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Kapitel 166 - Ein Wunsch geformt aus Schuld & Hoffnung

Das linke Bein von Ralf schmerzte. Die Wunde, die ihm Jakira zugefügt hatte, war zwar von Marry notdürftig versorgt worden, doch das Knie war noch weit davon entfernt, wieder voll belastbar zu sein. Der Schmerz war dumpf und bohrend, ein stetiger Begleiter – und zugleich eine unausweichliche Erinnerung an den verzweifelten Versuch, sie aufzuhalten. An das, was danach geschehen war, dachte er ungern, aber es ließ sich nicht abschütteln.


Trotzdem ließ er sich nichts anmerken. Er war ein Soldat, geprägt von Pflichten, Loyalität und eiserner Disziplin. Verantwortung war nichts, das man ablegen konnte, nur weil der Körper schmerzte.


Sein Blick wanderte durch den Versammlungsraum der Herzogsburg – ein kühler, steinerner Saal, der einst Macht und Ordnung symbolisiert hatte. Nun war er Treffpunkt der Rebellion, und das schwere Licht der tiefhängenden Kronleuchter schien auf Gesichter, die entschlossen, erschöpft und doch wachsam wirkten.


Ralf saß an der Seite, neben ihm Azoph und Varon. Ihm gegenüber hatten Prinzessin Nara, ein Mann mit schwarzen Augen, die in der Dämmerung wie polierte Diamanten wirkten, und ein Drachar mit weißem Mantel Platz genommen. Die Spannung im Raum war spürbar, ein unsichtbares Netz aus Erwartung und Vorsicht, das sich über jeden der Anwesenden legte. Doch unter der Oberfläche dieser Anspannung lag auch etwas anderes: Entschlossenheit.


Sie alle wussten, warum sie hier waren.


Nara ergriff das Wort, ihre Stimme klang ruhig, aber klar, mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die sich ihrer Rolle bewusst war. „Ihr habt gute Arbeit geleistet, Ralf. Ich habe gehört, dass du in Liams Abwesenheit das Kommando übernommen hast?“


Ralf nickte. „Das stimmt. Nach Liams Verschwinden bin ich eingesprungen. Ich nehme an, du möchtest nun die Führung übernehmen, Nara?“


Er sprach sie bewusst mit ihrem Namen an, ohne Titel. Nicht aus Respektlosigkeit, sondern weil er sich an das hielt, was Liam über die Philosophie des Schwarzen Sterns gesagt hatte: Hier zählten nicht Titel, sondern das, was man tat.


Nara lächelte schwach. Es war kein herablassendes Lächeln, sondern eines, das Anerkennung zeigte. „Nein. Ich finde, du füllst deinen Posten gut aus. Du kennst die Stadt, du hast sie gehalten – du wirst auch weiterhin das Kommando über Randurin führen. Das ist deine Aufgabe.“


Ihr Blick glitt zu Azoph und Varon. „Und wer sind deine beiden Begleiter? Liam hat mir nichts von ihnen erzählt.“ Ralf räusperte sich. Dies war der heikle Teil. Er wusste nicht, wie Nara auf Varon reagieren würde – und auf das, was er zu berichten hatte.


„Azoph“, sagte er, und deutete auf den Drachar, „hat sich nach der Eroberung der Stadt früh für uns eingesetzt. Er hat sich als mein Stellvertreter bewährt, loyal und klug.“


Dann atmete Ralf tief durch.


„Und das hier ist Varon“, fuhr er fort. „Er hat die Stadt mit seinen Untoten angegriffen. Nicht, um uns zu vernichten, sondern um unsere Stärke zu testen. Seine Bedingung für die Unterstützung ist einfach: Er will das Kaiserreich stürzen – wenn im Gegenzug die Nekromantie als normale Magieform anerkannt wird.“


Naras Augen verengten sich nur leicht, ein kurzer Ausdruck von Argwohn. Sie drehte sich zu dem Mann mit den obsidianschwarzen Augen. „Was sagst du, Atorm?“


Der Angesprochene wandte den Blick zu Varon. Sein Gesicht zeigte keine Regung, keine Spur von Emotion. Er sprach leise, aber mit einer Klarheit, die keinen Zweifel ließ. „Er ist stark und nützlich. Wenn er uns verrät, kann ich ihn in wenigen Sekunden töten.“


Ralf warf Varon einen kurzen Blick zu. Er hatte mit einer Reaktion gerechnet – mit Arroganz, Empörung oder zumindest einem stillen Grollen. Doch der Nekromant wirkte… abwesend. Seine Augen waren glasig, seine Gedanken offensichtlich weit weg. Er schien nicht einmal gehört zu haben, wie gerade über ihn gesprochen wurde.


Nara ignorierte es.


„Gut“, sagte sie schließlich. „Dann ist das vorerst kein Problem.“ Sie wandte sich Azoph zu. „Würdest du mir einen Bericht über den aktuellen Zustand der Stadt geben?“


„Sehr wohl, Prinzessin“, erwiderte Azoph sofort und zog einen Zettel aus seiner Tasche. Er begann sich Notizen zu machen, während Nara langsam aufstand und zur großen Karte an der Wand trat.


Die Karte zeigte Randurin und das umliegende Herzogtum – mit roten, grünen und schwarzen Markierungen, die strategische Punkte, feindliche Bewegungen und offene Fragen zeigten.


Nara verschränkte die Arme vor der Brust, betrachtete die Markierungen schweigend. Dann, verkündete sie mit fester Stimme: 


„Dann planen wir jetzt den nächsten Schritt.“



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„Soweit unsere Informationen reichen, plant das Kaiserreich eine vollständige Blockade von Randurin“, begann Nara mit ernster Stimme. Ihre Worte füllten den Versammlungsraum der Herzogsburg mit einer Schwere, die nicht zu überhören war. Alle Augen richteten sich auf sie, jeder im Raum spürte, dass dies keine gewöhnliche Lagebesprechung war – es ging um den Fortbestand ihrer Bewegung.


„Zum einen wollen sie im Landesinneren die Städte Amarilles, Vanatorita und Grun massiv befestigen. Geplant ist ein Verteidigungswall, der sich wie eine Linie aus Stein und Holz zwischen diesen Städten zieht – ein Bollwerk, das jede Bewegung von uns unterbinden soll. Zum anderen bereiten sie eine umfassende Seeblockade vor. Ziel ist es, uns vollständig abzuschneiden – sowohl von Nachschub als auch von potenziellen Verbündeten.“


Während sie sprach, wanderte ihr Blick über die Anwesenden. Ihre Augen ruhten einen Moment länger auf Ralf, als wolle sie sicherstellen, dass er die Tragweite dieser Entwicklung begriff. Doch auch Azoph, Varon, Atorm und der still sitzende Drachar blieben nicht unbeachtet. Jeder in diesem Raum musste verstehen, was auf dem Spiel stand.


„Die Seeblockade werden wir nicht verhindern können“, fuhr sie fort. „Dafür fehlt uns sowohl die Seeflotte als auch die Zeit, eine zu organisieren. Aber wir dürfen nicht aufgeben. Ich habe einen anderen Plan. Einen riskanten, aber notwendigen: die Eroberung der drei Städte. Wenn wir Amarilles, Vanatorita und Grun einnehmen, sichern wir nicht nur dieses Gebiet – wir gewinnen auch immense Ressourcen, strategische Positionen und, was noch wichtiger ist, neue Unterstützer in der Bevölkerung.“


Ralf nickte langsam. Der Gedanke war riskant, aber er war nicht unmöglich. Wenn sie dem Kaiserreich zuvorkommen wollten, mussten sie agieren – nicht reagieren. Eine Offensive war in dieser Situation keine Flucht nach vorn, sondern ihre einzige Chance.


„Und wer wird damit betraut?“ fragte er schließlich. Seine Stimme war ruhig, aber es lag ein Hauch von Spannung darin – das Wissen, dass diese Entscheidung Leben kosten würde. Vielleicht auch seines.


Nara blickte kurz zu ihm, dann zu Atorm. Der Mann mit den unergründlich dunklen Augen gab keine Reaktion von sich. Schließlich antwortete sie: „Ich habe mich noch nicht entschieden. Wir werden das in den nächsten Tagen festlegen. Im Moment... muss ich mich etwas erholen.“


Ralf wollte etwas entgegnen, hielt sich jedoch zurück, als sein Blick auf ihre Kehle fiel. Die Haut dort wirkte schwarz, leblos, als hätte sich ein Schatten dauerhaft in ihren Körper gebrannt. Die Verletzung wirkte nicht wie eine gewöhnliche Narbe – sie sah fremdartig aus, fast wie aus einer anderen Ebene der Realität. „Was ist das für eine Verletzung?“ fragte er schließlich, vorsichtig.


Ein leises Seufzen entwich Nara. Für einen Moment wirkte sie weniger wie die entschlossene Anführerin der Rebellion und mehr wie eine Frau, die zu viel überlebt hatte. „Atorm hat mich gerettet“, antwortete sie leise. „Ich wäre sonst gestorben. Diese… Veränderung ist die Folge der Heilung.“


Ralf warf Atorm einen Blick zu. Der Mann bewegte sich nicht, sein Gesicht blieb reglos. Er wirkte wie eine Statue, unnahbar und vollkommen unbeeindruckt. Dass ausgerechnet er jemandem das Leben retten konnte, schien widersprüchlich – aber offensichtlich war es geschehen. Ralf stellte keine weiteren Fragen. Er wusste, dass manche Dinge besser im Unklaren blieben, solange sie funktionierten.


„Für heute soll das reichen“, sagte Nara und erhob sich langsam. Ihre Bewegungen waren vorsichtig, als koste jede Geste Kraft. „Azoph, ich erwarte deinen Bericht morgen früh.“


Mit diesen Worten verließ sie die Runde.


Varon erhob sich als erster. Er sagte nichts, sah niemanden an und verließ den Raum mit lautlosen Schritten, als hätte ihn das Gesagte nicht im Geringsten interessiert. Ralf beobachtete ihn einen Moment, ehe er selbst aufstand. Sein Bein schmerzte bei der Bewegung, aber er ignorierte es. Es gab Wichtigeres. Er wusste, dass er mit Varon reden musste.


„Varon!“ rief er ihm hinterher. Seine Stimme war fest, aber nicht feindselig. „Warte kurz. Ich will mit dir reden.“



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Varon blieb stehen und drehte sich langsam zu Ralf um. In seinem Gesicht spiegelte sich etwas, das Ralf zuvor noch nie an ihm gesehen hatte – ein Hauch von Unruhe, vielleicht sogar ein Anflug von Schuld. Es war kein offenkundiger Ausdruck, nichts, das ein Außenstehender sofort bemerkt hätte. Aber Ralf war geübt darin, Menschen zu lesen, und auch wenn Varon kein einfacher Mann war, so war da für einen winzigen Augenblick etwas in seinem Blick, das aus dem inneren Gleichgewicht geraten war.


Doch Ralf entschied sich, nicht nachzuhaken. Zumindest noch nicht. Es gab Wichtigeres – Dinge, die zu groß waren, um sie mit Andeutungen zu verschwenden.


„Wie steht es um Jakira?“ fragte er schließlich, mit ruhiger, kontrollierter Stimme. Doch unter der Oberfläche lag ein feiner Riss, ein kaum hörbarer Unterton aus Sorge und etwas, das nahe an Hoffnungslosigkeit grenzte. „Konntest du sie wieder ins Leben holen?“


Varon zögerte. Nicht lang, aber lang genug, dass Ralf es bemerkte. Es war ein Zögern, das nicht aus Unsicherheit kam, sondern aus dem Abwägen, wie viel Wahrheit er zumuten konnte – oder wollte. Dann sprach er. Seine Stimme war ruhig, beherrscht, wie immer.


„Ja. Ich konnte sie zurückholen. Zumindest… körperlich.“ Er machte eine kurze Pause, als suche er nach den richtigen Worten. „Aber es ist nicht ganz so verlaufen, wie ich es erwartet hatte. Etwas in ihr scheint… beschädigt. Ihre Erinnerungen, ihre Wahrnehmung. Sie hält Jester für Liam. Sie klammert sich an ihn, als wäre er derjenige, den sie liebt.“


Ralfs Atem stockte, seine Gedanken wirbelten. Das war nicht das, was er hatte hören wollen. Nicht das, was er gehofft hatte. Jakira lebte – aber nicht als die, die sie gewesen war. Sie lebte in einer Illusion, gefangen in einer Lüge, die jemand anders für sie erschaffen hatte. Eine Welt, die sich wie Trost anfühlte, aber in Wahrheit nur ein Schatten war.


Ein Knoten bildete sich in seiner Brust, schwer und drückend. Es war nicht nur Trauer, sondern auch Schuld. Er hatte gewollt, dass Varon sie zurückholt. Er hatte das befürwortet. Und jetzt?


„Ich denke, es ist im Moment das Beste, wenn wir ihr diese Illusion lassen“, fuhr Varon fort, seine Stimme klang gleichgültig, beinahe nüchtern. „Zumindest bis sie selbst beginnt, Fragen zu stellen – oder bis wir einen Weg finden, ihre Erinnerungen wieder zu ordnen.“


Die Worte prallten an Ralf ab, als wären sie aus Stein gemeißelt. Es war schwer, sie zu akzeptieren. Zu begreifen, dass die Frau, der er helfen wollte, nun in einem Zustand existierte, der wie Leben aussah – aber nicht wirklich Leben war.


„Wie stehen die Chancen?“ fragte Ralf. Seine Stimme war nun leiser, brüchig, als müsste er sie durch einen dichten Nebel hindurch formen. Er wollte Hoffnung hören, irgendeinen Anker, an dem er sich festhalten konnte.


Doch Varon zuckte nur leicht mit den Schultern. „Das kann ich nicht sagen. Es ist… komplizierter, als ich dachte. Ich werde weiter forschen. Vielleicht finden wir einen Weg, aber ich kann dir nichts versprechen.“


Ralf nickte langsam. Es war ein schwermütiges, schweres Nicken. Eines, das eher Ausdruck der Resignation war als des Verständnisses. Er wusste, dass Varon tun würde, was er konnte – aber es war die Art der Hilfe, die einen hohen Preis forderte. Vielleicht zu hoch.


„Mach das…“ flüsterte er schließlich. Seine Stimme war kaum hörbar. Und doch war in diesem einen Satz so viel Gewicht, so viel unausgesprochene Angst, dass es den ganzen Flur zwischen ihnen füllte.


Varon sah ihn noch einen Moment lang an, als wolle er etwas hinzufügen. Vielleicht eine Erklärung, vielleicht eine Entschuldigung – oder nur ein Versuch, etwas Menschliches zu sagen. Doch er entschied sich dagegen.


„Gibt es sonst noch etwas, Hauptmann?“ fragte er stattdessen. Seine Stimme war wieder kühl, sachlich, fast distanziert.


Ralf schüttelte den Kopf. „Ich brauche Ruhe.“


Varon nickte nur, dann wandte er sich ab und verschwand lautlos in den Korridoren der Burg.


Ralf blieb allein zurück. In seinem Bein pochte der Schmerz, doch der, der in seiner Brust saß, wog ungleich schwerer.



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Als Ralf sein Zimmer erreichte, fiel er schwer auf das Bett, das unter seinem Gewicht leise knarrte. Der Stoff seiner Kleidung war noch kalt von der feuchten Luft draußen, seine Glieder müde vom langen Tag, doch es war nicht der Körper, der ihm am meisten zusetzte. Es war sein Geist – rastlos, gehetzt, von einer Flut aus Schmerz, Trauer und nagender Schuld durchdrungen, die ihm jede Ruhe raubte. Er lag still da, doch in seinem Inneren tobte ein Sturm, der keine Pause kannte.


Unaufhaltsam kehrten seine Gedanken immer wieder zu Jakira zurück. Zu ihrem Blick, ihrem gebrochenen Ausdruck, und jenem entsetzlichen Moment, in dem sie sich aus dem Fenster gestürzt hatte. Er sah es immer wieder vor sich – ihre Silhouette gegen den schwarzen Himmel, den Schrei, der in der Nacht verhallte, das Geräusch, als sie auf die Felsen prallte. Er hatte weggesehen, doch sein Inneres hatte jedes Detail aufgezeichnet, und jetzt spielte es sich ab wie ein Fluch, Bild für Bild, Atemzug für Atemzug.


Sie hatte dieses Schicksal nicht verdient. Jakira war nicht einfach irgendeine Kämpferin gewesen – sie war mehr. Eine Frau, gezeichnet von einem Leben voller Gewalt, Missbrauch und Einsamkeit, und doch war sie aufgestanden, hatte gekämpft, hatte anderen vertraut, obwohl man ihr so oft bewiesen hatte, dass Vertrauen gefährlich war. Sie war stark gewesen, mutig, loyal bis zuletzt. Und trotzdem hatte sie geglaubt, dass sie nichts mehr wert war. Dass sie keinen Platz in dieser Welt hatte.


Ralf verfluchte sich dafür, dass er sie nicht hatte retten können. Wenn er nur schneller reagiert hätte. Wenn er sie besser verstanden, mehr auf sie zugegangen wäre. Wenn er das Richtige gesagt, das Richtige getan hätte – vielleicht hätte sie sich dann nicht so verloren gefühlt. Vielleicht hätte sie sich nicht von der Dunkelheit verschlingen lassen. Doch er hatte versagt, und dieser Makel würde ihn für den Rest seines Lebens begleiten.


Gleichzeitig wusste er, dass ihre Entscheidung nicht nur aus Verzweiflung getroffen worden war – sondern auch aus einer tiefen, traurigen Überzeugung. Sie hatte gedacht, niemand brauche sie mehr. Dass Liam tot sei, dass ihr Zweck erfüllt war. Und obwohl Ralf wusste, dass es falsch war, konnte er diese Überzeugung nicht verurteilen. Denn er verstand sie. Vielleicht zu gut.


Seitdem hatte er kaum noch geschlafen. Die Nächte waren lang und leer, erfüllt von ihren Schatten. Die Schuld war nicht nur sein Begleiter, sie war seine Strafe.


Wie würde es Liam damit gehen? Ralf konnte es nur ahnen. Doch er war sich sicher, dass der Elf daran zerbrechen würde, wenn er von Jakiras Tod erfuhr. Die beiden hatten sich gebraucht, mehr als sie es je in Worte gefasst hatten. Vielleicht hatten sie es selbst nie wirklich verstanden. Liam, mit seiner Zerrissenheit, seinem stillen Leid. Jakira, mit ihrer verzweifelten Suche nach Wert und Anerkennung. Sie hatten sich gegenseitig gestützt, auf eine fragile, beinahe zerbrechliche Weise – und jetzt war einer von ihnen verschwunden und die andere lebte in einer Illusion.


Eine Illusion, die Varon geschaffen hatte.


Ralf verstand, warum er es getan hatte. Vielleicht war es sogar notwendig gewesen, um Jakira zurückzuholen. Aber das bedeutete nicht, dass es richtig war. Was Jakira jetzt durchlebte, war kein Leben – es war ein Trugbild, ein Traumkäfig, in dem sie nicht wachsen, nicht heilen konnte. Es war eine Beruhigung für ihre verletzte Seele, nicht die Wahrheit, die sie verdiente.


Und dann kam der Gedanke.


Er drängte sich nicht mit Gewalt in sein Bewusstsein – nein, er formte sich langsam, fast schleichend, wuchs aus dem Schmerz und der Schuld, wurde von der Erinnerung genährt und von der Hoffnung getrieben. Es war keine rationale Idee. Es war ein Entschluss, geboren aus dem tiefsten Wunsch, etwas wiedergutzumachen, was womöglich nicht mehr gutzumachen war.


Er würde Liam retten, wenn er noch lebte.


Wo auch immer Hypos ihn gefangen hielt, wie stark auch immer die Wachen, wie tödlich auch immer das Terrain – es war egal. Ralf würde ihn finden. Und wenn er dabei sterben würde, dann wäre es ein gerechter Preis für das, was er Jakira schuldig war.


Und Jakira?


Er würde sie mitnehmen. Er würde sie zurückholen – aus dem Nebel, aus der Lüge, aus diesem trägen Stillstand, in dem sie nur ein Echo ihrer selbst war. Er würde ihr zeigen, dass sie mehr war als ein Werkzeug, dass sie mehr war als das, was andere aus ihr gemacht hatten. Dass sie leben konnte – und leben durfte – mit all dem Schmerz, mit all den Narben, aber auch mit Hoffnung.


Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Der Schmerz in seinem Knie war fast vergessen. Es zählte nur noch dieser eine Gedanke. Diese eine Entscheidung, die ihn innerlich aufrichtete, ihm wieder eine Richtung gab.


Leise, doch mit fester Stimme, sprach er es aus. Nicht für andere – nur für sich selbst. Und doch war es ein Schwur.


,,Ich gehe Liam retten. Und Jakira werde ich mitnehmen.’’

 
 
 

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