top of page

Kapitel 149 - Wiedersehen

10. März 2025
20 Min. Lesezeit

Alexandra fühlte sich, als hätte jemand ihr den Boden unter den Füßen weggerissen. Die Worte des Onis hallten in ihrem Kopf wider, ein Echo, das sich nicht abschütteln ließ. Mera — Nein — Leyla existierte nicht mehr? Die Vorstellung war absurd, unmöglich – und doch stand der Oni mit dieser unerschütterlichen Gewissheit vor ihr. Ihr Körper bebte, nicht vor Angst, sondern vor brodelnder Wut.


„Du lügst!“ schrie Betty, ihre Stimme war eine Mischung aus Verzweiflung und unbändiger Wut. Tränen standen ihr in den Augen, doch sie ließ sich nicht davon aufhalten. Ihre kleine Gestalt zitterte, doch ihre Hände umklammerten ihren Stab so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.


Karst hatte seinen Bogen gespannt, sein Gesicht war kalt, voller Abscheu. Jevry stand regungslos da, seine massige Gestalt war angespannt wie ein lauernder Bär. Er trug Betty auf dem Rücken, seine Muskeln waren hart wie Stein, seine Augen verengt, als wäge er jede Möglichkeit ab, den Oni zu Boden zu zwingen.


„Nein“, erwiderte der Oni ruhig, aber es lag ein Hauch von Ungeduld in seiner Stimme. „Dieser Anhänger ist einer der wenigen Gegenstände, die eine Person aus der Realität entfernen können.“


Ein brennender Stich durchzog Alexandras Brust. Sie wollte schreien, wollte dem Oni mit bloßen Händen den Hals umdrehen, doch stattdessen handelte sie. Mit einem Wutschrei stürzte sie sich auf ihn, ihre Klinge durchtrennte die Luft mit tödlicher Präzision.


Doch der Oni war schnell. Zu schnell.


Mit einer geschickten Bewegung hob er sein Schwert und parierte ihren Angriff. Ein lautes Klirren erfüllte die Lichtung, Funken sprühten, als Metall auf Metall traf. Alexandra biss die Zähne zusammen, drängte mit all ihrer Kraft nach vorne, aber der Oni hielt stand.


Ein Pfeil zischte durch die Luft, schnell und tödlich – Karst hatte geschossen. Doch der Oni duckte sich zur Seite, der Pfeil sauste knapp an ihm vorbei.


Dann setzte er zum Gegenangriff an. Sein Schwert raste auf Alexandra nieder, und sie riss ihre Klinge hoch, um den Schlag abzuwehren. Die Wucht ließ ihre Arme vibrieren, doch sie blieb stehen, blieb fest, ließ sich nicht zurückdrängen.


Plötzlich erstrahlte ein grelles, blendendes Licht über der Wiese.


Der Oni verzog schmerzerfüllt das Gesicht, seine Augen tränten, während er einen Schritt zurückwich. Betty keuchte schwer, ihre Hände glühten noch von dem Zauber, den sie gewirkt hatte.


Jevry nutzte den Moment. Mit einem tiefen Kampfschrei preschte er vor, sein massiver Schild wie eine Ramme vor sich.


—BANG—


Der Aufprall ließ den Oni durch die Luft wirbeln. Sein Körper schlug hart auf den Boden auf, wirbelte Staub und Blätter in die Luft.


Alexandra war sofort über ihm. Ihre Klinge drückte sich in seine Schulter, Blut sickerte aus der Wunde.


„Gib sie uns zurück“, forderte sie, ihre Stimme war gefährlich ruhig, doch ihre Finger umklammerten den Griff ihres Schwertes so fest, dass ihre Knöchel sich spannungsvoll hervorhoben.


Der Oni hustete, ein verzogenes Lächeln spielte auf seinen Lippen, während er sich die tränenden Augen rieb. „Wie gesagt… es ist zu spät.“


Etwas in Alexandras Kopf riss. Sie drückte ihre Klinge tiefer, spürte, wie das Fleisch nachgab.


„Gib… sie… uns… zurück!“ Ihre Stimme war ein Knurren, jeder Buchstabe getränkt in Wut und Verzweiflung.


Dann hörte sie Karsts Warnung.


,,Pass auf Alexandra!’’


Ein Schatten verdunkelte den Himmel.


Ein donnernder Schrei zerriss die Luft.


Plötzlich stürzte ein Greif aus den Wolken herab.


Krallen gruben sich in Alexandras Schulter, rissen sie von dem Oni fort. Ein gewaltiger Schnabel bohrte sich in ihren Rücken, Schmerz explodierte in ihrem Körper, als das Blut aus der Wunde strömte.


Mehrere Pfeile durchbohrten das Fell des Greifen, Karst hatte ihn getroffen. Das Tier kreischte, ließ Alexandra los, die schwer zu Boden stürzte.


Schmerz. Brennend, allumfassend.


Ihr Körper bebte, als ihre Finger die blutende Wunde an ihrem Rücken berührten. Ihre Lunge zog sich zusammen, ihr Atem ging stoßweise.


„Bitte, allmächtige Kamera…“ Bettys Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Leih mir deine Kraft, um meine Freundin zu heilen.“


Ihre Hände leuchteten sanft, als sie ihre Magie wirkte.


Wärme breitete sich durch Alexandras Körper aus. Der Schmerz ließ langsam nach, das Brennen wurde schwächer. Sie konnte wieder atmen.


Doch ihr Verstand konnte sich nicht entspannen.


Leyla…


Sie konnte sie nicht einfach aufgeben.


Nicht, solange noch eine Chance bestand.


Mit wackeligen Beinen kämpfte sie sich hoch, Betty stützte sie leicht.


„Wir… wir müssen weiterkämpfen“, brachte sie hervor, ihre Stimme schwach, aber ungebrochen.


Jevry nickte, sein Gesicht war finster. „Wir stehen zusammen. Bis zum Ende.“


Karst zog einen weiteren Pfeil aus seinem Köcher, sein Blick war auf den Greifen gerichtet, der sich zum nächsten Angriff bereitmachte.


Der Oni rappelte sich langsam auf, keuchend, seine Schulter blutete noch immer. „Ihr seid hartnäckig“, murmelte er, während er sich die Brust rieb. „Aber ihr könnt nicht gewinnen.“


Alexandra hob ihr Schwert erneut.


Ihr Körper war geschwächt, aber ihre Entschlossenheit unerschütterlich.


„Wir werden sehen“, sagte sie leise, aber mit unmissverständlicher Härte. „Wir geben nicht auf. Niemals.“



--------------------------------------------------------------------------



Alexandra hielt ihren Blick fest auf den Greifen gerichtet. Sein schwarzes Gefieder glänzte matt im schwachen Licht, während sein blutverschmierter Schnabel sich leicht öffnete, bereit, erneut zuzuschnappen. Seine Augen, glühend und intelligent, musterten sie mit der scharfen Berechnung eines Raubtiers. Das Biest war größer als ein Bär, jeder seiner Schritte ließ die Erde erbeben.


Sie durfte keinen Fehler machen. Sie drehte sich zu Betty um, die schwer atmete, ihr Gesicht war von Anstrengung gezeichnet.


„Kannst du mich verstärken?“ fragte Alexandra, ihre Stimme war ruhig, aber es lag ein Hauch von Dringlichkeit darin.


Betty nickte sofort, obwohl sie beide wussten, dass dieser Zauber ihr letztes Mana kosten würde. Ihre Hände begannen zu leuchten, ein sanftes, goldenes Licht pulsierte zwischen ihren Fingern, als sie die heiligen Worte murmelte. Wärme breitete sich in Alexandras Körper aus, eine Welle von neuer Kraft, als würde ihr eigener Geist neu erwachen. Ihre Muskeln spannten sich an, ihr Geist wurde schärfer – jeder ihrer Sinne war jetzt auf höchstem Niveau.


„Karst, halte den Oni mit deinen Pfeilen auf Distanz. Jevry, du kommst mit mir, wir erledigen zuerst den Greifen“, befahl Alexandra, während sie ihr Schwert fester umklammerte.


Kein Zögern. Kein Zweifel.


Beide Männer nickten wortlos. Karst nahm seine Position ein, seine Hand zog präzise einen Pfeil aus dem Köcher, die Sehne gespannt, bereit zu schießen. Jevry hingegen zog tief die Luft in seine Lungen, seine mächtigen Arme hoben den Schild, und sein Blick war fest auf den Greifen gerichtet.


Dann stürmten sie los. 


Der Greif reagierte blitzschnell. Mit einem lauten, durchdringenden Schrei schlug er seine massiven Krallen nach Alexandra aus. Doch Jevry war schneller – sein Schild krachte gegen die Klauen des Biests, die Wucht des Aufpralls ließ ihn zwar zurücktaumeln, aber er hielt stand.


Alexandra nutzte diesen Moment. Mit einem flüssigen, gezielten Stoß rammte sie ihr Schwert in die Seite des Greifen, genau in das schwarze Federkleid. Warmes Blut spritzte hervor, das Tier kreischte vor Schmerz, sein massiger Körper bebte unter dem Angriff. Doch noch bevor sie sich in Sicherheit bringen konnte, spürte sie eine plötzliche Bewegung in ihrem Rücken.


Der Oni.


Er hatte den Pfeilhagel Karsts ignoriert und bewegte sich nun mit erschreckender Geschwindigkeit auf sie zu. Seine Klinge sauste auf sie herab – eine tödliche, präzise Bewegung.


Alexandra reagierte instinktiv. Sie sprang zur Seite und trat mit der verstärkten Kraft von Bettys Magie nach dem Oni. Ihr Fuß traf ihn mit solcher Wucht, dass er zurücktaumelte und gegen den immer noch tobenden Greifen krachte. Er sank für einen Moment zu Boden, doch sie wusste, dass das nicht lange anhalten würde.


Jevry nutzte die Gelegenheit. Er packte den Schnabel des Greifen mit beiden Händen, seine Finger krallten sich in das federbedeckte Fleisch, und er zog mit all seiner Kraft, um den Kopf des Tieres zu fixieren. Doch der Greif war stark. Er bäumte sich auf, seine Flügel schlugen heftig, Schnee und Staub wirbelten durch die Luft, und Jevry kämpfte darum, die Kontrolle zu behalten.


Alexandra setzte zum nächsten Schlag an. Doch dann – ein Ruck.


Ein seltsames Gefühl durchströmte sie, eine Welle der Schwäche überrollte ihren Körper, ließ ihre Knie zittern. Die Kraft, die Betty ihr gegeben hatte, begann zu schwinden.


Zu früh.


Betty keuchte laut auf, und Alexandra wusste, was geschehen war. Der letzte Tropfen Magie war verbraucht, Betty hatte nichts mehr zu geben. Und nun…


Ihre Beine gaben nach.


Der Greif nutzte den Moment. Er riss seinen Kopf los, schleuderte Jevry mit ungeheurer Kraft gegen einen Baum. Die Rüstung des Kriegers krachte gegen das Holz, der Aufprall war brutal, und Jevry blieb schwer atmend auf den Knien.


Alexandra versuchte sich zu bewegen, doch ihre Glieder fühlten sich bleischwer an. Sie sah, wie der Oni sich wieder aufrappelte, sein Schwert war fest in seiner Hand.


Jevry bemerkte ihre Schwäche. Ohne zu zögern rappelte er sich auf und rannte los, packte Alexandra und zog sie mit sich fort. Schwerthiebe des Onis schnitten durch die Luft, trafen Jevry mehrfach am Rücken, doch er hielt stand, sein Körper war eine wandelnde Mauer, die sich nicht einfach so niederreißen ließ.


Er erreichte Betty und Karst, ließ Alexandra auf den Boden sinken, während Betty zitternd die Hände auflegte, um zu helfen. Doch sie hatte keine Magie mehr, nichts, um die Wunden zu heilen.


Karst hatte seinen Dolch gezogen, seine Pfeile waren aufgebraucht. Er stellte sich schützend vor die Gruppe, seine Haltung war angespannt, bereit, bis zum letzten Moment zu kämpfen.


Alexandra versuchte sich aufzurichten, doch ihre Muskeln versagten. Sie konnte nur noch auf den Greifen blicken, der trotz der tiefen Wunde an seiner Seite immer noch aufrecht stand. Die Kreatur atmete schwer, Blut tropfte aus ihrem Maul, doch ihr Blick war drohend.


Wie sollten sie diesen Kampf gewinnen?


Eine dunkle Welle der Verzweiflung überrollte sie. Sie wollten Leyla retten, aber wenn sie hier starben, würde es keinen mehr geben, der für sie kämpfte.


Dann – ein lautes Brüllen durchschnitt die Luft.


Der Himmel färbte sich rot.


Alexandra hob den Kopf, ihre Augen weiteten sich, als sie erkannte, was da über den Horizont auf sie zukam.



--------------------------------------------------------------------------



Am Himmel kreiste ein schwarzer Drache, gewaltig groß. Alexandra hatte noch nie einen Drachen erblickt, und der majestätische Anblick ließ ihren Atem stocken.


Ein Inferno regnete vom Himmel herab. Die sengenden Flammen umschlossen den Greifen, verschlangen sein massiges Federkleid und ließen die Luft vor Hitze flirren. Ein entsetzlicher Schrei durchbrach die Stille, ein markerschütterndes Kreischen voller Schmerz und Panik. Alexandra wandte instinktiv das Gesicht ab, die Wucht der Hitze ließ ihr die Haut brennen, obwohl sie nicht einmal direkt in der Feuersäule stand.


Das Tier kämpfte, schlug wild mit seinen Klauen um sich, versuchte sich mit heftigem Flügelschlag zu befreien, doch es war sinnlos. Die Flammen verschlangen es gnadenlos, verschlangen Fleisch und Knochen, bis sein Leib verkohlte und schließlich leblos in sich zusammenbrach.


Alexandra zwang sich, wieder hinzusehen, und spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Der Gestank von verbranntem Fleisch lag schwer in der Luft.


Der Oni reagierte panisch. Mit hektischen Bewegungen begann er, einen Zirkel in den Boden zu zeichnen, seine Hände zitterten, und sein Atem ging stoßweise. Alexandra erkannte den Ernst der Lage. Was auch immer er vorhatte, sie musste ihn aufhalten. Doch als sie versuchte, sich aufzurichten, versagten ihre Beine. Die Erschöpfung hatte ihren Körper fest im Griff.


Ihr Blick glitt suchend über den Himmel – und dann sah sie ihn.


Ein dunkler Schatten stürzte herab, und für einen Moment glaubte Alexandra, ein zweiter Drache würde angreifen. Doch es war eine Person.


Mit einer Eleganz, die unwirklich war, glitt sie durch die Luft, ihr lila Haar flatterte im Wind. Alexandra hielt den Atem an.


—BUMM—


Der Aufprall ließ die Erde erbeben. Eine Staubwolke wirbelte in die Höhe, Steine splitterten, und der Boden vibrierte unter der Wucht des Einschlags. Alexandra hob den Arm, um sich vor dem aufgewirbelten Staub zu schützen.


Als der Schleier sich lichtete, sah sie, wie der Drache sich über die Überreste des Greifen beugte, seine scharfen Zähne durch das verkohlte Fleisch schnitten. Daneben stand die Frau, die vom Himmel gefallen war.


Die lila Haarsträhnen tanzten um sie herum, ihre Kleidung war kaum zerzaust vom Aufprall. Doch das Beunruhigendste war der Oni in ihren Händen. Sie hielt ihn am Hals, hob ihn mühelos in die Luft, als wäre er nichts weiter als eine Puppe. Sein Körper zitterte, seine Beine zuckten in verzweifeltem Strampeln.


Dann – ein leises Knacken. Der Oni erschlaffte. Die Frau ließ ihn achtlos zu Boden fallen, sein lebloser Körper schlug dumpf auf.


„Gut gemacht, Zorda!“ sagte sie in ruhigem, doch auch druckvollen Tonfall und tätschelte dem Drachen den Kopf.


Alexandra holte zitternd Luft. Wer war diese Frau?


Sie zwang sich auf die Beine, jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie durch zähen Schlamm waten. Schließlich erreichte sie die Fremde.


„D-Danke… dass Ihr uns gerettet habt“, brachte sie mühsam hervor.


Die Frau drehte sich um, ein breites, unbeschwertes Lächeln auf den Lippen. „Kein Problem! Aber eigentlich war das nicht mein Ziel! Ich wollte nur den Oni töten!“


Sie schwang sich auf den Rücken ihres Drachen, als würde sie sich zum Aufbruch bereitmachen.


Alexandras Brust zog sich zusammen. Nach all dem durfte sie nicht einfach verschwinden.


„Warte!“ rief sie. Ihre Stimme war fester, durchdringender. „Bist du nicht wegen Leyla hier?“


Etwas in der Miene der Frau veränderte sich. Ein Lächeln zog sich über ihre Lippen, doch diesmal wirkte es… interessiert. „Doch! Ist sie bei euch?! Ich kann sie gar nicht sehen!“


Alexandras Blick wanderte zum Oni, oder besser gesagt zu dem, was von ihm übrig war. „Er hat sie verschwinden lassen…“


Die Fremde blinzelte. Dann musterte sie den leblosen Körper des Onis, als könnte sie nicht glauben, dass er eine solche Tat vollbracht hatte. „Der da?! Der Schwächling?!“


Alexandra sagte nichts. Stattdessen ging sie auf den Oni zu und griff nach der schwarzen Kette, die um seinen Hals hing. Sie war kalt, fast eisig, und als sie sie in den Händen hielt, spürte sie, wie eine seltsame Energie durch sie hindurchfloss.


Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus.


„Gib mir die mal!“ rief die Drachenreiterin, ihre Stimme triefte vor Neugier.


Alexandra hielt die Kette fest. Sollte sie ihr wirklich vertrauen?


Doch letztendlich wusste sie, dass sie keine Wahl hatte. Wenn irgendjemand in der Lage war, Leyla zurückzuholen, dann war es diese Frau mit ihrem Drachen.


Sie warf ihr die Kette zu.


Die Fremde fing sie mühelos auf, drehte sie prüfend zwischen den Fingern und pfiff dann durch die Zähne. „Interessant! Was meinst du, Zorda!?“


Der Drache beugte sich vor, seine glühenden Augen musterten die Kette mit unergründlicher Intelligenz. Schließlich streckte er eine Kralle aus, und die Frau legte die Kette darauf. Ein Moment des Schweigens. Dann holte der Drache tief Luft.


Alexandra erkannte in letzter Sekunde, was er tun würde, und stolperte einen Schritt zurück.


Mit einer einzigen, alles verzehrenden Feuerwelle umhüllte der Drache die Kette. Die Hitze schlug Alexandra ins Gesicht, ließ ihre Haut prickeln, ihre Haare kräuselten sich an den Spitzen. Der Luftzug riss an ihrer Kleidung, während die Flammen die Kette verzehrten.


Dann – ein metallisches Knacken. 


Alexandra öffnete langsam die Augen.


Die Kette lag in zwei zerbrochenen Stücken am Boden. Ein pulsierendes Licht breitete sich aus, so hell, dass es für einen Moment die gesamte Wiese erstrahlen ließ. Eine seltsame Energie, uralt und mächtig, zischte durch die Luft, als wäre eine unsichtbare Kraft endlich entfesselt worden.



--------------------------------------------------------------------------



Leyla stand reglos da, während der Garten um sie herum in sich zusammenfiel. Die prächtigen Blumen, die in schillernden Farben geblüht hatten, verwandelten sich in fahle, leblose Schatten ihrer selbst, bevor sie zu Staub zerfielen. Die mächtigen Bäume, deren Blätter wie smaragdene Kronen im Licht geschimmert hatten, verloren ihre Pracht, bis ihre Äste kahl und tot in den Himmel ragten. Selbst der Boden unter ihren Füßen begann zu bröckeln, als würde die Realität dieses Ortes sich selbst auslöschen.


Ihr Blick fiel auf den Holzstamm, an dem sie ihre Tage gezählt hatte. Die eingeritzten Zahlen waren noch immer da – vierhundertfünfundfünfzig. Über ein Jahr hatte sie in dieser Zwischenwelt verbracht. Ein Jahr ohne Tag und Nacht, ohne Hunger oder Müdigkeit. Ein Jahr, in dem sie nichts getan hatte, außer mit den Runensteinen zu trainieren. Ein Jahr, in dem sie nicht einmal ihre Haare geschnitten hatte.


Sie konnte spüren, wie viel stärker sie geworden war. Sie hatte begonnen, die Feuermagie des Runensteins der Erde zu lernen und war mittlerweile ziemlich geschickt. Auch Eismagie, eine Untermagie des Wasserelements, gelang ihr immer besser.


Und jetzt war es vorbei.


„Hat jemand die Kette zerstört?“ fragte sie schließlich, ohne ihren Blick von dem zerfallenden Garten abzuwenden.


Der alte Mann – das Abbild des Runensteins der Erde – stand ruhig neben ihr. Seine Gestalt wirkte so uralt und beständig wie die Erde selbst, sein Gesicht ausdruckslos, doch in seinen tiefen, dunklen Augen lag etwas Unerschütterliches.


,,Ja. Du bist frei.’’ Seine Stimme war wie das Grollen eines fernen Donners, ruhig, aber voller Kraft.


Leyla atmete langsam aus. Frei. Das Wort klang so fremd in ihren Gedanken, so unwirklich, nachdem sie so lange an diesen Ort gebunden gewesen war.


,,Das hat Spaß gemacht!’’ rief die Frau, die den Runenstein des Meeres repräsentierte. Ihr Gesicht strahlte vor Freude, ihre blauen Haare schimmerten, als reflektierten sie das Licht des Meeres selbst an diesem Ort. Sie wirbelte um Leyla herum, voller Energie, als würde sie jede Sekunde in Bewegung bleiben müssen.


Leyla lächelte. ,,Wir werden uns sicher nicht noch einmal in dieser Art und Weise begegnen.’’


Der alte Mann nickte nur knapp. „Du hast gelernt und einen großen Teil unserer Kräfte gemeistert. Wir sind ein Teil von dir.“


Sie verstand, was er meinte. Die beiden waren nicht einfach nur Stimmen oder Abbilder gewesen – sie waren Teile ihrer Macht, Teile ihres Seins. Die Runensteine hatten sie geformt, sie gestärkt, und jetzt war sie bereit. Bereit für die Welt, die sie zurückgelassen hatte.


Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Moment, als sie diesen Ort betreten hatte. Sie erinnerte sich an Alexandra, Karst, Betty und Jevry. An die Wärme der Nacht mit Alexandra, an den Moment, als Nahenma sie ergriffen und in diese Welt gesogen hatte. Hatten sie nach ihr gesucht? Hatten sie versucht, sie zu retten?


Wie viel Zeit wohl vergangen war?


Plötzlich begann die Luft um sie herum zu flimmern. Die Farben des Gartens verblassten vollends, wurden zu einem trüben Grau, bis alles, was sie kannte, vor ihren Augen verschwand. Die Realität dieses Ortes zerfiel vollständig – mit einer einzigen Ausnahme.


Die schwarze Tür.


Während alles andere im Nichts versank, blieb sie bestehen. Majestätisch und fremdartig ragte sie vor ihr auf, sie war der einzige beständige Punkt in dieser vergehenden Welt.


Dann wurde alles grell.


Ein Licht, so intensiv, dass es ihre Gedanken auslöschte, verschluckte sie. Die Hitze war nicht brennend, nicht schmerzhaft – es war, als würde sie in reiner Energie aufgehen, als würde ihr Körper neu geformt, während sie aus dem Nichts herausgerissen wurde.


Alles wurde weiß.


Alles wurde still.



--------------------------------------------------------------------------



Leyla blinzelte, ihre Sicht verschwamm für einen Moment, als ihre Augen sich an das Licht und die Farben der vertrauten Welt gewöhnten. Der kühle Wind der Herzlande streifte über ihre Haut, das Rascheln des Grases unter ihren Füßen klang wie ein Echo aus einer vergangenen Zeit. Es war dasselbe Feld, an dem sie verschwunden war – zumindest aus ihrer Perspektive. Doch während sie über ein Jahr lang in einer anderen Existenz gefangen gewesen war, war hier kaum mehr als eine Stunde vergangen.


Ihr Herz schlug schneller, als ihr Blick auf Alexandra fiel. Sie stand da, blutüberströmt, mit aufgerissenen Augen, als könnte sie nicht glauben, was sie sah. Ihre Brust hob und senkte sich schnell, als kämpfte sie gegen die Erschöpfung, gegen die Schmerzen, gegen den Schock. Neben ihr stand eine weitere Gestalt – Cyntha, die Kaiserliche Kopfgeldjägerin, begleitet von dem massiven Drachen Zorda. Cyntha grinste breit, als hätte sie gerade ein Spektakel gesehen, ihre lebhaften Augen voller Neugier.


Doch Alexandra sprach zuerst. „Du bist doch Leyla, oder?“ Ihre Stimme war vorsichtig, als fürchtete sie, dass ein falsches Wort alles wieder verschwinden lassen könnte.


Leyla hob die Hand an ihre Stirn, ihr war immer noch schwindelig, und ihre Gedanken überschlugen sich. „Ja, das bin ich“, antwortete sie, ihre Stimme klang rau, als hätte sie eine Ewigkeit nicht gesprochen. „Du hast es also herausgefunden?“


Alexandras Augen verengten sich leicht, während sie Leyla genau musterte. „Wie viel Zeit ist für dich vergangen?“


„Etwas über ein Jahr.“ Leylas Worte hingen für einen Moment in der Luft. „Aber hier… nur eine Stunde?“


Alexandra nickte langsam. „Du siehst… älter aus.“


Leyla ließ einen leisen Atemzug entweichen. Die Erleichterung in ihr war überwältigend. Wenn in dieser Welt nur eine Stunde vergangen war, dann hatten sie sie fast sofort befreit. Ein Jahr Training in einer einzigen Stunde – es fühlte sich wie ein ungewolltes Geschenk an. Zum Glück waren keine Jahrhunderte daraus geworden.


„Leyla!“ Cyntha trat mit federnden Schritten näher, ihr Grinsen strahlte Selbstsicherheit aus. „Ich soll dich mit in die Kaiserstadt nehmen! Yang verlangt, dass du dich erklärst!“


Leyla nickte. Natürlich wollte Yang Antworten.


Doch bevor sie gehen konnte, gab es noch etwas Wichtigeres. „Kann ich mich vorher noch mit den anderen unterhalten?“ fragte sie und richtete ihren Blick auf Alexandra.


Cyntha lachte und zuckte mit den Schultern. „Na klar! Ich bin nicht im Stress!“ Sie drehte sich halb um und winkte Zorda herbei. „Komm mit, Zorda! Wir warten da drüben!“


Der Drache ließ sich mit einem tiefen Grollen unter einem alten Baum nieder, seine massige Gestalt wirkte fast träge, während seine Flügel sich leicht zusammenfalteten. Cyntha folgte ihm mit der Gelassenheit einer Frau, die genau wusste, dass sie keine Befehle erteilen musste, um Gehorsam zu bekommen.


Als Leyla sich wieder Alexandra zuwandte, bemerkte sie, wie ihre Freundin noch immer reglos dastand, als versuche sie, in ihrem Gesicht zu lesen, nach etwas Greifbarem in all dem Chaos zu suchen. Dann, ohne ein weiteres Wort, trat Alexandra näher und legte ihre Hände an Leylas Wangen.


Ihre Lippen trafen sich in einem Kuss, der so sanft begann, dass es Leyla fast aus der Fassung brachte. Doch es war nicht nur Sanftheit – es war das Aufeinandertreffen all der Emotionen, die sich aufgestaut hatten. Erleichterung, Zuneigung, Schmerz, Wut. Alexandra hielt sie fest, als wollte sie sich vergewissern, dass Leyla wirklich hier war, dass sie nicht wieder verschwinden würde.


Als sie sich voneinander lösten, sah Alexandra sie mit einem Blick an, der nichts mehr mit Unsicherheit zu tun hatte – nur mit Entschlossenheit. „Du hast uns einiges zu erklären, bevor du aufbrichst.“


Leyla lächelte leicht, ein Ausdruck von Müdigkeit, aber auch von Akzeptanz. „Da hast du wohl recht.“



--------------------------------------------------------------------------



Leyla ließ ihren Blick langsam über ihre Freunde wandern. Die Blätterlosen standen vor ihr, erschöpft, verletzt, aber sie waren hier. Sie waren geblieben. Betty hatte ihr Bein mit einem notdürftigen Verband umwickelt, doch man sah ihr an, dass jeder Schritt sie schmerzte. Alexandra war blutüberströmt, ihr Körper gezeichnet von unzähligen Schnitten und blauen Flecken. Jevry hielt sich den Rücken, wo mehrere tiefe Wunden unter seiner Kleidung verborgen lagen, nur Karst war der Einzige, der äußerlich noch halbwegs unverletzt aussah. Doch auch er wirkte müde, seine übliche Wachsamkeit überschattet von der Erschöpfung des Kampfes.


Und doch… sahen sie sie alle an. Erwartungsvoll. Fragend.


Leyla atmete tief durch, dann räusperte sie sich und begann mit ruhiger Stimme zu sprechen. „Wie ihr mittlerweile sicher wisst, heiße ich nicht Mera. Mein richtiger Name ist Leyla, und ich bin die zehnte Kaiserliche Kopfgeldjägerin.“ Sie machte eine kurze Pause, ließ ihre Worte wirken. „Ich habe meine Haare gefärbt, meine Identität versteckt, weil ich einfach reisen wollte, ohne erkannt zu werden.“


Kaum hatte sie ausgesprochen, schnellte Bettys Kopf nach oben. Ihr Gesicht war eine Mischung aus Entsetzen und Empörung. „Also glaubst du gar nicht an Kamera?“ Ihre Stimme zitterte, nicht vor Angst, sondern vor Enttäuschung.


Leyla schüttelte sanft den Kopf. „Nein, tut mir leid, Betty.“ Sie hielt die Hände leicht erhoben, als könnte sie die junge Klerikerin damit besänftigen. „Es war nie meine Absicht, deinen Glauben zu verspotten.“


Betty presste die Lippen aufeinander, verschränkte die Arme und sah zur Seite. Doch sie schwieg. Sie hörte weiter zu.


Karst, der Leyla misstrauisch musterte, war der Nächste, der sprach. „Und was ist mit uns?“ fragte er leise, sein Tonfall war ruhig, aber voller Bedeutung. „War das alles… nur eine Lüge?“


Leyla schüttelte den Kopf. Ihre Stimme klang jetzt weicher, voller Emotionen. „Nein. Ich habe früher eine eigene Gilde gehabt. Und das war die schönste Zeit meines Lebens.“ Sie blickte ihnen tief in die Augen. „Mit euch war es genauso. Ich habe euch alle wirklich gern gewonnen.“


Ein leises Räuspern. Dann meldete sich Jevry zu Wort. Seine Haltung war angespannt, seine Augen schmal. „Der Oni sagte uns, du hättest eine Stadt zerstört. Ein ganzes Volk ausgelöscht.“ Seine Stimme war fest, beinahe anklagend. „War das nur ein Befehl des Kaisers?“


Ein Stich fuhr durch Leylas Brust. Sie spürte, wie ihre Finger sich zu Fäusten ballten. Es war keine Überraschung, dass sie es erfahren hatten – aber es tat trotzdem weh.


„Nein…“ begann sie vorsichtig, und ihr Blick senkte sich für einen Moment. Sie holte tief Luft, bevor sie wieder aufsah. „Ich kann euch den Grund nicht sagen. Ich wünschte, ich könnte, aber das geht nicht.“ Ihre Stimme zitterte leicht, als sie weitersprach. „Ich hätte gerne einen anderen Weg gefunden, aber es gab keinen.“


Jevry hielt ihrem Blick stand. Er suchte nach Lügen, nach Unsicherheiten – doch er fand nichts. Schließlich seufzte er und lehnte sich zurück. Er schien nicht zufrieden, aber er schwieg.


Dann trat Betty einen Schritt nach vorne, ihr Stab tippte sanft gegen Jevrys Kinn. „Sie hatte einen Grund. Ich wusste es!“ erklärte sie trotzig, während sie Jevry einen triumphierenden Blick zuwarf. „Und wenn du das nicht glauben willst, dann bist du doof.“


Jevry verdrehte die Augen und winkte ab. „Ja, ja… du hast ja recht…“


Langsam entspannte sich die Atmosphäre wieder. Doch eine Frage blieb noch.


„Und?“ Alexandras Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Was wirst du jetzt tun?“


Leyla wusste, dass dies der schwerste Teil war. Der, der sie am meisten schmerzte. „Ich werde mit Cyntha in die Kaiserstadt reisen. Yang will Antworten, und ich kann sie nicht ignorieren.“ Sie hielt kurz inne. „Danach… werde ich weitermachen. Meine Aufträge werden entscheiden, wo ich hingehe.“


Alexandra senkte den Blick für einen Moment. ,,Das ergibt Sinn. Sehen wir uns denn wieder?’’


Leyla lächelte. Ein warmes, ehrliches Lächeln. „Natürlich. Sobald ich die Gelegenheit habe.“ Sie sah Alexandra direkt in die Augen. „Wenn du mir Briefe schreibst, kann ich euch vielleicht besuchen, wenn ich in der Nähe bin.“


Alexandras Miene erhellte sich. „Dann werden wir dich auch in der Kaiserstadt besuchen. Irgendwann.“ Sie lächelte, doch in ihren Augen lag noch immer eine Spur von Sorge.


Karst hob die Hände. Er schien protestieren zu wollen, doch als er das Funkeln in Alexandras Augen bemerkte, ließ er die Schultern sinken.


Dann griff Alexandra in ihre Tasche und zog einen schlichten silbernen Ring hervor. Sie trat zu Leyla und hielt ihn ihr hin. „Der ist für dich.“


Leyla spürte, wie ihr Herz einen Sprung machte. Ohne zu zögern nahm sie den Ring entgegen, betrachtete ihn kurz und steckte ihn an ihren Finger. Er war schlicht, aber warm – ein Symbol, das mehr sagte, als Worte es je könnten.


Ihr Blick glitt über die beiden Tattoos der Runensteine an ihrer rechten Hand. Sie waren für sie so sehr zur Normalität geworden, dass sie ihr sonst nicht auffielen.


Leyla atmete tief ein, hob eine Hand. Sanft formte sie eine Kette aus Silber, fein und glitzernd im Licht. Behutsam legte sie sie Alexandra um den Hals. „Dann will ich, dass du diese trägst.“ Ihre Stimme war ruhig, aber in ihr lag eine tiefe Bedeutung.


Alexandra betrachtete die Kette für einen Moment, dann lächelte sie breit. Ohne ein weiteres Wort trat sie noch einmal an Leyla heran, zog sie sanft zu sich und küsste sie.


Es war kein hastiger Kuss, keiner voller Verzweiflung oder Angst. Es war ein Versprechen.


Als sie sich voneinander lösten, flüsterte Alexandra: „Wir sehen uns bestimmt bald wieder, Leyla.“


Leyla nickte, und in ihren Augen brannte eine Entschlossenheit, die nicht zu brechen war. „Ja. Ganz bestimmt.“



--------------------------------------------------------------------------



Mit einem gewaltigen Satz erhob sich Zorda in den Himmel, seine mächtigen Schwingen verdrängten die Luft mit einer Kraft, die den Himmel selbst zu spalten schien. Der Wind heulte um sie herum, brachte die kühle Herbstluft mit sich und zerrte an ihren Kleidern, während die Welt unter ihnen immer kleiner wurde. Die Bäume der Herzlande verwandelten sich in ein Meer aus rot und gold, während die Hügel sanft in die Ferne rollten, bis sie nur noch ein verschwommenes Band am Horizont waren.


Leyla wagte einen Blick nach unten. Am Rand der Lichtung standen die Blätterlosen, kleine, dunkle Silhouetten gegen das leuchtende Grün der Wiesen. Betty sprang auf und ab, winkte wild mit beiden Armen. Jevry hielt sie fest, wahrscheinlich damit sie nicht zu weit mit ihrem verletzten Bein in die Luft sprang. Karst stand mit verschränkten Armen daneben, doch selbst aus dieser Höhe konnte Leyla erkennen, dass er nickte – ein stiller Abschied. Alexandra hob die Hand, ein letztes Zeichen, und Leyla spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog.


Ein sanftes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Auf ihrem Auftrag war sie allein gereist. Und jetzt ließ sie zum ersten Mal seit Langem Freunde zurück, die ihr wirklich wichtig geworden waren. Personen, die sie zurücklassen musste – aber nicht für immer.


„Hat Yang irgendetwas Genaueres gesagt?“ rief Leyla.


Cyntha schüttelte den Kopf, ihre Augen blitzten vor Aufregung. „Nur, dass sie dich sehen will! Außerdem wurden alle Kopfgeldjäger in die Kaiserstadt beordert!“


Leyla runzelte die Stirn. Alle? Das hatte sie in ihrem Jahr als Kopfgeldjägerin noch nie erlebt. Die Kopfgeldjäger arbeiteten selten gemeinsam. Dass Yang sie alle zusammenrief, bedeutete, dass etwas großes im Gange war. Ein ungutes Gefühl mischte sich mit ihrer Neugier. „Gibt es denn einen Grund dafür?“


Cyntha zuckte mit den Schultern, dann grinste sie. „Ich nehme an, es hat mit dem Tod von Colart und dem Verrat von Bournadette zu tun!“


Leylas Magen zog sich zusammen. Colart war tot? Bournadette hatte das Kaiserreich verraten? Die Worte trafen sie wie ein Faustschlag. Colart war kein Freund gewesen, aber er war trotzdem stark gewesen. Dass er gefallen war, ließ erahnen, wie ernst die Lage war. Und Bournadette… Leyla hatte sie immer für loyal gehalten, eine Kämpferin mit eiserner Disziplin. Dass sie den Kaiser verraten hatte… Hatte es etwas mit Prinz Eugenius zu tun?


Leyla schluckte schwer. „Ich verstehe…“ murmelte sie, ihre Gedanken rasten. Wenn alle Kopfgeldjäger in der Kaiserstadt sein würden, bedeutete das auch, dass Nea dort sein würde. Und Bunj. Die Vorstellung, ihre alten Gefährten wiederzusehen, ließ einen Funken Wärme in ihr auflodern. Sie hatte auch Eroica vermisst – ihre Ruhe, ihre scharfen Gedanken, ihr Lächeln, das Leyla so viel bedeutete. Trotz der düsteren Nachrichten freute sie sich darauf, wieder auf vertraute Gesichter zu treffen.


Plötzlich drehte Cyntha sich halb zu ihr um, ihr Grinsen war schelmisch. „Du, Leyla!? Deine langen Haare stehen dir echt richtig gut!“


Leyla brauchte einen Moment, um sich von ihren Gedanken zu lösen. Dann musste sie schmunzeln, und das Lächeln wurde zu einem herzlichen Lachen. „Danke.“


Cyntha lachte mit ihr, ihre Unbekümmertheit war ansteckend. Inmitten all der Sorgen, der Unsicherheit, fühlte sich dieser Moment an wie ein kleiner, gestohlener Augenblick der Leichtigkeit.


Der Wind frischte auf, und am Horizont tauchten die gewaltigen Mauern der Kaiserstadt auf. Selbst aus dieser Höhe wirkten sie unüberwindbar, ein endloser Ring aus hellem Stein, der die Metropole umschloss. Die Türme des Kaiserpalastes ragten weit über die anderen Gebäude empor, ihre weißen Spitzen glänzten im Licht der untergehenden Sonne.


Unter ihnen schlängelte sich der Goldene Fluss durch die Landschaft, sein Wasser schimmerte in der Abendsonne wie geschmolzenes Metall. Brücken aus Stein überspannten ihn, verbanden die äußeren Viertel mit dem Herzen der Stadt. Von hier oben wirkte die Kaiserstadt wie ein riesiges, lebendiges Wesen – pulsierend, atmend, ein Zentrum aus Macht und Geheimnissen.


Leyla atmete tief ein. Die Luft schmeckte vertraut, schwerer als in den offenen Feldern oder dem Meer, aber voller Erinnerungen. Das hier war ihre Heimat.


„Willkommen zurück!“ sagte Cyntha und grinste. „Bereit für das Chaos!?“


Leyla erwiderte das Grinsen. „Habe ich eine Wahl?“


Cyntha lachte. „Gute Antwort!“


Zorda senkte sich langsam, bereit zur Landung. Und mit ihm stürzte sich Leyla in das, was vor ihr lag.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page