Kapitel 170 - Der Berg der Zehn
- empirewebnovel
- 27. Mai 2025
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Im abgelegenen Nordosten des Kaiserreichs, dort wo sich zwei Welten zu berühren scheinen – die Endlose Wüste des Ostens mit ihrer trockenen, sengenden Weite und der ungezähmte Denja-Dschungel mit seinen lebenden Schatten und rauschenden Wipfeln – erhebt sich ein einzelner Berg. Seine Flanken sind karg, von tiefen Rissen durchzogen, seine Spitze oft von schweigendem Nebel umhüllt. Er trägt einen Namen, der selbst unter Gebildeten nur flüsternd ausgesprochen wird: der Berg der Dämonen.
Er liegt nicht weit von Karintes entfernt, jener alten Stadt am Rand der Wüste, die seit Jahrhunderten als Zentrum der kameristischen Kirche dient. Eine halbe Tagesreise zu Fuß – mehr ist es nicht – und doch wirkt der Berg, als läge er in einer anderen Welt. Einer dunkleren, einer älteren.
Noch lange vor dem Großen Krieg, in einer Zeit, die von den meisten Chronisten mit vorsichtiger Distanz beschrieben wird, war dieser Ort das spirituelle Herz eines Glaubens, der nie wirklich zentral organisiert war, aber trotzdem in seiner Gesamtheit das Reich erschüttern konnte: der Dämonenkult.
Der Begriff "Kult" wird der Wahrheit dabei kaum gerecht. Was als Dämonenkult bezeichnet wird, war nie eine einzige Lehre, nie eine geeinte Religion – sondern ein Mosaik aus hunderten, vielleicht sogar tausenden Splittergruppen, Sekten, Orden und Einsiedlern. Menschen, Elfen, Lupiden und andere Völker scharten sich um die Namen der Zehn – der Erzdämonen, deren Einfluss durch Geschichte, Magie und Blut tief ins Wesen der Welt selbst eingesickert war.
Allen Gruppen gemein war nur eines: Sie glaubten an die Existenz und die Bedeutung dieser zehn uralten Entitäten. Einige verehrten sie als Retter, andere als Richter, manche als Vorboten eines neuen Zeitalters. Für manche waren sie Götter, für andere Lehrer. Für wieder andere schlicht Werkzeuge zur Erkenntnis. Es war kein Glaube, den man mit einem Gebet begann und mit einem Ritual beendete. Es war eine Art zu leben – oft chaotisch, radikal individuell und dennoch auf seltsame Weise verbindend.
Unter diesen unzähligen Pfaden stachen manche besonders hervor. Da waren zum Beispiel die Jünger des Anfangs – eine Gruppe, die dem ersten Erzdämon folgte, von manchen auch nur „der Ursprung“ genannt. Sie galten als stille Hüter der Schwächsten, schützten Jungtiere, Neugeborene, Kranke. Ihr Dogma verbot jede Gewalt gegenüber dem Wehrlosen. Es heißt, dass sie einst eine Gruppe von Kannibalen auslöschten – nicht aus Rache oder Mordlust, sondern für die erbarmungslose Verhinderung weiteren Leids.
Ihnen gegenüber standen radikalere Gruppen wie der sogenannte Fluch des Donners. Ihre Anhänger dienten Bläsk, dem Erzdämon des Donners. In ihrer Weltanschauung war Donnermagie nicht einfach ein Werkzeug, sondern die höchste Form der Erlösung. Für sie war der Tod durch Blitz und Sturm kein Ende, sondern der Eintritt in einen Zustand reiner Freiheit. Es war ein Kult, der sich selbst nicht als mörderisch verstand – sondern als befreiend.
Andere Gruppen verschwanden in der Dunkelheit der Geschichte. Einige verbrannten sich selbst in heiligen Feuern, um das Fleisch zu reinigen. Andere existierten nur in Geschichten – von Nomaden erzählt, von Verrückten niedergeschrieben. Manche pflegten Kontakte zueinander, andere führten erbitterte Kriege im Namen ihrer jeweiligen Götter. Und einige waren sich schlicht gleichgültig, als lebten sie auf verschiedenen Ebenen.
Doch so unterschiedlich ihre Ansichten auch waren – in einem Punkt waren sie sich einig: der Berg der Dämonen war heilig. Jahr für Jahr machten sich Pilgergruppen aus allen Himmelsrichtungen auf den Weg. Zu Fuß, auf knarrenden Wagen, getragen von tierischen Begleitern oder kriechend durch den Sand – egal wie, sie kamen. Manche stiegen schweigend empor, andere mit Gesängen, Schreien oder in Ekstase. Nicht wenige fanden dort den Tod.
Der Gipfel war für viele das Ende einer Lebensreise. Für andere war er der Beginn einer neuen. Doch immer war er ein Ort, an dem sich etwas veränderte. Etwas, das keine kaiserliche Chronik je genau festzuhalten vermochte – und kein Sterblicher je vollständig verstand.
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Alexandra öffnete die knarrende Holztür der heruntergekommenen Gaststätte namens „Sandsturm“. Ein Schwall trockener Luft, vermischt mit dem dumpfen Geruch von altem Wein, Leder und etwas, das sie vage an Kamele erinnerte, schlug ihr entgegen. Sie trat ein, stieg über die Schwelle, als würde sie damit auch eine Grenze in sich selbst überschreiten.
Das Dorf Raahs lag still da, verloren zwischen dem flirrenden Gold der Wüste und den schroffen Schatten des gewaltigen Felsmassivs, das sich gleich dahinter erhob – dem Berg der Dämonen. Ein Ort, der noch mehr eine Legende als ein geographischer Punkt war. Und doch war sie hier.
Lange hatte sie mit sich gerungen. Der Drachar – dieser bleiche Mann – hatte sie getötet. Ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen, das Leben war aus ihrem Körper gewichen. Und dann hatte er sie zurückgebracht. Einfach so. Als wäre es nichts. Und er hatte ihr gesagt: „Geh zum Berg der Dämonen, nördlich von Karintes.“
Alexandras Kiefer spannten sich, als die Erinnerung an Tunike zurückkehrte. An das Massaker. Den Staub, das Blut. Die Kälte in ihren Fingern. Und vor allem: an die leblosen Körper von Jevry, Betty und Karst – ihren Begleitern, ihren Freunden. Jeder einzelne von ihnen hatte für sie gestritten, gelacht, gekämpft. Und dennoch waren sie an diesem Abend gestorben.
Sie wollte nicht daran denken. Nicht jetzt. Also drängte sie den Schmerz zurück. Schob ihn beiseite, wie man eine Tür schließt, die in einem brennenden Raum führt. Stattdessen erinnerte sie sich an das, was sie durchhalten ließ, was sie aufrecht hielt: Der Wunsch nach Rache. Kalt, zielgerichtet, unumstößlich.
[???] „Guten Abend, junge Dame. Was kann ich Ihnen anbieten?“
Die Stimme war rau, aber freundlich, gezeichnet von einem langen Leben.
Ein alter Wirt stand hinter der Theke. Seine Schultern hingen leicht durch, die Stirn war zerfurcht, und seine Augen blitzten trotz allem hellwach unter buschigen Brauen hervor. In seinen Händen rotierte ein staubiges Glas, das er mit einem Lappen polierte, der kaum sauberer wirkte.
Alexandra spürte, wie ein Teil der Spannung von ihr abfiel. Die staubige Luft, das schummrige Licht, das Knacken der Deckenbalken – es war alles nicht gerade einladend, aber es war vertraut. Irgendwie. Sie ließ sich auf einen der knarzenden Holzstühle fallen, die an der Theke standen, und atmete tief durch.
„Einen Wein“, sagte sie knapp.
Der Wirt nickte und zog eine Flasche unter der Theke hervor. Das Etikett war halb abgeblättert, aber er behandelte sie mit einer Sorgfalt, als wäre sie ein wertvoller Jahrgang. Er stellte ein Glas auf die Theke – das kaum weniger verstaubt war als das in seinen Händen – entkorkte die Flasche mit einem leisen Knacken und schenkte ein.
„Mein Name ist Megmar. Freut mich, Alexandra. Junge Leute wie du verirren sich selten nach Raahs. Schon gar nicht allein.“
Sie sah kurz auf den Wein. Ein paar Sandkörner trieben auf der Oberfläche wie kleine, unbeirrbare Boote. Für einen Moment überlegte sie, ob sie es ansprechen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Sie nahm einen Schluck. Der Wein war warm, aber er brannte angenehm.
„Alexandra“, erwiderte sie knapp. Kein Titel, keine Herkunft. Nur ihr Name.
Megmar lächelte. „Und, was führt dich hierher? Raahs ist kein Ort, den man zufällig betritt.“
Sie schwieg einen Moment. Dann antwortete sie. Vielleicht war es der Wein, vielleicht die Müdigkeit, vielleicht auch einfach das Bedürfnis, nach Tagen der Einsamkeit wieder eine Stimme zu hören.
,,Ich will auf den Berg der Dämonen steigen.’’
Der Wirt hob eine Augenbraue, langsamer als nötig, als hätte er diese Bewegung jahrelang geübt. „Auf den Berg also...“ murmelte er. „Das ist lange her, dass jemand das gesagt hat. Die letzten, die es versucht haben, kehrten gebrochen zurück. Manche gar nicht.“
Alexandra zuckte mit den Schultern. „Kann dir doch egal sein, Megmar.“ Ihre Stimme war kühl, nicht unfreundlich – aber klar. Sie wollte keine Ratschläge. Nicht von ihm. Nicht von irgendwem.
Der Wirt jedoch schien sich daran nicht zu stören. Im Gegenteil. Er lachte leise in sich hinein, als würde er das schon oft gehört haben.
„Weißt du“, sagte er und lehnte sich auf den Tresen, „wenn du möchtest, kann ich dir eine alte Geschichte erzählen. Eine, die in unserem Dorf seit vielen Generationen weitergegeben wird.“
Alexandra setzte an, um zu antworten, doch es war bereits zu spät. Megmar hatte sich in Bewegung gesetzt, wie ein altes Uhrwerk, das einmal angestoßen nicht mehr aufzuhalten war. Seine Stimme wurde ruhiger, tiefer, und seine Augen blickten nicht mehr sie an – sondern schienen auf etwas Unsichtbares zu starren. Auf eine Erinnerung, die älter war als sie selbst.
Alexandra schloss die Augen für einen Moment, ließ den Wein auf ihrer Zunge verweilen. Vielleicht war es Unsinn. Vielleicht war es bedeutungslos. Aber irgendein Teil von ihr wollte die Geschichte hören. Und irgendetwas sagte ihr, dass sie wichtig sein könnte.
Megmar begann zu erzählen.
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Die zehn Erzdämonen waren uralt – so alt, dass selbst die ältesten Erzählungen ihrer Entstehung nur in Mythen und Liedern verbreitet wurden. Sie waren mehr als nur Gestalten der Macht oder entfernte Götter. Sie waren unsterbliche Wesen, Spiegelungen urtümlicher Kräfte, denen Sterbliche mit Ehrfurcht und Hingabe begegneten. Seit Jahrtausenden schon erfreuten sie sich an jenen, die ihnen folgten – Menschen, Elfen, Sectododen, Lupiden und andere Völker, die in ihren Namen beteten, Opfer brachten und Pilgerfahrten unternahmen.
Eines Tages jedoch erhob sich unter ihnen eine Stimme – sanft, aber durchdringend. Es war Mew, die Schutzherrin der sterblichen Wesen. Unter den Erzdämonen war sie diejenige, die den Menschen am nächsten stand, die sich für deren Sehnsüchte, Zweifel und Schwächen interessierte. Sie sprach zu ihren Geschwistern: Die Sterblichen bräuchten mehr als nur Träume, Symbole oder stille Zeichen – sie brauchten einen zentralen Ort, einen heiligen Berg, zu dem sie beten, auf dem sie wandern, an dem sie glauben konnten.
Die Erzdämonen berieten sich, und es war das erste Mal seit Ewigkeiten, dass sie fast einer Meinung waren. So begannen sie gemeinsam, den Ort zu erschaffen, der später zum Zentrum des Dämonenkults werden sollte – den Berg der Dämonen.
An der Grenze zwischen der Endlosen Wüste und dem grünen Wall des Denja-Dschungels, genau dort, wo der Sand der Hitze und der Nebel des Dickichts aufeinanderprallten, trat Dharait hervor. Der Erzdämon der Erde, uralt und unbeweglich wie der Grund selbst, stampfte mit seinem Fuß auf, und der Boden erbebte. Er erhob Stein um Stein, riss den Wüstensand empor, ließ Schluchten bersten und Geröll zu Türmen schichten. Hundert Meter, dann zweihundert, dann tausend. Der Berg wuchs und wuchs, bis er schließlich in die Wolken ragte und seine Spitze sich im Nebel verbarg.
Demes, die wilde Erzdämonin der Jagd, trat als Nächste vor. Ihre Augen glänzten, als sie das wüste Gestein betrachtete. Mit einem Schrei rief sie die Natur zu sich. Lianen wucherten an den Hängen hinauf, uralte Bäume schlugen Wurzeln in den Spalten, Moose und Blumen breiteten sich auf Felsen aus. Tiere aller Art – von den tiefsten Höhlen bis zu den höchsten Wolken – kamen. Sie gehorchten ihrem Ruf, und sie blieben, um den Berg zu bewachen, zu bewohnen, zu bezeugen.
Dann erschien Banyu. Der Erzdämon des Meeres, begleitet von dem stetigen Rauschen seiner Wellen. Er legte seine kalte Hand in die Wüste und zog mit einem einzigen Schwung das Wasser des fernen Meeres heran. An der Spitze des Berges erschuf er eine Quelle – ein fließendes Wunder. Das Wasser stürzte in Kaskaden herab, ein Strom, der über Felsen tanzte, sich durch das Gestein schlängelte und schließlich wieder in die Tiefen des Meeres zurückfand.
Bläsk, Erzdämon des Donners, erschien mit einem Knall, der den Himmel zerriss. Er lachte, laut und dröhnend, und schleuderte ein Stück seines Zorns in die Wolken. Ein Gewitter entstand – nicht eines von dieser Welt, sondern ewig, zornig, wachsam. Es würde für alle Zeiten über der Bergspitze toben und nur jenen weichen, die würdig waren, das Obere zu sehen.
Zil, der Schatten in Person, der Erzdämon der Dunkelheit, trat still hinzu. Er sprach kein Wort, aber sein Wille war mächtig. Er hüllte den gesamten Berg in eine verborgene Schleierwelt – eine Barriere, die neugierige Blicke abhielt und nur jene hindurchließ, die etwas suchten, das größer war als sie selbst. In das Herz des Berges grub er ein Labyrinth aus Tunneln, Gängen und Hallen. In ihnen verbarg er Wissen, Rätsel, Relikte. Manche sagen, wer dort stirbt, lebt ewig als Frage.
Mew trat nun selbst hinzu. Von den Bemühungen ihrer Geschwister tief bewegt, entschied sie sich, die Reise zum Gipfel möglich zu machen – aber nicht einfach. Sie erschuf die Treppen der Ewigkeit. Weiß wie Schnee, aber härter als jedes Gestein, unzerstörbar, zeitlos. Stufe für Stufe, Tag für Tag, führten sie bis zum höchsten Punkt. Und wer sie betrat, vergaß für eine Weile sein Alter, seine Zeit – vielleicht sogar sich selbst.
Kaen, der Flammenfürst, rief seine Glut herbei. Der Erzdämon des Feuers schuf unter dem Berg ein Herz aus glühender Lava. Es war sein Geschenk: kein Pilger sollte je auf diesem Berg frieren. Die Wärme, die das Gestein ausstrahlte, war sanft, durchdringend, uralt. In den kältesten Nächten brannte der Berg wie eine Erinnerung an Leben.
Jess, die Erzdämonin des Krieges, handelte als vorletzte. Ihre Gaben waren Waffe und Prüfung. Sie erschuf unzählige Naturgeister – Wesen aus Stein, Wasser, Wind, Feuer und Schatten – die über den Berg wachten. Sie dienten nicht dem Schutz, sondern dem Maßstab. Jeder Pilger würde geprüft werden. Nicht alle würden es schaffen.
Und schließlich trat er hervor: der Erste, der Älteste, der namenlose Herr unter den Erzdämonen. Mit einem Fingerzeig erschuf er auf der Spitze des Berges zehn gewaltige Statuen – jede mehrere Dutzend Meter hoch. Jede zeigte ein Abbild eines der Erzdämonen – groß, unnahbar, aber voller Bedeutung. Sie blickten hinaus in alle Himmelsrichtungen – Zeugen ihrer gemeinsamen Schöpfung.
Nur einer von ihnen fehlte.
Geeri, der Erzdämon des Todes, war nicht gekommen. Er hatte sich geweigert, etwas beizutragen. „Was lebt, stirbt. Mehr braucht es nicht“, soll er gesagt haben.
Doch es gab über die Jahrhunderte immer wieder Flüsterer in Raahs – alte Männer, verbitterte Seher, stumme Wächter – die behaupten, Geeri sei doch gekommen. Nicht damals. Später. Viel später. Und dass sein Geschenk tiefer im Berg verborgen liegt als jedes andere.
Etwas, das man nicht suchen sollte. Nur finden, wenn man bereit ist, alles zu verlieren.
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Erschöpft ließ sich Alexandra auf das Bett im einzigen Gästezimmer der Taverne fallen. Das schmale Fenster stand offen, und der warme Wüstenwind trug feinen Sand mit sich, der sich in den zerknitterten Laken gesammelt hatte. Doch das störte sie nicht. Sie war zu müde, zu betäubt, als dass ihr das raue Kratzen der Körner auf der Haut etwas ausgemacht hätte.
Ihr Blick verlor sich an der Decke, während sich die Gedanken schwer und unaufhaltsam in ihrem Kopf drehten – Gedanken, die um den Wein kreisten, den sie getrunken hatte. Zwei Flaschen. Zuerst war das Betreten der Taverne bloß ein Versuch gewesen, dem Staub, der Hitze und ihrer inneren Rastlosigkeit zu entkommen. Doch dann war Megmar gekommen, der Wirt mit dem warmen Lächeln und der Stimme eines alten Geschichtenerzählers. Und er hatte erzählt. Nicht eine, nicht zwei, sondern Dutzende von Legenden.
Die Geschichte vom Berg – seiner Erschaffung durch die Erzdämonen – hatte sie besonders gefesselt. Megmars Worte hatten etwas in ihr geweckt, das sie selbst kaum benennen konnte. Nicht Glaube, nicht Hoffnung – aber Neugier, vielleicht. Oder ein tiefer Zweifel, der sich langsam, aber stetig in ihr ausbreitete.
Alexandra hatte nie viel gehalten von den Göttern, weder von Kamera noch von den Erzengeln. Für sie waren sie Geschichten gewesen, Märchen für Kinder oder politische Werkzeuge für jene, die mit göttlicher Legitimation ihre Herrschaft festigen wollten. Allmächtige Wesen, die über die Welt wachten? Die über Leben und Tod entschieden? Sie hatte diesen Gedanken stets abgelehnt, hatte ihn belächelt oder mit Bitterkeit zurückgewiesen.
Doch in letzter Zeit war etwas in ihr ins Wanken geraten. In den letzten Wochen hatte sie Dinge gesehen, die nicht in ihr Weltbild passten. Dinge, die sich nicht mit Logik erklären ließen. Magie, die jede bekannte Grenze überschritt. Wesen, die mehr waren als nur Fleisch und Blut. Und dann war da jener Abend in Tunike gewesen.
Der Drachar.
Alexandras Magen krampfte sich zusammen, als sie an diesen Moment zurückdachte. An das Leuchten des Steins. An den Klang der Stimmen, der aufhörte, als würde jemand das Leben selbst ersticken. An das Blut. Karst, Jevry, Betty – weg. Fort. Ausgelöscht in einem einzigen Herzschlag. Und sie? Sie war zurückgeholt worden. Vom selben Mann, der sie getötet hatte. Der sie nun angewiesen hatte, den Berg der Dämonen zu betreten. Als wäre sie eine Figur in einem Spiel, dessen Regeln sie nicht verstand.
„Was war das nur für ein Stein?“ flüsterte sie in die Dunkelheit, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. Ihre Stimme war rau vom Wein, brüchig von der Erinnerung. Der Stein war kein gewöhnliches Artefakt gewesen. Seine Kraft hatte nicht nur getötet – sie hatte ausgelöscht. Entfesselt. Zerschmettert.
Und der Drachar? Er hatte von Leyla gesprochen. Von einem Wettlauf. Er hatte gesagt, dass er ihr zuvorkommen wollte.
Alexandras Atem ging schneller. Ihre Finger krallten sich in die staubige Decke, während sich eine Welle aus Wut und Entschlossenheit in ihr aufbäumte. Nicht nur hatte er ihr genommen, was ihr am meisten bedeutet hatte. Nun wollte er auch Leyla schaden. Leyla, die sie zu lieben gelernt hatte, die sie bewunderte.
Damals, an jenem Abend, hatte sie sich bereits entschieden. In dem Moment, in dem sie aus dem Tod zurückgekehrt war, war ihre Richtung klar gewesen. Und doch sprach sie die Worte jetzt erneut, um sich selbst zu vergewissern, um ihrem Entschluss Gewicht zu geben.
„Ich werde auf den Berg steigen. Und danach… werde ich zu Leyla gehen. Und ihr alles erzählen.“
Der Wind strich durch die Fensteröffnung und trug ein leises Heulen durch das Zimmer. Draußen erstreckte sich die Wüste in alle Richtungen, und über dem Berg im Osten blitzte ein ferner Lichtschein. Alexandra schloss die Augen. Morgen würde der Aufstieg beginnen. Und nichts würde sie mehr aufhalten.



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