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Kapitel 165 - Der Preis eines Fluches

21. März 2025
7 Min. Lesezeit

Varon bewegte sich zielstrebig durch die stillen Gassen des östlichen Randurins. Der Wind trug den salzigen Geruch des nahen Meeres mit sich, und trotz des dichten Nebels wusste er genau, wohin er ging. Seine untoten Vögel hatten den Ort beschrieben – ein verfallener Kräuterladen, scheinbar vergessen von der Zeit. Hier lebte die Frau, die sich selbst Barathila genannt hatte.


Er wollte wissen, ob diese Frau wirklich die Fluchhexe war – oder nur eine Betrügerin.


Er erreichte den kleinen Laden, dessen Fensterläden halb verfallen waren und dessen Tür schief in den Angeln hing. Die Farbe blätterte vom Holz, und das verwitterte Schild über der Tür war kaum noch lesbar. Er legte die Hand auf die Klinke und öffnete sie mit einem leisen Knarren.


Der Geruch von Staub, getrocknetem Holz und altem Rauch schlug ihm entgegen. Der Innenraum war dunkel, fast vollständig im Schatten versunken. Früher war dies eindeutig ein Kräuterladen gewesen – die Regale an den Wänden deuteten darauf hin – doch sie waren leer, von Spinnweben durchzogen, als hätte sich seit Jahren niemand mehr hier aufgehalten. Der Boden war mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Keine frischen Fußspuren. Keine Bewegung. Und doch… Varon spürte es.


Und dann sah er sie.


In der hintersten Ecke, auf einem alten Holzstuhl, saß eine Frau. Alt, gebeugt, in einen dunklen Umhang gehüllt. Ihr Gesicht war von Falten durchzogen, doch ihre Augen… ihre Augen leuchteten wie geschliffene Splitter aus Stahl. Sie lächelte.


„Warum störst du mich, Nekromant?“ fragte sie. Ihre Stimme war sanft wie eine alte Melodie – und doch lag ein dunkles Raunen darin, etwas, das an das Rauschen toter Wälder erinnerte.


Varon trat einen Schritt näher, musterte sie mit wachsamem Blick. Dass sie ihn erwartet hatte, war ungewöhnlich. Beunruhigend. 


,,Ich möchte, dass du mir verrätst, ob du damals den Namen ,Barathila’ nur benutzt hast, um mich zu irritieren, oder ob du wirklich die Fluchhexe bist.’’


Die Alte neigte leicht den Kopf. „Hat der kleine Junge, der die Wärme des Lebens nicht versteht, etwa Angst?“ Ihre Stimme klang nun spöttisch, aber nicht höhnisch. Sie sprach, als wüsste sie mehr über ihn, als er selbst zuzugeben bereit war. „Beunruhigt ihn, dass es etwas geben könnte, das er nicht kontrollieren kann?“


Varons Blick verengte sich. Ihre Worte waren gut gewählt. „Antworte“, sagte er. Ruhig, aber mit Nachdruck.


Die Frau lehnte sich zurück, legte die knochigen Hände auf ihre Knie. Ihre Augen verloren nichts von ihrer Schärfe. „Was willst du von einer alten Hexe, die beschlossen hat, der Welt den Rücken zu kehren?“


Er lächelte kühl. Die Art, wie sie sprach, wie sie ihn las, wie sie Magie in ihrer bloßen Präsenz atmen ließ – all das ließ seine Zweifel schwinden. Sie war es. ,,Ich möchte, dass du jemanden für mich verfluchst.’’


Das Lächeln verzog sich zu etwas anderem – einer Fratze, halb amüsiert, halb finster. ,,Und warum sollte Barathila das tun?’’


Varon trat näher, die Luft um ihn wurde kälter, sein Blick härter. „Weil ich sonst die Kinder, die du geschützt hast, zu Untoten mache. Ich kann sie tanzen lassen. Sie werden dir jede Nacht die Knochen in den Schlaf singen.“


Ein Moment der vollkommenen Stille. Dann wich das Lächeln aus dem Gesicht der Hexe. Ihre Augen wurden hart. Ihre Lippen zitterten nicht vor Angst, sondern vor Zorn und – ja, auch Trauer.


„Du hast wirklich keinen Funken Menschlichkeit in dir“, sagte sie leise. Doch ihre Stimme hallte im Raum nach, als wäre sie schwerer geworden. „Was ist dir widerfahren, dass du so geworden bist? Oder…“ – sie beugte sich leicht vor – „…warst du schon immer so? Unfähig, Teil von dem zu sein, was du heimlich ersehnst und doch verachtest?“


Varons Gesicht blieb regungslos, doch innerlich stieß etwas in ihm gegen ihre Worte. Er schüttelte den Kopf, als wollte er Gedanken vertreiben, die er nicht denken wollte. „Das ist irrelevant. Entscheide dich, Hexe.“


Barathila stand langsam auf. Ihre Bewegungen waren geschmeidig, ohne Zittern – nicht die einer gebrechlichen Frau, sondern die eines Wesens, das seine Zeit in Ruhe verbrachte. Sie blickte ihn an, mit einer Ruhe, die keine Angst kannte. ,,Mein Name ist Barathila, Tochter des Zil, auch bekannt als die Fluchhexe.’’



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Varon spürte, wie sich ein seltsames, beunruhigendes Gefühl in seinem Inneren ausbreitete. Es kroch langsam durch seine Adern, schlich sich in seine Gedanken wie kalter Rauch, der durch die Ritzen eines geschlossenen Fensters dringt. Er war ein Mann, der den Tod kannte, der sich von Dunkelheit nicht einschüchtern ließ – und doch. Barathila hatte einen Namen ausgesprochen, der ihm einen Schauer über den Rücken jagte.


Zil.


Er konnte ihn nicht zuordnen, und dennoch hallte er in ihm nach wie ein Echo aus einer Welt, die älter war als Sprache. Der Klang dieses Namens war wie schwarzer Nebel – träge, tief und unheimlich still. Eine Silbe, die schwerer wog als ihre Buchstaben.


Barathila trat näher. Sie hatte es bemerkt, das Flackern in seinen Augen, den winzigen Moment des Zögerns. Leise, beinahe zärtlich, begann sie zu kichern. „Hat der Mann, der die Toten beherrscht, etwa Angst vor der Dunkelheit?“ Ihre Stimme war ein Flüstern, aber sie schien die Luft selbst zu durchbohren.


Varons Hände ballten sich zu Fäusten. Er ließ sich nicht provozieren, auch wenn ihre Worte sich anfühlten, als würden sie sich in seine Gedanken graben. 


Barathila trat einen Schritt zurück und blickte ihm lange in die Augen, ihre Miene nun wieder ruhig, beinahe sanft. ,,Wen soll ich für dich verfluchen?’’


Varons Miene glättete sich, und langsam begann sich ein Lächeln auf seinen Lippen zu formen. Es war ein kaltes Lächeln, nicht erfreut, sondern berechnend. „Ich möchte, dass du Yang verfluchst“, sagte er leise. „Die Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger.“


Barathilas Augen glänzten plötzlich heller. Sie schien nicht überrascht, sondern… interessiert. Fast amüsiert. „Du verfluchst diese Frau. Interessant… durchaus interessant“, murmelte sie, während sie sich langsam zur Seite wandte.


Sie griff in eine Tasche ihres dunklen Umhangs und zog einen alten Pinsel hervor. Die Borsten waren hart, von Zeit und Magie gezeichnet, und sie begann damit, einen Zirkel aus Linien, Runen und Symbolen auf den staubigen Holzboden zu malen. Ihre Bewegungen waren ruhig und flüssig, fast tänzerisch. Varon beobachtete sie schweigend.


Als sie zu sprechen begann, änderte sich die Atmosphäre im Raum sofort. „In den Schatten der Nacht, im Licht der Sonne, im Atem des Windes, in der Strömung des Wassers, in der Hitze des Feuers, in den Festen der Erde…“


Ihre Stimme war leise, aber mit jeder Silbe durchdringender, getragen von einer uralten Melodie, die sich nicht nach Gesang, sondern nach einem archaischen Ruf anfühlte.


„Barathila ruft dich, uralte Fluchkraft. Entfessel abermals deinen Hass und zehre dich am Leid. Dein Ziel heißt Yang. Gehorche mir, Wille der Vergangenheit, und führe diese Person zum ewigen Schwarz.“


Der Zirkel auf dem Boden begann zu leuchten – nicht hell, sondern in einem dunklen Violett, das sich wie Tinte über den Boden zog und dabei ein kaltes Licht ausstrahlte, das sich fremd anfühlte. Der Raum wurde schlagartig kälter. Nicht wie Winterkälte – sondern wie die Kälte, die in einem Grab herrscht. Sie schlich sich unter die Haut, durchdrang jede Schicht. Selbst Varon, der sonst ungerührt blieb, musste den Atem kurz anhalten.


Ein leiser Wind fuhr durch den Raum. Dann, genauso plötzlich, wie es begonnen hatte, erlosch das Leuchten. Der Zirkel verblasste, als wäre er nie dort gewesen.


Barathila blickte auf und sah Varon mit funkelnden Augen an. ,,Bist du zufrieden?’’


Varon nickte leicht, ein kaltes Lächeln legte sich auf seine Lippen. ,,Ich danke dir, Fluchhexe.’’


Dann zog er ohne zu zögern einen kleinen Dolch aus seinem Mantel. Eine Bewegung, so schnell wie seine Entscheidung. Er stach zu. Die Klinge fuhr in den Hals der alten Frau. Ihr Körper zuckte leicht, als das Blut hervorschoss und über ihre Kleidung sowie den alten Holzboden rann. Doch in ihren Augen lag kein Schock, kein Zorn. Nur etwas, das Varon irritierte.


Erleichterung.


Sie sackte zu Boden, langsam, fast würdevoll. Ihre Augen schlossen sich halb, und ihr Atem wurde flach. Varon sagte nichts. Er wandte sich ab, bereit, die Hütte zu verlassen. Doch in dem Moment, als er die Hand an die Tür legte, hörte er erneut ihre Stimme.


Leise.


Brüchig.


Und doch seltsam kraftvoll.



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„Uralte Fluchkraft, nimm meinen Geist als Opfer. Ich verfluche den Mann, der mir mein Leben entrissen hat. Sein Name ist Varon – und er wird einen grausamen Tod sterben.“


Die Worte hallten durch den Raum wie ein uraltes Echo, so klar, so deutlich, als wären sie direkt in Varons Geist gebrannt worden. Für einen Moment stand die Zeit still. Er wirbelte herum. Barathila lag noch immer dort, wo er sie zurückgelassen hatte – leblos, ihr Körper zusammengesunken, das Blut sickerte in das Holz unter ihr. Doch ihre Lippen waren geschlossen. Regungslos. Kein Laut kam mehr aus ihr. Und doch hatte er sie gehört.


Er trat hastig zu ihr, ging in die Hocke, legte zwei Finger an ihren Hals. Kein Puls. Nichts. Unmöglich.


Varon knurrte leise, konzentrierte sich, ließ sein Mana in sie strömen, ein Strom dunkler Energie. Er wollte sie zurückholen – nicht, weil er sie als potenzielle Dienerin sah, sondern weil er Antworten wollte.


Er wollte wissen, was sie getan hatte. Und wie man es rückgängig machte. Doch es geschah nichts. Nicht der kleinste Widerstand, nicht die geringste Resonanz. Ihr Körper blieb tot. Varons Augen verengten sich. Sowas hatte er noch nie erlebt. Nicht einmal der Urdrache Juka hatte sich seiner Kontrolle entzogen.


Ein kalter Schauder kroch seinen Nacken hinab. War es möglich, dass er… Dass sie wirklich...


Er fluchte laut, seine Stimme hallte in der leeren Hütte wider. Hatte er sich die Worte nur eingebildet? War es sein Unterbewusstsein gewesen, das sich in seiner Vorstellung eine letzte Warnung zusammengesponnen hatte? Aber sie war so deutlich gewesen. Und ihre Stimmbänder… sie waren durchtrennt. Niemand konnte in so einem Zustand sprechen.


Oder?


Er trat zurück, sein Blick noch einmal auf die leblose Gestalt am Boden gerichtet. Dann wandte er sich ab und verließ die Hütte, die Tür fiel krachend hinter ihm zu Boden.


Die Luft draußen war kalt, ein schneidender Wind fuhr durch die Straßen von Randurin. Varon zog den Mantel enger um sich, doch es war nicht die Kälte, die ihn frösteln ließ.


,,Scheiße…’’


Das Wort entglitt ihm, unkontrolliert, zwischen den Zähnen hindurch. Er wollte sich wieder fangen, doch seine Gedanken blieben bei Barathila. Hatte sie ihn wirklich verflucht? Und wenn ja… was bedeutete das? Er wusste um die Geschichten. Die Flüche der Fluchhexe galten als unausweichlich. Es hieß, sie kämen wie der Tod selbst – langsam, unaufhaltsam, und niemand konnte sagen, wann oder wie sie zuschlagen würden.


Ein Knacken auf dem Kopfsteinpflaster ließ ihn aufsehen. Ein Mann kam ihm entgegen – groß und dünn, mit feinen Schuppen, die unter einem hellen Reisemantel hervorblitzten. Ein Drachar.


„Bist du Varon?“ fragte er knapp, seine Stimme war kratzig.


Varon nickte langsam. „Und du bist?“


„Gendri. Ich bin Teil der Einheit der Prinzessin. Es gibt eine Lagebesprechung in der Herzogsburg. Du wurdest beordert.“ 


Varon musterte ihn kurz, dann nickte er erneut. „Gut. Lass uns gehen.“


Sie setzten sich in Bewegung, der Drachar schritt zügig voran. Doch Varon ging mit schweren Schritten. Sein Blick blieb wachsam, doch sein Geist war weit entfernt.


Barathila.


Zil.


Der Fluch.


Ein Gedanke bohrte sich in ihm fest: Er hatte einen Fehler gemacht.

 
 
 

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