Kapitel 169 - Ein Funke in der Asche
- empirewebnovel
- 2. Apr. 2025
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Jamalls Hände zitterten, als die letzten warmen Tränen über seine Wangen liefen und auf Bournadettes blasser Stirn zerplatzten. Ihr Körper lag schwer in seinen Armen, ein schlaffes Bündel aus Muskeln, Blut und gebrochener Würde. Das Lächeln auf ihren Lippen war erstarrt, eingefroren in einem Ausdruck zwischen Frieden und Schmerz, als hätte sie den Tod umarmt, um ihn zu erlösen. Jamall sank tiefer auf die Knie, der Fels unter ihm war hart und kalt, doch es war sein eigenes Inneres, das sich wie Stein anfühlte. Seine Brust bebte unter stummen Schluchzern, die sich nicht lösen wollten, sondern feststeckten wie ein Kloß aus Schuld und Trauer.
Bruno, der treue Halbdrachen, trat langsam näher. Sein massiger Kopf senkte sich, die Schnauze berührte sacht Jamalls Schulter.
—GRUU—
Ein tiefes, kehliges Grollen, das aus dem Inneren seines gewaltigen Leibes zu kommen schien. Ob es Trost war? Oder ein stiller Vorwurf? Vielleicht beides. Vielleicht war es auch nur der Laut eines Wesens, das das Unbegreifliche spürte, ohne es benennen zu können.
Die Dunkelheit senkte sich über den Gipfel, ein schwerer Schleier aus kaltem Wind und schwärzlichem Nebel, der langsam jede Farbe verschluckte. Die Sonne war längst hinter den Zinnen des Horizonts verschwunden, und mit ihr schwand auch das letzte Restlicht des Tages. Nur das Schwert der fünf Monde – schwebend über dem Altar – warf noch einen schwachen, geisterhaften Schein auf Jamalls Gesicht. In dem metallischen Glanz spiegelten sich seine tränennassen Augen, leer und entstellt von der Erkenntnis dessen, was er getan hatte.
Hatte sie es gewusst?
Dieser Gedanke kroch langsam in ihn hinein, wie ein kalter Finger, der in eine frische Wunde fuhr. Hatte sie geahnt, was geschehen würde? Bournadette war schneller, stärker gewesen. Sie hätte ihn aufhalten können. Mit einem Handgriff, einem Tritt, einem scharfen Wort – und doch hatte sie es nicht getan. Sie hatte sich dem Dolch nicht entzogen. Sich nicht gewehrt.
Oder war sie so blind gewesen vor Vertrauen?
Jamalls Magen zog sich zusammen, als die Antwort in ihm gären wollte. Hatte sie geglaubt, dass er sich zurückhalten würde? Dass er niemals fähig wäre, ihr weh zu tun? Dass er... sie liebte? Und wenn das so war, hatte er sie dann nicht nur ermordet, sondern auch verraten? Ihre Hoffnung, ihr letztes Vertrauen, das leise Lächeln auf ihren Lippen – all das hatte er mit einer einzigen Geste zerschmettert.
Er hob den Blick. Über ihm spannte sich der Himmel wie eine endlose Decke aus samtigem Schwarz. Die Sterne funkelten leise, gleichgültig, fern. Doch einer darunter... einer war anders. Er blinkte. Hell. Dann dunkel. Dann wieder hell. In einem gleichmäßigen Rhythmus. Wie ein Zucken. Ein... Zwinkern.
Jamalls Augen weiteten sich. Ein kalter Schauder rann ihm über den Rücken. Hatte sie ihm ein Zeichen hinterlassen? War dies Zufall oder Fügung? Oder vielleicht auch nur Einbildung – geboren aus einem Geist, der sich nicht in Schuld verlieren wollte?
Langsam senkte er den Blick und legte Bournadette sanft auf den Felsen. Ihre Finger schloss er ineinander, faltete sie über ihrer Brust, als wollte er ihr mit dieser letzten Geste ein Stück Würde zurückgeben. Sein Blick verweilte auf ihrem Gesicht, auf ihren geschlossenen Augen, auf dem feinen Blutfilm, der ihre Haut befleckt hatte – ein Abschied in Rot, wie es zu ihr passte.
Dann stand er auf. Langsam. Zögernd. Sein Körper schmerzte, doch er spürte es kaum. Der Blick richtete sich auf das Schwert. Es wartete. Und er wusste: Es war Zeit.
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Jamalls Schritte waren schwankend, doch sie führten ihn unerbittlich vorwärts – Zentimeter um Zentimeter, als trüge er die Last von Jahrhunderten auf seinen Schultern. Der Wind strich schneidend über den kahlen Gipfel, riss an seinem Mantel, peitschte ihm durch das zerzauste Haar. Die Kälte des Steins nagte an seinen Knien, seine Gelenke protestierten bei jedem Schritt, sein Rücken pochte dumpf von dem Aufstieg – und doch war all das wie durch einen Schleier von ihm getrennt.
Er spürte es nicht. Nichts drang mehr zu ihm durch. Als hätte sich mit Bournadettes Herz auch seines aus dieser Welt verabschiedet. Als hätte ihr Tod ihn leer gefegt, bis nur noch ein Körper übrig geblieben war, der seinem letzten Ziel entgegenstolperte.
Vor ihm schwebte das Schwert der fünf Monde über dem Altar. Wie eine ewige Flamme, ein Zeuge aus einer Zeit vor der Zeit. Eingehüllt in den gläsernen Schimmer der Magie wirkte es wie etwas Unantastbares, ein Stück Vergangenheit, das sich niemals berühren ließ. Und doch vibrierte die Luft um es herum, als hätte sie seine Gegenwart gespürt.
Die fünf Juwelen am Griff leuchteten in ihrem eigenen Takt, schwarz, gelb, weiß, blau, violett – jedes Pulsieren ein Herzschlag, jeder Lichtschein ein fremdes, uraltes Bewusstsein. Jamalls tränennasse Augen spiegelten die Farben, und für einen Moment glaubte er, dass sie ihn ansahen. Dass sie ihn erkannten.
Zögernd, fast andächtig, hob Jamall die Hand – jene Hand, mit der er eben noch getötet hatte. Und diesmal begegnete sie keinem Widerstand. Kein Aufblitzen der Barriere, kein Aufbäumen der magischen Wand. Stattdessen wich sie zurück wie Nebel, der vom Licht vertrieben wurde. Lautlos. Vollkommen. Es war, als würde die Welt selbst sich öffnen, ihm Platz machen, ihn einladen. Irgendetwas war geschehen. Irgendetwas hatte sich verändert. Etwas war erfüllt worden.
Seine Finger schlossen sich um den Griff des Schwertes. Und in dem Moment durchzuckte ihn ein Gefühl, das alles übertraf, was er je erlebt hatte. Keine Schmerzen – etwas Tieferes. Etwas Ursprünglicheres. Es war, als würde sein Fleisch umgeformt, als würde seine Seele neu geschrieben. Das Schwert nahm ihn auf, und gleichzeitig wurde es zu einem Teil von ihm. Grenzen verwischten, Wirklichkeit und Traum verschwammen. Für einen schwindelerregenden Moment war er überall: in den Träumen erloschener Sterne, in den Erinnerungen gefallener Reiche, in den Gedanken all jener, die dieses Schwert einst berührt hatten.
Vor seinem inneren Auge erschienen die Monde, einer nach dem anderen.
Zuerst der Manifest – mächtig, erhaben, der Herrscher unter ihnen. Sein Licht war ruhig, voller Gewicht, und als es Jamall berührte, spürte er, wie eine Kraft in ihn strömte, so alt wie der Himmel selbst.
Dann der violette Lunar – wild, geheimnisvoll, betörend schön. Noch nie hatte Jamall ihn gesehen, und doch fühlte er sich ihm verbunden, als hätte dieser Mond ihn stets aus dem Verborgenen beobachtet. Der Segen, den er spürte, war berauschend.
Danach erschien der Skullaer, der weiße, der letzte noch verbliebende Mond. Sein Licht war grell, fast schmerzend, doch als es Jamall umhüllte, war es wie eine Umarmung – kalt, aber ehrlich.
Dann kam Brahatross, der goldene Sonnenmond, der nicht mehr am Nachthimmel stand. Sein Licht war warm, fast wie das Licht eines alten Freundes, und Jamall spürte, wie sich etwas in ihm ordnete – als würde er neu geboren.
Als das Licht erlosch, stand Jamall da – das Schwert in der Hand, ein Teil von ihm geworden. Es glühte schwach, doch in diesem Glühen lag mehr Macht, als je ein Mensch erfasst hatte. Jamall atmete schwer. Er blickte hinab ins Tal, das in Dunkelheit lag, und stellte sich vor, wie eine Kugel aus Feuer dort einschlagen würde. Und im nächsten Moment formte sich die Magie vor ihm, wie aus dem Nichts, manifestiert durch seinen bloßen Willen.
—BAMM—
Ein dröhnender Knall zerriss die Stille. Der Feuerball schoss hinab, lodernd und gleißend, und traf das Tal mit gewaltiger Wucht. Die Erde bebte. Eine feurige Druckwelle jagte durch die Bäume, ließ Äste bersten, Laub verglühen. Der Wald stand in Flammen. Die Nacht wurde zur Hölle.
Jamall nickte. Ruhig. Zufrieden. Die Legende hatte die Wahrheit gesprochen. Das Schwert hatte seine Magie auf ihn übertragen – und nicht nur irgendeine. Nicht mehr war er ein Mann ohne Zauber. Nun war er ein Wesen, das die Elemente befehligte. Er spürte es – Feuer, Wasser, Wind, Erde, Licht, Schatten. Alles lag ihm zu Füßen. Alles wartete nur auf seinen Befehl.
Er spannte die Muskeln. Seine Beine drückten sich ab, und er sprang. Der Wind zerrte an ihm, doch er ließ sich tragen. Die Höhe, die Geschwindigkeit – es war nicht mehr wie Fliegen. Es war wie das Durchbrechen der Schwerkraft selbst. Als würde die Welt sich endlich nach ihm richten.
Und Jamall lachte. Ein tiefes, freies, fast kindliches Lachen. Es kam von irgendwo weit unten in ihm, aus einem Teil, der so lange geschwiegen hatte. Endlich war er nicht mehr der, der hinterherhinkte. Endlich war er nicht mehr der, der sich verstecken musste. Endlich war er jemand.
Er landete mit federnder Wucht. Der Boden barst leicht unter seinem Schritt. Er ging zu Bruno, fiel dem massigen Halbdrache in die Arme und lachte erneut, während seine Finger durch die schimmernden Schuppen strichen.
„Du weißt nicht, wie besonders das hier ist, Bruno!“ flüsterte er atemlos.
–GRAUO—
Der Halbdrache brummte, nicht unbedingt begeistert, aber treu wie immer. Jamall lächelte, strich dem Tier noch einmal über den Nacken und ließ sich dann am Altar nieder. Die kalten Steine störten ihn nicht. Der Wind war nur noch ein Flüstern.
Er schloss die Augen.
Und fiel in tiefen, schweren Schlaf.
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Als Jamall am nächsten Morgen die Augen öffnete, war es, als würde er zum ersten Mal wirklich wach werden. Nicht nur aus dem Schlaf, sondern aus einem Zustand, der sich über sein ganzes bisheriges Leben gelegt hatte – eine Art Trance, ein inneres Dämmern. Sein Atem ging ruhig, sein Körper fühlte sich kräftig und durchdrungen von Energie an, wie neu geordnet. Zum ersten Mal seit er denken konnte – oder vielmehr: seit er wieder denken konnte – fühlte er sich vollkommen ausgeruht. Nicht nur körperlich, sondern auf eine tiefere Weise, als hätte sich etwas in ihm gelöst, das ihn lange blockiert hatte.
Und dann kam es zurück. Mit der Klarheit des Morgens kam die Erinnerung. Nicht bloß an den gestrigen Tag, an das Schwert, die Magie oder den Kuss – sondern an alles. An sein Leben vor dem Verlust. An Namen, Gesichter, Orte. An das Gespräch mit Ziaho Tah, dem Weisen des Turms. An den Preis, den er gezahlt hatte. Und an die Regel, die damit verbunden gewesen war: Die Erinnerung sollte verloren bleiben. Endgültig.
Warum also war sie zurückgekehrt?
Er wusste es nicht. Und zu seinem eigenen Erstaunen wollte er es auch gar nicht wissen. Vielleicht war es das Schwert. Vielleicht war es Bournadette. Oder beides. Es spielte keine Rolle. Der Gedanke war da – aber nicht drängend. Nicht jetzt.
Er setzte sich langsam auf, ließ den Blick über den windgepeitschten Gipfel der Sternenklingen schweifen. Die Luft war klar, der Himmel blau und endlos, der Horizont wirkte wie das Versprechen einer neuen Welt. Und dann fiel sein Blick auf sie.
Bournadette.
Ihr Körper lag noch immer dort, wo er ihn abgelegt hatte – friedlich, mit gefalteten Händen, das Gesicht vom Wind leicht berührt. Kein Blut mehr, keine Regung. Nur Stille. Eine, die schmerzte.
So konnte er sie nicht liegenlassen.
Jamall erhob sich langsam. Er wusste nicht, ob sie gläubig gewesen war, ob sie an die Kameristische Kirche glaubte oder an die alten Geister, oder an gar nichts. Aber es fühlte sich richtig an, ihr eine Bestattung zu geben, die ihrer Stärke und ihres Lebens würdig war. Also entschied er sich für das, was im Norden für große Krieger getan wurde – ein Scheiterhaufen, dem Himmel nah, getragen vom Feuer, begleitet vom Wind.
Er schloss die Augen und konzentrierte sich. Magie sammelte sich in seiner Hand, antwortete sofort auf seinen Ruf. Er formte das Holz aus dem Felsen, aus längst verwitterten Wurzeln, aus dem, was der Berg ihm zu geben bereit war. Stück für Stück wuchs der Scheiterhaufen, schlicht und schön, aufrecht wie eine letzte Geste des Respekts.
—GROO—
Bruno brummte leise und setzte sich neben ihn. Der Halbdrache neigte den Kopf, seine dunklen Augen blickten traurig und wach. Auch er verstand.
Jamall legte ihm die Hand auf die Schnauze. „Ich weiß, Bruno. Wenn es eine andere Möglichkeit gegeben hätte, hätte ich sie genommen.“ Seine Stimme war leise, beinahe ein Flüstern, das der Wind mit sich trug.
Dann trat er an Bournadettes Seite. Vorsichtig hob er sie hoch, trug sie mit einer Sanftheit, die seinem kräftigen Körper widersprach, und legte sie auf die vorbereiteten Hölzer. Ihre Haut war kalt, doch ihr Gesicht wirkte friedlich. Als hätte sie ihn verstanden.
Er trat zurück und entzündete das Feuer.
Flammen züngelten langsam empor, nahmen zuerst das Holz, dann den Stoff, dann den Körper. Kein Funke sprang, kein Knacken war zu hören – nur ein leises, stetiges Knistern, wie ein uraltes Lied. Jamall stand still, die Arme verschränkt, den Blick fest auf das Feuer gerichtet. Minuten wurden zu Stunden, während die Glut sich durch die Asche fraß und der Wind ihre Spuren verwehte.
Und während er dort stand, begriff er den vollen Umfang dessen, was er verloren hatte. Nicht nur eine Gefährtin, nicht nur eine Verbündete. Bournadette war der Beweis gewesen, dass er doch nicht ganz allein war. Dass es möglich war, sich einem anderen Wesen zu öffnen, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren. Und nun war auch das fort.
Er schloss die Augen.
Das Schwert erlaubte keine Nähe. Es duldete keine Bindung. Von Anfang an hatte er gespürt, dass diese Macht einen Preis forderte – und nun verstand er, dass dieser Preis in Einsamkeit bestand. Es war nicht nur Magie, die ihm geschenkt worden war. Es war ein Fluch. Eine Grenze, die jeden zu Asche machen würde, der ihm zu nah kam. Und das war seine Schuld.
Er hatte gewusst, dass er alleine bleiben musste. Und er hatte sie dennoch angesprochen.
Als das Feuer erlosch und nur noch glühende Reste auf dem Fels lagen, nickte Jamall Bruno stumm zu. Der Halbdrachen erhob sich und trottete langsam voran, den Pfad hinab, der sie zurück in die Welt führen würde.
Jamall ging ihm nach. Schritt für Schritt. Die Schultern schwer, das Herz leer, aber der Blick nach vorn gerichtet. Denn so sehr ihn der Schmerz auch lähmte – er hatte ein Ziel.
Er musste zurück ins Kaiserreich.
Er musste Leyla finden.
Und er musste sie töten.
Was danach kam? Daran wagte er nicht zu denken. Vielleicht würde er mit Bruno irgendwo einen Platz finden, weit entfernt von allem. Einen Ort, der ihm nicht das Leben abverlangte. Einen Ort, der ihm erlaubte, zu vergessen.
Doch bis dahin… war sein Weg noch nicht zu Ende.



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