Kapitel 139 - Angekommen im Land der Oni
- empirewebnovel
- 8. März 2025
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Ark V - Was ist Frieden?
Endlich hatte Jamall wieder festen Boden unter den Füßen.
Drei lange Monate hatte er auf dem Meer verbracht, von Welldyl bis nach Malheim, drei endlose Monate, in denen er, abgesehen von einer eintägigen Rast in Evigane, kaum zur Ruhe gekommen war. Das Leben auf dem Wasser war ihm fremd geblieben – es war, als hätte die See ihn nie wirklich willkommen geheißen. Die unaufhörliche Bewegung des Schiffes, das salzige Wasser, das selbst in die Nähte seiner Kleidung kroch, und das monotone Rauschen der Wellen hatten ihn erschöpft, seine Sinne ermüdet, seine Gedanken unruhig gemacht.
Jetzt, da er festen Boden spürte, ließ er die Schultern sinken, atmete tief ein und sog die frische, erdige Luft in sich auf. Der Duft von feuchtem Moos und alten Bäumen füllte seine Lungen. Hinter dem kleinen Hafendorf erstreckte sich ein dichter Wald, dessen hohe Bäume sich schützend aneinanderdrängten, als wollten sie Eindringlinge von ihrem Reich fernhalten. Die mächtigen Äste und das dichte Laub bildeten ein perfektes Dach, einen Rückzugsort, an dem er endlich in Ruhe schlafen konnte – und Bournadette ebenso.
,,GRUO!’’
Ein lautes Brummen ließ Jamall grinsen. Bruno, sein treuer Begleiter, tappte unruhig auf seinen massiven Pranken umher. Der silberne Halbdrache – groß wie zwei ausgewachsene Pferde – reckte den muskulösen Hals und blähte die Nasenlöcher, als wolle er jeden einzelnen Geruch dieser neuen Umgebung in sich aufnehmen. Seine dichten, silbernen Schuppen schimmerten im Licht der untergehenden Sonne, als hätten sie die Strahlen selbst eingefangen. In seinen Augen spiegelte sich ein Funkeln reiner Freude.
Jamall strich dem Halbdrachen mit einer vertrauten Geste über den Kopf, spürte die Wärme des kräftigen Körpers unter seinen Fingern.
„Ja, Bruno, wir sind endlich da“, murmelte er, seine Stimme rau von der langen Reise, aber voller Erleichterung. „Aber wir sind noch nicht am Ziel.“
Er richtete den Blick nach vorne, dorthin, wo sich in der Ferne, kaum sichtbar zwischen den Bäumen, die Spitze des Turms des Weisen erhob. Sie ragte wie ein heller Finger in den Himmel, ein stummer Wächter, der auf ihn wartete.
Bald war es ein Jahr her, seit er zu dieser Reise aufgebrochen war. Ein Jahr voller Gefahren, Prüfungen und unerwarteter Begegnungen.
Doch noch war es nicht vorbei.
Noch hatte er den Turm nicht erreicht. Noch hatte er nicht gefunden, wonach er suchte.
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„Und hepp!“ rief Jamall, als er sich mit einem kräftigen Schwung auf den dicken Ast zog, den Bournadette als Schlafplatz auserkoren hatte. Seine Finger gruben sich in die raue Rinde, sein Körper spannte sich, als er sich über die Kante hievte. Mit einem letzten Ruck landete er neben ihr und ließ sich nieder.
Zwanzig Meter unter ihnen, am mit Gras und weichem Moos bedeckten Waldboden, streckte sich Bruno aus, seine mächtigen Pranken in die Erde gedrückt. Der Halbdrache schnaubte leise, zufrieden darüber, endlich wieder festen Boden unter sich zu haben. Die Äste hier oben hätten sein Gewicht niemals getragen, doch das störte ihn nicht – Bruno schlief ohnehin lieber mit den Sternen über und der Erde unter sich.
Jamall grinste und sah zu Bournadette, die neben ihm saß, ihre Haltung entspannt, aber dennoch wachsam. Ihre Augen huschten über das dichte Blätterdach, das über ihnen raschelte. Die warmen Farbtöne der untergehenden Sonne tanzten auf ihrem hellen Haar, das locker über ihre Schulter fiel.
„Es ist schon ein ganz anderes Gefühl, wenn man an Land schläft, oder?“ sagte er, während er seinen Schlafsack ausrollte.
Bournadette nickte, ohne ihn anzusehen. „Ja. Obwohl mich das Leben auf dem Schiff nicht gestört hat, fühlt es sich hier… natürlicher an.“ Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
Jamall ließ sich neben ihr nieder, spürte das sanfte Schwanken des Astes unter ihrem Gewicht. Die Stille des Waldes legte sich über sie, nur unterbrochen vom gelegentlichen Rauschen des Windes und dem fernen Zirpen der Insekten.
Sie waren weit gereist. Drei Monate auf dem Meer, drei Monate voller Strapazen, voller Planung und Gedanken an das, was noch vor ihnen lag. Jetzt waren sie nur noch wenige Tage, vielleicht eine Woche, vom Turm des Weisen entfernt.
Das Ziel ihrer Reise war klar. Leyla musste sterben.
Für Bournadette war es Rache. Kronprinz Eugenius war tot, und Leyla trug die Schuld daran. Die einst gefürchtete zweite Kaiserliche Kopfgeldjägerin hatte sich vom Kaiserreich losgesagt, hatte ihre Loyalität hinter sich gelassen, nur um diesen einen Tod zu sühnen. Doch das machte sie zur Hochverräterin. Aus den Reihen der Kaiserlichen Kopfgeldjäger nach ihrem Regelbruch ausgestoßen, war sie nun selbst eine Gejagte.
Für Jamall war es mehr als nur Rache. Es war eine Frage der Existenz.
Leyla besaß eine Fähigkeit, die er nicht akzeptieren konnte. Eine Macht, die sie unantastbar machte – die es ihr erlaubte, ihren eigenen Tod auf andere zu übertragen. Sie konnte nicht mit gewöhnlichen Waffen getötet werden, nicht mit Magie, nicht mit Schwert oder Pfeil. Ihr Tod wurde zu dem eines anderen, eine grausame und perverse Umkehrung des natürlichen Gesetzes.
Doch Jamall kannte eine Waffe. Eine Klinge, die sie endgültig richten konnte.
Das Schwert der fünf Monde.
Genau deshalb waren sie hier, in der Oni-Republik Heim. Sie würden den Turm des Weisen erreichen, sich die Antworten beschaffen, die sie brauchten. Und dann – dann würde Leyla fallen.
Bournadette drehte sich auf die Seite, stützte den Kopf auf eine Hand und sah Jamall an. Ihre Stimme war leise, fast beiläufig, als sie fragte: „Was glaubst du, was Leyla jetzt macht? Wie oft sie wohl schon gestorben ist, seit du sie in Welldyl getroffen hast?“
Jamall presste die Lippen aufeinander. Er wollte es sich nicht vorstellen.
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Müde streckte sich Jamall, als die ersten Sonnenstrahlen durch das dichte Blätterdach des Waldes fielen. Die kühle Morgenluft kitzelte seine Haut, während er gähnend die Arme hinter den Kopf legte. Nach drei Monaten auf dem schier endlosen Meer war dieser Schlaf im Schutz des Waldes eine wahre Wohltat gewesen. Kein beständiges Schaukeln, keine dröhnenden Wellen, kein salziger Wind, der ihm das Gesicht peitschte – nur weiches Moos unter seinem Körper und das beruhigende Rauschen der Blätter über ihm.
Er atmete tief ein. Der Geruch von feuchtem Laub und frischer Erde füllte seine Lungen, vermischt mit dem leichten, harzigen Duft der Bäume. Hier, in den Wäldern der Oni-Republik Heim, herrschte noch ein milder Herbst, während im Kaiserreich längst der Winter seinen eisigen Griff ausbreitete.
Neben ihm lag Bournadette noch in tiefem Schlaf, ihre gleichmäßigen Atemzüge ein sanfter Rhythmus in der morgendlichen Stille. Ihr Gesicht wirkte entspannt, fast friedlich – ein seltener Ausdruck für sie. Jamall wusste, dass sie sich nur selten diese Art von Ruhe gönnte.
Er musterte sie für einen Moment und entschied dann, sie nicht zu wecken. Behutsam setzte er sich auf, streckte seine Muskeln, bevor er langsam die raue Rinde des Baumes hinabkletterte. Seine Bewegungen waren geschmeidig, lautlos.
Kaum hatte er den Boden erreicht, erklang ein tiefes Brummen.
,,GRAO!’’
Bruno hob den Kopf, schüttelte sich und schnaubte zufrieden, als er Jamall sah. Der silberne Halbdrache streckte sich ausgiebig, bevor er mit seinen riesigen Pranken eine Spur in den feuchten Waldboden ritzte. Sein langer Schwanz wedelte leicht, und seine funkelnden Augen ruhten erwartungsvoll auf seinem Gefährten.
Jamall grinste, legte einen Finger an die Lippen und zwinkerte Bruno zu. „Shhh, Bournadette schläft noch.“
Bruno neigte den Kopf leicht zur Seite, als würde er überlegen. Dann ließ er sich mit einem tiefen Seufzen wieder ins Gras sinken, schloss demonstrativ die Augen und rollte sich zusammen. Jamall lachte leise.
Er nutzte die Gelegenheit für sein Morgentraining – eine Gewohnheit, die er sich während seiner Reisen angeeignet hatte. Während die Welt noch erwachte, konzentrierte er sich auf seinen Körper und Geist. Er begann mit Dehnübungen, ließ seine Muskeln langsam aufwärmen, bevor er zu schnellen, präzisen Bewegungen überging. Sein Schattenkampf war eine Mischung aus geschmeidigen Schlägen, fließenden Tritten und schnellen Drehungen, ein Tanz der Disziplin und Kontrolle.
Die Blätter über ihm raschelten leise, und aus dem Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung.
Bournadette gähnte herzhaft, rieb sich über die Augen und lehnte sich an den Stamm des Baumes. „Du trainierst schon wieder?“ Ihre Stimme klang noch rau vom Schlaf, aber in ihren Augen funkelte Belustigung.
Jamall hielt mitten in einer Bewegung inne und grinste. „Morgenroutine.“ Er wusste, dass aus ihrer Perspektive sein Training sinnlos war. Er würde nie zu ihr aufschließen können, egal wie sehr er sich auch anstrengte.
Bournadette streckte sich, ihre Gelenke knackten leise. Dann sprang sie mit müheloser Eleganz aus dem Baum. Sie landete neben ihm, federte den Aufprall mit ihren Knien ab und richtete sich mit einem zufriedenen Seufzen auf.
„Hast du gut geschlafen?“ fragte er.
„Ich schlafe immer gut.“ Sie zuckte mit den Schultern, fuhr sich mit einer Hand durch das zerzauste Haar und sah ihn dann fragend an. „Und du?“
„Besser als auf dem Meer.“ Jamall verzog das Gesicht bei der Erinnerung an die schaukelnden Nächte auf dem Wasser. Er liebte die Freiheit des Reisens, doch die See würde ihm immer fremd bleiben.
Bruno, der die Unterhaltung aufmerksam verfolgt hatte, erhob sich träge. Er reckte sich, brummte zustimmend und schüttelte den Morgentau von seinen glänzenden Schuppen.
Bournadette sah zu ihm hinüber, dann nickte sie. „Lass uns aufbrechen.“
Jamall zog seinen Rucksack über die Schultern, verstaute seine Sachen und warf einen letzten Blick auf den Schlafplatz der vergangenen Nacht. Noch immer lag eine friedliche Stille über dem Wald, doch sie hatten keine Zeit, sich daran zu erfreuen.
Der Turm des Weisen wartete – und mit ihm die Antwort auf die eine Frage, die ihre Reise bestimmte:
Wo befand sich die Waffe, mit der man Leyla töten konnte?



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