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Kapitel 144 - Wenn der Schnee sich rot färbt

9. März 2025
16 Min. Lesezeit

Die Kälte der Schneelande kroch wie ein lebendiges Wesen durch die dicken Zeltwände. Ein leiser, aber stetiger Feind, der sich in jede Faser der Kleidung, in jeden Atemzug stahl. Jakira saß auf einem umgestürzten Baumstamm, der als provisorische Bank diente, und starrte in die züngelnden Flammen der Feuerstelle. Das Licht flackerte an den groben Zeltwänden, warf verzerrte Schatten und ließ den Raum enger wirken, als er tatsächlich war.


Doch die Wärme war kaum spürbar. Sie war trügerisch, nur ein schwacher Trost inmitten des gnadenlosen Winters. Jakira rieb ihre klammen Hände aneinander und ballte sie zu Fäusten, während sie den Worten von Prinzessin Nara lauschte.


„Bist du dir sicher, Ulfgor?“ Naras Stimme war ruhig, doch Jakira hörte die unterdrückte Anspannung. Die Prinzessin ließ sich nicht so leicht verunsichern, aber heute… Heute lag etwas in der Luft.


Ulfgor, der massive Bärenkrieger, stand regungslos am Rand des Feuers, seine Silhouette von den tanzenden Schatten verzerrt. Sein dunkles Haar hing in losen Strähnen über seine breiten Schultern, und seine Nase zuckte leicht, als würde er eine Witterung aufnehmen, die nur er wahrnehmen konnte.


„Ja, ich bin mir sicher“, sagte er schließlich, seine tiefe Stimme vibrierte in der frostigen Luft. „Irgendjemand wartet da draußen auf uns. Ich kann es riechen.“


Ein leises Knacken ging durch das Zelt, als Naras Hände sich zu Fäusten ballten. Jakira wusste mittlerweile, dass Ulfgor nicht der Typ war, der solche Dinge leichtfertig sagte. Wenn er eine Gefahr spürte, dann war sie real.


„Weißt du, wie viele es sind?“ fragte sie scharf.


„Zwei“, antwortete er nach kurzem Zögern. „Der eine ist stark. Sehr stark.’’


Jakira spürte, wie eine Gänsehaut ihren Rücken hinaufkroch – und das lag nicht an der Kälte. Etwas in Ulfgors Stimme ließ sie unruhig werden. Wer auch immer diese beiden Fremden waren, sie waren nicht durch Zufall hier.


Nara überlegte nicht lange. „Dann werden wir nicht blind in eine Falle rennen. Ich werde mit Ulfgor und Baharmut die Lage erkunden.“


Jakira fühlte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie war die beste Späherin in der Einheit – warum wurde sie nicht ausgewählt?


„Ihr bleibt hier“, fuhr Nara fort und richtete ihren Blick auf Atorm, Gendri und Jakira. „Falls etwas passiert, verteidigt das Lager. Ansonsten haltet euch zurück.“


Jakira schluckte. Die Worte klangen wie ein Messer, das sich leise in ihr Selbstvertrauen schnitt. Zurückbleiben. Nicht nützlich sein. Nur sitzen und warten, während andere den gefährlichen Teil übernahmen.


Baharmut hängte wortlos seine fünf Schwerter an den Gürtel, sein Gesicht zeigte keinerlei Emotionen. Er war immer so, ruhig und gefasst, als wäre es ihm egal, ob er in eine Schlacht zog oder ein Schachspiel spielte.


„Falls ihr angegriffen werdet, verteidigt euch“, wiederholte Nara, während sie das Zelt verließ. Ulfgor und Baharmut folgten ihr lautlos, ihre Silhouetten verschwanden in der dichten Dunkelheit des Schneesturms.


Stille kehrte ein.


Jakira starrte ins Feuer. Die Flammen knackten und knisterten leise, ein schwaches Echo dessen, was in ihrem Inneren brodelte. Sie wusste, dass Nara ihre Gründe hatte, doch es nagte an ihr. Sie wollte sich beweisen, wollte nicht nur eine einfache Botenläuferin sein. Doch jetzt saß sie hier – unfähig, das Gegenteil zu beweisen.


Gendri bewegte sich kaum, sein weißer Umhang fast eine zweite Haut. Es war schwer zu sagen, ob er nachdachte oder einfach nur fror. Atorm hingegen überprüfte seine Fingernägel, die schärfer und spitzer als jede Klinge waren, als könnte er es kaum erwarten, dass etwas passierte.


Jakira schloss die Augen. Sie vermisste Liam.



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Baharmut trottete hinter seiner Prinzessin und dem massigen Ulfgor durch den tiefen Schnee, seine Stiefel versanken mit jedem Vorankommen tiefer in der weißen, eisigen Masse. Jeder Schritt war eine Anstrengung, als würde der Schnee mit jeder Bewegung versuchen, sie zurückzuhalten. Der eisige Wind schnitt scharf durch die Luft und biss sich selbst durch die dicken Pelzmäntel hindurch, die ihre Körper umhüllten. Sie hatten den Großteil ihres Marsches in Stille verbracht, einzig das Knirschen des Schnees unter ihren Füßen störte die fast unnatürliche Ruhe des Waldes.


Der Eiswald umgab sie wie eine stille, alte Kathedrale, deren Pfeiler aus frostüberzogenen Baumstämmen bestanden. Ihre Äste hingen schwer unter der Last des Schnees, manche knarrten bedrohlich im Wind, als würden sie flüstern oder sich über die Eindringlinge beschweren. Die Sonne war hinter dichten Wolken verborgen, sodass nur ein mattes, diffuses Licht durch den Himmel sickerte. Die Welt wirkte hier fast monochrom – ein ewiges Reich aus Weiß, Grau und Schatten.


Ruckartig hielt Ulfgor inne. Die muskulöse Masse seines Körpers erstarrte, seine Schultern spannten sich, und seine Nase zuckte leicht, als würde er eine unsichtbare Bedrohung erschnüffeln. Sein Blick wurde schmal, seine Ohren zuckten kaum merklich. Ein leises, raues Knurren vibrierte in seiner Kehle, kaum lauter als das Wispern des Windes, doch für Nara und Baharmut war es ein klarer Warnruf.


„Hier“, brummte er schließlich, ohne seinen Blick von der schneebedeckten Lichtung vor ihnen zu nehmen.


Nara blieb sofort stehen, ihre Bewegungen kontrolliert und lautlos. Ihre goldenen Augen ruhten auf dem Bärenkrieger, während ihre Finger sich sachte um den Griff ihres Dolches schlossen. „Was hast du?“ Ihre Stimme war ein leiser Hauch, kaum hörbar über das sanfte Säuseln des Windes hinweg.


Ulfgor drehte seinen massigen Kopf zur Seite und fixierte einen Punkt im verschneiten Dickicht. „Unser Feind ist nah, kaum einhundert Meter entfernt“, murmelte er, seine Worte tief und scharf wie ein Messer. „Und die zweite Präsenz… war nicht einfach eine Person. Es war seine Waffe.“


Naras Stirn legte sich in tiefe Falten, auch Baharmut überlegte. Eine Waffe mit Präsenz? Das war keine alltägliche Bedrohung. Das bedeutete, dass ihr Gegner ein besonderer Krieger war – jemand, dessen Waffe mit einer eigenen Existenz ausgestattet war. So etwas gab es nur selten.


Baharmut machte sich kampfbereit. Seine fünf Schwerter schwebten um ihn herum, angetrieben durch sein Mana, und schienen nur darauf zu warten, dass er den Befehl zum Angriff gab. Ihre Klingen glänzten im fahlen Licht, jede von ihnen geschärft für den Moment, in dem sie durch Fleisch oder Stahl schneiden mussten.


„Lasst uns die Gefahr gemeinsam beseitigen“, sagte Nara, ihre Stimme war ruhig, aber in ihrem Ton lag unmissverständliche Entschlossenheit. „Wir können nicht zulassen, dass das Kaiserreich von Atorm erfährt. Noch nicht.“


Baharmut nickte nur, sein Blick blieb auf die Lichtung gerichtet, während sein Mana in sanften Wellen um seine Schwerter pulsierte. Ulfgor hingegen bleckte die Zähne in einem lautlosen Knurren.


Doch dann – eine Regung.


Ulfgor zuckte leicht zusammen. Sein Blick wurde schärfer, seine Stimme war nur noch ein leises Grollen. „Unser Feind… er kommt zu uns.“


Es waren Schritte. Schwer, langsam und bedächtig. Sie hallten durch den Schnee, ein rhythmisches Knirschen, das sich mit jedem Schritt tiefer in ihre Nerven grub. Es war nicht das Geräusch eines Flüchtigen, nicht das eines Jägers, der sich leise anpirschte. Nein – das war das Geräusch von jemandem, der wusste, dass ihm keiner der drei gefährlich werden konnte.


Die Spannung war nahezu greifbar.


Baharmut ließ seine Schwerter leicht rotieren, seine Magie summte in der Luft. Nara schob sich etwas zur Seite. Ulfgor senkte sich tiefer in seine Kampfstellung, bereit, jeden Moment loszustürmen.


Dann, als die Schritte noch zwanzig Meter entfernt waren, erklang eine Stimme. Sie war tief, grollend, beinahe animalisch, aber voll müheloser Dominanz. Die Worte zogen sich lang, als würde ihr Sprecher sie mit Bedacht kosten.


„Narr, Prrinzessin. Was macht Ihrr denn bei den Rrebellen?“



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Die Worte hallten wie ein dunkles Omen durch die schneebedeckten Bäume, als würden die Schatten des Waldes selbst darauf reagieren. Der Wind frischte auf, peitschte mit unbändiger Kraft durch die Lichtung und ließ den Schnee in dichten Schwaden um sie herumwirbeln. Es war, als hätte die Natur selbst beschlossen, Zeuge dieses Moments zu sein – einer Konfrontation, die unausweichlich war.


Nara sah, wie sich ihr Atem in der eisigen Luft zu kleinen Wölkchen formte, und spürte, wie ihr Herz schlug schneller. Sie kannte den Namen des Chimps, der vor ihr stand. Bunj. Der dritte Kaiserliche Kopfgeldjäger. Keiner, der ihm je begegnet war, konnte ihn vergessen. Und kaum jemand konnte ihm entkommen.


Sie hatte gehofft, dass sie noch Zeit hatten. Dass sie sich in Randurin verschanzen, organisieren, eine Strategie entwickeln konnten. Doch das Kaiserreich war schneller gewesen. Es hatte sie bereits erwartet. Jetzt gab es keine Ausflüchte mehr, keine Verhandlungen. Nur den Kampf.


„Baharmut!“ rief sie scharf, ihre Stimme durchschnitt die Stille wie ein Peitschenhieb.


Der Elf war sofort bereit, seine wachen Augen fixierten Bunj, während seine fünf Schwerter drohend um ihn herum schwebten – tödlich, präzise, lauernd wie Raubtiere.


„Ja, Prinzessin?“


„Lauf. Hol Atorm. Sofort!“ Ihre Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Sie wusste, dass sie gegen Bunj nicht gewinnen konnten. Nicht ohne Atorm.


Baharmut zögerte, sein Blick flackerte kurz zwischen ihr und dem Kopfgeldjäger hin und her. Dann passierte etwas, das ihn erstarren ließ. Ohne Vorwarnung, ohne eine Bewegung von Bunj, sanken Baharmuts Schwerter einfach zu Boden – als hätte eine unsichtbare Kraft sie an Ort und Stelle gebannt. Der Elf erstarrte, sein Blick verdunkelte sich vor Überraschung.


Ein Schmunzeln huschte über Bunjs Lippen, ein Ausdruck stiller Überlegenheit. „Dumm gelaufen, oderr?“


Doch Baharmut ließ sich nicht beirren. Er nickte nur knapp, spannte seine Muskeln an und setzte sich in Bewegung. Seine Füße gruben sich tief in den Schnee, als er lossprintete, jeder Schritt eine kraftvolle Entscheidung gegen die lähmende Unsicherheit.


Nara wandte den Blick von ihm ab, ihr Fokus nun ganz auf Bunj gerichtet. Er trat weiter nach vorne, seine Silhouette hob sich düster gegen die verschneiten Bäume ab. Die Luft um ihn herum schien sich zu verdichten, als würde die Welt sich seiner bloßen Präsenz bewusst werden. In seiner Hand hielt er seinen Kampfstab.


„Ulfgor“, sagte Nara leise, doch ihre Worte waren von Stahl durchzogen. „Gib alles, was du hast.“


Ulfgor grinste. Ein breites, gefährliches Lächeln, das nur ein Wesen zeigte, das sich auf den bevorstehenden Kampf freute. Seine Muskeln spannten sich, und dann begann seine Verwandlung. Sein dunkles Fell verschmolz mit seinem Körper, seine Hände wurden zu riesigen, tödlichen Pranken, sein Gesicht verformte sich, seine Knochen knackten, als sie sich dem Körper eines riesigen Schwarz-Bergbären anpassten. Innerhalb von Sekunden stand kein Mensch mehr vor ihnen – sondern ein Koloss, eine Bestie in Fleisch und Blut.


Bunj zeigte keine Spur von Angst. Im Gegenteil. Er grinste, sein Blick funkelte vor unbändiger Kampfeslust. Seine Finger schlossen sich fester um den Griff seines Stabes.


„Dann brring ich Euch mal nach Hause, Prrinzessin.“ Seine Stimme klang tief und grollend, als wäre sie ein Teil der Schneelanden selbst – mächtig, unerbittlich und ohne Erbarmen.



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Ulfgor schoss vor wie eine entfesselte Bestie, seine massige Gestalt war eine einzige geballte Kraft, die durch den Schnee pflügte. Jede Bewegung ließ den tiefen Schnee unter seinen Pranken aufwirbeln, seine Muskeln spannten sich wie Sehnen einer gewaltigen Armbrust. Mit einem tiefen Grollen holte er aus, seine rechte Pranke zerschmetterte die Luft auf dem Weg zu seinem Ziel – ein Schlag, der jeden gewöhnlichen Gegner in zwei Hälften gerissen hätte.


Doch Bunj war kein gewöhnlicher Gegner.


Mit beeindruckender Geschwindigkeit ließ sich der Chimp zur Seite fallen, der Windhauch des Schlages fuhr ihm noch durch das Fell, als er mit erstaunlicher Präzision seinen Kampfstab hochriss. Die Waffe aus dunklem Holz vibrierte leicht, als sie mit Ulfgors gewaltiger Pranke kollidierte. Der Aufprall ließ eine Druckwelle durch die Umgebung rasen, der Schnee wurde in einer Staubwolke in die Luft geschleudert. Doch Bunj hielt stand, sein Standbein fest im Schnee verankert, sein Grinsen wurde nur noch breiter.


„Du machst mirr’s leicht, Brrummbärr!“ höhnte Bunj und nutzte den Moment, um blitzschnell nach vorne zu schnellen. Bevor Ulfgor reagieren konnte, setzte der Kopfgeldjäger zu einer Serie von Stößen an. Der Stab zuckte wie eine Speerlanze, jeder Treffer zielgenau platziert. Zwei, drei, vier Stiche in rasender Geschwindigkeit krachten gegen Ulfgors Bauch und Brust, jeder Schlag hart genug, um einen normalen Krieger in die Knie zu zwingen.


Ulfgor taumelte einen halben Schritt zurück, ein tiefes Knurren vibrierte in seiner Kehle. Doch anstatt vor Schmerzen nachzugeben, funkelten seine eisblauen Augen nur umso wilder. Seine Wut trieb ihn weiter an. Er riss sein Maul auf, sein brüllender Kampfschrei grollte durch den gefrorenen Wald und ließ selbst die schwerfälligsten Eisschichten an den Bäumen erbeben.


Bunj ließ sich davon nicht beeindrucken. Während Ulfgor zum nächsten Angriff ansetzte, wich der Kopfgeldjäger mit akrobatischer Eleganz zurück, seine Füße glitten mühelos über den Schnee. Er tauchte unter dem nächsten Prankenhieb hinweg, ließ seinen Kampfstab durch die Luft wirbeln und rammte ihn mit blitzartiger Präzision in den gefrorenen Boden. Fast augenblicklich schien sich der Stab auszudehnen, als würde er leben. Mit einer Bewegung, die an einen Sprung von einem Katapult erinnerte, wurde Bunj in die Luft geschleudert.


Er drehte sich mühelos um die eigene Achse, die Schneelandschaft unter ihm verschwamm, während er sich die perfekte Position suchte. Dann landete er – direkt auf Ulfgors Kopf.


„Brrüllen kann ich auch!“ spottete Bunj mit einer gefährlichen Schärfe in der Stimme und schlug seine Zähne in das dichte Fell an Ulfgors Hals.


Der Schmerz riss Ulfgor aus seiner Raserei. Mit einem zornigen Brüllen bäumte sich der Riesenbär auf, seine Pranken schnellten nach oben, packten Bunj mit unmenschlicher Kraft und schleuderten ihn mit einem gewaltigen Wurf durch die Luft. Der Chimp flog durch den eisigen Himmel, seine Gestalt war kaum mehr als ein Schatten im Schneesturm. Doch noch bevor er auf dem Boden aufschlagen konnte, streckte er einen Arm aus, krallte sich mit Leichtigkeit an einem der schweren Äste eines alten, knorrigen Baumes fest und schwang sich mit scheinbarer Mühelosigkeit zurück auf den Boden.


Mit einem lässigen Ruck schnappte er sich seinen Kampfstab wieder. Der Kampf war für ihn nicht mehr als ein Spiel, ein Tanz auf dem schmalen Grat zwischen Tod und Triumph. Seine Augen funkelten wild.


„Zeig mirr, was du kannst, Bärr!“ rief er heraus, seine Stimme schallte wie ein Echo durch die verschneite Lichtung. Es war nicht nur ein Ruf zum Kampf – es war eine Einladung zu einem Spiel, das er ganz offensichtlich genoss.


Währenddessen stand Nara am Rande des Schlachtfelds, ihre Augen fixierten jede Bewegung der beiden Krieger. Ihr Atem ging ruhig, doch ihr gesamter Körper war angespannt. Sie hatte den Dolch fest in der Hand, das kalte Leder brannte fast in ihrer Haut. Sie wusste, dass sie noch nicht eingreifen konnte – nicht jetzt. Sie musste warten, auf den richtigen Moment, auf die Sekunde, in der der Kopfgeldjäger sich eine Blöße geben würde.


Ulfgor preschte erneut nach vorne, sein massiger Körper wurde zu einem unaufhaltbaren Projektil. Mit jeder Bewegung ließ er den Boden unter sich beben, der Schnee stob in dichten Schwaden um ihn herum auf. Er würde Bunj diesmal nicht entkommen lassen.


Und genau in diesem Moment aktivierte Nara ihre Magie.


Die Welt um sie herum erstarrte. Jede Schneeflocke, die durch die Luft wirbelte, wurde in ihrer Bewegung eingefroren. Der Wind verstummte, als hätte jemand den Klang selbst aus der Welt geschnitten. Ulfgors massiger Körper, der sich gerade noch in voller Geschwindigkeit bewegt hatte, stand nun wie in einem stillstehenden Gemälde, eingefroren zwischen Wut und Momentum.


Nara schloss die Augen für einen Sekundenbruchteil, dann sprintete sie los.



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Bunjs Kampfstab war eine Waffe von schlichter, aber unbarmherziger Perfektion. Sie wirkte unscheinbar, nur ein glatter, dunkler Holzstab, den man in jeder Stadt als gewöhnliche Kriegerausrüstung abtun könnte. Doch wer sich mit dem Chimp beschäftigt hatte, wusste es besser. Seine wahre Macht lag in seiner Fähigkeit, Mana aus der Luft zu saugen und zu neutralisieren – ein Fluch für jeden Magier, ein Albtraum für jene, die sich auf Magie verließen. Die Welt erzählte sich, dass kein Zauber, keine noch so mächtige Magie, Bunj auch nur einen Kratzer zufügen konnte.


Aber Nara wusste es besser. 


Die meisten gingen davon aus, dass der Stab jede Form von Magie annullierte. Doch das war eine Lüge. Externe Zauber, ja – sie verpufften, kaum dass sie die Luft berührten. Doch Magie, die innerhalb des eigenen Körpers blieb, die nicht nach außen drang, war immun gegen den Einfluss des Stabs. Die Waffe konnte einem nicht das Mana rauben, das tief im eigenen Fleisch brannte. Und genau das war Naras Vorteil.


Ihre Zeitmagie war keine rohe Kraft, die die Welt anhielt, kein allumfassender Zauber, der alles einfrieren konnte wie die Fähigkeit ihres Bruders Hypos. Nein, ihre Magie war viel subtiler, viel tückischer. Sie beschleunigte sie selbst, brach die Regeln der Zeit nur für ihren eigenen Körper. Für die anderen schien es, als würde sie in einem Wimpernschlag von einem Ort zum anderen springen – doch für sie veränderte sich die Welt. Die Geräusche verzerrten sich, wurden dumpf und fern, die Bewegungen der anderen verloren an Bedeutung.


Bunj glaubte, dass sie keine Bedrohung war. Das würde er bereuen.


Mit einem einzigen Atemzug war sie verschwunden. Ihr Körper wurde zur Silhouette aus Silber und Schnee, ein flüchtiger Schatten, der durch die Luft schnitt. Ihr Dolch war eine schimmernde Linie, die sich direkt auf den Hals des Kopfgeldjägers zubewegte. Die Klinge glitt durch die Haut wie durch Wasser – sauber, präzise, tödlich.


Blut spritzte auf den weißen Schnee, ein greller, klaffender Kontrast in der monochromen Kälte der Schneelanden. Noch bevor Bunj reagieren konnte, ließ Nara den Dolch los, machte einen flinken Satz rückwärts und löste ihre Magie auf. Die Zeit kehrte zurück zu ihrem normalen Fluss.


Bunj taumelte. Sein Gesicht war kein Ausdruck von Schmerz, sondern von Überraschung. Er hatte nicht erwartet, dass sie ihn treffen könnte. Nicht so. Seine Finger hoben sich instinktiv zu seiner Kehle, als ob er spüren müsste, ob die Wunde wirklich da war. Und in diesem Moment, in dieser einen Sekunde der Schwäche, traf ihn die geballte Wucht von Ulfgors Pranken.


Das Geräusch, mit dem der Kopfgeldjäger in den Schnee geschmettert wurde, war kein dumpfes Fallen – es war ein dröhnendes Krachen, als würde ein Felsbrocken auf Eis prallen. Ulfgors massige Gestalt begrub ihn unter sich, und ein tiefes Knurren vibrierte in der Brust des Bärenkriegers. Schnee flog in alle Richtungen, als er sein gewaltiges Maul öffnete, seine Zähne scharf wie Dolche, bereit, sich in den Schädel des Kopfgeldjägers zu bohren.


Doch Bunj war nicht so leicht zu töten.


Seine Bewegungen waren wie die eines wilden Tieres, getrieben von einem Überlebensinstinkt, der ihn nie im Stich ließ. Mit einem verzweifelten Ruck schaffte er es, seinen Arm zu befreien, presste ihn gegen Ulfgors Hals, während seine Beine sich tief in den Bauch des Bären krallten. Er war eingeklemmt, sein Blut färbte den Schnee rot, und doch kämpfte er weiter, als wäre Schmerz nichts weiter als eine Ablenkung.


Nara fasste sich kurz an ihre eigenen Arme, als sie sah, wie der Kopfgeldjäger sich trotz der klaffenden Wunde aufbäumte. Ihr Herz schlug schneller. Was war dieser Mann? Selbst mit einer durchtrennten Kehle kämpfte er, als wäre er unaufhaltsam.


Ulfgors Kiefer schnappte immer wieder nach ihm, seine Pranken rangen darum, Bunj niederzudrücken. Zentimeter für Zentimeter kam er näher. Heiße Tropfen Speichel fielen auf Bunjs Gesicht, vermischten sich mit Blut und Schnee. Die Anspannung in der Luft war fast greifbar.


Dann – ein lautes Knacken.


—KNACK—


Ein Geräusch, das nichts Gutes verhieß.


Bunj nutzte die Sekunden, in denen Ulfgors Griff kurz nachließ, rollte sich mit einer fließenden Bewegung aus der tödlichen Umklammerung und glitt durch den Schnee, als wäre er aus purem Schatten gemacht. Er bewegte sich mit einer Geschwindigkeit, die seinen Verletzungen widersprach, als wäre sein Körper darauf trainiert, selbst mit gebrochenen Knochen zu funktionieren. Sein linker Arm hing schlaff herab – die Schulter war ausgekugelt oder schlimmer, der Knochen gebrochen. Doch sein Gesicht verzog sich nicht einmal vor Schmerz.


Seine Augen fixierten sein Ziel. Seinen Kampfstab.


Ein Satz, und er war da. Seine Finger schlossen sich um das vertraute Holz, und kaum dass er die Waffe berührte, begann der Schnee um ihn herum zu vibrieren. Dann – eine plötzliche, unerwartete Bewegung. Er schnappte mit den Zähnen nach einem kleinen, mit Leder umwickelten Fläschchen, das in seinem Fell steckte. Mit einer schnellen Kopfbewegung biss er den Korken ab und leerte die leuchtend rote Flüssigkeit in einem Zug.


Ein Heiltrank.


Die Wirkung war sofort spürbar. Sein Körper straffte sich, seine Muskeln spannten sich, als würde die Kälte aus seinen Gliedern gebrannt. Der gebrochene Arm knirschte, als sich die Knochen wieder an ihren Platz fügten, die Wunde an seiner Kehle schloss sich in Sekundenschnelle, als hätte es sie nie gegeben.


Dann richtete er sich auf.


Naras Atem stockte. Der Ausdruck in seinen Augen hatte sich verändert. Das Grinsen war zurück – aber diesmal war es anders. Es war nicht mehr das spöttische Lächeln eines Mannes, der ein Spiel genoss. Nein, es war kalt, gefährlich. Eine Warnung.


Seine Muskeln spannten sich, das Holz des Kampfstabs knirschte unter der Kraft, die er hineinlegte. Der Schnee um ihn herum begann sich zu heben, als hätte eine unsichtbare Kraft ihn zum Leben erweckt.


„Das warrr nicht nett, Prrinzessin“, sagte Bunj, seine Stimme war ein tiefes Grollen, das sich durch die eisige Stille fraß. Er schwang seinen Stab mit einer Leichtigkeit, die darauf hindeutete, dass er noch längst nicht fertig war. „Tut mirr leid, aberr jetzt muss ich etwas... grrob werrden.“



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Ulfgor stellte sich zwischen Nara und Bunj, sein massiger Körper eine lebende Barrikade aus Muskeln, Fell und unbeugsamer Entschlossenheit. Der eisige Wind der Schneelande biss in sein dichtes schwarzes Fell, ließ Frostkristalle auf seinen Schultern glitzern, doch der Bärenkrieger stand fest. Sein Blick war auf den Kopfgeldjäger gerichtet – ein drohendes, tierisches Funkeln in seinen tiefschwarzen Augen. Er atmete schwer, jeder Atemzug ließ Dampf aus seinen Nüstern steigen, als würde er selbst das Eis herausfordern, sich ihm in den Weg zu stellen.


Bunj betrachtete ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Respekt. Sein spöttisches Grinsen zeigte einen Hauch von Anerkennung für die Entschlossenheit des Bärenkriegers. „Du hast dich besserr geschlagen, als errwarrtet, Bärr“, grollte er, während sich seine Muskeln anspannten. Sein Körper vibrierte vor ungezügelter Energie, seine Haltung war locker, doch seine Augen funkelten mit der Wildheit eines Tieres, das kurz davor war, zuzuschlagen. „Jetzt belohne ich dich dafürr!“


Bunj verschwand. Oder zumindest wirkte es so.


Einen Wimpernschlag später war er vor Ulfgor. Bevor der Bärenkrieger auch nur die Pranke heben konnte, krachte ein brutaler Tritt von unten gegen seinen Kiefer. Das markerschütternde Geräusch des Aufpralls hallte durch die eisige Stille. Ulfgors Kopf schnellte nach hinten, sein massiger Körper bäumte sich auf, ein dumpfes Grollen entrang sich seiner Kehle.


Bunj war bereits in Bewegung, nutzte die bloßen Sekundenbruchteile, die er gewonnen hatte. Sein Stab bohrte sich mit solcher Kraft in den gefrorenen Boden, dass Risse im eisigen Stein entstanden. Die Luft schien zu flackern, als er sich abstützte, die Spannung in seinen Muskeln entlud sich explosionsartig.


„Jetzt kommen meine Hunderrt Schläge des Affenkönigs!“


Seine Fäuste begannen zu leuchten, ein pulsierendes Rot, das die schneebedeckte Lichtung in ein gespenstisches Glühen tauchte. Die Luft flirrte vor Hitze, als sich seine geballte Kraft entlud.


Dann kam die erste Faust.


Sie traf Ulfgors Bauch mit der Wucht eines Katapults, ließ seinen Körper erzittern. Doch der nächste Schlag folgte unmittelbar, dann der nächste – ein Sturm aus unbarmherziger, perfekt platzierter Gewalt. Jeder Treffer wurde zu einem Echo im knirschenden Schnee, verschmolz zu einem einzigen, donnernden Rhythmus, der in der Nacht widerhallte.


Ulfgors gewaltiger Körper wurde unter den Schlägen nach hinten gedrängt, seine Muskeln bebten unter der unnachgiebigen Flut von Treffern. Die Bestie kämpfte, versuchte, ihre Pranken zu heben, doch der Affenkönig war zu schnell. Die Wucht jedes einzelnen Schlags drang tief in sein Fleisch, ließ das Blut in seinen Adern kochen.


Dann, nach wenigen Sekunden – die sich für Ulfgor wie eine Ewigkeit angefühlt haben mussten – brach der Sturm ab.


Sein Körper sackte in den Schnee. Das schwarze Fell begann sich zurückzuziehen, seine Bärengestalt löste sich auf. Zurück blieb ein Mann, nackt bis auf das Bärenfell, das seinen geschundenen Körper spärlich bedeckte. Sein Atem war flach, Blut rann in dunklen Strömen aus seinem Mund und sickerte in das eisige Weiß unter ihm. Sein massiver Brustkorb hob und senkte sich in unregelmäßigen Zügen, doch seine Kräfte verließen ihn.


Bunj trat einen Schritt zurück, ließ seinen Kampfstab lässig auf seiner Schulter ruhen. Sein Gesicht war ernst, doch sein Lächeln blieb – ein gefährliches, siegessicheres Grinsen. Er drehte sich zu Nara um, seine leuchtenden Augen fixierten sie. „So, Prrinzessin. Kommt ihrr frreiwillig mit, oderr muss ich euch zwingen?“


Die Worte trafen sie wie ein Dolch. Sie war allein. Baharmut sollte gerade erst bei ihrem Lager ankommen. Ulfgor lag blutend im Schnee. Es gab keine Möglichkeit mehr, diesem Kampf zu entkommen. Sie wusste es. Und Bunj wusste es auch.


Ihre Finger verkrampften sich. Zitternd. Nicht aus Kälte, sondern aus Erkenntnis. Sie war machtlos. Selbst wenn sie ihre Zeitmagie nutzte, wohin sollte sie rennen? Sie konnte sich schneller bewegen, aber nicht verschwinden. Nicht fliehen. Bunj würde sie einholen, bevor sie auch nur hundert Meter weit gekommen war.


Dann – eine Bewegung.


Eine Hand, blutig und zitternd, schob sich aus dem Schnee hervor und schloss sich um den Knöchel des Kopfgeldjägers. Die Finger gruben sich mit letzter Kraft in sein Fleisch, klammerten sich an ihn wie eine verzweifelte Kralle.


„L-lass die Prin…zessin in R-Ruhe…“ Ulfgors Stimme war nicht mehr als ein Keuchen, doch sie war da.


Blut tropfte aus seinem Mund, ein leiser Strom aus rot getränkten Worten. Sein Körper bebte, doch seine Entschlossenheit war ungebrochen. Er wusste, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Er wusste, dass er sterben würde. Aber er hatte seine Wahl getroffen.


Bunj blickte hinab, sein Gesichtsausdruck wechselte von Überraschung zu… etwas anderem. Nicht Zorn. Es war etwas, das fast wie Anerkennung wirkte – eine stumme Wertschätzung eines Gegner, der bis zum letzten Atemzug kämpfte.


Doch dann verdunkelte sich sein Blick wieder.


„Du hast meinen Rrespekt, Bärrenkrriegerr“, murmelte er. „Doch hierr endet dein Kampf.“


Die Worte hatten kaum die eisige Luft verlassen, da fuhr Bunjs Kampfstab herab. Es war keine langsame, theatralische Bewegung. Kein Zögern. Es war die präzise, unaufhaltsame Hinrichtung eines Mannes, der sein Schicksal bereits akzeptiert hatte.


Ein dumpfes Geräusch, als der Stab auf Ulfgors Kopf traf.


Ein Knacken, das sich unnatürlich laut anhörte. Dann nichts mehr.


Die Hand, die sich um Bunjs Knöchel gekrallt hatte, erschlaffte. Die Finger öffneten sich langsam, sanken in den blutgetränkten Schnee. Sein massiger Körper lag nun vollkommen still. Kein Zittern mehr, kein Beben, kein schmerzhaftes Atmen. Nur noch Stille.


Bunj richtete sich auf, schüttelte langsam den Kopf, als würde er den Moment für sich selbst abschließen. Dann hob er seinen Blick wieder und richtete ihn auf Nara.


Sein Grinsen war verschwunden.


„Euerr Schweigen nehme ich als Antworrt“, sagte er leise, und diesmal klang seine Stimme kälter als die Schneelande selbst.

 
 
 

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