Kapitel 167 - Die Antwort, die er nicht hören wollte
- empirewebnovel
- 24. März 2025
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—GAREE—
Ein lautes Gähnen, rau und langgezogen, ließ Jamall schlagartig aus seinem Schlaf aufschrecken. Noch halb zwischen Traum und Realität, blinzelte er gegen das grelle Sonnenlicht, das sich unbarmherzig über die zerklüfteten Bergketten ergoss. Der neue Tag war angebrochen, golden und kühl zugleich, und mit ihm der letzte Abschnitt ihrer langen Reise. Über ihm erhoben sich die Sternenklingen – drei gewaltige Bergspitzen, die in schwindelerregender Höhe ineinander verwoben zu sein schienen, als hätten Götter selbst sie geformt.
Heute Abend würden sie ihr Ziel erreichen. Heute würde Jamall das Schwert der Fünf Monde in den Händen halten – die legendäre Waffe. Und mit ihr würde endlich der Tag kommen, an dem er Leyla töten konnte.
Langsam setzte er sich auf, sein Körper steif vom harten Boden und den kalten Nächten, die sie in dieser rauen Bergwelt verbracht hatten. Er tätschelte sanft die silbernen Schuppen von Bruno, dem Halbdrachen, dessen Atem in dampfenden Schwaden in die Morgenluft stieg.
Sein linker Arm, der vor einigen Tagen noch gebrochen war, fühlte sich inzwischen beinahe normal an. Eine Heilerin eines abgeschiedenen Bergvolks hatte ihn versorgt. Der rechte jedoch – jener Arm, den er laut Bournadette am Turm des Weisen verloren hatte – war nicht zurückgekehrt. Er war fort, unwiederbringlich, ein Opfer, das er nicht mehr rückgängig machen konnte.
Er erinnerte sich nicht an das Kaiserreich, aus dem er angeblich stammte. Der Name bedeutete ihm nichts – klang vage, wie aus einem Traum, in dem man nur die Umrisse sieht, aber niemals die Gesichter. Bournadette war seine Verbindung zu diesem verschwundenen Leben, und Stück für Stück hatte sie ihm geholfen, die fehlenden Fragmente zu rekonstruieren. Er wusste nicht, ob sie wahr waren. Vielleicht waren sie es nicht. Vielleicht war es auch egal.
Am Anfang hatte er alles wissen wollen. Wer war er gewesen? Hatte er eine Familie? Einen Namen, der mehr bedeutete als „Jamall“? Gab es einen Ort, den er Heimat nennen konnte? Doch je weiter die Reise ging, je tiefer sie in die Berge vordrangen, desto mehr verblassten diese Fragen. Sie waren nicht relevant.
Es zählte nur noch das Schwert.
Mit dem Schwert der Fünf Monde kann man selbst die stärksten Wesen erschlagen – selbst eine Naturgewalt wie Leyla. Damit würde er sie vernichten können. Sein Hass war stark und unvergänglich. Das reichte, um weiterzugehen.
Bournadette lag neben ihm, ihr Atem ruhig, fast lautlos. Ihre kurzen, blonden Locken waren ihr über die Stirn gefallen, und für einen Moment ließ Jamall den Blick auf ihr ruhen. In den vergangenen Wochen war sie mehr geworden als nur seine Weggefährtin. Nicht ganz eine Freundin, doch auch nicht mehr nur eine fremde Begleiterin. Etwas dazwischen. Jemand, der ihn am Leben hielt – aus welchen Gründen auch immer.
Dann wandte er sich ab. Er stand auf, streckte seinen Rücken und trat näher an den Abgrund der Klippe. Der Wind hier oben war stark, bissig, aber klar. Er blickte über die Gipfel, auf denen das Sonnenlicht funkelte wie auf erstarrten Wellen aus Stein.
Heute Abend.
Heute Abend würde er das Schwert erreichen. Und dann würde alles anders sein.
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Nach einigen Minuten regte sich auch Bournadette. Ihre blauen Augen öffneten sich schlagartig, wach und aufmerksam, als hätte sie nie wirklich geschlafen. Es war diese Art von Ruhe, die keine Erholung war, sondern ein ständiger Schwebezustand zwischen Wachen und Träumen – typisch für sie. Mit einem kurzen, routinierten Griff strich sie sich die blonden Locken aus dem Gesicht, bevor sie sich geschmeidig aufrichtete, als wäre der kalte, harte Boden ein weiches Bett gewesen.
„Ist etwas, Jamall?“ fragte sie mit ihrer rauen Stimme, die vertraut und beinahe beruhigend klang. Ihre Finger glitten flüchtig über die Schatten unter ihren Augen, während sie die letzten Spuren des Schlafs fortwischte.
Jamall blickte nicht zu ihr, sondern ließ den Blick über das Gebirge schweifen. Einen Moment lang sagte er nichts, bevor er leise antwortete: „Nein. Vielleicht. Doch.“ Er atmete tief durch, die kalte Bergluft schärfte seine Sinne. „Heute Abend ist es soweit.“
Bournadette reagierte kaum sichtbar. Doch Jamall kannte sie mittlerweile gut genug, um den kaum wahrnehmbaren Wandel in ihrem Ausdruck zu deuten. Es war dieses leichte, kaum auffällige Zusammenziehen der Mundwinkel, dieses Blinzeln, das länger dauerte als gewöhnlich. Ihre Miene war so undurchsichtig wie ein vereister See, aber darunter schien etwas zu lauern – vielleicht Sorge, vielleicht Bedauern. Vielleicht auch ein Hauch von Traurigkeit.
Ohne ein weiteres Wort schwang sich Jamall auf Brunos Rücken. Der Halbdrache grollte tief. Die silbernen Schuppen glitzerten im Licht der aufgehenden Sonne wie frisch poliertes Metall.
—GRUUUU—
„Los, Großer“, murmelte Jamall und klopfte dem Tier sanft auf die Flanke. Bruno streckte sich, ließ die mächtigen Schultern kreisen und setzte sich in Bewegung. Seine Pranken bewegten sich mit einer überraschenden Leichtigkeit über das felsige Terrain, als würde er den Weg besser kennen als jeder Mensch.
Bournadette lief nebenher, ihre Bewegungen ruhig, effizient, jeder Schritt saß, als wäre sie Teil der Bergwelt. Keine Unsicherheit, kein Zögern – nur Konzentration.
„Du kennst noch den Weg zurück ins Kaiserreich?“ fragte sie schließlich, als würde sie eine Pflicht abarbeiten. Die Frage war Teil eines Rituals, einer täglichen Prüfung. Seit Wochen stellte sie sie jeden Morgen, und seit Wochen antwortete Jamall mit denselben Worten. Es war ihr stilles Spiel gegen das Vergessen – gegen den Preis, den Jamall bezahlt hatte, um das Versteck des Schwertes zu erfahren.
„Von hier aus muss ich nach Süden reisen, bis ich Shargan erreiche“, begann er, beinahe mechanisch, die Route auswendig, fest eingebrannt wie ein Teil seiner selbst. „Dann nehme ich ein Schiff nach Westen, bis ich in der Föderation Juspa ankomme. Von dort geht es weiter nach Evigane, dann bis Welldyl im Süden des Kaiserreichs. Und von dort immer nach Norden, bis ich zur Kaiserstadt gelange.“
Bournadette nickte langsam, aber zufrieden. Ihre Augen blieben ernst, prüfend, als würde sie hinter seine Worte sehen wollen, um sicherzugehen, dass sie nicht nur auswendig gelernte Phrasen waren.
„Gut. Vergiss es nie, sonst bist du mit deinem Gedächtnisverlust verloren“, sagte sie mit Nachdruck.
Ein eigenartig warmes Gefühl stieg in Jamall auf. Trotz der rauen Worte spürte er, dass sie sich sorgte – auf ihre ganz eigene Art. Keine zärtlichen Beteuerungen, keine unnötigen Umarmungen, aber ihr stetes Erinnern, ihr Wachen über seinen Weg – das war ihre Form von Fürsorge. Und das bedeutete ihm mehr, als er je in Worte hätte fassen können.
Bruno schnaubte vernehmlich, als wolle er die stille Ernsthaftigkeit zwischen seinen beiden Gefährten vertreiben. Mit einem leicht spöttischen Grunzen schleuderte er einen warmen Hauch Dampf in die Luft.
Jamall schmunzelte und klopfte ihm anerkennend auf den Hals. Dann warf er Bournadette einen kurzen Blick zu – ein schmaler Hauch eines Lächelns, das ebenso schnell wieder verschwand, wie es gekommen war.
Vor ihnen lagen die Gipfel der Sternenklingen, deren Schneedecken in der Morgensonne wie Kristall schimmerten. Jeder Schritt führte sie näher zu dem, was er suchte – und zu dem, was tun musste.
Heute Abend würde er das Schwert der Fünf Monde erreichen.
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Der Abend legte sich wie ein kalter Schleier über die Gipfel der Sternenklinge, und die Welt wurde still. Nur das Kratzen von Steinen unter Brunos Klauen war noch zu hören, als Jamall und Bournadette schließlich den höchsten Punkt ihrer Reise erreichten. Der Himmel war klar, ein dunkles Meer aus Violett und Schwarz, durchzogen von den ersten Sternen, die in der eisigen Höhe zu funkeln begannen. Jeder Atemzug war schwerer als der letzte, und Jamalls Herz schlug vor Anstrengung.
Vor ihnen ragte ein Altar auf, roh in den Fels geschlagen und doch von einer überirdischen Präsenz durchdrungen. Über ihm schwebte eine Mana-Halbkugel, gleißend weiß, von innen heraus leuchtend wie der Kern eines sterbenden Sterns. Und darin – das Schwert. Eine Klinge, so klar, so absolut, dass der bloße Anblick ihr einen fast transzendenten Glanz verlieh. Die fünf Juwelen in ihrem Griff – tiefes Schwarz, gleißendes Gelb, reines Weiß, kühles Blau und ein flackerndes Violett – pulsierten fast lebendig, im Rhythmus eines fremdartigen Willens.
Jamall trat näher. Der Wind war jetzt ohrenbetäubend, doch sein eigener Herzschlag war das einzige Geräusch, das er wahrnahm. Er streckte die Hand aus – zaghaft erst, dann mit wachsender Entschlossenheit. Doch kaum hatten seine Fingerspitzen die magische Kugel erreicht, prallten sie ab, als hätte er gegen eine gläserne Wand geschlagen. Die Kälte des Schlages fraß sich durch seine Finger bis in die Schultern, ein Stoß aus Magie und Ablehnung.
Er taumelte leicht zurück, sein Blick suchte Halt. „Nein… nein“, flüsterte er heiser, während die Erkenntnis wie ein Dolch in ihn drang. Die Kugel hatte ihn abgewiesen. Die Waffe, auf die er alles gesetzt hatte, war ihm verwehrt geblieben.
Bournadette war still hinter ihm geblieben, wie eine Statue. Jetzt trat sie einen Schritt näher, ihre Augen ruhig, ihre Stimme warm. „Stimmt etwas nicht?“ Sie wusste es längst. Doch sie ließ ihn es aussprechen.
Jamall nickte. Er spürte, wie ein Hauch von Verzweiflung in ihm aufstieg und immer stärker wurde.
„Ich erfülle die Voraussetzung nicht…“ Jamalls Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Die Wahrheit hatte ihn getroffen wie ein Hieb ins Gesicht. All die Monate der Reise, all das Leiden, der Schmerz, die Kälte, die Einsamkeit, der Preis in Form seiner Erinnerungen – alles umsonst?
Jamall legte seine flache Hand auf die Halbkugel und schloss die Augen. Und da verstand er. Er verstand, warum er abgelehnt wurde. Er öffnete die Augen und blickte zu Bournadette.
Die ehemalige Kopfgeldjägerin trat zu ihm, so sanft, als wolle sie den Moment nicht stören. Ihre Hand legte sich an seine Wange, streichelte ihn mit einer Zärtlichkeit, die Jamall zum ersten Mal spürte. „Ich bin mir sicher, dass du die Antwort auf die Frage findest.’’
Ihre Nähe, ihre Stimme, ihre Wärme – alles in diesem Moment schien ihn zu umhüllen. Er spürte, wie sich etwas in ihm löste. Eine Dankbarkeit stieg in ihm auf, so tief, dass er sie kaum fassen konnte. Er ergriff ihre Hand, presste sie an sein Herz.
„Ohne dich… hätte ich das nie geschafft.“ Seine Stimme war brüchig, ehrlich.
Ein Lächeln glitt über ihre Lippen. Kein ironisches, kein berechnendes – ein echtes. Sie zog ihn zu sich, und als ihre Lippen sich trafen, war es nicht Leidenschaft, nicht Verlangen, sondern Trost. Eine Umarmung aus Wärme gegen die Kälte, ein Versprechen, dass er nicht allein war. Jamall ließ sich in diesem Moment fallen, ließ los – seinen Hass, seine Angst, seine Zweifel.
Und dann, als die Welt für einen Atemzug stillstand, öffnete er die Augen.
Er bewegte sich schnell. Seine Hand fuhr an Bournadettes Gürtel, fand den vertrauten Griff ihres Dolches, und mit einer einzigen, entschlossenen Bewegung riss er ihn hervor und rammte ihn ihr in den Hals.



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