Kapitel 156 - Der Turm des Weisen

Der Turm des Weisen ragte in den Himmel, so hoch, dass seine Spitze in den dichten Wolken verschwand. Selbst aus der Ferne wirkte er erhaben, ein Bauwerk, das sich nicht nur durch seine Größe, sondern durch seine schiere Präsenz von allem abhob, was Jamall jemals gesehen hatte.
Der weiße Stein, aus dem er gefertigt war, glänzte unwirklich hell in der Sonne, als wäre er nicht aus gewöhnlichem Gestein, sondern aus Licht selbst erschaffen. Seine Mauern waren unberührt, frei von jedem Makel der Zeit, als ob der Turm sich dem Verfall widersetzte.
Und doch war da auch etwas Unheilvolles an diesem Ort. Selbst vom Rand des Waldes aus konnte Jamall seine Augen nicht abwenden. Es war, als würde der Turm ihn rufen, als läge in seiner Höhe, in seiner Stille, eine unsichtbare Kraft verborgen.
,,Ich gehe vor.’’
Bournadettes Stimme war ruhig, fest, ohne Raum für Diskussion. Jamall nickte, ohne zu protestieren. Der Turm des Weisen ließ nicht jeden eintreten. Er wusste das. Es war besser, wenn sie es zuerst versuchte.
Bournadette, einst eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin, trat auf den Platz hinaus.
Vor ihr erstreckte sich ein perfekt gepflasterter Weg aus schwarzem Stein, der sich schnurgerade zum Eingang des Turmes zog. Die Dunkelheit der Platten stand in starkem Kontrast zum strahlenden Weiß der Mauern – als ob sich Licht und Schatten hier auf ewig gegenüberstanden.
Jamall beobachtete angespannt, wie seine Gefährtin sich dem Turm näherte.
—ZAPP—
Ein Blitz aus weißem Licht zuckte von der Spitze des Turmes herab, unbegreifbar schnell, tödlich.
Bournadette sprang zur Seite, ihr Körper bewegte sich instinktiv, als hätte sie den Angriff schon vorhergesehen. Der Blitz schlug dort ein, wo sie einen Moment zuvor gestanden hatte, und ließ eine feine Rauchspur in der Luft zurück.
Jamall hielt den Atem an. Bournadette machte einen weiteren Schritt nach vorn.
—ZAPP—
Ein weiterer Blitz, genau so schnell, genau so präzise. Wieder wich sie aus, als hätte sie eine unsichtbare Verbindung zu dem, was kam. Nicht einmal eine Sekunde zu spät, nicht einmal eine Sekunde zu früh.
Sie setzte ihren Weg fort. Immer weiter. Immer näher.
Mit jeder Bewegung wurde der Abstand zum Turm geringer, und mit jedem Schritt wurden die Angriffe heftiger. Die Blitze kamen nun in kürzeren Abständen, sie zuckten wild über den Himmel, als hätte der Turm sie erkannt, als würde er sie nicht einfach nur testen – sondern abweisen. Doch Bournadette wich jedem einzelnen aus.
Jamalls Hände ballten sich zu Fäusten. Er wusste es – er hatte es schon die ganze Zeit gewusst. Er konnte das nicht. Er war nicht schnell genug. Nicht wie sie.
Sein Blick zuckte zwischen ihr und dem Turm hin und her.
Was sollte er tun?
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Wenn er den Platz überquerte, um den Turm zu erreichen, würde er sterben. Das wusste er. Es war keine vage Angst oder eine Möglichkeit, sondern eine unumstößliche Wahrheit. Der Turm würde ihn nicht durchlassen, und doch war es sein einziger Weg. Wenn er hier blieb, würde er ebenso verloren sein.
Kehrte er um, würde er aufgeben. Es gab keine Alternative, keinen anderen Pfad, den er nehmen konnte. Und wenn er scheiterte, wenn er fiel, würde Leyla weiterleben, würde weitermachen, würde die Welt weiterhin mit ihrer bloßen Existenz quälen.
Er atmete tief durch, sammelte sich für den Moment, in dem er alles riskieren würde, und lief los.
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, während er den Platz durchquerte. Jeder Muskel in seinem Körper spannte sich an, jeder Schritt fühlte sich zu langsam an, zu schwer, als würde der Boden selbst ihn festhalten wollen. Er rannte im Zickzack, wich nach links aus, dann nach rechts, sprang von einer Seite zur anderen, als könnte er dem unausweichlichen Schicksal entkommen, das ihn erwartete. Seine Füße berührten kaum den Boden, sein Körper bewegte sich instinktiv, doch in seinem Inneren wusste er, dass es nicht reichen würde.
—ZAPP—
Ein blendend heller Blitz durchzuckte die Luft, ein tödlicher Strahl aus purem Licht, der direkt auf ihn gerichtet war. Er spürte den Aufprall, bevor sein Verstand ihn erfassen konnte, und für einen Moment bestand die Welt nur noch aus brennendem Schmerz. Sein rechter Arm – oder das, was davon übrig war – flog mehrere Meter durch die Luft und schlug auf dem steinernen Boden auf.
Die Wunde brannte mit einer Intensität, die ihn fast zusammenbrechen ließ, doch er zwang sich weiter. Er durfte nicht anhalten, durfte nicht nachgeben. Seine Finger, die es nicht mehr gab, zuckten, sein Geist wollte noch greifen, wo nichts mehr war. Er riss sich aus diesem Gedanken und erstickte die Flammen, die sich in seinem Mantel ausgebreitet hatten, und rannte weiter. Es war ohnehin zu spät zum Umkehren.
—ZAPP—
Ein weiterer Blitz zuckte auf ihn zu. Er hatte keine Zeit mehr zu reagieren, keine Möglichkeit, diesem auszuweichen, also schloss er die Augen, bereit für das Ende, das ihn erwartete. Doch noch bevor er den Einschlag spürte, riss etwas an ihm, zog ihn mit einer Kraft zur Seite, die ihn fast den Boden unter den Füßen verlieren ließ.
Bournadette.
Ihre Hände hielten ihn fest, ihre Bewegungen waren mühelos, beinahe spielerisch, als würde sie mit dem Wind tanzen. Sie war schneller, als es menschlich möglich sein sollte, eine Erscheinung aus reiner Geschwindigkeit. Ihre Füße berührten kaum den Boden, sie warf sich in Drehungen und Sprünge, mied die Blitze, die nun in immer kürzeren Abständen auf sie herabzuckten. Doch es war nicht nur ihr Tempo – es war ihre Präzision, die Art, wie sie jeden Schritt berechnete, noch bevor er notwendig wurde. Sie bewegte sich, als hätte sie diesen Moment bereits tausendmal durchlebt, als wäre sie ein Teil dieses tödlichen Spiels, das der Turm mit ihr spielte.
Jamall konnte nichts tun. Er war völlig in ihrer Kontrolle, wurde von ihr mitgerissen, über den Platz geschleudert, ein Spielball in den Händen einer Meisterin. Er spürte, wie ihre Finger ihn umfassten, ihn führten, ihn bewahrten, ohne dass er auch nur einen Hauch von Einfluss auf das Geschehen hatte. Es war demütigend und zugleich faszinierend.
Dann war es vorbei.
Sie erreichten den Eingang des Turms, und Jamalls Beine gaben nach. Der Schmerz, den er während des Laufs ignoriert hatte, überrollte ihn nun mit voller Wucht. Er brach auf die Knie, seine Sicht verschwamm, und ein brennender, säureartiger Druck stieg in seiner Kehle auf. Er versuchte, ihn zu unterdrücken, aber sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Er übergab sich, spürte, wie sein Magen sich verkrampfte, während er auf den steinernen Boden würgte.
Bournadette stand reglos neben ihm, ihr Atem völlig ruhig, als hätte sie gerade nichts weiter getan, als einen kurzen Spaziergang zu unternehmen.
„Wie hast du gedacht, dass du das alleine schaffen kannst?“ Ihre Stimme war nicht einmal vorwurfsvoll, nur leicht irritiert, als könne sie seinen Versuch schlicht nicht begreifen. „Was, wenn wir uns nicht getroffen hätten?“
Jamall keuchte, spuckte aus, wischte sich mit seinem verbliebenden Ärmel über den Mund und sah zu ihr auf. Sie war unverändert. Kein Schweiß, kein Zeichen von Erschöpfung. Selbst ihre Kleidung war kaum zerzaust. Wie konnte sie so ruhig bleiben? Sein eigener Körper zitterte, sein Armstumpf pulsierte vor Schmerz, er war am Ende, und sie stand dort, als wäre nichts geschehen.
Sie trat näher, zog einen Dolch aus ihrem Gürtel, und Jamall sah, wie das kalte Metall in der Sonne schimmerte. Er bewegte sich nicht.
„Halt still.“
Er gehorchte.
Die Klinge schnitt durch seine Haut, säuberte die verbrannte Wunde, trennte das tote Fleisch ab, das der Blitz hinterlassen hatte. Es war ein Schmerz, der durch seinen gesamten Körper jagte, doch er biss die Zähne zusammen und ließ sie gewähren. Sie war schnell, effizient, ihre Hände bewegten sich mit der Präzision eines Chirurgen.
Als sie fertig war, zog sie ihren Mantel aus, zerschnitt einen Teil des Stoffes und wickelte ihn fest um seinen Oberarm. Der improvisierte Verband drückte unangenehm, doch es würde reichen.
Dann sah sie ihn an. Ihre Miene war ruhig, doch diesmal lag in ihren Augen etwas Sanfteres.
„Kannst du weitergehen?“
Ihr Lächeln war knapp, aber es war da.
Jamall nickte. Noch war sein Traum nicht erfüllt. Noch war sein Weg nicht zu Ende.
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Der Turm war innen vollkommen hohl. Nur eine endlose, spiralförmige Treppe schlängelte sich entlang der massiven Steinwände nach oben. Die Stufen waren ohne Geländer direkt in das Mauerwerk eingelassen, als ob sie auf magische Weise an ihrem Platz gehalten wurden. Der Abgrund unter ihnen erstreckte sich tief hinab, so dunkel und bodenlos, dass Jamall nicht einmal erahnen konnte, wo er endete. Sein Blick wanderte nach oben, doch das Ende der Treppe war genauso wenig zu erkennen wie der Boden. Der Turm wirkte unendlich, als hätte die Zeit hier drinnen keine Bedeutung.
Er spürte, wie sich seine Finger in den Stoff seines Mantels krallten, seine Atmung war flach, während er den Blick nicht von den schwebenden Stufen nehmen konnte. Er hatte das Gefühl, dass jeder falsche Schritt sein Ende bedeuten würde, und das Gefühl war wahrscheinlich nicht unbegründet. Ein Gebäude wie dieses ließ niemanden ohne Prüfung passieren. Es würde weiterhin Fallen geben, Prüfungen, Dinge, die darauf ausgelegt waren, diejenigen auszusortieren, die nicht stark oder klug genug waren.
„Geh du vor“, sagte er schließlich an Bournadette gewandt. Seine Stimme war ruhiger, als er sich fühlte.
Bournadette nickte ohne ein Wort und setzte den ersten Fuß auf die Treppe. Ihre Bewegungen waren gewohnt geschmeidig, aber sie war angespannt, ihr Körper lauerte, als hätte sie bereits erwartet, dass dieser Ort ihnen eine Falle stellte. Kaum hatte sie einige Stufen erklommen, hielt sie inne, ihr Blick fixierte eine der Stufen vor ihr, und für einen Moment bewegte sie sich nicht weiter. Dann, ohne zu zögern, zog sie ihren Fuß zurück und übersprang die Stufe, ohne sie auch nur zu berühren.
„Die Stufe ist nicht echt“, erklärte sie schließlich, während sie ihre Bewegungen mit noch mehr Bedacht ausführte. „Tritt nur auf die Stufen, auf die ich auch trete.“
Jamall nickte und folgte ihr. Er konzentrierte sich auf jeden ihrer Schritte, seine Augen verfolgten genau, welche Stufen sie wählte, und er setzte seinen Fuß erst dann auf eine Stufe, wenn er sicher war, dass sie stabil war. Doch mit jeder weiteren Umdrehung der Treppe wurde der Aufstieg mühsamer. Er begann zu zählen, versuchte sich daran festzuhalten, um sich zu orientieren. Fünfzig Stufen. Zweihundert. Acht…hundert. Er verlor irgendwann die Übersicht.
Die Zeit schien sich in die Länge zu ziehen, jeder Schritt wurde mechanischer, während sie höher und höher stiegen. Der Boden unter ihnen war längst nicht mehr sichtbar, verschluckt von der unheimlichen Dunkelheit, die sich unter ihnen ausbreitete. Überall lag ein dünner, weißer Nebel, der mit jeder weiteren Stufe dichter wurde, sich langsam um die schwebenden Stufen wand, durch die Luft schwebte und sich an den Wänden entlangbewegte wie lebendige Schatten. Er verzog das Licht, verschleierte die Sicht, und Jamall begann, Schwierigkeiten zu haben, die Stufen zu erkennen, die Bournadette übersprang.
Er blinzelte angestrengt, versuchte, die Bewegungen seiner Gefährtin weiterhin zu verfolgen, doch der Nebel spielte ihm Streiche. Es wurde schwieriger, zu unterscheiden, welche Stufen real waren und welche eine Illusion. Dann, ohne es zu bemerken, trat er auf eine, die nicht existierte.
Er spürte sofort, wie der Boden unter ihm nachgab, sein Fuß ins Leere trat, sein Gleichgewicht ihn verließ. Ein kurzer Moment des Schreckens durchzuckte ihn, als sein Körper zur Seite kippte, der Abgrund unter ihm ihn mit unaufhaltsamer Kraft nach unten zog. Reflexartig riss er seinen verbliebenen Arm nach vorne, und seine Finger krallten sich gerade noch rechtzeitig in die Kante einer der Stufen. Sein Körper baumelte über dem bodenlosen Abgrund, während sich ein kalter Schweiß auf seiner Stirn bildete.
Sein linker Arm, der schwächere, zitterte unter der plötzlichen Belastung. Er spürte, wie seine Muskeln brannten, wie seine Hand zu krampfen begann. Sein Körper war nicht dafür gemacht, sich mit nur einer Hand festzuhalten, und er wusste, dass er nicht lange durchhalten konnte. Der Stumpf seines rechten Arms pochte, und für einen Moment fühlte es sich so an, als spüre er Phantomschmerzen, als würde seine verlorene Hand noch immer versuchen, nach Halt zu suchen.
Er presste die Lippen aufeinander und hob den Blick. Bournadette war nirgendwo zu sehen.
Er rief nach ihr, doch der Klang seiner eigenen Stimme wurde von der dichten, unheimlichen Luft des Turmes verschluckt. Kein Echo, keine Antwort, als ob der Raum ihn isolierte, von allem abschnitt, was außerhalb seiner eigenen Reichweite lag.
Er war auf sich allein gestellt.
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Jamall ließ seinen Blick hastig umherschweifen, suchte nach einem Ausweg. Der Abgrund unter ihm war endlos, ein Schlund, der ihn verschlingen würde, sollte er fallen. Doch war dort überhaupt ein Boden? Oder wäre es ein ewiges Fallen, ein Sturz ohne Ende? Der Gedanke ließ eine kalte Angst in ihm aufsteigen, doch er verdrängte sie sofort. Er konnte sich nicht leisten, darüber nachzudenken.
Sich hochzuziehen war unmöglich. Hätte er noch beide Arme gehabt, wäre es eine Herausforderung gewesen – mit nur einem war es aussichtslos. Seine Finger begannen zu zittern, der kalte Stein unter seinen Fingern wurde rutschig von seinem eigenen Schweiß. Er konnte nicht mehr lange so hängen. Die Zeit lief ihm davon.
Eine einzige Idee kam ihm, doch sie war riskant. Wenn sie misslang, würde er schneller fallen, als er es sich eingestehen konnte. Doch er hatte keine andere Wahl. Wenn er nichts tat, war sein Schicksal bereits besiegelt. Sein Atem wurde schneller, das Adrenalin pochte in seinen Adern, und dann begann er, sich hin und her zu schwingen.
Sein gesamtes Gewicht lastete auf seinem linken Arm, die Belastung wurde mit jeder Bewegung stärker. Der Schmerz schoss durch seine Muskeln, doch er ignorierte ihn. Er musste es tun. Er hatte nur einen Versuch.
Dann, als er spürte, dass seine Finger endgültig den Halt verlieren würden, sammelte er alle Kraft in seinem Körper, ließ sich ein letztes Mal nach vorne schwingen – und stieß sich mit aller verbliebenen Energie von der Wand ab.
Die Zeit schien sich in diesem Moment zu verlangsamen. Das Blut rauschte in seinen Ohren, und der Abgrund unter ihm zog ihn nach unten, als würde er ihn zu sich rufen. Für einen schrecklichen Moment hatte er das Gefühl, dass er nicht weit genug gesprungen war, dass er sich verrechnet hatte, dass er nun doch dem Nichts überlassen war. Doch dann spürte er den Aufprall.
Sein Körper knallte auf eine der schräg unter ihm liegenden Stufen, und ein höllischer Schmerz explodierte in seinem linken Arm.
—KNACK—
Jamall schrie auf. Ein brennender Schmerz durchzuckte seinen gesamten Körper, ließ seine Gedanken für einen Moment aussetzen. Sein linker Arm war gebrochen.
Er blieb einige Sekunden einfach liegen, ließ die Welle des Schmerzes durch sich hindurchrollen, während er schwer atmete. Sein Körper bebte, sein Verstand schrie ihn an, dass er aufstehen musste, dass er weiter musste, dass er nicht hier liegen bleiben konnte.
Also zwang er sich, sich aufzurichten.
Jede Bewegung ließ neue Wellen von Schmerz durch ihn schlagen, doch er biss die Zähne zusammen, verdrängte das Zittern, das seine Muskeln durchlief, und setzte einen Fuß vor den anderen. Er ging mit höchster Vorsicht, prüfte jede Stufe, stellte sicher, dass er nicht noch einmal stolperte. Jeder Schritt war eine Qual, doch er hatte es fast geschafft.
Dann endlich, nach einer scheinbar endlosen Zeit des Kletterns, sah er vor sich eine Tür.
Sie stand bereits offen.
Seine Atmung war schwer, seine Glieder schmerzten, doch er trat hindurch.
Bournadette stand an einem großen, offenen Fenster. Ihr Rücken war ihm zugewandt, ihr Blick ruhte auf den Bergen des Verltria-Gebirges, die sich in der Ferne erstreckten. Der Nebel draußen wirkte fast golden in dem schwachen Licht, und für einen Moment wirkte sie wie eine Statue, eingefroren in einem Moment der Reflexion.
„Bournadette, du…“ begann Jamall, doch er verstummte.
Irgendetwas an ihrer Haltung ließ ihn innehalten. Sie war nicht angespannt, nicht kampfbereit. Sie war ruhig, nachdenklich.
Sie drehte sich langsam zu ihm um, ihre Augen musterten ihn, nahmen ihn in sich auf, als ob sie ihn gerade erst wirklich wahrnahm.
„Ich habe bereits meine Antwort bekommen“, sagte sie schließlich, ihre Stimme war ruhig, fast leise. Sie deutete mit einer knappen Geste auf eine Leiter, die an der Wand befestigt war und zu einem weiteren Stockwerk hinaufführte. Die Luke am oberen Ende stand offen.
Jamall warf einen müden Blick nach oben, dann auf seinen gebrochenen Arm, den er kaum noch bewegen konnte. Ein erschöpftes Lächeln zuckte über seine Lippen, mehr resigniert als wirklich humorvoll.
„Kannst du mir hochhelfen?“ fragte er trocken und ließ seinen verletzten Arm in einer schmerzhaften Bewegung hin und her schwingen.
Bournadette nickte, ohne zu zögern. Sie trat neben ihn, legte einen Arm um seine Taille und hob ihn mit der Kraft, die ihn jedes Mal wieder überraschte. Mühelos erklomm sie die Leiter, zog ihn mit sich und warf ihn mit einer schnellen Bewegung durch die offene Luke nach oben.
Jamall landete unsanft auf dem kalten Boden. Der Aufprall ließ seinen ohnehin geschundenen Körper erneut erzittern, und für einen Moment blieb er einfach liegen, den Schmerz durch seine Knochen pulsieren lassend.
Dann, als er schwer atmend den Kopf hob, sah er ihn.
Der Weise des Turms.
Ziaho Tah.



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