Kapitel 161 - Ein Tag in der Kaiserstadt
- empirewebnovel
- 17. März 2025
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Die Kaiserstadt pulsierte vor Leben, als Leyla durch die Straßen schlenderte. Trotz der kühlen Winterluft war der Marktplatz gefüllt mit geschäftigem Treiben. Gold klimperte in den Händen der Händler, die in den zahlreichen Läden mit ihren Waren handelten. Der Duft von süßem Gebäck hing in der Luft, vermischt mit dem herben Aroma der Kohlebecken, die hier und da aufgestellt waren, um die Passanten zu wärmen.
Auf einem kleinen Platz hatte sich eine Menge versammelt. Ein Eismagier führte seine Künste vor, ließ schimmernde Kristalle tanzen, die sich in der Sonne brachen und Regenbogenfarben auf die Umstehenden warfen. Kinder lachten, als er aus purem Eis einen majestätischen Phönix formte, dessen Flügel sich sanft bewegten, als könnte er jeden Moment davonfliegen.
Leyla genoss diesen seltenen Moment der Ruhe. Ihr Leben bestand aus stetigem Kampf, doch heute konnte sie sich für einige Stunden treiben lassen, bevor sie und Nea ihren neuen Auftrag erhielten. Noch wusste sie nicht, wohin es sie diesmal führen würde – aber eine Befürchtung nagte an ihr.
Liam.
Wenn sie ihm begegnete, würde sie dann bereit sein? Ihre Gefühle für ihn waren längst erloschen, aber das bedeutete nicht, dass sie ihm mit kaltem Hass begegnen konnte. Töten sollte einfach sein – ein Auftrag, eine Mission, ein sauberer Schnitt. Doch mit ihm war es anders. Sie wollte sich diesem Kapitel nicht erneut stellen, wollte es nicht wieder aufschlagen. Sie wollte sich nicht noch einmal mit den Toden von Roxy und Fer beschäftigen. Wollte nicht die Gleichgültigkeit spüren, die sie immer empfand, wenn sie über Vergangenes nachdachte.
Ihr erstes Ziel war der Laden mit der Kaiserkrone. Sie hatte ihn nach ihrer letzten Anhörung im Kaiserpalast bemerkt und wusste, dass sie hier finden würde, wonach sie suchte: ein Artefakt für Eroica. Etwas, das ihrer engsten Vertrauten wirklich helfen konnte. Eroica war mehr als nur eine Dienerin, sie war ihre Freundin – eine der wenigen, denen Leyla vertraute.
Als sie an einem der größeren Plätze vorbeikam, bemerkte sie eine weitere Menschentraube. Neugierig hielt sie inne. Mit einer beiläufigen Bewegung ließ sie eine kleine Steinsäule unter sich aus dem Boden wachsen, um eine bessere Sicht zu haben. Einige der Umstehenden drehten sich erschrocken zu ihr um, doch als sie sie erkannten, wandten sie hastig den Blick ab.
Die Kaiserlichen Kopfgeldjäger waren in der Stadt bekannt – und gefürchtet.
Leyla ignorierte die Reaktionen und ließ ihren Blick über das Geschehen schweifen.
Eine Hinrichtung.
Ein Mann lag mit dem Kopf auf einem hölzernen Podest, sein nackter Oberkörper von der winterlichen Kälte gezeichnet. Seine blonden Haare waren zerzaust, und seine geschlossenen Augen verrieten, dass er wusste, was ihm bevorstand.
Vor ihm stand der Henker, ein hochgewachsener Krieger in der goldenen Rüstung der Goldenen Löwen. Sein großes Schwert blitzte im Sonnenlicht auf, als wäre es selbst eine Quelle des Lichts.
„Vinc Glitt“, verkündete er mit donnernder Stimme. „Hiermit wirst du für das Massaker von Shakaglam zum Tode verurteilt. Wenn du letzte Worte sprechen willst, dann tu dies jetzt.“
Leyla hatte den Namen des Ortes schon einmal gehört, konnte ihn allerdings nur grob dem Herzogtum Karintes zuordnen. Sie beobachtete still, wie der Mann seine Augen öffnete. In ihnen lag Verzweiflung, Panik – und eine Spur Hoffnung.
„Ich habe niemanden getötet…“ flüsterte er. Seine Stimme war schwach, beinahe erstickt von der Erwartung seines bevorstehenden Endes. Dann wanderte sein Blick durch die Menge – bis er an ihr hängen blieb.
Seine Augen weiteten sich. „Edle Miss Leyla, bitte stoppt meine unrechtmäßige Hinrichtung!“
Seine Worte hallten über den Platz, rissen eine Sekunde lang die Stille auf. Leyla blieb ausdruckslos. Warum bat er sie um Hilfe? Warum sollte sie sich für ihn einsetzen? Sie kannte ihn nicht. Und selbst wenn – sein Schicksal war nicht ihr Problem.
Der Henker schnaubte verächtlich. „Du wagst es, eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin um Hilfe zu bitten?“ Seine Stimme klang ebenso belustigt wie entrüstet. Dann hob er sein Schwert.
Ein schneller, präziser Schnitt.
Der Kopf des Mannes fiel in einen bereitgestellten Korb. Blut sickerte durch die Holzplanken des Podests, tropfte in den Schnee darunter und färbte ihn tiefrot. Die Menge johlte, als hätte sie soeben ein Schauspiel genossen.
Leyla ließ die Steinsäule verschwinden und drehte sich um. Sie wusste nicht, ob der Mann die Wahrheit gesagt hatte oder ob sein Tod verdient gewesen war. Aber es spielte keine Rolle. Früher hätte sie sich gefragt, ob sie hätte eingreifen sollen. Früher hätte sie gezögert, vielleicht hätte sie den Prozess hinterfragt.
Aber mittlerweile nicht mehr.
Der Tod war ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden. Sie hatte gelernt, ihn zu akzeptieren – und ihn zu bringen, wenn es nötig war.
Ohne einen Blick zurück verließ sie den Platz und setzte ihren Weg fort. Nach kurzer Zeit erreichte sie den Laden, den sie gesucht hatte. Über dem Eingang hing ein dunkles Holzschild mit kunstvoll geschnitzten Buchstaben:
,,Artefakte, die das Reich verändern.’’
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Leyla trat über die Schwelle des Ladens, und augenblicklich umfing sie eine Atmosphäre, die sowohl einladend als auch voller Rätsel war. Ein sanftes, goldenes Licht erfüllte den Raum, warf flackernde Schatten auf die Regale, in denen unzählige Artefakte aufgereiht standen. Der Duft von Pergament, altem Holz und einem Hauch Magie lag in der Luft. Trotz der ruhigen Stimmung herrschte hier geschäftiges Treiben – Angestellte erklärten Kunden die Feinheiten magischer Gegenstände, ein junger Lehrling räumte sorgfältig glitzernde Phiolen in ein Regal, während in einer Ecke ein Mann mit einem in sich leuchtenden Kompass experimentierte.
Leyla ließ ihren Blick schweifen, ihre Neugier geweckt von den unzähligen Möglichkeiten, die dieser Ort verbarg. Doch bevor sie sich in den verwinkelten Gängen verlieren konnte, trat ein alter Mann aus den Schatten eines hohen Bücherregals hervor.
Er bewegte sich mit einer Gelassenheit, die von Erfahrung sprach. Sein schwarzes Haar war von grauen Strähnen durchzogen, und seine Augen wirkten freundlich – doch Leyla erkannte sofort den wachsamen Blick eines Mannes, der viel gesehen hatte und nichts dem Zufall überließ.
„Edle Miss Leyla“, begrüßte er sie mit einer respektvollen Verbeugung. „Was für eine Freude, Euch hier willkommen zu heißen. Wie kann ich Euch behilflich sein?“
Leyla überlegte einen Moment, ob sie ihn abwimmeln sollte. Sie hatte geplant, selbst nach einem passenden Artefakt zu suchen, doch vielleicht konnte er ihr die Suche erleichtern. „Ich suche etwas für meine Dienerin“, sagte sie schließlich. „Sie liebt Bücher und verbringt viel Zeit mit dem Studium alter Schriften. Gibt es Artefakte, die ihr dabei helfen könnten?“
Der alte Mann nickte nachdenklich, während ein wissendes Lächeln seine Lippen umspielte. „In der Tat, ich glaube, ich habe genau das Richtige für Euch. Bitte folgt mir.“
Er führte sie durch die verschiedenen Abteilungen des Ladens, vorbei an Regalen voller verzauberter Waffen, schimmernder Kristalle und rätselhafter Artefakte. Hier und da vernahm sie das sanfte Summen aktiver Magie, spürte die Resonanz mächtiger Gegenstände, die Geschichten von vergangenen Epochen in sich trugen.
Schließlich erreichten sie einen Bereich, der sich auf magische Alltagsgegenstände spezialisiert hatte. Die Atmosphäre hier war weniger überwältigend als in den vorherigen Räumen – fast behaglich. Ein Ort, an dem Magie nicht für den Kampf oder die Macht, sondern für Wissen und Komfort genutzt wurde.
„Ich habe zwei Artefakte im Angebot, die für Eure Dienerin von großem Nutzen sein könnten“, begann der Händler und nahm ein Buch aus dem Regal. „Dies hier ist ein Memorarium.“ Er öffnete es vorsichtig und drehte es so, dass Leyla einen Blick auf das Innere werfen konnte. Die Seiten waren leer – aber sie wirkten nicht wie gewöhnliches Papier. Ein sanftes, silbriges Leuchten pulsierte darin, als ob sie in Bewegung wären.
„Wenn man sein Mana mit diesem Artefakt verbindet, speichert es jedes Buch, das man liest, direkt in sich. Die Informationen können dann jederzeit wieder abgerufen werden – als hätte man die gesamte Bibliothek stets bei sich.“
Leyla betrachtete das Buch mit einem Funken Interesse. Eine Sammlung allen Wissens in einer einzigen Quelle. Eroica würde es lieben – doch sie wollte auch die zweite Option hören.
„Und das andere Artefakt?“ fragte sie.
Der Händler ging zu einem Schrank, dessen Oberfläche mit feinen Runen verziert war. Er öffnete ihn mit einer sanften Bewegung und nahm eine kleine goldene Figur heraus. Sie war in Form eines Phönix gefertigt, so filigran gearbeitet, dass ihre Flügel trotz des schweren Metalls fast durchsichtig wirkten.
Er legte sie Leyla vorsichtig in die Hände. Die Figur war warm, als hätte sie ihr eigenes Leben.
„Das hier ist Philox, der Goldphönix“, erklärte der Händler mit einer Stimme, die einen Hauch von Ehrfurcht enthielt. „Er wurde einst von Gheng Chu höchstpersönlich geschaffen. Wenn man sich in einer Bibliothek befindet, muss man ihn nur mit etwas Mana speisen und ihm sagen, nach welchen Informationen man sucht – und er wird sich auf die Suche machen. Selbst in den chaotischsten Archiven wird er Euch das Gesuchte bringen.“
Leyla betrachtete das Artefakt genauer. Die feinen Linien des Schnabels, die winzigen Gravuren auf den Flügeln – Philox war nicht nur ein magisches Hilfsmittel, sondern ein Kunstwerk. Die Energie, die von ihm ausging, war ruhig und geordnet, anders als das lebhafte Pulsieren des Memorariums.
„Er ist wunderschön“, murmelte sie.
„Er hat viele Generationen überdauert“, sagte der Händler leise. „Er hat unzähligen Gelehrten und Herrschern gedient. Und er hat niemals versagt.“
Leyla ließ sich Zeit mit ihrer Entscheidung. Beide Artefakte waren nützlich, beide würden Eroica eine große Hilfe sein. Doch sie wollte sicher sein, das Richtige zu wählen.
„Ich würde gerne in Ruhe darüber nachdenken“, sagte sie schließlich.
Der Händler verbeugte sich erneut. „Natürlich. Wenn Ihr etwas braucht, lasst es mich wissen, Edle Miss Leyla.“
Mit diesen Worten zog er sich zurück, verschwand lautlos zwischen den Regalen und ließ Leyla mit ihren Gedanken allein. Sie hielt Philox noch immer in der Hand, spürte sein Gewicht, die feine Magie, die ihn umgab. Ihr Blick wanderte zum Memorarium, das ruhig auf dem Tisch lag, als würde es geduldig darauf warten, dass sie ihre Wahl traf.
Zwei Artefakte.
Leyla atmete langsam aus und ließ ihren Blick über die Regale schweifen.
Was würde sie wählen?
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Leyla stand zwischen den Regalen des Artefaktladens, während ihre Gedanken um Eroica kreisten. Sie kannte ihre Freundin gut genug, um zu wissen, dass sie mit jedem der Artefakte glücklich sein würde – doch welches passte am besten zu ihr?
Das Memorarium würde es ihr ermöglichen, jedes gelesene Buch in sich aufzunehmen und nach Belieben wieder abzurufen. Eroica besaß bereits ein außergewöhnliches Gedächtnis, aber sie las Bücher nicht nur einmal – sie tauchte immer wieder in sie ein, entdeckte neue Details, analysierte Texte und genoss es, verschiedene Blickwinkel einzunehmen. Mit dem Memorarium könnte sie all diese Werke jederzeit bei sich tragen.
Andererseits war Philox eine flexible und praktische Lösung. Eroica liebte es, in Bibliotheken zu stöbern, das Gefühl von alten Büchern in den Händen zu halten, sich von den Reihen an Regalen inspirieren zu lassen. Der Goldphönix würde ihr die Suche erleichtern, aber nicht ersetzen. Wenn es um gezielte Recherchen ging, wäre er unschätzbar wertvoll. Doch Leyla fragte sich, ob er nicht genau das nehmen würde, was Eroica so sehr an Bibliotheken liebte – das zufällige Entdecken, das Finden von unerwarteten Schätzen zwischen den Seiten.
Leyla runzelte die Stirn. Sie mochte es nicht, wenn Entscheidungen ihr zu einfach gemacht wurden – doch hier schien es fast zu schwer.
Dann fiel ihr Blick auf eine Glasvitrine neben einem der Regale. Zwischen magischen Federn und selbsterwärmenden Tintenfässern lag ein weiteres Artefakt – eine silberne Brille mit klaren, feinen Gläsern.
Neugierig nahm sie sie heraus. Kaum hatte sie sie in der Hand, spürte sie eine sanfte, gleichmäßige Magie von ihr ausgehen. Sie war anders als die anderen Artefakte – weniger auffällig, weniger direkt mächtig, aber dennoch spürbar von Wert.
Leyla trat zu einem der Mitarbeiter, einem jungen Elfen mit feinen Gesichtszügen und schulterlangen blonden Haaren. Er wirkte unsicher, als er sie erkannte, und stand etwas zu hastig aufrecht.
„Was genau ist das für ein Artefakt?“ fragte Leyla, während sie die Brille prüfend betrachtete.
Der Elf schien einen Moment zu brauchen, um sich zu fassen, bevor er antwortete: „D-Das ist die Brille des Schriftstellers, Edle Miss Leyla. Sie erlaubt es, die Gedanken eines Autors während des Schreibens zu erkennen. Außerdem kann sie das exakte Datum bestimmen, an dem ein Buch verfasst wurde.“
Leylas Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln.
Das war es.
Das war das Artefakt, das Eroica wirklich brauchen konnte. Es würde ihre Arbeit ergänzen, nicht ersetzen. Es nahm ihr nicht die Freude an Büchern oder das Erforschen von Texten – im Gegenteil, es würde ihre Welt um eine neue Perspektive erweitern. Sie könnte verstehen, was ein Autor in dem Moment gedacht hatte, als die Worte aufs Papier kamen. Sie würde Nuancen entdecken, versteckte Bedeutungen, Emotionen zwischen den Zeilen.
Es war perfekt.
Leyla nickte zufrieden. „Danke“, sagte sie schlicht, und der Elf schien erleichtert, dass sie seine Erklärung akzeptiert hatte.
Sie trat zum Tresen, wo der ältere Mann bereits auf sie wartete. „Ich nehme diese Brille“, sagte sie und legte das Artefakt behutsam auf den dunklen Holztresen.
Der Mann musterte sie mit einem wissenden Blick, bevor er respektvoll nickte. „Eine ausgezeichnete Wahl, Edle Miss Leyla. Möchten Sie eine Schatulle dazu?“
„Ja, bitte.“
Er verschwand für einen Moment hinter den Regalen und kehrte mit einer kunstvoll gearbeiteten Holzkiste zurück. Sie war mit feinen Gravuren verziert, wirkte edel, aber nicht überladen. Er legte die Brille vorsichtig hinein, schloss den Deckel und reichte sie Leyla mit einer erneuten Verbeugung.
„Ich bin sicher, das Geschenk wird große Freude bereiten.“
Leyla nahm die Schatulle entgegen, ihr Griff fest, aber nicht hastig. „Danke.“
Mit ruhigen Schritten verließ sie den Laden. Draußen schien die Sonne noch immer hell, der Schnee auf den Dächern glitzerte im Licht, als hätte jemand Diamanten über die Stadt gestreut. Der Tag war ungewöhnlich mild für den Winter, doch Leyla achtete kaum darauf.
Während sie durch die Straßen schlenderte, dachte sie an Eroicas Reaktion. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen.
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Leyla betrat die gewaltige Leopoldbrücke, die sich mit beeindruckender Eleganz über den Goldenen Fluss spannte. Der eisige Wind wehte über das Pflaster, trug den Geruch des Wassers mit sich und ließ die tiefen Schatten der Häuser auf der Brücke unruhig flackern. Es war ein Bauwerk, das sowohl durch seine schiere Größe als auch durch seine historische Bedeutung beeindruckte. Auf ihr hatten sich über die Jahrzehnte ganze Straßenzüge entwickelt, mit schmalen Gassen, Geschäften und belebten Marktständen, die trotz der Kälte Kundschaft anlockten.
In ihrer Mitte erhob sich eine kolossale Statue aus dunklem Stein: Jericho von Lautern, der legendäre Heerführer, der die Schlacht der Larifen für das Kaiserreich entschieden hatte. Sein Gesicht war streng, der Blick auf die Stadt gerichtet, als würde er sie auch nach seinem Tod noch bewachen. Die gewaltige Klinge, die er in den Himmel reckte, schien mit einer unsichtbaren Macht aufgeladen zu sein, eine Mahnung an all jene, die gegen das Reich aufbegehrten.
Leyla schenkte der Statue nur einen kurzen, beinahe gleichgültigen Blick. Geschichte mochte für Gelehrte und Schreiber von Bedeutung sein – jetzt gerade war sie für Leyla nicht wichtig. Heute hatte sie keine Zeit, sich mit längst vergangenen Schlachten zu beschäftigen.
Ihr Ziel lag vor ihr.
Leopoldbrücke 66.
Die Adresse hatte sie von Hypos erhalten. Eine willkürliche Laune des wahnsinnigen Prinzen oder ein bewusstes Rätsel? Sie wusste es nicht. Was sie jedoch wusste, war, dass sie sich auf alles gefasst machen musste. Als sie schließlich vor dem unscheinbaren Gebäude stand, das kaum zu den belebten Läden und Gasthäusern ringsum passte, runzelte sie die Stirn.
Es war ein Waffenladen – doch keiner, der das Vertrauen eines erfahrenen Kriegers verdiente.
Die Fenster waren trüb, als hätte seit Jahren niemand die Mühe aufgebracht, sie zu reinigen. Das Holzschild über der Tür war so verwittert, dass die ursprüngliche Gravur kaum noch zu erkennen war. Ein leises Quietschen begleitete Leylas Bewegung, als sie die Tür aufstieß.
Der Geruch von Rost und altem Leder schlug ihr entgegen, durchmischt mit der feuchten, abgestandenen Luft eines Ortes, der seit langer Zeit nicht mehr richtig gelüftet worden war. Die Wände waren gesäumt von Waffen, doch keiner der ausgestellten Gegenstände war in gutem Zustand. Die Klingen waren stumpf oder von Rost überzogen, die Griffe speckig, die Rüstungen verbeult. Nichts an diesem Ort sprach von Qualität oder Sorgfalt.
Hinter der Theke stand ein älterer Mann mit langem, weißem Bart, sein Gesicht gezeichnet von einem verschmitzten Ausdruck, der zwischen Berechnung und Belustigung schwankte.
„Edle Miss Leyla“, begrüßte er sie mit einer Verbeugung, die eher spöttisch als respektvoll wirkte. Seine dunklen Augen blitzten amüsiert. „Was führt Euch in meinen bescheidenen Laden? Ich hätte nicht gedacht, dass eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin sich für mein Angebot interessieren würde.“
Leyla erwiderte seinen Blick kühl. „Mir wurde dieser Laden empfohlen.“
Sie ließ den Blick durch das Geschäft wandern, ihr Urteil über die minderwertigen Waren weiter festigend. „Ich zweifle aber gerade daran, ob diese Empfehlung ernst gemeint war.“
Hypos war für seine Spielereien bekannt. Es war gut möglich, dass er sie ohne jeden Grund hierher geschickt hatte, nur um zu sehen, was sie tun würde. Vielleicht war es ein Test, vielleicht war es bloße Langeweile.
Gerade als sie sich umdrehen wollte, um zu gehen, fiel ihr Blick auf ein Schwert im hinteren Teil des Ladens.
Es hing an der Wand eines abgetrennten Bereichs, halb verdeckt von einem schweren, dunklen Vorhang. Es unterschied sich von den anderen Waffen. Während alles in diesem Laden schäbig und abgenutzt wirkte, hatte dieses Schwert eine eigenartige Ausstrahlung. Es war tiefschwarz, als würde es das Licht um sich herum schlucken. Ein Gefühl, das sie nicht erklären konnte, zog sie zu ihm hin.
„Was ist das für ein Schwert?“ fragte sie, ohne den Blick davon abzuwenden.
Der alte Mann zuckte zusammen, als hätte er gehofft, sie würde es nicht bemerken.
„Das…“ Er stockte kurz, seine Stimme wurde leiser. „Das ist das Schwert von Zcepes.“
Sein Tonfall war nicht mehr spöttisch.
„Zcepes? Der Vampir?“
Leyla hatte in einem der Bücher, die Eroica ihr zum Thema Vampire gegeben hatte, von ihm gelesen.
Der Händler nickte, sein Blick huschte nervös zur Waffe.
„Laut meinem Großvater gehörte es ihm. Die Legenden sagen, dass sein Blut damit verschmolzen ist… und dass es seinen letzten Besitzer verändert hat.“
Leyla trat einen Schritt näher, doch bevor sie sich dem Vorhang nähern konnte, bewegte sich der Händler hastig in ihren Weg.
„Das sind meine privaten Räume“, sagte er mit gespielter Höflichkeit, doch seine Stimme war angespannt. „Ich fürchte, ich kann Euch nicht erlauben, einzutreten.“
Sie musterte ihn kühl. Es war selten, dass jemand wagte, sich ihr in den Weg zu stellen. Nea hätte ihn sofort für diese Dreistigkeit getötet.
„Gut.“ Sie lächelte leicht. „Ich habe auch nicht vor, in dein Schlafgemach zu stolpern.“
Der Mann schien sich für einen Moment zu entspannen, atmete sogar erleichtert aus – doch seine Miene gefror, als Leyla weitersprach.
„Bring mir das Schwert.“
Für einen Moment herrschte Stille. Der Händler schien zu überlegen, ob er protestieren sollte. Seine Hände zitterten leicht, seine Schultern versteiften sich. Doch schließlich drehte er sich wortlos um und verschwand hinter den Vorhang.
Leyla hörte das Kratzen von Metall über Holz. Ein leises Murmeln. Dann trat der Mann zurück und hielt ihr das Schwert entgegen.
In dem Moment, als Leyla ihre Finger um den Griff schloss, spürte sie es. Eine seltsame Wärme kroch durch ihre Handfläche, kroch ihren Arm hinauf. Nicht wie bei den Runensteinen, nicht so überwältigend – aber da. Eine pulsierende Energie, die sich fast wie ein leises Flüstern anfühlte.
Das Schwert war schwer, aber nicht unhandlich. Es lag so gut in ihrer Hand, als wäre es für sie gemacht.
Sie hob den Blick. Der Händler wirkte blass, sein Blick haftete auf ihren Händen.
„Ich nehme es mit,“ sagte sie schlicht. „Danke für deine Hilfsbereitschaft.“
Er murmelte eine schwache Entgegnung, doch sie hörte nicht mehr zu. Sie hörte nur das Gefühl in ihr, das danach schrie, dieses Schwert zu behalten. Ohne ein weiteres Wort verließ sie den Laden.
Die Kälte der Kaiserstadt umfing sie wieder, doch diesmal fühlte sie sich anders an. Vor ihr erstreckte sich die Leopoldbrücke, belebter als zuvor, doch ihre Gedanken waren bereits woanders. Jericho von Lauterns Statue ragte über ihr auf, der Blick des steinernen Generals schien auf sie gerichtet zu sein.



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