Kapitel 168 - Bournadette Lacroix
- empirewebnovel
- 24. März 2025
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Die Familie Lacroix galt seit jeher als eine der ehrwürdigsten und einflussreichsten Adelslinien des Kaiserreichs. Ihre Ahnen reichten bis in die Ära des Großen Krieges zurück – eine Zeit, in der Legenden von Helden geschmiedet, Grenzen gezogen und Machtverhältnisse für Jahrhunderte zementiert wurden.
Das Wappen der Familie, ein stilisiertes Krokodil mit aufgerissenem Maul, war Symbol für Stärke, Geduld und vor allem: Anpassung. Wie dieses mächtige Tier hatte sich die Familie über die Jahrhunderte hinweg allen politischen Strömungen, allen Thronwechseln und gesellschaftlichen Umbrüchen mit zäher Intelligenz angepasst – und dabei stets ihre Position an der Spitze erhalten.
Nicht nur der Name Lacroix, sondern auch ihre Macht war tief in die Grundmauern der Kaiserstadt selbst eingebrannt. Die Familie kontrollierte große Teile der kaiserlichen Bürokratie, stellte über Generationen hinweg Minister, Richter und Strategen, und führte mit fester Hand die Adelsfraktion – das Gremium, das maßgeblich Einfluss auf Gesetze, Entscheidungen und das tägliche Leben im Reich nahm. Wenn irgendwo ein neues Gesetz verabschiedet wurde, war es nicht selten das Ergebnis eines langen Gesprächs in den Salons des Lacroix’schen Anwesen in Vallyka.
In diese alte, majestätische Welt wurde ein junges Mädchen hineingeboren, das fortan nichts Geringeres verkörpern sollte als das Erbe dieses Hauses. Ihr Vater, der stolze und strenge Claude Lacroix, benannte sie nach einer Ahnherrin aus der Kriegszeit – Bournadette. Ein Name, der in alten Chroniken gleichbedeutend mit Mut, Pflichtbewusstsein und unerbittlicher Entschlossenheit erwähnt wurde. Der Klang ihres Namens war nicht einfach eine Wahl des Herzens, sondern eine Botschaft an das gesamte Reich: Diese Tochter wird kein schmückendes Beiwerk – sie wird eine Waffe, ein Zeichen der Kontinuität.
Bournadette wuchs im Herzen des Machtzentrums auf – zwischen Marmorfluren, weinrot gepolsterten Thronstühlen und jahrhundertealten Wandteppichen, die die Siege ihrer Vorfahren zeigten. Ihr Alltag war von Anfang an geprägt durch Regeln, Etikette und das stetige Gewicht der Erwartungen. Kindliche Freiheiten kannte sie nur aus Erzählungen des Gesindels. Der Name Lacroix ließ keinen Raum für Fehler.
Gemäß der ältesten Familienregel – dass das erstgeborene Kind, gleich welchen Geschlechts, zur Kriegerin oder zum Krieger ausgebildet werden musste – begann Bournadettes Ausbildung früh. Ihre Lehrer waren nicht nur die Besten, die sich mit Gold kaufen ließen, sondern auch die Härtesten. Unter ihnen lernte sie mit Schwert, Dolch und Speer umzugehen, diese Waffen wurden zu Erweiterungen ihres Körpers. Bald zeigte sich, dass sie nicht nur über ein außergewöhnliches Talent im Nahkampf verfügte, sondern auch über ein tiefes, fast unheimliches Gespür für Magie.
Auf Wunsch ihres Vaters – und unter dem Applaus des gesamten Hofes – wurde sie im Alter von acht Jahren an die Magieakademie von Vallyka entsandt. Hier traf sie auf Altharion, einen alten, verschrobenen Magier, dessen Spezialgebiet in einer ungewöhnlichen Magieform lag: der sogenannten Ausweichmagie.
Altharion war ein Exzentriker, bekannt für seine provozierenden Lehren. "Die beste Rüstung ist, gar nicht erst getroffen zu werden", pflegte er zu sagen, und seine Schüler lernten schnell, dass es bei ihm nicht um rohe Gewalt oder offensive Kraft ging, sondern um präzise Reflexe, blitzschnelles Denken – und um das Gespür für Gefahren, noch bevor sie real wurden. Für viele war seine Magie zu abstrakt. Für Bournadette war sie wie geschaffen.
Unter Altharions Anleitung – und später auch weit darüber hinaus – entwickelte Bournadette ihre Gabe zu einer Kunstform. Sie bewegte sich im Kampf nicht einfach nur schnell – sie schien vorherzusehen, wo ein Schlag landen würde, und wich aus, bevor die Waffe überhaupt geführt wurde. Ihre Reflexe waren so geschärft, dass selbst Pfeile, die aus dem Nichts geschossen wurden, sie nicht berührten. Ihre Bewegungen waren ein Tanz, fließend, präzise, fast übernatürlich. Und irgendwann – so raunten die anderen Schüler – sei es gewesen, als weiche der Körper selbst ihren Feinden aus.
Als sie Jahre später ihren Abschluss mit höchsten Ehren erhielt, war sie keine einfache Absolventin mehr. Sie war eine lebende Legende. Die Akademie sprach von ihr mit Ehrfurcht – manche nannten sie „die Unberührbare“, andere schlicht: „die Lacroix“. Der Name hatte für sich allein bereits eine Macht entfaltet, die Bournadette wie eine Rüstung trug.
Sie kehrte zurück, bereit, den Platz einzunehmen, der für sie vorgesehen war – in der Familie, in der Armee, in der Geschichte. Sie sollte zur Kommandantin werden, zur politischen Figur, zur Verteidigerin des Erbes.
Doch das Leben, das vor ihr lag, hielt etwas anderes für sie bereit. Etwas, das nicht Teil des Plans war.
Etwas, das ihr zeigen würde, wer sie wirklich war.
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Bournadettes Familie war ihr ein und alles. Trotz der Strenge, dem Stolz und der Unnachgiebigkeit, mit der die Lacroix seit Generationen ihre Macht ausübten, empfand sie eine tiefe, aufrichtige Liebe – vor allem für ihre beiden jüngeren Geschwister, Anja und Phillip. In einer Welt, die von Erwartungen und Pflichten diktiert wurde, waren sie ihre Zuflucht, ihre Menschlichkeit, der letzte verbliebene Teil ihres Herzens, der nicht von Ehrgeiz oder Pflicht geformt war.
Anja Lacroix, ihre jüngere Schwester, war von einer natürlichen Anmut, die ihr ganzes Wesen durchzog. Sie war mehr als nur eine Schönheit; sie war Güte in Reinform. Während andere Adlige ihre Zeit mit Prunksucht und Intrigen verbrachten, richtete Anja ihre Aufmerksamkeit auf die Bedürftigen, die Vergessenen, die am Rand der Gesellschaft lebten. Bournadette hatte es mit viel Mühe geschafft, sie aus dem starren Korsett der Familientraditionen zu befreien. Ihr Einfluss – und vielleicht auch ihre Einschüchterung – hatten es ermöglicht, dass Anja ihre Stimme behalten durfte.
Statt Bälle zu besuchen oder Politik zu lernen, ließ sich Anja jeden Monat ihr fürstliches Taschengeld auszahlen, das ausreichte, um ein Gutshaus zu erwerben, und investierte es in Waisenhäuser, Krankenstationen und Suppenküchen. Wo immer Armut herrschte, erschien bald ihr Name in stiller, dankbarer Verehrung.
Phillip stattdessen war das Gegenteil – nicht in seiner Seele, sondern in den Augen der Familie. Der Junge war von schwacher Gesundheit, blass, mit zerbrechlichem Körperbau, der ihn früh zum Außenseiter machte. Doch sein Verstand war wach, neugierig, messerscharf. Er sprach klug, beobachtete aufmerksam, liebte Poesie und Mathematik gleichermaßen – und wurde dafür von ihrem Vater, Claude Lacroix, verachtet.
Der alte Mann sah nur, was fehlte: ein Krieger, ein Erbe, ein Mann, wie ihn der Name Lacroix verlangte. Die Verachtung gipfelte schließlich in der Entscheidung, Phillip nach Wellenburg zu schicken – einem kalten, abgelegenen Nebensitz nahe der Hafenstadt Anjen. Dort wurde er verwahrt wie ein Familiengeheimnis, fern vom Hof, fern vom Stolz des Vaters.
Für Bournadette war diese Verbannung ein tiefer Stich ins Herz gewesen. Wann immer es ihre Ausbildung und Pflichten an der Akademie zuließen, ritt sie nach Wellenburg, brachte ihm Bücher, las ihm Gedichte vor, diskutierte mit ihm über die Sterne, über Geschichte, über alles, was ihn interessierte. Sie ließ keine Gelegenheit aus, ihm zu zeigen, dass er wertvoll war, geliebt wurde – auch wenn der Rest der Familie ihn längst aufgegeben hatte.
Doch als sie schließlich, nach elf langen Jahren der Ausbildung, zurück in die Kaiserstadt kehrte, warteten zwei Nachrichten auf sie, die wie Dolche in ihr Innerstes drangen. Zwei Schläge, die ihr Vertrauen in das System, das ihre Familie so lange getragen hatte, bis auf die Grundmauern erschütterten.
Die erste traf sie mit lähmender Wucht: Ihre geliebte Schwester Anja, gerade vierzehn Jahre alt, war mit einem über sechzigjährigen Adligen verheiratet worden. Ein Schachzug, der dem Haus Lacroix politischen Einfluss in der Kaiserstadt sichern sollte. Bournadette konnte sich kaum vorstellen, wie Anja sich in jener ersten Nacht gefühlt haben musste – allein, entmündigt, verraten. Es war, als hätte man eine helle, reine Flamme erstickt, um den Mantel des Hauses Lacroix noch ein wenig glänzender zu machen.
Doch es kam schlimmer.
Die zweite Nachricht war ein Todesurteil für alles, woran sie geglaubt hatte. Phillip war tot. Offiziell hieß es, Räuber hätten Wellenburg überfallen, das Gut niedergebrannt, ihn ermordet. Doch Bournadette kannte die Zeichen – sie erkannte, was zwischen den Zeilen stand. Ihr Vater hatte ihn töten lassen. Aus Scham, aus Kälte, aus diesem unbändigen Willen, die Reinheit seines Blutes, seines Namens zu wahren. Phillip war zu schwach für seine Vision des Hauses Lacroix – und so hatte er ihn ausgelöscht wie eine Unreinheit auf einem goldenen Teller.
In jener Nacht hielt Bournadette nichts mehr. Kein Eid, kein Familienband, kein Gesetz.
Sie stürmte in das Schlafgemach ihres Vaters, ihren Dolch in der Hand, ihr Herz voller Zorn. Ihre Klinge durchdrang seine Kehle, bevor er auch nur ein Wort hervorbringen konnte. Sie tötete nicht aus Wut allein – sie tötete, weil sie wusste, dass das, was dieser Mann war, sich nie ändern würde. Mit seinem Tod würde vielleicht ein neuer Anfang möglich sein – für Anja, für die Familie, für sie selbst. Vielleicht.
Als die Wachen sie fanden, saß sie noch immer an seinem Bett, die blutige Klinge in der Hand, die Schultern gerade, die Augen ruhig. Sie machte keinen Versuch, zu fliehen. Sie wusste, der Mord an einem der mächtigsten Männer des Reiches bedeutete den Tod. Und doch bereute sie nichts.
Das Urteil fiel schnell: Tod durch Enthauptung.
Ihre Tage in der Zelle waren kalt, düster und von einem lähmenden Schweigen durchzogen. Niemand sprach mit ihr. Niemand kam. Bis plötzlich eine Fremde an die Zelle trat, die so gar nicht in diese Welt aus grauen Steinen und klirrender Kälte passte. Ein Mädchen mit schwarzem Haar, violetten Augen und einem Lächeln, das sich weigerte, diese Dunkelheit anzuerkennen.
„Hey du! Ich bin Nea“, sagte sie frech und lehnte sich an die Gitterstäbe, als wäre es ein Gartenzaun. „Willst du dich nicht mir anschließen, Detty?“
Bournadette erkannte sie sofort. Nea – die neunte Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Sie war berüchtigt, eigenwillig, vollkommen unberechenbar. Doch was sie sagte, war kein Scherz.
In diesem Moment begriff Bournadette: Hier war ihr Ausweg. Nicht zurück in ihre alte Welt – die war zerstört. Aber ein neues Leben, unter neuen Bedingungen. Die Kopfgeldjägerin Yang konnte ihr Leben retten – im Tausch gegen ihre Freiheit. Ein Pakt mit der Krone, ein Leben im Schatten, geführt von Blut und Befehlen.
Sie blickte Nea lange an – dann nickte sie.
Und so wurde aus Bournadette Lacroix, der verstoßenen Erbin eines uralten Hauses, die zweite Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Keine Adlige mehr. Keine Tochter. Keine Schwester. Nur noch eine Waffe des Kaisers. Doch in den Tiefen ihres Herzens lebte noch immer die Frau, die einst für Gerechtigkeit getötet hatte. Die Schwester. Die Tochter. Die Kämpferin.
Und diese Flamme, so schwach sie auch flackerte, war noch lange nicht erloschen.
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„Der Tod in Rot“ – so flüsterte man ihren Namen in den Gassen der Armen und den Hallen der Mächtigen. Bournadette Lacroix war kein gewöhnlicher Name mehr, keine Adlige, keine Tochter aus gutem Haus. Sie war eine Legende geworden. Ein Gerücht, ein Schatten, der mit lautloser Entschlossenheit durch das Kaiserreich glitt. Wenn ihr Name in fiel, verstummten Gespräche. Wenn ihr roter Umhang am Horizont auftauchte, ergriff selbst den stolzesten Lord das Schweigen. Denn wo sie erschien, wuchs keine Reue – nur Furcht.
Sie war das Messer im Rücken der Verschwörer, der leise Atem, der dem vor Angst geöffneten Mund entwich. Die Klingen ihrer Dolche war nur das Werkzeug – ihr wahrer Tod lauerte in ihrer Bewegung, in der Vorhersehbarkeit des Unvermeidlichen. Und das Rot, das sie stets trug, schimmerte nicht nur wie frisches Blut – es war ein Versprechen. Ein Versprechen, dass man nicht entkommen konnte. Und dass man nicht überlebte.
Bournadette war zur unerbittlichen Vollstreckerin der Krone geworden. Während andere noch sprachen, richtete sie. Wo Gerüchte zu wachsen begannen, war sie bereits unterwegs. Aufstände in den südlichen Provinzen? Verstummt. Ein geheimes Treffen oppositioneller Edelleute im Herzen von Kartaffel? Kein einziger überlebte. Wenn Yang das unbewegte Auge des Kaisers war, war Bournadette sein ausgestreckter Dolch. Während Yang in den Sälen des Palastes schwebte, verborgen hinter ihrer Maske, war es Bournadette, die durch das Blut watete – Tag für Tag, Jahr für Jahr.
Keiner der anderen Kaiserlichen Kopfgeldjäger hatte sich je einen Ruf erschaffen, der mit ihrem vergleichbar gewesen wäre. Nicht Vitalas, der Assassine mit dem Stahlblick, nicht Hepma mit ihrer Verwandlungsmagie, nicht einmal der legendäre Jiyark, Yangs rechte Hand während des Parenski-Bürgerkriegs. Nur Bournadette schuf sich einen Namen, der selbst auf den Gesichtern der hochmütigsten Adeligen einen Hauch von Angst hinterließ. Und das alles, ohne jemals ein Wort zu viel zu sprechen.
Doch hinter dem roten Mantel, hinter dem messerscharfen Blick und der makellosen Präzision lebte eine andere Bournadette – eine, die niemand sehen durfte. Eine, die nachts lange wach lag, weil ihre Träume von Phillip sprachen, weil sie Anjas Stimme vermisste. Eine, die seit Jahren keine Briefe mehr erhielt, weil sie niemandem mehr schreiben konnte. Altharion war tot. Anja war in einer Ehe vergraben, die sie zerstörte. Phillip... Phillip war längst Asche in der Geschichte ihrer Wut. Und was war sie selbst noch? Ein Geist, eine Klinge – ein Werkzeug.
Dann, in Karintes, trat ein junger Mann in ihr Leben, der alles veränderte.
Prinz Eugenius war ein merkwürdiger Widerspruch in sich – höflich, klug, dabei stets ein wenig verloren. Er war niemand, den man für einen Sohn des Kronprinzen gehalten hätte. Doch in seinen Augen lebte eine Sehnsucht, die Bournadette kannte. Er erinnerte sie an Phillip – nicht im Körper, nicht im Klang der Stimme, aber in der Zerbrechlichkeit seiner Seele. Und er lächelte sie an, als sähe er nicht den Tod in Rot, sondern nur eine Frau, die jemandem wichtig sein könnte.
Sie hatte gerade geheime Dokumente aus einem Lager der Kameristischen Kirche gestohlen, wollte sie dem Kaiser überbringen – ein einfacher, blutiger Auftrag, wie so viele zuvor. Doch ihre Wege kreuzten sich mit Eugenius, der ohne Wachen durch die Gassen streifte, auf der Suche nach... Bedeutung. Er war freundlich, aufmerksam, und je länger sie mit ihm sprach, desto schwerer wurde ihr Herz.
Bournadette spürte früh, dass der junge Prinz mehr als nur Kameradschaft suchte. Sein Blick wurde weicher, wenn sie sprach. Seine Hände zitterten leicht, wenn sie ihn berührte. Doch sie schob es beiseite. Solche Bindungen waren ihr nicht erlaubt – nicht als Kopfgeldjägerin, nicht als Bournadette Lacroix. Und doch... in ihren Augen war er wie ein kleiner Bruder. Einer, den sie beschützen musste. Einer, den sie nicht auch noch verlieren durfte.
Die Jahre vergingen, und Eugenius blieb. Ein heller Punkt in der Dunkelheit ihrer Welt. Seine Briefe waren wie ein vertrautes Echo inmitten des eisigen Schweigens, das sie umgab. Kein Wort über Gefühle. Nur Gedanken. Bücher, Philosophie, Geschichten. Kleine Fäden, die sie verbanden.
Und dann starb Kaiser Tavil IV. Sein Sohn Verion bestieg den Thron. Und mit ihm kam der Irrsinn.
Das Prinzenspiel.
Ein grausames, barbarisches Schauspiel, das Jahr um Jahr einen Sohn verstoßen würde, bis nur noch einer übrigblieb – der nächste Thronfolger. Bournadette sah es mit ungläubiger Kälte. Als sie erkannte, dass Eugenius Teil dieses Spiels sein würde, brannte ihr Herz. Nicht vor Liebe. Nicht vor Angst. Sondern vor Entschlossenheit.
Sie würde ihn schützen.
Vor seinen Brüdern. Vor der Krone. Vor sich selbst, wenn es sein musste.
Doch dann, inmitten dieses neuen Schachspiels, trat eine junge Frau mit blauen Haaren und sturem Blick in ihr Leben – Leyla.
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Die Mittellande brodelten vor Gerüchten – ein brodelndes Netz aus Stimmen, Andeutungen, Angst. Flüsternd sprach man von einer Organisation, die sich aus dem Schatten erhob, um das Kaiserreich selbst herauszufordern: der Schwarze Stern. Niemand wusste, wer ihre Anführer waren, noch welches Ziel sie wirklich verfolgten. Doch überall regten sich Unruhen. Bauern verschwanden von den Feldern, Söldner kehrten ihren Auftraggebern den Rücken, und in den Städten am Rand des Reiches wurden Banner gesichtet, deren Symbole man seit Generationen nicht mehr gesehen hatte.
Für Bournadette war das keine philosophische Frage. Es war eine Bedrohung. Eine, die zu beseitigen war – ohne Zögern, ohne Gnade. Mit kalter Entschlossenheit folgte sie den Spuren der Rebellen durch verlassene Täler, über Bergrücken, die längst keine Karte mehr beschrieb, bis sie in den abgelegenen Hamalien auf ein uraltes Bauwerk stieß: einen verfallenen Tempel der Engel. Ein Ort, an dem einst gebetet worden war – nun flüsterten die Steine nur noch vom Verrat.
Dort fand sie sie.
Eine Gruppe, zusammengesetzt wie ein wildes Mosaik aus Geschichten: Liam Valleri, ein Elf mit einem Blick, der zu viel wusste. Die ungestüme Roxy mit flammendem Temperament. Fer Stahl, ein Zwerg mit Händen aus Eisen und einem Herzen, das tief glühte. Und dann – Leyla. Kaum mehr als ein Mädchen, mit einer Haltung, die zwischen Trotz und Unsicherheit schwankte. Nichts an ihr schien außergewöhnlich. Und doch... da war etwas. Ein Blick. Eine Energie. Ein Echo.
Es war kein Kampf, nicht wirklich. Für Bournadette war es eher eine Lektion. Eine Erinnerung daran, wie weit entfernt diese kleinen Lichtfunken von echter Macht waren. Leyla stürzte in einen Spalt, tief und bodenlos, und Bournadette war sicher, dass ihre Reise dort endete.
Dann bebte die Erde.
Es begann wie ein Flüstern. Ein tiefes Grollen, das in den Knochen vibrierte. Der Tempel barst. Säulen zerfielen zu Staub, die Decke stürzte ein, der Boden zersprang in einem apokalyptischen Beben. Als der Staub sich legte, stand Bournadette am Rande eines Kraters – und Leyla stieg daraus empor. Nicht verletzt. Nicht geschwächt. Anders.
Um sie herum pulsierte rohe Erdmagie, wild und gewaltig. In einem einzigen Moment hatte sie Kräfte entfesselt, die jeden natürlichen Rahmen sprengten. Bournadette griff an, instinktiv, reflexhaft – doch Leyla lernte. Ihre Bewegungen wurden flüssiger. Ihre Augen klarer. Ihre Magie gezielter. Und in Bournadette keimte ein neuer Gedanke auf: Dieses Mädchen war keine Gegnerin – sie war ein Rohdiamant.
Sie nahm sie mit. Als Gefangene, als Möglichkeit. In der Kaiserstadt übergab sie sie Kronprinz Eugenius – eine Gabe, gedacht, um sein politisches Gewicht zu steigern. Ein Bauernopfer mit Potenzial. Doch das Spiel lief anders.
In Bournadettes Abwesenheit überschlug sich das Schicksal.
Leyla kämpfte gegen Varragil, den zehnten Kopfgeldjäger – und siegte. Es war kein Zufall. Kein Irrtum. Mit einem Sieg entriss sie ihm seinen Rang. Sie stieg selbst auf – wurde zur Zehnten, entglitt Eugenius’ Einflussbereich und veränderte das Gleichgewicht der Macht in einem einzigen Moment. Was als Plan begonnen hatte, war nun außer Kontrolle geraten.
Eugenius wurde als erster Prinz verbannt – doch Bournadette durfte ihn nicht sehen. Keine Worte. Kein Abschied. Keine Erklärung. Man verweigerte ihr das letzte Bild, den letzten Blick. Und sie tat, was sie immer getan hatte: Sie fügte sich. Äußerlich. Doch in ihrem Inneren wuchs eine Leere, die langsam zu brennen begann.
Monate vergingen. Die Welt veränderte sich. Das Reich schwankte und Leyla stieg weiter auf. Bis Bournadette eines Morgens erwachte und wusste: Sie musste gehen. Sie verließ die Kaiserstadt, ließ das Blut und die Titel hinter sich, und wurde zur Gejagten. Zum Gespenst in Rot, das sich nun gegen den Willen ihres Herrn wandte.
Ihr Ziel war Evigane – die freie Stadt der Sommerinseln. Dort, wo kein Gesetz des Kaisers Gültigkeit hatte, und wo man sogar den ,,Tod in Rot’’ mit einem Lächeln empfing, solange er zahlte. Bournadette fand Zuflucht in dieser Stadt aus Marmor und Lüge – doch was sie dort fand, war weit mehr.
Charles wartete dort. Der alte Diener, treu bis zuletzt. Seine Stimme war brüchig, seine Hände zitterten, doch seine Worte waren messerscharf. Er erzählte ihr, was wirklich geschehen war. Eugenius war gefallen, bevor das Urteil der Verbannung ihn erreichen konnte. Getötet. Von Leyla.
Bournadette hörte nicht, wie ihr Herz brach. Sie spürte nur, wie ihr Zorn zurückkehrte. Nicht laut. Nicht rasend. Sondern kalt. Schwer. Beständig. Es war derselbe Hass, der sie einst dazu gebracht hatte, ihren eigenen Vater zu töten.
Am Hafen von Evigane, während die Sonne die Schiffe in Gold tauchte und die Möwen über der See kreisten, begegnete sie einem Mann, der ebenfalls mit der Vergangenheit gebrochen hatte. Sein Name war Jamall. Und in seinen Augen sah sie dasselbe Feuer, das in ihr brannte.
Er erzählte von Leylas Kräften. Erzählte davon, dass Leyla ihren Tod auf andere Übertragen konnte. Auf einmal ergab für Bournadette alles einen Sinn. Im Engelstempel hatte sie einst gedacht, Leyla getötet zu haben, doch stattdessen war der Zwerg, Fer Stahl, gestorben.
Jamall suchte eine Waffe. Eine Waffe, mit der man Leyla wirklich töten konnte.
Bournadette suchte Rache.
Und gemeinsam entschieden sie, den Weg zusammen zu beschreiten.
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Der Turm des Weisen ragte wie ein Finger aus den kalten Nebeln des Nordwestens der Republik Heim empor – ein uraltes Monument aus weißem Stein, umhüllt vom Wispern der Winde und dem Schweigen vergangener Zeitalter. Um ihn rankten sich Legenden. Manche sprachen von Propheten, andere von gefallenen Göttern, die einst in seinen Mauern ihr letztes Wort gesprochen hatten. Für Bournadette war es kein Ort der Geschichten – es war ein Ort der Entscheidung.
Sie und Jamall hatten sich den Weg über das offene Meer und durch geisterhafte Wälder gebahnt, verfolgt von den Schatten ihrer Vergangenheit und der wachsenden Unruhe, die ihr Ziel umgab. Nun standen sie vor dem Innersten des Turms, wo Ziaho Tah wartete – der Hüter der Wahrheiten. Der Weise, der jede Frage beantworten konnte, wenn man bereit war, den Preis zu zahlen.
Auf den Treppen des Turmes, die aus Licht und Leere zu bestehen schienen, trennten sich ihre Wege, doch Bournadette wartete nicht. Manche Pfade musste man allein gehen. Als Bournadette den weißen Raum betrat, war es, als würde die Zeit selbst den Atem anhalten. Der Raum war leer, und doch erfüllt. Weiß wie die Stille vor einem Sturm.
Ziaho Tah wartete bereits. Seine Augen waren leer, und doch spürte sie, wie er sie sah – bis auf den Grund ihrer Seele.
,,Welche Frage möchtest du mir stellen, Bournadette Lacroix?’’ Seine Stimme klang weder alt noch jung. Sie war einfach da, wie der Klang des Windes über einem Grab.
Sie trat einen Schritt näher. Ihre Stimme war ruhig, fest, wie gemeißelt in Stein: „Was muss ich tun, damit Jamall sein Ziel erreicht?“
,,Was ist dein Preis, Bournadette Lacroix?’’
Ohne zu zögern, als hätte sie es schon tausendmal geübt, sprach sie: „Ich gebe dir meine Magie. Meine Fähigkeit, jedem Angriff auszuweichen.“
Ein Moment des Schweigens. Dann, fast ehrfürchtig.
,,Der Preis ist ausreichend.’’
Die Welt schien zu flackern. Der Weise erhob sich, sein Schatten streifte die Wände wie eine alte Erinnerung. Seine Worte klangen wie ein Urteil, das bereits seit Ewigkeiten in Stein gemeißelt war: ,,Auf der Spitze der Sternenklingen wirst du dein Leben geben. Solange du lebst, kann er sein Ziel nicht erreichen.’’
Ein eisiger Schauer kroch über ihre Haut, doch sie blieb reglos. Kein Zucken. Kein Widerwort. Sie hatte gefragt. Sie hatte ihre Antwort bekommen. Und sie würde tun, was nötig war. Ohne Jamall ein Wort davon zu sagen, verließ sie den Raum. Der Turm schwieg, als wüsste er, dass alles nun beschlossen war.
Die Reise zu den Sternenklingen war still.
Das Gebirge empfing sie mit frostiger Majestät. Drei Gipfel, die wie Klauen aus dem Rücken der Welt ragten, verschmolzen auf ihrer Spitze zu einem einzigen, scharfkantigen Massiv. Die Luft war dünn und brannte in den Lungen. Das Licht der untergehenden Sonne tauchte die Felsen in ein glühendes, blutrotes Licht. Es war, als würde die Welt selbst sich auf ein Opfer vorbereiten.
Sie erreichten den Gipfel, als die letzten Sonnenstrahlen die Schatten verdrängten. Dort, auf einem Altar aus altem Stein, schwebte es – das Schwert der fünf Monde. Eine Klinge, so vollkommen, dass sie nicht aus Metall zu bestehen schien. Fünf Edelsteine schmückten den Griff, jeder pulsierte in einem eigenen Rhythmus: Schwarz wie die Nacht, Gelb wie die Sonne, Weiß wie der Schnee, Blau wie der Ozean, Violett wie die Dämmerung. Magie durchdrang die Luft, machte jeden Atemzug zu einem Schwur.
Jamall trat vor. Zögernd. Ehrfürchtig. Doch als er die Hand nach der Klinge ausstreckte, prallte sie ab. Ein unsichtbarer Wall – kalt und unnachgiebig.
„Stimmt etwas nicht?“, fragte Bournadette. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, aber sie kannte die Antwort längst.
Jamall stand reglos. Die Schultern gesenkt. Die Finger leicht zitternd. „Ich erfülle die Voraussetzung nicht…“
Sie trat an seine Seite. Streichelte ihm über den Bart, als würde sie die Zeit anhalten wollen. „Ich bin mir sicher, dass du die Antwort findest“, sagte sie sanft.
Er packte ihre Hand, hielt sie gegen seine Brust, wo sein Herz wild pochte – voll Angst, voll Hoffnung. „Ohne dich… hätte ich es nie geschafft.“
Sie lächelte. Es war ein stilles, trauriges Lächeln. Dann küsste sie ihn. Sanft, mit einer Zärtlichkeit, die mehr sagte als tausend Worte. Ihre Lippen flüsterten Abschied, während sie ihr Herz um Vergebung bat. Jamalls Hand glitt zu ihrem Gürtel, tastete nach dem Dolch. Sie spürte es. Hätte ihn stoppen können. Doch sie ließ es zu.
Der Stich kam schnell. Präzise. Sie spürte, wie der Schmerz durch ihren Körper fuhr – ein brennendes, klares Zeichen. Doch sie klammerte sich nicht an das Leben. Stattdessen öffnete sie die Augen ein letztes Mal – sah in Jamalls Gesicht. Und darin lag Entsetzen. Reue. Erkenntnis. Er hatte sie geliebt. Und nun hatte er sie getötet.
Dann wurde alles schwarz.
So starb Bournadette Lacroix. Nicht als Opfer. Nicht als Gejagte. Sondern als Frau, die ihren Weg bis zum Ende ging – als Kriegerin, als Schwester, als Schatten einer besseren Welt. Ihr Tod war keine Niederlage. Er war der Preis. Für Rache. Für Erlösung. Für Liebe. Und für das Schicksal eines Mannes, der glaubte, das Richtige zu tun.
Und irgendwo, hoch über den Sternenklingen, schien es, als hätte der Wind ihren Namen geflüstert. Nicht in Trauer. Sondern in Anerkennung.
Ein neuer Stern erschien am Himmel, hell wie der Mond, und leuchtete von oben hinab.



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