Kapitel 150 - Das Geschenk der Sterne

Leyla betrat das Hauptquartier der Kopfgeldjäger, und sofort umfing sie das Gefühl der Heimat. Es war, als hätte das Gebäude selbst sie erkannt und willkommen geheißen – die massiven schwarzen Steinwände, die hölzernen Balken, das sanfte Flackern der Öllampen an den Wänden. Der vertraute Duft von Rauch, altem Papier und frisch gebrühtem Tee lag in der Luft.
Mit ruhigen, aber entschlossenen Schritten ging Leyla zu ihrem Wohnbereich. Sie öffnete die Tür und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Alles war, wie sie es verlassen hatte – die Regale voller Bücher, die weichen Sessel, auf denen sie und ihre Dienerin so oft mit einem dampfenden Tee gesessen hatten. Und mitten in diesem vertrauten Bild saß Eroica, in ein Buch vertieft, ihre filigranen Finger glitten sanft über die Seiten. Ihre Schnurrhaare zuckten leicht, als sie die Tür hörte, und dann hob sie den Kopf.
„Leyla, Ihr seid wieder da!“ rief sie, ihre Stimme klang erleichtert und voller Freude. Sie klappte das Buch zu und erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung. Ein warmes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, doch in ihren Augen lag auch ein Hauch von Besorgnis.
Bevor Leyla protestieren konnte, nahm ihr Eroica den Mantel ab und warf einen prüfenden Blick auf sie. „Habt Ihr Hunger? Soll ich Euch etwas zu essen machen?“
Leyla schüttelte den Kopf und ließ sich auf einen Stuhl am Tisch sinken. Ein müdes, aber ehrliches Lächeln spielte um ihre Lippen. „Nein, aber danke. Ich würde lieber mit dir reden.“
Eroica nickte und setzte sich ihr gegenüber. Ihr Blick war aufmerksam, lauernd, als ob sie bereits wusste, dass etwas Wichtiges kommen würde. Leyla atmete tief durch und begann zu erzählen.
Sie sprach von ihrer Reise, vom Fall von Mylrie, von den Runensteinen, von Sandyr. Eroica hörte still zu, doch Leyla konnte sehen, wie ihre Augen sich verengten, als sie das Ausmaß des Geschehenen begriff. Wahrscheinlich hatte sie es schon geahnt. Eroica war klug, sie hatte schon vor Leylas Aufbruch gewusst, dass die Stadt der Meriden fallen musste. Dennoch nahm sie die Worte mit bedachter Miene auf.
Dann kam der schwierigste Teil – die Großmagi des Magieturms. Leyla erzählte von Miguel Astrada, davon, wie sie in den Turm eingedrungen war, wie sie sechs der sieben Magier getötet hatte. Eroicas Gesicht veränderte sich nicht, doch ihre Finger, die auf dem Tisch lagen, zuckten leicht. Sie wartete, bis Leyla endete, dann sprach sie ruhig:
„Haben die Großmagi gelitten? Oder war es ein schneller Tod?“
Leyla zögerte. Sie hatte erwartet, dass Eroica ihre Taten verurteilen würde, vielleicht wütend auf sie sein würde. Doch die Frage war frei von Vorwurf, nur ein stilles, nüchternes Interesse.
„Nein, sie haben nicht gelitten“, antwortete Leyla schließlich. Ihre Stimme war ruhig, aber fest. „Ich habe sie in ein Loch fallen lassen und es sofort geschlossen.“
Eroica nickte. ,,Der Tod von ihnen war unvermeidbar. Wenigstens konnten sie schnell und ohne unnötiges Leid sterben.’’
Leyla musterte ihre Freundin, suchte in ihrem Gesicht nach einer Reaktion. „Bist du nicht wütend, Eroica?“
Die Filina sah sie mit einem sanften Lächeln an. „Nein. Ich bin Eure Freundin, Leyla. Eure Dienerin, Eure Verbündete. Wenn ich mich zwischen jemand anderem und Euch entscheiden muss, werde ich immer Euch wählen.“
Leyla spürte, wie sich die Anspannung in ihr löste. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. „Danke.“
Doch es gab noch mehr zu erzählen. Leyla sprach von der Seeschlacht, den Verhandlungen, dem Vulkan – von der Erkenntnis, dass der Runenstein der Erde ihr nicht nur Erdmagie verlieh, sondern auch Feuer.
,,Wie du sicher schon verstanden hast, werde ich mich vor Yang rechtfertigen müssen. Ich muss erklären, wieso ich auf einmal Wassermagie beherrsche. Meine Idee war es, das Gerücht aufzugreifen, dass ich eine besondere Affinität zu allen Magieelementen habe und in der Zeit in Mylrie in Wassermagie trainiert worden bin.’’
Eroica hörte aufmerksam zu, ihre Schnurrhaare zuckten leicht, als ob sie verschiedene Möglichkeiten abwägte. Doch sie sagte nichts und ließ Leyla weiterreden.
Dann erzählte Leyla von der falschen Identität als Mera, von der Reise mit den Blätterlosen und von dem Kampf mit dem Oni.
Als sie von der Nähe zu Alexandra erzählte, lächelte Eroica. Sie zeigte ihre Freude darüber, dass Leyla eine Person getroffen hatte, zu der sie so eine Nähe und Intimität empfinden konnte.
,,Was ist in diesem Garten passiert? Ich nehme mal an, die Zeit ist dort anders verlaufen. Ihr seht älter aus, wenn auch nicht viel.’’
Leyla erzählte von dem Garten, von dem einjährigen Training, das für die Außenwelt nur eine Stunde gedauert hatte, von der schwarzen Tür, von den Runensteinen.
Als Leyla endete, trat einen Moment lang Stille ein. Dann stand Eroica abrupt auf, ging zu einem der Regale und zog ein altes, abgenutztes Buch heraus. Ihre Augen funkelten, als sie zu Leyla zurückkehrte.
„Ich habe eine Idee, wie wir Euer Dilemma lösen können“, sagte sie, ihre Stimme voller Entschlossenheit.
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In jeder Generation gibt es Magier, die aus der Masse herausragen. Sie übertreffen ihre Zeitgenossen, meistern die Kunst der Magie mit einer Leichtigkeit, die andere nur bestaunen können, und hinterlassen Spuren in den Geschichtsbüchern. Sie werden zu Legenden, zu Symbolen der Macht und zur Inspiration für künftige Generationen.
Namen wie Ifrit der Große, Astraoph oder jüngst High Rock sind monolithisch mit der Magiegeschichte verbunden. Sie alle hatten eines gemeinsam: eine außergewöhnlich hohe Affinität zur Magie, ein tiefes Gespür für den Fluss des Manas und – nicht zu unterschätzen – das Glück, eine erstklassige Ausbildung genossen zu haben. Und doch war jeder von ihnen auf seine eigene Weise einzigartig.
High Rock, der berühmte Eismagier, ist ein Meister auf nur einem einzigen Gebiet. Er verfügt über keine Vielseitigkeit, keine Beherrschung anderer Elemente. Nicht, weil er sich bewusst dagegen entschieden hätte, sondern weil er es nicht kann. Seine Gabe liegt ausschließlich in der Eismagie, in der er jedoch eine Perfektion erreicht hat, die ihn zu einer unaufhaltsamen Kraft in seinem Element macht.
Ifrit der Große, einer der mächtigsten Magier zur Zeit des Großen Krieges, war das genaue Gegenteil. Er besaß eine natürliche Affinität zu allen Magieelementen und kämpfte mit einer Flexibilität, die ihn auf dem Schlachtfeld nahezu unbesiegbar machte. Er konnte seine Angriffe fließend anpassen, von sengenden Flammen zu tosenden Fluten wechseln, die Erde aufspalten oder Winde entfesseln, um seine Feinde zu zerschmettern.
Doch am faszinierendsten war wohl Astraoph. In seiner Kindheit schien er kein Talent für Magie zu besitzen. Er war schwach, ein scheinbarer Durchschnittsmagier ohne herausragende Fähigkeiten. Viele gaben ihn auf, hielten ihn für unfähig, je Großes zu erreichen. Doch sein Onkel glaubte an ihn und schickte ihn nach Inhantes, um die Magie zu studieren.
Dort begann etwas, das niemand erwartet hatte. Astraoph trat als Schüler eines Wassermagiers an und innerhalb weniger Monate entwickelte sich sein Potenzial in diesem Element explosionsartig. Er lernte schneller als alle anderen, wuchs über sich hinaus und wurde in kürzester Zeit zum Meister der Wassermagie. Doch er blieb nicht stehen. Er zog weiter und suchte einen Feuermagier auf. Und wieder geschah das Unfassbare – unter der richtigen Anleitung wurde er zu einem Meister der Feuermagie.
Es war ein Muster, das sich fortsetzte. Egal, welchem Lehrmeister er sich anvertraute, welches Element er studierte – sobald er auf jemanden traf, der ihm die Wege der Magie lehrte, entfesselte sich sein verborgenes Potenzial. Er eignete sich jedes Element mit einer Geschwindigkeit an, die alles übertraf, was man je gesehen hatte.
Rhovar Trellis prägte für dieses Phänomen den Begriff „Potenzialisten“. Ein Magiertyp, der extrem selten vorkommt. Neben Astraoph fand er in den über eintausend Jahren nach dem Großen Krieg lediglich zwei weitere Beispiele für diese außergewöhnliche Fähigkeit.
Was machte Potenzialisten aus? Warum konnten sie ihre Fähigkeiten auf diese Weise entfalten, während andere Magier in ihren begrenzten Bereichen verharrten? Und gab es sie noch? Fragen, die selbst nach Jahrhunderten des Studiums unbeantwortet blieben. Doch eines war sicher – Magier wie Astraoph waren nicht nur Meister ihres Fachs. Sie waren ein Wunder der Magie selbst.
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Leyla klappte das Buch zu. Es war eine moderne Abhandlung über die Vielseitigkeit der Magie, ein Werk, in dem Eroica ihr nur einen kurzen Abschnitt gezeigt hatte, doch er reichte aus. Sie hatte sofort verstanden, worauf ihre Dienerin hinauswollte.
„Ich soll also Yang gegenüber andeuten, dass ich vermute, eine Potenzialistin zu sein?“ fragte sie langsam, während sie das Buch gedankenverloren zwischen den Fingern drehte.
Eroica nickte, ihre grünen Augen funkelten. „Genau. Ich würde vorschlagen, dass Ihr erwähnt, dass es meine Theorie ist und ich das Ganze weiter untersuchen werde. Ich bin eine anerkannte Akademikerin, und selbst wenn sich zwangsläufig die Vermutung als falsch erweist, sollten wir damit eine Menge Zeit gewinnen.“
Leyla schmunzelte. Natürlich hatte Eroica eine Lösung. Sie hatte es gewusst. Ihre treue Dienerin wusste immer genau, was getan werden musste. Leyla konnte sich gar nicht vorstellen, was sie ohne sie tun würde.
„Dann machen wir es so. Danke, Eroica.“
Die Filina zuckte mit ihren Ohren und nahm das Buch entgegen, als hätte sie genau diese Antwort erwartet. Dann legte sie es beiseite und musterte Leyla mit einem geheimnisvollen Funkeln in den Augen.
,,Ich habe noch ein Geschenk für Euch.’’
Leylas Ohren zuckten. Ein Geschenk? Eroica war nicht die Art von Person, die wahllos Geschenke machte. Wenn sie etwas vorbereitete, dann war es stets bedeutungsvoll.
„Was ist es?“ fragte Leyla neugierig.
Eroica grinste und verschwand in ihr Zimmer. „Schließt Eure Augen, Leyla!“ rief sie dabei.
Leyla schüttelte amüsiert den Kopf, folgte aber der Anweisung. „Sie sind geschlossen.“ Sie hörte, wie Eroica zurückkam. Ein sanftes Geräusch, als etwas auf den Tisch gelegt wurde. Etwas Weiches? Ein Kissen? Leylas Neugier wuchs mit jeder Sekunde.
„Ihr dürft sie wieder öffnen“, verkündete Eroica schließlich.
Langsam öffnete Leyla die Augen – und ihr Atem stockte.
Auf einem schwarzen Kissen, sanft eingebettet, lag ein Ei. Doch es war nicht irgendein Ei. Seine Schale war von dunklen, nebligen Mustern überzogen, als würde darin ein Stück des Sternenhimmels gefangen sein. Zarte, lilafarbene Kristalle wuchsen darum herum, als ob sie das Ei beschützten, seine Essenz bewahrten. Eine unbeschreibliche Kraft ging davon aus, eine Präsenz, die fast greifbar war.
„Ist das…?“ Leyla brachte den Satz nicht zu Ende.
Eroica nickte. „Ja. Ein Drachenei. Und nicht irgendeines. Es ist das Ei eines Sternendrachen.“
Leyla fühlte, wie ihr Herz vor Aufregung schneller schlug. Seit ihrem Flug auf Zorda hatte sie immer wieder daran gedacht, wie es wäre, einen eigenen Drachen als Partner zu haben. Doch sie hätte nie erwartet, dass dieser Traum so schnell Realität werden könnte.
„Sternendrachen gehören zu den mächtigsten und seltensten Drachenarten“, fuhr Eroica fort. Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Sie sind klug, stolz und dulden keine Schwäche. Sie akzeptieren nur Sterbliche, die stärker sind als sie.“
Leyla konnte nicht anders. Sie stürzte sich auf Eroica und schlang die Arme um sie. Das weiche Fell der Filina kitzelte ihre Wangen, während sie sie fest an sich drückte. „Danke, Eroica. Das ist ein unglaubliches Geschenk!“
Sie hörte das leise, amüsierte Schnurren ihrer Dienerin. „Ihr seid mir wirklich ans Herz gewachsen, Leyla. Ihr habt mir so viel gegeben, da wollte ich auch Euch etwas geben. Etwas, das Euch gerecht ist.“
Dann wurde Eroicas Stimme wieder ernst. „Aber Ihr müsst verstehen – ein Drache ist kein Haustier. Ihr müsst mit ihm auf Augenhöhe sein, wenn er schlüpft. Nur dann wird er Euch akzeptieren. Ihr dürft weder unterwürfig, noch herablassend sein.“
Leyla schmunzelte. So hatte sie gedacht, bevor sie zu ihrem Auftrag aufgebrochen war. Doch seit dem Treffen mit Cyntha, hatte sie ihre Meinung geändert.
Eroica wirkte zufrieden mit dieser Reaktion. „Gut“, sagte sie und strich mit den Fingern über das schwarze Kissen. „Es wird noch einige Zeit dauern, bis es schlüpft. Aber bis dahin solltet Ihr so viel wie möglich über Drachen lernen.“
Leyla nickte sofort. „Kannst du mir so viele Bücher aus der Kaiserlichen Bibliothek besorgen, wie du finden kannst? Ich will alles wissen.“
Eroica lachte leise. „Natürlich. Das mache ich gerne.“
Leyla blickte noch einmal auf das Ei. Ihre Finger strichen vorsichtig über die neblige Schale. Sie konnte es spüren – da drin war Leben. Und irgendwann würde es in diese Welt eintreten.
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Leyla ließ sich erschöpft in ihr Bett fallen, der weiche Stoff der Decken umhüllte sie, während die Erschöpfung des Tages langsam von ihr abfiel. Ihre Augen waren schwer, und sie wollte gerade in den Schlaf sinken, als ihr ein süßlicher Duft in die Nase stieg – vertraut, aber unerwartet.
Verwirrt setzte sie sich wieder auf und ließ ihren Blick durch den Raum wandern. Es dauerte nur einen Moment, bis ihre Augen auf eine einzelne rote Blume auf ihrem Tisch fielen.
Eine Heimblüte.
Leyla blinzelte überrascht. Sie hatte die Pflanze beinahe vergessen, doch nun stand sie da, gesund und kräftig, ihre Blütenblätter leuchteten in der Dunkelheit des Zimmers. Bunj hatte ihr die Blume einst gegeben, und anscheinend hatte sich Eroica während ihrer Abwesenheit um sie gekümmert.
Ein sanftes Lächeln stahl sich auf Leylas Lippen. Sie musste sich bei Eroica revanchieren. Ihr etwas schenken, das nicht nur ein einfaches Dankeschön war, sondern ihre tiefe Wertschätzung ausdrückte. Doch was? Sie wusste, dass Eroica keine teuren Geschenke schätzte – es musste etwas sein, das eine Bedeutung hatte. Etwas, das nur Leyla ihr geben konnte.
Darüber würde sie in den nächsten Tagen nachdenken.
Doch vorerst gab es Wichtigeres. Morgen stand das Gespräch im Kaiserpalast an. Würde außer Yang noch jemand anwesend sein? Der Kaiser selbst? Oder gar Selfmun Aragi? Der Gedanke daran ließ einen Hauch von Nervosität in ihr aufsteigen. Sie konnte nicht genau sagen, was Yang von ihr erwartete, doch eines war klar – sie musste vorbereitet sein.
Mit diesen Gedanken im Kopf legte sich Leyla wieder hin, zog die Decke enger um sich und lauschte dem leisen Flüstern des Windes, der durch das offene Fenster strich. Ihre Lider wurden schwer, und nach einigen Minuten versank sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Den ersten Schlaf für ihren Körper seit über einem Jahr.



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