Kapitel 143 - Der Sumpf hat seine eigenen Regeln
Aktualisiert: 9. März 2025

Die Berge der Larifen ragten majestätisch in den Himmel, ihre schneebedeckten Gipfel durchstießen die Wolken wie uralte Wächter, die über das Land wachten. Leyla hatte sie schon seit Tagen am Horizont gesehen, doch erst jetzt, da sie sich ihnen näherte, spürte sie wirklich ihre gewaltige Präsenz. Die Sonne ließ den Schnee auf den Gipfeln glitzerte, als wären sie von einem gleißenden, fast göttlichen Licht umhüllt.
Zwei Wochen waren vergangen, seit sie Inhantes verlassen hatte. Die sanften Grasebenen waren allmählich dem feuchten, schwer zugänglichen Moor Platz gewichen. Doch Leyla störte sich nicht daran – im Gegenteil, die Abgeschiedenheit gefiel ihr.
Sie erinnerte sich daran, wie sie das Moor einst aus der Luft gesehen hatte, als Cyntha sie mit Zorda, dem gewaltigen Drachen, über das Land getragen hatte. Doch nun, auf dem festen Boden, war es eine ganz andere Erfahrung. Der Nebel kroch in dichten Schwaden über das moorige Land, krüppelige Bäume ragten wie verzerrte Schatten in den Himmel, und immer wieder hörte sie das entfernte Quaken von Fröschen oder das Summen verborgener Insekten.
Mit jedem Schritt versanken ihre Stiefel tiefer im feuchten Untergrund, doch das bereitete ihr keine Sorgen. Am Abend würde sie ihre Kleidung mit Magie reinigen, ein kleiner, aber geschätzter Luxus. Während sie weiterging, genoss sie das Gefühl der Freiheit. Kein Druck, keine ständigen Blicke, keine Erwartungen. Hier draußen war sie einfach nur Mera, eine Wanderin auf der Straße in ein unbekanntes Morgen.
Doch dann, mitten in der Stille des Moors, hörte sie Stimmen.
[???] „Bist du sicher, dass es hier nach Norden geht?“ fragte eine tiefe, leicht skeptische Stimme.
[???] „Ja, ich hab dir doch gesagt, dass ich das am Stand der Sonne erkenne!“ antwortete eine zweite, selbstbewusst, fast ein wenig genervt.
Leyla blieb stehen und lauschte. Die Stimmen gehörten mehreren Leuten, vermutlich einer Gruppe von Reisenden oder Abenteurern. Sie schob sich vorsichtig durch das Gestrüpp am Wegrand, bis sie auf einen schmalen Trampelpfad trat. Dort entdeckte sie vier Personen, die offenbar über den richtigen Weg stritten.
An der Spitze der Gruppe ging eine hochgewachsene Elfe mit langen, kastanienbraunen Haaren. Sie trug ein großes Schwert an ihrer Seite, und ihre aufrechte Haltung verriet, dass sie die Anführerin war. Neben ihr lief eine zierliche junge Frau, die Leyla fast den Atem raubte – sie hatte eine Schönheit, die selbst durch die schlammverschmierte Robe hindurch erstrahlte. Um ihren Hals hing ein K-Kreuz, das Symbol der Kirche Kameras. Eine Priesterin oder Klerikerin, zweifellos.
Hinter ihnen bewegte sich ein massiger, breitschultriger Mann mit einem gewaltigen Turmschild, auf dem rote Runen leuchteten. Seine Präsenz war beinahe einschüchternd – ein wandelnder Schutzwall aus Muskeln. Der letzte in der Gruppe war ein schlanker, dunkelhaariger Mann mit wachsamen Augen. Ein Langbogen ruhte auf seinem Rücken, und seine Bewegungen waren geschmeidig wie die eines Jägers.
„Wenn Jevry sagt, dass er es erkennt, dann stimmt das…“ begann die Elfe, doch sie unterbrach sich abrupt, als ihr Blick auf Leyla fiel. Ihre Hand glitt instinktiv zum Schwertgriff, und ihr Blick verengte sich misstrauisch.
Leyla hob sofort beschwichtigend die Hände. „Ich bin keine Feindin. Ich habe eure Stimmen gehört und wollte wissen, ob ihr auch nach Norden reist.“
Die Elfe musterte sie einen Moment schweigend, ihre Augen ruhten abschätzend auf ihr. „Und wer bist du?“ fragte sie schließlich, ihre Stimme war ruhig, aber von natürlicher Autorität durchzogen.
Leyla erwiderte ihren Blick mit einem freundlichen Lächeln. „Mera. Ich bin eine...“
Doch bevor sie weitersprechen konnte, fiel ihr die zierliche Schönheit ins Wort. „Mera? Das ist ein kameristischer Name! Bist du auch eine Gläubige?“ Ihre Augen leuchteten auf, fast so, als hätte sie eine Seelenverwandte gefunden. Dann wandte sie sich mit einem strahlenden Lächeln an die Elfe. „Sie wirkt wirklich nett, Lexy. Können wir sie nicht mitnehmen?“
Leyla unterdrückte ein Schmunzeln, während die Elfe – offenbar „Lexy“ – nur eine hochgezogene Augenbraue und ein trockenes Schnauben als Antwort gab.
„Betty, nur weil jemand ein Kreuz trägt, heißt das nicht, dass er eine gute Person ist“, erwiderte sie mit gedämpfter Strenge.
„Das weiß ich doch!“ schmollte Betty, die sich offenbar nicht so leicht entmutigen ließ. „Aber ich spüre, dass sie nicht böse ist.“
Der dunkelhaarige Mann mit dem Bogen mischte sich ein. „Alexandra, wir können uns doch zumindest mit ihr unterhalten. Im schlimmsten Fall sind wir immer noch zu viert.“
Alexandra – augenscheinlich ihr richtiger Name – seufzte leise und schien für einen Moment mit sich zu ringen. Schließlich gab sie nach und nickte knapp. „Ist ja gut, Karst.“ Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Leyla. „Freut mich, Mera. Ich bin Alexandra, aber das hast du ja bereits gehört.“
Leyla nickte höflich. „Freut mich ebenso. Und mit wem habe ich es noch zu tun?“
Die massige Gestalt mit dem Schild trat einen Schritt vor und deutete mit einer Hand auf sich. „Ich bin Jevry.“ Seine Stimme war tief, aber ruhig.
Der dunkelhaarige Mann grinste schief und zuckte mit den Schultern. „Karst.“
Und schließlich Betty, die sich mit einem strahlenden Lächeln zu Leyla drehte. „Betty de la Costa, Dienerin der Kamera! Du kannst mich einfach Betty nennen.“
Leyla tat so, als würde sie zögern, bevor sie schließlich vorsichtig fragte: „Darf ich euch begleiten? Ich reise auch nach Norden und würde mich über Gesellschaft freuen.“
Alexandra betrachtete sie für einen Moment mit zusammengekniffenen Augen, dann seufzte sie erneut. „Solange du uns nicht zur Last fällst. Und solltest du Ärger machen, werde ich nicht zögern, dich loszuwerden.“
Leyla lachte leise und hob abwehrend die Hände. „Ich bin nicht hier, um Ärger zu machen.“
„Gut“, sagte Alexandra knapp. „Dann halten wir uns nicht länger auf. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.“
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Mit den Stunden wurde die Stimmung in der Gruppe immer entspannter. Vor allem mit Jevry und Betty konnte sich Leyla schnell anfreunden. Trotz seines imposanten Äußeren war Jevry überraschend gebildet und höflich. Er erzählte von seinen Reisen, den verschiedenen Kulturen, die er kennengelernt hatte, und den Eigenheiten der Menschen, die er getroffen hatte. Es war faszinierend, ihm zuzuhören, und Leyla stellte schnell fest, dass sie sich gerne mit ihm unterhielt.
Betty hingegen war eine wahre Frohnatur. Ihr Lachen war ansteckend, ihre Freude schien endlos, und sie brachte eine Leichtigkeit in die Gruppe, die Leyla unweigerlich an Nea erinnerte – ihre Freundin aus der Kaiserstadt. Es war, als hätte sich ein Stück Heimat in diese fremde Reisegruppe eingeschlichen, und Leyla konnte nicht leugnen, dass sie es genoss.
Sie hatte mittlerweile erfahren, dass die vier eine Abenteurergilde namens „Die Blätterlosen“ gegründet hatten. Der Name war ihr ein Rätsel, doch sie hatte beschlossen, nicht weiter nachzuhaken. Vielleicht steckte eine tiefgründige Bedeutung dahinter, oder vielleicht war es einfach eine Laune der Gründer gewesen – so wie vieles im Leben.
Während sie eine Pause einlegten, saßen sie auf den moosbedeckten Wurzeln einer alten Weide, während Karst das Gebiet mit seinen scharfen Augen musterte. Leyla nutzte die Gelegenheit, ihre Neugier zu stillen. „Und weshalb seid ihr hier im Moor unterwegs?“ fragte sie schließlich, während sie sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht strich.
Alexandra sah sie ernst an. „Wir haben einen Auftrag. Ein Monster soll hier Reisende angreifen. Wahrscheinlich ein wildgewordenes Tier, vielleicht ein Wildschwein oder ein Wolf. Wir sollen es aufspüren und erledigen, bevor noch mehr Leute zu Schaden kommen.“
Sie zögerte kurz, dann zog sie Leyla ein wenig zur Seite und senkte die Stimme. „Mera, ich will ehrlich sein: Wir können nicht auf dich aufpassen. Also, wenn es ernst wird, dann halte dich bitte raus.“
Leyla musste sich ein Lachen verkneifen. Die ganze Situation war einfach zu absurd. Wenn Alexandra nur wüsste… Doch sie nickte artig, spielte die Rolle, die sie sich geschaffen hatte. „Ja klar, ich falle euch nicht zur Last.“
Alexandra musterte sie einen Moment, dann nickte sie zufrieden. „Gut.“
Karst, der sich ihnen nun näherte, schob die Kapuze seines Mantels zurück und musterte Leyla mit einem nachdenklichen Blick. „Und du? Du hast gesagt, du willst in die Kaiserstadt. Was genau führt dich dorthin?“
Leyla zögerte nur einen Moment, bevor sie antwortete. „Ich habe dort einen Beruf gefunden. Ich muss ihn wahrnehmen.“ Die Antwort war nicht einmal gelogen, doch es war natürlich nicht die ganze Wahrheit. Sie konnte ihnen schlecht erzählen, dass sie eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin war, die sich momentan vor den neugierigen Augen der Welt versteckte.
Karst runzelte die Stirn und wirkte einen Moment nachdenklich. „Dann lass mich dir einen Rat geben: Die Kaiserstadt ist nicht so schön, wie man es in den Büchern liest. Sie ist ein Moloch voller Intrigen, voller Augen, die einen beobachten, und voller Gefahren, die man erst bemerkt, wenn es zu spät ist.“
Leyla erwiderte seinen Blick ruhig. „Danke für die Warnung, Karst. Ich werde vorsichtig sein.“
Doch bevor er noch etwas sagen konnte, wurde die Stille des Moors von einem markerschütternden Schrei durchbrochen. Es war ein verzweifelter, rauer Laut – das Klagen eines Mannes, der in größter Not war.
Innerhalb eines Augenblicks war Alexandra auf den Beinen. Ihr Gesicht hatte sich verändert, die Unbeschwertheit war verflogen. Jetzt war sie eine Kriegerin, fokussiert und bereit. Ohne zu zögern, stürmte sie in die Richtung des Schreis. Jevry folgte sofort, sein massiver Schild auf dem Rücken klirrte leise. Betty schnappte sich ihren Stab, während Karst mit geübter Hand einen Pfeil aus dem Köcher zog.
Leyla blieb nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen.
Sie brachen durch das dichte Unterholz, sprangen über knorrige Wurzeln und durchquerten sumpfige Pfützen. Dann erreichten sie eine kleine Lichtung – und das, was sie dort sahen, ließ selbst Leyla kurz den Atem stocken.
Ein Monster, halb Raubkatze, halb Pflanzenwesen, beugte sich über einen leblosen Körper. Seine Muskeln bewegten sich kräftig, seine mächtigen Klauen waren von einem dunklen Saft getränkt – nicht Blut, sondern etwas Unnatürliches, Klebriges. Sein Fell bestand nicht aus Haaren, sondern aus Lianen und Moos, das sich langsam bewegte, als wäre es lebendig. Es war eine groteske Kreuzung aus Tier und Pflanze, und als es die Ankunft der Gruppe bemerkte, hob es langsam den Kopf.
Zwei glühende, gelbe Augen fixierten sie aus der Dunkelheit.
„Scheiße“, fluchte Jevry leise und zog sein Schild vom Rücken. Seine sonst ruhige Stimme war angespannt. „Ein Sumpflöwe.“
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Leyla kannte dieses Wesen aus einem der Bücher, die Eroica ihr gegeben hatte. Sumpflöwen waren extrem selten, doch wenn sie auftauchten, galten sie als unaufhaltsame Raubtiere. Sie nutzten das Terrain des Moors zu ihrem Vorteil, tarnten sich im Nebel und konnten selbst schwerste Wunden in Sekunden regenerieren. Sie waren klug, geduldig und gnadenlos.
Die Geschichten beschrieben sie als Jäger, die ihre Beute langsam in die Enge trieben, bis jede Flucht unmöglich war. Und jetzt stand sie selbst einem gegenüber.
Die Luft wurde schneidend kalt vor Spannung.
Der Sumpflöwe bewegte sich langsam, sein massiger Körper spannte sich an, als würde er jeden Moment zum tödlichen Sprung ansetzen. Seine gelben Augen glühten wie heiße Kohlen, und das Moosfell schien sich mit jedem Atemzug zu heben und zu senken. Ein tiefes, grollendes Knurren drang aus seiner Kehle, das den Boden unter ihren Füßen vibrieren ließ.
Alexandra zog ihr Schwert und senkte die Klinge in eine tiefe Kampfhaltung. Ihre Stimme war scharf und klar, als sie Befehle erteilte. „Positionen einnehmen! Jevry, vorn! Karst, such dir eine gute Stelle! Betty, bleib in Bewegung!“
Leyla spürte, wie sich ihre Muskeln unwillkürlich anspannten. Sie wusste nicht, wie stark die vier waren, doch sie bezweifelte, dass sie eine Chance hatten. Der Sumpflöwe war zu schnell, zu stark, zu unberechenbar. Sollte sie eingreifen? Oder sie sich selbst überlassen? Die Frage brannte in ihrem Kopf, während sie die Szene vor sich beobachtete.
Dann sprang der Sumpflöwe.
Ein einziger Satz katapultierte das Wesen durch die Luft, seine Lianen schossen wie Speere nach vorne. Alexandra wich mit einem blitzschnellen Ausfallschritt zur Seite, während Jevry sich mit seinem Turmschild schützend vor Betty stellte. Karst ließ einen Pfeil los, doch das Geschoss prallte wirkungslos an den Ranken ab, die sich wie ein lebendiger Schild um das Tier legten.
Alexandra stürmte nach vorne, ihr Schwert zerschlitzte das moosartige Fell des Wesens, doch zu ihrem Entsetzen schloss sich die Wunde innerhalb eines Herzschlags. Die grüne Masse pulsierte, als hätte der Löwe den Angriff kaum gespürt.
„Was sollen wir machen, Jevry?!“ rief Alexandra, während sie zurücksprang. Ihre Stimme klang angespannt, doch nicht panisch – noch nicht.
Jevry stand vor Betty, die gerade einen Zauber vorbereitete. Seine Stimme war tief und ernst. „Wir haben keine Chance gegen einen Sumpflöwen.“
Leyla konnte sehen, wie sich Alexandras Kiefer anspannte. Ihr Griff um den Schwertgriff verhärtete sich. „Wir müssen es trotzdem versuchen. Karst, ziel auf die Augen!“
Karst spannte seinen Bogen, seine Hände waren ruhig, doch in seinen Augen lauerte Angst. Noch bevor er den Pfeil abschießen konnte, machte der Löwe einen weiteren Satz, schneller, als man es für möglich halten würde. Seine Pranke krachte auf Karsts Bogen, zerschmetterte das Holz und warf ihn zu Boden.
Dann blitzten die Zähne des Sumpflöwen auf.
,,AHHHHH!’’
Karst schrie auf, als die gewaltigen Kiefer sich in sein Bein gruben. Blut spritzte in den sumpfigen Boden, und ein klares Knacken war zu hören, als der Knochen brach.
Betty unterbrach ihren Zauber und wollte zu ihm eilen, doch Jevry hielt sie zurück. „Bleib hinten, Betty!“ Seine Stimme war hart, aber nicht unfreundlich. Er wusste, dass sie keine Chance hatte, gegen das Monster anzukommen.
Alexandra wandte sich Leyla zu, ihre Augen brannten vor Entschlossenheit. „Hau ab, Mera. Du hast nichts hiermit zu tun. Wir halten ihn auf!“
Sollte Leyla einfach gehen? Nein. Sie konnte diese Gruppe nicht dem sicheren Tod überlassen.
Der Sumpflöwe bäumte sich erneut auf, seine Pranken krachten auf Alexandra herab. Doch bevor sie getroffen werden konnte, stürzte Jevry sich zwischen sie. Sein Schild hob sich wie ein schützendes Dach, und der Aufprall des Löwen ließ ein metallisches Dröhnen durch die Luft hallen.
—BONG—
Doch der Löwe war nicht so leicht abzuschütteln. Er biss in den Schild, riss ihn Jevry aus der Hand und schleuderte ihn einige Meter weit weg. Dann richtete er seinen Blick auf den riesigen Mann und sprang.
Jevry hatte keine Zeit zu reagieren. Die Zähne des Sumpflöwen bohrten sich tief in seine Brust. Blut spritzte heraus, tropfte auf das moosartige Fell des Monsters, das es gierig aufsog.
„NEIN!“ schrie Betty. Sie wollte zu Jevry stürzen, doch Karst, der sich unter Schmerzen aufgerichtet hatte, hielt sie zurück.
„Wir… wir können ihn nicht besiegen…“ murmelte er, während er sein blutiges Bein hielt.
Betty keuchte, ihre Augen waren geweitet. Dann wandte sie sich Leyla zu.
„M-Mera… bitte… nimm das hier und flieh.“
Sie streckte ihr den Stab entgegen.
Leyla starrte auf den Stab, auf Bettys verzweifelte Miene, auf die Tränen in ihren Augen. Ihre Hände zitterten so stark, dass der Stab beinahe zu Boden fiel.
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Leyla blickte Betty sanft an, ihre Augen ruhig, aber fest entschlossen. Die Angst, die sich in dem Gesicht der jungen Klerikerin spiegelte, war fast greifbar. Der Stab, den sie Leyla hinhielt, drohte ihr aus den Fingern zu gleiten.
„Du kannst doch Heilmagie?“ fragte Leyla mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. „Dann verlasse ich mich darauf, dass du die beiden heilst.“
Betty blinzelte sie verwirrt an, als hätte sie nicht richtig verstanden. „W-Was?“ stammelte sie. „Du darfst dich nicht für uns opfern, Mera!“
Leyla erwiderte nichts. Ihre Entscheidung war längst gefallen.
Stattdessen hob sie die Hände, und für einen Augenblick schien die Welt den Atem anzuhalten. Ein kaum wahrnehmbarer Ruck ging durch die Luft, als würde die Natur auf sie reagieren. Das trübe Wasser des Moors kräuselte sich, die Energie durchzog den Boden unter ihren Füßen. Der Schlamm, in dem sich ihre Stiefel vergraben hatten, begann zu beben – ein leises, drohendes Grollen aus den Tiefen des Erdreichs.
Der Sumpflöwe zögerte. Seine gelben Augen verengten sich, während sein massiger Körper sich anspannte. Er spürte es. Etwas war anders.
Leyla schloss ihre Finger um den Griff ihres Schwertes. Mit einer fließenden Bewegung schleuderte sie die Waffe durch die Luft, ihre Klinge glitzerte im fahlen Licht des Moores. Doch es war mehr als nur ein Wurf – unsichtbar für die Augen der anderen verstärkte sie die Klinge mit der Macht des Runensteins der Erde. Die Energie pulsierte durch das Metall, machte es schärfer, präziser, tödlicher.
Die Waffe bohrte sich mit gnadenloser Präzision in den Rücken des Sumpflöwen. Gleichzeitig erhob sich das Wasser, das zuvor noch reglos im Moor gestanden hatte, und brach wie eine gewaltige Welle über Alexandra und Jevry herein. Doch anstatt sie zu verschlingen, trug die Wassermasse sie sanft aus der Gefahrenzone, ließ sie einige Meter weiter in den schlammigen Boden sinken – unversehrt, aber sichtlich verwirrt.
Alexandra keuchte auf, ihr Schwert immer noch fest in der Hand. Ihr Blick schnellte zu Leyla, eine Mischung aus Erleichterung, Fassungslosigkeit und unausgesprochener Fragen spiegelte sich in ihren Augen. „Was…?“
Doch Leyla schüttelte den Kopf. „Wir reden später“, sagte sie bestimmt, ihr Tonfall ließ keine Widerrede zu.
Dann wandte sie sich dem Sumpflöwen zu. Die Wunde, die ihr Schwert hinterlassen hatte, begann bereits, sich zu schließen. Das moosartige Fell pulsierte, wuchs zusammen, als wäre es nie verletzt worden. Doch diesmal war es anders. Der Löwe bewegte sich langsamer, als hätte etwas tief in ihm eine Unsicherheit geweckt.
Leylas Augen funkelten.
Der Boden unter den Pranken des Löwen begann sich zu verändern. Erst war es nur ein sanftes Zittern, dann formten sich um seine Beine dunkle Schlammströme, die sich in lebendige Fesseln verwandelten. Sie krochen an seinen Beinen empor, schlangen sich um seine Muskeln und zogen ihn mit einer Kraft nach unten, die unmöglich für ihn zu überkommen war.
Er kämpfte.
Er riss an seinen Gliedern, bäumte sich auf, doch die Fesseln gaben nicht nach. Stattdessen drangen sie tiefer in den Boden, versuchten, ihn hinabzuziehen, ihn dort festzuhalten, wo er hingehörte – in die Dunkelheit der Erde.
Leyla atmete aus. Ihre Augen begannen in schwachen Blau zu leuchten, nicht hell, nicht auffällig – doch der Sumpflöwe sah es. Er verstand.
Ein leises Knurren entwich seiner Kehle, doch es war kein Knurren mehr, das Drohung oder Kampfeslust verkündete. Es war ein Laut des Zögerns, vielleicht sogar der Angst.
Dann ließ Leyla los. Die Fesseln gaben nach.
Der Sumpflöwe riss sich los, sprang mehrere Meter nach hinten. Sein Moosfell war gesträubt, sein Körper angespannt, als wäre er auf der Flucht vor etwas, das er nicht begreifen konnte. Einen Moment lang verharrte er noch, dann – ohne einen weiteren Blick zurück – wirbelte er herum und verschwand zwischen den Bäumen. Das Knacken von Ästen, das Rascheln von Blättern – und dann war er fort.
Stille.
Leyla drehte sich langsam zu den anderen um. Die Spannung in der Luft war fast greifbar.
„Da hab ich ja nochmal Glück gehabt“, sagte sie schließlich mit einem leichten, gespielt erleichterten Lächeln. „Meine Mana geht nach so einem Zauber schon fast zur Neige!“
Alexandra starrte sie an, ihre Brust hob und senkte sich schnell, noch immer von Adrenalin durchflutet. „W-Wie hast du das gemacht?“ fragte sie schließlich. Ihre Stimme war rau, durchtränkt von Misstrauen – aber auch von Staunen.
Leyla zuckte mit den Schultern. „Lass uns einen ruhigen Ort suchen, dann erkläre ich es euch“, sagte sie und blickte zu Betty.
Die Klerikerin hatte sich bereits auf den Boden gekniet, ihre Hände begannen sanft zu leuchten, als sie ihre Heilmagie auf Jevry und Karst wirkte. Ihre Lippen bewegten sich lautlos, während das warme, goldene Licht langsam über die Wunden der beiden Männer floss.
Karst stöhnte leise, sein schmerzverzerrtes Gesicht entspannte sich langsam. Jevry, dessen Brust noch immer von dunklem Blut bedeckt war, öffnete schwerfällig die Augen.
Leyla sah Betty an, die ihre ganze Kraft in den Heilzauber legte, trotz ihrer eigenen Erschöpfung, trotz der Angst, die noch in ihr steckte.
Und zum ersten Mal, seit sie die Gruppe getroffen hatte, fragte sie sich, ob sie diesen vier Abenteurern wirklich nur eine Lüge hätte erzählen sollen.
Doch dieser Gedanke verflog so schnell, wie er gekommen war.
Ihre Identität durfte nicht ans Licht kommen.
Noch nicht.
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Das Lagerfeuer flackerte sanft auf der Lichtung, die sie als Schlafplatz gewählt hatten. Die Flammen warfen warme, tanzende Schatten auf die Gesichter der Gruppe, während die Dunkelheit des Moores sich lautlos um sie legte. Der Nebel hing schwer zwischen den Bäumen, als würde das Land selbst den Atem anhalten, fasziniert von dem, was an diesem Abend geschehen war.
Leyla saß den vier Abenteurern gegenüber, die sie mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Neugier musterten. Ihre Blicke brannten auf ihr, unausgesprochene Fragen lagen in der Luft, wie eine drückende Stille vor einem Sturm. Sie wusste, dass sie etwas sagen musste.
Leyla räusperte sich schließlich und durchbrach das Schweigen. „Ich kann etwas Wassermagie wirken“, begann sie vorsichtig. Ihre Stimme klang ruhig, kontrolliert. „Ich weiß nicht, warum der Löwe vor mir geflohen ist, aber da haben wir echt Glück gehabt.“
Karst reagierte nicht sofort. Sein Blick war schmal, voller prüfender Skepsis. Mit dem Stock in der Hand stocherte er in den Flammen herum, als würde er darin nach Antworten suchen.
Jevry hingegen ließ sie nicht so einfach davonkommen. Sein analytischer Blick ruhte auf ihr, als wäre sie ein Rätsel, das er entschlüsseln wollte. „Wassermagie also?“ wiederholte er langsam. Seine Stimme war ruhig, aber durchdringend. „Du hast das Wasser aus dem Schlamm gezogen. Das war keine einfache Wassermagie…“
Leylas Herz schlug einen Moment schneller.
Doch bevor Jevry weiter nachhaken konnte, schnitt ihm Alexandra mit fester Stimme ins Wort. „Wir sollten Mera dankbar sein. Sie hat uns allen das Leben gerettet.“
Ihr Blick wanderte zu Leyla, ernst, aber voller aufrichtiger Freundlichkeit. „Du musst nichts erklären, wenn du es nicht möchtest.“
Leyla hielt einen Moment inne. Alexandra meinte es ehrlich – und das überraschte sie. Sie hatte erwartet, dass die Gruppe misstrauischer wäre. Dass sie nachbohren, drängen, Antworten fordern würden. Stattdessen bot Alexandra ihr eine Möglichkeit, den Schein aufrechtzuerhalten.
Sie nickte leicht. „Danke“, murmelte sie, ihre Stimme leiser als zuvor.
Trotzdem wusste sie, dass sie ihre Tarnung nicht mehr lange aufrechterhalten konnte. Sie hatte sich auf eine Gruppe kluger Abenteurer eingelassen, und sie spürte, dass sie langsam aber sicher durchschaut wurde.
Plötzlich regte sich Betty. Ohne Vorwarnung stand sie auf und ging langsam um das Feuer herum, direkt auf Leyla zu. Ihre Robe war noch immer schmutzig, an den Säumen mit getrocknetem Schlamm bedeckt, doch das schien sie nicht zu kümmern. Ihr Blick war sanft, fast neugierig, als sie sich direkt neben Leyla in die feuchte Erde sinken ließ.
Dann beugte sie sich leicht vor, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern über dem leisen Knistern der Flammen. „Da war doch viel mehr, als das, was die anderen gesehen haben, oder?“
Leyla stockte.
Bevor sie reagieren konnte, sprach Betty hastig weiter. „Ich konnte sehen, wie du das Schwert verstärkt hast. Und ich habe gespürt, wie du den Löwen gefesselt hast.“
Leyla öffnete den Mund – doch kein Wort kam über ihre Lippen. Betty hatte es bemerkt?
Ihr Kopf arbeitete fieberhaft. Sie hatte sich so gut es ging zurückgehalten, sich darauf konzentriert, ihre Kräfte so subtil wie möglich zu nutzen. Aber Betty war anders als die anderen. Ihre Augen hatten Dinge gesehen, die den anderen entgangen waren.
„Du musst nichts erklären, wie Lexy schon meinte“, fuhr Betty fort, bevor Leyla nach einer Ausrede suchen konnte. Ihre Stimme war leise, voller ehrlicher Bewunderung. „Ich wollte dir nur sagen, dass du richtig toll bist.“
Leyla blinzelte überrascht.
Mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Kein Misstrauen. Keine Angst. Kein Versuch, ihre Geheimnisse zu entlocken. Nur ein ehrliches Lächeln, eine Anerkennung, die keine Beweise brauchte.
Langsam entspannte sie sich. Sie legte eine Hand auf Bettys Schulter, drückte sie sanft und erwiderte leise: „Danke, Betty. Das bedeutet mir viel.“
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Nahenma atmete tief durch, als seine suchenden Augen sie endlich wiederfanden. Endlich. Nach Monaten der Jagd, des Spürens, der rastlosen Nächte hatte er sie eingeholt. Das Mädchen, das nicht in diese Welt gehörte.
Er verharrte im Schatten der Bäume, das Blätterdach über ihm flüsterte im Wind, als würde selbst der Wald seine Ankunft kommentieren. Vor ihm, kaum dreißig Schritte entfernt, saß sie am Lagerfeuer, umgeben von ihren neuen Gefährten – vier Fremde, die sie offenbar als ihre Freunde betrachtete. Nahenma hatte sie beobachtet, ihre Spur durch Wälder und Sümpfe verfolgt, ihre kleinen Gewohnheiten und Bewegungen studiert. Und nun war sie in seiner Reichweite, so nah, dass er beinahe ihren Atem im kühlen Wind hätte spüren können.
Er hatte sich so oft gefragt, was sie wohl in diesem Moment tun würde. Würde sie ahnen, dass er hier war? Dass sich die Sense ihres Schicksals über ihr zuspitzte? Doch nein – sie saß lachend am Feuer, sorglos, als gehöre sie in diese Welt.
Er erinnerte sich an das erste Mal, als er sie beobachtet hatte. Damals war sie kaum mehr als eine Unbedeutende gewesen, ein Mädchen ohne Richtung, das durch diese Welt irrte, verloren zwischen den Schatten von Begleitern, die Größeres bewirkten. Er hatte sie studiert, getestet, sich überzeugt, dass sie keine Bedrohung war.
Doch dann… hatte sich alles geändert.
Sie war zu einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin geworden. Ihr Name wurde in den dunklen Ecken geflüstert, in Tavernen, in den Gassen der Unterwelt, unter denen, die wissen mussten, vor wem sie sich fürchten sollten. Und schlimmer noch – sie hatte zwei der Runensteine gefunden. Nicht nur gefunden, sondern gebändigt, sich ihre Macht angeeignet, als wäre es ihr Schicksal gewesen.
Doch das war unmöglich.
Die Runensteine wählten ihre Träger mit Sorgfalt. Sie verweigerten sich denen, die ihrer nicht würdig waren. Selbst die mächtigsten Magier konnten an ihnen verzweifeln, ihre Körper brachen unter der Last ihrer Kraft. Doch dieses Mädchen hatte es geschafft, mit einer Leichtigkeit, die jede Regel, jedes Naturgesetz verhöhnte.
Das war nicht normal.
Das war gefährlich.
Nahenma spürte, wie sich seine Muskeln anspannten, während er sie weiter beobachtete. Ihre Haltung war entspannt, ihr Lächeln sorglos, ihr Blick voller Leben. Doch er wusste, dass es nur eine Illusion war. Sie war kein einfaches Mädchen mehr. Sie war eine Anomalie, ein Riss in der Struktur dieser Welt, eine Bedrohung für das Gleichgewicht, das bewahrt werden musste.
Er atmete tief ein, füllte seine Lungen mit der kühlen Nachtluft. Sie roch nach feuchtem Moos, nach verbranntem Holz, nach der Stille, die sich wie ein unsichtbarer Mantel um das Moor legte. Nur das Knistern des Feuers und das leise Gemurmel der Gruppe durchbrachen die Ruhe. Sie waren entspannt. Fast… friedlich.
Nahenma schloss für einen Moment die Augen.
War sie wirklich eine Bedrohung?
Oder war sie nur ein Mädchen, das versuchte, ihren Platz in einer Welt zu finden, die sie nie ganz verstehen würde?
Ein leises, warmes Lachen durchbrach die Stille, und seine Augen öffneten sich sofort wieder. Es war ihres. Sie lachte.
Doch dann erinnerte er sich an die Macht, die in ihr schlummerte. An das, was sie hatte.
Und er wusste: Er durfte nicht zögern.
Diese Welt war größer als ein einzelnes Leben. Und wenn er dieses Opfer bringen musste, um das Gleichgewicht zu bewahren, dann würde er es tun.
Er trat zurück in die Schatten der Bäume. Noch nicht. Nicht heute Nacht. Doch bald…
Sehr bald.



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