Kapitel 177 - Der Preis für Frieden
- empirewebnovel
- 7. Juni 2025
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In einem warmen Sommer, als der Himmel über der Kaiserstadt tagelang wolkenlos war und die Gärten der Reichen in sattem Grün erblühten, wurde ein Sohn in das Haus di Lorenzo geboren. Es war ein Ereignis von öffentlicher Bedeutung. Denn dieser Knabe war nicht nur irgendein Kind: Er war der zukünftige Erbe einer der einflussreichsten Familien des Hochadels, Sohn der Michelle di Lorenzo – der Schwester von Kaiser Tavil IV – und Francesco di Lorenzo, dem berühmten „Schwertdämon“ der Südlande. Sein Name: Leandro.
Seine Geburt wurde nicht nur mit Festessen, Musik und Ritualen gefeiert – sie wurde auch in den Chroniken des Hofes niedergeschrieben. Leandro war ein Kind, dem die Welt offenstand. Von Anfang an wurde nichts dem Zufall überlassen. Die besten Hauslehrer der Kaiserstadt unterrichteten ihn in Geschichte, Politik, Rhetorik und Naturwissenschaften. Er lernte die kaiserlichen Gesetze, kannte die Abstammung jedes großen Hauses auswendig und konnte mit zehn Jahren die Position jeder Legion auf einer Karte benennen.
Doch was ihn besonders machte, war nicht nur seine Abstammung – sondern sein verborgenes Talent. Schon im Kindesalter zeigten sich in ihm Anzeichen einer starken Begabung für Magie. Besonders Wasser und Erde folgten seinem Willen, manchmal sogar, bevor er diesen überhaupt formuliert hatte. Doch Magie wurde in seinem Elternhaus nicht gefördert. Ganz im Gegenteil.
Francesco di Lorenzo, ein Kriegsheld ohne Gleichen, duldete keine Schwäche. Und Magie galt ihm als Werkzeug der Feiglinge. Für ihn zählte nur das Schwert – die ehrliche Klinge, die den Willen eines Mannes gegen das Chaos richtete. So wurde Leandro nicht zum Magier ausgebildet, sondern zum Kämpfer. Mit acht Jahren begann sein tägliches Training mit dem Langschwert. Mit elf hatte er seine ersten Turniere gewonnen. Mit dreizehn duellierte er sich mit Veteranen der Stadtgarde – und siegte.
Mit vierzehn trat er in die Akademie für Militärstrategie ein. Dort wurde er zum General erzogen – nicht offiziell, denn der Adel war oft misstrauisch gegenüber zu schnellen Aufstiegen – doch hinter vorgehaltener Hand sprach man bereits von seiner Zukunft. Ein Stratege und Schwertkämpfer in einer Person. Leandro war ein Name, der Gewicht hatte.
Doch dann, im Alter von einundzwanzig Jahren, kam es zum Bruch.
Sein Vater, der bereits die kaiserliche Zustimmung eingeholt hatte, zwang ihn, eine Adlige aus dem Süden zu heiraten – ein politisches Bündnis, wie es schon Dutzende Male zuvor geschlossen worden war. Doch Leandro weigerte sich. Denn sein Herz gehörte einer anderen: Prinzessin Nara, der ältesten Tochter des Kronprinzen Verion. Eine Verbindung, die aus Sicht des Hofes inakzeptabel war – zu gefährlich, zu unberechenbar. Zwei starke Blutlinien außerhalb der direkten Thronfolge hätten zu einem gefährlichen Machtzentrum werden können.
Also flohen sie. Mitten in der Nacht, in einem gestohlenen Wagen, begleitet nur von wenigen Getreuen. Auf ihrer Flucht durchquerten sie Dörfer, verlassene Garnisonen, Hungerlager. Und dort erkannten sie, was sie bislang nicht sehen wollten. Die Risse im Reich. Die Armut. Die Willkür. Die verrotteten Ämter. Der stille, allgegenwärtige Tod.
Es war Prinzessin Nara, die den ersten Schritt wagte: Sie schlug vor, nicht nur zu fliehen – sondern zu handeln. Eine Bewegung zu gründen. Etwas Neues zu erschaffen.
So wurde der Schwarze Stern geboren.
Sie heirateten in einer kleinen Kapelle in Kartaffel, ohne Pomp, ohne Gäste, nur sie beide, ein Priester, ein Schwur. Danach trennten sich ihre Wege, um unabhängige Zellen aufzubauen: Nara im Norden, Leandro im Süden.
Leandro zog in den Grünwald, ein wildes, kaum kontrollierbares Gebiet. Dort gründete er sein Lager. Anfangs bestand seine Truppe aus kaum mehr als zehn Deserteuren, ein paar überzeugten Bauern und ehemaligen Soldaten. Doch mit der Zeit wuchs seine Einheit. Sie führte Schläge gegen kaiserliche Versorgungslinien durch, zerschnitt Botenverbindungen, sabotierte Wachposten.
Der Name Leandro di Lorenzo verblasste. An seine Stelle trat ein neuer Titel: der „Südstern“ des Widerstands.
Und dann kam die Nachricht: Zwei kaiserliche Kopfgeldjägerinnen näherten sich seinem Lager.
Leandro zögerte nicht. Er hatte einen Plan. Für Nea hatte er einen Trumpf: Vincenz, seinen stärksten Kämpfer. Vincenz war unerbittlich und kannte keine Gnade. Und er beherrschte den „Käfig der sieben Flammen“, einen der tödlichsten Zauber der Feuermagie. Er sollte Nea binden, kontrollieren, umbringen.
Und für Leyla? Er hatte Berichte über sie gelesen. Sie war stark, keine Frage. Ihre Wassermagie hatte sie in einer Seeschlacht entfaltet, doch der Grünwald war kein Meer. Ihre Erdmagie dagegen war vorhersehbar. Leandro beherrschte den „Schutz der Elemente“, eine besondere Technik, die es ihm erlaubte, für eine Stunde gegen einen Magietypus nahezu immun zu werden. Und diesen Vorteil würde er nutzen.
Er glaubte, alle Variablen kontrollieren zu können.
Was er nicht wusste: Leyla war keine Variable.
Sie war eine Naturgewalt.
Und sein Untergang begann in dem Moment, in dem er das nicht erkannte.
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,,Was bedeutet für Euch Frieden und Freiheit?’’
Die Worte trafen Leyla unerwartet. Einen Moment lang wusste sie nicht, was sie antworten sollte. Die Frage selbst war einfach formuliert, beinahe harmlos – und doch lag etwas in Leandros Stimme, das sie stutzig machte. Meinte er das ernst? Oder war dies ein letzter Versuch, sie zu manipulieren? Wollte er etwa Mitleid erregen, sich ihre Gnade erschleichen?
Sie runzelte die Stirn, ihr Blick kühl. „Wenn du mit dieser Frage bezwecken willst, dass ich dich verschone, kannst du es vergessen“, erwiderte sie ohne Zögern.
Leandro hob langsam seine gefesselten Hände und schüttelte den Kopf. „Nein, das will ich nicht“, sagte er ruhig. „Ich weiß, dass ich dieses Gespräch nicht überleben werde. Das wissen wir beide. Ich verlange keine Gnade. Ich wünsche mir lediglich, ein letztes Mal einen Gedanken auszutauschen. Ein philosophisches Gespräch, bevor mein Weg endet.“
Leyla blieb still. Sie durchbohrte ihn mit ihrem Blick, als wolle sie erkennen, ob er log. Doch sie sah nichts als Müdigkeit in seinem Gesicht – und vielleicht ein winziges Stück Ehrlichkeit. Es war nicht Mitleid, das sie empfand. Eher Neugier. Und so entschied sie sich, zu antworten.
Langsam ließ sie sich ihm gegenüber auf einem Hocker nieder. Ihr Blick wanderte kurz zum Fenster der Hütte. Draußen begann der Wald im ersten Licht des Morgens zu glühen. Die Welt schlief noch, und in diesem Moment, in diesem letzten Atemzug zwischen Nacht und Tag, beantwortete sie seine Frage.
„Frieden“, sagte sie leise, „bedeutet für mich, dass man leben kann, ohne Angst zu haben. Ohne Sorge um das Morgen, ohne das ständige Zittern vor Hunger, Verlust oder Gewalt. Frieden ist, wenn man weiß, dass diejenigen, die einem etwas bedeuten, in Sicherheit sind.“
Sie legte eine Hand auf den Tisch zwischen ihnen. „Und Freiheit? Freiheit ist, wenn niemand mehr über einen bestimmt. Wenn niemand mehr die eigenen Entscheidungen lenkt oder einem befiehlt, was man zu denken, zu tun oder zu lassen hat. Freiheit bedeutet… selbst zu wählen, wer man ist.“
Leandro nickte langsam, seine Miene wirkte für einen Moment weich. „Für eine Kopfgeldjägerin sind das überraschend sanfte Ansichten.“
Ein schwaches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, während er sich mit einem leisen Ächzen zurücklehnte. „Sagt, Edle Miss Leyla – herrscht im Kaiserreich Frieden?“
Die Antwort kam ohne Zögern. „Nein. Kein Frieden. Nirgends.“
Und sie dachte nicht einmal lange darüber nach. Schon vor ihrer Zeit als Kopfgeldjägerin hatte sie es gespürt – die Unruhe, das Leid, das durch das Land schlich wie ein stummer Schatten. Sie hatte es in den Straßen gesehen, in den überfüllten Krankenhäusern, in den zusammenbrechenden Dörfern. Selbst in den Palästen war es spürbar gewesen – in den kalten Blicken und den versteckten Dolchen, die jeder trug.
„Und, Edle Miss Leyla, lebt Ihr in Freiheit?“ fragte Leandro, seine Stimme diesmal kaum mehr als ein Flüstern.
Leyla senkte den Blick. Die Antwort war nicht schwer, aber sie schmerzte. „Nein. Auch das nicht.“
Seit jenem Tag vor eineinhalb Jahren, an dem sie ohne Erinnerung erwacht war, hatte sie nach Freiheit gesucht – und sie nie gefunden. Erst war es die Abhängigkeit von den anderen gewesen: von Liam, Roxy und Fer. Dann kam die falsche Freiheit unter Kronprinz Eugenius, in einer goldenen Zelle voller Regeln. Nun, als Kaiserliche Kopfgeldjägerin, trug sie den Anschein von Unabhängigkeit wie eine Maske – doch in Wahrheit war sie gebunden. An den Kaiser. An Yang. An Selfmun Aragi. An ihre Erwartungen, ihre Beobachtungen, ihre Kontrolle.
Sie atmete tief durch. „Ich versuche es. Jeden Tag. Aber die Wahrheit ist: Ich bin immer noch gefangen. Vielleicht sogar mehr als je zuvor.“
Leandro schwieg einen Moment. Dann hob er langsam den Kopf, seine gefesselten Hände lagen ruhig auf dem Tisch. „Wollt Ihr“, sagte er ruhig, fast wie ein Vertrauter, „dass ich Euch verrate, wie Ihr wirklich frei werden könnt?“
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Leylas Herz begann schneller zu schlagen. Natürlich wollte sie das. Dafür war sie bereit, jeden Preis zu zahlen, jedes Hindernis zu überwinden. Dafür sammelte sie die Runensteine, dafür stellte sie sich Mächten entgegen, die das Kaiserreich seit Jahrhunderten prägten. Sie wollte frei sein – freier als Yang, freier als Bläsk, freier als irgendjemand vor ihr es je gewesen war.
Ein leises Beben der Hoffnung mischte sich in ihre Stimme, als sie die Frage stellte, die ihr plötzlich das Wichtigste auf der Welt schien: „Wie werde ich Freiheit erlangen?“
Leandro lächelte. Trotz seiner ausweglosen Lage – gefesselt, besiegt, dem Tod geweiht – hatte er es geschafft, dass sie ihm zuhörte. Vielleicht war das mehr, als er sich selbst noch zugestanden hätte. Vielleicht war es genau das, was er geplant hatte.
„Wirkliche Freiheit“, begann er, „kann man nur im Frieden finden. Nicht im Kampf, nicht im Sieg, nicht in der Macht. Nur im Frieden. Und wenn Ihr frei sein wollt, müsst Ihr für Frieden sorgen – echten, nachhaltigen Frieden. Doch auf diesem Weg stehen Euch drei Hindernisse im Weg.“
Leyla verschränkte die Arme. Ihr Blick war misstrauisch, doch er flackerte. Ihre Neugier war geweckt. Wenn er jetzt behaupten würde, dass der Schwarze Stern der einzige Weg sei, würde sie nicht zögern, ihn zum Schweigen zu bringen. Endgültig.
Leandro hob den Blick und sprach ruhig weiter: „Erstens: die Algavia. Die kaiserliche Familie. Solange sie lebt, solange sie herrscht, wird sich dieses Land nicht verändern. Ihre Wurzeln reichen zu tief. Ihre Herrschaft formt selbst die Träume derer, die ihnen zu entkommen versuchen. Ihr könnt Euch noch so sehr bemühen – früher oder später werdet Ihr an die Grenzen ihrer Ordnung stoßen.“
Er sah zur Seite, auf eine Flasche mit tiefrotem Wein. Der Morgen war inzwischen hereingebrochen, das Licht fiel in langen goldenen Streifen durch die Ritzen der Hütte. „Darf ich einen Schluck?“ fragte er, beinahe beiläufig.
Leyla nickte langsam. Ohne aufzustehen, streckte sie die Hand leicht aus. Aus dem Boden formte sich ein schlichter, doch fein gearbeiteter Kelch aus Stein in seiner Hand. Mit einer fließenden Geste lenkte sie den Wein durch die Luft, tropfenlos, präzise, bis das Glas sich füllte.
Leandro hob es an und betrachtete es für einen Moment ehrfürchtig. „Beachtliches Feingefühl“, murmelte er. „Und dabei sagen viele, Ihr wärt nur rohe Gewalt, ohne Kontrolle.“
Leylas Augen verengten sich, doch sie schwieg. Es war keine Zeit für Eitelkeiten.
Nachdem er einen Schluck genommen hatte, fuhr Leandro fort. „Zweitens: der Adel. Selbst wenn der Kaiser fällt, wird das Reich nicht enden. Der Adel wird zusammenkommen, sich neu formieren, einen anderen auf den Thron setzen. Solange ihre Strukturen leben, lebt das Kaiserreich. Und damit stirbt jede echte Freiheit.“
Er ließ eine kleine Pause entstehen, ließ seine Worte wirken.
„Und drittens“, sagte er schließlich, und seine Stimme wurde leiser, schwerer, „müsst Ihr Yang beseitigen.“
Der Name hallte nach, wie eine letzte Wahrheit in einer langen Lüge. Yang – der Schild des Kaiserreichs. Die mächtigste Frau des Landes. Die Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Das lebendige Symbol der Kontrolle. Solange sie lebte, würden die Pfeiler der Ordnung nicht einstürzen.
Leyla verzog den Mund. Es war nicht neu. Und doch erschütterte es sie, diese Wahrheit von jemand anderem zu hören. Sie wusste es selbst, so wie jeder es wusste, – hatte es nur nie ausgesprochen.
„Ihr denkt sicher, dass das unmöglich ist“, sagte Leandro, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Niemand kann Yang besiegen. Nicht in einem offenen Kampf. Nicht einmal Ihr.“
Er täuschte sich. Er wusste nichts von den Runensteinen. Von dem Plan, den sie langsam aber entschlossen verfolgte. Von der Macht, die sie sich aneignete, Stück für Stück. Und doch… auch sie wusste, dass es Jahre dauern würde. Dass es gefährlich war, dass der Preis unermesslich sein könnte.
„Es gibt jemanden“, fuhr Leandro fort. „Einen Krieger in unseren Reihen. Sein Name ist Atorm. Ein Berserker, ein Taktiker. Er ist nicht so mächtig wie Yang – aber er wird sie schwächen. Wenn er fällt, dann nicht umsonst. Und wenn sie geschwächt ist, dann wird es möglich. Dann könnte eine Gruppe mit Leuten wie Euch, wie Nea… vielleicht… sie töten.“
Leyla hob eine Braue. Atorm. Der Name sagte ihr nichts. War es der Mann, der Bunj getötet hatte? Sie verspürte nur Hass für diesen Mann. Doch wenn er so stark war, wie Leandro behauptete… könnte das ein Weg sein?
Doch noch bevor sie sich diesem Gedanken weiter hingeben konnte, stellte sie die Frage, die ihr auf der Zunge brannte.
„Was erhoffst du dir davon, mir das zu erzählen?“
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Leandro blickte sie eine Weile lang schweigend an. In seinen Augen lag weder Trotz noch Verzweiflung – nur Ruhe. Dann sagte er mit leiser Stimme: „Mir ist es nicht wichtig, wie eine freie Gesellschaft, ein freies Kaiserreich, erreicht wird. Nur, dass es erreicht wird. Wenn dieses Gespräch, dieser Moment, etwas in Bewegung setzt… wenn er nur einen kleinen Teil dazu beiträgt, dann würde mich das selbst im Tod mit Frieden erfüllen.“
Leyla musterte ihn aufmerksam. Seine Stimme war ruhig, fast abgeklärt. Die Worte wirkten ehrlich – nicht als Manipulation, sondern wie ein letzter Wunsch eines Mannes, der seine eigene Bedeutung erkannt hatte, ohne sich zu überschätzen. Und vielleicht gerade deshalb etwas Wahres sagte.
Sie ließ sich in die Stuhllehne zurücksinken. Ihre Gedanken kreisten, flackerten. Wenn dieser Atorm wirklich so stark war – stark genug, um Yang zu schwächen – dann könnte das der Beginn eines Plans sein. Vielleicht nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. Die Runensteine sammelten sich nicht von allein, die Welt drehte sich langsam, und ihre Freiheit – die echte, unausweichliche Freiheit – schien greifbar, wenn auch fern.
Doch konnte sie darauf vertrauen?
Selbst wenn Yang fiel, war das Kaiserreich damit nicht gestürzt. Da war immer noch Selfmun Aragi, der Adlige mit dem Grauen im Rücken. Und Bournadette Lacroix – sie war verschwunden, aber nicht tot. Menschen wie sie kehren zurück, wenn man sie am wenigsten erwartet. Und dann gab es da noch die Kopfgeldjäger. Die, die wirklich loyal waren. Die, die sich nicht wie Leyla in einer Grauzone bewegten, sondern kompromisslos an das glaubten, was ihnen von oben eingetrichtert wurde.
Nein, Yang war nur der erste Stein, der fallen musste. Danach würde es ein Kampf gegen den Adel, gegen die Systeme und die Krone selbst.
Und selbst wenn sie all diese Schritte gehen wollte – sie brauchte die Runensteine des Raben. Ohne sie war alles nur Hoffnung. Ein Märchen.
Leandro unterbrach ihre Gedanken mit einer leisen, fast zärtlichen Bitte: „Es steht Euch natürlich frei, einen anderen Weg zu gehen. Ich verstehe das. Aber… ich hätte eine letzte Bitte: Helft meiner Frau. Helft Prinzessin Nara, diese freie Welt eines Tages zu sehen.“
Leyla hob eine Augenbraue. Eine Bitte aus Liebe also? War das der eigentliche Grund dieses Gesprächs? Kein strategisches Manöver, kein manipulativer Plan, sondern ein verzweifelter Wunsch, diejenige zu schützen, die er liebte?
Wenn das so war, konnte sie ihn mehr verstehen, als sie es sich selbst eingestehen wollte.
Liebe. Sie machte Menschen zu Monstern. Und manchmal zu Helden. Und zu allem dazwischen.
Ihr Blick fiel auf ihn – den ehemaligen Adligen, den Verräter, den Philosophen, den Verlorenen. Und sie spürte, wie sehr sie dieses Gespräch berührt hatte. Wie selten es war, jemanden zu begegnen, der ehrlich sprach – nicht aus Schwäche, sondern weil ihm nichts mehr zu verlieren blieb.
Sie lehnte sich nachdenklich zurück, ließ das Licht der aufgehenden Sonne über ihre Haut streifen und blickte wieder zu ihm. Dann stellte sie ihm die eine Frage, die all ihre Widersprüche zusammenfasste:
,,Muss das hier wirklich mit deinem Tod enden?’’
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Leandro schenkte ihr ein letztes Lächeln. Kein triumphierendes, keines aus Trotz – sondern ein leises, ehrliches, beinahe zärtliches.
„Ja,“ sagte er ruhig, „das muss es. Für Euch wäre mein Überleben ein Zeichen von Schwäche. Es würde eure Stellung gefährden. Die Welt, in der Ihr lebt, duldet keine Unklarheit. Und mich... mich würde in der Kaiserstadt nichts erwarten als Schmerz. Die Folter wäre nur der Anfang. Sie würden meine Erinnerungen zerschneiden, meine Gedanken sezieren, meine Gefühle aus mir herausbrechen. Und all das nur, um ihre Ordnung, ihre Lügen, ihr Kaiserreich zu schützen. Eine Welt, die ich verabscheue.“
Er hielt kurz inne. „Nein, Edle Miss Leyla. Für mich ist der Tod das Einzige, was noch bleibt.“
Leyla seufzte leise. In ihrem Herzen regte sich keine Trauer um den Mann vor ihr. Aber sie verspürte Dankbarkeit. Dankbarkeit für ein Gespräch, das ihr Klarheit gebracht hatte. Für Worte, die nicht mit versteckten Klingen, sondern mit Überzeugung geführt wurden. Vielleicht war das alles gewesen, was sie ihm noch geben konnte – ein würdiges Ende.
Langsam stand sie auf, trat einen Schritt näher an ihn heran. Ihre Stimme war ruhig, fast sanft: „Wie soll ich es machen? Eis? Wasser? Feuer oder Stein?“
Ein schwacher Glanz trat in Leandros Augen. „Bitte… enthauptet mich draußen. Mit eurem besonderen Schwert. Es soll nicht irgendetwas sein. Es soll bedeutsam sein.“
Leyla nickte schweigend. Sie half ihm auf die Beine, der einstige Rebell war leicht, beinahe schon ein Schatten seiner selbst. Gemeinsam gingen sie zur Tür.
Als sie sie öffnete, strömte kalte, klare Winterluft in die kleine Hütte. Der Morgen war angebrochen, das Licht der aufgehenden Sonne legte sich wie ein goldener Schleier über das Lager, das dem Untergang geweiht war.
Draußen knieten die Männer und Frauen des Schwarzen Sterns. Ihre Waffen lagen ordentlich gestapelt in der Mitte des Lagers. Es herrschte gespenstische Stille. Die Angst, der Schock – sie lagen über allem wie ein unsichtbarer Nebel.
Theol stand etwas abseits. Seine schwarzen Schuppen glänzten matt im Dämmerlicht. Der Blick, den er Leyla zuwarf, war vorwurfsvoll, ja sogar durchdrungen von Schmerz. Doch sie konnte ihn nicht erwidern. Sie durfte jetzt nicht zweifeln.
Leandro ließ sich auf die Knie nieder. Er atmete einmal tief ein, dann sprach er mit fester Stimme: „Männer und Frauen, die ihr mir gefolgt seid – ich habe versagt. Doch im Austausch für mein Leben wird euch Gnade gewährt. Haltet durch. Lebt. Und vergesst eure Hoffnung nicht. Auch wenn ich sie nicht mehr erleben werde – ich glaube daran, dass ihr es könnt. Dass ihr es schaffen werdet.“
Dann schloss er die Augen.
Leyla zog das Schwert von Zcepes langsam aus seiner Scheide. Das metallene Geräusch hallte über den Lagerplatz wie ein Glockenschlag. Die Klinge war schwer, aber vertraut. Leyla hatte bereits viele Leben genommen. Jetzt würde sie ein weiteres beenden.
Sie trat an ihn heran. Kein Zögern. Keine Worte mehr.
Ein einziger, sauberer Schlag – und es war vorbei.
Der Kopf von Leandro di Lorenzo rollte sanft zur Seite, sein Körper sank zusammen wie ein leerer Mantel. Niemand im Lager bewegte sich. Kein Laut war zu hören, außer dem weichen Rieseln von Schnee, der in diesem Moment zu fallen begann.
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„Ich werde den Wald noch durchsuchen. Ihr könnt die Gefangenen in die Kaiserstadt bringen, Eure Hoheit.“
Leylas Worte klangen bestimmt, doch in ihrem Tonfall lag unverkennbar eine tiefe Erschöpfung. Die Ereignisse der letzten Stunden, der Kampf, das Gespräch mit Leandro, die Entscheidung, sein Leben zu nehmen – all das lastete auf ihren Schultern.
Mittlerweile war der Abend hereingebrochen, ein fahles Licht lag über dem Lager, als Kronprinz Cornelius mit einer kleinen Eskorte eintraf. Die eisige Luft war ruhig, fast zu ruhig nach allem, was geschehen war.
Der Kronprinz musterte sie mit einem prüfenden Blick. Sein Gesicht blieb hart, wie aus Stein gemeißelt, doch in seinen Augen lag etwas, das sie überraschte – ein Hauch von Anerkennung. Schweigend nickte er. „Wie Ihr wünscht, Edle Miss Leyla.“
Dann wandte er sich ab, seine Stimme wurde scharf und befehlend. Mit einem lauten Ruf ordnete er den Abtransport der Rebellen an. Die kaiserlichen Soldaten begannen sich zu formieren, fesselten die Gefangenen und machten sich bereit für den Marsch zurück in die Kaiserstadt. Leyla sah ihnen schweigend nach. Ein Streit mit dem Kronprinzen war ausgeblieben – das war mehr, als sie erwartet hatte.
Ein tiefer Atemzug löste sich aus ihrer Brust, eine Welle der Erleichterung durchflutete sie. Nea lebte. Sie war zwar verletzt, ihre Flügel geschwärzt, einige Knochen gebrochen, aber sie hatte es überstanden. Ihre unbändige Lebenslust war ungebrochen, sie würde sich erholen – da war sich Leyla sicher. Nea war schon unterwegs zurück zum Hauptquartier. Dort würde sie in Sicherheit sein.
Und Leyla würde ihr folgen. Später. Zuerst gab es etwas, das sie nicht ignorieren konnte.
Ihr Blick glitt über das Lager, über die erschöpften Soldaten, die geduckten Rebellen, die kargen Hütten – und blieb schließlich an einem kleinen Astloch hängen, nur wenige Schritte entfernt. Darin schlief eine winzige Gestalt. Eine Fee. Ihre Flügel zuckten leicht, ihr Atem war ruhig. Leyla erinnerte sich.
,,Wenn du die Gelegenheit hast, folge den Feen.’’
Selfmun Aragi hatte es gesagt, in seinem rätselhaften, beinahe unheimlichen Ton. Als hätte er etwas geahnt, das sie nicht begriffen hatte. Damals hatte sie seine Worte nicht verstanden, sie kaum beachtet. Jetzt wirkten sie wie ein Fingerzeig, der durch die Dunkelheit wies.
Langsam streckte sie ihre Arme, löste die Anspannung aus Schultern und Nacken. Ihr Körper schmerzte. Der Kampf hatte Spuren hinterlassen – innerlich wie äußerlich. Doch ihre Gedanken waren klar. Sie wollte wissen, was es mit den Feen auf sich hatte. Vielleicht führten sie sie zu Antworten. Oder zu einem neuen Kapitel ihrer Reise.
Doch bevor sie auch nur einen Schritt auf die schlafende Fee zugehen konnte, hielt sie inne.
Etwas veränderte sich.
Ein Pochen, ganz leicht, in ihrer Schläfe. Dumpf, rhythmisch, wie ein Herzschlag unter der Haut. Es war kein Schmerz, sondern ein Gefühl, das sie in den letzten Monaten nur selten gespürt hatte – aber sofort erkannte. Das Signal war eindeutig.
Ein Runenstein.
Er war in der Nähe.
Und er rief nach ihr.



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