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Kapitel 158 - Ein Abend im Winter

15. März 2025
11 Min. Lesezeit

[???] ,,Jetzt lass den Kopf nicht so hängen!’’


Alexandra zuckte zusammen, als sie die Stimme hörte, und wäre beinahe vom Sattel gestürzt. Sie umklammerte die Zügel fester, während sich ihr Blick genervt auf Jevry richtete.


„Tu ich doch gar nicht“, entgegnete sie und strich mit der Hand beruhigend über den Hals ihres Pferdes. Das Tier schnaubte leise, als spüre es ihre innere Unruhe.


Jevry schüttelte nur grinsend den Kopf. „Doch, tust du. Seit wir aufgebrochen sind. Ich sehe doch, dass du lieber in die Kaiserstadt reisen würdest.“


Alexandra spürte, wie ihr Gesicht warm wurde. Er hatte recht. Natürlich hatte er recht. Wäre es nach ihr gegangen, dann hätten sie sich auf den Weg zur Kaiserstadt gemacht – zu Leyla.


Sie vermisste sie. Ihre Art, ihren scharfen Blick, dieses warme Lächeln, das sich nur zeigte, wenn sie sich wirklich wohl fühlte. Leyla erzählte nicht viel von sich, doch Alexandra hatte es nie gebraucht, um zu verstehen, wie viel in ihrer Freundin verborgen lag.


Wie es Leyla wohl ging? Ob sie genug Schlaf bekam? Ob sie noch immer das Gewicht ihrer Entscheidungen mit sich trug? Alexandra wusste, dass das Leben einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin nicht einfach war. Wie viele unsichtbare Wunden mochte Leyla inzwischen tragen? Wie viele Dinge hatte sie tun müssen, die sie niemals tun wollte?


Ein Seufzen entwich ihr.


„Du hast recht, Jevry“, gab sie schließlich zu. „Ich würde gerne in die Kaiserstadt gehen. Aber wir haben ein anderes Ziel.“


Ein anderes Ziel. Rubendy.


Die große Handelsstadt am Goldenen Fluss, ein Ort, an dem das Gold des Kaiserreichs floss, an dem Glück und Tragödien gleichermaßen gehandelt wurden. Hier verdienten Abenteurer gut, hier konnten sie sich beweisen – hier konnte man aufsteigen.


Die Blätterlosen hatten bereits den Fortgeschrittenen Rang erreicht. Doch das reichte ihnen nicht. Sie wollten mehr. Sie wollten weiter.


„Wir werden Leyla ganz bestimmt besuchen, Lexy!“ rief plötzlich eine fröhliche Stimme. Betty ritt nun ebenfalls an Alexandras Seite, ihr Lächeln hell wie der erste Sonnenstrahl nach einem langen Winter. Ihre weißen Haare wehten im Wind, während ihre blaue Augen lebhaft funkelten.


Alexandra erwiderte das Lächeln zaghaft. Betty hatte eine Art, die Dinge leicht erscheinen zu lassen, auch wenn sie es nicht waren. Und manchmal war es genau das, was Alexandra brauchte.


Ihr Blick wanderte nach vorn, wo Karst ritt, immer ein Stück voraus. Er ritt aufrecht, wachsam, sein Blick schweifte über die verschneiten Wiesen und Felder des Herzogtums Vallyka.


Immer Ausschau halten. Immer sicherstellen, dass sie nicht überrascht wurden.


Der Winter war in das Land gekrochen, leise und gnadenlos. Der Schnee bedeckte die Erde wie eine Lüge – schön, rein, und doch trügerisch.


Rubendy lag vor ihnen. Und danach?


Vielleicht würde es doch einen Weg zur Kaiserstadt geben. Einen Weg zurück zu Leyla.



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Die wohlige Wärme des Steinofens hüllte den Raum in eine trügerische Geborgenheit, während draußen die eisige Kälte des Winters die Straßen bedeckte. Das Feuer knisterte leise, der Duft von gebratenem Fleisch und starkem Bier hing schwer in der Luft. Stimmengewirr erfüllte den Raum, das Lachen von Reisenden und das Klirren von Krügen schufen eine Atmosphäre der Rastlosigkeit, die für einen Ort wie diesen typisch war.


Tunike war kein gewöhnliches Dorf – es lag am Dreikreuz, einem Knotenpunkt, an dem drei der wichtigsten Straßen des Kaiserreichs aufeinandertrafen.


Von hier aus führte die Flussstraße nach Süden, schlängelte sich am Goldenen Fluss entlang und verband das Dreikreuz mit der Handelsstadt Rubendy. Weiter südlich mündete sie schließlich in Welldyl, wo die Flotten des Kaiserreichs ankerten.


Die Nordstraße hingegen führte geradewegs nach Vallyka, der größten Stadt im Herzogtum. Von dort aus zog sie sich weiter gen Osten, durch die gefürchtete Endlose Wüste, bis sie schließlich in Karintes endete – dem heiligen Sitz der kameristischen Kirche.


Die Kaiserstraße, die prestigeträchtigste unter ihnen, verlief nach Westen, führte direkt zur Kaiserstadt, dem Zentrum der Macht. Von dort aus zog sie sich weiter durch die Larifen, dem rauen Gebirge, bis in die Mittellande, wo Städte wie Malyl und Schneeburg lagen.


Hier, an diesem Dreh- und Angelpunkt des Reiches, war die Taverne stets gut besucht. Kaufleute, Söldner, Pilger und Glücksritter trafen sich hier, ruhten sich aus oder handelten mit Informationen, die oft wertvoller waren als Gold.


Alexandra, Karst, Jevry und Betty waren bereits einige Krüge tief in den Abend eingetaucht, ihre Gesichter gerötet vom Alkohol, ihre Stimmen gelöst. Sie genossen die Wärme und die Gesellschaft, ließen sich für einen Moment treiben.


Bis sich eine Gestalt an ihren Tisch setzte.


Alexandra runzelte die Stirn und drehte den Kopf. Ein Drachar hatte sich zu ihnen gesellt, sein Körper gehüllt in einen schwarzen Umhang, der kaum etwas von seiner Erscheinung preisgab. Nur die schwarzen Schuppen an seinem Hals blitzten im Licht der Taverne auf.


Sie musterte ihn misstrauisch.


„Kann ich dir helfen?“ fragte sie, ihre Stimme angespannt, vielleicht sogar ein wenig gereizt.


Der Drachar zögerte. Sein Blick huschte nervös von einem zum anderen, als suchte er nach den richtigen Worten.


„Ihr habt eben den Namen Leyla erwähnt“, begann er vorsichtig. „Kennt ihr sie?“


Alexandras Augen verengten sich. Ihre Finger spannten sich leicht um den Krug in ihrer Hand. „Ich würde es vorziehen, wenn du dich nicht in unsere Gespräche einmischst“, erwiderte sie scharf.


Doch der Drachar ließ sich nicht so leicht abwimmeln. „Wisst ihr, ob sie auf dem Weg zum Denja-Dschungel ist?“


Bei diesen Worten erstarrte Karst. Die lockere Stimmung des Abends wich schlagartig einer eisigen Anspannung. „Hör mal, wir wollen wirklich nicht mit dir reden“, knurrte Karst und griff nach der Schulter des Drachars. „Also geh und lass uns in Ruhe!“


In dem Moment rutschte dem Fremden die Kapuze vom Kopf. Unter der schwarzen Stoffbahn kam ein Gesicht zum Vorschein, das jung wirkte, vielleicht zu jung für einen Reisenden, der allein unterwegs war. Doch es war nicht sein Alter, das Karst innehalten ließ – es war sein Ausdruck.


Die Furcht. Einen Moment lang hielten sie sich gegenseitig in den Augen fest, als ob in diesem Blick mehr als Worte ausgetauscht wurden.


Dann, abrupt, erstarben die Stimmen in der Taverne.



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Becher klirrten, dumpfe Aufschläge hallten durch die Taverne, gefolgt von einem schweren, unnatürlichen Schweigen. Alexandra sah sich ruckartig um, ihr Atem ging schnell. Die eben noch belebte Schankstube lag in gespenstischer Stille. Überall auf dem Boden lagen Körper – still, reglos, als wären sie Puppen, denen das Leben ausgesaugt worden war.


Die Wärme des Steinofens hatte nichts Tröstliches mehr an sich, das prasselnde Feuer war nun nur noch ein Hohn auf das Leben, das hier eben noch gewesen war.


,,Sie sind tot…’’


Bettys Stimme war kaum mehr als ein ersticktes Wispern. Sie kniete neben einem massigen Halbriesen, der noch vor wenigen Minuten mit dröhnendem Lachen seinen Met getrunken hatte. Sein Kopf lag nun schief, die leeren, nach oben verdrehten Augen auf etwas gerichtet, das nur er sehen konnte.


Ein Kloß bildete sich in Alexandras Kehle. Wie hatte das so schnell geschehen können?


Jevry sprang auf, seine Stuhlbeine rutschten mit einem hässlichen Geräusch über den Boden. Mit einer einzigen Bewegung riss er seinen Schild vom Rücken, seine Muskeln spannten sich, als wäre er eine gespannte Feder kurz vor dem Abschuss. Ohne zu zögern stürzte er auf den Drachar zu.


Doch bevor er auch nur einen Schritt tat, stockte seine Bewegung. Dann sackte er einfach in sich zusammen.


Sein großer Körper krachte auf den Tisch, riss Teller und Besteck mit sich. Bierkrüge kippten um, ihr Inhalt ergoss sich wie dunkles Blut über die Holzdielen, während sein lebloser Körper auf dem Tisch liegen blieb.


Alexandra konnte nicht atmen.


„Jevry…?“


Sie wollte auf ihn zurennen, wollte ihn wachrütteln, wollte einfach nur, dass er sich bewegte. Doch noch bevor sie sich auch nur rühren konnte, erklang wieder die nervöse Stimme.


,,Hört mal, ich würde wirklich gerne einfach reden…’’


Die Stimme des Drachars war leise, beinahe vorsichtig, und doch lag darin ein unheilvolles Echo.


Karst riss den Kopf herum, seine Augen brannten vor Wut. „Was hast du mit Jevry gemacht?!“ brüllte er, seine Stimme bebte.


Der Drachar neigte leicht den Kopf, als wäre die Frage überflüssig. „Ich habe ihn getötet.“ Er sagte es ruhig, ohne Dramatik, als hätte er gerade das Wetter beschrieben. Dann zuckte er mit den Schultern. „Ich will mich einfach in Ruhe unterhalten…“


Die Worte trafen Alexandra wie ein Stich ins Herz. So beiläufig. So grausam. Er hatte ihn getötet. Einfach so. Ohne Anstrengung, ohne Zögern, ohne auch nur einen Hauch von Schuld in seiner Stimme.


Betty wimmerte leise, dann erstarrte ihr Gesicht. Ihre feuchten Augen wurden hart, während die Luft um sie herum zu flimmern begann. Ein gleißender Lichtstrahl durchzuckte die Taverne.


Die Magie war so hell, dass Alexandra für einen Moment die Augen schließen musste. Als sie sie wieder öffnete, sah sie, wie ein Pfeil aus purem Licht mit brutaler Wucht in den Drachar krachte. Er wurde von der Wucht des Treffers durch den Raum geschleudert. Seine dunkle Gestalt flog über die Tische hinweg, Stühle splitterten unter seinem Körper, ehe er hart gegen eine der Wände krachte.


Bettys Brust hob und senkte sich schwer, große Tränen rannen über ihre Wangen. „Du hast Jevry getötet…“ Ihre Stimme war erstickt vor Schmerz, doch darunter lag eine Wut, die fast greifbar war. „Bei Kamera, ich werde dich dafür bestrafen!“


Alexandra trat sofort schützend vor sie. Ihr Schwert glitt aus der Scheide, die Klinge glänzte im Licht der Feuerstelle. Sie konnte nicht zulassen, dass er seine verdammte Magie auch auf Betty wirkte.


Karst war ebenfalls bereit. Seine Hände zitterten nicht, als er seinen Pfeil auf den Drachar richtete, der noch immer zwischen den umgestürzten Möbeln lag. 


Doch dann sprach der Drachar erneut mit offensichtlicher Nervosität in der Stimme. „Wie schwer ist es, einfach zu reden?“ 


„Reden?“ Alexandras Atem ging schwer. Sie konnte fühlen, wie ihr Puls in ihren Ohren hämmerte. „Du hast kein Recht, mit uns über Leyla zu reden! Was willst du von ihr?!“


Der Drachar rappelte sich langsam auf. Er klopfte sich den Staub von der Schulter, als hätte Bettys Angriff ihn kaum berührt. Sein Blick war weiterhin ruhig, aber sein Griff spannte sich um etwas in seiner Hand. 


Dann hob er es in die Luft. Ein kleiner, schwarzer Stein. Runen waren auf seine Oberfläche eingraviert, sie leuchteten mit einem unheilvollen Schimmer. Der Drachar hielt ihn mit einer fast nachlässigen Bewegung hoch, während er antwortete: „Ich möchte ihr zuvorkommen.“


Alexandra öffnete den Mund, wollte ihn anschreien – doch dann hörte sie die dumpfen Aufschläge hinter sich. So schwer, so endgültig. Langsam, so als könnte sie durch ein langsameres Drehen das Unvermeidliche aufhalten, wandte sie sich um. Karst und Betty lagen reglos am Boden.


Ihr Herz setzte aus.


„N-nein…“ Sie taumelte zu Betty, sank auf die Knie, drehte ihren Körper auf den Rücken. Das Licht in ihren Augen war erloschen. Keine Bewegung. Kein Atem. Kein Puls. Alexandra wusste es schon, bevor ihre Finger Bettys Hand ergriffen. Sie war tot. 


Ein Schluchzen entkam ihr, ein ersticktes, verzweifeltes Geräusch, das aus der Tiefe ihrer Brust kam. Alle.


Sie waren alle tot.


Innerhalb einer Minute.


Nicht gestorben. Ermordet. Hingerichtet.


Der Schmerz war eine brennende, alles verschlingende Flamme, doch selbst sie wurde übertönt von einer anderen Empfindung. Die Wut. Sie stieg in ihr auf wie eine Welle, überrollte sie, nahm ihr den Atem. Alexandra ballte die Hände zu Fäusten, ihre Finger krallten sich so fest um den Griff ihres Schwertes, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.


Langsam, mit brennendem Hass in den Augen, drehte sie sich zum Drachar um. Ihr Atem war heftig, doch ihr Blick war eiskalt. Sie stand auf, jeden Muskel angespannt, jede Faser ihres Körpers bereit für den Kampf.



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„Ich habe keine Ahnung, was es mit dem Stein auf sich hat…“


Alexandras Stimme war leise, doch sie zitterte nicht. In ihren Worten lag eine Kälte, die nichts mit Furcht zu tun hatte, sondern mit reiner, fokussierter Wut. Sie spürte, wie sich ihre Fingernägel in ihre eigene Haut gruben, als ihre Hände sich um den Griff ihres Schwertes krampften. Jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt, ihr Atem langsam, doch unnatürlich schwer.


„… aber es ist mir auch egal.“


Die Worte brannten in ihrer Kehle wie Gift, und sie meinte es so, wie sie es sagte. Alles um sie herum – die Leichen, der kalte, klebrige Boden unter ihren Füßen, der Geruch von verschüttetem Alkohol, der sich mit dem metallischen Duft von Blut vermischte – wurde unwichtig. Ihr Fokus lag nur noch auf ihm. Auf diesem verfluchten Drachar.


Er hob die Augenbraue, als hätte sie ihn tatsächlich überrascht. Dann schnaubte er amüsiert und zuckte beiläufig mit den Schultern.


„Oh, ist das so?“ Seine Stimme war so ruhig, so unberührt von dem, was er gerade getan hatte. „Dann haben wir das ja geklärt.“


Seine Worte schnitten tiefer als jede Klinge es hätte tun können. Er drehte sich um, als wäre es nichts. Als wäre es ein belangloses Gespräch gewesen. Als wäre nicht die gesamte Taverne voll von den leblosen Körpern derer, die er getötet hatte.


Er wollte einfach gehen.


Die Welt um Alexandra wurde taub. Ihr Atem stockte. Ihre Sicht verschwamm für einen Moment, nicht vor Tränen – nein, sie weinte nicht. Sie konnte nicht weinen. Sie brannte. Alles in ihr brannte.


Dieser Bastard.


Er wollte einfach gehen? Nach allem, was er getan hatte?


Das Blut rauschte in ihren Ohren, ihre Wut verschlang jeden klaren Gedanken, jede Rationalität. Die Kontrolle über ihre eigenen Glieder entglitt ihr. Etwas riss in ihr. Etwas Dunkles, etwas Unaufhaltsames. 


Ein Schrei brach aus ihr hervor, roh, ungeschliffen, aus den tiefsten Tiefen ihres zerrissenen Inneren. „Ich bring dich um!“


Ihre Stimme hallte in der Taverne wider, schneidend, voller ungezügelten Zorns. Sie stürzte vorwärts, ihr Schwert in der Hand. Die Welt zog sich um sie zusammen, existierte nur noch für diesen einen Moment. Ihr Herz schlug wie eine Trommel in ihrer Brust, der Schweiß auf ihrer Haut fühlte sich heiß an. Ihr Ziel war klar. Ihr Körper war bereit. Ihr Schwert würde seine Kehle durchtrennen—


Dann wurde schlagartig alles schwarz.



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Ifrits Blick ruhte auf der Frau, die reglos vor ihm auf dem Boden lag. Die Klerikerin hatte sie Lexy genannt. Ein Name, der jetzt bedeutungslos erschien.


Er hatte seine Informationen erhalten. Oder besser gesagt, sein Verdacht hatte sich bestätigt – sie konnten ihm nicht weiterhelfen. Damit war die Sache für ihn eigentlich erledigt.


Und doch hielt er inne. Der letzte Blick, den Lexy ihm zugeworfen hatte, flackerte in seinem Gedächtnis auf. Keine Angst. Keine Verzweiflung. Nur Wut. Ungezähmte, lodernde Wut. Ein vielversprechender Funke.


Wut war eine Waffe. Wenn sie richtig gelenkt wurde, konnte sie mehr zerstören als jedes Schwert, mehr formen als jede geschliffene Klinge. Wut konnte eine Elfe brechen – oder sie zu etwas Größerem machen.


Ifrit betrachtete den Runenstein in seiner Hand. Den Runenstein von Leben und Tod.


Bisher hatte er ihn nur zum Töten genutzt.


Seine Finger schlossen sich fester um das kalte Gestein, während er nachdachte. Es wäre so leicht, sie liegen zu lassen. Sie hier zurückzulassen, ohne sich weiter um sie zu kümmern.


Aber er tat es nicht. Er richtete seine Gedanken auf Lexy. Er stellte sich vor, wie das Leben in sie zurückkehrte, wie sich ihr Herzschlag erneuerte, wie die kalte Starre wich. Eisige Fesseln schlangen sich um ihren Körper, während sein Zauber wirkte. Sie würde nicht entkommen. Noch nicht.


Dann öffnete sie die Augen. Ein ruckartiger Atemzug. Ihre Brust hob und senkte sich hastig, ihre Finger zuckten, als sie versuchte, sich zu rühren. Doch die magischen Fesseln hielten sie fest.


„Hör mal, Lexy…“ begann Ifrit.


,,NENN MICH NICHT SO!’’


Ein Schrei, roh und voller Abscheu. Ifrit zuckte unwillkürlich zusammen. Warum mussten Leute ihn immer anschreien? Er ignorierte es.


„Ich habe dich zurückgebracht“, sagte er ruhig. „Du könntest eine interessante Person werden.“


Doch Lexy schien seine Worte kaum zu hören. Ihre Brust hob und senkte sich schnell, ihre Augen funkelten vor Wut – dieser wilden, ungezähmten Wut, die ihn so faszinierte.


Er zögerte. War es klug, ihr diesen Weg zu weisen? Er wusste es nicht. Aber er wusste, dass es eine Möglichkeit gab, sie zu etwas Mächtigem zu machen.


„Geh zum Berg der Dämonen, nördlich von Karintes“, sagte er schließlich.


Ob sie dort etwas finden würde, ob sich dort überhaupt etwas für Lexy ändern würde, das wusste Ifrit nicht. Ihn interessierte nur, dass die Möglichkeit bestand.


Er hatte getan, was er tun wollte.


„Ich muss weiter“, fügte er hinzu. „Leb wohl, Lexy.“


Er drehte sich um und ging. Hinter ihm hallten ihre Schreie durch die Taverne, schrill und zornig, doch er blickte nicht zurück.


Draußen erwartete ihn bereits ein gewaltiger Schatten, der hinter einer Scheune lauerte.


Ifrit trat näher, seine Fingerspitzen glitten über die rauen, dunklen Schuppen. Kagendra, seine Drachin. Sie hob den Kopf, ihre Augen funkelten im Dämmerlicht.


„Lass uns weiter“, sagte er leise. „Auf zum Denja-Dschungel.“


Mit einer geschmeidigen Bewegung schwang er sich auf ihren Rücken. Kagendra stieß ein tiefes, grollendes Geräusch aus, dann breitete sie die Flügel aus und erhob sich in den Himmel.

 
 
 

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