Kapitel 175 - Der Käfig der sieben Flammen
- empirewebnovel
- 7. Juni 2025
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„Du schaffst das, Leyley!“ rief Nea mit fester Stimme, ein Lächeln auf den Lippen. In ihren Augen funkelte Zuversicht, nicht gespielt, sondern aus tiefstem Herzen. Denn für Nea war Leyla mehr als nur eine Freundin oder Mitstreiterin – sie war ein Wunder. Eine Kriegerin, eine Kämpferin, eine Überlebende. Natürlich würde sie gewinnen. Sie musste einfach.
Ohne zu zögern breitete Nea ihre großen weißen Flügel aus. Der Wind zerrte an ihren Haaren, als sie sich mit einem kräftigen Sprung vom Boden löste. Mit raschem Flügelschlag stieg sie in den Himmel auf, direkt auf Vincenz zu.
Der Mann, der ihr schon so lange als Schatten nachhing.
Nea wusste, dass er gefährlich war. Aber sie wusste auch, dass er nicht unbesiegbar war. Er hatte gegen Bunji beinahe gewonnen – ja. Aber das war eine andere Situation gewesen. Der Chimp hatte sich nicht richtig auf ihn einlassen können, hatte den Nahkampf nicht erreicht. Doch Nea? Nea konnte fliegen. Sie war nicht auf den Boden angewiesen. Sie war frei – und sie würde es ihm zeigen.
Mit einem einzigen Atemzug ließ sie ihre Magie durch ihren Körper fließen. Eine Welle von Energie zündete in ihrer Brust, pulsierte durch ihre Arme, sammelte sich in ihren Händen.
Sie formte in Windeseile vier Angriffe:
Ein brennender Ball aus Feuer, heiß genug, um selbst Eisen zu schmelzen.
Ein splitternder Eisbolzen, messerscharf und klirrend kalt.
Ein zischender Blitz, zuckend und voller tödlicher Spannung.
Und ein Lichtsplitter, strahlend und durchdringend, wie eine Miniatursonne.
All diese Zauber manifestierte sie in weniger als einem Wimpernschlag – und schleuderte sie wie ein Salvenhagel auf Vincenz.
Doch er war schneller. Mit der Eleganz eines Tänzers und der Präzision eines Meisters wich er jedem Angriff aus, schien förmlich durch die Elemente zu gleiten. Keine der vier Attacken traf ihn. Der Feuerball verpuffte in der Luft, der Eisbolzen zersplitterte an einem leer gebliebenen Punkt, der Blitz jagte ins Leere, der Lichtsplitter wurde von seiner Handfläche zerstreut.
„Er ist schnell“, erkannte Nea grimmig. Ihre Zähne knirschten, als sie sich kopfüber auf ihn stürzte. Ein Schwert aus Licht erschien in ihrer Hand, gleißend und scharf wie der Sonnenaufgang. Mit einem markerschütternden Schrei schlug sie zu – vertikal, auf Schulterhöhe.
Doch Vincenz ließ sich einfach fallen. Mit einem kontrollierten Sturzflug wich er dem Hieb aus, fing sich auf und schoss dann direkt auf sie zu.
Sein Faustschlag traf sie hart in den Bauch.
Neas Augen weiteten sich, ihre Lungen wollten Luft, fanden aber keine. Der Schmerz durchfuhr sie wie eine Lanze. Reflexartig griff sie nach seinem Arm, ihre Finger verkrampften sich in seiner Haut. Sie sandte Feuer durch ihren Griff, ließ die Flammen in seinem Fleisch aufflammen.
Tatsächlich fraßen sich die Flammen langsam an seinem Arm nach oben – doch Vincenz zeigte keine Regung. Kein Schmerz, kein Zucken. Stattdessen reagierte er sofort.
Zwei schnelle Tritte trafen sie mit brutaler Präzision. Beide zielten auf ihre Brust – der erste brach ihre Konzentration, der zweite ihre Rippen. Das Knacken war deutlich zu hören.
Nea wurde durch die Luft geschleudert. Ihr Lichtschwert zersplitterte, ihr Atem stockte. Sie taumelte, fing sich erst im letzten Moment mit einem flatternden Schlag ihrer Flügel.
Schmerz durchzuckte ihren Körper, aber sie war vorbereitet. Noch im Flug aktivierte sie ihre Heilmagie. Ein leiser, goldener Schein umspielte ihre Brust, als sich das gebrochene Knochengewebe wieder verband, sich schloss, der Schmerz nachließ. Noch nicht verschwunden – aber gedämpft.
Mit gestrecktem Rücken richtete sie sich auf, ihre lila Augen leuchteten jetzt heller als zuvor. Vincenz hatte sie verletzt. Aber sie war nicht am Ende. Noch lange nicht.
Langsam hob sie ihre Hände. In ihren Fingerspitzen begann es zu kribbeln, die Luft um sie herum spannte sich wie ein aufgezogenes Netz. Kleine Blitze zuckten an ihren Fingern entlang, ihre Haare begannen sich leicht zu heben.
Sie spürte es: das Knistern der Energie. Die rohe Gewalt ihrer Kräfte, bereit, entfesselt zu werden.
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Mit einem donnernden Knall entlud sich Neas Magie. Die Luft um sie herum flackerte auf, als ein greller Blitz aus ihren Händen schoss. Wie ein spektraler Speer durchbrach der Lichtstrom die Wolkendecke, schnitt durch die Höhe und raste mit unaufhaltsamer Gewalt auf Vincenz zu.
Doch das war erst der Anfang.
Noch während der Blitz seine Bahn zog, begann er sich zu verzweigen. Es splitterten zunächst nur zwei, dann vier, dann Dutzende kleinerer Blitze von ihm ab, die in scheinbar chaotischem Muster durch die Luft zuckten. Sie sahen aus wie das aufbrechende Nervengeflecht eines lebendigen Wesens, ein Sturm aus Licht, ungeordnet und zerstörerisch. Doch dann – als hätte ein unsichtbarer Wille sie geleitet – änderten sie abrupt ihre Richtung. Alle zuckten im selben Moment auf Vincenz zu.
Neas Lippen verzogen sich zu einem grimmigen Grinsen. Er war umzingelt. Ihre Magie hatte ihn eingekreist, ihm die Flucht abgeschnitten. Dieses Mal würde er nicht entkommen.
Vincenz versuchte noch, mit einer hastigen Bewegung zur Seite auszubrechen, aber es war zu spät. Die erste Salve traf ihn an der Schulter, der nächste Blitz an der Hüfte, einer streifte seine Schläfe. Funken stoben, sein Körper zuckte, Licht umspielte ihn wie ein lebendiger Käfig aus Schmerz.
Sie hatte ihn. Endlich hatte sie ihn.
Nea sammelte bereits neue Energie in ihren Händen, bereit, nachzusetzen. Die Hitze ballte sich in ihrer Brust, strömte in ihre Finger und nahm die Form einer glühenden Feuerkugel an. Sie hob den Arm, wollte werfen – da fiel ihr Blick nach unten.
Und sie erstarrte.
Unter ihr, auf dem vereisten Boden, kniete Leyla. Ihr Körper war vom Blut getränkt, das über ihre Brust und Arme lief wie eine dunkle Flut. Aus ihrem Mund quoll ein tiefer, dicker Schwall von Blut, der sich in der kalten Luft wie ein grausiger Nebel verteilte. Über ihr stand Leandro di Lorenzo, das Schwert zum finalen Schlag erhoben, sein Gesicht von kalter Entschlossenheit gezeichnet.
Neas Herz zog sich zusammen. Alles in ihr schrie. Instinkt, Angst, Wut – vor allem aber: Loyalität.
„Oh nein, das wirst du nicht!“ schrie sie mit bebender Stimme. Ohne zu zögern schleuderte sie die Feuerkugel nach unten, zielgenau auf Leandro. Die Kugel fauchte durch die Luft, während Nea selbst hinterherstürzte, ihre Flügel weit ausgebreitet. Sie spürte, wie die kalte Luft ihr entgegenpeitschte, doch sie ignorierte es. Es zählte nur eines: Leyla retten.
Doch kaum hatte sie sich in Bewegung gesetzt, brach ein gewaltiger Schrei aus der Höhe über ihr hervor.
,,EIN FEHLER, NEA!’’
Vincenz’ Stimme war wie ein Keulenschlag, wie das Zerreißen von Stahl. Sein Brüllen zerschnitt das Tosen des Windes, ließ den Himmel selbst für einen Moment erzittern.
Bevor sie reagieren konnte, spürte Nea es. Eine Wärme, so intensiv, dass selbst ihre Flammenmagie dagegen wie ein laues Flackern erschien. Es war keine Hitze wie bei gewöhnlichem Feuer – es war brennende Ordnung, strukturierte Vernichtung.
Noch ehe sie den Ursprung erfassen konnte, schloss sich der Käfig um sie.
Sie sah ihn nur einen Herzschlag zu spät. Ringe aus reinem Feuer, sieben an der Zahl, formten sich kreisförmig um sie, drehten sich gegenläufig und formten einen glühenden Kerker. Die Hitze schnitt ihr den Atem ab, ihre Flügel zuckten, wollten ausbrechen – doch sie prallten an unsichtbaren Wänden zurück. Ihre Magie, so eben noch lebendig und wach, wurde plötzlich leise. Verstummte. Wie ein Sänger, dem die Kehle genommen wurden.
„Nein…“ flüsterte Nea entsetzt. Sie kannte diesen Zauber.
Der Käfig der sieben Flammen.
Ein Bannkreis aus uralter Magie, nun von Vincenz gemeistert. Sie wusste, was das bedeutete – sie war machtlos.
Und Leyla war allein.
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Der „Käfig der sieben Flammen“ war kein gewöhnlicher Zauber. Er war ein Meisterwerk der Feuerkunst, geschaffen in einer Zeit, in der die Region des heutigen Kaiserreichs noch in viele verschiedene Staaten zerbrochen war. In Neas Gedanken hallte der Name seines Schöpfers wider – San Malri, ein legendärer Magier aus dem zweiten Jahrhundert vor dem Großen Krieg. Ein Mann, dessen Werke in verstaubten Folianten beschrieben wurden, deren Seiten selbst von der Hitze seiner Zauber durchwirkt schienen.
San Malri hatte den Zauber einst erschaffen, um einen uralten Naturgeist zu bannen, ein Wesen aus Flammen und Wind, das ganze Landstriche verheert hatte. Der Käfig war kein Werkzeug zur Unterdrückung, sondern zur Vernichtung. Jeder einzelne seiner sieben Feuerkreise war mit einer Absicht geformt worden, mit einem Ziel, das ihn von jeder gewöhnlichen Magie abhob.
Die erste Eigenschaft war seine Fähigkeit, jegliche Magie im Inneren zu unterdrücken. Kein Zauber konnte dort gewoben, kein Mana geformt werden. Es war ein Ort der Stille für jede magiebegabte Seele – als würde man in einen leeren Raum treten, in dem selbst der eigene Atem kein Echo fand.
Die zweite Eigenschaft war die grausamste: Der Käfig zog sich unaufhaltsam zusammen. Langsam, unausweichlich, wurde das Ziel in seinem Inneren der sengenden Glut überlassen. Der Zauber wartete nicht auf Befehle, er verhandelte nicht. Er verbrannte. Und er tat es mit erschreckender Präzision.
Doch damit nicht genug – die dritte Eigenschaft machte ihn fast unbesiegbar. Der Käfig war immun gegen jede Form gewöhnlicher Magie. Selbst mächtige Zauber, die Berge sprengen konnten, prallten an ihm ab wie Wasser an Glas. Nur Magie der höchsten Stufe, gewoben von jenen, die an den Grenzen des Möglichen wandelten, konnte ihn brechen – und selbst das nur mit Glück und Kraft in gleichem Maß.
Die vierte und letzte Eigenschaft war sein Preis. Der Zauber zehrte mit unersättlichem Hunger an der Lebenskraft seines Anwenders. San Malri selbst war nach seinem ersten Einsatz fast gestorben. Viele andere waren es. Der Käfig war eine Waffe der Verzweiflung – wer ihn wirkte, war bereit, alles zu opfern.
Und nun war Nea in ihm gefangen.
Das war nicht das erste Mal, dass sie diesen Zauber sah. Die Erinnerung kam schnell, so schnell, dass sie ihr fast den Atem raubte. Es war viele Jahre her gewesen, in einem anderen Teil des Reiches, unter anderen Himmeln. Vincenz hatte damals einen Mann verfolgt – Heleron, den zehnten Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Nea war ihm zugeteilt gewesen, offiziell als Begleiterin, inoffiziell als Lehrerin.
Heleron hatte gekämpft, hatte seine besten Techniken aufgeboten. Doch als Vincenz den Käfig der sieben Flammen beschwor, war alles vorbei gewesen. Heleron hatte geschrien. Dann war er verstummt. Nea hatte ihm keine Träne nachgeweint. Er war ein Werkzeug gewesen, kein Freund. Doch die Scham über das eigene Versagen hatte sich tief eingebrannt. Sie hätte ihn beschützen sollen. Sie hätte siegen sollen.
Damals war sie zu schwach gewesen. Und nun… war sie selbst im Käfig.
Die Erkenntnis war wie ein kalter Schlag ins Gesicht. Sie war nicht frei. Ihre Magie war stumm, ihre Flügel nutzlos. Das Feuer, das sie umgab, war nicht ihres. Es war Vincenz’ Feuer – wild, kontrolliert, übermächtig. Die Hitze begann bereits, ihre Haut zu reizen, ihre Kleidung knisterte gefährlich. Es war noch nicht der Moment der Verbrennung, noch war Zeit. Aber nicht viel.
Und draußen kämpfte Leyla. Nea spürte ihr Herz rasen, nicht vor Angst, sondern vor Zorn. Zorn über sich selbst. Sie war hier gefangen, während ihre Freundin allein war. Wieder hatte sie versagt – und diesmal war es nicht Heleron, den es das Leben kosten könnte.
Diesmal war es Leyla.



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