top of page

Kapitel 153 - Schwarzer Rauch und blaues Wasser

12. März 2025
8 Min. Lesezeit

Leyla ließ sich schwer in ihren Sessel fallen. Ihr Körper fühlte sich erschöpft an, das Gespräch mit Hypos, und das mit Aragi, hatte sie mehr Kraft gekostet, als sie zugeben wollte. Das Buch lag auf ihrem Schoß, unscheinbar, ein einfaches Kochbuch mit goldener Schrift auf dem Einband.


Langsam öffnete sie es und ließ ihren Blick über die ersten Seiten wandern. Es war tatsächlich nichts Besonderes – eine Sammlung von Rezepten aus verschiedenen Regionen des Kaiserreichs, mit sorgfältig beschriebenen Zubereitungsschritten und kleinen Anekdoten zu den jeweiligen Gerichten.


Sie blätterte weiter, ihr Daumen glitt mechanisch über die Papierseiten, bis sie bei Seite vierundsiebzig ankam.


Ihr Blick verharrte. Die eigentliche Schrift war nahezu vollständig gebleicht, als wäre der Text vorsätzlich entfernt worden. Stattdessen war auf der leeren Seite eine einzige Zeile in schwungvoller Handschrift vermerkt.


,,Leopoldbrücke 66, Südlicher Bezirk, Kaiserstadt’’


Leyla runzelte die Stirn.


Sie fuhr mit den Fingern über das Papier, suchte nach einer weiteren Spur, einer verborgenen Nachricht, etwas, das ihr mehr Informationen geben konnte. Doch da war nichts. Kein geheimer Code, keine versteckten Markierungen. Nur diese Adresse, klar und unmissverständlich.


Leyla klappte das Buch zu und steckte es ein. 


Sollte sie sich auf Hypos’ Spiel einlassen? Zu der Adresse gehen, die er ihr vorgeschlagen hatte? Wer oder was würde sie dort erwarten?


Leyla schob den Gedanken zur Seite. Sie war müde. Zu müde für weitere Fragen, zu müde für weitere Rätsel. Die Entscheidung konnte warten.


Langsam erhob sie sich, spürte das Ziehen in ihren Schultern und die bleierne Erschöpfung, die sich durch ihren Körper zog. Sie trat in ihr Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich, zog sich mit hastigen Bewegungen aus und ließ sich aufs Bett fallen.


Doch Ruhe fand sie nicht.


Ihr Geist war noch immer aufgewühlt. Ihre Gedanken kreisten um den Grünwald, um die bevorstehende Mission, um die Möglichkeit, dass sie dort einem Freund begegnen könnte. Theol.


Sie konnte es sich kaum schönreden – es war wahrscheinlich, dass er auch Teil des Schwarzen Sterns war. Und wenn das stimmte, dann war Eleanor, sein Freund, unweigerlich ebenfalls ein Terrorist.


Was, wenn sie tatsächlich in diesen Krieg geschickt wurde? Müsste sie dann ihren alten Freund töten?


Leyla schloss die Augen und massierte ihre Schläfen. Bis jetzt hatte sie nie jemanden aus ihrem früheren Leben opfern müssen. Jeder Kampf war gegen Fremde gewesen, gegen Feinde, gegen Menschen, deren Tod für sie keine persönliche Bedeutung hatte.


Doch Theol war kein Fremder.


Ein leiser Windzug ließ die Kerzen in ihrem Zimmer flackern. Plötzlich spürte sie etwas auf ihrem Bauch. Ein Gewicht, schwer und doch vertraut.


Leyla setzte sich langsam auf und sah nach unten. Ihr Atem stockte.


Dort lag ein Buch. Ein Buch, das sie beinahe vergessen hatte.


,,Rabe’’


Unwillkürlich griff sie danach, schlug die erste Seite auf —


— und fiel in eine tiefe Ohnmacht.



--------------------------------------------------------------------------



Langsam kehrte das Sehvermögen zurück. Schatten und Lichter tanzten vor Leylas Augen, während sich die Umgebung um sie herum formte.


Sie war wieder in einer Vision des Buches. Des Raben.


Diesmal fühlte sich alles anders an. Schärfer. Greifbarer. Zum ersten Mal in diesen Visionen spürte sie einen Körper – aber es war nicht ihr eigener. Etwas stimmte nicht. Die Bewegungen waren fremd, die Glieder fühlten sich falsch an. Zu leicht. Zu gebrechlich.


Sie konnte sich nicht umsehen, konnte ihren Blick nicht steuern, doch vor ihr erstreckte sich eine Lichtung. Sanfte Nebelschleier krochen über das feuchte Gras.


In der Mitte der Lichtung lag eine Frau.


Leyla brauchte einen Moment, um die Details zu erkennen. Die dunklen Haare, das scharfe Gesicht, der Körper, der unnatürlich verdreht am Boden lag.


Yang.


Ihr Atem stockte.


Sie sah schlimm aus. Blut durchtränkte ihre Kleidung, dunkle Flecken zeichneten sich auf ihrer Haut ab. Wunden, tiefe Schnitte. Yang, die unbesiegbare Kopfgeldjägerin, lag dort – verletz und wehrlos.


Wie konnte das sein?


Wer hatte sie so zugerichtet?


Noch bevor Leyla eine Antwort darauf finden konnte, tauchte eine Gestalt am Rand der Lichtung auf.


Ein junger Mann.


Er war schlank, aber nicht zerbrechlich, bewegte sich mit einer natürlichen Leichtigkeit durch das Gras. Sein kurzes goldenes Haar glänzte im Licht der untergehenden Sonne.


Leyla spürte die Verwunderung in seinem Blick, als er Yang sah.


Langsam näherte er sich ihr, mit einer Vorsicht, die fast ehrfürchtig wirkte. Dann kniete er sich neben sie und betrachtete ihre Wunden.


Was tat er da? Wer war dieser Mann?


Seine Hände zitterten leicht, als er sie auf Yangs Schultern legte.


Plötzlich begann ein sanftes Licht aus seinen Fingern zu fließen. Es breitete sich aus, ein goldener Schimmer, der sich über Yangs verletzten Körper legte. Die tiefen Schnitte schlossen sich langsam, das Blut verschwand, als wäre es nie geflossen.


Yang atmete ruhiger. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in einem gleichmäßigen Rhythmus.


Leyla wollte mehr sehen, wollte verstehen, was hier geschah – doch die Welt um sie herum begann zu flackern.


Die Farben verschwammen.


Und dann fiel sie erneut in die Dunkelheit.



--------------------------------------------------------------------------



Als Leyla wieder sehen konnte, war alles anders.


Sie stand mitten auf einem Schlachtfeld.


Die Luft war erfüllt von den Schreien der Verwundeten, vom dumpfen Klirren aufeinanderprallender Waffen und dem Gestank verbrannter Erde. Der Himmel war ein düsteres Grau, überzogen von dicken Rauchschwaden, die wie Geister über den Toten schwebten.


Zehntausende Krieger kämpften um ihr Leben. Einige trugen die Farben des Kaiserreichs, andere gehörten zu feindlichen Armeen. Stahl blitzte auf, Magie durchbrach die Luft, und zwischen den Kämpfenden tanzte das Chaos, unaufhaltsam und gierig.


Doch nichts davon fesselte Leylas Blick so sehr wie die Frau inmitten des Schlachtfelds.


Sie hatte langes, schwarzes Haar, das mit jeder Bewegung wie ein dunkler Schleier um sie wirbelte. Ihre Kleidung war tiefschwarz, ohne Verzierungen oder Symbole, doch es war nicht ihr Gewand, das sie so furchteinflößend machte.


Es waren ihre Hörner.


Zwei große, geschwungene Hörner ragten aus ihrem Kopf, so schwarz wie die Nacht.


In ihren Händen hielt sie eine Lanze, mit der sie drei Elfen gleichzeitig aufspießte, als wären sie nichts weiter als aus Stroh. Ohne zu zögern ließ sie sich nach hinten fallen – die Lanze verschwand in einer dunklen Rauchwolke, und in ihrer Hand formte sich augenblicklich eine neue Waffe.


Ein Bogen aus schwarzem Nebel entstand zwischen ihren Fingern. Geschmeidig zog sie zwei Pfeile aus dem Nichts und ließ sie mit unmenschlicher Präzision fliegen. Der Magier, den sie anvisiert hatte, stand inmitten eines Schutzkreises, seine Hände leuchteten in einem grellen Blau, als er gerade einen mächtigen Zauber entfesseln wollte.


Die Pfeile bohrten sich in seinen Hals, noch bevor er den Spruch vollenden konnte. Ein erstickter Laut verließ seine Lippen, dann kippte er leblos zur Seite.


Doch die Frau hielt nicht inne.


Der Bogen verschwand. An seiner Stelle materialisierte sich eine gewaltige Streitaxt, die sie mit einer fließenden Bewegung durch die Luft wirbelte. Ein Krieger, der sich in ihre Nähe gewagt hatte, wurde in zwei Hälften geteilt, bevor er überhaupt verstand, was geschah.


Dann ließ sie die Axt verschwinden. Ein Schwert erschien in ihrer Hand. Dann eine Sichel. Dann ein Messer.


Mit jeder neuen Waffe tötete sie schneller, brutaler. Ihre Angriffe waren kein bloßes Kämpfen – sie waren ein makelloser Tanz aus Blut und Tod.


Ihr Haar legte sich über das Schlachtfeld wie ein dunkler Schleier, ihre roten Augen glühten in der Dunkelheit.


Leyla spürte die gewaltige Präsenz, die von dieser Frau ausging. Eine Erzdämonin.


Das konnte nur eine sein. Ihre Aura war so überwältigend, so vernichtend, dass es ihr unmöglich war, sich gegen die Erkenntnis zu wehren.


Bläsk war stark gewesen. Aber sie? Sie war stärker.


Die Vision begann zu flackern. Leyla spürte, wie die Welt um sie herum zerfiel, als würde sie von unsichtbaren Händen aus der Szene gerissen.


Sie wollte bleiben, wollte sehen, wer diese Dämonin war, wollte verstehen, warum sie ihr gezeigt wurde.


Doch es lag nicht in ihrem Ermessen.


Die Dunkelheit verschlang sie erneut.



--------------------------------------------------------------------------



Vision folgte auf Vision, schneller als zuvor.


Bilder tauchten auf, verschwanden, hinterließen Spuren in Leylas Geist, ehe sie von der nächsten Szene überdeckt wurden.


Sie sah eine Hochzeit am Hafen von Welldyl. Die salzige Meeresluft hing schwer über den schmalen Stegen, während ein Brautpaar sich das Jawort gab. Ihre Hände fanden zueinander, ihre Stimmen waren in der Brandung kaum zu hören.


Dann änderte sich das Bild.


Ein Schafott.


Ein Mann wurde in der Kaiserstadt hingerichtet. Die Menge schwieg, kein Aufruhr, kein Mitleid. Das Geräusch der fallenden Klinge durchschnitt die Luft, ein dumpfer Aufprall folgte.


Der nächste Wechsel war sanfter.


Zwei Händler standen beisammen, tuschelten, schüttelten Hände, schoben sich mit verstohlenen Blicken Beutel voller Gold zu. Ein stiller Handel in der Ecke eines überfüllten Marktes.


Dann – ein See.


Glasklares blaues Wasser, so ruhig, dass es aussah wie ein Spiegel. Fische glitten lautlos darunter hinweg, ohne Hast, ohne Angst.


Die Szenen zogen an ihr vorbei wie Blätter, die der Wind mit sich riss.


Warum zeigte ihr der Rabe das alles? Was bedeuteten diese Bilder?


Dann fror alles ein.


Die Vision änderte sich – und Leyla sah sich selbst.


Sie stand in einer engen Straße, umgeben von zerklüfteten Felsen. Der Boden war aufgerissen, als hätte sich ein Krater mitten in die Stadt gegraben. Eine Grube klaffte vor ihr, ein dunkles Loch, das den Weg versperrte.


Leyla – oder das andere sie – bewegte sich vorsichtig am Rand entlang. Ihr Körper war angespannt, ihre Schritte präzise, als würde sie den Sturz fürchten.


Sie kletterte über die spitzen Steine, suchte Halt an den glatten Wänden.


—Kraaaah—


Ein Vogel krächzte laut.


Das andere sie riss überrascht den Kopf hoch – und der Moment der Unachtsamkeit reichte aus.


Ihr Fuß rutschte ab. Ein Schrei, ein dumpfer Aufprall.


,,Fuck, fuck, fuck!’’ Ihr eigenes Ich fluchte, ihre Stimme keuchend vor Schmerz. Sie hielt sich den Fuß, verzog das Gesicht.


Dann bewegte sich etwas in den Schatten. Ein Elf. Er kletterte geschickt über die Felsen zu ihr, seine Bewegungen waren mühelos, fließend. Dann, als er näher kam, erkannte sie sein Gesicht.


Liam.


Er grinste die andere Leyla an.


Dann zerfiel die Welt wieder zu Staub.



--------------------------------------------------------------------------



Leyla keuchte laut auf. Ihr Körper bebte, ihr Atem ging stoßweise. Alles drehte sich. Ihre Finger waren verkrampft, als hätten sie sich an etwas festgeklammert, das nicht mehr da war.


Sie saß wieder auf ihrem Bett. Die Dunkelheit ihres Zimmers umhüllte sie wie ein schwerer Mantel.


Das Buch war verschwunden.


Ein Schauder lief ihr über den Rücken. Was war das gewesen?


Ihr Herz pochte noch immer ungleichmäßig in ihrer Brust, während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Die Bilder der Visionen jagten noch immer durch ihren Kopf, wie Schatten, die sich weigerten zu verschwinden.


Yang. Die Erzdämonin. Ihre eigene Vergangenheit.


Sie schlang die Arme um sich, als könnte sie die Kälte, die sich in ihr ausbreitete, damit vertreiben.


Diese Vision – die Szene mit dem Loch in der Straße. Sie hatte sie schon einmal gesehen. Nein. Sie hatte sie erlebt.


Das war keine Zukunftsvision gewesen. Keine Warnung vor dem, was kommen würde.


Es war die Vergangenheit.


Und wenn das stimmte, dann bedeutete es, dass auch die anderen Visionen Fragmente der Vergangenheit gewesen waren.


Yang war fast getötet worden.


Die Erzdämonin hatte einst auf einem Schlachtfeld des Großen Krieges gewütet.


Die Hochzeit, die Hinrichtung, das Gespräch der Händler – all das war bereits geschehen.


Aber warum? Warum zeigte der Rabe ihr das alles?


Leyla atmete tief ein, zwang ihren Körper, sich zu beruhigen. Ihr Geist war erschöpft, überfordert von den Bildern, die sich in ihr eingebrannt hatten.


Was wollte der Rabe ihr sagen? Es gab keine Antworten. Nur Rätsel.


Sie schloss kurz die Augen, lehnte den Kopf gegen die Wand und versuchte, das Gedankenchaos in ihrem Kopf zu bändigen. Doch je mehr sie nachdachte, desto mehr Fragen drängten sich auf.


Schließlich entschied sie sich für das einzig Sinnvolle: Schlafen.


Sie konnte die Vergangenheit nicht ändern. Und sie konnte die Antworten nicht erzwingen.


Morgen war ein neuer Tag. Morgen würde sie nach Antworten suchen.


Mit einem leisen Seufzen ließ sie sich zurück auf das Kissen sinken.


Doch kaum hatte ihr Kopf den Stoff berührt, spürte sie es.


Ein feines Kribbeln auf ihrer Haut.


Leyla hob die Hand – und erstarrte.


Die Tattoos auf ihren Fingern, die feinen Linien, die durch die Magie der Runensteine in ihre Haut eingebrannt worden waren…


Sie pulsierten.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page