Kapitel 146 - Wenn die Sterne verblassen

Leyla saß mit den Blätterlosen am Lagerfeuer, das warme Licht der Flammen tanzte über ihre Gesichter und ließ die Dunkelheit der Nacht flackern. Der Rauch stieg in sanften Spiralen auf, mischte sich mit dem erdigen Duft des Waldes und dem saftigen Aroma von gebratenem Fleisch, das noch auf den heißen Steinen am Rand des Feuers nachschmorte. Es war eine dieser Nächte, die sich fast wie ein Zuhause anfühlten – eine trügerische Illusion, aber eine, die Leyla für den Moment genießen wollte.
Ein Monat war vergangen, seit sie Inhantes verlassen hatte, zwei Wochen, seit sie sich den Blätterlosen angeschlossen hatte. Die Zeit war wie Sand durch ihre Finger geronnen. Nun waren sie tief im Süden der Herzlande, wo die Hügel sanft und die Winde milder waren als im Süden. Noch ein, vielleicht zwei Monate, dann würde sie die Kaiserstadt erreichen. Doch in diesem Moment, mit den vertrauten Stimmen ihrer Gefährten um sie herum, wirkte ihre eigentliche Reise beinahe irreal – als würde sie zu einem anderen Leben gehören.
„… und deswegen danken wir dir für deine Liebe, die du uns jeden Abend schenkst“, beendete Betty ihr Gebet an Kamera, ihre Stimme sanft und voller Hingabe. Ihre Hände waren gefaltet, ihre Augen geschlossen, der schwache Feuerschein spiegelte sich in ihrem ehrfürchtigen Gesicht. Leyla hatte, wie in den letzten Nächten auch, mit geschlossenen Augen zugehört. Sie war noch immer Mera, die fromme Kameristin – eine Rolle, die sie perfektioniert hatte.
Alexandra ließ sich neben Leyla nieder, ihr Lachen war warm und ehrlich, wie der letzte Sonnenstrahl eines langen Tages. Mit spielerischer Leichtigkeit legte sie den Arm um Leylas Schultern und drückte ihr einen Krug mit kühlem Bier in die Hand. „Sag mal, Mera, was genau machst du eigentlich in der Kaiserstadt?“ fragte sie neugierig und nahm einen tiefen Schluck.
Leyla drehte den Krug in ihren Händen, spürte die feuchte Kühle des Tons an ihren Fingern, bevor sie einen Schluck nahm. „Ich arbeite für einflussreiche Leute“, sagte sie schließlich mit einem Hauch von Rätselhaftigkeit in der Stimme. „Ich erledige Geschäfte, kümmere mich um Verhandlungen, solche Dinge.“ Die Worte waren sorgfältig gewählt – gerade vage genug, um keine Verdächtigungen zu wecken, aber konkret genug, um nicht wie eine Lüge zu klingen.
Alexandra zog eine Augenbraue hoch und musterte Leyla mit amüsierter Skepsis. „Hm, klingt ja wahnsinnig spannend“, sagte sie und lehnte sich zurück. „Viel trockene, langweilige Arbeit, nehme ich an?“ Sie schmunzelte, nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Krug und deutete mit einer kaum merklichen Bewegung auf die lodernden Flammen. „Ich hätte schwören können, dass du für ein abenteuerlicheres Leben gemacht bist.“
Leyla erwiderte das Lächeln, doch es lag ein Hauch von Wehmut darin. Sie mochte die Blätterlosen, mochte die Dynamik zwischen ihnen, die unkomplizierte Art, mit der sie miteinander umgingen. Betty war wie eine kleine Schwester für sie geworden – unschuldig, sanft, voller Vertrauen in das Gute. Sie erinnerte Leyla an Nea, doch sie war zerbrechlicher, als hätte die Härte der Welt sie noch nicht wirklich berührt. Leyla wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch Betty mit der Realität konfrontiert werden würde, und sie spürte ein tiefes Bedürfnis, sie davor zu bewahren.
Dann war da Karst, wortkarg und oft abweisend, aber stets wachsam. Er sprach wenig, doch seine Taten bewiesen, dass er sich um die Gruppe sorgte. Seine Loyalität war eine seiner stärksten Eigenschaften, und Leyla respektierte ihn dafür mehr, als sie es zeigte.
Jevry war ein wandelndes Lexikon, ein Mann mit einer Faszination für die Natur, die ansteckend war. Leyla hatte von ihm Dinge gelernt, die sie sonst nie erfahren hätte – welche Kräuter gegen Vergiftungen halfen, welche Spuren zu welcher Kreatur gehörten. Sein Wissen war nicht nur akademisch, sondern praktisch, gewachsen aus Erfahrung und Neugier.
Und dann war da Alexandra.
Leyla mochte sie besonders. Sie war das Herz der Gruppe, eine Anführerin, die führte, ohne zu befehlen, die sich um jeden kümmerte, ohne dass es aufdringlich wirkte. Und selbst jetzt, wo sie längst gemerkt haben musste, dass Leyla stärker war als die ganze Gruppe zusammen, behandelte sie sie nicht anders. Es war eine seltene Art von Freundschaft, eine, die Leyla kaum kannte – eine, die sich leicht anfühlte.
„Weißt du was?“ Alexandra drehte sich halb zu ihr und musterte sie mit diesem typischen, schelmischen Grinsen. „Du solltest dich uns anschließen. Das Leben als Abenteurerin steht dir besser als jedes Geschäft in der Kaiserstadt.“
Leyla hielt inne, der Krug in ihrer Hand schwebte kurz über ihren Lippen. Sie wusste, dass Alexandra es nicht ganz ernst meinte, dass es nur eine halb gescherzte Einladung war. Aber trotzdem… trotzdem trafen die Worte etwas in ihr. Ein Teil von ihr wollte es. Ein Teil von ihr wollte bleiben, weiterreisen, jeden Tag am Feuer sitzen und mit diesen Freunden lachen.
Doch sie konnte nicht. Sie durfte nicht.
Sie zwang sich zu einem leichten Lächeln, ließ es so echt wie möglich erscheinen. „Das ist eine liebe Einladung“, sagte sie, ihre Stimme weich, aber bestimmt. „Aber es geht momentan leider nicht.“
Alexandra betrachtete sie einen Moment lang, als könnte sie in ihren Gedanken lesen. Dann lachte sie, ein warmes, unbeschwertes Lachen, das die Nacht erfüllte. „War ja klar, dass du nein sagst. Aber ich dachte, ich frage trotzdem.“ Sie nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Krug und stieß ihn dann spielerisch gegen Leylas. „Wir alle mögen dich, Mera. Falls du deine Meinung änderst.“
Leyla fühlte, wie sich ihr Brustkorb für einen Moment zusammenzog. Die Worte kamen so beiläufig, so ungezwungen, doch sie trafen sie tiefer, als sie es sich anmerken lassen wollte. Sie hob ihren Krug und erwiderte das Lächeln, auch wenn ein leiser Schmerz in ihr wuchs.
„Und ich mag euch auch“, sagte sie leise, ihre Stimme ehrlich, aber voller unausgesprochener Worte. „Sehr sogar.“
Für diesen Moment ließ sie alles andere hinter sich. Die Zukunft konnte warten. Die Pflicht konnte warten. Denn in dieser Nacht, unter den Sternen, am knisternden Feuer, war sie nicht Leyla, die Kaiserliche Kopfgeldjägerin.
Sie war Mera. Und sie war glücklich.
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Leyla hatte sich tief in ihren Schlafsack gekuschelt, ihre Augen bereits geschlossen, doch ihre Gedanken ließen ihr keine Ruhe. Das Gespräch mit Alexandra hallte in ihrem Kopf wider. Die Einladung, sich den Blätterlosen anzuschließen, die Herzlichkeit in Alexandras Stimme – es hatte sie berührt. Der Gedanke, sich einfach diesem Leben hinzugeben, mit ihnen durch das Kaiserreich zu reisen und Abenteuer zu erleben, war verlockend. Doch sie wusste, dass es eine Illusion war. Früher oder später würde ihre wahre Identität sie einholen, und dann würde alles anders sein.
Gerade als sie begann, in einen leichten Schlaf zu sinken, spürte sie ein sanftes Zupfen an ihrem Schlafsack.
„Du, Mera… bist du noch wach?“ Alexandras Stimme war ein Flüstern in der Dunkelheit, sanft wie die Brise, die durch die Baumwipfel strich.
Leyla blinzelte und setzte sich langsam auf. „Ja… was ist los?“ Ihre Stimme war leise, rau vom Schlaf, aber voller Neugier.
Alexandra lächelte im schwachen Mondlicht, ihre Silhouette zeichnete sich sanft vor dem dunklen Wald ab. Sie beugte sich ein Stück näher. „Komm mit. Ich möchte dir etwas zeigen.“
Ohne zu zögern folgte Leyla ihr aus dem Lager hinaus. Die Nacht war klar und kalt, der Himmel voller funkelnder Sterne, die wie unzählige kleine Diamanten über ihnen schimmerten. Alexandra führte sie einen kleinen Pfad hinauf, bis sie auf einem Hügel ankamen. Ein alter Baum stand dort, seine knorrigen Äste streckten sich weit aus, als würden sie den Himmel umarmen. Darunter lag ein großer, flacher Stein, auf den sich Alexandra mit einem zufriedenen Seufzen setzte.
„Setz dich“, sagte sie mit einem leichten Schmunzeln und zog zwei kleine Glasfläschchen aus ihrer Tasche. Ihr Inhalt leuchtete in allen Farben des Regenbogens, als würde er das Licht der Sterne einfangen.
Leyla nahm eines davon entgegen und betrachtete es neugierig. „Was ist das?“
Alexandras Augen funkelten. „Sternenwasser. Es macht dich für eine Stunde leichter… als wärst du ein Teil des Himmels.“
Leyla zog eine Augenbraue hoch. „Und das ist sicher?“
Alexandra lachte leise. „Ich hab’s schon oft getrunken. Es ist nicht mehr als ein bisschen Magie und ein angenehmes Gefühl.“
Leyla zögerte nur einen Moment, dann zuckte sie mit den Schultern und öffnete die Flasche. Der Inhalt schmeckte süßlich, fast wie Honig, doch sobald sie ihn hinunterschluckte, breitete sich eine sanfte Wärme in ihr aus. Ihre Haut prickelte leicht, als würde sie von einem warmen Sommerwind umhüllt. Als sie den Blick zum Himmel hob, wirkten die Sterne näher, heller, als wären sie zum Greifen nah.
Alexandra lehnte sich an sie, und Leyla erwiderte die Bewegung, ließ sich von der Magie und der Nähe ihrer Gefährtin treiben. „Schön, oder?“ fragte Alexandra leise, während sie in den Nachthimmel blickte.
Leyla nickte. „Ja… unglaublich schön.“
Einen Moment lang herrschte Stille zwischen ihnen. Nur der Wind streichelte sanft die Blätter des alten Baumes, während die Sterne in einem endlosen Tanz über ihnen funkelten. Dann drehte Alexandra sich zu Leyla und berührte sanft ihre Wange.
Leylas Herz machte einen Sprung, als sich ihre Blicke trafen. Es war kein Zögern in Alexandras Augen, nur ehrliche Zuneigung und ein Hauch von Sehnsucht. Langsam beugte sie sich vor, und Leyla tat es ihr gleich. Der erste Kuss war sanft, ein vorsichtiges Erkunden, warm und vertraut.
Doch als sie sich voneinander lösten und Leyla Alexandras Lächeln sah, fühlte sie eine Wärme, die nichts mit dem Sternenwasser zu tun hatte. Alexandra fuhr mit ihren Fingern durch Leylas Haare, bevor sie ihr erneut nahe kam, diesmal drängender, fordernder. Ihr Atem vermischte sich mit dem kühlen Nachtwind, als ihre Lippen erneut aufeinandertrafen.
Leyla schloss die Augen, ließ sich mitreißen. Sie spürte Alexandras Finger, die sanft an ihrer Taille entlangglitten, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Alexandras Hand glitt tiefer, fand den Saum von Leylas Hose, ihre Berührung war warm und neugierig.
Leyla konnte in Alexandras Augen tausend kleine Sterne funkeln sehen. ,,Wie schön’’, dachte sie glücklich.
Leyla seufzte leise, ließ sich gegen den Baum lehnen, während Alexandras Fingerspitzen über ihre Haut strichen und sich dann in ihre Hose vortasteten. Die Welt um sie herum verschwand, wurde bedeutungslos, als sie sich in diesem Moment verloren. Die Sterne funkelten über ihnen, doch für Leyla war Alexandra das einzige Licht, das jetzt zählte.
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Leyla erwachte langsam, blinzelte gegen das fahle Morgenlicht, das durch die dichten Wolken sickerte. Die Luft war kühl und roch nach nassem Gras und feuchter Erde, das sanfte Rauschen des Windes in den Bäumen verstärkte die friedliche Stille. Für einen Moment wollte sie einfach liegen bleiben, das Gewicht der Welt vergessen und sich in die Wärme neben ihr schmiegen. Alexandras Körper war eine sanfte, angenehme Präsenz, ihr Atem ruhig und gleichmäßig. Leyla spürte die vertraute Nähe, das sanfte Heben und Senken von Alexandras Brust, das ihr ein Gefühl von Sicherheit gab, das sie kaum noch kannte.
Doch der Moment wurde jäh unterbrochen.
,,Aha, hab ich es mir doch gedacht!’’
Bettys empörte Stimme durchschnitt die Stille des Morgens wie ein Dolch, ließ die letzten Fetzen der Nacht mit einem Schlag verblassen. Alexandra rührte sich zuerst, ein leises Murren verließ ihre Lippen, als sie sich aufsetzte. Leyla folgte langsam, ihr Körper fühlte sich schwer an, noch gefangen in der angenehmen Trägheit der Nacht.
Vor ihnen stand Betty, ihre Arme fest vor der Brust verschränkt, ihre weißen Haare zerzaust, als wäre sie gerade aus dem Schlaf gestürzt. Ihre Lippen waren zu einem missbilligenden Schmollmund verzogen, und ihre hellen Augen funkelten mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Empörung und jugendlicher Enttäuschung lag.
„Guten Morgen, Betty“, sagte Alexandra, ihre Stimme klang noch schläfrig, während sie sich eine Strähne aus dem Gesicht strich.
Betty tappte mit dem Fuß auf den Boden. „Ihr habt die Sterne beobachtet und mich nicht geweckt?“ Ihre Stimme bebte leicht, und Leyla konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Oh, Betty…“ begann Alexandra beschwichtigend, doch bevor sie weitersprechen konnte, hallte Jevrys tiefe Stimme vom Fuße des Hügels zu ihnen hinauf.
„Betty, lass die beiden erstmal in Ruhe aufstehen!“
Die Klerikerin schnaubte empört, drehte sich mit einer übertriebenen Bewegung um und warf demonstrativ ihre Haare über die Schulter. „Tja, ich wollte die Sterne sowieso nicht sehen“, verkündete sie trotzig, doch das leichte Zittern in ihrer Stimme verriet, dass sie eigentlich sehr wohl wollte.
Leyla und Alexandra tauschten einen amüsierten Blick, dann mussten sie beide lachen.
„Betty ist schon süß, oder?“ sagte Alexandra und gähnte, während sie sich die letzten Spuren des Schlafs aus den Augen rieb.
Leyla nickte und betrachtete Betty, die mit verschränkten Armen den Hügel hinabging, aber immer wieder verstohlene Blicke zu ihnen warf. „Man will sie einfach in den Arm nehmen und beschützen“, sagte Leyla leise, ihr Blick voller Wärme.
Doch in genau diesem Moment veränderte sich etwas in ihr.
Es begann tief in ihrer Brust, ein vages, kaum greifbares Gefühl, das sich langsam ausbreitete. Zuerst war es nur eine Unruhe, wie ein fernes Echo, das durch ihre Adern vibrierte. Doch dann wurde es stärker. Die Runensteine, die tief in ihr schlummerten, begannen zu pulsieren, als würden sie erwachen. Sie schienen in Aufruhr zu sein– ein dumpfes Ziehen, das keine Worte brauchte.
Leyla hatte so etwas noch nie zuvor gespürt.
Die letzte Erinnerung, die vergleichbar war, war das Gespräch mit Selfmun Aragi, als der Runenstein der Erde eine ähnliche Reaktion gezeigt hatte. Doch damals war es Angst gewesen. Dies hier war anders. Keine Angst, sondern eine drängende Ungeduld, eine Notwendigkeit, weiterzugehen, sich zu bewegen, nicht stillzustehen.
Ein unbewusstes Zittern durchlief ihren Körper, als ihr Blick über die Landschaft wanderte – und dann blieb er an einer Gestalt hängen.
Am Ufer des stillen Sees, der ein Stück entfernt in der Morgendämmerung glitzerte, stand er.
Ein Oni.
Er war groß, seine Haut blass. Seine weißen Augen fixierten sie aus der Ferne. Er stand reglos, unbeweglich wie eine Statue, doch sie wusste, dass er auf sie wartete.
Leyla spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte. Sie wusste nicht, woher sie es wusste, aber irgendetwas in ihr sagte, dass er eine Gefahr war.
„Geh schon mal zu den anderen“, sagte sie leise zu Alexandra, ihre Stimme war ruhig, doch sie spürte, wie sich eine Anspannung in ihren Gliedern aufbaute. Sie wollte die Blätterlosen nicht in das, was auf sie wartete, hineinziehen.
Alexandra musterte sie mit einem nachdenklichen Blick, als hätte sie das seltsame Zittern in Leylas Stimme bemerkt. Doch sie sagte nichts. Sie streifte mit ihren Fingern sanft Leylas Schulter, eine stumme Geste des Vertrauens. „Lass dir Zeit, wir warten auf dich.“
Leyla nickte. Dann wandte sie sich um und begann langsam, den Hügel hinabzusteigen.
Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der letzte. Nicht aus Angst – nein, es war dieses unaufhörliche Ziehen in ihrer Brust.
Der Oni stand noch immer da, unverändert, während der Nebel über dem See langsam aufstieg und ihn wie einen Geist umhüllte.
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„Wer bist du?“ Leylas Stimme war kalt, durchzogen von einem drohenden Unterton. Ihre Augen verengten sich misstrauisch, während sie ihre Haltung unmerklich absenkte, bereit, im nächsten Moment anzugreifen oder auszuweichen. Die Luft zwischen ihnen war schwer, gespannt wie eine Bogensehne kurz vor dem Schuss.
Der Oni sah sie lächelnd an — ein Grinsen, das weder feindselig noch freundlich war, sondern tief in einer verborgenen Wahrheit verwurzelt lag. ,,Mein Name ist Nahenma. Und ich bin hier, um dich zu holen, Leyla.’’
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Ihr Körper spannte sich instinktiv an, als ihre Gedanken rasten. War er einer der Kopfgeldjäger? Einer von denen die sie nicht kannte? Einen, den das Kaiserreich geschickt hatte? Doch irgendetwas daran fühlte sich falsch an.
Dann fiel ihr Blick auf die Kette, die er um den Hals trug. Ein schräges Kreuz, das Symbol…
Leylas Herz setzte einen Schlag aus. Diese Kette.
Sie hatte sie schon einmal gesehen – nein, sie hatte sie in ihren eigenen Händen gehalten. Nach dem Kampf gegen den Drachen, als sie für „N“ gearbeitet hatte.
Ihr Atem wurde flach. ,,Du bist ,N’?’’ fragte sie misstrauisch.
Nahenmas Lächeln vertiefte sich. ,,Genau.’’
Einen Moment lang sagte er nichts, ließ das Wort einfach in der Luft hängen, als wolle er, dass sie es selbst verarbeitete. Dann fuhr er fort, seine Stimme klang nun fast bedauernd. „Ich habe dich damals getestet. Ich wollte wissen, ob du eine Bedrohung bist.“ Er machte eine kurze Pause, als wolle er ihre Reaktion abwarten, bevor er den letzten Satz aussprach: „Glaub mir… du tust mir leid.“
Leyla blinzelte. Seine Worte wirkten seltsam auf sie. Mitleid? Mit ihr?
Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, bewegte sich Nahenma. Langsam hob er eine Hand und legte die Finger auf die Kette. „Verzeih mir.“
Ein blendendes Licht brach aus dem Kreuz hervor.
Leylas Körper reagierte sofort. Sie drehte sich um, ihr Herz raste, jeder Muskel schrie danach, zu fliehen – doch bevor sie auch nur einen Schritt tun konnte, spürte sie es.
Eine unsichtbare Kraft packte sie, riss an ihren Gliedern, zog sie nach hinten, als wäre sie in einem Netz aus purem Nichts gefangen. Ihre Finger verkrampften sich, ihr Körper zuckte, doch sie konnte sich nicht bewegen. Es war wie damals – dieses lähmende, grausame Gefühl, als sie die magieunterdrückenden Handschellen tragen musste.
Panik überkam durch sie. „LASS MICH LOS!“ schrie sie, ihre Stimme war eine Mischung aus Wut und verzweifelter Angst. Sie stemmte sich gegen die unsichtbare Macht, versuchte, ihre Magie zu rufen – doch nichts. Kein Funke, kein Hauch von Kraft.
Nahenma stand reglos da. Seine Augen waren ruhig, sein Gesicht ernst. Als wäre dies nichts, was er gerne tat – sondern etwas, das er tun musste.
Leylas Brust zog sich zusammen, als ihr Körper begann, sich zu verformen. Nicht äußerlich – nein, es war etwas viel Schlimmeres. Ein Gefühl, als würde sie sich auflösen, als würde sie von innen nach außen gestülpt, in Fäden gezogen, die nicht mehr zusammenpassten.
Sie kämpfte. Kämpfte mit jeder Faser ihres Seins. Doch es war zu stark.
Ihre Sicht verschwamm.
Das Letzte, was sie sah, war Alexandras Gesicht, das vom Hügel herab zu ihr blickte.
Ihre Augen waren weit aufgerissen, ihre Lippen formten stumme Worte, eine Hand war verzweifelt nach ihr ausgestreckt, als könnte sie Leyla noch festhalten – doch es war zu spät.
Die Welt um sie herum zerfiel. Dann wurde alles schwarz.
Das Letzte, was in ihrem Geist widerhallte, war die pure Verzweiflung in Alexandras Blick.
Und dann war selbst das verschwunden.



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