Kapitel 152 - Kuchen unter Freunden

„Nea!“ rief Leyla und eilte ihrer Freundin entgegen. Ohne zu zögern schlang sie die Arme um sie und zog sie in eine feste, herzliche Umarmung. Für einen Moment fiel all die Anspannung der letzten Stunden von ihr ab. Es war ein vertrauter Halt, ein Stück Normalität in einer Welt, die sich stetig veränderte.
„Boah, was ist das denn für ein Orden?“ kam Neas Stimme gedämpft zwischen Leylas Armen hervor.
Leyla konnte nicht anders, als zu schmunzeln. Sie hatte die Unbekümmertheit ihrer Freundin vermisst, die Art, wie Nea mit ihrer Leichtigkeit selbst die schwersten Momente zu durchbrechen schien. „Das ist ein Diplomatenorden“, erklärte sie, während sie sich langsam von ihr löste.
Nea musterte sie mit großen Augen, als hätte Leyla ihr gerade eine besonders absurde Geschichte erzählt. Dann machte sie plötzlich einen freudigen Satz in die Luft, ihr Gesicht strahlte vor Begeisterung. „Ich hab noch nie einen Orden bekommen! Beeindruckend, dass du es nach so kurzer Zeit geschafft hast.“
Leyla verkniff sich eine spitze Bemerkung. Sie konnte sich denken, warum Nea nie für eine solche Ehrung in Frage gekommen war. Stattdessen ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen. Ihr Blick fiel auf den angrenzenden Wohnbereich, und in dem Moment erstarrte sie.
Ein Reh saß an einem der hölzernen Tische und trank genüsslich Tee.
Leyla blinzelte. Rieb sich ungläubig die Augen. Doch als sie wieder aufsah, war das Tier noch immer da. Ein Reh, ganz eindeutig, mit weichem, braunen Fell und großen, ruhigen Augen. Der Dampf des heißen Getränks kräuselte sich sanft in der Luft, als würde sich nichts Ungewöhnliches in diesem Raum abspielen.
„Nea…“ begann Leyla langsam, während sie den Blick nicht von dem seltsamen Anblick abwenden konnte. „Wer… wer ist dieses Reh?“
Nea zog gespielt geheimnisvoll die Augenbrauen hoch. „Das ist…“ Sie ließ sich extra viel Zeit, zog die Spannung bewusst in die Länge. Erst als Leyla sich bereits ungeduldig zu ihr umdrehte, setzte sie mit einer theatralischen Geste fort: „Heppy! Die neunte Kaiserliche Kopfgeldjägerin!“
Es dauerte einen Moment, bis die Worte in Leylas Bewusstsein sanken. Dann dämmerte es ihr. Hepma. Sie hatte von ihr gehört – eine Schamanin, eine Gestaltenwandlerin, die in der Lage war, die Form von Tieren anzunehmen. Doch Leyla hatte nie erwartet, ihr auf diese Weise zu begegnen.
Sie wollte gerade auf die mysteriöse Kopfgeldjägerin zugehen, um ein Gespräch zu beginnen, als sie plötzlich einen unerwarteten Stoß spürte. Nea war ihr auf den Rücken gesprungen, ihre Beine um Leylas Taille geschlungen.
„Oh! Ich hab’s fast vergessen zu erzählen!“ rief Nea aus, als hätte sie sich gerade erst an eine unbedeutende Kleinigkeit erinnert. „Der rothaarige Minister wartet auf dich.“
Leylas Magen zog sich augenblicklich zusammen. Aragi. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Auf dem Heimweg hatte sie ihn völlig verdrängt – die unausweichliche Begegnung, die sie erwartet hatte, aber nicht so schnell. Nicht hier. Nicht in ihrem eigenen Zuhause.
Ohne zu zögern schüttelte sie Nea ab. Diese protestierte zwar lautstark, ließ sich jedoch lachend von ihrem Rücken plumpsen.
Doch Leyla hielt sich nicht länger bei Nea auf. Ihre Gedanken überschlugen sich bereits, während sie mit schnellen Schritten durch den Flur eilte. Aragi war bereits hier. Und das bedeutete, dass sie sich auf das Schlimmste gefasst machen musste.
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Selfmun Aragi saß in Leylas Sessel, als gehöre ihm der Raum. Die Art, wie er sich in dem weichen Polster zurücklehnte, eine Hand lässig auf der Armlehne, ein Bein über das Knie geschlagen, ließ keinen Zweifel daran, dass er sich hier nicht als Gast fühlte. Eroica saß ihm gegenüber, ihre Ohren zuckten leicht – ein untrügliches Zeichen für ihre Nervosität.
„Ahh, Leyla! Wie schön, dich zu sehen!“ rief Aragi erfreut, als hätte er sie zufällig auf einem Fest wiedergetroffen und nicht gezielt in ihren eigenen Gemächer gewartet.
Leyla verschränkte die Arme vor der Brust. „Ja… wie schön“, murmelte sie knapp, ohne sich die Mühe zu machen, ihre Skepsis zu verbergen.
„Ich habe mich gerade mit deiner Dienerin über die Geschichte der Meriden unterhalten.“ Aragi sprach ruhig, als wäre dies ein angenehmer Zeitvertreib und keine bewusste Provokation. „Ein äußerst faszinierendes Thema. Ich interessiere mich stets für das Vergangene.“
Seine Worte waren harmlos, doch der Unterton war unmissverständlich. Er wollte ihr zeigen, dass er jeden ihrer Schritte verfolgte – dass er sich alles über sie aneignete, was ihm nützlich sein könnte.
Leyla ließ sich nicht auf das Spiel ein. Sie ging nicht auf seine Stichelei ein, sondern setzte sich schweigend neben Eroica. Einen Moment überlegte sie, ob ihre Freundin bleiben sollte, doch sie verwarf den Gedanken. Sie wollte nicht, dass Eroica weiter Selfmun Aragi ausgesetzt war.
„Eroica? Lass uns bitte allein“, sagte sie ruhig, ohne ihren Blick von Aragi abzuwenden.
Eroica erhob sich sofort, verbeugte sich leicht. „Wie Ihr wünscht.“ Ohne Widerworte verließ sie den Raum, doch Leyla spürte, dass ihre Freundin nur widerwillig ging.
Kaum war die Tür hinter ihr zugefallen, richtete Leyla sich auf und sah Aragi direkt an. „Also? Weshalb bist du hier?“
Der Minister lächelte – sein übliches, höfliches Lächeln, das lediglich Berechnung und keine Freude zeigte. „Ich wollte dich für deinen Erfolg auf den Tabakinseln beglückwünschen. Und natürlich lief auch dein Auftrag zufriedenstellend.“
Leyla unterdrückte ein Schnauben. Sie hatte längst vermutet, dass Aragi über die Runensteine Bescheid wusste. Nun hatte sie Gewissheit. Er ließ es beiläufig klingen, doch in Wahrheit war es eine Botschaft: Ich weiß, was du getan hast. Ich sehe dich.
Sie konnte ihm nicht trauen. Das hatte sie nie. Doch sie konnte es sich ebenso wenig leisten, ihn sich zum Feind zu machen. Er hatte Macht – nicht nur innerhalb des Kaiserreichs, sondern auch über sie.
Sie hielt seinen Blick stand und nickte leicht. „Der Tipp mit der Kampfschule hat mir weitergeholfen.“ Ihre Stimme war ruhig, fast beiläufig, als wolle sie ihm keine Genugtuung geben.
„Ist das so?“ Aragi legte den Kopf leicht schief. „Freut mich, dass ich dir helfen konnte.“
Dann wechselte er abrupt das Thema. „Ich habe gehört, dass du neue Freunde gefunden hast. Wie hießen sie doch gleich? Die Blätterlosen?“
Leylas Augen verengten sich. Eine kalte Welle kroch durch ihren Körper. Es war keine beiläufige Bemerkung. Es war eine Drohung. Ein Beweis, dass er wusste, wer ihr wichtig war. Dass er sie daran erinnern wollte, dass niemand in ihrem Leben vor ihm verborgen blieb.
Sie wollte antworten, wollte sich zur Wehr setzen, doch Aragi kam ihr zuvor.
„Wo wir schon bei Freunden sind… wusstest du, dass Liam gar nicht mehr in Randurin ist?“
Leyla spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Vor nicht einmal zwei Stunden hatte General van Lautern sie genau darauf angesprochen – und er war sicher gewesen, dass Liam dort war. Doch Aragi wusste es besser. Das bedeutete, dass er genauere Informationen hatte als die Kaiserliche Armee selbst.
Sie verspürte den brennenden Drang zu fragen, wo Liam nun war. Doch sie zwang sich zur Ruhe. Jede Frage würde ihm nur zeigen, dass sie sich sorgte. Sie würde ihm genau das geben, was er wollte.
Stattdessen lehnte sie sich zurück, verschränkte die Arme und wechselte selbst das Thema. „Demnächst wird der nächste Kronprinz im Prinzenspiel verlieren und verbannt werden“, sagte sie mit gespieltem Interesse. „Was denkst du, wer wird der nächste sein?“
Sie wusste, dass er die Frage durchschauen würde. Doch es war besser, über Belanglosigkeiten zu sprechen, als sich von ihm in ein Gespräch drängen zu lassen, das nur seinen Zielen diente.
Aragi reagierte nicht sofort. Einen Moment musterte er sie, als würde er abwägen, ob er sich auf das Spiel einlassen wollte. Dann zuckte er die Schultern. „Ich denke, dass es da eine ganz eindeutige Antwort gibt.“ Seine Stimme klang betont gelangweilt. „Mich interessiert das Prinzenspiel nicht. Was mich hingegen interessiert, sind seine Folgen.“
Er ließ sich bewusst Zeit, bevor er weitersprach. „Eugenius wurde verbannt, eine Kopfgeldjägerin reist nach Evigane, um ihn zu treffen, stellt fest, dass er bereits tot ist und beschließt daraufhin, Rache zu nehmen. Das ist doch viel spannender, oder?“
Leyla erstarrte innerlich. Sie hatte vermutet, dass Bournadettes Verrat etwas mit Eugenius zu tun hatte – aber jetzt wusste sie es sicher. Aragi hatte es ihr gerade bestätigt, mit einem süffisanten Lächeln, als hätte er nur eine nette Anekdote erzählt.
Sie wusste, dass sie stärker geworden war. Seit ihrem letzten Kampf gegen Bournadette hatte sie sich verändert, sie hatte gelernt, war gewachsen. Doch war es genug? War sie stark genug, um Bournadette entgegenzutreten, wenn der Tag kam?
„Wie dem auch sei“, fuhr Aragi fort, seine Stimme wieder so leicht wie zu Beginn des Gesprächs. „Demnächst wird ein Angriff auf die zweite Einheit des Schwarzen Sterns durchgeführt. Noch ist nicht entschieden, wer daran teilnehmen wird… aber ich halte es für eine interessante Idee, dich dorthin zu schicken.“
Er machte eine kurze Pause, ließ die Worte sacken, bevor er hinzufügte: „Du magst doch Krieg, oder?“
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Leyla hasste den Krieg. Und sie wusste mit absoluter Sicherheit, dass Aragi das wusste. Der rote Teufel spielte weiter sein Spiel, sein Lächeln so undurchsichtig wie immer, seine Worte sorgfältig gewählt, um ihre Reaktionen zu testen.
Doch sie ließ sich nicht provozieren. Stattdessen hob sie ruhig eine Hand und tippte mit dem Finger leicht gegen den goldenen Orden an ihrer Rüstung. „Wie du sicherlich bemerkt hast, habe ich einen Diplomatenorden erhalten.“ Ihre Stimme war kontrolliert, ihre Miene ausdruckslos. „Es wäre also nur logisch, dass ich als Verhandlungspartnerin eingesetzt werde.“
Aragi nickte langsam, als würde er ihren Worten zustimmen. „Herzlichen Glückwunsch.“ Seine Stimme war so glatt, dass es fast klang, als hätte er es wirklich ernst gemeint. „Ich bin mir sicher, dass noch viele Orden folgen werden.“
Dann griff er gemächlich nach der Teetasse vor ihm, nahm einen langsamen Schluck, als hätte er alle Zeit der Welt. Die Art, wie er sich bewegte – kontrolliert, beiläufig, fast spöttisch – ließ Leyla die Zähne zusammenbeißen. Jede einzelne seiner Gesten war durchdacht.
„Für dich sollte der Grünenwald besonders interessant sein“, sagte er schließlich. „Wenn du die Gelegenheit hast, dann folge den Feen.“
Leyla spürte, wie ein eisiger Schauer über ihren Rücken lief. Aragi hatte seine Worte bewusst gewählt. Das war keine zufällige Bemerkung. Wollte er ihr wieder eine Spur legen? Ein weiteres Puzzlestück, das sie zu den Runensteinen führen würde? So wie der Tipp mit der Kaifeng-Kampfschule?
Wenn dem so war, dann hatte er einen Plan – und dieser Plan bedeutete, dass er selbst davon profitieren würde. Doch es spielte keine Rolle. Sie musste die Runensteine sammeln, ganz gleich, was es kostete und wer davon profitierte. Sie hatte keine Wahl.
„Eine großartige Idee übrigens, dich als Potenzialistin darzustellen.“ Aragi lehnte sich leicht vor, sein Blick neugierig. „Ich nehme an, es war deine werte Leibdienerin, die sich diesen Schachzug ausgedacht hat? Ein cleveres Mittel, um deine wahren Fähigkeiten zu verschleiern – zumindest vorerst.“ Er ließ eine bedeutungsschwere Pause folgen, bevor er weitersprach. „Aber was wirst du tun, wenn man dich testen will? Wenn jemand überprüfen möchte, ob du tatsächlich weitere Magieelemente lernen kannst? Wäre es dann nicht… problematisch?“
Leyla horchte innerlich auf, doch sie ließ sich nichts anmerken. Aragi sprach absichtlich in Rätseln, doch seine Worte verrieten ihr mehr, als er vielleicht beabsichtigt hatte. Er wusste nichts von ihrer Feuermagie.
Das war eine wertvolle Information.
Er kannte also nicht alle ihre Geheimnisse. Sie hatte noch einen Trumpf in der Hand, einen Teil von sich, den er nicht durchschaut hatte. Das bedeutete, dass sie zumindest an dieser Front noch eine gewisse Kontrolle über die Situation hatte.
Sie winkte ab. „Das ist kein Problem, mit dem ich mich aktiv beschäftige.“ Ihre Stimme blieb ruhig, fast beiläufig. Dann sah sie ihn direkt an. „Willst du mir nicht endlich deinen eigentlichen Grund verraten? Warum bist du hier?“
Aragi hob eine Augenbraue. Für einen kurzen Moment war seine Überraschung echt – ein seltener Augenblick, in dem er aus seinem üblichen, glatten Spiel herausfiel. Doch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann kehrte sein Lächeln zurück, geschliffen und berechnend.
„Ich merke, dass du das Gespräch kurz halten willst.“ Sein Tonfall wurde einen Hauch ernster. „Dann bin ich mal so frei, dir meine Bitte direkt zu stellen.“
Leyla spürte, wie sich die Luft im Raum veränderte. Die Atmosphäre wurde schwerer, dichter. Aragi hatte noch nie eine Bitte offen geäußert.
„Wenn du im Krieg gegen den Schwarzen Stern im Grünenwald eingesetzt wirst, wirst du unweigerlich auf den stellvertretenden Anführer treffen.“ Er hielt inne, musterte sie eindringlich. „Töte ihn.“
So direkt war Aragi noch nie gewesen. Warum stellte er gerade diese Bitte so offen?
Leyla blieb reglos. Kein Muskel in ihrem Gesicht zuckte. Doch innerlich arbeitete ihr Verstand fieberhaft. Warum sprach Aragi plötzlich so offen? Warum ausgerechnet jetzt? War das eine Falle? Oder wollte er testen, ob sie bereit war, seinen Einfluss zu akzeptieren?
Sie wollte gerade ansetzen, um eine Antwort zu formulieren – vorsichtig, durchdacht – als plötzlich eine Stimme hinter ihr erklang.
[???] ,,Was ein schöner Abend, um sich zu unterhalten. Will jemand Kuchen haben?’’
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Leyla fuhr herum, ihr Körper spannte sich an, als sie die Gestalt in der Tür erkannte. Ein weiterer, dem sie lieber aus dem Weg gegangen wäre. Der Mann, dem sie nach Aragi am meisten misstraute. Kronprinz Hypos.
Er trug wie immer seinen goldenen Anzug, dessen aufwendige Stickereien im Kerzenlicht schimmerten. Ein schwarzer Umhang lag locker über seinen Schultern, und auf seinem Kopf thronte ein schwarzer Anglerhut – eine absurde Wahl, die dennoch auf eigenartige Weise zu ihm passte. In seiner linken Hand hielt er ein Messer, die Klinge schmal und elegant. In der rechten balancierte er einen Teller mit drei Stücken Kuchen.
Ohne Eile schlenderte er in den Raum, als wäre dies sein eigenes Wohnzimmer, als hätte er Aragi und Leyla nicht inmitten eines Gesprächs überrascht, das mit unausgesprochenen Drohungen gespickt war. Er nahm Platz, ließ sich mit übertriebener Lässigkeit in einen der Sessel sinken und ignorierte dabei die Blicke, die Leyla und Aragi ihm zuwarfen.
Dann, mit der Ruhe eines Mannes, der sich seiner Unantastbarkeit bewusst war, reichte er Aragi und Leyla jeweils ein Stück des Kuchens.
„Lasst uns diesen leckeren Kuchen gemeinsam genießen.“ Seine Stimme war heiter, als wäre dies ein friedlicher Nachmittag unter Freunden. „Wir verbringen viel zu wenig Zeit zusammen. Da können wir doch diesen Moment genießen, nicht wahr?“
Leyla wollte es nicht zugeben, doch seine unerwartete Störung hatte sie aus einer unangenehmen Lage befreit. Aragi hatte von ihr eine Antwort erwartet, eine Reaktion auf seine Bitte – nein, seine Forderung. Doch nun war der Moment verstrichen. Hypos hatte ihn zerschlagen wie eine Schale, die achtlos vom Tisch gestoßen wurde.
Trotzdem zögerte sie, ihr Blick ruhte auf dem Stück Kuchen vor ihr.
Hypos bemerkte ihr Misstrauen und lachte. „Das ist nicht vergiftet, Leyla. Das wäre dir gegenüber doch der völlig falsche Ansatz!“ Er legte seine Füße auf den Tisch, als wollte er jede angespannte Atmosphäre im Raum mit bloßer Dreistigkeit hinwegfegen.
Leyla schnaubte leise. Es war sinnlos, weiter zu zögern. Sie nahm eine Gabel und probierte den Kuchen. Kirschkuchen. Süß und saftig, der Geschmack füllte ihren Mund, der Teig war perfekt gebacken. So sehr sie ihn auch hassen wollte – es war ein verdammt guter Kuchen.
„Also, worüber habt ihr euch unterhalten?“ fragte Hypos mit gespieltem Interesse, während er sich sein Stück in den Mund schob.
Aragi sah ihn an, sein Gesicht ausdruckslos wie eine steinerne Maske. Leyla konnte sich bildlich vorstellen, wie er den Prinzen innerlich verfluchte. Doch er ließ sich nichts anmerken.
„Wir haben über die aktuelle innenpolitische Lage gesprochen,“ antwortete er schließlich kühl. „Was meinst du, Hypos? Wer von deinen Brüdern wird nächsten Monat verbannt werden?“
Hypos brach in lautes, unkontrolliertes Gelächter aus, als hätte Aragi ihm den witzigsten Scherz des Abends erzählt. Seine Schultern bebten, seine Hand klatschte auf seine Knie, und es dauerte einen Moment, bis er sich wieder gefasst hatte.
„Wer weiß?“ grinste er schließlich, als hätte er sich an ein gut gehütetes Geheimnis erinnert. „Ich tippe auf Sebastian.“
Leyla runzelte die Stirn. Sebastian? Das war merkwürdig. Kronprinz Sebastian stand derzeit an zweiter Stelle, direkt hinter Hypos. Warum sollte er verbannt werden?
Hypos grinste und lehnte sich etwas nach vorne, sein Blick auf Aragi gerichtet. „Sag mir, Selfmun, war Sebastian nicht Euer Favorit? Wäre doch mal eine nette Abwechslung, wenn das Pferd, auf das du gesetzt hast, lahmen würde.“
Leyla musste unwillkürlich schmunzeln. Es war erfrischend, jemanden zu sehen, der mit Aragi sprach, ohne sich von ihm einschüchtern zu lassen. Der wahnsinnige Prinz — Hypos mochte verrückt sein, unberechenbar und gefährlich – aber er ließ sich von niemandem in Ketten legen.
Aragi erwiderte den Kommentar nicht. Er war zu klug, um auf Hypos’ Spiel einzugehen. Stattdessen wandte er sich erneut Leyla zu. „Ich denke, du hast bereits genug aus unserem Gespräch mitgenommen.“
Dann erhob er sich mit einer fließenden Bewegung, rückte seinen Mantel zurecht und verließ den Raum. Leyla war nun allein mit Hypos.
Der Kronprinz betrachtete sie mit unverhohlener Neugierde. Dann, ohne Vorwarnung, griff er nach ihrer rechten Hand. Leyla spannte sich an, überlegte kurz, ob sie sich losreißen sollte – doch Hypos hielt sie nicht mit Gewalt fest. Er drehte ihre Handfläche nach oben, sein Blick wanderte über die filigranen Linien der Tattoos, die sich auf ihrer Haut erstreckten.
„Hübsche Tattoos“, murmelte er leise. Seine Stimme klang amüsiert, aber auch... interessiert. Fast schon ehrfürchtig. „So mächtig. So voller Magie.“
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Leyla kniff die Augen zusammen und zog ihre Hand ruckartig zurück. Die Berührung mochte flüchtig gewesen sein, doch das Gefühl, von Hypos durchleuchtet zu werden, blieb.
Der Kronprinz beobachtete sie mit einem gespielt überraschten Blick, ehe sich seine Lippen zu einem breiten Grinsen verzogen. „Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“ Seine Stimme war ein sanftes Säuseln, das dennoch in seinem üblichen Spott getränkt war. „Ich habe nur überlegt, mir selbst ein solches Tattoo stechen zu lassen. Ich habe gehört, dass in Jidar ein wahrer Künstler auf diesem Gebiet sein soll.“
Leyla nickte knapp. „Das habe ich auch gehört. Falls ich ihn besuche, kann ich ihn fragen, ob er dir auch eines sticht.“
Sie spielte sein Spiel mit, doch sie wusste genau, dass es hier nicht um Tätowierungen ging. Es ging um die Runensteine. Hypos testete sie. Vielleicht wollte er sehen, wie viel sie bereits wusste. Eroica hatte in einem alten Buch eine Spur gefunden, einen Hinweis darauf, dass in Jidar einer der Steine verborgen lag. Und nun sprach Hypos genau von diesem Ort.
Plötzlich stand der Prinz auf. Seine Bewegungen waren mühelos und tänzerisch, während er auf den Kamin zuschritt. Sein Blick fiel auf das Kissen davor, auf dem das Drachenei ruhte.
„Ein schönes Drachenei hast du da, Leyla“, murmelte er und beugte sich leicht vor.
Leyla verspannte sich augenblicklich. Sie stand ebenfalls auf und folgte ihm mit schnellen Schritten. Sie konnte sich bei Hypos nie sicher sein – würde er es zerstören? Es ins Feuer werfen, nur um zu sehen, was passieren würde? Bei ihm gab es keine Vorhersehbarkeit, nur Chaos.
Doch anstatt etwas zu tun, betrachtete er das Ei mit funkelnden Augen, als wäre es ein seltenes Schmuckstück, das ihn in seinen Bann gezogen hatte. Dann lachte er leise.
„Das erinnert mich an Michelle.“
Leyla blinzelte. Sie kannte diesen Namen nicht.
Hypos drehte den Kopf leicht zur Seite, sein Blick wirkte einen Moment lang unerwartet sanft. „Michelle ist mein Drache. Meine Seelenverwandte.“ Er hielt inne, als würde er einen alten, wertvollen Schatz in Gedanken streifen. „Ich habe auch vor Jahren ein Drachenei gefunden… oder sagen wir, es hat mich gefunden.“ Er grinste schelmisch, hob eine Hand und legte einen Finger über seine Lippen. „Aber verrat das niemandem. Das ist geheim.“
Dann begann er zu kichern – ein leises, fast kindliches Geräusch, das jedoch eine seltsame Unruhe in Leyla hervorrief. Es war unmöglich zu sagen, ob seine Worte wahre Vertraulichkeit bedeuteten.
„Jetzt wissen wir beide ein Geheimnis des anderen.“ Hypos drehte sich halb zu ihr um, sein Blick herausfordernd. „Wir sind wohl wirklich Freunde.“
Leyla ignorierte den Kommentar. Sie hatte genug von seinem Gerede. „Warum bist du hier, Hypos?“ fragte sie direkt. Es war Zeit, das Gespräch zu einem Ende zu bringen.
Hypos blinzelte sie an, als hätte er die Frage nicht erwartet. „Um Kuchen zu essen!“ rief er schließlich aus, als wäre das die offensichtlichste Antwort der Welt.
Leyla seufzte. „Das haben wir ja jetzt getan. Wenn es nichts Weiteres gibt, hätte ich gerne meine Ruhe.“
Der Kronprinz legte eine Hand auf die Brust und neigte spielerisch den Kopf. „Oh natürlich, wie unaufmerksam von mir.“ Er griff in die Innentasche seines goldverzierten Mantels und kramte für einen Moment darin, bevor er ein kleines Buch hervorholte. Er drehte es in den Fingern, musterte es kurz und reichte es Leyla dann mit einer übertriebenen Geste. „Ein kleines Geschenk meinerseits.“
Ohne eine weitere Erklärung machte er auf dem Absatz kehrt und schlenderte zur Tür. Als er den Türrahmen erreichte, hielt er inne, drehte sich noch einmal um und warf ihr ein breites Grinsen zu.
„Seite vierundsiebzig könnte für dich interessant sein.“
Dann brach er in schallendes Gelächter aus, als hätte er gerade den besten Scherz des Abends gemacht, und verschwand.
Leyla stand noch einen Moment reglos da, ihr Blick auf die leere Tür gerichtet. Dann senkte sie langsam den Kopf und betrachtete das Buch in ihren Händen.
Sein Einband war schlicht, dunkelbraun, mit vergoldeter Schrift.
,,Das kulinarische Erlebnis im Kaiserreich.’’
Leyla schnaubte leise. Natürlich. Selbst in seinen Hinweisen versteckte Hypos eine weitere Schicht an Wahnsinn.
Seite vierundsiebzig.



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