Kapitel 171 - Estari Elnahrur
- empirewebnovel
- 27. Mai 2025
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Alexandra ließ ihren Blick über die endlosen, goldenen Ebenen der Wüste schweifen. Von hier oben wirkte alles friedlich, still und beinahe erhaben – als würde die Welt unter ihr in einem ewigen, trägen Traum schlafen. Die Sonnenstrahlen brachen sich auf den Sandkämmen wie Licht auf Wasser, und für einen Moment vergaß sie, wo sie war.
Fast eine Woche lang hatte sie nun den Berg der Dämonen erklommen, Schritt für Schritt, über ausgetrocknete Geröllfelder und durch leere Windschneisen, die klangen wie das Flüstern vergessener Stimmen. Von all den wundersamen Dingen, von denen Megmar in der Taverne erzählt hatte – von der Wärme des Magmas, den wuchernden Pflanzen, den magischen Barrieren, von Naturgeistern oder geheimen Wassern – war nichts zu sehen. Kein Zeichen von Leben. Keine Spur von Macht.
Der Berg war still. Karg. Ausgedörrt wie die Wüste, die sich unter ihr ausbreitete, endlos und erbarmungslos. Und dennoch: Die Stufen waren da. Weiß, alt, vom Sand gezeichnet, aber zweifellos von etwas erbaut worden, das mächtiger war als Elfenhand.
Alexandra seufzte, schwer und müde. Ihre Beine schmerzten, die Hitze brannte auf ihrer Haut, und die Sonne fühlte sich an wie ein Gewicht auf ihrem Rücken. Trotzdem setzte sie sich erneut in Bewegung. Ein Schritt. Dann der nächste. Was würde sie an der Spitze erwarten? Gab es dort überhaupt etwas – oder war das alles nur ein Irrweg, ein Flüstern eines Drachars, der mit fremder Macht spielte und ihre Verzweiflung ausnutzte?
Langsam gingen ihre Vorräte zur Neige. Das Wasser war beinahe aufgebraucht, und wenn der Aufstieg länger als zwei weitere Tage dauern würde, würde sie es nicht mehr rechtzeitig zurück ins Tal schaffen. Verdurstet, vergessen, irgendwo zwischen Himmel und Gestein. Sie schüttelte den Kopf, fast wütend über sich selbst. Was tat sie hier eigentlich?
Und doch – da war etwas, das sie nicht losließ. Der Berg war eindeutig der aus Megmars Erzählung. Die Stufen waren zu gleichmäßig, das ausgetrocknete Flussbett zu gezielt. Selbst die verstreuten Tierknochen entlang des Weges wirkten wie Reste eines uralten Rituals. Ein Ort voller Bedeutung, dessen Glanz vergangen war – aber nicht ganz erloschen.
Wenn die Erzdämonen einst wirklich hier gewandelt waren, wie in den Geschichten erzählt wurde – wo waren sie jetzt? Was war aus ihrer Macht geworden? Warum war der Berg verlassen? Dann, plötzlich, ein dunkler Schatten in der Gesteinswand. Alexandra blieb stehen. Dort, hinter einer scharfen Biegung des Pfades, zeichnete sich eine Struktur ab. Keine natürliche – sondern von Hand, oder etwas Vergleichbarem, geschaffen. Eine Tür. Groß. Massiv. Schwarz wie Nacht. In die Felswand eingelassen wie das Herz eines alten Riesen.
Langsam näherte sie sich. Je näher sie kam, desto deutlicher konnte sie ihre Ausmaße erkennen – es war kein gewöhnlicher Eingang, keine einfache Tür. Es war ein Tor. Höher als ein Haus, mit einem schweren Ringgriff aus dunklem Metall, das sich kühl unter ihrer Hand anfühlte.
Eingraviert in das schwere Holz – oder war es Stein? – waren seltsame Worte.
,,Estari Elnahrur Dawn Egali´Rostrof’’
Sie verstand keine Silbe. Die Sprache war ihr völlig fremd, und doch hatte sie das Gefühl, dass diese Worte Macht in sich trugen. Etwas an ihnen ließ sie erschaudern.
Zunächst versuchte sie es auf die einfache Weise. Sie packte den Ringgriff mit beiden Händen, stemmte sich dagegen, zog und rüttelte – doch das Tor blieb verschlossen, unbeweglich wie der Berg selbst.
Schon wollte sie sich abwenden, als eine Idee in ihr aufstieg. Vielleicht... vielleicht war es kein physisches Hindernis. Vielleicht war dies ein Ort der Worte. Und so hob sie den Kopf, stellte sich gerade hin und atmete tief durch.
,,Estari Elnahrur Dawn Egali´Rostrof!’’
Ihre Stimme war fester, als sie erwartet hatte. Für einen Herzschlag geschah nichts. Doch dann bebte der Boden leicht unter ihren Füßen. Der Ringgriff vibrierte, ein dumpfes, tiefes Grollen drang aus der Tür selbst, als würde etwas auf der anderen Seite erwachen – etwas Altes, etwas, das lange geschlafen hatte.
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Langsam öffnete sich das gigantische Tor und offenbarte Alexandra einen Schlund, der schwärzer war als jede Nacht, die sie je erlebt hatte. Die Schwärze war vollkommen – ein undurchdringlicher Schatten, der das Licht zu verschlingen schien. Kein Sonnenstrahl drang hinein. Nichts reflektierte. Es war, als sei dort kein Raum, sondern die Abwesenheit von Raum.
„Was zum…“ flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu irgendwem – denn sie war allein. Sie zündete eine Fackel an, in der Hoffnung, das Innere sichtbar zu machen. Doch kaum hielt sie die brennende Spitze hinter die Tür, geschah etwas Unerwartetes: Das Licht wurde regelrecht verschluckt. Nicht schlagartig, nicht gewaltsam, sondern mit einer unheimlichen Ruhe – wie Wasser, das lautlos in schwarzen Sand sickert. Die Flamme verlor ihre Kraft. Sie war noch da, flackerte leise, doch sie schien gegen einen unsichtbaren Schleier anzukämpfen, der dem Licht den Zutritt verwehrte.
Alexandra schluckte. Ihr Herz klopfte spürbar gegen ihre Rippen. Und doch… sie machte einen Schritt. Der Boden war feucht, fast klebrig, und uneben wie eine alte Wurzelstraße. Ihre Finger tasteten sich an der Wand entlang, fanden kaum Halt, nur kalten, porösen Stein, der manchmal nachgab und dann wieder hart wie Glas wurde.
Ein bitteres Lachen entrang sich ihrer Kehle – ein Reflex, geboren aus Nervosität und wachsender Erkenntnis. Was tat sie hier eigentlich? Ihre Vorräte waren knapp, das Wasser fast aufgebraucht, der Weg zur Spitze unklar – und nun betrat sie, als hätte sie den Verstand verloren, einen Tunnel, der wie ein Schlund zu den Tiefen wirkte. Das war Wahnsinn.
Doch etwas trieb sie weiter. Jeder Schritt war eine stille Bekenntnis der Angst. Schritt für Schritt glitt sie tiefer hinein, bis die Welt um sie herum endgültig zu verstummen schien. Kein Licht mehr. Kein Laut. Selbst das Rutschen ihrer Stiefel auf dem Boden erstarb, als hätte auch der Schall Angst, sich in dieser Dunkelheit zu verirren. Ihre Sinne waren nutzlos. Nur der Druck unter ihren Sohlen, nur das Tasten ihrer Finger – das war alles, was ihr blieb.
Schweiß rann ihren Rücken hinab. Die Stille wurde zur Präsenz, fast körperlich. Ihr Herz schlug schneller, raste schließlich. In ihrem Kopf wuchs das Bedürfnis, umzukehren. Alles in ihr schrie danach. Die Dunkelheit wollte sie nicht. Der Berg wollte sie nicht. Das hier war nicht für sie gedacht.
Doch dann flüsterte sie: „Nein... wenn ich jetzt umkehre, kann ich Leyla nie wieder unter die Augen treten…“
Doch selbst dieser Satz, dieser trotzig gesprochene Satz, wurde vom Nichts verschluckt. Kein Echo, keine eigene Stimme. Ihre Worte verpufften, als wären sie nie ausgesprochen worden.
Dann – ein Moment der Veränderung.
Plötzlich verschwand der Boden unter ihren Füßen. Sie trat ins Leere. Ihr Körper stürzte nach vorne, als hätte jemand ihr die Welt entrissen. Ein Schrei löste sich aus ihrem Mund, ein stummer Schrei, der von der Finsternis geraubt wurde. Sie fiel, nein – sie rutschte. Ihre Glieder schlugen hart auf eine abschüssige Fläche, schlitterten über Geröll, über rauen Stein, durch Schlamm und Kälte. Der Sturz endete abrupt – ihr Körper schlug gegen eine Wand mit solcher Wucht, dass ihre linke Schulter splitterte.
Sie spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Der Schmerz war unmittelbar, brennend, beißend. Doch auch diesmal – kein Geräusch. Kein Knacken, kein Ächzen, kein Stöhnen. Nur das dumpfe Pochen in ihrem Innern.
Keuchend, schweißgebadet und mit schmerzerfülltem Gesicht rappelte sie sich auf. Jeder Atemzug brannte. Tränen stiegen ihr in die Augen, nicht vor Schmerz, sondern vor purer Erschöpfung.
„Ich wusste… ich wusste, dass es eine verdammte dumme Idee war…“ dachte sie und spuckte etwas Blut auf den Boden.
Doch dann… flackerte etwas in der Ferne.
Ein schwacher Schimmer. Violett. Blass. Aber da.
Alexandra blinzelte, hielt die Luft an. War es Einbildung? Ein Licht in dieser Dunkelheit? Sie kniff die Augen zusammen, tastete mit zitternden Fingern an der Wand entlang. Nein – da war wirklich etwas. Eine Farbe, ein Leuchten, etwas, das sich abgrenzte vom alles verschluckenden Nichts.
Und ohne zu zögern, trotz des Schmerzes in ihrer Schulter, bewegte sie sich darauf zu. Denn selbst ein trügerisches Licht war besser als das endlose Schwarz.
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Als Alexandra endlich den violetten Schimmer erreichte, öffnete sich vor ihr eine gewaltige Halle. Ihre Schritte führten sie aus der alles verschlingenden Dunkelheit in einen Raum, der zugleich offen und beklemmend wirkte – ein Ort, der älter war als Worte, älter als Erinnerung. Es gab keine sichtbare Lichtquelle, keine Fackeln, keine Flammen – und doch war alles getaucht in ein unnatürliches, tiefes Violett. Es schien, als käme das Leuchten aus dem Stein selbst, aus der Luft, aus dem Nichts.
Mit pochender Schulter und schwankenden Schritten betrat Alexandra die Halle. Sie tastete sich voran, vorsichtig und misstrauisch, den Blick stets auf das Zentrum gerichtet – denn dort stand sie: eine riesige Statue, die im schimmernden Licht wie ein Schatten inmitten der Leere thronte.
Erst als sie weiter vortrat, fiel ihr ein weiteres Detail auf – sie konnte wieder hören. Ihre Schritte hallten über den Boden, dumpf und rhythmisch, als hätte der Berg ihr die Geräusche endlich zurückgegeben. Es war wie ein Erwachen.
Die Statue, der sie sich näherte, war mindestens fünfzehn Meter hoch. Der Unterleib fehlte – sie begann auf einem massiven Sockel, auf dem sich schwarze Risse wie Adern über uralten Stein zogen. Die Figur selbst zeigte einen männlichen Körper, kräftig, bedrohlich, mit einem verzerrten, höhnischen Grinsen. Zwei gewaltige Hörner wuchsen aus der Stirn, gebogen wie Klingen. Die Arme hatte die Gestalt vor der Brust verschränkt, die Finger ruhten wie Krallen auf den Schultern.
Alexandra hob langsam den Kopf, betrachtete das Gesicht. Es war perfekt gemeißelt, beinahe zu lebendig – als würde es jeden Moment blinzeln. Das Grinsen war kein Lächeln. Es war ein Versprechen. Oder eine Warnung.
Vor dem Sockel befand sich eine breite Metalltafel, eingefasst in schwarzes Gestein. Der Text, der darauf stand, war in derselben Sprache verfasst wie schon am Tor.
,,Hornak Lenerin Zil tarktak’’
Alexandra kniff die Augen zusammen. Wieder verstand sie nur Bruchstücke – und doch sprang ihr eines der Worte ins Auge.
Zil.
Der Name hallte in ihr nach. Zil – der Erzdämon der Dunkelheit, der Täuschung, der Spiegel, der sich stets selbst verhüllt. Megmar hatte sie gewarnt. Von allen zehn Erzdämonen war Zil der, dem man am wenigsten trauen durfte. Nicht weil er am grausamsten war – sondern weil man nie wusste, was er vor hatte.
Alexandra trat einen Schritt näher, ihre Finger zitterten, als sie die Kante des Sockels berührte. Es war kalt. Kälter als alles, was sie zuvor gespürt hatte. Sie sog scharf die Luft ein und versuchte, den Schmerz in ihrer Schulter zu ignorieren.
„Ist das hier also… wirklich einer der Orte, die unter dem Berg verborgen liegen?“ murmelte sie leise, mehr ein Gedanke als eine Frage.
Doch da geschah es. Ohne Vorwarnung. Ohne dass der Raum sich veränderte.
Eine Stimme. Eine Stimme, so tief und fremdartig, dass ihr das Blut in den Adern gefror. Sie war kein Laut. Sie war ein Eindringen – in den Kopf, ins Herz, in den Knochen. Alexandra zuckte zusammen, riss instinktiv die Hand zurück. Ihre Augen weiteten sich. Die Stimme war überall – sie war hinter ihr, vor ihr, in ihr.
,,Was macht eine so schwache Sterbliche an diesem Ort?’’



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