Kapitel 173 - Unter Flügeln aus Schatten
- empirewebnovel
- 2. Juni 2025
- 13 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Juni 2025

Der Blick der lilanen Statue – der Statue des Zil – war das Erste, was Alexandra sah, als sie ihre Augen aufschlug. Sie lag noch immer im gleichen Raum, umgeben von jener unwirklichen, violetten Dämmerung, die alles einhüllte. Das Licht schien nicht von einer Quelle auszugehen, sondern war vielmehr ein Zustand, der sich über die Wirklichkeit gelegt hatte. Es war diese Präsenz, die sie wie ein Insekt zur Flamme gezogen hatte. Der Raum hatte sich nicht verändert. Und doch hatte sich alles verändert.
„War das alles nur ein Traum gewesen?“ murmelte sie leise, während sie sich mit zitternden Fingern über das Gesicht strich, die Augen rieb, als wollte sie den Schleier der Erinnerung zerstreuen.
Doch dann spürte sie es – oder vielmehr: Sie spürte es nicht mehr. Der Schmerz in ihrer Schulter war fort. Er war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Alexandra zögerte, dann bewegte sie ihren Arm langsam, kreisend. Da war kein Widerstand, kein Ziehen, kein Stechen. Nur fließende Bewegung. Ihre Schulter – eben noch gebrochen – war vollständig geheilt.
Verwirrt ließ sie ihren Blick über sich selbst gleiten und entdeckte etwas Neues. Etwas Fremdes. Ihre Hände waren verändert. Die Fingernägel hatten sich zu schwarzen, spitzen Klauen geformt, so scharf, dass sie ohne Zweifel Metall hätten zerschneiden können. Ihre Arme, ihre Schultern – alles wirkte kräftiger, robuster. Nicht wie vorher. Ihr Körper war nicht mehr der gleiche.
„Bin ich wirklich ein Dämon?“ Ihre Stimme war leise, kaum mehr als ein Hauch. „So, wie Jess es gesagt hat?“
Doch noch bevor sie eine Antwort finden konnte – eine innere oder äußere – rief sie sich zur Ordnung. Das Hier und Jetzt war wichtiger. Sie musste herausfinden, was passiert war. Sie musste diesen Ort verlassen.
Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen, tastete sich vorwärts in Richtung des Ausgangs. Alexandra rechnete mit dem, was sie bereits kannte: mit der Leere, mit jener absoluten Schwärze, die jede Bewegung verschluckte, mit der klammen, bedrückenden Dunkelheit, die sie zuvor umfangen hatte. Sie bereitete sich innerlich darauf vor, erneut durch diese Schwelle zu schreiten. Doch stattdessen tat sich vor ihr ein anderes Bild auf.
Eine Treppe.
Stufen aus dunklem Gestein, die sich sanft nach oben wanden, sichtbar und klar vor ihr, als wären sie schon immer dort gewesen. Sie war sich jedoch sicher – sie waren vorher nicht da gewesen. Noch vor wenigen Stunden – oder waren es Minuten? – war an dieser Stelle nichts gewesen als gähnende Dunkelheit.
„Egal…“ murmelte sie. Es war nicht der Moment für Zweifel. Nicht, solange ein Weg vor ihr lag.
Vorsichtig begann sie die Stufen zu erklimmen, ihre Bewegungen angespannt und lauschend. Jeder Schritt klang auf dem Stein wie ein leiser Schwur, ein Bekenntnis zum Weitergehen. Die Luft wurde heller, ein silbriges Licht sickerte von oben herab, und schließlich, nach einigen Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, trat sie durch das Tor, das sie zuvor nur von außen gesehen hatte.
Das Tageslicht war grell, beinahe schmerzhaft in seiner Intensität. Alexandra kniff die Augen zusammen und hob eine Hand zum Schutz. Der Kontrast zwischen dem violetten Zwielicht und dem flammenden Licht der Sonne traf sie wie ein Schlag. Doch nach einigen Momenten gewöhnten sich ihre Augen an das Licht, und als sie endlich wieder klar sehen konnte, verschlug es ihr den Atem.
Der Berg… hatte sich verändert.
Wo zuvor karge Hänge, ausgetrocknete Erde und das Gestein einer toten Welt gelegen hatten, erstreckte sich nun eine Landschaft, die voller Leben war. Üppiges Grün wuchs an den Hängen, wild und lebendig. Schimmernde Farne krochen über das Gestein, Blumen reckten sich dem Licht entgegen, und hoch oben kreisten Vögel über Baumwipfeln, die dort nicht hätten sein dürfen. Ein rauschender Bach zog sich wie ein silbernes Band durch das neue Paradies, sein Wasser spritzte über Steine und glitt durch Wurzeln, die sich tief ins Erdreich gruben. Ein sanfter Wind trug den Duft von Harz und Blüten zu ihr, süßlich, verheißungsvoll.
Alexandra stand einen Moment lang wie angewurzelt da. Es war, als hätte sich die Welt um sie neu erschaffen.
Hastig, beinahe stolpernd, lief sie auf den Bach zu, kniete sich nieder und tauchte ihre Hände ins kühle Wasser. Sie schöpfte und trank in tiefen, dankbaren Zügen. Doch dann sah sie es.
Ihr Spiegelbild.
Das Wasser war klar wie Glas, und sie sah sich selbst darin – oder besser: etwas, das ihr ähnlich sah. Ihre Augen weiteten sich. Aus ihrem Rücken wuchsen zwei große, schwarzgefiederte Flügel, breit und majestätisch, wie die eines Raubvogels, aber dunkler als jede Nacht. Zwei geschwungene, schwarze Hörner krümmten sich aus ihrer Stirn, elegant und fremdartig zugleich.
„Ähnlich wie bei Jess…“ flüsterte sie, während ihre Finger langsam die Hörner ertasteten.
Das war keine Täuschung. Es gab keine Möglichkeit, es zu leugnen. Sie war verändert worden – nicht nur äußerlich. Sie war zur Dämonin geworden. Endgültig. Und was das bedeutete, würde sich erst noch zeigen.
Nachdem sie genug getrunken hatte, stand sie auf, streckte sich und sah zu den weißen Stufen, die sich erneut vor ihr ausbreiteten. Sie hatten sich ebenfalls verändert. Kein Staub, keine Risse, kein Zeichen der Vergänglichkeit mehr. Sie strahlten rein und hell im goldenen Licht der Nachmittagssonne, als wären sie eben erst erschaffen worden.
Und vielleicht… waren sie das.
--------------------------------------------------------------------------
Während Alexandra weiter die Stufen emporstieg, hatte sie längst die Ebenen der gewöhnlichen Welt verlassen. Der Pfad führte sie nun durch die Wolken, in eine Ruhe, die selbst den Wind nur gedämpft an ihr Ohr dringen ließ. Um sie herum war nichts als Weiß, durchzogen von goldenen Sonnenstrahlen, die wie Schleier aus Licht wirkten. Sie spürte, wie die Luft dünner wurde, und dennoch fühlte sie sich nicht schwach. Ihr Körper war anders, kraftvoller, widerstandsfähiger – das war deutlich zu spüren. Doch sie wusste nicht, wie weit diese Veränderung reichte.
Während sie einen Fuß vor den anderen setzte, begannen sich ihre Gedanken zu drehen. Sie wusste so wenig über Dämonen, über das, was sie nun selbst war. Bis vor wenigen Tagen hatte sie selbst die Geschichten über Erzdämonen für bloße Fabeln gehalten, für Märchen aus Tavernen, die man sich erzählte, um Kindern Angst zu machen oder Soldaten Mut. Jetzt war sie Teil dieser Wirklichkeit. Ihre Sinne waren geschärft, ihr Blick klarer. Doch mit dieser neuen Stärke kamen Zweifel.
Was sie am meisten beschäftigte, war ihr Aussehen. Ihre Augen waren noch die alten, ihr Haar dieselben dunkelblonden Strähnen wie zuvor. Aber ihre Klauen, die Hörner, die pechschwarzen Flügel – das war nichts, was sie verbergen konnte. Nicht mit Kleidung, nicht mit Kapuzen oder Schleiern. Es war offensichtlich, wer – oder was – sie geworden war. Die Vorstellung, in die Kaiserstadt zurückzukehren, erschien ihr nun lächerlich. Niemand würde sie dort akzeptieren. Nicht als das, was sie nun war.
Und dann war da Leyla.
Alexandra spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog. Was würde ihre Freundin sagen, wenn sie sie so sah? Würde sie sie erkennen? Würde sie sie zurückstoßen? Würde sie sich vor ihr fürchten – oder sie gar hassen? Und dann war da diese tiefere Angst, die alles andere überlagerte: Würde Leyla sie überhaupt noch lieben? Würde sie sie noch einmal küssen? Würde sie ihr Herz für das öffnen, was aus Alexandra geworden war?
Der Gedanke daran ließ sie innehalten, wenn auch nur für den Bruchteil eines Augenblicks. Sie war aufgebrochen, um Leyla zu helfen – aber hatte sie sich damit stattdessen für immer von ihr entfernt?
In ihrem Innersten hallte der Titel wider, den Jess für Leyla verwendet hatte. „Jüngerin“. Das Wort nagte an ihr. Es war mehr als ein bloßes Etikett, mehr als ein Beiname. Es bedeutete etwas. Es stand in Verbindung zu jenen Runensteinen, von denen Jess gesprochen hatte. Alexandra erinnerte sich an den Drachar, der einen solchen Stein bei sich getragen hatte – der Stein, durch den Karst, Jevry und Betty gestorben waren. War das, was er besessen hatte, einer dieser Runensteine gewesen?
Was bedeuteten diese Steine wirklich? Waren sie der Schlüssel zu jener Kraft, die Jess erkannt hatte? Und war Leyla wirklich im Besitz eines solchen Steins? Hatte sie gewusst, was das bedeutete? Alexandra hatte keine Antworten – nur Fragen. Und jeder Schritt, den sie höher stieg, machte diese Fragen drängender.
Ihre Angst war nicht mehr nur Furcht vor Ablehnung. Es war die wachsende Erkenntnis, dass sie, mit jedem Schritt, nicht nur sich selbst veränderte – sondern vielleicht auch zu einer Gefahr für Leyla wurde. Was, wenn Jess den Körpertausch nicht nur forderte, sondern ihn für genau diesen Moment plante? Was, wenn sie Leyla durch Alexandras Hände töten würde? Würde sie es bemerken? Würde sie sich wehren können?**
Alexandra schüttelte heftig den Kopf. Nein, so durfte sie nicht denken. Wenn sie aufgeben würde, dann hätte Jess schon gewonnen. Sie musste lernen, was in ihr erwacht war. Sie musste diese neue Kraft begreifen und kontrollieren. Und sie musste herausfinden, wer Jess wirklich war – jenseits der Maske, die sie ihr gezeigt hatte. Wenn sie eine Chance haben wollte, Leyla zu beschützen – oder zurückzugewinnen – dann durfte sie jetzt nicht stehen bleiben.
In diesem Moment brach sie durch das letzte Wolkenband und trat auf ein Plateau, das direkt unter dem Himmel zu liegen schien. Der Gipfel des Berges – die Spitze jener uralten, von Legenden umwobenen Stufen – offenbarte sich ihr in einer Erhabenheit, die ihr den Atem nahm.
Vor ihr erhoben sich zehn gewaltige Statuen, kreisförmig angeordnet. Ihre Gesichter waren stolz, fremdartig, jedes Detail so lebendig, dass man begann zu glauben, sie würden jeden Moment zu sprechen beginnen. Zwei dieser Kolosse überragten alle anderen: beide waren schwarz wie Obsidianspiegel, ihre Körper wirkten uralt und zeitlos, und ihre gewaltigen Silhouetten ragten über siebzig Meter in den Himmel. Die Luft vibrierte vor Stille, als ob die Welt den Atem angehalten hätte.
Alexandra trat langsam in den Kreis der Statuen. Der Wind griff nach ihrem Haar, ließ es wirbeln, als wolle er sie begrüßen – oder prüfen. Sie war allein. Und doch spürte sie, dass etwas sie beobachtete. Jemand.
Dann durchbrach eine Stimme die Stille. Tief, sanft, aber erfüllt von unbeschreiblicher Kraft.
[???] „Nach so langer Zeit besucht mich wieder jemand… Was für eine Freude.“
--------------------------------------------------------------------------
Vor Alexandra stand ein alter Mann. Seine langen grauen Haare fielen ihm in sanften Wellen über die Schultern, und ein freundliches, beinahe verschmitztes Lächeln umspielte seine Lippen. In seinen Augen lag eine Ruhe, wie sie nur jene besaßen, die viel gesehen, viel erlitten und überlebt hatten. Doch trotz seiner friedlichen Ausstrahlung spürte Alexandra sofort, dass sein Blick sie prüfte. Nichts an ihr schien ihm zu entgehen.
„Wer bist du?“ fragte sie mit fester Stimme, während ihre Hand instinktiv zum Griff ihres Schwertes glitt. Der Mann wirkte harmlos, doch der Ort, an dem sie sich befand, und alles, was sie in den letzten Stunden durchlebt hatte, ließen keinen Raum für unbedachte Vertrauensseligkeit.
„Mein Name ist Willal“, antwortete er mit ruhiger Stimme, „und ich bin ein Dämon der großen Demes. Und du? Wie lautet dein Name?“
Alexandra erstarrte. Ein Dämon? Er sah nicht im Geringsten so aus, wie sie es erwartet hätte. Keine Klauen, keine Hörner, oder Flügel wie bei ihr. Vielmehr glich er einem müden Gelehrten, einem Mann, der sein Leben mit Geschichten, nicht mit Gewalt verbracht hatte. Doch da war etwas in seiner Stimme – eine Kraft, kaum hörbar, aber unübersehbar für jene, die schon einmal wahrer Macht begegnet waren.
„Du bist ein Dämon?“ fragte sie misstrauisch. Ihre Augen verengten sich. „Wie schaffst du es, deine Flügel zu verbergen? Oder hast du gar keine?“
Willal lachte, ein sanftes, beinahe wohltuendes Lachen, das durch die Steinkreise hallte, ohne ein Echo zu werfen. „Willst du dich nicht erst vorstellen, bevor du Fragen stellst?“ Er hob eine Augenbraue. „Aber gut, wenn es dir hilft…“
Ein grünliches Leuchten begann, ihn zu umgeben. Es kroch langsam über seinen Rücken und seine Stirn, bis zwei prachtvolle, smaragdgrün schimmernde Flügel aus seiner Haut brachen. Ihre Federn wirkten lebendig, als ob sie im Wind flüsterten. Zugleich durchbrachen zwei kurze, gebogene Hörner seine Stirn.
Alexandra trat einen halben Schritt zurück, nicht aus Angst, sondern aus Ehrfurcht. Der Anblick war beeindruckend. „Ich… ich bin Alexandra“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme klang unsicherer als gewollt. „Kannst du mir das beibringen? Wie ich das verbergen kann?“
Willal betrachtete sie einen Moment lang schweigend. Seine Augen wanderten prüfend über ihr Gesicht, ihre Haltung, ihre Flügel, die Hörner auf ihrer Stirn. Dann wandte er sich ab und ging langsam in die Mitte des Steinkreises. Sein Blick streifte die gewaltigen Statuen, als würden sie mit ihm sprechen, als lausche er uralten Erinnerungen, die nur er verstand.
„Du bist also eine Dämonin von Jess“, murmelte er nachdenklich. „Das ist ungewöhnlich. Sehr ungewöhnlich. Sie hat in all der Zeit nur einmal zuvor einen Sterblichen verwandelt.“ Er drehte sich zu ihr um. „Und nun dich.“
Sein Tonfall veränderte sich. Er wurde kühler, prüfender. „Was willst du mit diesen Kräften tun?“ fragte er, ohne den Blick von ihr zu nehmen. „Davon mache ich es abhängig, ob ich dir helfe… oder dich töte.“
Die Worte trafen Alexandra wie ein Hieb. Kein Zorn lag in seiner Stimme, keine Bosheit – nur ein nüchternes Urteil, das so leicht ihr letztes werden könnte. Sein Blick war so spitz wie ein Pfeil. Er drang in sie ein, wollte keine Fassade, keine gespielte Stärke – nur die Wahrheit.
Alexandra spürte, wie ihr Herz raste. Ihre Gedanken überschlugen sich, doch sie zwang sich zur Ruhe. Sie wusste, dass sie nichts gewinnen würde, wenn sie log. Also sprach sie – langsam, aber ohne Umschweife.
„Es gibt eine Person, die mir sehr wichtig ist“, begann sie. „Ich will sie unterstützen, ganz gleich, was es kostet. Und dann… gibt es jemanden, der meine Freunde getötet hat. Ich will ihn finden. Und ich will, dass er bezahlt.“
Willals Gesicht veränderte sich nicht sofort. Doch dann begann er langsam zu lächeln. Ein echtes Lächeln, das weniger Güte als Zustimmung ausstrahlte. Ohne ein weiteres Wort klatschte er in die Hände – ein scharfer, klangvoller Laut, der wie ein Signal durch den Himmel fuhr. Augenblicklich zogen sich seine Flügel zurück, die Hörner verschwanden, das Leuchten erlosch. Er wirkte wieder wie ein alter Mann, harmlos und friedlich.
Mit gemessenen Schritten ging er auf sie zu. Als er vor ihr stand, legte er ihr sanft eine Hand auf die Schulter. Seine Stimme war nun leise, ernst, beinahe väterlich.
„Dann will ich dir erklären, Alexandra, wie du dein neues Ich verbergen kannst.“
--------------------------------------------------------------------------
„Die Dämonenform verleiht dir enorme körperliche Kraft und erlaubt dir, auf eine Form der Magie zuzugreifen, die nicht mit herkömmlichem Mana funktioniert. Stattdessen nährt sie sich aus deiner Lebenskraft – dem, was dich am Leben hält, was dich antreibt und in Bewegung hält.“
Willals Stimme war ruhig, fast sanft, doch seine Worte lasteten schwer in der Luft. Alexandra hörte aufmerksam zu, denn sie wusste, dass jede Information ihr helfen könnte. Die Regeln, die Gesetze dieser neuen Existenz mussten ihr noch vertraut werden, wenn sie überleben wollte.
„Du wirst irgendwann in der Lage sein, diese Form gezielt anzunehmen oder abzulegen“, fuhr Willal fort, während er langsam durch den Steinkreis ging. „Doch im Moment ist sie an deinen inneren Zustand gebunden. Solange dein Geist in Aufruhr ist, wird sie sich zeigen. Erst wenn du dich ganz entspannst, wenn du deine Seele leerst, kehrt dein Körper in seinen sterblichen Zustand zurück.“
Alexandra runzelte die Stirn. Diese Worte widersprachen ihrem Empfinden. Sie fühlte sich nicht aufgewühlt. Kein Zorn brodelte in ihr, kein panischer Gedanke schien sie zu übermannen. Sie war ruhig, zumindest glaubte sie das.
„Ich verstehe das nicht“, sagte sie schließlich. „Ich bin nicht unruhig. Wieso ist die Form dann noch da?“ Sie blickte an sich hinunter, betrachtete ihre Krallen, spürte das Gewicht der Flügel auf dem Rücken, das Ziehen der Hörner an ihrer Stirn.
Willal schmunzelte, fast mitleidig. „Du bist erst seit wenigen Stunden eine Dämonin. Und du behauptest, in dir sei keine Unruhe?“ Er blieb stehen und sah ihr direkt in die Augen. „Du denkst nicht an deine Freundin, an das, was sie jetzt von dir halten könnte? An ihre Reaktion, an ihre Zuneigung? Oder an den Mörder deiner Freunde? An deinen Wunsch nach Rache?“
Seine Worte trafen sie wie Nadelstiche. Sie wollte widersprechen, wollte sich verteidigen, doch sie wusste, dass er recht hatte. Diese Gedanken waren nicht verschwunden, sie hatten sich nur zurückgezogen, warteten im Schatten ihrer Seele, um sie im nächsten Moment wieder zu überfluten. Und so verzog sie das Gesicht, biss die Zähne zusammen und schwieg.
Willal nickte langsam. „Aber keine Sorge“, sagte er dann, als wolle er sie beruhigen. „Es gibt einen Trick.“
„Einen Trick?“ fragte Alexandra skeptisch. „Was für einen Trick?“
„Ich zeig ihn dir“, sagte Willal, und sein Tonfall veränderte sich kaum. Er klang noch immer ruhig, fast gutmütig. Doch plötzlich trat er näher – zu schnell für Alexandra, um zu reagieren – und schlug ihr mit einer einzigen fließenden Bewegung mit der Faust gegen das Kinn.
Sie spürte keinen Schmerz. Dann kam die Dunkelheit. Der Schlag war präzise, gezielt, wie ein geübter Schnitt. Ihre Knie gaben nach, ihre Gedanken zerflossen, und noch bevor ihr Körper den Boden berührte, umfing sie die Ohnmacht.
--------------------------------------------------------------------------
Als Alexandra wieder zu sich kam, spürte sie zunächst nur den kalten Stein unter ihrem Rücken. Der Himmel über ihr war pechschwarz, durchzogen vom glitzernden Band der Sterne, das sich wie ein Fluss aus Licht über das Firmament spannte. Für einen Moment vergaß sie, wo sie war, doch dann kehrten die Erinnerungen zurück – an Jess, an den Steinkreis, an Willals Faust. Sie richtete sich langsam auf, ihr Nacken knackte, und sie blinzelte gegen das klare Licht des Nachthimmels.
Und dann erstarrte sie.
Der Skullaer, der weiße Mond, den sie seit ihrer Kindheit kannte, thronte wie gewohnt am Himmel – doch er war nicht allein. Neben ihm standen vier weitere Himmelskörper: ein tiefblauer, ein violetter, ein schwarzer und ein gelblich flimmernder Mond.
„Was…?“ hauchte Alexandra, als könnte ihre Stimme die Realität greifbarer machen.
„Hast du noch nie alle fünf Monde gesehen?“ Die Stimme war warm und belustigt – Willal, der sich nun wieder an die Brüstung eines nahen Felsens gelehnt hatte.
„N-Nein“, antwortete sie und schüttelte leicht den Kopf. „Ich dachte, es gäbe nur den Skullaer.“
Willal lächelte in sich hinein. „Das denken viele. Doch das stimmt nicht ganz. Nur der Skullaer steht heute noch am Himmel. Die anderen – Arkibe, Lunar, Manifest und Brahatross – sind heute nicht mehr dort, wo sie hingehören. In dieser Sphäre, hier auf dem Gipfel des Berges, verschiebt sich die Zeit. Und mit ihr der Himmel.“
Alexandra war sprachlos. Sie fühlte sich winzig unter dieser uralten Wahrheit, die plötzlich so offensichtlich über ihr hing wie das Licht der Sterne selbst.
Doch dann wurde ihr der Schmerz bewusst. Der Schlag. Sie rieb sich das Kinn, das noch pochend an den Moment erinnerte, in dem ihr Bewusstsein zerschlagen worden war. „Wieso… wieso hast du mich geschlagen?“
Willal zuckte mit den Schultern. „Du wolltest doch einen Trick, um deine Form zu kontrollieren. Der Zustand der Gedankenlosigkeit, auch nur für einen Moment, hat deine Emotionen besänftigt. Halte dieses Gefühl fest, ruf es in dir wach, wenn du Ruhe brauchst. Das ist der Schlüssel zur Kontrolle.“
Sie verstand. Ihre dämonischen Merkmale – die Flügel, die Klauen, die Hörner – waren verschwunden. Ihr Körper war der einer Elfe. Kein Schmerz, keine fremden Gliedmaßen, nur sie selbst. Ein Hauch von Frieden.
Doch dieser Moment hielt nicht lange.
Willal stand auf, sein Blick nun ernst. „Jetzt musst du gehen. Dieser Ort ist gefährlich. Bleibst du zu lange, wirst du wie ich gebunden. Und ich glaube nicht, dass du dein Leben hier zwischen den Steinen verbringen willst.“
Alexandra erhob sich rasch. Kaum hatte sie sich bewegt, durchbrach ein stechendes Gefühl ihren Rücken – die Flügel, erneut hervorgebrochen. Ihre Stirn riss, während sich die Hörner wieder formten.
„Danke…“ sagte sie leise, fast widerwillig. „Danke für alles, Willal.“
Er hob die Hand zum Abschied, und in seinem Gesicht lag ein Ausdruck, der zwischen Melancholie und Hoffnung schwankte. „Pass auf dich auf, Dämonin Alexandra.“
Mit einem kräftigen Sprung erhob sie sich in die Luft, spürte den Wind unter ihren Schwingen und stürzte sich in einem steilen Flug die weißen Stufen hinab, durch die dichte Wolkendecke hindurch, zurück in die Welt, die sie einst verlassen hatte.
Der Wind peitschte ihr ins Gesicht, doch sie hielt sich aufrecht. In ihr brannte ein neues Ziel. Leyla. Die Kaiserstadt. Die Zukunft.
Die Zweifel, ob Leyla sie mit ihren neuen Kräften, mit diesem veränderten Körper, mit ihrem neuen Wesen akzeptieren würde, schienen verblasst zu sein. Alexandra glaubte fest daran, dass Leyla ihre Entscheidung verstehen würde. Dass sie hinter ihr stehen würde.
Denn Leyla war keine gewöhnliche Frau. Sie war stark. Klug. Und mit einem Herzen, das Alexandra erreicht hatte. Es war Zeit, zu ihr zurückzukehren.
Und gemeinsam würden sie jedem Feind entgegentreten.



Kommentare