Kapitel 141 - Wildes Magenta

—GÄÄHN—
Leyla streckte sich genüsslich in ihrem Bett, während sich die ersten Strahlen der Spätherbstsonne durch die kleinen, etwas schief sitzenden Holzfenster der Taverne „Smörje & Arrne“ schoben. Das Licht tauchte den Raum in ein gemütliches Gold, ließ den Staub in der Luft wie winzige Glühwürmchen tanzen und hüllte Leylas Gesicht in angenehme Wärme.
Die Luft roch nach altem Holz, nach der leichten Feuchtigkeit des Morgens und einem Hauch von Bier, das wohl in der Nacht über die Tische verschüttet worden war. Von unten drangen die ersten Stimmen der Frühaufsteher empor – raues Lachen, das Klirren von Krügen und das dumpfe Geräusch von Stiefeln auf Holzdielen.
Leyla blinzelte verschlafen und ließ sich noch einen Moment im weichen Bett versinken. Die Erschöpfung, die sie gestern noch beinahe erdrückt hatte, war wie weggeblasen, als hätte ihr Körper über Nacht jede Spur von Müdigkeit einfach abgeschüttelt. Rasant regenerierende Kräfte… war das das Wirken der Runensteine?
Nachdenklich griff sie nach dem Glas Wasser, das auf dem kleinen, grob gezimmerten Tisch neben ihr stand, und nahm einen erfrischenden Schluck. Sie spürte, wie das kühle Nass ihre Kehle hinabfloss, während sie gedankenverloren das Glas betrachtete. Langsam ließ sie das Wasser hin und her schwappen, beobachtete, wie das Licht sich auf der Oberfläche brach.
Ihr Plan stand fest. Sie würde zu Fuß zur Kaiserstadt reisen. Kein Schiff, keine Kutsche, keine überstürzten Abkürzungen. Sie wollte das Land durchqueren, es mit eigenen Augen sehen und jede Gelegenheit nutzen, um mehr über sich selbst und die Welt zu erfahren.
Der erste Abschnitt würde sie durch das Südmoor führen, eine sumpfige, von Nebel durchzogene Landschaft, bis sie die hohen, unberührten Berge der Larifen erreichte. Man sagte, dort lebten vergessene Völker und Wesen, die älter waren als das Kaiserreich selbst. Danach würde sie ins Herzland weiterziehen, durch das geschäftige Treiben der mittelländischen Städte, bis sie schließlich wieder vor den Toren der Kaiserstadt stehen würde.
Zuhause.
Leyla stieß einen leisen Seufzer aus. Der Alltag der Kaiserlichen Kopfgeldjäger wartete dort auf sie – mit all seinen strengen Regeln, endlosen Pflichten und der unausweichlichen Konfrontation mit Yang. Sie würde sich für ihre eigenmächtigen Handlungen in Tripolis rechtfertigen müssen, und sie wusste genau, dass dieses Gespräch kein einfaches werden würde.
Aber das war nicht das, was ihr am meisten Sorgen bereitete.
Sie hatte ihre neu entdeckte Wassermagie gezeigt. Nicht nur ein wenig, sondern in einer Dimension, die selbst erfahrene Magier erschauern ließ. Über zweihundert Schiffe waren in den Fluten verschwunden, vernichtet durch die gewaltige Kraft, die sie entfesselt hatte. Die Leute hatten sie bewundert, andere hatten sie gefürchtet – doch alle hatten gesehen, dass sie eine Macht besaß, die sie vorher nicht gezeigt hatte.
Und genau das war das Problem.
Als sie das Kaiserreich verließ, konnte sie keine Wassermagie. Die plötzliche Beherrschung dieses Elements würde Fragen aufwerfen – Fragen, auf die sie keine einfachen Antworten hatte. Man würde wissen wollen, woher diese Fähigkeit kam, wer ihr das beigebracht hatte, ob sie etwas verbarg.
Doch Leyla hatte sich bereits eine Geschichte zurechtgelegt. Sie würde behaupten, dass sie in Tripolis von einem begnadeten Wassermagier unterrichtet worden war. Schon zuvor hatten viele vermutet, dass sie eine außergewöhnliche Affinität zur Magie besaß – schließlich war sie fähig, Erde zu manipulieren. Wenn sie diese Erzählung geschickt präsentierte, könnte sie ihre wahre Quelle der Macht vielleicht verbergen.
Vielleicht hatte Eroica noch eine bessere Idee. Ihre treue Dienerin war nicht nur klug, sondern auch gerissen, wenn es darum ging, die richtigen Worte zu finden.
Leyla ließ ihre Gedanken einen Moment lang schweifen, dann blickte sie wieder auf das Glas in ihrer Hand.
Fast spielerisch sandte sie einen Hauch Magie in das Wasser, nur ein kleines, unbedeutendes Experiment. Sie ließ das Volumen anschwellen, bis das Glas beinahe überlief, dann konzentrierte sie sich darauf, die Flüssigkeit zu verändern. Innerhalb von Sekunden färbte sie das Wasser tiefblau, dann ein schimmerndes Grün, dann ein leuchtendes Gold.
Dann schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf – so klar, so brillant, dass ihr Herz vor Aufregung schneller schlug.
Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht, und es fiel ihr schwer, nicht laut vor Freude zu jubeln.
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Leyla sprang aus dem Bett, noch immer das Glas Wasser in der Hand, und eilte zu dem alten, leicht trüben Spiegel, der neben der Zimmertür hing. Ihr Herz klopfte schneller, während sich die Idee in ihrem Kopf weiter formte. Sie tauchte zwei Finger in das Wasser und fuhr sich damit über eine einzelne Haarsträhne. Konzentriert ließ sie ihre Magie fließen.
Sofort begann sich die Farbe der Strähne zu verändern – erst leuchtete sie in einem tiefen Violett, dann glühte sie feurig Rot, bevor sie schließlich in ein dunkles Pechschwarz überging.
Ein triumphierendes Grinsen breitete sich auf Leylas Gesicht aus.
Ohne zu zögern hob sie das Glas über ihren Kopf und ließ sich das Wasser über das Haar laufen. Der kühle Schwall jagte ihr einen Schauer über den Rücken, doch sie ignorierte es, während sie ihre Magie weiter in die Flüssigkeit leitete. Die Verwandlung setzte sich fort. Ihre Haare funkelten in schimmernden Wellen von Blau, Grün und Gold, bis sich die Farben allmählich bei einem kräftigen Magenta einpendelten.
Leyla trat einen Schritt zurück, legte den Kopf schief und musterte ihr Spiegelbild. Sie sah aus wie eine andere Person.
Das leuchtende Magenta verlieh ihr ein wilderes, freieres Aussehen – nicht mehr die Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla, sondern eine unbekannte Abenteurerin, eine Reisende, die durch das Land zog, ohne dass jemand wusste, wer sie war. Sie fuhr sich durch das Haar, wuschelte es auf, bis es noch ungezähmter wirkte.
„Perfekt“, murmelte sie zufrieden und griff nach ihrem Geldbeutel.
Ohne weiter Zeit zu verlieren, verließ sie ihr Zimmer und eilte die knarrende Holztreppe hinunter in den Schankraum der Taverne. Die ersten Gäste saßen bereits an den Tischen, ihre Stimmen mischten sich mit dem Klappern von Geschirr und dem Geruch von frischem Brot und gebratenem Speck.
Ein paar Männer warfen ihr neugierige Blicke zu, doch niemand schien sie zu erkennen. Das war genau, was sie wollte.
Draußen empfing sie die kühle Morgenluft mit einem Hauch von salzigem Meeresduft. Inhantes erwachte langsam zum Leben. Händler stellten ihre Stände auf, Karren rumpelten über das Kopfsteinpflaster, und das geschäftige Treiben der Menschen erfüllte die Straßen.
Leylas Blick wanderte über die bunten Ladenschilder.
,,Franzos Backwaren’’— der verlockende Duft nach frischem Gebäck ließ ihr kurz das Wasser im Mund zusammenlaufen.
,,Doku Naraka - Alchemiewunder’’ — ein kleines, schiefes Gebäude mit glitzernden Phiolen im Fenster.
,,Goldschmuck Bravom’’ — hier funkelten die Ketten und Ringe im Licht der Morgensonne.
Doch dann entdeckte sie, wonach sie suchte:
,,Abenteurers bester Freund’’
Ein kleines Geschäft mit wettergegerbten Lederjacken, Umhängen und Reiterstiefeln im Schaufenster. Genau das Richtige.
Leyla trat ein, und eine Glocke über der Tür bimmelte leise. Der Geruch von Leder und Stoff empfing sie. Hinter der Theke stand ein breitschultriger Mann mit einer grauen Schürze, der gerade dabei war, einige Ausrüstungsgegenstände zu sortieren.
,,Guten Morgen’’, begrüßte sie ihn freundlich.
Als sie nähertrat, drehte er sich zu ihr um und schenkte ihr ein freundliches, aber prüfendes Lächeln. „Guten Morgen. Suchen Sie etwas Bestimmtes?“
„Ja“, antwortete Leyla bestimmt. „Ich brauche Kleidung, in der ich nicht sofort auffalle.“
Der Mann zog eine Augenbraue hoch. „Das ist eine interessante Anforderung.“
„Ich meine damit praktisch, widerstandsfähig und nicht zu extravagant“, erklärte sie schnell.
Er nickte verständnisvoll und deutete mit einer Geste in den hinteren Bereich des Ladens. „Dort finden Sie alles, was Sie brauchen. Sehen Sie sich in Ruhe um.“
„Danke“, erwiderte Leyla und verschwand zwischen den Reihen von Kleidung.
Die Auswahl war erstaunlich groß. Sie fuhr mit den Fingern über robuste Lederjacken, schwere Umhänge und leichte Stoffkleidung für wärmere Gegenden. Schließlich entschied sie sich für eine braune Hose aus widerstandsfähigem Material, die eng genug saß, um Bewegungsfreiheit zu ermöglichen, aber nicht einengend war. Dazu wählte sie eine grüne Bluse mit hochgekrempelten Ärmeln – praktisch, schlicht und dennoch elegant, sowie braune Lederhandschuhe.
Ein Gürtel mit mehreren kleinen Taschen für Münzen und Werkzeuge vervollständigte die Ausstattung, ebenso wie eine robuste Ledertasche, die sie über die Schulter tragen konnte.
Zufrieden trat sie zurück zur Theke.
Der Händler musterte sie mit einem anerkennenden Blick, bevor er nickte. „Gute Wahl. Sie sehen aus wie jemand, der viel unterwegs ist.“
Leyla grinste. „Das trifft es ziemlich genau.“
Er rechnete den Preis aus. „Vier Silber und drei Kupfer.“
Nicht billig, aber eine notwendige Investition. Sie griff nach ihrem Geldbeutel, bezahlte und nahm ihre neuen Sachen entgegen.
„Danke“, sagte sie noch einmal, bevor sie den Laden verließ.
Als sie wieder auf der Straße stand, atmete sie tief durch.
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Fröhlich summend ließ Leyla die Stadt Inhantes hinter sich. Die Sonne stand hoch am Himmel und tauchte die weiten Felder und sanften Hügel vor ihr in goldenes Licht. Sie atmete tief durch, genoss die Freiheit, die mit jedem Schritt mehr erfüllte. Der Lärm der Stadt, das geschäftige Treiben der Händler und Reisenden, verblasste allmählich hinter ihr.
Bevor sie aufgebrochen war, hatte sie sich noch mit ein paar wichtigen Dingen eingedeckt: ein zuverlässiger Taschendrache für kühle Nächte, ein neuer Schlafsack, dicker und wärmer als ihr alter und ein robuster Kompass, dessen Nadel sie sicher durch unbekannte Gebiete leiten würde.
Doch das wertvollste Stück ihrer neuen Ausrüstung war die Kette, die nun an ihrem Hals baumelte. Ein feines Silberband, an dem ein schlichter Stein hing, in den ein K-Kreuz eingraviert war – das Symbol der Kirche Kameras.
Der Stein funkelte im Sonnenlicht, und Leyla konnte sich ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen. Sie war keine Gläubige, im Gegenteil, doch diese Kette war mehr als bloßer Schmuck. Sie war ein Schlüssel, ein Werkzeug für ihre Tarnung, ein weiteres Detail, das sie in den Augen anderer Menschen zu jemandem machte, der sie nicht war.
Je weiter sie sich von Inhantes entfernte, desto lebendiger fühlte sie sich. Die Straßen vor der Stadt waren voller Karren und Reisender, die lautstark miteinander plauderten. Doch Leyla war nicht in der Stimmung für Gesellschaft. Sie bog früh von der Hauptstraße ab und schlug einen schmalen Trampelpfad über die Hügel ein. Hier, in der unberührten Natur, konnte sie ihren Gedanken freien Lauf lassen.
Doch die Ruhe währte nicht lange.
Am Horizont, auf einem anderen Pfad, bewegten sich zwei Gestalten in Richtung Westen. Leyla kniff die Augen zusammen, um sie besser zu erkennen. Der eine war ein hochgewachsener Mann mit schlichter Abenteurerkleidung und einem Schwert an der Hüfte. Sein blondes Haar schimmerte in der Sonne, glatt und ordentlich, als hätte er gerade erst ein Bad genommen.
Doch es war der andere, der ihre Aufmerksamkeit fesselte.
Ein Vishap mit dunklen, fast schwarzen Schuppen, deren Oberfläche bei jeder Bewegung in einem tiefen Grün schimmerte. Die kräftige Statur, die Art, sich zu bewegen – Leyla kannte ihn.
Theol.
Ihr Herz machte einen kleinen Sprung.
Erinnerungen schossen ihr durch den Kopf – lange Nächte in Malyl, Gespräche über die Welt, über Kämpfe, Verluste und Träume. Theol war immer ein guter Zuhörer gewesen, ruhig und nachdenklich, aber mit einer versteckten Wärme, die sich nur zeigte, wenn man ihn wirklich kannte. Er hatte nie viele Fragen gestellt, aber wenn er sprach, dann mit Bedacht.
Ein schelmisches Lächeln huschte über Leylas Gesicht.
Würde er sie erkennen?
Sie sah nicht mehr aus wie die Frau, die er damals in Malyl kennengelernt hatte. Ihr Haar war nicht mehr blau, sondern in ein auffälliges Magenta getaucht. Ihre Kleidung war unauffällig, praktisch, und weit entfernt von der oft schwarzen Garderobe, die sie als Abenteurerin getragen hatte. Und die Kette, die sie um den Hals trug, war das perfekte Detail, um eine völlig neue Identität zu formen.
Die Versuchung war einfach zu groß.
Leyla setzte einen schnelleren Schritt an, näherte sich den beiden von der Seite und rief mit einer Stimme, die sie bewusst etwas heller und freundlicher klingen ließ:
„Hey, ihr beiden! Wartet mal einen Moment!“
Beide Männer drehten sich um.
Theols Augen musterten sie mit ruhiger, prüfender Miene, während sein Begleiter sie mit einer Mischung aus Neugier und Vorsicht betrachtete.
Leyla hielt den Atem an.
Würde er sie durchschauen?



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