Kapitel 163 - Die Schattenläuferin Jakira

Ein Schneesturm wütete an diesem Abend über Randurin, und der tiefste Winter hatte das Herzogtum mit eisiger Kälte und unerbittlichem Wind in seinem Griff. Die Stadt, die einst von geschäftigem Treiben erfüllt war, lag nun unter einer dicken Schicht aus Schnee und Eis begraben. Die Straßen waren menschenleer, als hätte der Winter alles Leben daraus vertrieben. Nur die Tapfersten oder Verzweifeltsten wagten sich hinaus in die klirrende Kälte, wo der Wind wie ein lebendiges Wesen heulte und an den Mauern der alten Festungsstadt rüttelte.
Die Reise hierher war beschwerlich gewesen. Mehrere Mitglieder des Schwarzen Sterns hatten es nicht überlebt. Der Norden kannte keine Gnade, und die schneebedeckten Landschaften waren ebenso unbarmherzig wie ihre Monster. Doch Jakira hatte sich durchgekämpft. Sie war stark, entschlossen und trieb unermüdlich voran. Die Kälte hatte ihre Glieder längst taub gemacht, doch sie ignorierte es. Schmerz war nur eine Erinnerung, eine Randnotiz auf ihrem Weg zu etwas Größerem.
Jetzt stand sie vor den Toren von Randurin. Der Anblick der gewaltigen Mauern, die von Schnee und Frost überzogen waren, ließ in ihr eine Welle der Erleichterung aufsteigen. Doch etwas hatte sich verändert. Die einst massive Steinbrücke, die die Festungsstadt mit dem Festland verbunden hatte, war nicht mehr da. Stattdessen war eine provisorische Zugbrücke aus Holz heruntergelassen worden – ein unmissverständliches Zeichen, dass die Stadt immer noch unter der Kontrolle des Schwarzen Sterns stand.
Jakira strich mit ihrer Hand über den zotteligen Hals von Himmel, dem treuen Pferd von Liam, das sie hierhergetragen hatte. „Komm, lass uns zu Liam zurückkehren“, flüsterte sie ihm zu. Das Tier schnaubte leise, sein Atem bildete kleine, dampfende Wolken in der kalten Nachtluft. Es trottete weiter, vorsichtig und doch zielgerichtet, als ob es ihre Ungeduld spüren konnte.
Liam. Der Gedanke an ihn ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie wollte ihn wiedersehen. Wollte hören, dass sie es gut gemacht hatte, dass sie erfolgreich gewesen war. Sie wollte ihm von ihrer Reise erzählen, von Atorm und seinem Kampf gegen Bunj. Sie wollte ihm beweisen, dass sie wertvoll war, dass sie eine Rolle in dieser Rebellion spielte, die über die bloße Ausführung von Befehlen hinausging.
Prinzessin Nara hatte sie vorausgeschickt, um die anderen Mitglieder des Schwarzen Sterns zu warnen.
Jetzt war sie zurück. Und sie war bereit, ihren Platz in der Rebellion weiter einzunehmen.
Als sie die Zugbrücke überquerte, traten ihr zwei Wachen entgegen. Ihre Umhänge flatterten im eisigen Wind, und die Schatten der Fackeln auf ihren Helmen ließen ihre Gesichter noch undurchdringlicher wirken. Einer von ihnen hob seine Lanze und musterte sie misstrauisch.
„Wer bist du? Was willst du hier?“
Jakira spürte den Ärger in sich aufsteigen. Sie war müde, durchgefroren und hatte keine Geduld für Spielchen. „Ich bin Jakira.“
Der Ausdruck des Mannes änderte sich augenblicklich. Sein Griff um die Lanze lockerte sich, und er nickte. „Hauptmann Ralf hat von dir erzählt. Schön, dass du wieder da bist. Ist die Verstärkung auch da?“
„Sie sollten in einer Stunde eintreffen.“
Die Wachen tauschten einen kurzen Blick, dann traten sie zur Seite.
Ohne weiter zu zögern, ritt Jakira durch das offene Tor und ließ sich von den Schatten der Stadt verschlucken. Randurin gehörte noch immer dem Schwarzen Stern.
--------------------------------------------------------------------------
Jakiras früheste Erinnerungen waren von Dunkelheit und Kälte gezeichnet. Sie wusste nicht, wo genau sie geboren wurde, nur, dass ihre Kindheit ein endloser Kampf ums Überleben war. Ihre ersten bewussten Gedanken gehörten einem kleinen, abgelegenen Dorf in den Bergen östlich von Schneeburg – ein Ort, an dem der Winter fast das ganze Jahr über herrschte und das Leben so hart war wie der gefrorene Boden, auf dem sie schlief.
Die Dorfbewohner behandelten sie wie eine Fremde, ein unerwünschtes Wesen, das nicht hierhergehörte. Sie wurde gemieden, beschimpft, manchmal verjagt, wenn sie versuchte, ein wenig Essen zu stehlen. Doch es blieb ihr keine Wahl. Hunger war ein Feind, den sie nicht besiegen konnte. Sie lernte früh, dass sie in dieser Welt nur auf sich selbst zählen konnte. Um zu überleben, musste sie stehlen – oder sich an Männer verkaufen, die kleine, hörige Mädchen mochten. Sie verachtete es, doch es war der einzige Weg. Es gab keine Alternative für ein Mädchen ohne Namen, ohne Familie, ohne Schutz.
Niemand mochte sie. Niemand wollte sie. Niemand brauchte sie.
Dann, eines Tages, änderte sich alles.
Ein Adliger ritt durch das Dorf. Sein glänzendes, graublondes Haar war kaum sichtbar unter dem Helm, seine silberne Rüstung reflektierte das kalte Sonnenlicht. Er wirkte wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt, edel, unantastbar. Und doch hielt er an, als er sie am Straßenrand kauernd sah.
Für Jakira war es, als hätte sich ihr Schicksal von einem Moment auf den anderen gewendet. Zum ersten Mal in ihrem Leben bekam sie Essen, ein warmes Bett, Kleidung, die nicht aus Lumpen bestand. Und vor allem: Aufmerksamkeit.
Doch ihr neues Leben war kein Traum, sondern eine Schule der Grausamkeit. Der Adlige brachte ihr das Kämpfen bei – nicht mit Geduld oder Güte, sondern mit Strafen und Belohnungen. Wenn sie etwas richtig machte, wurde sie gelobt, durfte essen, bekam eine Decke für die Nacht. Doch wenn sie versagte, wenn sie zu langsam, zu schwach oder zu ungehorsam war, wurde sie geschlagen, bis sie kaum noch atmen konnte.
Es war ein Leben voller Extreme. Doch für Jakira war es besser als das, was sie zuvor kannte. Denn zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass sie einen Zweck erfüllte. Sie war nicht mehr bedeutungslos. Sie lernte schnell. Nicht nur mit dem Schwert und den Dolchen, sondern auch mit ihrem Verstand. Sie erkannte, dass sie nur dann etwas wert war, wenn sie nützlich war. Diese Erkenntnis brannte sich tief in ihre Seele ein. Sie wurde ihr Antrieb, ihr Lebensinhalt, ihre einzige Wahrheit.
Mit vierzehn Jahren lebte sie in einer kleinen Hütte nahe der Kaiserstadt. Der Adlige besuchte sie gelegentlich, brachte ihr Essen, trainierte sie weiter mit harter Hand. Doch dann, an einem heißen Sommertag, kam er mit einem neuen Befehl.
„Töte diese Frau“, sagte er.
Eine Adlige.
Jakira zögerte nicht. Zögern bedeutete Zweifel. Zweifel bedeutete Schwäche. Schwäche bedeutete, nicht mehr gebraucht zu werden.
Sie tat, was man ihr auftrug. Schlich in das Anwesen, fand die Frau in einem mit Seide ausgeschmückten Schlafgemach und schnitt ihr mit einem Dolch die Kehle durch. Kein Geräusch. Keine Fehler. Nur ein sauberer, präziser Schnitt.
Dann floh sie.
Als sie zurückkehrte, wurde sie gelobt. Der Adlige sah sie mit Stolz in den Augen an, reichte ihr zwei schwarze Dolche als Belohnung. „Gute Arbeit.“ Es war der glücklichste Tag ihres Lebens.
Von da an tötete sie immer wieder für ihn. Stadtwachen, die Nachforschungen anstellten. Eine Bäckerin, die zu neugierig war. Ein kleines Kind, das in den Armen seiner Mutter schlief. Nichts davon spielte eine Rolle. Nur das Lob, das sie erhielt. Nur die Bestätigung, dass sie gebraucht wurde.
Dann kam der Tag, an dem alles zerbrach.
Kaiser Tavil IV erließ das Menschenreichs-Gesetz. Ein Gesetz, das Nicht-Menschen ihrer Rechte beraubte, das sie zu Bürgern zweiter Klasse machte. Doch für Jakira bedeutete es noch mehr. Die Schattenläufer, ihr Volk, wurden als Verräter gebrandmarkt. Die Strafe war der Genozid.
Als sie eines Tages von einem Auftrag zurückkehrte, erwartete sie neben dem Adligen ein Mann in Rüstung. Eine Stadtwache.
Der Adlige blickte sie an, kalt, distanziert – nicht wie ein Mentor, nicht wie ein Vater, sondern wie ein Fremder. „Das hier ist die Schattenläuferin, die meine Frau vor Jahren ermordet hat.“
Jakira erstarrte. Ein Moment lang glaubte sie, sich verhört zu haben. Doch die Wache packte sie bereits, zog sie grob an den Armen, und in Jakira zerbrach etwas.
Verrat.
Sie hatte ihm ihr Leben gewidmet. Alles für ihn getan. Alles geopfert. Und jetzt wurde sie einfach weggeworfen? Sie reagierte instinktiv.
Mit einer blitzschnellen Bewegung riss sie sich los, fuhr mit einer Klinge nach vorne und traf ihn am Auge. Er schrie auf, taumelte zurück. Die Wache wollte nach ihrem Schwert greifen, doch bevor sie dazu kam, beendete Jakira ihr Leben mit einem einzigen, sauberen Schnitt.
Dann floh sie.
Zunächst musste sie sich, wie in ihrer Kindheit, mit Diebstahl und Prostitution durchschlagen. Sie hasste ihr Leben.
Die Welt war leerer geworden. Niemand lobte sie mehr. Niemand brauchte sie mehr.
Doch sie hoffte, dass das nicht für immer so bleiben würde. Dass sie wieder einen Platz finden würde.
Und dann traf sie auf Regis van Marsten.
--------------------------------------------------------------------------
Die Schattenläufer sind eines der rätselhaftesten und verborgensten Völker des Kaiserreichs. Seit jeher ist ihre Population klein, und im Gegensatz zu anderen Völkern errichten sie keine eigenen Städte oder Siedlungen. Stattdessen leben sie verstreut über den gesamten Kontinent, oft an abgelegenen, kaum zugänglichen Orten, wo sie unbemerkt bleiben können. Ihre nomadische Lebensweise, kombiniert mit ihrer Fähigkeit, nahezu unsichtbar zu werden, macht sie zu einem Volk, das zugleich gefürchtet und bewundert wird.
Ihre Andersartigkeit ist nicht nur in ihrer Lebensweise, sondern auch in ihrem Erscheinungsbild offensichtlich. Schattenläufer besitzen schlanke, oft filigrane Körper, die sich mit einer fast übernatürlichen Geschmeidigkeit bewegen. Ihre Haut ist aschgrau, mit einer eigenartigen, nebelhaften Struktur, die ihnen ein unwirkliches, geisterhaftes Aussehen verleiht.
Wer sie zum ersten Mal sieht, könnte den Eindruck bekommen, dass sie nicht ganz von dieser Welt sind, sondern eher wie lebendiger Dunst zwischen den Schatten wandern. Ihre Haare sind stets tiefschwarz, ebenso wie ihre Augen, die unergründlich schimmern – dunkel und undurchdringlich wie die Nacht.
Doch es ist nicht nur ihr Äußeres, das sie von anderen unterscheidet. Die wahre Besonderheit der Schattenläufer liegt in ihrer Fähigkeit, mit den Schatten zu verschmelzen – eine Kunst, die von Gelehrten als Schattenwanderung bezeichnet wird. Sie können ihren physischen Körper nahezu vollständig auflösen und sich in den dunkelsten Winkeln bewegen, ohne gesehen oder gehört zu werden.
Es ist, als ob sie selbst zu einem Teil der Finsternis werden, ein lautloses Echo in der Dunkelheit. Diese Fähigkeit macht sie zu unübertroffenen Meistern der Tarnung und Infiltration. Kein Schloss ist für sie uneinnehmbar, keine Mauer zu hoch, keine Wache aufmerksam genug, um sie aufzuhalten.
Über die Jahrhunderte hinweg führte diese Fähigkeit dazu, dass viele Schattenläufer in Berufen tätig waren, die Diskretion und Unsichtbarkeit erforderten – Assassinen, Spione, Diebe. Doch je mehr ihre Fertigkeiten in den dunklen Künsten bekannt wurden, desto mehr wurden sie gefürchtet. Die Menschen begannen, sie als Bedrohung zu sehen, als Wesen, die sich in den Schatten versteckten und nur auf den richtigen Moment lauerten, um zuzuschlagen. Ihr Ruf verschlechterte sich zunehmend, bis sie schließlich nur noch als hinterlistig, gefährlich und unberechenbar galten.
Dieser Hass erreichte seinen Höhepunkt während der Herrschaft von Kaiser Tavil IV, als das sogenannte Menschenreichs-Gesetz erlassen wurde. Es war eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des Kaiserreichs, ein Gesetz, das den Schattenläufern offiziell das Recht auf Leben absprach und sie zu Gesetzlosen erklärte. Sie wurden als Verräter, als Abschaum, als Bedrohung für das Reich angesehen – und die Strafe für ihre bloße Existenz war der Tod.
Was folgte, war eine systematische Verfolgung. Sie wurden gejagt, gefangen, hingerichtet. Familien wurden auseinandergerissen, Behausungen dem Erdboden gleichgemacht. Schattenläufer, die einst in der Kunst der Unsichtbarkeit Meister waren, wurden nun von einer unerbittlichen Maschinerie aus Misstrauen und Hass ausgerottet. Von einst Zehntausenden überlebten nur wenige Hundert.
Als Kaiser Verion III schließlich den Thron bestieg, hob er das Menschenreichs-Gesetz auf und gewährte den Schattenläufern offiziell wieder das Recht auf Leben. Doch der Schaden war längst angerichtet. Der Hass, den sein Vorgänger entfacht hatte, war tief in den Herzen vieler Menschen verwurzelt. Besonders im Osten des Reiches, wo der Glaube an die Reinheit des Menschengeschlechts am stärksten ist, gelten die Schattenläufer weiterhin als Feinde.
Auch wenn sie auf dem Papier nicht mehr als Gesetzlose gelten, ändert sich ihr Leben kaum. Sie bleiben im Verborgenen, leben in ständiger Angst, gejagt von den Schatten der Vergangenheit. Jeder Schritt in die Zivilisation ist ein Risiko, jeder Kontakt mit den Menschen eine potenzielle Bedrohung.
Mit jedem Jahr, das vergeht, wird ihre Zahl geringer. Die Schattenläufer stehen am Rande des Aussterbens, und mit ihnen droht auch ihre Kultur, ihre Geschichten und ihre einzigartigen Fähigkeiten für immer verloren zu gehen. Doch trotz all des Leids und der Verfolgung gibt es jene, die sich weigern, aufzugeben.
Sie kämpfen um ihr Überleben, um ihre Identität. Sie halten an der Hoffnung fest, dass es eines Tages einen Ort geben wird, an dem sie nicht mehr in den Schatten leben müssen. Dass der Hass gegen sie irgendwann nur noch eine blasse Erinnerung sein wird.
--------------------------------------------------------------------------
Jakiras Leben war eine Kette von Brüchen, von Umwegen und zerstörten Hoffnungen. Sie hatte gelernt, dass die Welt ihr keinen Platz bot, wenn sie sich nicht selbst einen erkämpfte. Doch als sie auf Regis van Marsten traf, schien sich etwas in ihrem Leben zu fügen.
Der Graf nahm sie auf, nicht als Kriegerin oder Söldnerin, sondern als Beschützerin seiner Familie. Es war eine klare Aufgabe, eine, die Sinn ergab. Sie sollte innerhalb seines Anwesens leben, Wache halten und seine Frau und Kinder vor jeder Bedrohung schützen. Für Jakira war das mehr als nur ein Auftrag – es war eine Möglichkeit, endlich einen festen Platz zu haben. Einen Ort, an dem sie nicht nur funktionierte, sondern gebraucht wurde.
Regis behandelte sie gut, lobte sie für ihre Wachsamkeit und ließ sie spüren, dass sie geschätzt wurde. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie nicht nur ein Werkzeug, das man nutzte und danach entsorgte. Sie begann, sich an das Leben in der Burg zu gewöhnen, begann, den Anblick der lichtdurchfluteten Hallen und der gepflegten Gärten mit einer leichten Vertrautheit zu verbinden.
Vor allem aber wuchs ihr eine besondere Person ans Herz – Marlene, die jüngste Tochter des Grafen.
Das Mädchen war neugierig, wild und voller Leben, ein kleiner Wirbelwind. Ein Mädchen, das in Jakira nicht die kalte, unnahbare Kriegerin sah, sondern eine Freundin, eine große Schwester. Die Art, wie Marlene ihr vertraute, ihre Hand suchte, wenn sie Angst hatte, oder ihr mit glühender Begeisterung Geschichten erzählte, ließ in Jakira eine neue, unbekannte Wärme entstehen.
Es war eine Art von Leben, die sie nie für möglich gehalten hätte. Ein Leben, in dem sie nicht nur nützlich war, sondern auch gewollt.
Doch dann brach alles auseinander.
Leyla.
Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin betrat das Anwesen mit einem einzigen Ziel: den Tod von Regis van Marsten. Jakira kämpfte. Sie kämpfte verzweifelt, versuchte, Leyla aufzuhalten, doch die Kraft ihrer Erdmagie war überwältigend. Sie war schnell, gnadenlos, unaufhaltsam. Regis fiel. Mit ihm starb etwas in Jakira. Das Zuhause, das sie gefunden hatte, existierte nicht mehr. Der Ort, an dem sie sich sicher gefühlt hatte, war nicht mehr ihr Schutz, sondern nur noch eine leere Erinnerung. Alles, woran sie geglaubt hatte, alles, woran sie sich klammern wollte, zerbrach in diesem Moment.
Jakira floh in den Norden. Sie hatte keinen Plan, keine Richtung, nur den verzweifelten Wunsch, doch noch irgendwo hingehören zu können. Vielleicht war es ihr letzter Versuch. Vielleicht war es das letzte Mal, dass sie suchte.
Und dann traf sie Liam.
Der Elf sprach mit einer ruhigen, sanften Stimme zu ihr. Kein Zwang, keine Befehle, kein Misstrauen. Er bot ihr etwas an, das sie nie erwartet hätte – eine Sache, für die es sich zu kämpfen lohnte. Eine Rebellion, eine Möglichkeit, Teil von etwas Größerem zu sein.
„Wäre ich dir denn nützlich?“ hatte sie ihn gefragt.
Liam nickte. Und für Jakira war das alles, was sie wissen musste.
Jakira entschied, dass Liam ihr letzter Anlauf auf ein Leben sein würde. Sie folgte ihm, reiste mit ihm nach Randurin, hörte seine Worte, als er den Sturm auf die Stadt vorbereitete. Sie lauschte seiner Rede, spürte, wie seine Überzeugung sie erreichte, wie sie mitgerissen wurde. Seine Vision war klar, seine Ziele waren größer als das bloße Töten. Er wollte etwas erschaffen.
Am Abend vor dem Angriff suchte sie ihn auf. Es war zuerst eine Geste der Loyalität. Sie wollte ihm helfen, ihm Ruhe schenken, ihn spüren lassen, dass er nicht allein war. Doch es wurde mehr. Es war das erste Mal, dass sie Intimität nicht als eine bloße Leistung empfand. Sie hatte sich immer über ihre Nützlichkeit definiert, doch in dieser Nacht war es anders.
Liam ließ sie sich fühlen, ließ sie existieren, nicht nur als Schatten, nicht nur als Assassine.
Dann kam der Sturm auf Randurin. Jakira kämpfte an der Seite von Ralf. Sie tötete Stadtwachen, brachte Mitglieder des Herzogsrats und die Herzogin selbst um. Sie zögerte auch beim Herzog nicht. Ihr Dolch beendete das alte Regime in Randurin.
Und Liam lobte sie. Doch es war mehr als das. Er erklärte ihr, dass sie mehr war als eine Waffe. Mehr als ein Werkzeug, das nur für Blut und Tod geschaffen wurde.
Sie war eine Schattenläuferin.
Mit eigenen Wünschen. Mit eigenen Bedürfnissen. Mit einer eigenen Bedeutung.
Als er sie schließlich bat, den Rest des Schwarzen Sterns aus Kartaffel zu holen, zögerte sie nicht. Doch kein Tag auf ihrer monatelangen Reise verging, ohne dass sie an ihn dachte. Liam war nicht nur ihr Anführer. Er war jemand, der sie nicht nur gebrauchte, sondern sie sah. Er war jemand, der ihr zeigte, dass sie mehr sein konnte als eine bloße Assassine.
Vielleicht war er sogar der erste, der sie überhaupt je verstanden hatte.
--------------------------------------------------------------------------
Ralf empfing Jakira mit einem Lächeln, doch in seinen Augen lag etwas, das sie nicht deuten konnte. Es war ein Ausdruck, der zwischen Erleichterung und Trauer schwankte, als ob er froh war, sie zu sehen, aber gleichzeitig vor den Worten zurückschreckte, die er aussprechen musste. Jakira spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus, eine Kälte, die nichts mit dem frostigen Wind zu tun hatte, der durch die Straßen Randurins zog.
„Jakira, es ist schön, dass du wieder da bist. Wie geht…“ begann Ralf, doch Jakira schnitt ihm das Wort ab. Ihre Stimme war scharf, fast verzweifelt, während ihr Blick sich in seinen bohrte.
„Wo ist Liam?“
Ralf zögerte. Sein Gesicht verzog sich, als hätte sie ihn mit einem Dolch getroffen. Einen Moment lang herrschte eine Stille, die schwerer wog als jedes Wort. Dann sprach er, langsam, mit einer Stimme, die von Schmerz erstickt war.
„Liam wurde von Kronprinz Hypos entführt. Wahrscheinlich lebt er nicht mehr.“
Die Welt um Jakira verschwamm. Ihre Knie wurden weich, ihr Atem stockte. Es fühlte sich an, als hätte jemand ihr Herz herausgerissen, als würde ein unsichtbarer Griff es in der Luft zerquetschen. Tränen stiegen ihr in die Augen, heiß und brennend, doch sie war zu erstarrt, um zu weinen.
Liam war fort.
Liam, der sie gesehen hatte. Der ihr das Gefühl gegeben hatte, dass sie mehr war als nur eine Klinge in der Dunkelheit. Der ihr beigebracht hatte, dass sie existieren durfte, nicht nur funktionieren musste.
Ralf griff nach ihr, fing sie auf, als sie in sich zusammensackte. Seine Hände hielten ihre Schultern fest, als wollte er verhindern, dass sie endgültig zerbrach. Er sagte etwas, Worte, die versuchten, in ihr Bewusstsein drangen wie gedämpfte Stimmen durch eine dicke Wand. Doch sie verstand sie nicht. Alles, was in ihr war, war Schmerz.
Liam würde ihr nie wieder sagen, dass sie etwas gut gemacht hatte.
Er würde ihr nie wieder erklären, dass sie nicht nur eine Waffe war.
Alles, was sie aufgebaut hatte, alles, was sie gefühlt hatte, war mit ihm verschwunden.
Ihr Blick wanderte zum Fenster des Zimmers. Dahinter erstreckte sich die Nacht, schwarz und endlos. Die Dunkelheit lockte sie, flüsterte ihr Versprechungen von Ruhe zu. Von Stille. Von einem Ende.
Plötzlich riss sie sich von Ralf los und stürzte auf das Fenster zu.
Er reagierte sofort, packte sie an den Armen, zog sie zurück. „Tu das nicht!“ rief er, seine Stimme schwankte zwischen einem Befehl und einem verzweifelten Flehen. „Liam hätte das nicht gewollt!“
Jakira lachte bitter auf, ein trockener Laut, der in ihrer Kehle zerbrach. Hätte er das nicht? Hätte Liam gewollt, dass sie weiterlebte, weiterkämpfte, weiter atmete in einer Welt ohne ihn?
Ja, wahrscheinlich hätte er nicht gewollt, dass sie sprang.
Doch was blieb ihr noch? Sie hatte keinen Platz mehr. Keine Hoffnung. Keinen Willen. Nur noch die Dunkelheit.
Sie ließ sich fallen, sackte kurz zusammen – doch es war nur ein Trick, eine Täuschung. Im nächsten Moment riss sie ihren Dolch aus der Scheide und stach zu. Die Klinge fuhr tief in Ralfs Kniekehle. Er schrie auf, sein Griff lockerte sich.
Sie stieß ihn von sich weg, drehte sich, riss das Fenster auf. Der eisige Wind schlug ihr ins Gesicht, doch sie spürte ihn kaum. Vor ihr erstreckte sich das Nordmeer, tief und schwarz, wild gegen die Felsen schlagend.
Fünfundzwanzig Meter.
Ob es endlich enden würde? Ob dort unten endlich Stille sein würde?
Sie blickte zum Himmel. Die Sterne funkelten inmitten des endlosen Schwarz, kalt und fern. Ob sie einer von ihnen werden würde? Ob Liam schon dort war? Ob sie ihn wiedersehen würde?
Sie machte einen Schritt. Die kalte Nachtluft riss an ihr, und für einen Moment war es, als wäre sie frei. Kein Schmerz, kein Zweifel. Nur der Wind.
Sie öffnete ihren Mund, ließ ihre Stimme ein letztes Mal durch die Dunkelheit schneiden.
,,Ich liebe dich Liam!’’
Dann kam der Aufprall. Und mit ihm die Stille.



Kommentare