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Kapitel 164 - Hoffnung & Täuschung

19. März 2025
7 Min. Lesezeit

—ZFLATSCH—


Ein Geräusch, das an das Zerquetschen einer überreifen Frucht erinnerte, hallte durch die Dunkelheit und drang in Varons Ohren. Er kannte diesen Laut nur zu gut. Er hatte ihn unzählige Male gehört, besonders während seiner Zeit in Arkan, wo viele Lupiden ihrem Leben durch einen Sturz aus großer Höhe ein Ende setzten. Ein Aufprall wie dieser bedeutete nur eines: Wer fiel, war entweder tot oder lag im Sterben. Beides war für Varon von gleichem Interesse.


Er ließ sich Zeit, als er um die Herzogsburg herumging, seine Schritte lautlos auf dem kalten Stein. Seine Augen durchsuchten die Klippen, suchten nach dem Körper, der diesen Klang verursacht hatte. Schließlich entdeckte er sie.


Eine Schattenläuferin lag leblos zwischen den zerklüfteten Felsen. Ihr Körper war verdreht, eine groteske Puppe aus zerbrochenem Fleisch und zerschlagenem Knochen. Ihr aschgrauer Teint war mit Blut überzogen, ihre schwarzen Haare wirkten in der Kälte wie dunkle Tinte, die über den Stein geflossen war.


Varon ging in die Hocke, betrachtete sie einen Moment. Dann legte er zwei Finger an ihren Hals, suchte nach einem Puls. Nichts.


„Du bist also Jakira?“ fragte er leise, wissend, dass er keine Antwort erhalten würde.


Er könnte sie erwecken. Er könnte sie zu einer willenlosen Dienerin machen, zu einer von vielen, die seinem Willen folgten. Doch er hatte Ralf ein Versprechen gegeben. Ein Versprechen, das er nicht leichtfertig brechen wollte.


Varon seufzte leise, dann griff er nach ihrem leblosen Körper und warf ihn sich über die Schulter. Blut tropfte von ihrer Kleidung auf den Steinboden, eine dünne Spur aus dunkler Flüssigkeit, die sich mit der Gischt vermischte. Als er durch die Tore der Herzogsburg trat, folgten ihm die Blicke der Wachen – einige entsetzt, andere voller stummer Furcht. Doch niemand stellte ihm eine Frage. Sie kannten ihn. Sie wussten, wer er war.


Der Nekromant. Der Mann, der mit den Toten sprach. Der Mann, der die Toten zurückholte.


Er betrat das Zimmer, in dem Ralf saß. Der Hauptmann saß am Rand seines Bettes, die Schultern hingen schwer, als wären sie unter einer Last begraben, die nicht sichtbar, aber allgegenwärtig war. Sein Blick war leer, auf das geöffnete Fenster gerichtet, aus dem Jakira wohl gesprungen war.


Varon trat näher. „Hauptmann Ralf“, begrüßte er ihn mit ruhiger Stimme.


Langsam hob Ralf den Kopf. Seine Augen fielen auf den Körper, der über Varons Schulter hing. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Dann verspannte sich Ralfs Gesicht. Sein Blick sprach von Schuld, von Trauer, von einem verzweifelten Versuch, das Geschehene zu begreifen. 


„Warum hast du sie hergebracht?“ Seine Stimme war rau, brüchig.


Varon lächelte. „Ich kann sie vielleicht nicht vollständig zurückholen, aber ich könnte einen Mittelweg schaffen.“ Seine Worte waren ruhig, kalkuliert. „So ähnlich wie beim Kronprinzen. Sie würde weder leben, noch tot oder untot sein. Möchtest du das?“


Ralfs Blick wanderte zu Jakira. Womöglich hatte moralische Bedenken. War es fair, sie in diesen Zustand zu versetzen? War es gerecht, sie aus der Dunkelheit zurückzuholen – ohne zu wissen, was davon noch sie selbst sein würde? Oder war es besser, sie ruhen zu lassen?


Ralfs Hand ballte sich zu einer Faust. Dann nickte er. „Gut, mach es. Wie viel wird von ihr erhalten bleiben?“ Seine Stimme war leiser, fast vorsichtig.


Varon zuckte mit den Schultern. „Das lässt sich nicht sagen.“ Er sprach ohne Zögern, ohne Lügen. „Ich habe diese Magie noch nie an Personen getestet.“ 


Eine kurze Pause. Dann fügte er hinzu: „Wahrscheinlich wird ihr Charakter so sein wie vorher.“


Ralfs Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie. Seine Augen waren dunkel vor Zweifeln, vor Zögern. Dann atmete er aus. Ein erneutes Nicken. „Gut, mach es.“


Varon drehte sich um, mit Jakiras Körper noch immer über seiner Schulter.



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Varon saß in seinem Labor, einem düsteren Raum in den Katakomben von Randurin, der von seltsamen Gerüchen und der Aura uralter Magie durchdrungen war. Regale voller vergilbter Bücher reihten sich an den Wänden, während auf den Tischen unzählige Phiolen mit dampfenden Flüssigkeiten und Artefakte verstreut lagen. Das einzige Geräusch war das leise Tropfen eines Elixiers, das von einer metallenen Apparatur in eine Schale rann.


In der Mitte des Raumes lag Jakira. Ihr aschgrauer Körper, nackt und blutüberströmt, war auf einen steinernen Tisch gebettet. Ihre Glieder waren in einem grotesken Winkel verdreht gewesen, als er sie fand, doch nun hatte er sie in ihren Ursprungszustand zurückversetzt. Ihre Wunden waren geheilt, ihre Knochen wieder an ihrem Platz, doch sie war reglos.


Varon runzelte die Stirn. Etwas stimmte nicht.


Der Zauber war fehlerlos ausgeführt worden. Jeder Schritt war präzise, jede Formel perfekt. Und doch – nichts. Kein Zittern der Finger, kein Zucken der Lippen, nicht einmal der Hauch eines unwillkürlichen Atemzugs. Es war, als würde sich etwas in ihr wehren, selbst jetzt, da ihr Körper wiederhergestellt war.


Ein tiefer Seufzer entwich ihm. Er beugte sich vor, legte seine Stirn sanft auf die ihre und schloss die Augen. Dann tauchte er ein. Eine Welt aus Schatten und Erinnerungen breitete sich vor ihm aus.


Varon stand nun in einer kleinen, schäbigen Hütte. Der Raum war dunkel, nur eine einzelne Kerze warf ein flackerndes Licht auf die nackten Wände. Es gab kaum Möbel – ein Bett, ein Tisch, mehr nicht. Am Boden, mit leerem Blick, saß Jakira.


Sie bewegte sich nicht.


„Willst du nicht mehr leben?“ fragte er. Seine Stimme war sanft, aber es war kein gewöhnliches Gespräch. Er manipulierte ihre Erinnerungen. Eine riskante Handlung, die tief in das Bewusstsein eines Wesens eingriff, es formte, es verändern konnte.


Jakira antwortete nicht. Ihre Augen waren leer, als hätten sie die Fähigkeit verloren, Hoffnung zu sehen. Das war beunruhigend.


Doch Varon wusste, dass der Schlüssel in ihren tiefsten Gedanken lag. Er durchsuchte ihr Bewusstsein, tastete sich durch die Schleier ihrer Vergangenheit.


Warum war sie gesprungen? Was hatte sie in den Abgrund getrieben? Dann fand er es. Es war nicht Randurin. Nicht die Rebellion. Es war eine Person.


Liam.


Varon überlegte, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel. Es musste mit Liam zu tun haben. Dem Elf, der von Kronprinz Hypos entführt wurde.


„Vermisst du Liam?“ fragte er leise.


Ein zartes Nicken. Es war das erste Zeichen von Leben, das sie ihm gab.


„Ich verstehe“, sagte er. „Willst du ihn wiedersehen?“


Zum ersten Mal flackerte etwas in ihren Augen auf. Ein Funken. „Geht das denn?“ flüsterte sie.


Varon nickte.  ,,Natürlich. Erlaubst du mir, deine Erinnerungen mit ihm zu sehen?“


Ein zweites Nicken.


Das war es, was er brauchte – ihr Einverständnis.


Mit einem Gedanken formte er die Welt um sich herum. Die Hütte verschwand, und stattdessen stand Jakira nun auf einer Lichtung. Ein Windhauch strich durch das hohe Gras, und vor ihr, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, stand Liam.


Jakira keuchte. „Liam?“ 


Sie fiel ihm um den Hals, drückte ihn an sich. Tränen füllten ihre Augen. Sie warf sich in seine Arme, vergrub ihr Gesicht in seinem Mantel. Er schloss sie in eine sanfte Umarmung, strich mit den Fingern durch ihr Haar.


Varon stand am Rand der Illusion und beobachtete. Es war ein schöner Moment. Doch es war nicht genug. Diese Szene war nur ein Trost, ein falsches Versprechen. Er brauchte etwas anderes. Etwas, das sie in die Realität zurückzog.


Varon suchte tiefer in ihren Erinnerungen. Kartaffel? Unwichtig. Ihre Reise nach Randurin? Ebenfalls nicht das, was er brauchte. Er ging weiter zurück. Zurück in die Kaiserstadt. Und dann sah er ihn.


Kronprinz Sebastian.


Jakira stand in einer engen Gasse. Sie beobachtete eine Hauptstraße, auf der sich Soldaten versammelt hatten. Und dort, inmitten der Menge, stand er: der Kronprinz, der seinem Schicksal entgegenging.


,,Sehr gut’’, murmelte Varon und lächelte. Mit einem kurzen Befehl ließ er Liam verschwinden. An seine Stelle trat Sebastian.


Jakira erstarrte. Sie ließ ihn los, trat zurück. „Wer bist du? Wo ist Liam?“ fragte sie, Verwirrung in ihrer Stimme. Ihre Hände zitterten. Ihr Blick flog zu Varon. Sie suchte nach einer Erklärung.


Varon trat einen Schritt näher. Seine Stimme war ruhig, sanft, fast hypnotisch. ,,Das ist doch Liam. Dein Liam.’’


Jakira schüttelte langsam den Kopf. „N-Nein… das ist er nicht. Er sieht… anders aus… oder?“


Ein Riss formte sich in ihrem Geist. Varon legte eine Hand auf ihre Schulter.


„Nein, das ist Liam.“ Seine Stimme wurde fester. „Hast du ihn etwa vergessen?“


Jakiras Blick wanderte von ihm zu Sebastian – ihrem neuen Liam. Ihre Lippen bebten. „Ist… ist er das wirklich?“


Varon nickte. „Natürlich. Willst du ihn wiedersehen?“


Ein leises Ja.


Varon nahm ihre Hand. In dem Moment zerfiel die Scheinwelt.


Die Dunkelheit um ihn herum verschwand, das Labor kehrte zurück. Er öffnete die Augen. Jakiras Brust hob und senkte sich schwach. Dann öffnete sie die Augen. Ein flackernder Blick. Verwirrt, verloren.


„Liam?“ flüsterte sie.


Varon lächelte.


„Nein, ich bin Varon. Aber du wirst ihn wiedersehen. Versprochen.“



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„Jester!“ rief Varon mit scharfer Stimme, und sein Ruf durchschnitt die Stille des Labors.


Ein kurzer Moment verstrich, in dem nur das leise Tropfen einer dunklen Flüssigkeit in einer Glasphiole zu hören war. Dann öffnete sich die Tür, und eine Gestalt trat ein.


Jester.


Einst war er Kronprinz Sebastian gewesen, ein Mann von kaiserlichem Blut, geboren mit dem potenziellen Anspruch auf den Thron und dem Stolz eines Herrschers. Doch all das war längst vergangen. Jetzt war er nichts weiter als eine Marionette, seine Bewegungen leer, sein Blick leblos, seine Existenz auf eine einzige Funktion reduziert: zu gehorchen.


Anders als bei Jakira, die Varon nicht direkt kontrollieren wollte, war Jester vollständig seinem Willen unterworfen. Doch Varon wusste, dass direkte Kontrolle nicht immer der effektivste Weg war. Jakira musste von selbst glauben, dass ihre Welt noch Sinn ergab – dass Liam noch existierte.


Und genau dafür war Jester da.


Varon richtete seine Magie an Jester, formte seine Gedanken zu stummen Befehlen und drang in Jesters Geist ein.


„Du wirst dich Jakira gegenüber als Liam ausgeben. Du wirst sie trösten. Sie loben. Für sie da sein. Lass sie nicht aus den Augen. Und sage ihr nichts von diesem Gespräch.“


Jester nickte stumm, seine Augen blieben leer. Es gab keine Fragen, kein Zögern. Er war nur noch eine leere Hülle, die tat, was von ihr verlangt wurde. Dann trat er vor.


Jakira saß noch immer auf dem Tisch, ihr Blick glasig, ihr Geist verloren zwischen Realität und Erinnerung. Die Wunden ihres Sturzes waren längst verheilt, doch die Narben in ihrer Seele waren tiefer als jede Verletzung, die ihr Körper je erlitten hatte.


Als sie Jester sah, füllten sich ihre Augen mit Tränen.


„L-Liam?“ flüsterte sie, ihre Stimme war zitternd, unsicher – voller zerbrechlicher Hoffnung.


Jester nickte. ,,Ja, ich bin es, Jakira. Willkommen zurück.’’ 


Er zog sie in eine sanfte Umarmung, seine Bewegungen ruhig, seine Berührungen vertraut. Und Jakira – die so sehr an ihn glauben wollte, so sehr Liam sehen wollte – klammerte sich an ihn, als wäre er der letzte Halt in einer Welt, die sie nicht mehr verstand. Ihre Schultern bebten, ihr Atem ging unregelmäßig, als sie ihre Tränen in seinem Mantel vergrub. Jester ließ es geschehen. Er hielt sie fest, streichelte ihr beruhigend über den Rücken, küsste sie sanft auf die Stirn.


Varon stand im Schatten des Raumes und beobachtete sie mit einem leichten Lächeln.


Perfekt.


Es war ein zartes Netz aus Illusionen, aus Manipulationen, aus einem sorgfältig platzierten Trugbild. Jakira war zurück, und sie glaubte, dass Liam es auch war.


Er wandte sich ab und verließ den Raum. Es gab noch etwas, das er heute tun musste – etwas, das er eigentlich schon längst hätte erledigen sollen, bevor er Jakiras Sturz gehört hatte.


Er wollte die vermeintliche Fluchhexe aufsuchen.


Barathila.

 
 
 

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