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Kapitel 148 - Ein Garten für die Ewigkeit

10. März 2025
8 Min. Lesezeit

Leyla blinzelte, ihre Gedanken noch benommen von dem plötzlichen Wechsel der Szenerie. Gerade eben hatte sie noch in der Wiese gestanden, kurz nachdem sie mit Alexandra gesprochen hatte – und jetzt? Jetzt war sie an einem fremden, aber seltsam vertrauten Ort.


Ein Garten erstreckte sich um sie herum, so weit das Auge reichte. Blumen in schillernden Farben wiegten sich sanft im Wind, ihr süßer Duft erfüllte die Luft. Das Zwitschern der Vögel mischte sich mit dem gleichmäßigen Summen von Bienen, und der Rasen unter ihren Füßen war so weich, dass es fast unwirklich schien. Das Licht der Sonne schien warm auf ihre Haut, doch Leyla konnte nicht sagen, woher es genau kam.


Dann fiel ihr Blick auf etwas, das nicht hierhergehörte.


Die Tür.


Schwarz, massiv und mit feinen, kunstvollen Linien überzogen, stand sie mitten im Garten. Keine Wände, kein Gebäude, nur eine einzelne Tür, als wäre sie fälschlicherweise hier platziert worden. Sie war mit feuchtem Moos bewachsen, und der kleine Weg, der zu ihr führte, wirkte, als hätte ihn schon lange niemand mehr betreten.


Leyla trat vorsichtig näher.


Das Holz der Tür war tiefschwarz, doch die feinen Verzierungen auf ihr schienen sich zu bewegen, als würde etwas darunter schlummern. Symbole, die ihr auf eine unerklärliche Weise bekannt vorkamen, zogen sich in geschwungenen Linien über die Oberfläche.


Sie ging um die Tür herum.


Auf der anderen Seite erwartete sie nichts als der Garten – keine Mauer, kein Raum. Nur diese Tür, scheinbar losgelöst von allem, was sie kannte.


Ein Prickeln lief über ihre Haut, eine Mischung aus Nervosität und Neugier.


Was würde passieren, wenn sie hindurchging?


Ihre Finger glitten vorsichtig über das Holz. Es fühlte sich warm an, doch in der Tiefe war eine kühle Präsenz spürbar, eine fremde Energie, die sich nur erahnen ließ. Leyla biss sich auf die Unterlippe. Instinktiv wusste sie, dass diese Tür keine gewöhnliche war. Doch genau das machte sie so verlockend.


,,Was eine schöne Tür’’, murmelte Leyla.


Langsam hob sie die Hand zur Klinke.


Kaum hatte sie sie berührt, spürte sie eine leichte Vibration unter ihren Fingern, als würde die Tür auf ihre Anwesenheit reagieren. Ein Schauer lief über ihren Rücken. Ein einziger Druck, ein leises Quietschen – dann würde sie sich öffnen.


Doch bevor sie es tun konnte, erklang eine Stimme hinter ihr.


Ruhig, aber eindringlich.


[???] ,,Das würde ich nicht tun, wenn ich du wäre.’’



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Leyla fuhr ruckartig herum, ihr Herz schlug schneller, als sie in das strenge Gesicht eines alten Mannes blickte.


Sein langer, grauer Bart fiel ihm über die Brust, und sein grüner Mantel hing schwer über seinen Schultern. Seine braunen Augen wirkten merkwürdig leblos, als hätten sie schon zu viel gesehen, zu viel verstanden.


„Warum soll ich nicht durch die Tür gehen?“ fragte Leyla misstrauisch.


Etwas an dieser Tür zog sie an, ein Gefühl, das sie nicht erklären konnte. Sie wollte sie öffnen, wollte wissen, was dahinter lag.


Der alte Mann ließ einen langen Seufzer hören. ,,Weil du dann aufhören würdest zu existieren.’’


Leyla blinzelte. Das klang absurd.


„Das kann ich mir nicht vorstellen“, antwortete sie und spürte, wie sich ihre Finger fester um die Türklinke schlossen. Irgendetwas in ihr sträubte sich gegen seine Worte. Die Tür war ihr so vertraut erschienen, so richtig. Sie fühlte sich fast verpflichtet, sie zu verteidigen.


[???] ,,Er hat aber Recht.’’


Leyla zuckte zusammen und drehte sich zur Seite. Dort stand eine junge Frau mit langem, blauem Haar. Ihre Haut hatte einen leicht schimmernden Ton, als wäre sie aus dem Wasser gestiegen, und ihr knapper, mit Muscheln besetzter Badeanzug wirkte fehl am Platz in dieser friedlichen Gartenlandschaft.


Langsam kam Leyla zu Sinnen. Die Tür, die eben noch wie eine sanfte Einladung gewirkt hatte, erschien ihr nun fremd. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.


„Seid ihr die Runensteine?“ fragte sie, ihre Stimme war leiser als beabsichtigt.


Der alte Mann seufzte erneut. ,,Ja und nein. Wir sind das Abbild deiner Fantasie.’’


Leylas Verwirrung wuchs nur noch mehr. „Was ist das hier für ein Ort?“ fragte sie und drehte sich um, als könnte sie irgendwo eine Antwort finden.


Die Frau trat näher, ihr Lächeln war seltsam verspielt, als sie Leyla auf die Schulter klopfte.


,,Das hier ist ein Übergang.’’


Leyla schluckte. „Ein Übergang wohin?“


,,Einen Übergang ins Nichts. In die Bedeutungslosigkeit’’, antwortete der alte Mann mit einer Stimme, die keine Emotion erkennen ließ.


Ein ungutes Gefühl breitete sich in Leyla aus, als hätte sie einen Abgrund direkt vor sich übersehen. „Warum ist dieser Übergang hier? Was mache ich hier überhaupt?“ Ihre Gedanken rasten.


Die blauhaarige Frau kicherte leise, bevor sie sich leicht zu Leyla beugte, ihre Stimme war weich, fast süßlich.


,,Du bist hier, weil du aus der Existenz entfernt werden sollst.’’



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Leyla ließ sich auf den Boden sinken, ihr Kopf dröhnte, und ein Gefühl der Ohnmacht überkam sie. Aus der Existenz entfernt werden? Warum? Was hatte sie getan, das eine so extreme Maßnahme rechtfertigte? Ihr Atem ging schneller, als die Bedeutung der Worte auf sie einwirkte.


„Wie komme ich von hier weg?“ fragte sie schließlich, ihre Stimme war leiser, als sie es gewollt hatte. Doch sie richtete ihre Frage direkt an den alten Mann, von ihm erwartete sie eine klare, unverblümte Antwort.


Er sah sie mit seinen leblosen Augen an, und als er sprach, war seine Stimme ebenso kalt und endgültig wie sein Blick.


,,Gar nicht.’’


Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Ein kaltes Kichern erklang, und Leyla drehte ihren Kopf zu der blauhaarigen Frau, die sie mit einem amüsierten Lächeln betrachtete.


„Du musst ihr doch keine Angst machen“, sagte die Frau und tippte sich gespielt tadelnd an die Schläfe. „Es gibt durchaus eine Möglichkeit, von hier zu entkommen.“


Leyla klammerte sich an die Hoffnung in diesen Worten. „Und welche wäre das?“ fragte sie sofort.


Die Frau drehte sich verspielt um ihre eigene Achse, als würde sie das Gespräch genießen. Doch es war der Mann, der antwortete, seine Stimme war rau und unnachgiebig.


,,Jemand muss das Artefakt zerstören, das dich hierher gebracht hat.’’


Sein Blick wirkte schwer, als würde er über etwas nachdenken, das ihn beschäftigte. Dann fiel Leyla auf, dass sich seine Miene leicht verhärtet hatte, als wäre er… enttäuscht?


Ein unangenehmes Ziehen machte sich in ihr breit. „Bist du wütend auf mich?“ fragte sie vorsichtig. „Weil ich die letzten Wochen genossen habe?“


Der alte Mann musterte sie lange, dann schüttelte er langsam den Kopf.


„Nein“, sagte er schließlich. „Du gehst deinen Weg. Wenn du Umwege nimmst, ist das deine Entscheidung, solange du auf dem Pfad bleibst, der dir vorbestimmt ist.“


Seine Worte lösten eine unerwartete Erleichterung in ihr aus. Sie war also nicht auf einem verbotenen Pfad gewandelt. Sie hatte nicht gegen ein unausweichliches Schicksal verstoßen.


Doch ein weiteres Rätsel beschäftigte sie.


„Wer ist dieser Oni?“ fragte sie und erinnerte sich an die leuchtenden Augen des Mannes, der sie aus der Realität gerissen hatte.


Die blauhaarige Frau verzog das Gesicht, als hätte sie in eine bittere Frucht gebissen. „Er gehört zum Orden der Gerechtigkeit“, sagte sie mit einer Ruhe, die beinahe verächtlich klang. „Sie sehen sich als Wahrer des Gleichgewichts und glauben, dass sie darüber entscheiden können, was in dieser Welt existieren darf… und was nicht.“


Leyla runzelte die Stirn. „Und ich widerspreche der Ordnung?“


Diesmal war es der alte Mann, der näher trat. Sein Blick war tief, fast durchdringend, als würde er direkt in ihre Seele blicken. ,,Nein. Doch das kann er nicht wissen.’’


Leyla ballte ihre Hände zu Fäusten. „Kann ich mit ihm reden? Es ihm erklären?“


Der Mann seufzte. ,,Nein. Er würde es nicht verstehen.’’


Leyla presste die Lippen zusammen, und ihre Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen. Warum musste es immer so sein?


Es fühlte sich an, als würde sie gegen unsichtbare Fäden kämpfen, die jemand anders um ihr Leben gesponnen hatte.


Doch dann fiel ihr etwas ein.


Sie sprang auf, ihre Verwirrung war für einen Moment vergessen, als ein Gedanke sich in ihrem Kopf formte. Sie trat näher an den alten Mann heran, ihre Augen fixierten ihn eindringlich.


„Was war das damals, als ich mit Selfmun Aragi gesprochen habe?“



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Kaum hatte Leyla die Worte ausgesprochen, veränderte sich der Garten um sie herum auf erschreckende Weise. Ein eisiger Wind fegte über das Land, ließ die Luft schneidend kalt werden. Die Bäume begannen zu verdorren, ihre Blätter wurden braun und fielen in wirbelnden Spiralen zu Boden. Die bunten Blumen, die den Garten zuvor in leuchtenden Farben getaucht hatten, verwelkten in Sekunden, als hätte eine unsichtbare Hand ihnen das Leben entzogen.


Über ihnen verstummten die Vögel abrupt. Ein dumpfes Geräusch ließ Leyla aufblicken – die Tiere fielen aus der Luft, eines nach dem anderen, ihre Körper schlugen leblos auf den Boden auf, als hätte eine unsichtbare Kraft sie einfach ausgelöscht.


Die Frau mit dem blauen Haar zuckte erschrocken zusammen und riss die Arme über den Kopf, als wollte sie sich vor etwas schützen, das nur sie sehen konnte.


Der alte Mann blieb reglos. Seine leblosen Augen fixierten Leyla mit einer Intensität, die ihr einen Schauer über den Rücken jagte.


,,Das ist kein Thema, über das wir hier reden dürfen’’, sagte er schließlich, seine Stimme war ruhig, aber warnend.


Leyla spürte, wie sich Frustration in ihr regte. Sie wollte protestieren, nachhaken – doch dann ließ sie es bleiben. Stattdessen nickte sie knapp. Kaum hatte sie die Frage in ihrem Kopf beiseitegeschoben, flaute der Wind ab, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.


Die Blätter der Bäume wuchsen nach, das saftige Grün kehrte in den Garten zurück. Die Blumen erblühten erneut, und das lebhafte Zwitschern der Vögel erfüllte wieder die Luft. Die gefallenen Tiere erhoben sich aus dem Gras, schüttelten sich kurz und flogen weiter, als wäre nie etwas geschehen.


Die plötzliche Rückkehr zur Normalität war beinahe noch erschreckender als der Untergang zuvor.


Leyla atmete tief durch, versuchte die seltsame Szene in ihrem Kopf einzuordnen, dann stellte sie die nächste drängende Frage:


,,Und was soll ich jetzt machen? Was, wenn das Artefakt nie zerstört wird?’’


Die Frau lachte leise, als hätte Leyla einen kindlichen Gedanken geäußert. „Dann bleiben wir für immer hier“, sagte sie mit spielerischer Leichtigkeit, als sei das nichts weiter als eine unterhaltsame Möglichkeit.


Leyla schnaubte und verschränkte die Arme. „Na wunderbar.“


Ihr Blick glitt zu der schwarzen Tür. Die Tür, die sie so stark angezogen hatte, die sie fast unwiderstehlich fand. Sie erinnerte sich daran, wie sehr sie hatte hindurchgehen wollen.


„Warum habe ich mich zu der Tür hingezogen gefühlt?“ fragte sie, ihr Blick blieb auf den dunklen Verzierungen haften.


Der alte Mann trat neben sie, betrachtete die Tür mit etwas, das fast wie Respekt wirkte. „Dieser Garten ist darauf ausgelegt, Seelen zu vernichten“, erklärte er mit seiner trockenen Stimme. „Die Tür ist der Übergang. Ihr Ruf ist unmöglich zu ignorieren.“


Leyla runzelte die Stirn. „Aber ich habe ihm widerstanden. Das liegt an euch, oder?’’


Die blauhaarige Frau lachte leise und trat an Leyla heran. Ihr Grinsen war breit und selbstzufrieden. „Ja. Weil wir deinen Verstand geschützt haben“, sagte sie mit einem Augenzwinkern.


Leyla seufzte, als ihre Gedanken zu kreisen begannen. Sie konnte nichts tun. Sie konnte sich nicht befreien. Sie konnte nur warten, hoffen, dass jemand da draußen stark genug war, um das Artefakt zu zerstören.


Aber sie konnte sich zumindest darauf vorbereiten, was danach kam.


Leyla ging ein paar Schritte zu einem kleinen See, dessen Oberfläche spiegelglatt war. Sie betrachtete ihr eigenes Spiegelbild – und erstarrte. Ihre Haare waren wieder blau. Die magentafarbene Tarnung war verschwunden.


Ihr Blick wurde entschlossener.


„Also muss ich einfach warten?“ fragte sie schließlich, ohne den Blick von ihrem Spiegelbild zu nehmen.


,,Ja’’, antwortete der alte Mann schlicht, ohne Raum für Verhandlungen zu lassen.


Leyla sog scharf die Luft ein, dann stand sie auf und streckte sich ausgiebig. Sie drehte sich zu den beiden um, ihre Augen funkelten nun mit einem neuen Feuer.


„Dann werde ich trainieren und die Zeit nutzen“, erklärte sie mit fester Stimme. „Helft ihr mir?“


Die Frau sprang auf, ihre Begeisterung war nicht zu übersehen. Ihr Lächeln war breit und voller Energie.


Der Mann hob leicht die Schultern, als würde er eine unausweichliche Tatsache akzeptieren, und nickte.


Dann sprachen sie im Einklang, ihre Stimmen klangen wie eine einzige, sich überschneidende Melodie:


,,Endlich fragst du danach.’’

 
 
 

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