Kapitel 142 - Mera, Eleanor und Vippock

Der blonde Mann lächelte Leyla freundlich an und trat einen Schritt auf sie zu. Theol hingegen verharrte an Ort und Stelle, als würde er die Situation erst einschätzen wollen. Das Sonnenlicht glitzerte auf seinen dunklen Schuppen, während seine Augen sie aufmerksam musterten – jedoch ohne eine Spur der Vertrautheit.
„Guten Tag, hübsche Dame“, begrüßte sie der Blonde mit einer Stimme, die so glatt und charmant war, dass sie fast einstudiert wirkte. „Wie können mein Freund und ich dir behilflich sein?“
Leyla erwiderte sein Lächeln mit gespielter Unsicherheit, ihre Finger spielten unauffällig auffällig mit dem Anhänger ihrer Kamera-Kette. „Ich war mir nicht ganz sicher, aber führt dieser Weg zur Hauptstraße in Richtung Kaiserstadt?“ fragte sie mit einem schiefen Lächeln.
Natürlich wusste sie, dass der Pfad nicht dorthin führte – aber sie brauchte eine plausible Ausrede, um sich ins Gespräch einzuklinken.
Der Blonde runzelte kurz die Stirn, bevor sich sein Ausdruck wieder in angenehmer Freundlichkeit glättete. „Nein, dieser Pfad führt in eine ganz andere Richtung“, erklärte er und warf einen Seitenblick zu Theol, der noch immer schweigend neben ihm stand. „Aber wir könnten dich hinführen, wenn du möchtest.“
„Das wäre wirklich lieb von euch!“ rief Leyla mit übertriebener Begeisterung, klatschte leicht in die Hände und versuchte dabei, so unschuldig wie möglich zu wirken. „Ich bin übrigens Mera. Und ihr?“
Jetzt würde sich zeigen, ob Theol sie erkannte. Sie ließ ihren Blick scheinbar beiläufig über ihn wandern, während sie gespannt auf seine Reaktion wartete.
Es war nur ein kurzer Moment, kaum länger als ein Wimpernschlag, aber Theol schien tatsächlich zu zögern. Dann jedoch straffte er die Schultern, als hätte er sich entschieden. „Mein Name ist Vippock“, brummte er, sein Blick wich ihrem dabei aus, als wollte er den direkten Augenkontakt vermeiden.
Leyla spürte, wie ihr Herz einen winzigen Schlag aussetzte. Vippock? Das war nicht sein Name.
„Und ich bin Eleanor, sehr erfreut, Mera“, stellte sich der Blonde mit einer eleganten Verbeugung vor.
Leyla musste sich beherrschen, nicht misstrauisch zu wirken. Warum benutzte Theol – oder Vippock, wie er sich nannte – einen falschen Namen? Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er nicht der Typ war, der sich einfach so eine falsche Identität zulegte.
Hatte er sie erkannt und spielte nun sein eigenes Spiel? War es eine Art Test? Oder – und das war die wahrscheinlichste Möglichkeit – hatte er Gründe, unerkannt zu bleiben?
„Dann auf nach Norden!’’ rief Eleanor gutgelaunt und marschierte los, ohne weitere Fragen zu stellen.
Leyla folgte ihm, während ihre Gedanken rastlos arbeiteten. Es gab einige plausible Erklärungen für Theols Verhalten, aber keine davon gefiel ihr besonders.
Vielleicht hatte er sich in eine Sache verstrickt, von der er nicht wollte, dass Außenstehende sie durchschauten. Vielleicht hatte es etwas mit Liam zu tun. Sie wusste, dass sich Theol und Liam früher gut verstanden hatten. Und jetzt war Liam Teil des Schwarzen Sterns. Hatte sich Theol etwa ebenfalls der Rebellion angeschlossen?
Es wäre nicht unlogisch. Theol war nie ein Freund des Kaiserreichs gewesen. Aber sie hatte keine Beweise, keine Bestätigung – nur diese winzige Lüge.
Und was, wenn er sie tatsächlich erkannt hatte und nun ebenfalls versuchte, ihre Identität zu verschleiern?
Leyla beschloss, es nicht zu überstürzen. Sie war offiziell nicht auf einer Mission gegen den Schwarzen Stern. Sie war einfach eine Reisende auf dem Weg in die Kaiserstadt. Also warum sich unnötig ins politische Chaos stürzen?
Stattdessen setzte sie ihr charmantestes Lächeln auf und ließ das Gespräch locker weiterlaufen.
„Also, Eleanor und Vippock“, begann sie in neckendem Ton, „was führt euch denn in diese Gegend? Seid ihr auch auf dem Weg zur Kaiserstadt?“
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Eleanor lachte und warf Leyla einen neugierigen Blick über die Schulter zu. „So in etwa. Wir reisen in Etappen. Auf dem Weg erleben wir einige Abenteuer und helfen Leuten wie dir.“
„Oh ja, das kenne ich nur zu gut!“ erwiderte Leyla fröhlich und setzte erneut ihr unschuldiges Lächeln auf.
„Reist du alleine?“ fragte Theol plötzlich, seine Stimme ruhig, aber mit einem kaum merklichen Hauch von Besorgnis. „Für eine junge Frau kann es gefährlich sein, allein unterwegs zu sein.“
Leyla hätte beinahe laut gelacht. Wenn Theol nur wüsste, wer genau vor ihm stand, dann hätte er sich diese Bemerkung gespart. Stattdessen zwang sie sich, ihren amüsierten Ausdruck zu verbergen, und antwortete mit gespielter Ernsthaftigkeit: „Ja, ich reise allein. Aber ich kann mich gut selbst verteidigen.“
Eleanor blieb stehen und drehte sich langsam zu ihr um. In seinen bernsteinfarbenen Augen lag nun ein Hauch von Interesse, das über bloße Höflichkeit hinausging. „Ist das so, Mera? Und wie genau verteidigst du dich?“
Leyla hatte nicht damit gerechnet, dass jemand genauer nachhaken würde. Ihre Stärke lag nicht im klassischen Schwertkampf – nicht mehr. Ihre wahre Macht lag in ihrer Magie, in den Runensteinen, die sie trug. Doch das konnte sie natürlich nicht offenbaren. Und noch ein Problem: Sie hatte keine Waffe bei sich. Daran hatte sie in ihrer neuen Identität nicht gedacht.
„Eigentlich kämpfe ich mit dem Schwert“, sagte sie nach kurzem Überlegen. „Aber meines ist vor ein paar Tagen kaputt gegangen.“
Theol runzelte leicht die Stirn, sein Blick huschte unauffällig über sie hinweg. „Also bist du momentan unbewaffnet?“
Leyla zögerte nur einen Moment, bevor sie mit einer Spur gespielter Verlegenheit nickte. „Ja, so ungefähr. Ich wollte mir bald ein neues kaufen, aber bis dahin muss ich improvisieren.“
Eleanor grinste, als hätte er genau auf diesen Moment gewartet. Mit einer geschmeidigen Bewegung griff er in seinen Gürtelbeutel – ein unscheinbarer Lederbeutel, der viel zu klein wirkte, um darin etwas Größeres zu verstauen. Doch als er seine Hand wieder herauszog, hielt er ein Schwert darin.
Leyla riss überrascht die Augen auf. Ein magischer Beutel. Diese Art von Behältnis war selten und unglaublich wertvoll. Sie hatte schon davon gehört, aber noch nie einen aus der Nähe gesehen.
„Wo hast du denn so einen Beutel her?“ fragte sie und betrachtete die kunstvollen Nähte des Lederbeutels genauer.
Eleanor zuckte mit den Schultern. „Von meinem Vater“, antwortete er beiläufig. „Er hat ihn von einem Freund bekommen. Mehr weiß ich nicht darüber. Praktisch, oder?“
„Sehr praktisch“, stellte Leyla fest, ließ ihre Neugier aber nicht zu auffällig werden. Sein Vater musste ein Mann mit einflussreichen Kontakten sein – jemand, der Zugang zu solch seltener Magie hatte, gehörte nicht zum gewöhnlichen Adel, zu dem sie Eleanor bisher gezählt hatte.
Sie warf Eleanor einen abschätzenden Blick zu. „Dann muss dein Vater ja ziemlich mächtig sein.“
Eleanor lächelte vage, wich ihrer Bemerkung jedoch elegant aus. „Er hat einfach ein paar gute Freunde.“
Bevor sie weiter nachhaken konnte, drehte er das Schwert einmal locker in der Hand und hielt es ihr dann entgegen. „Ich würde es dir überlassen, wenn du dich mit mir im Schwertkampf duellierst.“
Leyla stutzte. Sie hatte nicht erwartet, dass das Gespräch in diese Richtung gehen würde. Ein Kampf – selbst nur zur Übung – bedeutete eine Herausforderung, bei der sie vorsichtig sein musste. Wenn sie zu stark kämpfte, würde sie Verdacht erregen. Wenn sie zu schwach war, würde Eleanor sie nicht ernst nehmen.
Doch auch wenn sie den Namen Mera trug: Sie war Leyla. Und Leyla liebte Herausforderungen.
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Leyla griff nach dem Schwert und wog es prüfend in ihrer Hand. Die Klinge war aus feinstem Stahl gefertigt, leicht genug, um schnelle Schläge auszuführen, aber mit genug Gewicht, um kraftvolle Hiebe zu führen. Der Ledergriff schmiegte sich angenehm an ihre Finger, und sie spürte sofort, dass die Waffe gut ausbalanciert war. Eleanor pflegte seine Klingen anscheind gewissenhaft – ein Zeichen dafür, dass er nicht nur ein erfahrener Kämpfer war, sondern auch den Wert einer guten Waffe verstand.
Während sie das Schwert begutachtete, huschte ihr Blick zu Theol. Er stand schweigend da, seine schwarzen Schuppen reflektierten das Sonnenlicht, und seine Augen ruhten aufmerksam auf ihr.
Eleanor zog sein eigenes Schwert mit einer geschmeidigen Bewegung. „Bist du bereit, Mera?“ fragte er mit einem herausfordernden Grinsen.
Leyla nickte und ging in Angriffsstellung. Sie wusste nicht, wie gut Eleanor wirklich war, also beschloss sie, vorsichtig zu beginnen. Ihr erster Angriff war ein schneller, niedriger Hieb, mit dem sie versuchte, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Doch Eleanor bewegte sich mit spielerischer Leichtigkeit, parierte mühelos und setzte sofort zum Gegenschlag an. Seine Klinge schnitt durch die Luft, und Leyla wich nur knapp zurück, bevor die scharfe Spitze ihre Seite hatte treffen können.
Sie verzog kurz die Lippen. Er war schnell – schneller, als sie erwartet hatte.
Leyla ließ eine Reihe von Angriffen auf ihn niederprasseln, doch jeder ihrer Schläge wurde mit Präzision abgewehrt. Eleanor kämpfte nicht mit roher Kraft, sondern mit fließenden, kalkulierten Bewegungen. Jede seiner Paraden war genau abgepasst, sein Stand stabil, seine Reaktionen messerscharf.
Sie sprang zurück, atmete tief durch und musterte ihn neu. Sie musste ihn überraschen.
Mit einer plötzlichen Bewegung stürzte sie sich erneut vor, wirkte, als würde sie einen geraden Hieb ausführen – doch im letzten Moment drehte sie sich ein und ließ ihre Klinge aus einer ungewohnten Richtung auf ihn herabsausen.
Eleanor erkannte den Trick im letzten Moment. Er hechtete zur Seite, doch die Spitze ihres Schwertes streifte seinen Ärmel, ein leiser Riss ertönte, als der Stoff nachgab.
Er lachte. „Nicht schlecht.“
Dann nahm er eine ungewöhnliche Pose ein – er hielt sein Schwert hinter den Rücken, beugte seinen Oberkörper leicht nach vorne und ließ eine Hand locker hängen.
„Du solltest dich ohne Probleme in der Natur verteidigen können“, meinte er mit einem amüsierten Unterton.
Es war keine normale Bewegung – er schoss auf sie zu, so schnell, dass sie ihn für einen Augenblick aus den Augen verlor. Ehe sie reagieren konnte, spürte sie einen leichten Druck an ihrem Rücken – die Spitze seiner Klinge, kaum mehr als eine sanfte Berührung.
Sie erstarrte. Dann hörte sie sein Lachen. „Verzeih, ich wollte nur ein wenig angeben.“
Leyla drehte sich langsam um und musterte ihn mit einer Mischung aus Respekt und Neugier. „Was war das für eine Schwertkunst?“
Eleanor zuckte mit den Schultern, als wäre es nichts Besonderes. „Die hat mein Vater mir beigebracht.“
Da war es wieder. Sein Vater. Wer auch immer Eleanor wirklich war – er hatte eindeutig eine Ausbildung erhalten, die nicht jeder genießen konnte. Seine Bewegungen waren zu präzise, seine Haltung zu geschult. Leyla entschied, nicht weiter nachzufragen. So sehr interessierte sie es auch nicht.
„Das Schwert kannst du behalten, Mera“, sagte Eleanor und steckte sein eigenes Schwert zurück in die Scheide.
Leyla ließ sich nichts anmerken, doch in ihrem Inneren zog sich eine Erkenntnis zusammen: Dieser Mann war kein gewöhnlicher Abenteurer.
„Von hier aus bist du in einer halben Stunde an der Hauptstraße“, fuhr er fort.
Leyla nickte, steckte ihr neues Schwert in ihren Gürtel und schenkte den beiden ein strahlendes Lächeln. „Danke fürs Führen. Und fürs Schwert. Euch eine gute Reise, Eleanor, Vippock.“
Theol nickte nur knapp. „Dir auch, Mera.“
Leyla wandte sich ab und begann, in Richtung der Straße zu spazieren. Sie spürte noch immer den Blick von Theol auf sich, als sie sich entfernte. Er beobachtete sie. Vielleicht misstrauisch. Vielleicht neugierig.
Sie hielt ihren Schritt gleichmäßig, zwang sich, nicht zurückzublicken. Erst, als sie sich sicher war, außer Sichtweite zu sein, erlaubte sie sich ein kleines, zufriedenes Lächeln.
Die Tarnung als Mera war ein voller Erfolg.
Mit leichtem Schritt wanderte sie weiter, während die untergehende Sonne die Hügel in warmes Gold tauchte. Die Reise zur Kaiserstadt versprach, noch interessanter zu werden, als sie gedacht hatte.



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