhob sich, doppelt so groß wie der, den der Drachar erschaffen hatte, seine massiven Arme zertrümmerten die Bäume um ihn herum, während er langsam seinen Kopf hob.


Das „Monster“ drehte sich zu ihm um, ein dunkles Grinsen auf seinen Lippen.


,,Kümmer dich um die Familie des Dracharen!’’


Taliba presste ihre Hände auf ihre Ohren, als könne sie damit die Worte aus ihrem Kopf verbannen.


Aber es war zwecklos.


Sie konnte nur daliegen, zitternd und verzweifelt, während ihr Körper sich erhob und die nächste Welle der Zerstörung einleitete.


Es war hoffnungslos.

Ende von Ark IV

 
 
 

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