top of page

Kapitel 172 - Welt in Perfektion

„W-Wer ist da?“ stammelte Alexandra, während ihre Stimme im Echo der fremden Präsenz beinahe verloren ging. Sie hob ihren gesunden Arm schützend über den Kopf, obwohl sie wusste, dass dies kaum etwas nützen würde. Ihre Finger zitterten, und ihr Blick huschte hilflos durch die Halle – doch dann verschwamm alles vor ihren Augen.


Die violette Helligkeit wurde von Schwärze verschlungen, die Wirklichkeit zerfiel, und als sie die Lider erneut öffnete, stand sie plötzlich auf offenem Feld.


Ein Schlachtfeld.


Tausende Leichen lagen verstreut auf dem Boden, ihre Körper verrenkt, zerfetzt, gebrochen. Zerschmetterte Rüstungen, versengte Stoffe, eingedrückte Helme. Der metallene Geruch von Blut und Eisen stieg ihr in die Nase, beißend, unerträglich.


„Wo… wo bin ich?“ flüsterte sie, doch ihre Stimme verhallte ungehört.


Ein Schwert klirrte unter ihrer Stiefelsohle. Sie machte erschrocken einen Schritt zurück – zu hastig. Ihr Fuß verfing sich an etwas Weichem, einem leblosen Körper. Alexandra verlor das Gleichgewicht und fiel hart zu Boden. Ein stechender Schmerz schoss durch ihre linke Schulter, ihr bereits gebrochener Arm protestierte mit brutaler Klarheit.


Instinktiv versuchte sie, sich aufzurichten, doch ihre Hände griffen in eine warme, dicke Flüssigkeit.


Blut.


Sie keuchte auf, wischte sich hektisch über die Handflächen. Es klebte an ihr, kroch ihre Arme hoch wie ein lebendiges Wesen. Der Boden schien sie festhalten zu wollen, als ob das Schlachtfeld ihre Anwesenheit erkannt hätte – und sie nicht mehr gehen lassen wollte.


Dann fiel ihr Blick auf eine Gestalt, die sie zuvor übersehen hatte.


Hoch oben, auf einem Berg aus zerborstenen Rüstungen und Körpern, saß eine Frau – oder etwas, das wie eine Frau aussah. Ihre Haltung war reglos, würdevoll, beinahe anmutig. Ihr Blick lag ruhig auf Alexandra, als hätte sie sie schon lange erwartet. Ihr Gesicht war makellos, ihre Haut so glatt, als sei sie nicht aus Fleisch, sondern aus Porzellan geformt. Dünne, schwarze Kleidung spannte sich über einen Körper, der in dieser Umgebung deplatziert wirkte – nicht wegen seiner Schönheit, sondern wegen der Selbstverständlichkeit, mit der er hier existierte.


Zwei geschwungene Hörner wuchsen aus ihrer Stirn, elegant und furchteinflößend zugleich. Aus ihrem Rücken entfalteten sich schwarze Flügel, die im Wind kaum zu zucken schienen. Ihre Augen waren unergründlich – tiefer als jede Dunkelheit, in der Alexandra je gestanden hatte.


Alexandras Atem stockte. Ihr Herz setzte für einen langen, furchtbaren Moment aus. Sie senkte sofort den Blick, zwang sich, ihre Augen zu schließen. Nur so – nur so konnte sie wieder atmen.


Dann sprach die Stimme erneut, jetzt noch näher, durchdringender. Sie war nicht laut, aber sie durchbohrte Alexandra wie eine Klinge aus Gedanken.


„Sprich, Elfe. Was bringt eine so schwache Seele an diesen Ort?“


Alexandra rang nach Luft. Die Stimme allein war Folter. Ihre Eingeweide verkrampften sich. Sie hustete – und spürte warmes Blut, das über ihre Lippen rann. Als sie die Augen einen Spalt weit öffnete, drehte sich alles um sie herum, als hätte die Welt ihren Halt verloren.


Und dann: Stille.


Als hätte jemand einen Schleier über sie gelegt, lösten sich der Schmerz, die Furcht, die Übelkeit. Alles wich. Zurück blieb ein Zustand, der wie Trance wirkte – oder eine schlaflose Klarheit.


„Jetzt solltest du antworten können“, sprach die Stimme ruhiger, fast neugierig. „Warum existiert jemand, der meine Gegenwart nicht einmal erträgt, an diesem Ort?“


Alexandra hob langsam den Blick. Sie fühlte sich nicht mutiger, nur leerer. Und genau das machte es leichter zu sprechen.


„I-Ich… Ich habe die Tür gefunden. Ich wollte wissen, was sich dahinter verbirgt. Ich spürte… es ist wichtig.“


Die Frau auf dem Gipfel der Rüstungen verengte die Augen. Dann stieß sie ein leises, kaum hörbares Geräusch aus – kein Lachen, aber etwas ähnliches.


„Interessant. Eigentlich sollte niemand ohne Runenstein diesen Ort betreten können. Doch du besitzt keinen… oder, Elfe?“


Alexandra hielt inne. Der Drachar. Der Stein, den er in der Hand gehalten hatte, kurz bevor ihre Freunde starben. War das ein Runenstein gewesen?


„Nein“, sagte sie wahrheitsgemäß. „So etwas habe ich nicht.“


Die Frau sprang.


Mit der Eleganz eines Raubtiers landete sie vor Alexandra. Der Aufprall erzeugte eine Welle, einen unsichtbaren Stoß – der Wind riss über das Schlachtfeld hinweg. Leichen wurden fortgeschleudert wie Blätter im Sturm. Der Geruch von Tod wurde noch stärker.


Alexandra wich zurück. Ihre Hand glitt instinktiv zu ihrem Gürtel. Noch bevor sie darüber nachdenken konnte, hatte sie ihr Schwert gezogen – und zugestochen.


Die Klinge traf die Brust der Frau. Ein sauberer, kräftiger Stoß. Ihre Augen weiteten sich, überrascht – doch kein Laut kam über ihre Lippen.


Dann: ein Grinsen.


Langsam griff sie nach dem Schwert in ihrer Brust, zog es heraus – ohne einen Laut. Kein Blut trat aus. Keine Wunde war zu sehen. Nicht einmal ihr Hemd war beschädigt.


„Du bist ja doch interessanter, als ich dachte“, sagte sie leise, beinahe amüsiert.


Bevor Alexandra reagieren konnte, legte die Frau eine Hand an ihren Hinterkopf. Die Berührung war eiskalt, ihr Griff jedoch sanft.


„Komm“, flüsterte sie. „Lass uns Erinnerungen tauschen.“


Und mit diesen Worten fiel Alexandra in die Schwärze.



--------------------------------------------------------------------------



Alexandra stand inmitten eines Raumes, der aus Licht und Schatten zugleich zu bestehen schien. Vor ihr erhob sich ein gewaltiges Wesen – größer als alles, was sie je gesehen hatte. Weiße, leuchtende Flügel breiteten sich hinter ihm aus wie das Segel eines göttlichen Schiffes. Schwarze Fäden wanden sich um seinen Körper, zuckten wie lebendige Tentakel über seine Rüstung. Sein Gesicht war hinter einer Maske verborgen – unbeweglich, ausdruckslos, doch furchteinflößend in seiner vollendeten Ruhe.


Ein Engel? Nein. Er war mächtiger. Viel mächtiger.


Ein Erzengel.


Alexandra hob langsam ihre Hand. In einem schwarzen, zischenden Aufblitzen materialisierte sich ein Speer in ihrer Faust – lang, aus dunklem Licht geschmiedet, mit einer Schneide, die aussah, als würde sie den Raum selbst zerschneiden. Ohne zu zögern schleuderte sie ihn mit aller Kraft auf den Erzengel.


Noch während der Speer durch die Luft jagte, formte sich in ihrer anderen Hand ein Bogen. Drei Pfeile erschienen gleichzeitig auf der Sehne, sie zog durch, schoss – ihre Bewegungen fließend, wie aus einem einzigen Gedanken geboren. Kaum waren die Pfeile losgeschickt, breitete sie selbst schwarze Flügel aus und stürzte sich auf ihr Ziel.


In der Luft drehte sie dich – und nun lag eine Kriegsaxt in ihrer Hand. Gewaltig. Schwer. Ihr Griff zitterte vor Macht.


Der Erzengel bewegte sich nicht, wich dem Speer jedoch in letzter Sekunde mit kaum sichtbarer Eleganz aus. Die Pfeile jedoch wurden von den schwarzen Fäden abgefangen, die sich wie Ranken in die Luft schossen und die Geschosse noch vor dem Aufprall zerschmetterten.


Doch die Axt war schneller.


Sie zerschnitt die Fäden wie Papier, schlug durch die unsichtbare Barriere – und bohrte sich mit schmerzlicher Wucht in den Körper des Erzengels. Ein Riss durchzog die Fäden, sein Oberkörper wurde zurückgeschleudert, ein kurzes Stöhnen durchdrang die Stille.


Alexandra ließ die Axt los, ließ sie in seinem Leib zurück wie ein Versprechen – und zog eine neue Waffe aus der Dunkelheit ihrer Magie. Eine Keule, formlos, rauchig – als wäre sie aus verdichtetem Schatten erschaffen worden. Sie vibrierte in ihrer Hand, ein dumpfes Grollen lag in ihrer Präsenz.


Der Erzengel hob langsam die Hände. Nicht zum Gegenangriff. Nicht zur Verteidigung.


Er faltete sie – wie zum Gebet.


„Welt… in Perfektion“, flüsterte er mit einer Stimme, die nicht gesprochen wurde, sondern direkt in Alexandras Verstand schnitt.


Alexandras Augen weiteten sich. Sie erkannte die Gefahr. Noch ehe die Worte verklungen waren, trat sie ihm mit aller verbliebenen Kraft gegen die Brust. Es war kein Angriff – sondern ein Sprungbrett. Der Stoß schleuderte sie selbst dutzende Meter durch die Luft, weg vom Zentrum der Macht, das sich aufzubauen begann.


Noch während sie flog, breitete sich um den Erzengel eine Kugel aus reinem, makellosem Weiß aus. Die Luft wurde still, der Klang verschwand. Das Licht begann, in rhythmischen Pulsen zu flackern, wie ein göttlicher Herzschlag.


Dann wurde alles weiß.



--------------------------------------------------------------------------



Als Alexandra wieder zu sich kam, lag sie nicht mehr im Nichts. Sie konnte sehen – und das Erste, was sich in ihr Blickfeld schob, war ein blutüberströmtes Gesicht. Es gehörte einem Mann, dessen lebloser Kopf reglos in einer Lache aus dickem, schwarzem Rot lag. Sein Blick war leer, seine Augen glasig, sein Haar vom Blut zusammengeklebt. Das Schlachtfeld um sie herum war überzogen von Tod, als hätte jemand die Welt selbst in Stücke gerissen. Blut bedeckte den Boden wie ein seichter See, aus dem Körper ragten wie Steine in einem Strom.


Alexandra fuhr auf, der Schock durchfuhr sie wie ein Dolch – doch als sie sich zu schnell bewegte, durchzuckte ihre verletzte Schulter sie mit brennendem Schmerz. Sie keuchte, stützte sich taumelnd auf ein Knie und hob den Blick. Noch immer stand die Frau dort, unerreichbar, ruhig. Eine Präsenz wie eine Göttin, und Alexandra wusste nun mit einer Klarheit, die ihr Mark gefrieren ließ, wer sie war.


Nicht einfach eine Frau.


Keine gewöhnliche Kriegerin.


Die Erzdämonin des Krieges. Jess.


Alexandra spürte, wie sich ihr Mund automatisch öffnete, doch bevor sie was sagen konnte, unterbrach sie Jess:


„Du hast… eine interessante Freundin, Elfe“, sagte Jess und trat langsam vor.


Alexandra schluckte. „Der Kampf... war das...“ setzte sie an, doch Jess ließ sie nicht ausreden.


„Das war Gabriel. Der Erzengel der Perfektion“, erklärte sie schlicht, als würde sie sagen, es habe geregnet. In ihrer Stimme lag weder Stolz noch Furcht, sondern nur eine nüchterne Feststellung. Der Name ließ Alexandra erschauern. Das, was sie gesehen hatte, war also keine Illusion gewesen. Kein Traum. Kein Fieberwahn. Sie hatte durch die Augen der Erzdämonin geblickt – und die hatte wiederum durch ihre gesehen. Bedeutete das, dass Jess nun auch sie kannte? Ihre Erinnerungen, ihre Schwächen?


Und… hatte Jess auch Leyla gesehen?


Als hätte sie Alexandras Gedanken gelesen, sprach Jess weiter – ihre Stimme ruhig, doch durchdringend: „Du willst deine Freundin unterstützen, nicht wahr?“


Es war keine Frage. Es war eine Erkenntnis, eine Diagnose. Alexandra spürte, wie ihr Herz pochte, und dennoch kam ihre Antwort ohne Zögern: „Ja, das will ich.“


Sie wollte bei Leyla sein. Sie wollte mit ihr kämpfen, sie begleiten, ihr eine Verbündete sein in einer Welt, die sich zunehmend in Dunkelheit und Gewalt verwandelte.


Jess’ Lächeln veränderte sich. Es war nicht warm – nicht im eigentlichen Sinn. Aber es war echt. Für einen kurzen Augenblick wirkte sie beinahe... zufrieden.


„Dann mache ich dir ein Angebot“, sagte sie leise, und ihre Stimme bekam etwas Lockendes, Verführerisches. „Ich mache dich zu einer Dämonin, Elfe. Ich gebe dir die Kraft, in der Welt zu bestehen, in der die Jüngerin lebt.“


Dämonin? Alexandra schluckte. Ihr Kopf war voller Fragen. Was bedeutete das für sie? Was genau war diese Jüngerin? War Leyla gemeint? Und was würde es bedeuten, keine Elfe mehr zu sein?


„Und was… was wollt Ihr im Gegenzug?“ fragte sie vorsichtig, bemüht, die Spannung in ihrer Stimme zu verbergen.


Jess’ Gesicht veränderte sich schlagartig. Das vage Wohlwollen wich einem drohenden Ausdruck. Ihre Augen verengten sich, und eine gewaltige Aura drang wie ein unsichtbarer Sturm durch den Raum. Alexandra zuckte unwillkürlich zusammen – sie hatte es überreizt. Zu glauben, sie könnten auf Augenhöhe reden, war ein Fehler gewesen.


Die Erzdämonin trat näher. Ihre Worte kamen nun klar und unmissverständlich: „Ich werde zu einem späteren Zeitpunkt mit dir den Körper tauschen. Für eine Stunde. Danach bekommst du ihn zurück.“


Alexandra stockte. Der Gedanke ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Was würde Jess in dieser Stunde tun? Wen würde sie verletzen? Töten? Doch sie wusste, dass sie nicht Nein sagen konnte. Nicht hier, nicht jetzt. Nicht ohne den Preis, den Jess bereits begonnen hatte einzulösen.


Alexandra biss sich auf die Lippe, bis Blut kam. Dann hob sie den Kopf. Ihre Stimme war brüchig, doch eindeutig: „Ich akzeptiere... euer Angebot.“


Jess nickte zufrieden – und was sie als Nächstes sagte, jagte Alexandra einen Schauer über den Rücken.


„Gut. Ich habe meinen Teil sowieso schon erfüllt, während du geschlafen hast.“


Alexandra riss die Augen auf.


„Nun flieg, Elfe“, sagte Jess spöttisch – und lachte dann leise, wie jemand, der ein besonders schönes Spielzeug verschenkt hat.


„Mein Fehler“, murmelte sie. „Flieg, Dämonin.“

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page