Kapitel 145 - Eis, Blut und Schatten

Jakira lag zusammengerollt in ihrem Schlafsack, als wäre sie ein verwundetes Tier, das sich vor der Welt verstecken wollte. Die Kälte der Schneelande kroch durch die dicken Stoffwände ihres Zeltes, biss sich an ihrer Haut fest, doch sie spürte sie kaum. Die Kälte war ihr vertraut, doch sie war nichts im Vergleich zu dem eisigen Gefühl, das sich in ihrem Inneren ausgebreitet hatte – ein dunkler Schatten, der jede Wärme erstickte.
Sie zitterte nicht wegen der frostigen Luft, sondern wegen des bohrenden Gefühls der Nutzlosigkeit, das ihr schwer auf den Schultern lastete. Ihre Finger gruben sich in das raue Material des Schlafsacks, als könnte sie sich daran festhalten, als könnte sie sich so davor bewahren, von den Gedanken in ihrem Kopf verschlungen zu werden.
„Bin ich wirklich so nutzlos…?“
Ihre Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern, das in der erdrückenden Stille ihres Zeltes verschwand. Tränen rannen über ihre Wangen, heiß gegen die eisige Luft, doch sie wischte sie hastig weg – als wollte sie ihre eigene Schwäche auslöschen. Doch die Tränen kamen immer wieder, ein unaufhaltsamer Strom, der sich nicht mehr zurückhalten ließ, egal, wie oft sie ihn eindämmte.
Die Erinnerung an die Worte der Prinzessin lastete schwer auf ihr. Jakira war eine Schattenläuferin, eine Meisterin der Tarnung, des lautlosen Schleichens. Sie konnte sich in den dunklen Winkeln der Welt verlieren, unbemerkt bleiben, bis sie zuschlug – und doch hatte man sie zurückgelassen. Als wäre sie bedeutungslos. Als wäre sie eine Last.
Sie sog zitternd die Luft ein, versuchte, ihre rasenden Gedanken zu beruhigen, doch stattdessen wurde sie von einer neuen Welle der Unsicherheit überrollt. Würde Liam dasselbe tun? Würde er sie auch zurücklassen, wenn die Zeit gekommen war? Oder würde er ihr zeigen, dass sie wertvoll war, dass sie einen Platz in dieser Welt hatte?
,,Weißt du Jakira, du bist eine tolle Person.’’
,,Ich mag dich für dich. Ich mag deine fürsorgliche Art, und ich mag deine Präzision im Kampf.’’
,,Behalte einfach die Worte im Kopf und nimm sie dir dann zu Herzen, wenn du bereit bist.’’
Seine Stimme hallte in ihrem Kopf wider, doch diesmal klang sie nicht beruhigend, sondern hohl, unwirklich. Wie oft hatte sie sich an diese Worte geklammert, hatte gehofft, dass sie wahr waren? Und doch fühlten sie sich jetzt wie eine bloße Illusion an, eine leere Lüge, die nie für sie bestimmt gewesen war.
Ihre Arme schlangen sich fester um ihre angezogenen Knie, als könnte sie sich so vor dem erdrückenden Gewicht ihrer eigenen Zweifel schützen. Ihr Atem kam flach und schnell, ihre Brust hob und senkte sich hektisch, als würde sie gegen eine unsichtbare Last ankämpfen. Die Dunkelheit in ihrem Inneren schien jeden Lichtfunken zu verschlingen, jede Hoffnung zu ersticken.
,,Nichts hat sich geändert…’’
Die Worte verließen ihre Lippen wie ein bitteres Geständnis, ein stilles Eingeständnis dessen, was sie so lange verdrängt hatte. Und in diesem Moment fühlte sie sich so klein, so unbedeutend wie der Schnee, der unaufhörlich draußen fiel – ein Teil der endlosen, kalten Weite, vergessen und verloren.
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Jakira war in einen unruhigen Schlaf gefallen, ihre Gedanken waren wie Nebelschwaden, die sich in wirren Träumen verloren hatten. Doch plötzlich wurde sie von einem heftigen Rütteln aus ihrer Dämmerung gerissen. Ihre Augen schossen auf, noch benommen, doch das Gesicht, das sich über sie beugte, ließ jede Trägheit augenblicklich verfliegen. Baharmut stand über ihr, sein Blick war von purer Panik gezeichnet, seine Brust hob und senkte sich schnell, als wäre er eine Ewigkeit gerannt.
„Jakira, steh auf!“ Seine Stimme war rau, drängend. „Die Prinzessin wird angegriffen. Von Bunj!“
Der Name riss sie endgültig aus der Starre. Bunj? Hier? Ihr Herz setzte für einen Schlag aus, bevor es doppelt so schnell zu schlagen begann. Ein Kaiserlicher Kopfgeldjäger in den Schneelanden? Was zum Geeri machte er hier? Tausend Fragen rasten ihr durch den Kopf, doch sie hatte keine Zeit, nach Antworten zu suchen. Ihre Gedanken konnten warten – die Prinzessin nicht.
Baharmut packte sie fest am Arm und zog sie hoch, ohne eine Sekunde zu verschwenden. Ihr Körper protestierte gegen die plötzliche Bewegung, noch steif vom Schlaf, doch Adrenalin pumpte bereits durch ihre Adern, brachte sie auf die Beine. Die Eiseskälte schlug ihr entgegen, als sie aus dem Zelt stolperte, doch selbst die klirrende Abendluft konnte die Hitze der Dringlichkeit nicht ersticken, die in ihrer Brust loderte.
Draußen erwartete sie Atorm. Er stand bereit, seine Augen ruhten scharf auf dem Horizont, als könnte er die Gefahr bereits sehen. Der Wind riss an seinem Umhang, doch er stand da wie ein unerschütterlicher Fels in der eisigen Wildnis.
„Los, Jakira“, sagte er ruhig, doch seine Stimme hatte ein Gewicht, das keinen Widerspruch duldete. „Wir dürfen keine Sekunde verlieren.“
Sie nickte hastig und warf einen letzten Blick auf Baharmut, der bereits zurück ins Lager rannte, um die anderen zu warnen. Dann setzte sie sich in Bewegung, folgte Atorm in die Schatten der verschneiten Bäume.
Der Wald war eine stillschweigende, eisige Welt. Jeder ihrer Schritte knirschte im gefrorenen Schnee, ihr Atem formte kleine Wolken in der Dunkelheit. Doch sie ignorierte die Kälte, ignorierte den brennenden Frost auf ihrer Haut. Alles, was zählte, war das Ziel vor ihr.
Ihr Körper bewegte sich instinktiv, als hätte er nur darauf gewartet, gebraucht zu werden. Sie spürte die Spannung in der Luft, das seltsame elektrische Knistern, das jeden bevorstehenden Kampf ankündigte. Jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt, ihre Sinne geschärft. Der Wald, der zuvor so erdrückend gewirkt hatte, war nun ein Terrain, das sie beherrschte. Jeder Baum, jeder schneebedeckte Felsen wurde zu einem Punkt, den sie in ihre Route einbezog, ihre Schritte lautlos und präzise.
Atorms Gestalt war nur ein dunkler Schatten, der vor ihr herjagte, aber sie konnte ihn spüren, seinen Rhythmus aufnehmen. Gemeinsam bewegten sie sich wie zwei Raubtiere, die durch die kalte Nacht jagten – auf der Suche nach ihrer Beute oder bereit, selbst zur Beute zu werden.
Mit jedem Atemzug, jedem Schritt wich die Unsicherheit aus Jakiras Brust. Es gab keine Zweifel mehr, keine Ängste. Nur die Mission. Sie war bereit. Bereit, ihre Klinge zu ziehen. Bereit, alles zu geben.
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Jakira und Atorm eilten durch den tiefen Schnee, ihre Atemwolken verpufften in der eiskalten Nachtluft. Sie spürte ihren eigenen Herzschlag in den Schläfen pochen, doch sie zwang sich, den Rhythmus von Atorms Schritten beizubehalten. Sein Tempo war erbarmungslos, zielgerichtet – als würde er genau wissen, wo er hinmusste.
Dann sahen sie ihn.
Ulfgors massiger Körper lag am Waldboden, halb vom Schnee bedeckt, als hätte die Natur bereits begonnen, ihn in ihr kaltes Grab zu ziehen. Sein Schädel war eingeschlagen, das dunkle Blut gefroren in grotesken Linien auf der weißen Oberfläche. Kein Zeichen von Kampfgeist, kein Zeichen von Leben. Nur Stille. Keine letzten Worte. Kein Abschied.
Sie hielten nicht an.
Jakira biss die Zähne zusammen und zwang sich, nach vorn zu sehen. Was hätte es genützt, innezuhalten? Ulfgor war tot. Ihre Aufgabe war es, die Lebenden zu retten. Atorm verlangsamte plötzlich sein Tempo. Sie spürte es, noch bevor sie verstand, warum – eine Instinktreaktion, ein Signal, dass die Situation sich verschärfte. Dann sah sie es auch.
Durch die Schatten des Waldes bewegte sich eine Gestalt mit erschreckender Geschwindigkeit. Bunj. Der Chimp schwang sich von Baum zu Baum, sein muskulöser Körper eine einzige fließende Bewegung, als wäre er selbst Teil der Natur. In seinem Arm hing ein regloser Körper. Nara.
Jakira sog scharf die Luft ein, als sie das Blut an Naras Kleidung erkannte. Ihr Körper war schlaff, ihr Kopf lehnte unnatürlich zur Seite. War sie…?
Bevor ihr Verstand den Gedanken zu Ende führen konnte, verschwand Atorm aus ihrem Sichtfeld.
Er war nicht gesprungen, er war nicht gerannt. Er war einfach verschwunden. Nur eine Sekunde später hörte sie das unheilvolle Knacken von Holz, ein Rascheln, dann einen dumpfen Aufprall. Bunj wurde aus der Luft gerissen, sein Griff um Nara löste sich, und ihr Körper wurde durch die Nacht geschleudert – direkt auf Jakira zu.
Jakira reagierte instinktiv. Sie sprang nach vorn, riss die Arme hoch und fing die Prinzessin auf, versuchte, den Aufprall abzufangen. Doch Nara war nicht nur bewusstlos – sie blutete. Jakiras Hände wurden augenblicklich feucht und warm, das klebrige Gefühl des Blutes brannte sich in ihre Haut, als sie die Prinzessin vorsichtig in den Schnee legte.
Ihre Augen weiteten sich, als sie den tiefen Schnitt an Naras Hals sah. Das war nicht Bunjs Werk. Nara hatte versucht, sich selbst das Leben zu nehmen.
Ein Schauer lief Jakira über den Rücken. Ihre Finger flogen automatisch zu dem Stoff ihres Nachthemds, rissen ein Stück ab und drückten es gegen die Wunde. Das Blut pulsierte gegen ihre Handfläche, versuchte sich durch den Stoff zu drängen, und Panik loderte in ihrer Brust auf.
„Verdammt, verdammt, verdammt!“ schoss es ihr durch den Kopf. Warum hatte sie keinen Heiltrank mitgenommen? Warum war sie so nachlässig gewesen? Sie war wirklich nutzlos und unfähig. Wenn Nara jetzt starb, war es nur Jakiras Schuld.
Die Geräusche des Kampfes hallten in der Ferne wider – das Krachen von Ästen. Aber Jakira konnte nichts anderes tun, als sich auf die Prinzessin zu konzentrieren. Ihre Kehle war trocken, als sie flüsterte: „Bitte haltet durch… bitte…“
Plötzlich regte sich Nara. Ihre Augen flackerten, halb geöffnet, als sie Jakira mit einem verschwommenen Blick ansah. Ihre Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln.
„Da bist du ja…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
Jakira schluckte, das Brennen in ihren Augen nahm zu. „Prinzessin, bleibt wach, bleibt bei mir!“ flehte sie. Sie wusste, dass sie es nicht zulassen konnte. Sie durfte Nara nicht verlieren. Nicht nach all dem.
Doch Nara hob eine zitternde Hand und berührte sanft Jakiras Wange. Ihre Finger waren eiskalt, ihre Berührung schwach. „Ich werde nicht sterben…“ murmelte sie, und für einen Moment klang sie so, als würde sie selbst nicht daran glauben. Dann jedoch blitzte etwas in ihren Augen auf – Entschlossenheit. „Ich… nutze meine Magie… ich kann den Blutfluss… in der Zeit einfrieren.“
Jakira erstarrte. Das war Naras Zeitmagie. Sie wollte die Blutung stoppen, indem sie ihre eigene Wunde in der Zeit einfrieren würde. Es war riskant, aber es war ihre einzige Chance.
Jakira schluckte. Sie wollte bei ihr bleiben. Doch sie kannte ihren Auftrag. Sie musste Atorm helfen. Ihre Finger krallten sich für einen Moment in den Stoff ihrer eigenen Kleidung, bevor sie sich zwang, aufzustehen. Ein letztes Mal trafen sich ihre und Naras Blicke.
Dann verschwand sie in die Schatten der Bäume. Lautlos. Unsichtbar. Bereit, das Blatt des Kampfes zu wenden.
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Bunj keuchte, seine Lungen brannten, während er den eisigen Atem der Schneelande einsog. Seine Finger umklammerten den Kampfstab so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten, doch selbst der vertraute Griff seiner Waffe gab ihm in diesem Moment keine Sicherheit mehr. Der Schmerz in seinen Armen und Beinen pochte wie ein wütender Herzschlag, seine Muskeln schrien nach Ruhe, doch er zwang sich, aufrecht zu bleiben.
Vor ihm stand der Mann, der ihn mit erschreckender Leichtigkeit abgewehrt hatte. Ruhig. Gelassen. Als wäre dieser Kampf nichts weiter als eine belanglose Nebensache. Seine schwarzen Augen funkelten mit einer beunruhigenden Kälte – nicht grausam, nicht arrogant, sondern absolut. Als wüsste er bereits, wie dieser Kampf ausgehen würde. Als wäre der Ausgang längst entschieden.
Bunj verzog das Gesicht zu einem Grinsen, ein Ausdruck von Trotz und Respekt zugleich. „Du bist stärrkerr als derr Bärr“, stellte er fest, seine Stimme klang kratzig, aber fest. Jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, bereit für einen erneuten Angriff, bereit, sich durch den Schmerz zu kämpfen.
Sein Gegner nickte kaum merklich, jede seiner Bewegungen langsam, aber mit einer Effizienz, die keinen Raum für unnötige Energie ließ. „Du unterdrückst meine Magie, das schränkt mich ein wenig ein“, sagte er mit ruhiger Stimme.
Bunj hob eine Augenbraue. Er hatte mit allem gerechnet – roher Gewalt, überlegener Kampftechnik – aber nicht damit, dass sein Gegner ein Magier sein könnte. Doch etwas daran stimmte nicht. Der Mann vor ihm wirkte nicht wie jemand, der sich auf Magie verließ. Nein, das war pure Kraft. Und doch…
Bunj spuckte aus, sein Grinsen wurde breiter. „Mein Name ist Bunj, drritterr Kaiserrlicherr Kopfgeldjägerr“, erklärte er mit funkelnden Augen. Es war keine Drohung. Keine Warnung. Es war eine Kampfansage. Er wollte wissen, mit wem er es hier zu tun hatte. Welcher Krieger es gewagt hatte, sich ihm entgegenzustellen.
Der Mann blieb unbewegt. Dann, nach einem Moment, in dem nur das Knirschen des Schnees unter dem schwachen Wind zu hören war, sprach er. „Atorm.“
Kein Titel. Keine weitere Erklärung. Nur ein Name.
Etwas an dieser knappen Antwort ließ Bunjs Herz schneller schlagen. Ein Krieger ohne Herkunft, ohne Geschichte? War das eine Lüge? Oder war dieser Mann wirklich so außerhalb von allem, dass er keinen Ruf brauchte?
Bunj knurrte zufrieden. „Ich gebe jetzt alles, Atorrm“, kündigte er an, und seine Muskeln spannten sich, während er sich zum Angriff bereit machte.
Er rammte seinen Kampfstab tief in den Boden. Die vertraute Energie seiner Signaturkampfkunst durchströmte ihn, pulsierte durch seine Adern wie reines Feuer. Er ließ sie aufsteigen, formte sie in seinen Fäusten. Die Welt um ihn herum schien für einen Moment stillzustehen, als er sich in den Kampf warf.
„Hunderrt Schläge des Affenkönigs!“
Er konnte diese Technik dreimal am Tag anwenden – und jeder Schlag war ein Orkan aus purer Zerstörung. Seine Fäuste verwandelten sich in eine unscharfe Masse aus Bewegung, sein Körper wurde zur Waffe. Der Schnee wirbelte auf, die Luft vibrierte unter der Geschwindigkeit seiner Schläge. Jeder Treffer sollte einen Menschen mit Leichtigkeit in den Boden rammen.
Doch Atorm stand noch immer.
Seine Hände bewegten sich mit unheimlicher Präzision, jeder Schlag von Bunj wurde pariert. Nicht mit hektischer Abwehr oder panischen Ausweichbewegungen, sondern mit kalter, mechanischer Effizienz. Es war, als würde Atorm nicht gegen einen Gegner kämpfen, sondern ein längst einstudiertes Muster abspulen. Seine Füße bewegten sich kaum. Sein Gesicht blieb ausdruckslos.
Bunj konnte es nicht fassen. Er steigerte seine Geschwindigkeit, ließ seine Schläge noch härter, noch schneller werden. Doch egal, wie sehr er seine Technik forcierte, Atorm blieb unbeirrt.
Dann, als der hundertste Schlag abgewehrt war, kam die Gegenattacke.
Ein Tritt, so kraftvoll, dass Bunj das Gefühl hatte, ein Rammbock hätte ihn getroffen. Er flog nach hinten, sein Rücken krachte mit voller Wucht gegen einen Baum. Der Aufprall ließ den Stamm erbeben, Schnee rieselte von den Ästen herab. Bunj spürte, wie seine Lungen protestierten, als die Luft aus seinem Körper gepresst wurde. Er packte seinen Stab, versuchte, sich daran hochzuziehen, doch seine Hände zitterten vor Anstrengung.
Atorm trat auf ihn zu, langsam, mit der ruhigen Gewissheit eines Jägers, der genau weiß, dass seine Beute nicht mehr entkommen kann.
„Ich wollte sehen, wie stark deine Signaturkampfkunst ist“, sagte Atorm, während er stehen blieb. Seine Stimme klang beinahe… gelangweilt. „Aber es scheint, als seien die Gerüchte über den stärksten Kampfkünstler nichts weiter als Gerüchte.“
Bunj biss die Zähne zusammen, seine Kiefermuskeln zuckten vor Wut. Wie konnte das sein? Wieso war dieser Mann so stark? Woher kam diese absurde Kraft?
Atorm griff nach dem Kampfstab. Bunj sah es kommen, versuchte, den Griff zu festigen, doch er war zu langsam. Atorm riss ihm die Waffe mit einer einzigen, ruckartigen Bewegung aus der Hand.
Dann zerbrach er sie.
Nicht mit einer komplizierten Technik, nicht mit einer magischen Kraft – mit bloßer physischer Stärke. Die legendäre Waffe, die Bunj für unzerstörbar gehalten hatte, brach in zwei Hälften, als wäre sie nichts weiter als ein morsches Stück Holz. Die Überreste fielen in den Schnee, das Echo des Bruchs hallte durch die eisige Nacht.
Bunj starrte auf die Trümmer seiner Waffe. Ein Zittern lief durch seinen Körper. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er etwas. Etwas, das er nie zugelassen hatte.
Furcht.
Sein Blick wanderte zu Atorm, der nun direkt vor ihm stand. Eine Hand legte sich auf Bunjs Brust – keine aggressive Geste, kein brutaler Stoß. Die Berührung war sanft, fast… bedauernd.
„Schlafe, Krieger, der Chimp“, murmelte Atorm leise. Nicht hämisch. Nicht arrogant. Sondern mit Respekt.
Dann wurde alles schwarz.
Die Geräusche des Waldes verschwanden, die Kälte der Schneelande war nicht mehr spürbar. Der Schmerz, der in seinen Gliedern gepocht hatte, die Frustration, die in seiner Brust gebrannt hatte – alles wurde fortgespült von einer überwältigenden Dunkelheit.
Bunj fiel. Nicht nach vorne, nicht nach hinten. Sondern einfach… ins Nichts.
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Jakira konnte kaum fassen, was sie gerade miterlebt hatte. Atorm hatte Bunj bezwungen – nicht mit Mühe, nicht mit einer letzten, verzweifelten Anstrengung, sondern mit der kalten Präzision eines Kriegers, der seinen Feind bereits vor dem ersten Schlag besiegt hatte. Der Kampf, der eigentlich eine epische Schlacht hätte sein sollen, war in wenigen Augenblicken entschieden worden. Sie kannte Bunj, wusste, dass er nicht nur stark, sondern auch ein erfahrener Kämpfer war, ein Kopfgeldjäger, der selbst unter den Besten des Kaiserreichs gefürchtet wurde. Und doch… hatte Atorm ihn hingerichtet, als wäre er kaum der Rede wert.
Wer war dieser Mann?
Ihr Herz schlug schneller, als Atorm sich in ihre Richtung wandte. Seine dunklen Augen durchbohrten die Nacht, als könnten sie durch die Schatten selbst sehen. Ein Raubtier, das sich seiner Umgebung vollkommen bewusst war.
„Wie geht es der Prinzessin?“ Seine Stimme war ruhig, aber von einer eisernen Autorität durchzogen.
Jakira zuckte unmerklich zusammen. Selbst jetzt, verborgen im Schatten, hatte er sie bemerkt. Nicht einmal Bunj hätte sie so leicht erspähen können. Es fühlte sich an, als wäre ihre Tarnung bedeutungslos, als könnte Atorm sie nicht nur sehen, sondern genau spüren, als würde er ihre Präsenz auf einer Ebene wahrnehmen, die sie nicht verstand.
Sie trat langsam aus dem Dunkeln, ihre Bewegungen instinktiv vorsichtig, als würde sie auf einen schmalen Grat zwischen Sicherheit und Gefahr treten. „Sie stillt ihre Blutung mit ihrer Magie“, antwortete sie leise, während sie sich Naras Position näherte.
Atorm folgte ihr. Jeder seiner Schritte war berechnet, keine Bewegung wurde verschwendet. Sie erreichten die Prinzessin, die im Schnee lag, ihre blassen Lippen leicht geöffnet, während ihr Brustkorb sich schwer hob und senkte. Trotz ihrer Selbstheilung sah sie aus, als würde sie jeden Moment das Bewusstsein verlieren. Ihre Haut war fahl, und dunkle Schatten lagen unter ihren Augen, als hätte sie mehr verloren als nur Blut.
Atorm kniete sich neben sie, seine große Gestalt wirkte in der Dunkelheit noch dominanter. Er musterte Nara mit dem kühlen Blick eines Mannes, der bereits wusste, was zu tun war.
„Prinzessin. Ihr sterbt, wenn ich nichts unternehme“, stellte er schlicht fest, ohne Zögern, ohne jede Spur von Unsicherheit. Seine Worte waren nicht grausam, sondern sachlich, als würde er eine unausweichliche Tatsache aussprechen.
,,T-tu es…’’ flüsterte Nara.
Atorm legte seine Hand auf ihre Wunde.
Ein leises Zischen erfüllte die Luft, und plötzlich stieg dunkler Rauch aus seiner Handfläche auf. Die Luft um sie herum veränderte sich augenblicklich – wurde schwerer, dichter, als hätte die Welt für einen Moment den Atem angehalten. Ein metallischer Geruch breitete sich aus, ein Hauch von etwas Fremdem, das nicht in diese Schneelande gehörte.
Jakira spürte, wie sich ihr Nacken verspannte. Ihre Instinkte schrien, dass hier etwas nicht stimmte, dass sie Zeugin von etwas wurde, das nicht für ihre Augen bestimmt war.
Unter Atorms Berührung begann sich die Wunde zu verändern. Kein Blut mehr, keine klaffende Öffnung in Naras Hals – stattdessen wuchs eine schwarze, glatte Schicht darüber, als würde sich eine unbekannte Substanz über das verletzte Fleisch legen. Es war keine normale Heilung. Es war, als hätte sich ein Teil der Dunkelheit selbst in ihre Haut gegraben.
Naras Körper zuckte kurz, ihr Atem stockte, und für einen Moment dachte Jakira, sie würde das Bewusstsein verlieren. Doch dann… kehrte die Farbe langsam in ihr Gesicht zurück. Ihr Atem wurde gleichmäßiger, ihr Körper entspannte sich, und mit erschöpften Bewegungen griff sie nach Jakiras Arm und zog sich mühsam auf die Beine.
Jakira konnte sich nicht bewegen, konnte ihre Augen nicht von dem Anblick losreißen.
„Was hat er getan?“ Ihre Stimme war ein leises Flüstern, kaum mehr als ein Hauch, als würde sie fürchten, dass die Antwort etwas sein könnte, das sie nicht hören wollte.
Nara hielt kurz inne, bevor sie sie ansah. Ihre Augen waren nun wieder klar, doch in ihnen lag etwas Neues – etwas, das Jakira nicht deuten konnte. Ein Wissen, das tiefer ging, als sie verstehen konnte.
„Nichts, was für dich wichtig ist“, erwiderte sie, ihre Stimme war sanft, aber endgültig. Kein Raum für Fragen. Kein Raum für Zweifel.
Jakira öffnete den Mund, doch bevor sie etwas sagen konnte, fuhr Nara fort. „Danke, dass du so schnell gekommen bist. Ohne dich wäre ich tot. Das hast du gut gemacht.“
Die Worte trafen sie unvorbereitet. Sie fühlte, wie sich eine unerwartete Wärme in ihrer Brust ausbreitete, wie das Gewicht der Zweifel, das sie die ganze Zeit mit sich herumgetragen hatte, ein kleines Stück leichter wurde. Es war das erste Mal seit sie in Kartaffel aufgebrochen waren, dass jemand ihr sagte, sie habe etwas richtig gemacht.
Sie atmete tief durch, ließ das Lob in sich wirken, ließ es für einen Moment ihre Unsicherheiten übertönen.
Sie war doch nicht völlig verloren.



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