Kapitel 157 - Ziaho Tah — Wenn nichts bleibt

Es gibt fünf Personen auf der Welt, deren Schicksal nicht von ihnen selbst bestimmt wird. Fünf, die einen besonderen, unausweichlichen Weg gehen – einen Pfad, den niemand freiwillig wählen würde. Ihre Gaben sind Flüche, ihre Macht eine Last, die sie ertragen müssen, bis ihr Leben ein Ende findet. Und immer, wenn einer von ihnen fällt, wird jemand Neues erwählt. Ein endloser Kreislauf der Einsamkeit, aus dem es kein Entkommen gibt.
Der Legendäre Barde besitzt eine Stimme, die die Realität verändert. Was er singt, geschieht – seine Worte formen die Welt, seine Lieder erschaffen oder zerstören, beenden Kriege oder lassen Reiche zu Staub zerfallen. Doch seine Gabe ist keine allmächtige Waffe, sondern eine grausame Prüfung. Denn jedes Wort fordert seinen Tribut. Je mächtiger der Vers, desto größer der Preis, den sein Körper zahlen muss. Die Barden vergangener Zeiten waren bekannt für ihre Wunder, für das Unmögliche, das sie vollbrachten – und für den hohen Preis, den sie dafür entrichteten.
Viele sangen sich selbst in den Tod. Manche verstummten für immer, weil sie sich weigerten, die Konsequenzen ihrer Gabe zu tragen. Doch ihr Schweigen bewahrte sie nicht vor ihrem Schicksal. Denn wenn ihre Zeit kommt, wenn sie keine Kraft mehr haben, um ihre Lieder zu ertragen — dann geht die Fähigkeit auf jemand anderen über.
Der Rastlose Wanderer ist eine Person ohne Heimat, ein Wesen ohne Ruhe. Seine Kraft ist gewaltig, seine Geschwindigkeit unerreicht. Er ist stärker als die Erzwesen, unsterblich, unermüdlich – doch er trägt den schwersten aller Flüche. Denn er kann niemals rasten. Niemals ankommen. Sein Körper zwingt ihn vorwärts, seine Existenz kennt keinen Stillstand. Solange er weitergeht, solange er keinen Ort sein Zuhause nennt, bleibt er unangetastet.
Doch wenn er sich niederlässt, wenn er auch nur für einen Moment vergisst, was er ist, wenn er versucht, sich ein Leben zu schaffen, das er niemals haben kann – dann geht die Fähigkeit auf jemand anderen über.
Der Seher der Sterne sieht, was andere nicht einmal erahnen können. Er blickt in die Zukunft, nicht nur in eine einzige, sondern in unzählige, die sich in unaufhörlichen Strömen vor seinen Augen entfalten. Er sieht die Pfade der Welt, das, was geschehen könnte, was verhindert werden sollte. Doch sein Wissen ist ein Fluch. Er kann nicht warnen. Er kann nicht handeln.
Sein Körper erlaubt es ihm nur alle zehn Jahre, eine einzige Prophezeiung auszusprechen – und selbst dann nur in Rätseln. Unzählige Male hat er Katastrophen vorausgesehen, hat er zugesehen, wie Königreiche gefallen, wie Städte dem Erdboden gleichgemacht wurden, wie unzählige Wesen starben – und er kann nichts dagegen tun. Viele Seher wählen den Freitod, unfähig, das Gewicht ihres Wissens zu ertragen — dann geht die Fähigkeit auf jemand anderen über.
Der Geborene des Blutes kann nie wirklich sterben. Jedes Mal, wenn sein Leben endet, wird er wiedergeboren. Ein neues Kind, in einer neuen Familie, einer neuen Spezies, mit einem neuen Namen, einem neuen Körper – alles, was er war, vergeht. Nur sein Wissen bleibt.
Doch was bedeutet Unsterblichkeit, wenn sie jedes Mal mit Verlust erkauft wird? Freunde, Geliebte, Familie – jeder, der ihm je etwas bedeutet hat, ist nicht mehr als eine Erinnerung, ein Fragment eines Lebens, das nicht mehr existiert. Die Jahre vergehen, die Epochen wechseln, doch er bleibt zurück, ein Gefangener der Zeit, ein Schatten, der sich selbst verliert. Irgendwann kommt jeder von ihnen an den Punkt, an dem sie erkennen, dass es nur einen Weg gibt, sich von dieser Last zu befreien – sie müssen ihre eigene Existenz opfern — dann geht die Fähigkeit auf jemand anderen über.
Der Ewige Weise trägt das Wissen der gesamten Welt. Nichts ist ihm verborgen. Er kennt die Geheimnisse der Herrscher, die verborgenen Wahrheiten der Geschichte, die Gedanken und Ängste eines jeden Lebewesens. Sein Geist ist ein Abgrund des Wissens, eine Bibliothek, die niemals endet. Er altert nicht, er stirbt nicht an Krankheiten oder durch das langsame Vergehen der Zeit – nur Gewalt kann ihn aus diesem Leben reißen.
Doch so unermesslich sein Wissen auch ist, so begrenzt ist seine Fähigkeit, es weiterzugeben. Er kann nicht alles offenbaren, nicht jede Wahrheit ans Licht bringen. Es gibt Gesetze, die ihn binden, Regeln, die ihn zu einem fast endlosen Schweigen zwingen, das ebenso grausam ist wie seine Gabe selbst. Und mit den Jahren wächst die Einsamkeit. Niemand kann ihn verstehen, niemand kann seine Last mit ihm teilen. Jeder Weise wählt am Ende den gleichen Weg. Irgendwann werden die Jahrhunderte zu viel, irgendwann wird das Schweigen unerträglich, und sie setzen ihrem Leben ein Ende — dann geht die Fähigkeit auf jemand anderen über.
So wandern diese fünf Gaben durch die Geschichte, wechseln von einem Träger zum nächsten, ein Kreislauf ohne Anfang und ohne Ende. Und niemand weiß, wer als Nächstes auserwählt wird.
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In einem kleinen Dorf, nicht weit von den glühenden Dünen der Shakar-Wüste entfernt, wurde ein Junge geboren, der schon in seinen ersten Lebensjahren außergewöhnlich war. Er war der ganze Stolz seiner Eltern, ein Kind, das mit klarem Verstand und warmem Herzen aufwuchs. Er lernte schneller als andere, sprach früher, verstand Zusammenhänge mit einer Leichtigkeit, die Erwachsene in Erstaunen versetzte.
Doch es war nicht nur sein Verstand, der ihn besonders machte.
Die Tiere liebten ihn, denn er war sanft zu ihnen.
Die Kinder liebten ihn, denn er war gerecht zu ihnen.
Die Erwachsenen liebten ihn, denn er war höflich zu ihnen.
Die Welt liebte ihn, denn er war beschenkt von ihr.
Die Magie? Sie gehorchte ihm. Nicht nur ein Element, nicht nur eine Disziplin – alles folgte seinem Willen. Wasser formte sich auf sein Geheiß zu klaren Strömen, Erde ließ sich von ihm in fruchtbare Felder verwandeln, Flammen brannten nur dort, wo er es befahl, und der Wind trug seine Worte, als wären sie eine göttliche Botschaft. Er nutzte seine Gabe nicht für sich selbst, sondern für jene, die ihm nahestanden. In Zeiten der Dürre grub er Flüsse, damit die Felder nicht verdorrten. Nach einem Sturm errichtete er neue Häuser für jene, die ihr Heim verloren hatten. Und wenn Monster aus den Bergen oder der Wüste kamen, um die Einwohner seines Dorfes zu bedrohen, schritt er ein, um sie zu vertreiben oder zu vernichten.
Ein Leben in Harmonie, ein Leben in Gleichgewicht.
Doch das Schicksal hatte anderes für ihn vorgesehen.
Er war gerade zu einem jungen Mann herangereift, als es geschah. An jenem Tag saß er bei einem alten Drachen, einem uralten Wesen, das in den Felsen nahe seines Dorfes lebte. Sie hatten eine ungewöhnliche Freundschaft geschlossen, der junge Mann und das uralte Wesen, das mehr Zeit gesehen hatte, als der junge Mann es sich vorstellen konnte. Sie redeten über die Welt, über das Leben, über die Geheimnisse, die hinter den Horizonten verborgen lagen.
Und dann, ohne Vorwarnung, durchzuckte ihn eine Welle aus unendlichem Wissen.
Es war, als hätte sich das gesamte Gefüge der Realität in seinen Verstand gegraben, als hätte sich jede Wahrheit, jede Geschichte, jede noch so vergessene Legende in sein Bewusstsein gebrannt. Die Welt selbst offenbarte sich ihm in ihrer gesamten Tiefe. Er wusste, wie die Sterne geboren wurden und wie sie vergehen würden. Er kannte die Namen derer, die am Anfang der Zeit geboren worden waren. Die Gedanken der Lebenden, die Geheimnisse der Toten – nichts war mehr verborgen.
Er war zum Ewigen Weisen geworden.
Der Junge, der einst nur helfen wollte, war nun mehr als ein gewöhnlicher Sterblicher. Und in diesem Moment wusste er: Er konnte nicht bleiben.
Nicht, weil er es nicht wollte. Sondern weil er es nicht durfte.
Das Dorf, seine Familie, seine Freunde – alles, was ihm einst vertraut gewesen war, lag nun wie ein ferner Traum hinter ihm. Sie waren ihm nicht fremd, er liebte sie noch immer, doch sein Wissen baute eine unsichtbare Mauer zwischen ihn und jene, die ihn einst verstanden hatten. Kein Gespräch konnte jemals wieder auf Augenhöhe stattfinden. Kein Moment konnte mehr unbeschwert sein.
Und so verließ er seine Heimat.
Er wanderte, ohne Ziel, ohne Heimat, bis ihn seine Schritte in ein Land führten, das unberührt war. Keine Völker, keine Reiche, nur die rohe, ungezähmte Natur, die noch keinem König oder Herrscher gehört hatte. Dort, in der Einsamkeit, baute er seinen Turm – eine Festung, die in den Himmel ragte, so hoch, dass ihre Spitze manchmal in den Wolken verschwand.
Dort wollte er leben.
Allein.
Doch mit der Zeit erkannte er, dass Einsamkeit kein einfaches Geschenk war, sondern eine doppelte Bürde. Denn er wollte allein sein – und er wollte es nicht.
Der Drang nach Stille, nach Isolation, wurde mit jedem Tag stärker. Das Wissen, das in ihm wühlte, ließ ihn kaum atmen. Er wollte keine Stimmen hören, wollte keine Fragen beantworten, wollte sich nicht erinnern müssen an all jene Wahrheiten, die sich in seinem Geist übereinanderlegten wie Schichten eines unaufhörlichen Albtraums.
Und doch…
Er wollte nicht allein sein.
Er sehnte sich nach Gesellschaft, nach einer Hand, die seine berührte, nach einer Stimme, die nicht nur kam, um nach Weisheit zu fragen.
Er wankte zwischen diesen beiden Extremen, hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis nach Ruhe und der Angst vor ewigem Alleinsein.
Dann, nach Jahrhunderten, wurde das Land, das unberührt war, besiedelt. Städte entstanden, Reiche wurden gegründet, und schließlich erhob sich eine Republik, die sein Zuhause zu ihrem Territorium erklärte. Sie kamen mit Soldaten, mit Befehlshabern, mit Gelehrten, die ihn für sich beanspruchen wollten.
Er ignorierte sie. Und als sie versuchten, ihn mit Gewalt zu nehmen, löschte er ihre Armeen aus. Irgendwann verstanden sie, dass er nicht bezwungen werden konnte. Irgendwann hörten sie auf, ihn zu stören.
Und so blieb er.
Allein.
Jahrhunderte vergingen, dann Jahrtausende. Alle, die er kannte, alle, die er je geliebt hatte, waren längst zu Staub geworden. Neue Reiche stiegen auf und fielen, neue Völker kamen und gingen. Doch er blieb bestehen, unberührt vom Zahn der Zeit, ein Schatten aus einer vergessenen Ära.
Der Junge aus dem Dorf, der einst geliebt wurde, der einst gelacht hatte, war nicht mehr.
Es gab nur noch Ziaho Tah.
Den Ewigen Weisen, der in seinem Turm verweilte, wartend auf ein Ende, das niemals kommen würde.
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Jamall ließ seinen Blick auf dem jungen Mann ruhen, der vor ihm saß. Er wirkte so ruhig, so unbewegt, als wäre er ein Kunstwerk, das von Götterhand in Perfektion geschaffen worden war. Sein weißes Gewand fiel makellos über seine schlanke Gestalt, seine kurzen, schneeweißen Haare reflektierten das Licht, das durch das Glasdach des Turms fiel. Doch es waren seine Augen, die am meisten herausstachen – ein kristallenes Blau, das tiefer zu reichen schien als jeder Ozean, ein Blick, der jede Wahrheit kannte, jede Lüge durchschaute, jede Geschichte der Welt in sich trug.
Trotz dieser überirdischen Schönheit, trotz der Perfektion, die sein Gesicht ausstrahlte, fehlte ihm etwas Wesentliches: Emotion. Kein Lächeln, keine Regung, nichts, das auch nur den Anschein von Sterblichkeit vermittelte. Und doch… war dies der schönste Mann, den Jamall je gesehen hatte.
Er wusste, was jetzt folgen würde.
Es gab Regeln. Strikte, unumstößliche Regeln, an die sich Ziaho Tah, der Ewige Weise, halten musste.
Eine Frage.
Nur eine einzige durfte Jamall ihm stellen. Und bevor er eine Antwort erhielt, musste er seinen Preis nennen. Einen Preis, den der Weise entweder als ausreichend betrachtete – oder als wertlos verwarf.
War das Opfer zu gering, war die Chance vertan. Nie wieder durfte man Ziaho Tah eine Frage stellen.
Doch war der Preis hoch genug, dann würde der Weise antworten. Wahr und unumstößlich. Eine Wahrheit, die absolut war, ein Fragment seines unendlichen Wissens.
Jamall schluckte. Er spürte den Schmerz in seinem gebrochenen Arm, das Brennen in seinen Muskeln, doch er ignorierte es. Jetzt war nicht der Moment für Schwäche.
,,Welche Frage möchtest du mir stellen, Jamall Trauriett?’’
Die Stimme des Weisen war sanft, so sanft, dass sie fast beruhigend hätte wirken können – wäre sie nicht gleichzeitig durchtränkt von etwas, das weit über das Sterbliche hinausging. Jede Silbe war makellos, jeder Ton trug eine Klarheit in sich, die das Innerste eines jeden erschüttern konnte.
Jamall spürte ein Zittern in seinen Knochen. Nicht aus Angst, nicht aus Schmerz – sondern aus Ehrfurcht. Respekt.
Er musste sich konzentrieren. Seine Gedanken nicht ablenken lassen.
,,Wo befindet sich der Ort, an dem ich das Schwert der fünf Monde erhalten werde?’’
Er hatte die Worte mit Bedacht gewählt. Nicht wo das Schwert sich befand, nicht wo es erschaffen wurde, sondern wo er es erhalten konnte. Er wusste nicht, ob sich sein Ziel bewegte, ob es irgendwo verborgen lag. Er hatte keine Zeit für Fehler.
Die Augen des Weisen blieben reglos auf ihm haften, sein Gesicht zeigte keine Reaktion.
,,Was ist dein Preis, Jamall Trauriett?’’
Jetzt kam der Moment der Wahrheit.
Jamall atmete tief durch. Er hatte lange über diesen Moment nachgedacht, hatte Nächte damit verbracht, sich den perfekten Preis zurechtzulegen. Denn was konnte man einem Mann bieten, der bereits alles wusste?
Er legte sich seine Worte zurecht – und begann zu sprechen.
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Jamall sprach die Worte langsam, jedes einzelne sorgfältig gewählt, seine Stimme ruhig, aber schwer von der Tragweite seines Opfers. Er ließ sich keine Unsicherheit anmerken, doch seine Zweifel kannte der Weise sowieso schon.
„Ich biete Euch meine Vergangenheit, o Ewiger Weiser. Meine Kindheit, meine Familie, meine Erinnerungen. Alles, was ich je gewesen bin, alle, die ich je gekannt habe. Meine Heimat, meine Herkunft, mein Zuhause. Meine Sehnsüchte, meine Träume, mein Verlangen. Alle Erfahrungen, die ich gemacht habe, sollen Euch gehören. Meine Zeit als Jugendlicher, als Söldner, als Einsiedler. Meine Beziehung zu Roxy, meine Begegnung mit Liam, meine Reise hierher. Alles soll verschwinden, mit einigen Ausnahmen. Meine Erinnerungen und Gefühle gegenüber Bournadette Lacroix, meine Freundschaft zu dem Halbdrachen Bruno und mein unstillbares Verlangen, die Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla zu töten, sowie das Wissen, das ich dafür benötige. Dies soll mir erhalten bleiben, alles andere ist mein Angebot für das Wissen, das ich von Euch verlange.“
Die Worte verhallten in der Stille des Turms. Kein Windhauch, kein Laut war zu hören. Nur die unendliche, erdrückende Stille zwischen den Mauern des Weisen.
Jamall schluckte, sein Herz hämmerte in seiner Brust, während er gebannt auf Ziaho Tah starrte. War es genug? War der Preis hoch genug für diese eine Wahrheit, die er mehr begehrte als alles andere?
Der Ewige Weise bewegte sich langsam. Ohne Hast erhob er sich von seinem Stuhl, sein makelloses Gewand fiel sanft um seine Gestalt. Das Licht des Glasdaches spiegelte sich in seinen kristallblauen Augen, die ausdruckslos, unberührt blieben. Doch als er sprach, vibrierte die Luft um ihn herum, seine Stimme trug mehr Gewicht als alles, was Jamall jemals gehört hatte.
,,Der Preis ist ausreichend.’’
Es war keine Dankbarkeit in seiner Stimme, keine Erleichterung, keine Anerkennung. Nur eine sachliche, unerschütterliche Feststellung, als hätte er das Urteil eines ewigen Gesetzes gesprochen.
„Das Schwert der Fünf Monde erhältst du auf der Spitze der Sternenklingen, im Zentrum des Gebirges von Shi.“
So einfach.
So endgültig.
Jamall sog die Worte auf, ließ sie in seinem Verstand widerhallen. Er hatte bekommen, was er wollte. Eine Antwort, präzise, unumstößlich. Mehr Worte waren nicht nötig.
Ziaho Tah trat näher, lautlos.
Dann hob er die Hand und legte seine Fingerspitzen an Jamalls Stirn.
Ein kalter, unsichtbarer Strom fuhr durch seinen Kopf, zog an seinen Gedanken, an seinen Erinnerungen. Sein Bewusstsein wurde auseinandergerissen, Schicht für Schicht, ein Konstrukt, das in sich zusammenbrach. Er sah Bilder aufblitzen – ein Haus in einem kleinen Dorf, das Gesicht einer Frau, die vielleicht seine Mutter gewesen war. Ein Lagerfeuer unter einem sternenbedeckten Himmel, Gelächter, das nicht mehr zu ihm gehörte. Eine Hand, die seine hielt, ein Name, der in seinen Gedanken verblasste, bis er nichts mehr war als ein Echo.
Es war, als würde jemand Seite um Seite aus einem Buch reißen, als würde jede Spur seiner Existenz gelöscht.
Seine Kindheit.
Seine Heimat.
Seine Träume.
Nichts blieb zurück.
Nur drei Dinge.
Die Erinnerung an Bournadette Lacroix.
Die Freundschaft zu dem Halbdrachen Bruno.
Und das Verlangen, Leyla zu töten.
Mehr war er nicht mehr.
Jamall atmete schwer, als die Berührung sich löste. Sein Körper fühlte sich leer an – nicht wie einer, der etwas verloren hatte, sondern wie einer, der niemals mehr besessen hatte. Er blinzelte, sah den Mann in Weiß an, doch konnte nicht sagen, wer er war oder warum er hier war. Hatte er ihm etwas gegeben?
Er wusste es nicht. Doch er wusste, was er tun musste. Sein Blick richtete sich in die Ferne.
Er würde sich das Schwert der Fünf Monde holen.
Und dann würde er Leyla töten.
Alles andere war unbedeutend.
Nein.
Alles andere existierte nicht.
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Jamall sprang die Leiter hinunter, sein gebrochener Arm schmerzte bei jeder Bewegung. Der dumpfe Aufprall seiner Füße auf dem harten Boden sandte einen weiteren Schmerzstoß durch seinen Körper, doch er schenkte ihm keine Beachtung. Sein Körper war unwichtig. Schmerz war unwichtig.
Er richtete seinen Blick auf Bournadette, die noch immer am Fenster stand, das Licht des Tages auf ihrer Haut.
„Hast du erhalten, wonach du gesucht hast?“ fragte sie ohne sich umzudrehen. Ihre Stimme war ruhig, doch da war etwas darunter – ein Hauch von Nachdenklichkeit, vielleicht sogar Zweifel.
Jamall konnte nicht sagen, warum sie so wirkte. Er wusste nur, dass ihn die Antwort nicht interessierte.
„Ja“, sagte er schlicht. „Wir müssen nach Shi. Brechen wir auf?“
Bournadette nickte, zögerte aber einen Moment, bevor sie sich zur Tür wandte. Sie öffnete sie, und das grelle Sonnenlicht ergoss sich in das runde Zimmer des Turmes, tauchte die kalten Steine in ein warmes, goldenes Leuchten.
Dann trat sie hindurch und war verschwunden.
Jamall folgte ihr ohne zu zögern, ohne einen weiteren Blick zurück auf den Raum zu werfen. Seine Gedanken kreisten um nichts anderes als sein Ziel. Sein einziger Zweck.
Leyla töten.
Als er ins Freie trat, umhüllte ihn die Helligkeit der Sonne, und für einen Moment musste er blinzeln. Es war, als würde sein Körper sich erst jetzt wieder an die Welt außerhalb dieses Ortes erinnern, als müsse sein Geist erst begreifen, dass er wieder unter dem offenen Himmel stand.
Vor ihnen erstreckte sich eine endlose Landschaft. Ein gewaltiges Gebirge, dessen Gipfel sich weit in den Himmel erhoben, während zu ihren Füßen eine Wüste begann, die sich bis zum Horizont erstreckte. Sanddünen zogen sich wie erstarrte Wellen durch das Land, goldene Hügel, die in der Hitze flimmerten.
„Wo sind wir hier?“ fragte Bournadette, und diesmal klang sie wirklich überrascht.
Jamall blinzelte erneut, betrachtete die Landschaft vor ihnen, doch sein Verstand fand keine Antwort.
„Waren wir nicht bereits hier?“ fragte er schließlich.
Bournadette drehte sich langsam zu ihm um. Ihr Blick war scharf, abschätzend. Dann verengten sich ihre Augen.
„Verstehe…“ sagte sie leise. „Du hast also den Großteil deiner Erinnerungen geopfert.“
Jamall nickte.
So musste es wohl sein.



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