Kapitel 154 - Die Toten marschieren weiter

Langsam erhoben sie sich.
Ein unheilvolles Geräusch erfüllte die Luft, als über fünfhundert Soldaten aufstanden – jeder einzelne von ihnen ein Diener des Todes. Ihre Leiber waren von Fäulnis und rostigem Stahl gezeichnet, ihre Augen leer, doch in ihrer Haltung lag ein unerschütterlicher Wille. Sie waren bereits gestorben. Und doch standen sie erneut.
Für ihn.
Varon ließ seinen Blick über das verschneite Land vor ihm schweifen. Randurin.
Die mächtige Festungsstadt thronte auf der Insel, ihre Mauern ragten fest und unbezwingbar gegen den Horizont. Wie gut wohl die Rebellen auf eine Belagerung vorbereitet waren? Wie lange würden sie der bevorstehenden Welle standhalten?
Er atmete die kalte Nachtluft ein, sein Lächeln kaum mehr als ein unscheinbares Zucken seiner Lippen.
Dann hob er die Hand – eine einfache, beiläufige Geste, die jedoch das Schicksal einer ganzen Stadt besiegeln konnte.
„Geht“, befahl er mit ruhiger Stimme. „Erobert die Stadt. Aber tötet niemanden.“
Kein Zögern. Kein Laut.
Die Armee der Untoten setzte sich in Bewegung.
Ein Marsch ohne Hast, ohne Angst. Kein einziges Wort wurde gesprochen, kein Kriegsruf durchbrach die Stille. Nur das gleichmäßige Stapfen der Soldaten, das dumpf über den gefrorenen Waldboden hallte, als sie gegen Randurin zogen.
Varon beobachtete sie eine Weile, ehe er sich auf den kalten Waldboden zurücksinken ließ.
Seine Prüfung hatte begonnen.
--------------------------------------------------------------------------
„Ralf, wir werden angegriffen!“
Der Ruf schnitt wie ein Messer durch die kalte Luft.
Ralf fuhr zusammen, sein ganzer Körper spannte sich instinktiv an. Eben noch hatte er sich in ein Gespräch mit einer jungen Frau vertieft, die ihm von den jüngsten Rohstofflieferungen aus Arkan berichtete. Doch mit einem Schlag war der Moment der Normalität vorbei.
Er drehte sich ruckartig um. Roman, der Schmied, rannte auf ihn zu, das Gesicht schweißnass, seine Atmung keuchend.
„Wir werden angegriffen? Wie viele?“ rief Ralf, seine Stimme angespannt, voller Dringlichkeit.
Roman kam schlitternd zum Stehen, rang nach Atem. „Ungefähr fünfhundert… aber…“ Er schluckte hart, seine Augen weit vor Entsetzen. „Sie sind anders. Du musst es selbst sehen.“
Ralfs Blick verengte sich. „Anders? Was meinst du damit?“
Doch Roman schüttelte nur hastig den Kopf. „Ich kann es nicht erklären. Du musst es mit eigenen Augen sehen.“
Ein eisiges Gefühl breitete sich in Ralfs Brust aus. Ohne weiter zu zögern, wirbelte er herum und rannte los. Die Frau, mit der er gesprochen hatte, rief ihm noch etwas nach, doch ihre Stimme ging im Rauschen seines eigenen Blutes unter.
Seine Stiefel donnerten über das Kopfsteinpflaster, als er durch die engen Gassen der Festungsstadt sprintete. Die Stadt war noch ruhig, ahnungslos. Menschen gingen ihrem Alltag nach, Händler riefen ihre Waren aus, Kinder rannten lachend durch die Straßen. Doch das würde nicht mehr lange so bleiben.
Er warf einen Blick über die Schulter. „Roman! Sorge dafür, dass die Stadtmauer bemannt wird!“
Der Schmied nickte nur, bevor er in eine andere Richtung abdrehte, um Ralfs Befehl auszuführen.
Ralf aber rannte weiter, schneller. Er spürte das Brennen in seinen Lungen, doch er zwang seinen Körper, nicht nachzulassen. Jeder Moment zählte. Die Tür der Herzogsburg donnerte, als er sie mit voller Wucht aufstieß. Die Soldaten in der Halle fuhren herum, überrascht von dem plötzlichen Krachen.
„Wir werden angegriffen!“ rief Ralf, seine Stimme hallte zwischen den steinernen Wänden wider. „Bemannt das Tor! Sofort!“
Die Soldaten erstarrten nur für den Bruchteil eines Moments, dann brachen sie in hektische Bewegung aus. Rüstungen klirrten, Schwerter wurden gezogen, Befehle wurden durch den Raum gebrüllt.
Doch Ralf hielt sich nicht auf. Mit schnellen Schritten nahm er zwei Stufen auf einmal, stürmte den Turm hinauf. Sein Atem ging schwer, Schweiß lief ihm über die Schläfen, aber er zwang sich vorwärts. Er musste sehen, wovon Roman gesprochen hatte.
Als er schließlich oben auf der Plattform ankam, stürzte er nach vorne, packte das steinerne Geländer und blickte hinunter auf das weite Schneefeld vor der Stadt.
Dann gefror sein Blut in den Adern.
Über fünfhundert Krieger marschierten auf die Stadt zu. Ihre Bewegungen waren steif, unnatürlich. Ihr Fleisch war von Verwesung gezeichnet, einige trugen zerfetzte Überreste von Rüstungen, andere zogen rostige Waffen hinter sich her. Manche hatten keine Waffen – doch das machte sie nicht weniger bedrohlich.
Ihre Augen glommen in einem unnatürlichen, fahlen Licht. Ralfs Magen zog sich zusammen.
Untote.
„Fuck“, entfuhr es ihm leise.
Ein Gefühl, das irgendwo zwischen Panik und Fassungslosigkeit lag, breitete sich in ihm aus. Er hatte schon viel gesehen. Doch das?
Das war nicht normal.
Wer hatte sie herbeigerufen? Wie kämpfte man gegen etwas, das bereits tot war?
Er durfte keine Zeit verlieren. Er musste zur Boz. Sofort.
--------------------------------------------------------------------------
„Elina, Marry!“ Ralfs Stimme durchschnitt die Stille des steinernen Saals, in dem sich die Boz, Randurins mächtigste Waffe, befand. Sein Ruf hallte von den Wänden wider, scharf und drängend.
Die beiden Schwestern zuckten zusammen, als wären sie aus einem tiefen Traum gerissen worden.
„Was gibt es, Hauptmann Ralf?“ fragte Marry, während sie ihr Buch hastig beiseitelegte. Ihre Augen waren weit aufgerissen, suchten hektisch nach einer Erklärung für seinen plötzlichen Aufruhr. Neben ihr richtete sich Elina auf, ihre Haltung angespannt, bereit.
„Wir werden angegriffen,“ sagte Ralf knapp. „Elina, du kommst mit mir. Marry, du hältst dich bereit!“
Es gab keine Zeit für lange Erklärungen. Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und rannte los.
Elina folgte ihm sofort, ihre Schritte leicht, aber entschlossen. Marry blieb zurück, doch ihr Blick war fest. Ihre Hände ruhten auf der Boz, als spürte sie bereits das Gewicht dessen, was auf sie zukam.
Ralf jagte durch die Gassen der Stadt. Randurin war in Bewegung.
Menschen eilten in geordneten Reihen zu den Schutzräumen, angeführt von Azoph, dessen dunkle Silhouette aus der Menge herausragte. Ralf hatte in den letzten Wochen Evakuierungspläne vorbereitet, und jetzt bewiesen sie ihren Wert. Er konnte sehen, wie Familien Hand in Hand liefen.
Er atmete kurz durch, dann rief er: „Azoph! Du kommst auch mit!“
Der Drachar wandte ihm seinen scharfen Blick zu, nickte und drehte sich noch einmal zu den fliehenden Bürgern um.
„Ihr wisst, was zu tun ist. Bleibt zusammen! Keine Panik! Macht es wie in den Übungen!“ Seine tiefe Stimme rollte wie Donner durch die Straßen.
Ohne ein weiteres Wort folgte er Ralf und Elina.
Sie rannten weiter, das Echo ihrer Schritte vermischte sich mit den aufgeregten Stimmen der Stadt. Als sie die errichten Mauer erreichten, standen dort bereits die versammelten Rebellen – die letzte Verteidigungslinie Randurins.
Die Mauern waren in den letzten Wochen verstärkt worden. Die Verteidiger hatten eine zweite Barriere innerhalb vor dem Haupttor errichtet, eine zusätzliche Schutzschicht gegen den erwarteten Ansturm. Nun standen sie dort, angespannt, ihre Waffen bereit, ihre Augen auf den Horizont gerichtet.
Ralf trat vor die Gruppe. Sein Blick glitt über die Männer und Frauen, die sich der Gefahr entgegenstellen würden. Ihre Gesichter waren ernst. Entschlossen. Doch hinter der Entschlossenheit lauerte die Angst.
Nur Kurr wirkte ungerührt. Mit einem zufriedenen Knurren schärfte er seine Klauen an einem Schleifstein, während ein grimmiges Lächeln über seine Lippen huschte. Er war der einzige, der sich auf das kommende Blutvergießen freute.
Ralf hielt inne, schärfte seine Gedanken. Dann hob er die Stimme.
„Wir lassen die erste Welle in die Stadt und eliminieren so viele wie möglich mit der Boz!“ rief er. „Danach greifen wir ein!“
Schweigen. Dann ein knappes Nicken. Keiner stellte Fragen. Sie alle wussten, was auf dem Spiel stand. Ralf atmete tief durch und trat an die Zinnen.
Dann sah er sie vor der Brücke.
Die Armee war näher gekommen. Eine Welle aus Untoten zog unaufhaltsam auf die Stadt zu.
--------------------------------------------------------------------------
Die Untoten marschierten über die Brücke. Ihre knochigen Füße schlugen im Gleichschritt auf den Stein, ein dumpfes, unheilvolles Trommeln, das sich durch die eisige Luft zog wie eine drohende Warnung. Jeder Schritt war ein Versprechen des unausweichlichen Todes.
Ralf stand auf der Mauer, seine Hände zu Fäusten geballt, während sein Blick die vorrückende Armee verfolgte. Die Frage, die in seinem Kopf nagte, ließ ihn nicht los: Hätte er mehr tun können?
Er hatte vorgehabt, die Brücke zur Zugbrücke umzubauen, um eine solche Bedrohung zu verhindern – doch die Zeit hatte nicht gereicht. Jetzt marschierten sie direkt in die Stadt. Hundert. Zweihundert. Noch mehr.
Ihre leeren Augen starrten ins Nichts, ihre Körper bewegten sich steif, unaufhörlich. Sie drängten durch die Straßen, nahmen keinen Befehl, keine Angst, keinen Schmerz wahr. Es war, als würde die Stadt von einer Flut überrollt, die nicht aufzuhalten war.
Dann war es soweit. Die Untoten hatten den inneren Bereich erreicht.
Ralf drehte sich zu Elina, seine Stimme ruhig, aber voller Schärfe. „Sag deiner Schwester Bescheid. Sie soll alle Angreifer mit Hitze ausschalten!“
Elina schloss die Augen, ihre Stirn spannte sich vor Konzentration. Ein Herzschlag lang herrschte Stille.
Dann flammte ein gleißendes Licht über den Untoten auf.
Ralf blinzelte gegen das grelle Leuchten an, konnte für einen Moment nichts sehen. Dann, als das Licht nachließ, nahm er das Ergebnis in voller Deutlichkeit wahr.
Die Untoten schmolzen.
Ihre Körper sackten in sich zusammen, Fleisch und Knochen wurden zu einer zähflüssigen, übel riechenden Masse, die zwischen den Pflastersteinen zerfloss. Der Geruch von verbranntem Knochenmark legte sich über die Stadt, beißend und schwer. Doch Ralf ignorierte ihn.
Die erste Hälfte war vernichtet.
Er drehte sich zu Azoph. „Ich zähle auf dich!“
Der Drachar nickte, seine Augen glommen in der Dunkelheit des eintretenden Abends. Mit erhobenen Händen ließ er einen glühenden Feuerball zwischen seinen Fingern entstehen – nur eine Sekunde später schleuderte er ihn in die Reihen der verbleibenden Untoten.
Der Feuerball explodierte mitten zwischen ihnen, sengende Hitze breitete sich aus. Asche stieg in dicken Schwaden auf, als Gruppen von Untoten in Flammen aufgingen. Doch Azoph ließ nicht nach. Immer wieder sammelte er Feuer in seinen Händen, ließ es auf die Feinde niederregnen, verbrannte sie in Wellen von Hitze und Licht.
Unterdessen ließ sich Kurr mit einem tiefen Knurren von der Mauer fallen. Er landete schwer zwischen den Untoten, seine Klauen blitzten auf. Ein Wirbel aus scharfem Stahl und purem Instinkt. Der Lupid riss Gegner mit bloßen Händen in Stücke, schleuderte sie von der Brücke ins eiskalte Wasser hinab.
Pfeile regneten von den Mauern.
Die Bogenschützen hatten ihre Position eingenommen und ließen eine Salve nach der anderen niedergehen. Die Geschosse bohrten sich in verweste Körper, durchdrangen Schädel, durchtrennten Sehnen.
Steine folgten.
Die Katapulte, in der Eile vorbereitet, schleuderten ihre Last in die Reihen der Angreifer. Die schweren Geschosse zertrümmerten Knochen, zerschlugen Körper wie Tonkrüge.
Es lief gut. Besser als erwartet. Fast zu gut.
Ralf beobachtete, wie die Reihen der Untoten immer weiter ausgedünnt wurden. Er spürte, wie sich ein leises, nagendes Gefühl in seine Brust grub.
Das ist zu einfach.
Sein Blick huschte über das Schlachtfeld. Die Asche der verbrannten Kreaturen stieg noch immer auf, die geschmolzenen Überreste sickerten in den Boden. Alles schien unter Kontrolle.
Und doch …
Er kniff die Augen zusammen, suchte nach einer Bewegung, nach etwas, das sich außerhalb des Musters befand.
Dann flüsterte er, mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem:
,,Ist das wirklich schon alles?’’
--------------------------------------------------------------------------
Varon richtete sich langsam auf. Sein schlaksiger Körper entfaltete sich, als würde er sich nach einem langen, tiefen Schlaf strecken.
Die erste Welle war nahezu vollständig vernichtet – genau wie er es erwartet hatte.
Ein leises, raues Lachen entkam seiner Kehle, während er die Stadt Randurin aus der Ferne betrachtete. Der Schnee dämpfte das Echo der Schlacht, die noch immer in der Luft lag, doch er konnte es fühlen. Den Triumph der Verteidiger. Die Erleichterung. Die selbstgefällige Sicherheit, dass sie den Angriff überstanden hatten.
Er strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht, seine Augen funkelten im schwachen Licht der untergehenden Sonne, die sich mühsam durch die dichten Schneewolken kämpfte.
,,Mal sehen, wie ihr mit der zweiten Welle zurecht kommt.’’
Sein Grinsen wurde breiter, als er die nächste Phase seines Plans in Gang setzte.
Langsam hob er eine Hand. Seine Haut war blass, durchzogen von feinen Narben, jede von ihnen ein Relikt seiner Experimente mit der Dunklen Kunst der Nekromantie. Unter der Oberfläche pulsierte eine Energie, die älter war als er selbst, ein Flüstern in seinem Blut, das nur darauf wartete, entfesselt zu werden.
Er ließ sich Zeit. Genoss den Moment. Mit einer fließenden Bewegung öffnete er das Tor zwischen der Welt der Lebenden und seinem Kerker der Toten.
Die Luft flackerte. Das Eis unter seinen Füßen knackte. Drei gewaltige Silhouetten erschienen.
Wüstenriesen.
Varon betrachtete seine Schöpfungen mit einem zufriedenen Lächeln. Einst waren sie Herrscher über die glühenden Dünen von Arkan gewesen, Krieger von unermesslicher Stärke, deren bloßer Anblick Städte erzittern ließ. Doch diese Zeiten waren vorbei.
Er hatte sie getötet. Und sie dann seiner Armee der Toten hinzugefügt.
Ihre Haut, einst von der Sonne gebräunt und von Sandstürmen gezeichnet, war nun bleich wie altes Pergament. Die Hitze, die einst aus ihren Körpern strahlte, war verschwunden – ersetzt durch eine leere, unnatürliche Kälte.
Und ihre Augen.
Einst voller Stolz, voller ungezähmter Wildheit, waren nun… leer. Gehorsam.
„Geht.“ Varons Stimme war ruhig, doch sie vibrierte vor dunkler Macht. „Erobert Randurin. Tötet niemanden.“
Die Riesen blieben einen Moment lang reglos. Dann neigten sie langsam ihre massiven Köpfe – eine gespenstische, mechanische Bewegung.
Mit jedem Schritt, den sie taten, erzitterte die Erde. Der Schnee, der ihre Füße berührte, wurde zur Seite geschoben. Ihre Schatten streckten sich lang über die eisigen Dünen, wie Vorboten eines unausweichlichen Unheils.
Die Kälte schien sie nicht zu stören. Nichts störte sie mehr.
Varon verschränkte die Arme, trat einen Schritt zurück.
Randurin hatte sich tapfer geschlagen. Doch das war nur der Anfang.
Er lehnte sich gegen einen und ließ sein Grinsen nicht aus dem Gesicht weichen.
„Lasst uns sehen, wie lange ihr diesmal standhalten könnt.“
--------------------------------------------------------------------------
Der letzte untote Soldat fiel. Sein Körper zerfiel zu Staub, als die dunkle Energie, die ihn am Leben gehalten hatte, erlosch.
Für einen Moment herrschte Stille. Dann brach Jubel aus.
Die Rebellen des Schwarzen Sterns rissen die Arme in die Luft, ihre Stimmen hallten über das Schlachtfeld, vermischten sich mit dem Knirschen des Schnees unter ihren Füßen. Sie hatten gesiegt. Sie hatten die Armee der Toten zurückgeschlagen.
Ralf ließ seinen Blick über das Chaos streifen. Der Boden war übersät mit den Überresten der Untoten – zersplitterte Knochen, verrostete Waffen, leere Rüstungen, die niemanden mehr schützten. Er suchte nach Verwundeten, nach Verlusten.
Doch er fand keine.
Seine Kehle war trocken. „Wir haben niemanden verloren...“ murmelte er ungläubig.
Es schien zu gut, um wahr zu sein.
Dann vibrierte der Boden.
—BUMM— —BUMM— —BUMM—
Der Klang rollte über die Schneelandschaft, ein drohender Herzschlag, der das Eis unter ihren Füßen zum Beben brachte. Ralf riss den Kopf hoch, seine Augen durchkämmten den Horizont. Doch noch war nichts zu sehen.
Dann tauchten sie auf.
Drei gewaltige Gestalten erhoben sich aus dem Schnee, ihre Schatten streckten sich über die weiße Weite. Sie waren riesig – jeder von ihnen groß wie ein Turm, ihre Körper massig, ihre Bewegungen schwer und unaufhaltsam.
Ralf erkannte sie sofort. Wüstenriesen.
Nun dämmerte Ralf, was hier vor sich ging. Sein Magen zog sich zusammen. Varon.
—BUMM— —BUMM— —BUMM—
Varon.
Der Nekromant war zurück.
Ralf hatte von ihm gehört – ein dunkler Magier, der einst vom Kaiser Tavil IV selbst nach Arkan verbannt worden war. Doch nun stand er offenbar wieder im Dienst des Kaiserreichs. War seine Verbannung aufgehoben worden? Ein Pakt geschlossen? Hatte Kaiser Verion III den alten Feind losgelassen, um Randurin zu erobern?
Die Gedanken überschlugen sich, doch Ralf hatte keine Zeit, um nach Antworten zu suchen.
—BUMM— —BUMM— —BUMM—
Die Riesen kamen näher.
Jeder Schritt ließ den Boden beben, feine Risse bildeten sich im gefrorenen Erdreich. Sie bewegten sich langsam, doch es war die Art der Langsamkeit, die unvermeidlich war – eine Lawine, die nichts aufhalten konnte.
Ralf ballte die Fäuste. Ohne die Boz, die für den heutigen Tag bereits ihren Schuss abgegeben hatte, hatten sie keine Chance.
Dann hörte er Schritte hinter sich. Azoph betrat die Zinnen. Der Drachar wirkte erschöpft, doch in seinen Augen loderte Entschlossenheit. Er riss die Arme nach oben, seine schuppigen Hände zitterten unter der wachsenden Magie, die sich um ihn sammelte.
—BUMM— —BUMM— —BUMM—
Die Luft begann zu flimmern.
Die Temperatur um sie herum veränderte sich, das Gleichgewicht der Elemente wurde verzerrt. Selbst Ralf konnte es spüren – die Energie wurde dichter, konzentrierter.
Eine brennende Scheibe formte sich über Azoph. Zunächst drehte sie sich langsam, dann immer schneller, bis sie wie ein wirbelnder Sonnenaufgang über den Zinnen schwebte. Die Hitze war unerträglich, das Licht so grell, dass Ralf eine Hand vor die Augen heben musste.
Dann ließ Azoph los.
Die Scheibe schoss mit unvorstellbarer Geschwindigkeit auf die Riesen zu. Sie schnitt durch die Luft wie eine Klinge, ließ den Schnee unter sich verdampfen. Der vorderste Riese wurde in zwei Teile gerissen.
Sein Oberkörper kippte nach hinten, krachte auf den Boden und versank im Schnee. Seine Beine blieben noch einen Herzschlag lang stehen, bevor sie unter ihrem eigenen Gewicht einknickten.
Dann war Stille. Nur für einen Moment.
—BUMM— —BUMM—
„Sehr gut, Azoph!“ Ralfs Stimme war rau, voller Erleichterung. Dann drehte er sich um – und sah, wie Azoph fiel. Der Drachar taumelte nach hinten, seine schuppigen Hände sanken kraftlos herab. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwer.
„Ich… vertraue dir, Hauptmann Ralf…“ Dann schlossen sich seine Augen. Er sackte zusammen.
Ralf fing ihn gerade noch rechtzeitig auf. Er spürte das Gewicht des Drachars in seinen Armen, spürte die Erschöpfung, die sich wie eine Kette um ihn gelegt hatte.
Und dann hörte er es wieder.
—BUMM— —BUMM—
Die Riesen hielten nicht an.
--------------------------------------------------------------------------
Was sollte er tun? Seine Männer in den sicheren Tod schicken?
Die Frage brannte in Ralfs Kopf, während der Boden unter den gewaltigen Schritten der Riesen erzitterte. Jeder dumpfe Schlag hallte durch seine Knochen, ließ den Staub in den Straßen aufwirbeln.
Sein Blick fiel auf die Brücke, die einzige Verbindung zwischen Randurin und dem Festland. Wenn sie brach, war die Stadt abgeschnitten – aber wenn sie hielt, würde der Feind durchbrechen.
—BUMM— —BUMM—
Er hatte nur noch eine Möglichkeit.
Sein Körper spannte sich, als er die Leiter hinabkletterte, seine Stiefel schlugen hart auf die Steinplatten der Gasse. Ohne Zeit zu verlieren, zwängte er sich durch die engen Straßen, sein Ziel klar vor Augen.
Das Lagerhaus.
Gelegen am vorderen Rand der Stadt, von vielen längst vergessen, doch er wusste, dass es einen geheimen Zugang zu den Katakomben barg – einem alten Labyrinth unter Randurin, voll vergessener Gänge, voller Möglichkeiten.
Ralfs Atem ging schwer, als er die Treppe hinunterstürzte. Fackelschein zuckte über die Wände, warf gespenstische Schatten auf den Boden.
Er erreichte die Kammer. Wochen zuvor hatte er sie öffnen lassen, hatte gehofft, hier unten etwas zu finden, das ihnen im Kampf helfen konnte.
In dem Raum lagen unzählige Waffen und Rüstungen. Doch er war nicht wegen ihnen hier.
Er ging zu einer Truhe, die in der Ecke lag. Er öffnete sie und holte den saphirfarbenen Kristall heraus. Ein Manakristall aus den Minen von Erzofen.
Er nahm den Kristall heraus. Die Macht in seinen Händen vibrierte leicht, ein Flüstern, das ihn dazu drängte, sie freizusetzen. Er wusste von Roman, was dieser Kristall tun konnte. Mana erneuern. Waffen verstärken. Oder – eine Explosion entfesseln, die alles in ihrem Umkreis vernichtete.
—BUMM— —BUMM—
Ralfs Herz hämmerte, als er rannte, den Kristall fest an sich gedrückt. Die Riesen hatten den Rand der Stadt erreicht, ihre Schatten überragten die Mauern, groß wie drohende Albträume. Die Soldaten auf den Zinnen starrten sie an, erschöpft, doch bereit, bis zum letzten Atemzug zu kämpfen.
Er bahnte sich einen Weg durch seine Männer, die den Feind fassungslos beobachteten.
Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter — Roman.
„Was hast du vor, Hauptmann?“ Seine Stimme war ruhig, doch voller unausgesprochener Fragen.
Ralf schluckte. „Ich bringe sie zu Fall. Ich sprenge die Brücke.“
Roman blieb stumm, sein Blick wanderte zu dem Kristall, der noch immer in Ralfs Fingern glühte. Er wusste, was das bedeutete.
—BUMM— —BUMM—
Dann tat er das Letzte, womit Ralf gerechnet hätte. Er schlug zu. Ralfs Kopf ruckte zur Seite, Sterne tanzten vor seinen Augen. Sein Körper taumelte nach hinten, seine Knie gaben nach.
„Was… zum Geeri?“ keuchte er, während er sich wieder aufrappelte.
Roman kniete sich vor ihm hin, hob den Kristall auf, hielt ihn fest umklammert.
„Du kannst nicht sterben, Hauptmann.“ Seine Stimme war ruhig, aber entschlossen. „Die Stadt braucht dich.“
—BUMM— —BUMM—
Ralf wollte protestieren, wollte ihm den Kristall wieder aus den Händen reißen – doch Roman hatte sich bereits umgedreht.
Er rannte. Rannte direkt auf die Brücke zu.
Der erste Riese war fast da. Roman stellte sich ihm entgegen.
Ralfs Stimme versagte. Er sah, wie sein Freund den Kristall hob. Sah, wie er sein Schwert in das schimmernde Blau rammte.
—KAWUMM—
Ein Lichtblitz zerriss den Himmel. Ein gewaltiger Knall erschütterte die Stadt. Die Brücke begann einzustürzen. Felsbrocken flogen durch die Luft, stürzten hinab in das eiskalte Wasser. Die Wellen bäumten sich auf, als die Explosion alles mit sich riss.
Der vorderste Riese wurde von der Druckwelle umgestoßen. Sein Körper kippte, riss den zweiten mit sich und beide stürzten in die Tiefe.
Ralf stolperte an den Rand der Mauer. Das Wasser schlug gegen die Klippen, ein Chaos aus aufgewühltem Schaum. Roman und einer der Riesen waren vom Meer verschluckt worden. Der andere Riese wurde von der Strömung ins offene Meer, hinaus aus der Bucht, getrieben.
Ralf spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte.
,,Roman…’’
Er drehte sich um, wollte gerade zurück in die Stadt gehen und die weitere Verteidigung planen, da hörte er es.
Ein Brüllen.
Ralf drehte sich um. Und sein Herz setzte aus.
--------------------------------------------------------------------------
Varon kletterte auf den breiten Rücken des Urdrachen Jade. Die mächtigen Schuppen unter ihm fühlten sich unter seinen Fingern kalt an. Sie schimmerten dunkel im Licht der untergehenden Sonne, doch das war nur eine Erinnerung an das Leben, das Jade einst geführt hatte.
Der Drache war längst tot.
Einst war Jade eine Plage für das Kaiserreich gewesen, eine Bestie, die Karintes mit Feuer und Zerstörung bedrohte. Es war der Kaiserliche Kopfgeldjäger Bunj, der ihn einst erschlagen hatte – ein Held für viele, ein Fluch für die Kreatur, die er vernichtet hatte.
Doch nichts blieb tot, wenn es in Varons Hände fiel. Er hatte Jade in seine Reihen geholt. Nicht als Herrscher des Himmels, sondern als seinen mächtigsten Diener.
Mit einem einzigen Gedanken ließ Varon die letzten Wüstenriesen, die von den Wellen ins offene Meer getragen wurden, endgültig vergehen. Ihre massiven Körper zerfielen zu Staub, als ihre Seelen aus ihnen herausgerissen wurden. Ein letzter Windstoß fegte ihre Überreste fort – als wären sie nie gewesen.
Ihre Essenzen kehrten zurück an den Ort, an dem Varon alle gefallenen Seelen aufbewahrte. Sein Kerker der Toten. Dort würden sie bleiben. Ewig.
,,Flieg mich nach Randurin!’’ befahl Varon dem Drachen.
Mit einem dumpfen, metallischen Knirschen spannte Jade seine Flügel, riesige Schwingen von über hundert Metern Spannweite, deren bloße Bewegung die Luft zum Zittern brachte. Dann – ein gewaltiger Flügelschlag. Die Erde erbebte, der Wind heulte, als der Urdrache sich in die Luft erhob. Varon spürte, wie der Sog an seinem Mantel zerrte, doch er bewegte sich nicht. Er saß fest wie eine Statue.
Ein markerschütterndes Brüllen erklang. Tief, durchdringend, urgewaltig.
Die Vögel in den Wäldern flohen in panischer Hast. Selbst die Tiere, die nicht verstehen konnten, was über ihnen kreiste, spürten, dass sie nur einen Fehler davon entfernt waren, aus dem Leben gerissen zu werden.
Jade flog über die Stadt hinweg, sein Schatten glitt wie ein düsterer Vorbote über die Häuser und Plätze. Dann senkte er sich langsam herab. Mit einem gewaltigen Aufprall landete er auf dem Marktplatz. Der Boden erzitterte. Staub wirbelte in dichten Wolken auf, füllte die Luft mit feinem Sand. Fenster barsten, Marktstände kippten um.
Und dann – Stille. Nur das Flattern von herabfallenden Tüchern, das leise Stöhnen der Stadt unter dem Gewicht ihrer eigenen Angst.
Händler, die ihre Stände absichern wollten, standen reglos da, ihre Finger um wertlose Gegenstände geklammert. Mütter, die ihre Kinder hinter sich schoben, wagten nicht, zu atmen. Zwei der Rebellen hielten ihre Waffen fest, doch keine ihrer Klingen zitterte mehr vor Entschlossenheit.
Nur vor Furcht.
Varon glitt von Jades Rücken. Mit einer beiläufigen Geste ließ er Jade verschwinden. Der Drache löste sich auf, sein gewaltiger Körper zerfiel in schwarzen Rauch, der in der kühlen Luft verging.
Varon ließ seinen Blick über die verängstigten Gesichter wandern.
Dann sprach er: ,,Wer von euch ist der Anführer hier?’’



Kommentare