Kapitel 160 - Die Kälte des Thrones

Der Winterabend legte einen kühlen Schleier über die Kaiserstadt, als würde die Kälte selbst die Unruhe spüren, die das Kaiserreich erfasst hatte. Leise rieselte der Schnee herab, bedeckte die Dächer mit einer dünnen, weißen Schicht, die Straßen verwandelten sich in ein Mosaik aus Licht und Schatten, als die Laternen flackernd gegen die Nacht ankämpften.
In der Bibliothek des Kaiserpalastes saß Kaiser Verion III. in einem schweren, dunklen Ledersessel, das Licht der Kerzen warf lange Schatten auf die mit Büchern gesäumten Wände. In seinen Händen hielt er ein graues Buch, abgegriffen an den Kanten, die Seiten leicht vergilbt: „Farnfall und Karthur“, eine Romanze eines Garnischen Poeten. Es war das dritte Mal, dass er es las, doch heute waren seine Gedanken weit entfernt von den tragischen Liebenden der Geschichte.
Die Tür öffnete sich lautlos.
Yang trat ein. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, ihr Schritt so leise, dass es schien, als sei sie aus dem Schatten selbst geformt. Sie trug wie gewohnt ein weißes Kleid, das einen beinahe übernatürlichen Kontrast zu ihrer tiefdunklen Haut bildete. Ihre Augen, kalt und berechnend, musterten den Kaiser, als wüssten sie längst, was ihn beschäftigte.
Verion sprach, ohne den Blick von den Seiten seines Buches zu heben. „Wie lief die Versammlung?“
„Wie erwartet“, erwiderte Yang teilnahmslos. „Es gab keine besonderen Vorkommnisse.“
Der Kaiser seufzte leise, klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch neben sich. Seine Finger fuhren durch sein goldenes Haar, während er sich leicht nach vorne lehnte. „Das ist gut. Bitte behalte die junge Aldobrandini im Auge.“
Yang nickte nur. Keine Worte waren nötig.
Sie ließ sich ihm gegenüber nieder, griff nach einer Karaffe mit rubinrotem Wein und schenkte sich lautlos ein Glas ein. Ihre Finger umschlossen den Kelch mit derselben Präzision, mit der sie eine Waffe führen würde.
„Wie möchtest du das Problem im Grünwald angehen?“ fragte sie dann, während sie den Rand des Glases an ihre Lippen führte.
Verion richtete seinen Blick auf das hohe Fenster der Bibliothek. Die grauen Wolken hingen tief, als hätte der Himmel selbst das Gewicht seiner Gedanken übernommen. Der Schnee fiel langsam, träge, ein Schauspiel, das im Kontrast zu den Ereignissen im Kaiserreich stand.
„Wir werden eine kleine Armee losschicken, um den Wald zu durchkämmen“, entschied er schließlich. „Ich werde Cornelius beauftragen, sie selbst anzuführen.“
Sein zweitgeborener Sohn, Kronprinz Cornelius, war der oberste General der Kaiserlichen Armee, der Oberbefehlshaber des Reichs. Ein Mann, der für seine Unnachgiebigkeit ebenso bekannt war wie für seine strategische Brillanz. Er war der verlässlichste seiner Söhne – allerdings war er auch erbarmungslos. Empathie war ihm fremd, Zurückhaltung kein Teil seines Wesens. Doch wenn es um die Sicherheit des Kaiserreichs ging, war er von seinen Kindern der, dem Verion am meisten vertraute.
Nach einem Moment der Stille sprach er weiter. „Mit wem hast du Leyla gepaart?“
„Mit Nea“, antwortete Yang sofort.
Verion nickte leicht, ein seltenes Lächeln spielte um seine Lippen. „Gut. Die beiden sollen meinen Sohn begleiten. Leyla soll beweisen, dass sie den Diplomatenorden verdient hat.“
Wieder nickte Yang. Ihre Augen ruhten auf ihm, durchdringend, wachsam. Sie analysierte ihn, wie sie es immer tat, suchte nach Nuancen in seinen Worten, nach verborgenen Motiven, die er ihr vielleicht bewusst nicht offenlegte.
Dann stellte er die Frage, die an seinen Gedanken nagte.
„Gibt es Neuigkeiten von Varon?“
Ein kurzes Schweigen.
Dann sprach Yang, ihre Stimme unverändert ruhig.
,,Es scheint, als hätte er sich den Rebellen angeschlossen.’’
Verion presste die Lippen zusammen, seine Finger schlossen sich fester um die Armlehnen seines Sessels. Es war ein Fehler gewesen, ihn aus der Verbannung zu holen. Er hatte gedacht, dass Varon, der mächtige Nekromant, in seinem Dienst eine unschätzbare Waffe sein könnte. Doch stattdessen hatte er sich gegen ihn gewandt. Randurin, das ohnehin schon ein gewaltiges Problem war, würde nun noch schwieriger zurückzuerobern sein.
Seine Optionen schwanden. Er würde entweder Hypos oder Aragi beauftragen, die Stadt für ihn zurückzuholen. Beide waren fähig, jeder auf seine Weise ein Genie. Doch keinem von beiden vertraute er.
Schließlich sprach er, seine Stimme wieder ruhig, doch mit einem Hauch von Enttäuschung. „Ich verstehe. Ich überlege mir etwas.“
Er griff nach einem Zettel auf dem Tisch, ließ seine Gedanken für einen Moment in den endlosen politischen Schachzügen versinken.
Draußen fiel der Schnee weiter. Still, unaufhaltsam.
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Verion ließ seinen Blick über die Liste seiner Söhne gleiten, die vor ihm auf dem schweren Mahagonitisch lag. Jeden Monat wurde sie neu geschrieben, angepasst an Erfolge, Misserfolge und die unausweichlichen politischen Manöver. Zahlen und Namen – mehr waren seine Söhne in diesem Spiel nicht. Das Prinzenspiel hatte bereits das Leben von Kronprinz Eugenius gefordert. Und bald würde es wieder einen treffen.
Sein Blick verharrte auf einem Namen. Sebastian.
Der vierte Sohn hatte versagt. Er hatte eigenmächtig gehandelt, war nach Randurin aufgebrochen – und hatte sich dort gefangen nehmen lassen. Eine Torheit, die ein unverzeihliches Zeichen von Schwäche war. Ein Prinz, der sich so leicht von Feinden einsperren ließ, war kein Prinz, der den Thron besteigen konnte. Und nach den Regeln des Prinzenspiels bedeutete das nur eines: Er würde verbannt werden.
Jedes Jahr wurde ein Prinz verbannt, derjenige, der in der Rangliste am schlechtesten abschnitt oder der durch eigenes Versagen seine Position verspielte. Manche überlebten im Exil, manche nicht. Doch Verion konnte es sich nicht leisten, Mitleid zu haben. Wer nicht stark genug war, musste gehen. Es ging nicht anders.
Sein Blick wanderte zur Spitze der Liste. Hypos.
Sein fünftgeborener Sohn führte das Spiel an, mit über zweitausend Punkten. Der wahnsinnige Prinz. Er war ein Genie, jedoch keins, dass er an der Spitze des Kaiserreichs sehen wollte.
Direkt hinter ihm lag Cornelius, der zweitgeborene, mit knapp tausendfünfhundert Punkten. Ein General durch und durch. Er war ein Mann, der Dinge mit seinen eigenen Händen erledigte, der sich auf das Schlachtfeld stürzte, statt aus der Ferne Befehle zu geben. Ein Anführer, der von seinen Soldaten gefürchtet und respektiert wurde.
Dann kam Tavil. Der sechstgeborene. Tausendvierhundertunddrei Punkte. Klug, diplomatisch, ein Denker – aber es fehlte ihm an der Entschlossenheit, die seine Brüder auszeichnete. Er wäre ein hervorragender Berater geworden, vielleicht ein Minister. Doch ein Kaiser?
Und dann waren da Ludwig und Geroius, mit jeweils knapp achthundert Punkten. Geroius, sein ältester Sohn, der einst so vielversprechend gewesen war, hatte in den letzten Jahren an Einfluss verloren. Ludwig hingegen war zu jung, zu unerfahren. Noch spielte er kaum eine Rolle im Prinzenspiel.
Verion seufzte und legte den Zettel zur Seite. Wenn Hypos weiterhin an der Spitze blieb, würde er gewinnen. Er würde Thronfolger werden. Doch der Kaiser wusste, dass der Weg zur Krone nie so einfach war, wie es auf dem Papier erschien. Hypos war mächtig und schlau, aber sein Wahnsinn konnte gut sein Untergang sein. Oder der des Kaiserreichs.
Er hob den Blick zu Yang, die schweigend vor ihm saß. Ihr Gesicht verriet nichts, aber er wusste, dass sie noch immer jedes Wort, jede Bewegung genau beobachtete.
„Gibt es sonst noch wichtige Neuigkeiten?“ fragte er.
Yang nickte leicht. „Wir haben einen Hilferuf vom Dracharenkönigreich Drakia erhalten. Eine junge Kriegerin wütet dort, der Rat ist geschwächt, das Land droht zu zerfallen.“
Verion ließ die Information auf sich wirken. Drakia, das stolze Dracharenkönigreich im Osten von Garnime, war ein langjähriger Verbündeter des Kaiserreichs. Der Hilferuf war nicht nur ein Zeichen des Vertrauens – er war auch ein Zeichen der Verzweiflung.
„Lass ihnen eintausend Soldaten und hundert Goldene Löwen zukommen“, entschied er nach kurzem Überlegen. „Nicht mehr. Wir können es uns nicht leisten, mit eigenen Problemen im Rücken eine größere Streitmacht zu schicken.“
Yang nickte, ohne eine Miene zu verziehen. Diese Geste war nur symbolisch. Ein Signal, dass das Kaiserreich seine Verbündeten nicht vergaß – aber auch, dass Drakia auf sich selbst gestellt bleiben musste.
Ein Moment verging in stillem, dann fragte Verion: „Wie läuft es auf den Tabakinseln?“
„Die Region ist befriedet“, sagte Yang knapp. „General van Trey hat bestätigt, dass sie nun in ein Herzogtum umgewandelt werden kann.“
Endlich eine gute Nachricht. Die Tabakinseln hatte er als einen Unruheherd erwartet. Piraten, Schmuggler, aufständische Clans – doch diese Probleme schienen gelöst. Die Frage war nur: Wer sollte über die neu gewonnene Region herrschen?
Verion lehnte sich nachdenklich zurück.
Aragi? Zu ehrgeizig. Er würde nach der Krone greifen, wenn er die Gelegenheit bekäme.
Die Aldobrandinis? Zu reich. Sie würden die Inseln nur für ihren eigenen Handel nutzen und das Kaiserreich vergessen.
Die von Chibars? Oder doch die di Lorenzos? Jede Wahl hatte ihre Konsequenzen. Und Verion wollte sich sicher sein, dass er die richtige traf.
Doch diese Entscheidung konnte noch warten.
Langsam stand er auf, strich sich das Gewand glatt und trat zur Tür. Seine Gedanken waren bereits bei den nächsten Herausforderungen, die vor ihm lagen. Yang folgte ihm wortlos, ihre Präsenz ebenso selbstverständlich wie die seines eigenem Schattens.
Gemeinsam verließen sie die Bibliothek.
Draußen fiel der Schnee weiter – langsam, lautlos.



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