Kapitel 174 - Kälte, Blut und Feuer
- empirewebnovel
- 7. Juni 2025
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Der kalte Wind des Winters strich gnadenlos über das gefrorene Moor von Inhantes. Schnee knirschte unter den Hufen, die Bäume am Horizont bogen sich im Rhythmus der Böen, und der Himmel spannte sich grau und schwer über die trostlose Ebene. Noch ein, vielleicht zwei Tage – dann würden sie den Rand des Grünwalds erreichen, jenes Gebiet, das längst nicht mehr nur von Bäumen beherrscht wurde, sondern auch von Zweifel, Aufstand und Blutgeruch.
Leyla saß auf einem kräftigen rotbraunen Pferd. Ihre Finger ruhten ruhig auf den Zügeln, doch an ihrem Gürtel hing das Schwert von Zcepes, jene sagenumwobene Klinge, die einst dem mächtigsten Vampir gehört hatte. Es war eine bewusste Entscheidung gewesen, wieder ein Schwert zu führen. Nicht nur, weil es in ihren Händen wie ein Teil von ihr wirkte – sondern weil sie sich damit erhoffte, die zerstörerische Wirkung der Runensteine einzudämmen. Jene Kräfte, die in ihr wucherten und alles zersetzten, was einst menschlich gewesen war.
Neben ihr lag Nea halb auf ihrem eigenen Pferd, die Augen geschlossen, der Atem ruhig, als könne selbst dieser Ort sie nicht aus der Ruhe bringen. Sie döste – nicht wirklich schlafend, aber auch nicht ganz wach – eine Haltung, die bei den meisten absurd gewirkt hätte. Doch Nea war nicht wie die meisten.
Die beiden Frauen waren einige Kilometer vor der Hauptstreitmacht des Kronprinzen platziert worden. Cornelius, der Erste General und zweite Sohn des Kaisers, hatte Leyla eine Frist eingeräumt: Einen Tag. Einen einzigen. Entweder sie würde den Aufstand im Grünwald mit Diplomatie beenden – oder Cornelius würde keine Gnade zeigen. Er hatte deutlich gemacht, was dann folgen würde: ein Blutbad, ein Akt der Vernichtung, der den Wald in Flammen setzen und Theol sowie Eleanor mit sich reißen würde.
Leyla wollte das verhindern. Sie wollte keinen weiteren Krieg. Keine unnötigen Toten. Sie wollte Eleanor und Theol – einst fast Freunde – lebend sehen, selbst wenn das bedeutete, sie gefangen nehmen zu müssen. Doch konnte sie das wirklich? Würden sie kampflos aufgeben? Oder kämpften sie bis zum letzten Atemzug?
Sie presste die Lippen zusammen. Es brachte nichts, jetzt darüber zu grübeln. Die Gedanken führten ins Leere, und jede Entscheidung würde sich erst dann offenbaren, wenn das Schicksal sie erreichte.
Ein Geräusch durchbrach die Kälte – ein leises Surren, kaum mehr als ein Flüstern im Wind. Reflexartig spannte sich Leylas Körper an. War das ein Pfeil?
Doch bevor sie handeln konnte, fuhr Nea plötzlich hoch, als wäre sie vom Blitz getroffen. Sie riss die Hand in die Luft – und fing einen Pfeil, dessen Spitze nur Zentimeter vor Leylas Gesicht gewesen war, mit spielerischer Leichtigkeit.
„Puh, das war knapp“, rief Nea mit einem breiten Grinsen, das eher verspielt als beunruhigt wirkte. Doch Leyla wusste, dass ihre Freundin in solchen Momenten keinen Spielraum für Zufall ließ. Wenn Nea sagte, es sei knapp gewesen, war es ernst.
Leylas Blick glitt über die karge Landschaft, suchte nach dem Ursprung des Angriffs – und fand ihn. Hoch oben am Himmel, getragen von unsichtbaren Strömungen, schwebte ein Mann. Seine grauen Haare wehten im eisigen Wind, sein Körper war in schwarze Stoffe gehüllt, die wie Schattenflügel flatterten. Seine Arme hatte er vor der Brust verschränkt, das Grinsen auf seinen Lippen war spöttisch und selbstsicher.
„Weißt du, wer das ist, Nea?“ fragte Leyla, ohne den Blick von der Gestalt zu lösen.
Nea nickte langsam. „Das ist Vincenz. Er hat einmal gegen Bunji gekämpft. Sie waren auf Augenhöhe.“
Leylas Herz machte einen Schlag Pause. Bunji war einer der stärksten Kämpfer, denen sie je begegnet war. Wenn dieser Mann ihm ebenbürtig war, dann stand ihnen ein harter Kampf bevor – ein Kampf, den sie nicht leichtfertig angehen durften.
„Wir sollten gemeinsam gegen ihn kämpfen. Am besten aus zwei Winkeln, während…“
Sie kam nicht weiter. Eine donnernde Stimme, wie von einem Gewitter getragen, überrollte sie.
,,KOPFGELDJÄGERIN NEA! ENDLICH KANN ICH DICH TÖTEN!’’
Nea veränderte sich augenblicklich. Die spielerische Lässigkeit wich einer gespannten Ernsthaftigkeit, die Leyla nur selten an ihr gesehen hatte. Noch immer stand sie auf ihrem Pferd, das keine Regung zeigte, als spürte es die Entschlossenheit seiner Reiterin. Sie wandte sich zu Leyla.
„Leyley, er wird nicht zu uns kommen. Der bleibt da oben. Und wir haben noch einen anderen Gegner. Ich übernehme ihn.“
Fast im selben Moment raschelten die Büsche in der Nähe. Ein Mann trat zwischen den Bäumen hervor, sein Schritt gemessen, aber fest. Er hatte kurzes blondes Haar und trug ein schlichtes, aber gut gepflegtes Schwert an seiner Seite.
Leyla erkannte ihn sofort. Sie hatte ihn auf der Rückreise von den Tabakinseln getroffen, in einem jener wenigen friedlichen Momente, die sie in Erinnerung behalten hatte. Es war ein Mann, dem sie Respekt entgegengebracht hatte. Es war Eleanor.
Doch der Ausdruck in seinem Gesicht war nicht mehr freundlich. Er war kalt, entschlossen. Und seine Worte waren ein Urteil:
„Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla. Euer Weg endet hier. Ich, Leandro di Lorenzo, werde Euch eigenhändig ausschalten.“
Die Kälte des Windes war nichts gegen das, was nun zwischen ihnen lag.
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Er erkannte sie nicht. Natürlich nicht – bei ihrem letzten und einzigen Treffen hatte sie eine andere Identität getragen, hatte sich hinter einer Rolle verborgen. Nun wusste sie, wer ,,Eleanor’’ wirklich war. Der Mann, zu dem sie einst unwillkürlich Sympathie empfunden hatte, war nicht nur ein Reisender oder Soldat – er war Leandro di Lorenzo, ein abtrünniger Adliger, einer der Führer des Schwarzen Sterns. Und jetzt stand er mit gezogenem Schwert vor ihr.
Leyla glitt vom Pferd. Ihre Stiefel versanken ein wenig im frostbedeckten Boden, als sie die Klinge aus der Scheide zog. Es war das Schwert von Zcepes, schwer und zugleich ausgewogen, mit einer Präsenz, die in der Luft vibrierte.
„Wenn du dich kampflos ergibst, garantiere ich dir dein Leben“, sprach sie, die Worte fest, mit jener autoritären Schärfe, die sie sich im Dienst antrainiert hatte. Doch ein leiser, verborgener Teil von ihr hoffte noch immer, dass er es sich anders überlegen würde. Dass irgendwo unter der Maske des Rebellen ein Mann steckte, der vernünftig war.
Doch sie wusste es besser. Niemand, der sich dem Schwarzen Stern verschrieben hatte, würde sich ergeben. Nicht freiwillig.
„Du schaffst das, Leyley!“ rief Nea, und Leyla wandte überrascht den Blick. Vor ihren Augen geschah etwas Unerwartetes – aus Neas Rücken brachen zwei große, leuchtend weiße Flügel hervor. Flügel, die sie ihr niemals zuvor gezeigt hatte. Flügel, die ein weiteres Geheimnis offenbarten, von dem Leyla nichts geahnt hatte. Es war ein Bild von erhabener Schönheit, fast wie aus einer alten Legende, doch es war keine Zeit, Fragen zu stellen.
Nea stieß sich vom Boden ab, erhob sich in die Luft und flog Vincenz entgegen.
Leyla dagegen konzentrierte sich wieder auf Leandro. Die Distanz zwischen ihnen schmolz dahin wie Reif unter Sonne. Mit einem leichten Surren glitt die Klinge von Zcepes durch die Luft.
Leandro verzog kaum das Gesicht, als er sagte: „Kopfgeldjägerin – glaubt Ihr wirklich, im Schwertkampf gegen mich bestehen zu können? Warum flieht Ihr nicht lieber ans Meer und nutzt Eure Wassermagie?“
Leyla hielt inne. Er wusste von der Kraft, die der Runenstein des Meeres ihr verliehen hatte, aber nicht von der Kraft des Runensteins der Erde? Oder unterschätzte er ihre Erdmagie?
Sie sagte nichts, hielt nur das Schwert fester. Ihre Gedanken überschlugen sich kurz, dann legte sich eine seltsame Ruhe über sie. Es war klar: Er würde nicht nachgeben. Nicht weichen. Und sie war nicht gekommen, um zu verhandeln.
Mit einem lauten Ausruf sprang sie vor. Die Klinge schnitt durch die Luft, schnell, präzise – doch Leandro duckte sich, glitt unter ihrer Bewegung hindurch wie Wasser durch ein Netz. Seine eigene Waffe schnellte nach vorne, zielte auf ihren Bauch.
Leyla reagierte instinktiv. Noch während die Klinge auf sie zuraste, aktivierte sie die Schutzschicht aus Eisen, die sie in ihre schwarze Kleidung eingearbeitet hatte – eine dünne, aber wirkungsvolle Einlage, die sie mit Erdmagie verstärken konnte. Der Aufprall wurde abgeschwächt, nicht vollständig absorbiert, aber genug, um keine tödliche Wunde zu reißen.
Sie trat nach ihm, wollte ihn aus dem Gleichgewicht bringen, doch Leandro sprang behände über ihr ausgestrecktes Bein, holte aus und ließ seine Klinge in einem weiten Bogen niedersausen. Sie konnte den Schlag gerade noch abwehren, funkenstiebend kreuzten sich die Schwerter, dann sprang sie ein paar Schritte zurück, um Abstand zu gewinnen.
Sie war besser geworden. All die Übung, die Kämpfe, die Niederlagen, sie hatten sie geformt – nicht mehr das naive Mädchen vom Anfang. Doch Leandro war anders. Sein Stil war wie Tanz und Sturm zugleich, zielgerichtet, geübt, erbarmungslos. Und er war der Sohn von Francesco di Lorenzo – dem Schwertdämon. Das konnte man in jeder Bewegung spüren.
„Scheiß drauf“, dachte Leyla mit einem zynischen Lächeln, während sie ihre Haltung veränderte. „Ich bringe mich selbst in Gefahr, wenn ich mich zurückhalte.“
Sie streckte eine Hand aus, und fast unmerklich begann sich die Erde unter ihren Füßen zu verändern. Ihr Mana, tief in den Boden geleitet, pulsierte wie ein schlafender Riese. Der gefrorene Boden bebte leise, kaum spürbar, aber es war da – das leise Grollen der uralten Macht, die ihr durch den Runenstein der Erde zur Verfügung stand.
Die Luft wurde schwerer. Die Tiere im Wald verstummten. Und der Blick zwischen Leyla und Leandro wurde zum einzig noch existierenden Band in einem plötzlich stummen Universum.
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Es war ein nicht zu unterschätzender Vorteil für Leyla, dass Leandro – und wohl auch der Schwarze Stern als Ganzes – ihre Fähigkeiten nur aus bruchstückhaften Berichten und Gerüchten kannte. Ihr Name war mittlerweile bekannt, das war ihr bewusst, doch ihr wahres Können war nach wie vor ein Mysterium, umhüllt von Geschichten, übertriebenen Darstellungen und absichtlichen Fehlinformationen. Wenn sie sich nicht täuschte, hatte Leandro, dieser selbstbewusste und gefährliche Abtrünnige, sich gleich in drei entscheidenden Punkten geirrt – und jeder einzelne davon konnte ihn das Leben kosten.
Der erste Irrtum: Er glaubte offenbar, dass ihre Wassermagie nur in der Nähe des Ozeans funktionierte. Ein verbreiteter Irrglaube, den viele hegten, wenn sie von der Schlacht um Tripolis hörten. Natürlich war das Meer eine Verstärkung, eine Quelle unerschöpflicher Kraft. Doch auch fernab der Küste konnte sie Wasser und Eis formen – aus der Luft, aus ihrem eigenen Mana, notfalls sogar aus ihrem Blut. Diese Welt war nicht so festgefügt, wie viele es glaubten.
Der zweite Irrtum war noch gröber: Er schätzte ihre Erdmagie als wenig bedrohlich ein. Vielleicht hielt er sie für eine Verteidigung, nicht für einen Angriff. Für eine Schutzmauer, nicht für eine Klinge. Doch genau das würde sie ihm jetzt demonstrieren – dass selbst der unscheinbarste Stein zum tödlichen Geschoss werden konnte, wenn er von der richtigen Hand gelenkt wurde.
Und schließlich war da sein dritter Fehler, der wohl der schwerwiegendste war: Er glaubte, er könne sie mit einem Schwert töten. Dass ihre Reise hier enden würde, unter seiner Klinge. Doch Leyla wusste es besser. Sie konnte nicht sterben. Zumindest nicht wie andere. Der Raum der Kerzen, jenes entsetzliche Geschenk, hatte ihr etwas genommen – und zugleich etwas gegeben. Sie wollte nie wieder dorthin zurück, wollte dieses Werkzeug des Grauens nie wieder einsetzen. Aber wenn es sein musste… dann würde sie.
Mit einer schnellen Bewegung ließ sie das Mana durch ihre Beine in den Boden fließen. Der Grund bebte, spannte sich, und mit einem grollenden Knacken riss die Erde unter Leandro auf. Eine tiefe Schlucht tat sich auf, als hätte die Erde selbst ihren Zorn entfesselt. Leandro reagierte blitzschnell, sprang mit einem kräftigen Satz zur Seite und landete geschickt am Rand der neu entstandenen Kluft. Leyla jedoch hatte diesen Schritt vorhergesehen – sie hatte ihre Magie bereits weiter gewoben.
Zwei massive Steinspeere hatten sich während seiner Bewegung geformt, jeder mehrere Meter lang, scharf wie Lanzen und kreisend wie ein abgeschossener Pfeil. In dem Moment, als Leandro zur Seite sprang, hatte sie einen der Speere genau auf diese Stelle ausgerichtet.
Der rechte Speer schoss mit wuchtiger Präzision nach vorn – und traf ihn.
—BUMM—
Ein dumpfer Aufprall, dann ein gewaltiges Krachen. Der Einschlag war so heftig, dass eine Wolke aus Staub und zersplittertem Gestein aufgewirbelt wurde, ein dichter Vorhang, der ihr die Sicht auf ihren Gegner nahm. Sie hörte nichts mehr außer dem Heulen des Windes und dem Echo der Explosion.
Leyla blickte kurz zum Himmel empor. Dort sah sie Nea, wie sie einen grellen Blitz formte und ihn mit tödlicher Eleganz auf Vincenz schleuderte. Es war ein schönes Bild, beinahe beruhigend – für einen Moment glaubte Leyla, die Oberhand gewonnen zu haben.
Doch da traf sie der Schmerz.
Ein brennender, stechender Schmerz in ihrem Unterleib riss sie aus jedem Gedanken. Ihre Augen weiteten sich. Sie blickte nach unten – und sah die Klinge, die sich durch ihren Bauch gebohrt hatte. Blut quoll hervor, warm, dunkel, lebendig.
Vor ihr stand Leandro di Lorenzo, unversehrt, mit einem triumphierenden Grinsen auf dem Gesicht. Er hatte sie durchbohrt – und sie hatte keine Ahnung, wie. Der Treffer mit dem Steinspeer hätte jeden normalen Mann zerfetzt. Aber er war kein gewöhnlicher Mann. Und anscheinend auch kein gewöhnlicher Kämpfer.
Sie wollte ihn wegstoßen, irgendwie reagieren, doch er riss sein Schwert weiter. Die Klinge schrammte an ihrem Herz vorbei, durchtrennte die Lunge, und trat an ihrer Schulter wieder aus. Ein zweiter Schwall Blut floss über ihre Kleidung, auf den gefrorenen Boden, dunkelrot und erschütternd real.
Leyla taumelte. Ihr Körper verweigerte ihr den Dienst. Sie versuchte zu atmen, doch Luft kam nicht – nur ein feuchtes Röcheln, begleitet von der bitteren Wärme ihres eigenen Blutes. Ihre Knie gaben nach, und sie sank in den Matsch, der durch ihr Blut aufgetaut war. Das Rauschen in ihren Ohren wurde lauter, übertönte selbst den Lärm des Kampfes im Himmel.
Was nun?
Ihre Gedanken rasten. Sie hatte ihn unterschätzt. Sie hatte es zugelassen, sich zu sicher zu fühlen. Und sie zahlte den Preis dafür. Wieder einmal.
Hatte sie die Lektion im Wald der Spinnen vergessen? Jetzt wo sie so mächtig war?
Leandro stand über ihr, die Waffe erhoben, bereit zum finalen Schlag.
Mit allerletzter Kraft – aus einer Mischung aus Trotz und Pflichtbewusstsein – stieß sie mit ihrem Schwert nach oben. Die Klinge streifte seinen Knöchel, doch prallte ab. Ein kleiner Schnitt. Kaum Blut. Ein Kratzen, als würde sie gegen Stahl schlagen.
„Verdammt…“ murmelte sie, als der Schatten seines Schwertes über sie fiel.
Und dann sauste die Klinge herab.
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—BAMM—
Eine gewaltige Explosion schleuderte Leyla rückwärts durch die Luft. Sie krachte hart auf den gefrorenen Boden, wo der Schnee sich mit ihrem Blut vermischte. Für einen Augenblick verlor sie die Orientierung, ihre Sicht verschwamm – nur durch das rotverschmierte Flimmern vor ihren Augen konnte sie noch erkennen, wie eine Gestalt auf sie zuschoss.
Es war Nea. Ihre Freundin hatte sie gerettet.
Leandro hatte gerade noch zum tödlichen Schlag ausgeholt, als Nea eingeschritten war und ihn mit einem Angriff zurückgedrängt hatte. Zwar war der abtrünnige Adlige zur Seite gesprungen und hatte den Großteil der Wucht abgefangen, doch er setzte sofort wieder zum Ansturm an.
„EIN FEHLER, NEA!“ brüllte Vincenz vom Himmel herab.
Leyla drehte den Kopf, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sich ein glühender Käfig aus purem Feuer um Nea schloss. Die Flammen züngelten wie lebendige Wesen, schlossen sich eng um ihre Freundin und sperrten sie ein wie einen gefangenen Vogel im Himmel. Nea hatte keine Möglichkeit, auszuweichen oder zu fliehen – sie war gefangen.
Sie schrie – doch Leyla konnte die Worte nicht verstehen. Alles war ein einziger, donnernder Rausch aus Schmerz, Magie und Verzweiflung.
Niemand würde ihnen zu Hilfe kommen.
Leyla wollte aufspringen, doch ihr Körper war zu schwer. Noch immer war sie schwer verletzt, noch immer pochte der Schmerz in ihrer Brust und schnürte ihr die Luft ab. Sie blickte wieder nach vorn, sah, wie Leandro sich ihr erneut näherte. Der Ausdruck in seinen Augen war finster, tödlich. Gleich würde er sie erreichen, und dann – dann würde alles enden.
Sie würde im Raum der Kerzen erwachen. Und irgendjemand würde an ihrer Stelle sterben.
Aber wer?
Würde es Nea sein? Alexandra? Eroica?
Ein weiteres Opfer für ihren Fluch?
Doch genau in diesem Moment geschah etwas Unerwartetes.
Leandro, der siegessicher auf sie zustürmte, stolperte plötzlich. Sein Körper geriet aus dem Gleichgewicht, er fiel nach vorn, fing sich mit einer Hand und starrte verwirrt auf seinen Fuß. Genauer gesagt – auf seinen Knöchel. Dort, wo Leyla ihn zuvor nur leicht mit dem Schwert gestriffen hatte, floss nun Blut. Es trat nicht in Tropfen aus, sondern in feinen, dünnen Linien – als würde es einem unsichtbaren Muster folgen. Die Linien zogen sich wie lebendige Ströme durch die Luft, formten Spiralen, verbanden sich – und begannen sich auf Leyla zuzubewegen.
Nein – auf das Schwert.
In dem Moment, als das Blut auf die Klinge des Schwerts von Zcepes traf, spürte Leyla einen Ruck durch ihren Körper. Eine Welle aus Energie durchströmte sie, heilend und kraftvoll. Die Magie war alt, fremd, aber zielgerichtet. Ihre Lunge heilte sich zuerst – sie konnte wieder atmen. Dann die zerstörten Gewebe in Brust und Schulter, schließlich die inneren Blutungen. Es war, als ob das Schwert sie neu zusammensetzte.
Keuchend sog sie Luft ein, und das Gefühl, wieder atmen zu können, war überwältigend.
„Das ist also… die Kraft des Schwertes…?“ dachte sie, benommen vor Erleichterung. Sie würde mit Eroica darüber sprechen müssen. Was genau war das für ein Artefakt, dieses Erbe des stärksten Vampirs aller Zeiten?
Doch der Moment währte nicht lange. Plötzlich stoppte der Fluss des Blutes. Die Heilung endete abrupt.
Leandro stand wieder. Seine Augen loderten vor Zorn, und Leyla erkannte sofort, was er getan hatte: Die Wunde an seinem Knöchel war verbrannt, schwarz verkohlt und rauchend. Er hatte das Gewebe selbst zerstört, damit das Schwert ihm nichts mehr nehmen konnte.
Leyla rappelte sich langsam auf. Noch immer durchzuckten Schmerzen ihren Körper, doch sie lebte – und sie konnte kämpfen.
„Das Schwert hat Euch gerettet. Noch einmal lasse ich mich nicht treffen“, sagte Leandro mit eisiger Stimme.
Leyla spürte, wie sich etwas in ihr regte. Eine Hitze, eine Flamme, die sie bisher verborgen gehalten hatte. Die Feuermagie, die sie vor allen geheim hielt – nicht zuletzt, damit Selfmun Aragi nicht alles über sie wusste. Aber wenn sie Nea retten wollte, musste sie diese Karte nun spielen.
Ein Schmerzensschrei riss sie aus dem Gedanken.
Nea.
Leyla wirbelte herum. Der Feuerkäfig hatte sich weiter zusammengezogen, brannte nun direkt an Neas Körper. Ihre weißen Flügel, zuvor so mächtig und stolz, standen nun in Flammen. Sie wand sich, schlug um sich – doch es war aussichtslos.
Leyla spürte, wie ihr Herz sich verkrampfte. Nea hatte ihr das Leben gerettet. Und sie war im Begriff, es mit dem ihren zu bezahlen.
Mit einem Ruck ließ Leyla eine massive Wand aus Stein zwischen sich und Leandro in die Höhe schießen, riss sich los aus der Erstarrung, konzentrierte sich ganz auf ihre Magie. Dann blickte sie gen Himmel, sammelte all ihre verbleibende Energie.
Der Feuerkäfig brannte unerbittlich. Nea konnte jeden Moment sterben.
„Nicht mit mir“, flüsterte Leyla.
Im selben Moment, als Leandro begann, durch die Wand zu brechen, entfesselte sie eine alles verzehrende Welle aus Flammen – eine Feuersbrunst, die mit brutaler Hitze durch die Luft schnitt und ihn zurückdrängte.
Gleichzeitig ließ sie ihre Erdmagie durch den Boden strömen, formte eine gewaltige Steinsäule, die sie mit enormer Kraft in den Himmel katapultierte. Während sie durch die Luft schoss, formte sie in ihrer rechten Hand eine schimmernde Kugel aus Wasser – klar, rein, kühl. In ihrer linken entstand ein messerscharfer Dorn aus Eis, gekrümmt wie ein Reißzahn.
„Halte durch, Nea!“ dachte sie. Ihr Gesicht war eine Maske aus Entschlossenheit, ihre Zähne gebleckt vor Konzentration.
Sie würde nicht zulassen, dass ihre Freundin starb.



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