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Kapitel 155 - Weder tot, noch lebendig

13. März 2025
10 Min. Lesezeit

,,Wer von euch ist der Anführer hier?’’


Varons Worte hallten über den Marktplatz wie ein drohender Donner. Niemand bewegte sich. Niemand wagte zu antworten. Die Menschen waren erstarrt, ihre Gesichter kreidebleich, ihre Körper von einer eisernen Angst gelähmt.


Dann trat eine alte Frau vor.


Ihre Haltung war aufrecht, ihre Hände leicht zitternd, doch ihre Augen ruhten fest auf Varon. Sie stellte sich schützend vor eine Gruppe Kinder, die sich verängstigt hinter ihrem Rocksaum duckten.


,,Ich bin die Anführerin.’’


Lüge.


Varon erkannte es sofort. Diese Frau war keine Rebellin, keine Kriegerin, keine Strategin. Sie hatte sich nur vor die Kinder gestellt, um sie vor dem zu schützen, was sie glaubte, erwarten zu müssen.


Er ließ seinen Blick auf ihr ruhen. Eine lange, unangenehme Stille legte sich über den Platz.


„Wie ist dein Name?“ fragte er schließlich.


Ein Lächeln huschte über das wettergegerbte Gesicht der Alten.


„Barathila.“


Varon zögerte. Der Name klang in seinen Ohren wie eine Verwünschung. Barathila – die Fluchhexe. War sie es wirklich? Oder wollte sie ihn täuschen, ihn zwingen, vorsichtiger zu sein? Ein falscher Name konnte Leben retten. Aber er konnte auch töten.


Doch ehe er der Sache nachgehen konnte, wurde die angespannte Stille von schnellen, harten Schritten durchbrochen. Ein Mann trat auf den Platz.


Seine langen, roten Haare fielen ihm über die Schultern, sein weißer Bart wirkte fast wie eine Narbe aus vergangenen Jahren. In der einen Hand hielt er ein Schwert, in der anderen nichts.


Seine Augen funkelten.


,,Varon…’’


Das Wort verließ seine Lippen wie eine Klinge, vorsichtig geführt, aber messerscharf. Varon musterte ihn. Die Art, wie er sich hielt, wie er das Gewicht auf seinen Füßen verteilte – ein Kämpfer. Kein gewöhnlicher Rebell. Das musste der Anführer sein.


„Dann bist du also derjenige, den ich suche?“ fragte Varon.


Der Mann nickte. „Ralf Tersten.“


Varon blinzelte. Diesen Namen kannte er. Ein ehemaliges Mitglied des Goldenen Löwen – der Eliteeinheit des Kaisers. Ein Verräter, der sich vor mehr als zehn Jahren losgesagt hatte.


Interessant.


„Was möchte jemand wie du hier?“ fragte Ralf kühl.


Varon erwiderte sein Funkeln mit einem breiten Lächeln.


„Ich möchte mit dir reden“, sagte er. Dann ließ er seinen Blick über den Marktplatz wandern. Die Schaulustigen, die noch nicht geflohen waren, die Rebellen mit gezogenen Waffen, die Angst in der Luft.


„Wollen wir uns nicht einen ruhigeren Ort suchen?“



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Varon ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.


Sie hatten ihn in das Ministerium geführt, den ehemaligen Sitz des Herzogsrats von Randurin und der Ort, von dem aus der Herzog regiert hatte, den sie getötet hatten.


Der ehemalige Versammlungssaal war einst ein Symbol der Macht gewesen – nun war er kaum mehr als das Relikt einer gestürzten Herrschaft. Die dunklen Tapeten an den Wänden wirkten schwer, fast bedrückend, und der einst edle blaue Teppich, der unter dem runden Tisch lag, war mit Blut befleckt und halb zerrissen.


Ein Überbleibsel des Umsturzes.


An der Wand hing eine große Karte des Herzogtums, auf der strategische Punkte vermerkt waren. Doch es war nicht die Karte, die Varons Aufmerksamkeit immer wieder fesselte.


Es war das Gemälde.


Ein lebensgroßes Porträt von Kaiser Augustius VII, dem legendären Herrscher, der den Großen Krieg vor über eintausendzweihundert Jahren für die Menschen entschieden hatte. Sein Gesicht war zerstört. Tiefe, wütende Schnitte entstellten die einst stolzen Züge, als hätte jemand seine Wut in das Gemälde selbst geritzt. Darunter, in roter, eingetrockneter Farbe, stand eine Botschaft, die nur Verachtung kannte:


,,Nieder mit allen Kaisern!’’


Varon schmunzelte. Die Rebellion hatte hier ihre Spuren hinterlassen.


Doch sein Blick kehrte schnell zu den drei Männern am Tisch zurück. 


Ralf Tersten. Der ehemalige Löwe saß mit angespannten Schultern, sein Schwert lag griffbereit neben ihm. Sein Gesicht war von Narben gezeichnet, und seine Augen – diese kühlen, berechnenden Augen – verrieten, dass er kein Mann war, der leicht zu überzeugen war.


Der Drachar. Eine eindrucksvolle Gestalt mit scharf geschnittenen Gesichtszügen. Sein Blick war wie flüssiges Feuer, ein Echo seiner Macht, die erst vor wenigen Stunden seine Untoten zurückgeschlagen hatte.


Der Gelehrte. Ein alter Mann mit einem langen, silbernen Bart und einer Stirn, die von tiefen Falten durchzogen war. Er sah aus wie jemand, der in Büchern mehr Kriege geführt hatte als auf dem Schlachtfeld – und doch war sein Schweigen nicht das eines schwachen, alten Mannes, sondern das eines Denkers.


Drei Männer, drei verschiedene Kräfte.


Varon lehnte sich entspannt zurück, ließ die Stille in der Luft hängen.


„Also, Varon“, begann Ralf schließlich, seine Stimme misstrauisch, aber nicht feindselig. „Worüber möchtest du reden?“


Varon faltete die Hände vor sich auf dem Tisch.


„Ich wurde aus meiner Verbannung geholt“, erklärte er ruhig. „Kaiser Verion III hat mir versprochen, dass ich meine Nekromantie frei studieren kann – unter der Bedingung, dass ich ihm Randurin zurückerobere.“


Ralf nickte langsam. Kein Zeichen von Überraschung – er hatte es sich wohl schon gedacht.


„Und doch sitzt du hier mit uns“, sagte er. „Warum?“


Varon lächelte leicht. „Weil der Kaiser hinter verschlossenen Türen der Kaiserin meinen Tod versprochen hat, sobald diese Rückeroberung abgeschlossen ist.“


Jetzt zuckte ein Schatten über Ralfs Miene. Ein Augenblick der Erkenntnis, des Verstehens. Doch er blieb ruhig. „Dann wägst du also Eure Möglichkeiten ab.“


„Sagen wir es so: Ich sehe wenig Sinn darin, für einen Herrscher zu kämpfen, der mich ohnehin beseitigen will.“


Ein Moment des Schweigens.


Dann kam Ralf zur Sache. „Was sind deine Bedingungen?“


Varon ließ sich Zeit mit der Antwort. Er wusste, dass sie ihn brauchten. Die Rebellen waren geschwächt. Sie konnten es sich nicht leisten, ihn abzulehnen. Doch er wollte mehr als Duldung. Er wollte Akzeptanz.


„Ich will für die Verteidigung der Stadt verantwortlich sein“, sagte er schließlich. „Jeder kaiserliche Soldat, der fällt, wird in meine Reihen aufgenommen. Und außerdem – ich will eine Normalisierung der Nekromantie.“


Er wusste, dass dieser letzte Punkt der wahre Preis war. Ralf sah ihn lange an. Dann wanderte sein Blick zu den anderen. Der Drachar regte sich kaum merklich, doch er nickte. Der Gelehrte runzelte die Stirn. Aber er sagte nichts. Schließlich wandte sich Ralf wieder Varon zu.


„Unter zwei Bedingungen.“ Seine Stimme war ruhig. „Erstens: Die Boz bleibt in unserer Hand.“


Varon musste ein Lächeln unterdrücken. Die Boz. Diese legendäre Waffe, die ganze Armeen auslöschen konnte, war beeindruckend – aber sie interessierte ihn nicht.


„Zweitens“, fuhr Ralf fort, sein Blick nun noch durchdringender, „kein Zivilist und kein Mitglied des Schwarzen Sterns wird Opfer deiner Nekromantie.“


Varon hob eine Augenbraue. Das war es also, was Ralf dachte, was Nekromantie war. Ein Opfer. Er verstand es nicht. Noch nicht. Doch das spielte keine Rolle.


Varon ließ die Worte einen Moment wirken, dann streckte er die Hand über den Tisch.


„Einverstanden.“


Ralf zögerte. Nur einen Atemzug lang. Dann ergriff er Varons Hand. Sein Griff war fest. Entschlossen. „Willkommen in der Rebellion, Varon.“ Und in seinen Augen blitzte etwas auf. Etwas, das fast wie Respekt aussah.



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Varon richtete sich auf. Sein schwarzer Mantel raschelte leise, als er die Hände vor sich faltete. Sein Blick blieb ruhig, doch seine Augen ruhten scharf auf Ralf, als er sprach.


„Wie ist die Situation eurer Truppen? Unserer Truppen?“


Er betonte das Wort kaum merklich, doch die Bedeutung war unmissverständlich. Er wollte sehen, ob Ralf ihn bereits als Verbündeten betrachtete – oder ob er nur geduldet wurde.


Ralf ließ sich Zeit mit der Antwort. Seine Haltung blieb entspannt, doch Varon bemerkte, dass sein Blick sich für einen Moment verdüsterte. Er wog seine Worte sorgfältig ab. Schließlich seufzte er leise, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme.


„Wir haben in Randurin etwa achtzig Soldaten.“ Seine Stimme klang ruhig, doch Varon hörte das unausgesprochene „nur“ in dem Satz. „Zusätzlich ist eine weitere Einheit auf dem Weg zu uns. Sie haben weniger Leute, aber sie bringen Kämpfer mit, die so stark sind wie eine ganze Armee.“


Das war eine interessante Information.


Varon hatte erwartet, dass die Rebellen mehr zu bieten hatten als eine Handvoll Soldaten, doch es beruhigte ihn zu hören, dass sie nicht nur auf Masse setzten, sondern auf individuelle Stärke. Zahlen allein entschieden keine Kriege – Macht tat es.


Er nickte langsam.


„Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen muss?“ Seine Stimme blieb ruhig, doch der Unterton war unmissverständlich. Er duldete keine Halbwahrheiten. Er wollte die ganze Wahrheit – und er würde es merken, wenn sie ihm verwehrt wurde.


Ralf zögerte erneut. Diesmal länger. Sein Blick wanderte zu den anderen Männern am Tisch, als würde er ihren Rat suchen. Der Drachar blieb regungslos, sein Blick kühl. Der Gelehrte kratzte sich nachdenklich am Bart, sagte aber nichts.


Schließlich atmete Ralf tief durch. ,,Wir haben den Kronprinzen Sebastian als Geisel.’’


Varon hob leicht die Augenbrauen. Das war eine Wendung, die er nicht erwartet hatte. Sebastian. Der „unbesiegbare“ Prinz. Der Thronfolger, der in jeder Schlacht vorausging und niemals eine Verletzung davontrug. Varon hatte von ihm gehört – jeder der sich für die Algavia interessierte, hatte von ihm gehört. Der Mann, der sich in den letzten Jahren einen Ruf als der geborene Krieger gemacht hatte. Unnahbar, unaufhaltsam, unverwundbar.


Und jetzt saß er in den Kerkern von Randurin. Er konnte sich nicht erklären, wie es den Rebellen gelungen war, ihn zu fangen. Doch das war eine Frage für später.


Er lehnte sich ein wenig nach vorne, das leichte Funkeln in seinen Augen verriet seine Neugier. ,,Darf ich mich mit dem Kronprinzen unterhalten?’’


Ralf zuckte mit den Schultern, als wäre es ihm gleichgültig. „Tu dir keinen Zwang an.“


Er sprach es beiläufig aus, als wäre der Kronprinz eine unwichtige Figur, ein Bauer auf dem Spielfeld, der längst aufgegeben hatte. „Er hat für uns keinen Wert. Der Kaiser wird ihn aufgrund des Prinzenspiels sich selbst überlassen.“


Varon lächelte schmal. Das Prinzenspiel. Ein grausames, aber effizientes System. Wer scheiterte, wurde verbannt. Kein Verhandeln, keine zweite Chance. Der Kaiser suchte den stärksten Nachfolger – und nur er überlebte das Spiel im Kaiserreich.


Ein Prinz, der gefangen genommen wurde, war kein würdiger Thronfolger mehr.


„Dann schaue ich mir den Prinzen einmal genauer an.“ Seine Stimme klang fast amüsiert, als er sich langsam von seinem Stuhl erhob. Seine Bewegungen waren ruhig, fließend, fast zu elegant für einen Mann, der sich mit den Toten befasste.


Ralf nickte knapp. „Er ist im Kerker. Ich lasse dich von jemandem dorthin führen.“



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Varon stand reglos vor der Zelle, sein Blick ruhte auf dem Mann hinter den rostigen Gitterstäben.


Sebastian Algavia. Der vierte Kronprinz des Kaiserreichs. Ein Name, der bereits in einigen Liedern besungen wurde, ein Krieger, der niemals gefallen war, ein Mann, der aus jeder Schlacht unversehrt zurückkehrte.


Und doch lag er nun hier, gefangen in der Dunkelheit eines feuchten Kerkers.


Seine einst makellose Erscheinung war verwischt von Schmutz und Erschöpfung, seine Kleidung zerrissen, durchsetzt mit dunklen Blutflecken. Dennoch – selbst in diesem erbärmlichen Zustand haftete ihm eine Würde an, die selbst Varons kaltes Herz kurz innehalten ließ. Die Jahre des Stolzes, der unerbittlichen Disziplin, der Erhabenheit – sie waren nicht verschwunden. Sie lagen unter der Oberfläche, verborgen, doch nicht zerbrochen.


Zunächst regte sich der Prinz nicht. Er lag still, als wäre er sich bewusst, dass Varon ihn beobachtete, doch verweigerte, die Existenz seines Gegenübers anzuerkennen. Minuten verstrichen in gespenstischer Stille, bis er schließlich den Kopf hob.


Ihre Blicke trafen sich.


,,Bist du Varon?’’ Die Stimme war schwach, aber klar. Ein Schatten dessen, was sie einst gewesen war.


Varon lächelte schmal.


,,Ja, das bin ich.’’ Es überraschte ihn nicht, dass Sebastian ihn erkannte, obwohl sie sich nie zuvor begegnet waren. Der Prinz war nicht dumm. 


Er ließ eine kurze Pause verstreichen, bevor er fortfuhr. „Und du, Kronprinz Sebastian, willst du mir nicht verraten, wie du es geschafft hast, Gegner zu besiegen, die deutlich stärker waren als du? Lass mich raten… es war Zeitmagie, oder?“


Die Wirkung war sofort sichtbar. Sebastian zuckte. Es war nur ein winziger Reflex, kaum spürbar, doch für Varon so offensichtlich wie ein Schrei. Die Unruhe in seinen Augen verriet ihn – es war keine bloße Vermutung gewesen.


Varon trat einen Schritt näher, seine Hände umschlossen die Gitterstäbe, das kalte Metall drückte sich in seine Handflächen.


„Anhand deines Kampfmusters könnte man fast meinen, dass du immer genau wusstest, wie deine Gegner kämpfen würden“, fuhr er fort, sein Tonfall ruhig, doch gezielt. „Jeder einzelne Schlag war dir bekannt. Kannst du… in die Zukunft sehen?“


Sebastian schwieg. Doch sein Schweigen war nicht das eines Mannes, der überlegen war – es war das eines Mannes, der ertappt worden war. 


Varon sah, wie sich die Finger des Prinzen leicht in den Dreck unter ihm krallten, als ob er Halt suchte, einen Anker, um sich nicht von der Wahrheit mitreißen zu lassen.


Varon schüttelte leicht den Kopf. „Nein, das kann es nicht sein“, sagte er leise. „Sonst wärst du von meinem Erscheinen nicht überrascht gewesen. Es muss etwas anderes sein.“


Ein Schatten huschte über Sebastians Gesicht. Seine Schultern strafften sich, die Fesseln klirrten leise, als er sich langsam aufrichtete. ,,Was willst du von mir, Nekromant?’’ Seine Stimme war fester, aber Varon hörte, wie tief die Müdigkeit darin wog.


Varon antwortete nicht sofort. Stattdessen ließ er sich Zeit. Er ließ die Spannung wachsen, ließ den Kronprinzen auf die Antwort warten. Dann – mit einem leisen Knarren – öffnete er die Zellentür und trat ein. Seine Schritte hallten auf dem feuchten Steinboden, während er näherkam. Die Dunkelheit des Kerkers schien sich um sie zu verdichten, der Raum wurde kleiner, als ob die Mauern selbst lauschten.


„Ich habe zwei Theorien, wie du das anstellst“, sagte Varon und kam neben Sebastian zum Stehen. Seine Stimme war ruhig, doch etwas lauerte darin. „Entweder kannst du die Zeit verlangsamen… oder du kannst deinen Tod ungeschehen machen.“


Der Hauch von Furcht, der, als er die zweite Idee aussprach, für einen Sekundenbruchteil in Sebastians Augen aufblitzte, war alles, was Varon wissen musste. Er hatte recht. Der unbesiegbare Prinz – war unbesiegbar, weil er niemals wirklich starb.


,,Der Hauptmann hat mir gesagt, dass du keinen Wert mehr für die Rebellen hast, aber ich sehe das anders.’’ Varon ließ seine Hand langsam auf Sebastians Stirn sinken. Sebastian zuckte unter der Berührung zusammen, versuchte sich instinktiv zu winden, doch die Fesseln hielten ihn fest.


,,H-hör auf…’’ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Varon ignorierte ihn.


Dunkle Magie sammelte sich in seinen Fingerspitzen, wanderte wie schwarze Adern über seine Haut und strömte langsam in den Körper des Kronprinzen. Sebastians Atem stockte.


Die Veränderung begann sofort. Seine Haut wurde blasser, als würde das Leben selbst aus ihm gesogen. Die Farbe seiner Lippen verblasste, seine Adern traten dunkler hervor. Seine Augen, einst voller Stolz und Feuer, wurden glasig, als ob das Licht darin verlosch.


Ein mächtiger, anspruchsvoller Zauber, den er bisher nur an Tieren hatte testen können. Ein Zauber, mit dem er Lebende sofort zu Untoten verwandeln konnte. Zu seinen Dienern. Zwar konnte er sie nicht in seinen Kerker der Toten versiegeln, doch sie waren ihm genauso treu ergeben.


Varon trat zurück, ließ ihn fallen wie eine leere Hülle. Sebastian sackte auf die Knie, sein Körper zuckte, wehrte sich, versuchte, gegen die dunkle Kraft zu kämpfen, die ihn überrollte. Doch es war vergeblich.


Nach wenigen Sekunden verstummte das Zittern. Varon beobachtete ihn, geduldig.


Dann öffnete der Kronprinz die Augen. Doch es waren nicht mehr Sebastians Augen. Die blassen, leeren Iriden richteten sich auf ihn, tot, emotionslos. Kein Wille, keine Vergangenheit. Nur Gehorsam.


Langsam erhob sich der Mann, der einst ein Prinz gewesen war. Seine Bewegungen waren steif, als wäre er eine Marionette, deren Fäden gerade erst gespannt wurden.


Varon betrachtete ihn mit unverhohlener Zufriedenheit. Ein Mann, der niemals sterben konnte – war nun ein Mann, der zusätzlich nie wieder leben würde.


„Ich nenne dich Jester“, sagte Varon leise, während sein Blick auf die leeren Augen fiel, in denen einst Stolz geglüht hatte. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.


„Nun… erzähl mir von den Fähigkeiten deines alten Lebens.“

 
 
 

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