Kapitel 162 - Kronprinz Cornelius
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- 18. März 2025
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Cornelius wurde als zweiter Enkel von Kaiser Tavil IV in die mächtige Familie der Algavia geboren – die Dynastie, die das Kaiserreich seit Generationen regierte. Von Kindesbeinen an zeigte sich, dass aus diesem Prinzen mehr werden würde als nur ein weiterer Adliger mit Titeln und Einfluss. In ihm schlummerte das Potenzial eines Anführers, eines Taktikers, eines Mannes, der Armeen befehligen und Schlachten gewinnen würde.
Schon früh offenbarte sich sein außergewöhnlicher Verstand. Besonders in strategischen Spielen wie dem Kaiserduell, das für seine Komplexität berüchtigt war, glänzte Cornelius. Während andere Kinder noch die Grundlagen lernten, fegte er bereits seine Gegner vom Spielfeld. Es spielte keine Rolle, ob er gegen unerfahrene Kameraden, seinen Vater Kronprinz Verion oder gar die besten Spieler der Akademie antrat – er gewann immer. Seine Fähigkeit, Züge im Voraus zu berechnen, Fallen zu legen und Gegner in ausweglose Situationen zu manövrieren, war beispiellos. Doch für Cornelius waren Spiele nur ein Vorgeschmack.
Er wollte mehr als Schachfiguren auf einem Brett bewegen.
Er wollte Armeen befehligen.
Er wollte echte Schlachten schlagen.
An der Kaiserlichen Akademie erzielte er durchweg gute, aber nicht herausragende Leistungen – zumindest nicht auf den ersten Blick. Er war kein Schüler, der durch reines Wissen glänzte, sondern einer, der Verständnis für Strukturen und Mechanismen besaß. Er verbrachte unzählige Stunden in den Bibliotheken, vertiefte sich in Militärgeschichte, sezierte berühmte Feldzüge, analysierte die Fehler großer Heerführer und studierte, wie man Kriege nicht nur gewann, sondern entschied. Sein Ziel formte sich immer deutlicher: Er wollte der größte General seiner Zeit werden.
Mit fünfzehn Jahren trat er offiziell dem Kaiserlichen Militär bei – nicht als einfacher Soldat, sondern direkt als Korpsführer. Doch in Friedenszeiten gab es für einen aufstrebenden Feldherren nur wenig Möglichkeiten, sich zu beweisen. Eine unbefriedigende Realität für jemanden, der danach strebte, seinen Namen in der Geschichte zu verewigen.
Also schuf er sich seine eigene Gelegenheit.
Cornelius fälschte Berichte über einen angeblichen Aufstand der Lupiden im Herzogtum Kries. Die Lupiden, ein stolzes und unabhängiges Volk, hatten in der Vergangenheit mehrfach für Unruhe gesorgt – ein neuerlicher Aufstand schien plausibel genug, um den Kaiser, der sie sowieso verabscheute, zu beunruhigen.
Er wandte sich direkt an seinen Großvater, Kaiser Tavil IV, und bat darum, selbst entsandt zu werden, um die Rebellion niederzuschlagen. Der Kaiser, beeindruckt von dem Ehrgeiz seines Enkels, gewährte ihm das Kommando.
Doch der Aufstand existierte nicht.
Stattdessen führte Cornelius seine Truppen zu einem brutalen Angriff auf zwei ahnungslose Lupidendörfer. Seine Soldaten richteten ein Massaker an, dessen Zeugen bald nur noch Asche waren. Mit den Leichen zweier getöteter Lupiden als Beweis für seinen „Sieg“ trat Cornelius den Rückweg an, bereit, sich als Held feiern zu lassen.
Doch als er die Endlose Wüste durchquerte, geriet er in einen Hinterhalt.
Eine Gruppe von Räubern hatte ihn und seine Männer ins Visier genommen. Cornelius' Korps zählte fünftausend Soldaten, die Angreifer hingegen waren kaum tausend – doch sie hatten den Vorteil des Geländes. In einer engen Schlucht hatten sie die kaiserlichen Truppen eingekesselt. Ein Fehler hätte hier das Ende bedeutet.
Doch Cornelius ließ sich nicht so leicht in die Enge treiben.
Mit kühlem Kopf entwickelte er einen Plan. Die Hälfte seiner Truppen täuschte einen chaotischen Rückzug nach Süden vor, um die Räuber zu locken. Als die Angreifer sich auf diese Flüchtenden stürzten, führte Cornelius den Rest seiner Männer nach Norden – und drehte den Spieß um.
Er ließ seine abgelenkten Feinde einkesseln. Dann gab er den Befehl zur kompletten Vernichtung. Es war gnadenlos, aber effektiv. Die Räuber wurden bis auf den letzten Mann abgeschlachtet, und Cornelius' Männer marschierten unangefochten weiter.
Zurück in der Kaiserstadt wurde er gefeiert. Nicht nur für seine „Niederschlagung des Aufstands“, sondern auch für sein taktisches Genie in der Wüste. Noch am selben Tag ernannte der Kaiser ihn zu einem der zwölf Generäle des Kaiserreichs.
Von da an gab es für Cornelius nur noch einen Weg: nach oben.
In den folgenden Jahren festigte er seinen Ruf. Sein Großvater, Kaiser Tavil IV, förderte ihn nach Kräften. Mit zweiundzwanzig Jahren wurde Cornelius schließlich Oberbefehlshaber des Militärs – der Erste General des Kaiserreichs.
Dies war jedoch nur ein Teil seines Aufstiegs.
Kurze Zeit später heiratete er Christa di Lorenzo, eine Verbindung, die ihm noch mehr Macht einbrachte. Die Ehe war kühl, aber politisch wertvoll. Zwei Kinder gingen daraus hervor – doch während andere Adlige ihre Erben stolz präsentierten, hielt Cornelius seine Familie aus der Öffentlichkeit heraus. Er kannte die Intrigen des Hofes.
Er wusste, dass Macht gefährlich war.
Als sein Vater, Verion III, den Thron bestieg und das Prinzenspiel ausrief, erkannte Cornelius sofort das Potenzial.
Denn wo Konflikte waren, gab es Schlachten zu schlagen.
Und wo es Schlachten gab, konnte er Geschichte schreiben.
Das Prinzenspiel war für ihn keine bloße Frage der Thronfolge. Es war eine Gelegenheit. Eine, die er nicht ungenutzt lassen würde.
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Leyla öffnete die Tür zu ihrem Wohnraum und trat ein. Sofort umfing sie ein Gefühl von Vertrautheit. Die warmen Farben der Möbel, die bis zur Decke reichenden Regale voller Bücher und der sanfte Schein des Kamins verliehen dem Raum seine behagliche Atmosphäre. Es war ein Ort, an dem sie sich entspannen konnte, fernab von den Kämpfen, den Intrigen und den ständigen Herausforderungen, die ihr Leben bestimmten.
Sie hatte noch ein paar Minuten Zeit, bevor sie sich mit Nea bei Yang einfinden musste. Es war ein Moment der Ruhe, den sie nutzen wollte, um mit Eroica zu sprechen.
„Willkommen zurück, Leyla“, begrüßte Eroica sie mit einem warmen Lächeln. Die Filina saß an ihrem gewohnten Platz am Tisch, ein aufgeschlagenes Buch vor sich, doch ihre Aufmerksamkeit wanderte sofort zu dem Schwert an Leylas Gürtel. Ihre feinen Ohren zuckten leicht – ein Zeichen von Neugier.
„Wie war Euer Ausflug in die Kaiserstadt?“ fragte sie und legte das Buch vorsichtig beiseite.
Leyla trat näher und ließ eine kleine Schatulle auf den Tisch gleiten. „Es war ein guter Tag“, erwiderte sie ruhig, bevor sie mit einer Kopfbewegung auf das Schwert deutete. „Kannst du dazu etwas herausfinden? Es ist das Schwert von Zcepes.“
Eroicas Augen weiteten sich vor Überraschung. „Von dem Zcepes? Dem großen Vampir?“
Ihre Stimme klang aufgeregt, und Leyla konnte förmlich sehen, wie in ihrem Kopf bereits die ersten Nachforschungen begannen.
„Natürlich. Ich werde alles zusammentragen, was ich über dieses Schwert finden kann“, versprach Eroica voller Begeisterung. Sie griff bereits nach einem Stück Pergament, um sich Notizen zu machen, als Leyla sich leise an sie wandte.
„Ich habe noch etwas für dich. Ein Geschenk.“
Eroica hielt inne und blinzelte überrascht. „Ein Geschenk?“ Ihre Stimme klang ehrlich verblüfft. Dann schüttelte sie leicht den Kopf. „Das ist doch nicht nötig, Ihr habt mir schon so viel gegeben, Leyla.“
Leyla erwiderte den Blick ihrer Freundin mit ernster Miene. „Du tust so viel für mich, da wollte ich dir auch etwas zurückgeben.“
Langsam nahm Eroica die Schatulle entgegen, als hätte sie Angst, etwas Wertvolles zu beschädigen. Sie drehte sie in den Händen, fuhr mit den Fingerspitzen über das kunstvoll geschnitzte Holz, bevor sie sich schließlich setzte. Vorsichtig hob sie den Deckel.
Im Inneren lag die Brille, schlicht, aber elegant. Das Glas schimmerte leicht, als würde es die Umgebung auf eine besondere Weise reflektieren.
Leyla konnte sehen, wie Eroica den Gegenstand nachdenklich musterte, noch nicht ganz verstehend, was es damit auf sich hatte.
„Ich dachte, du könntest eine Brille gebrauchen“, sagte Leyla mit einem amüsierten Lächeln. „Deine Augen werden ja bereits schwächer.“
Eroica stockte und sah sie mit offenem Mund an. „Ähm… danke, Leyla.“
Dann fiel ihr Gesichtsausdruck in eine Mischung aus Enttäuschung und unsicherem Lächeln. Leyla konnte sich nicht mehr zurückhalten – sie brach in schallendes Lachen aus. Eroica schnaubte genervt, wollte etwas erwidern, doch bevor sie dazu kam, zog Leyla sie in eine feste Umarmung.
„Das war ein Witz“, erklärte sie leise. „Diese Brille ist etwas Besonderes. Wenn du sie trägst, kannst du die Gedanken nachvollziehen, die ein Autor beim Schreiben hatte. Und außerdem kannst du das genaue Datum erkennen, an dem ein Buch verfasst wurde.“
Leyla trat einen Schritt zurück und beobachtete, wie sich Eroicas Miene wandelte. Erst Verwirrung. Dann Staunen. Und schließlich… pure Freude. Eroicas Finger schlossen sich fest um die Brille. Ihre Lippen bebten leicht, und dann passierte etwas, womit Leyla nicht gerechnet hatte.
Eroica begann zu weinen. Sanfte Tränen der Rührung liefen ihr über die Wangen.
„I-Ich… I-Ich…“ Sie schluchzte leise, ihre Stimme überschlug sich.
Leyla legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. Sie hatte gewusst, dass dieses Geschenk etwas Besonderes für Eroica sein würde – doch sie hatte nicht erwartet, dass es sie so tief berühren würde.
„Darf ich sie ausprobieren?“ fragte Eroica schließlich, ihre Stimme noch immer voller Emotion.
Leyla nickte leicht. „Natürlich. Sie gehört dir.“
Ohne eine Sekunde zu zögern sprang Eroica auf, stolperte fast in ihrer Eile zum Bücherregal und zog einen der ältesten Bände heraus. Mit zitternden Händen öffnete sie ihn, setzte die Brille auf – und begann zu lesen.
Ein leises Keuchen verließ ihre Lippen. Ihre Augen huschten über die Seiten, schneller als sonst. Ihre Finger folgten den Zeilen, als könnte sie die Worte spüren. Die Magie der Brille entfaltete sich, und Leyla konnte fast spüren, wie sich für Eroica eine völlig neue Welt öffnete.
Nach einigen Seiten klappte sie das Buch vorsichtig zu und drehte sich zu Leyla um. Ihre Augen glänzten noch immer. „Leyla…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich danke Euch“, sagte sie schließlich mit aufrichtiger Hingabe. „Das ist das Schönste, was ich jemals bekommen habe. Wie kann ich das nur jemals zurückzahlen?“
Leyla schüttelte den Kopf. „Du tust schon so viel für mich. Wenn du die Brille annimmst, dann hast du schon genug getan.“
Eroica senkte den Blick, als müsste sie sich erst wieder sammeln. Dann hob sie den Kopf, ein kleines, schelmisches Funkeln in ihren Augen. „Darf ich jetzt einige Bücher lesen?“
Leyla schmunzelte. „Natürlich. Ich muss mich jetzt mit Nea und Yang treffen. Der nächste Auftrag wartet.“
Eroica strahlte, während sie die Brille wieder aufsetzte. „Viel Erfolg, Leyla. Und… danke. Wirklich.“
Leyla nickte nur und wandte sich zur Tür. Als sie den Wohnraum verließ, wusste sie genau, was als Nächstes geschehen würde. Eroica würde die nächsten Stunden, wenn nicht Tage, in den Büchern versinken, neue Welten entdecken, alte Geschichten mit neuen Augen sehen.
Und das war in Ordnung. Denn sie hatte ihr etwas geschenkt, das nicht nur von materiellem Wert war. Sie hatte ihr etwas gegeben, das ihre Welt für immer verändern würde.
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Als Leyla das Zimmer von Yang betrat, war Nea bereits da. Sie saß auf einem der Stühle und kippelte ungeduldig hin und her, als könne sie es kaum erwarten, endlich loszulegen. Ihre langen Haare wirbelten bei jeder Bewegung umher, und ihre violetten Augen funkelten voller Energie.
Kaum hatte sie Leyla entdeckt, sprang sie auf und stürzte mit weit ausgebreiteten Armen auf sie zu.
„Leyley!“ rief sie voller Freude und schlang ihre Arme um Leyla. „Ich bin ja so froh, dass wir zusammen auf Aufträge gehen können!“
Leyla lächelte und erwiderte die Umarmung, wenn auch etwas ruhiger. Nea war ein Wirbelwind, unaufhaltsam in ihrer Begeisterung. Doch Leyla genoss es, denn trotz all der Dunkelheit, die ihre Welt umgab, brachte Nea immer ein wenig Licht mit sich.
„Das stimmt, ich finde es auch schön“, sagte sie ehrlich.
Doch bevor sie das Gespräch vertiefen konnte, fiel ihr Blick auf Yang.
Die Erste Kaiserliche Kopfgeldjägerin saß mit verschränkten Armen hinter ihrem Schreibtisch und beobachtete die Szene mit einem durchdringenden Blick. In ihren dunklen Augen lag keine Spur von Emotion, doch ihre Haltung allein reichte aus, um eine Welle an Disziplin in den Raum zu bringen.
Leyla spürte sofort, wie ihr Körper sich anspannte. Sie löste sich von Nea und setzte sich schnell auf einen der Stühle. Nea ließ sich mit einem Grinsen wieder in ihren Sitz fallen, völlig unbeeindruckt von Yangs intensiver Präsenz.
„Dann seid ihr also beide da“, sagte Yang mit ruhiger, ausdrucksloser Stimme. Ihr Blick wanderte von Nea zu Leyla, als wolle sie jede Regung ihrer Mimik studieren. Dann lehnte sie sich leicht nach vorne. „Ich will euch nun euren Auftrag erklären“, begann sie. Leyla hörte aufmerksam zu. „Ihr werdet zusammen mit Kronprinz Cornelius nach Süden ziehen und den Grünwald nach dem Schwarzen Stern durchkämmen.“
Der Kronprinz? Leyla blinzelte. Dass Cornelius selbst an der Mission beteiligt war, machte die Sache komplizierter.
Yang ließ ihr jedoch keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Ihr Blick fiel direkt auf Leyla.
„Du wirst die Verhandlungen leiten“, erklärte sie mit einem Tonfall, der keine Widerrede zuließ. „Es liegt in deinem Ermessen, wen du tötest und wen du gefangen nimmst. Beides hat seinen Nutzen.“
Für einen Moment herrschte Stille. Leyla spürte, wie sich in ihr eine leichte Erleichterung breitmachte. Das bedeutete Kontrolle. Wenn sie entschied, wer am Leben blieb, konnte sie vielleicht Theol verschonen.
Theol.
Ein Name, der in ihrer Erinnerung wie ein leises Echo nachhallte. Er war ein Mitglied des Schwarzen Sterns, ein Feind – doch auch ein alter Bekannter, jemand, der ihr nicht vollkommen gleichgültig war.
Mit dieser Macht in ihren Händen hatte sie die Möglichkeit, die Dinge in eine Richtung zu lenken, die nicht nur Blutvergießen bedeutete.
Yang sah zu Nea.
„Und du wirst Leyla so gut es geht unterstützen“, fuhr sie fort. „Sollte sich jemand bei ihnen befinden, der auch nur annähernd an eure Stärke heranreicht, dann arbeitet zusammen.“
„Jaa, machen wir, Yaya!“ rief Nea fröhlich, ihr Grinsen wurde noch breiter.
Yangs Augen verengten sich leicht.
„Ich habe dir doch gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst.“ Ihr Blick war streng, doch Leyla kannte Yang und ihre Beziehung zu Nea lange genug, um zu wissen, dass sie es durchgehen lassen würde.
Nea war einfach Nea. Und gegen Nea anzukämpfen, wenn es um solche Kleinigkeiten ging, war verschwendete Energie.
Gerade als sich eine leichte Stille in den Raum legte, ertönte ein festes Klopfen an der Tür.
Alle drei sahen auf. Yang drehte leicht den Kopf in Richtung des Eingangs.
„Herein.“
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Die Tür öffnete sich mit einem leichten Knarren, und ein Mann trat ein, dessen Anblick den Raum erfüllte.
Er trug eine prächtige rote Militäruniform, die mit goldenen Orden geschmückt war, die im Licht funkelten. Ein schneeweißer Mantel wehte leicht hinter ihm her, während sein Gang von perfekter Kontrolle zeugte – nicht steif, sondern selbstbewusst, präzise, beinahe bedrohlich. Seine goldbraunen Haare waren kurz geschnitten, zwei Ohrringe glänzten an seinen Ohren, betonten die markanten Gesichtszüge, die von Eis und Kalkül geprägt waren.
Doch es waren seine goldenen Augen, die am meisten auffielen. Sie strahlten Kälte und Überlegenheit aus, als würden sie jeden Menschen vor ihm nicht als Person, sondern als Schachfigur betrachten.
„Kronprinz Cornelius“, begrüßte Yang ihn mit ihrer gewohnten, emotionslosen Stimme.
Ohne zu zögern stand sie auf, trat an ihm vorbei zur Tür und warf Leyla und Nea noch einen letzten Blick zu. „Ich lasse euch alleine.“ Dann verließ sie den Raum.
Stille.
Cornelius machte einen Schritt nach vorne, dann noch einen. Ruhig. Dominant. Er ließ sich auf den Stuhl nieder, den eben noch Yang besetzt hatte, und legte die Hände gefaltet auf den Tisch, sein Blick nun direkt auf Leyla und Nea gerichtet. Einen Moment lang sagte er nichts. Er ließ seine Präsenz sprechen.
Dann, mit einer glatten, kühlen Stimme, begann er: „Mir ist bewusst, dass Ihr als Diplomatin die Verhandlungen leiten wollt, Edle Miss Leyla.“ Er machte eine kurze Pause, als wolle er seine Worte in ihren Gedanken verankern. „Doch ich kann Euch sagen, dass es keine Verhandlungen geben wird. Wir werden sie ausnahmslos vernichten.“
Leylas Augen verengten sich leicht. Er war anders. Er war nicht wie Hypos, dessen Wahnsinn unberechenbar war. Und auch nicht wie Eugenius, dessen Autorität einzig auf seiner Position als Kronprinz gefußt hatte.
Cornelius war kalkuliert. Er sprach nicht aus emotionalem Hass oder ideologischer Überzeugung. Er sprach, weil er bereits entschieden hatte. Er war sich sicher, dass sein Weg der einzige war.
„Eure Hoheit, Kronprinz Cornelius“, erwiderte Leyla mit ruhiger, aber fester Stimme. Sie hielt seinem Blick stand. „Ich habe von Yang – und somit von Seiner Majestät – den direkten Auftrag erhalten, die Diplomatie zu übernehmen.“
Sie lehnte sich leicht nach vorne. „Bei allem Respekt, dieser Befehl steht über Eurer persönlichen Ansicht.“
Leyla versuchte höflich zu sein, aber ihm trotzdem unterschwellig zu signalisieren, wo er stand. Er war der Anführer des Kaiserlichen Militärs. Er war ein Kronprinz. Er stand über Leyla im Kaiserreich, allerdings nicht bei allen Themen.
Wenn der Kaiser, oder Yang, ihr einen Auftrag gab, so stand dieser über den Befugnissen der Kronprinzen oder Generäle.
Ein feiner Anflug eines Lächelns zuckte über Cornelius’ Lippen. Ein Lächeln, das nichts mit Freude zu tun hatte. Es war das Lächeln eines Mannes, der einen Zug auf dem Spielfeld gemacht hatte und nun auf die Reaktion wartete. „Wenn es zu Verhandlungen kommen sollte, dann werdet Ihr diese selbstverständlich übernehmen, Edle Miss Leyla.“ Seine Stimme war noch immer ruhig, doch da war etwas Entgültiges darin.
„Allerdings wird es zu keinen kommen.“ Er legte eine Hand auf den Tisch. „Ihr habt keine Entscheidungsgewalt über die Bewegungen meiner Truppen.“
Stille.
Dann krachte Neas Hand auf den Tisch. Leyla zuckte leicht zusammen. Nea funkelte Cornelius an, ihre violetten Augen loderten. „Wenn Leyley sagt, dass sie die Verhandlungen leiten will, dann tut sie das auch!“
Leyla spürte die Spannung in der Luft.
Normalerweise hielt sich Nea aus solchen taktischen Diskussionen heraus. Sie war stark, eine Kämpferin – aber sie wusste auch, dass Politik nicht ihr Terrain war. Und doch …
Cornelius wandte den Blick nun zu Nea. Seine goldenen Augen wurden noch kälter. „Glaubt Ihr, Edle Miss Nea, dass Ihr mich mit solch einem Auftreten einschüchtern könnt?“ Seine Stimme war nicht laut. Sie war gefährlich ruhig.
„Ihr mögt Kaiserliche Kopfgeldjäger sein, doch eure Befugnis endet dort, wo die Befehlsgewalt des Ersten General beginnt.“ Er legte den Kopf leicht schräg. „An meiner Stelle.“
Neas Körper spannte sich an. Doch sie sagte nichts und ließ sich wieder auf ihren Stuhl fallen. Sie wusste, dass er Recht hatte. Den Kaiserlichen Kopfgeldjägern war es untersagt, Mitglieder der Kaiserfamilie anzugreifen oder zu bedrohen. Und Cornelius wusste das. Er spielte mit dieser Macht.
Leyla ergriff das Wort. Ihre Stimme war ruhig, aber unerschütterlich. „Wir werden ja sehen, wie sich die Situation entwickelt.“ Sie hielt seinem Blick stand. „Genauso wenig, wie ich Eure Position übernehmen oder anzweifeln kann, könnt Ihr Euch nicht über die meine hinwegsetzen, Eure Hoheit.“
Wieder trat Stille ein. Ein Moment, in dem sich die Luft schwer anfühlte.
Dann hob Cornelius leicht die Mundwinkel. Kein wirkliches Lächeln. Eher ein subtiles Interesse.
„Ihr habt Recht.“ Er lehnte sich zurück. „Wir werden sehen, dass ich Recht behalten werde.“ Er stand auf. Sein weißer Mantel wehte hinter ihm, als er sich zur Tür bewegte. Noch bevor er sie öffnete, sprach er: „Wir treffen uns morgen früh am Südtor. Ich erwarte ein pünktliches Erscheinen.“ Dann verließ er den Raum.
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.
Einen Moment lang sagte niemand etwas.
Dann sprang Nea auf.
Sie trat mit voller Wucht gegen den Schrank von Yang.
Ein lautes Krachen, gefolgt von dem Klirren von zersplittertem Glas, hallte durch den Raum.
„Ich mag ihn nicht, Leyley!“ rief sie wütend.
Leyla beobachtete sie. Dann schmunzelte sie.
„Ich auch nicht.“



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