Kapitel 178 - Frühlingsblumen im Eis
- empirewebnovel
- 7. Juni 2025
- 11 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 8. Juni 2025

Ark VI - Zeugnis der Macht
Es war ein sonniger Morgen in Tripolis. Der Winter, der wie ein eisiger Schleier über dem Kaiserreich lag, schien diesen entlegenen Teil der südlichen Inseln kaum zu berühren. Die tropische Wärme lag schwer in der Luft, Vögel stimmten ein vielstimmiges Konzert an, das in harmonischem Gleichklang mit dem leisen Rascheln der Palmenblätter im Wind tanzte. Aus dem offenen Fenster seines Zimmers drang der Duft frisch geöffneter Blüten, süßlich und lebendig, als würde der Tag selbst ihn willkommen heißen.
Langsam richtete er sich in seinem Bett auf, seine Bewegungen waren präzise, beinahe mechanisch. Jeder Muskel dehnte sich mit stoischer Disziplin, als wäre selbst das Aufstehen ein Akt des Willens. Er stand auf, trat ans Fenster und blickte hinaus auf die bunten Dächer von Tripolis, auf den geschäftigen Hafen, in dem Fischerboote mit dicker Beute zurückkehrten, auf die Marktstände, die sich füllten. Heute würde er die Stadt verlassen. Seine Gedanken waren klar, sein Ziel unverrückbar.
Ein Treffen in der Kaiserstadt stand bevor. Und nicht mit irgendeiner Person – ein Mann wartete auf ihn, den man nicht lange warten ließ. Ein Adliger, mächtig, gefährlich und intrigant. Ein Mann, dem er zutiefst misstraute. Der Gedanke an ihn ließ seine Stirn sich unwillkürlich runzeln. Es war eine lästige Pflicht, keine Frage.
„Was für eine abscheuliche Angelegenheit …“ murmelte er und schüttelte kaum merklich den Kopf. Er konnte diesen Menschen nicht leiden. Er war einer von denen, die nichts als ihre eigene Macht im Sinn hatten. Einer, der dem Kaiser nicht treu ergeben war. Einer, der ihn sofort verraten würde, wenn sich die Gelegenheit bot. Wie viele waren es inzwischen geworden, die in dunklen Zimmern über Umstürze flüsterten?
Ganz anders als er selbst. Er verdankte dem Kaiser alles. Seinen Rang. Seine Ehre. Sein Leben. Und auch, wenn er nicht zu den Männern gehörte, die leichtfertig mit Begriffen wie Treue oder Loyalität um sich warfen, so war seine Hingabe echt – kompromisslos. Er würde für den Kaiser töten, für ihn jeden noch so übermächtigen Feind herausfordern. Und wenn es sein müsste, würde er für ihn sterben, ohne mit der Wimper zu zucken.
Mit einer fließenden Bewegung griff er nach dem roten Mantel, der über der hölzernen Rückenlehne eines Stuhls hing. Der Stoff war schwer, von bester Qualität, mit goldenen Nähten gesäumt, die das Familienwappen trugen. Als er ihn sich umlegte, wirkte er plötzlich größer, präsenter – wie eine Statue aus Fleisch und Blut. Er trat zur Tür, straffte die Schultern, der Blick ernst. Er wusste, was seine Rolle war. Ein General durfte keine Müdigkeit zeigen, keine Unsicherheit. Nur Stärke. Nur Entschlossenheit.
Als er das ehemalige Rathaus verließ, blendete ihn das Sonnenlicht. Es war hell und warm, als wolle es den Tag in ein goldenes Versprechen tauchen. Sein Blick glitt über den Vorplatz, der von Palmen gesäumt war. Einige Soldaten standen Spalier, salutierten, während er die Stufen hinabstieg. Ihre Mienen waren angespannt, ehrfürchtig. Sie wussten, wer er war.
[???] ,,Wollt Ihr das Schiff nach Welldyl nehmen, General van Trey?’’
Es war der Kapitän des kaiserlichen Handelsschiffes, das im Hafen auf ihn wartete. Er stand ein wenig abseits, verbeugte sich tief, doch sein Blick war wachsam.
Thibedeau van Trey erwiderte seinen Blick mit kühler Entschlossenheit. „Nein, ich muss noch heute ankommen.“ Seine Stimme war ruhig, doch sie ließ keinen Widerspruch zu.
Der Kapitän nickte nur, verbeugte sich erneut, und wich zurück. Keine weiteren Fragen, keine Angebote. Er hatte verstanden.
Thibedeau schritt weiter über den Platz. Als er das Ende des Platzes erreichte, blieb er stehen. Dann breitete er langsam die Arme aus, als würde er den Himmel selbst begrüßen wollen. Tief aus seinem Innersten spürte er das vertraute Brennen, das sich aus seiner Brust bis in seine Fingerspitzen ausbreitete – die Hitze seiner Magie. Sie war sein Element. Sein Verbündeter. Seine Waffe.
Mit einem Knall löste sich sein Körper vom Boden, von Flammen getragen. Die Umstehenden wichen ehrfürchtig zurück. In einer kreisenden Bewegung schoss er in den Himmel, wie ein flammender Pfeil, der in den Norden raste – in Richtung Kaiserstadt. In Richtung Pflicht.
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[???] ,,Wer bist denn du?’’
Die Stimme war hauchzart, fast wie ein Windspiel, das von einer kaum spürbaren Brise berührt wurde. Doch sie trug sich über die kahlen Äste hinweg, durch das Flüstern der Baumwipfel, die unter dem Einfluss des eisigen Winterwinds sanft hin und her schwankten. Die Worte schnitten klar durch das frostige Schweigen des Waldes, als wären sie nicht von dieser Welt – leicht, verspielt und doch durchdringend.
Leyla drehte den Kopf. Sie war allein. Der Kronprinz war längst fort, mit seinen Männern und den Gefangenen zurück in Richtung Kaiserstadt geritten. Er hatte sie gewähren lassen – als Kaiserliche Kopfgeldjägerin stand es ihr frei, sich nach Abschluss eines Auftrags für eine Weile zurückzuziehen. Doch sie war nicht ohne Ziel hier geblieben. In ihrer Stirn pochte es, ein vertrauter, fordernder Druck, der ihr immer dann erschien, wenn sie sich einem der Runensteine des Raben näherte.
Ihr Blick fiel auf ein Astloch in einem knorrigen Baum, kaum eine Armlänge entfernt. Dort, von einem Schleier aus Kälte und Schneekristallen umgeben, kauerte eine winzige Gestalt. Zart wie eine Blüte, durchscheinend wie Morgentau. Eine Fee. Sie zitterte erbärmlich, hielt ihre dünnen Arme um sich geschlungen, doch in ihren funkelnden Augen lag ein ungewöhnlich fester Ausdruck. Trotz der Kälte, trotz ihrer Zerbrechlichkeit – sie war nicht schwach.
„Ich bin Leyla“, antwortete sie ruhig. Ihre Stimme war leise, aber klar, durchdrang den frostigen Dunst zwischen ihnen. „Und du?“
Die Worte, die Selfmun Aragi ihr vor Wochen mit auf den Weg gegeben hatte, drängten sich wieder in ihr Bewusstsein zurück: ,,Wenn du die Gelegenheit hast, dann folge den Feen.’’ Damals hatte sie den Rat mit Misstrauen aufgenommen. Sie traute ihm nicht. Er war ein Lügner, nur auf seine eigene Macht besessen, ein Feind. Und doch … wie schon beim Auftrag in Tripolis hatte sich auch dieser Hinweis als real erwiesen. Warum wollte er, dass sie mächtiger wurde? Warum half er ihr? Vielleicht wollte er sie manipulieren, vielleicht aber war es auch Teil eines größeren Spiels. Fragen, auf die sie noch keine Antwort hatte.
„Ich bin Vinessa! Freut mich, Leyla!“ Die Fee zwinkerte, ihre Stimme war hell und freundlich. Doch ihr Körper zitterte so stark, dass es fast schmerzhaft anzusehen war. Die dünnen Flügel flatterten kraftlos, der Atem der Fee wurde in kleinen weißen Wölkchen sichtbar.
„Frierst du nicht?“ fragte Leyla mit leichtem Stirnrunzeln. Sie selbst spürte die Kälte nicht – seit sie das Feuer des Runensteins der Erde angefangen hatte zu erlernen, konnte sie über ihre eigene Körpertemperatur gebieten. Die Wärme der Erde, verbunden mit der beruhigenden Kühlung des Wassers – zwei Kräfte, die sie nicht nur im Kampf, sondern auch im Alltag schützten.
„D-Doch … ein bisschen schon“, gab Vinessa kleinlaut zu und versuchte, ihre zitternden Flügel zu verbergen.
Leyla lächelte, warm und einladend, und streckte beide Hände aus, die Innenflächen geöffnet. „Möchtest du dich ein wenig in meinen Händen wärmen?“
Die Fee zögerte kurz, musterte Leyla mit einem prüfenden Blick, als wolle sie ihre Absichten lesen. Doch dann nickte sie, machte einen kleinen Satz und ließ sich in Leylas Handflächen nieder. In dem Moment, in dem sie Hautkontakt spürte, weiteten sich ihre Augen. Ihre kleinen Finger krallten sich in Leylas Daumen.
„Du bist sooo warm!“ rief sie erstaunt, beinahe jauchzend, und drückte sich ein wenig tiefer in die wärmende Haut.
Leyla schmunzelte. Für einen Moment war da eine Ruhe, wie sie sie selten kannte. Ein Stück Frieden, eingefangen in einem einzigen Atemzug. „Mir wurde gesagt, dass ich den Feen folgen soll“, murmelte sie schließlich, mehr zu sich selbst als zu der kleinen Gestalt in ihren Händen.
In diesem Moment veränderte sich Vinessas Mimik. Das Funkeln in ihren Augen wurde ernster, der Blick konzentrierter. Sie richtete sich langsam auf, legte ihre kleinen Hände in die Hüften und nickte entschlossen.
„Dann komm bitte mit zur Dorfältesten. Ich zeige dir den Weg.“ Ihre Stimme war nicht mehr verspielt – sie klang nun wie die einer Botenführerin, die wusste, dass etwas Größeres bevorstand.
Leyla nickte nur stumm und schloss langsam die Finger um die kleine Gestalt, ohne sie zu erdrücken. Dann wandte sie sich vom Baum ab und trat tiefer in den Wald hinein – dem schwachen Licht folgend, das zwischen den knorrigen Ästen hindurchbrach. Und dem Pochen in ihrer Stirn, das nun stärker wurde. Bald würde sie dem nächsten Runenstein gegenüberstehen. Und wer wusste schon, was sie dort erwarten würde.
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„Älteste! Ich habe die Jüngerin dabei!“ rief Vinessa in heller Aufregung, kaum dass Leyla die grüne Lichtung betreten hatte.
Der Klang ihrer Stimme hallte über die Wipfel der Bäume hinweg und ließ das Laub leise rascheln. Es war ein sonderbarer Ort, dieser Waldabschnitt – ein Ort, der sich von der kalten, winterlichen Welt jenseits der knorrigen Äste unterschied wie eine Erinnerung an den Frühling inmitten eines Schneesturms. Wärme lag in der Luft, Insekten summten zwischen Blüten, die nach süßem Tau dufteten, und das Licht, das durch das Blätterdach fiel, war so golden, als wäre es von der Sonne selbst gesegnet worden.
Rings um sie herum öffneten sich kleine Türen in den Baumstämmen und zwischen knorrigen Wurzeln, und winzige Feen schwebten neugierig heran. Sie sahen aus wie aus Träumen geschnitzt – leuchtende Augen, flatternde Flügel, Gewänder aus Blattfasern und Tauperlen. Einige hielten inne, als sie Leyla bemerkten. Die Präsenz einer Menschin war offenbar selten, vielleicht gar einzigartig an diesem Ort. Leyla spürte ihre Blicke, doch es war keine Angst darin, eher eine ehrfürchtige Vorsicht. Vielleicht war es das Flüstern der uralten Magie, das durch ihre Adern floss, oder die Feen spürten, was in ihr schlummerte.
„Leyla, dort vorne – sie ist in dem Haus! Komm mit!“ rief Vinessa und deutete auf ein zwischen Ranken verborgenes Häuschen, das in einem ausgehöhlten Ast errichtet worden war.
Leyla trat näher, setzte ihre Schritte bedächtig und vermied es, Blumen oder Wurzeln zu beschädigen. Sie wusste nicht genau, woher dieser Respekt kam – ob aus der eigenen Moral oder aus der tiefen Ahnung, dass dieser Ort mächtiger und vor allem älter war als vieles, was sie bisher gesehen hatte. Hier herrschte ein Gleichgewicht, das man nicht stören durfte.
Als sie das Häuschen fast erreicht hatte, ertönte von drinnen eine Stimme – zart und ruhig, aber mit einer Altersmilde, die an knisterndes Kaminholz erinnerte.
„Ist es wahr, Vinessa? Ist sie endlich da?“
Kurz darauf schob sich ein runzliges Gesicht mit gütigem Lächeln aus der Öffnung. Die Fee hatte silberne Haare, die wie Spinnweben in der Sonne glänzten, und ihre Augen funkelten wie klarer Morgentau.
„Ich bin Calira“, sagte sie mit freundlicher Stimme. „Ich bin die Dorfälteste und Hüterin dieses Ortes. Darf ich dich hineinbitten, Leyla?“
Leyla öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch zögerte. Wie sollte sie in dieses winzige Häuschen passen? Ihre Hand war mehr als viermal so groß wie die Tür, durch die Calira gerade gesprochen hatte.
Doch Calira hatte die Situation bereits erfasst. Ein verschmitztes Grinsen erschien auf ihrem Gesicht, während sie sich aus der Tür lehnte. „Streck mir deinen Finger entgegen, Kind.“
Leyla tat, wie ihr geheißen. Im Moment der Berührung durch Caliras winzige Hand strömte warme, goldene Magie durch Leylas Körper. Ihr Blick verschwamm, als würde die Welt um sie herum tanzen, und plötzlich wurde sie kleiner. Der Boden kam näher, die Pflanzen wurden höher, und sie spürte einen leichten Windstoß, der sie sanft durch die Tür trug – nicht wie einen Menschen, sondern wie ein Blatt im Wind.
Drinnen roch es nach Honig, Harz und einem Hauch von Moos. Der Innenraum war gemütlich und überraschend fein eingerichtet. Eine Nussschale diente als Sessel, darin ein Kissen aus Baumwolle. Ein Tisch, gemeißelt aus einem flachen, grünen Stein, stand in der Mitte des Raumes.
Auf ihm ruhten mehrere Gegenstände – getrocknete Blüten, eine kleine Schale mit klarem Wasser, und genau dort, auf einem Kissen aus weißen Fasern, lag ein Objekt, das Leyla den Atem raubte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, ihre Schläfen pochten im vertrauten Rhythmus der Magie.
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Der Stein, der auf dem geschliffenen Tisch aus Moosstein lag, war klein und unscheinbar – kaum größer als ein Apfelkern. Seine Oberfläche war von einem schimmernden Grau, das in Wellen changierte, wenn man ihn aus dem Augenwinkel betrachtete. Darauf zogen sich leuchtende Linien in sattem Grün wie filigrane Wurzeln über den Stein, die sich in einem uralten, organischen Muster wanden: Runen. Und nicht irgendwelche – Leyla erkannte instinktiv, dass es sich um einen Runenstein handelte. Einen jener Steine, die voller Macht pulsierten und die Welt verändern konnten.
Langsam, fast ehrfürchtig, trat sie einen Schritt näher. Ihre Augen blieben auf dem Objekt ruhen, das so still und unbewegt dalag und doch etwas in ihr weckte – eine Spannung, ein Drängen, ein Ruf. Was für eine Kraft mochte in diesem Stein wohnen? Würde es etwas Neues in ihr wecken?
„Hab etwas Geduld, Kind“, ertönte da die Stimme von Calira hinter ihr, leise und voller Milde. „Setz dich, lass uns reden.“
Leyla wandte nicht sofort den Blick vom Stein, aber sie nickte und ließ sich langsam in den Nussschalensessel gleiten, den man ihr angeboten hatte. Die Polsterung war weich, aus feinen Baumwollfasern gefertigt, und der Sessel wiegte sie sanft. Kaum hatte sie Platz genommen, überkam sie eine träge Wärme.
Die Müdigkeit, die sie seit Tagen mit sich trug, stieg in ihr auf wie Nebel aus dem Boden. Sie hatte seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen – erst der endlose Marsch durch das Südmoor, dann der Kampf gegen Leandro di Lorenzo und Vincenz. Ihr ganzer Körper pochte vor Erschöpfung, doch noch hielt sie sich wach. Noch musste sie zuhören.
Calira nahm auf einer kleinen Bank aus verwittertem Holz gegenüber Platz. Ihre Bewegungen waren ruhig, wie die eines Wesens, das an der Schwelle zweier Welten lebt – der realen und der mythischen.
„Dass ich zu meinen Lebzeiten die Jüngerin treffen würde …“ sagte sie, und Leyla sah, wie sich eine einzelne Träne im Augenwinkel der alten Fee bildete. Sie lief nicht hinab, blieb einfach dort stehen – als Zeichen einer Hoffnung, die plötzlich greifbar geworden war.
Leyla runzelte die Stirn. Sie hatte diese Bezeichnung schon mehrmals gehört, doch ihre Bedeutung war ihr nie klar geworden. „Was genau bedeutet Jüngerin? Warum nennen mich manche so?“
Die Frage lag schon lange auf ihrer Zunge, seit jenem Tag, an dem sie Bläsk gegenübergestanden hatte – dem Erzdämon des Donners, der mit einem einzigen Blitz ihren Körper zerstört hatte. Damals war Roxy gestorben, an ihrer Stelle. Seitdem hallte dieses Wort in ihrem Geist wider wie ein Echo, das sich weigerte, zu verstummen.
Caliras Blick wurde weich, beinahe ehrfürchtig. „Es bedeutet, dass du die Auserwählte bist, die die Kraft der Runensteine in sich aufnehmen wird. Du bist dazu bestimmt, dieser Welt Frieden zu bringen.“ Ihre Worte klangen nicht wie eine blinde Prophezeiung, sondern wie die Bestätigung eines jahrhundertelang erwarteten Wunders. Ein Glaube, geboren aus alter Weisheit und weitergegeben über viele Generationen.
Leyla schwieg. Frieden. Das war ein großes Wort. Ein schweres. Ein Wort, das in ihr mehr Zweifel weckte als Hoffnung. Denn sie wusste nicht, ob sie dieser Rolle gerecht werden konnte – oder wollte. Ihr ganzes Leben war von der Unsicherheit und dem Wunsch nach Freiheit geprägt. Selbst der Weg, den sie jetzt beschritt, war mehr Suche als Ziel.
Leandro hatte davon gesprochen, dass man Freiheit nur durch Frieden erreichen konnte, doch stimmte das? War wirklicher Frieden nicht einfach nur eine unlösbare Aufgabe?
„Du scheinst verwirrt, Kind. Also lass mich dir erklären“, fuhr Calira mit sanfter Stimme fort. „Mein Volk gehört dem Federglauben an. Wir Feen verwalten seit langer, langer Zeit den Runenstein der Heilung. Wir haben gewacht, gehütet, gewartet – auf dich.“ Ihre Hände ruhten dabei gefaltet auf dem Schoß. Ihre Worte waren nicht überhöht, sondern schlicht und fest.
Leyla horchte auf. Der Federglauben. Der Begriff war ihr fremd, ungewohnt – und doch klang er irgendwie vertraut, als hätte sie ihn in einem längst vergessenen Lied gehört. Vielleicht würde Eroica mehr darüber wissen? Sie wusste mehr zu solchen Dingen.
„Wir wünschen uns, dass du den Stein in dir aufnimmst“, sagte Calira ruhig. „Nicht für uns. Nicht für Ruhm. Sondern damit du ihn nutzt, um der Welt Frieden zu bringen.“
Leyla konnte keine Worte finden, also nickte sie. Ob sie den Frieden wirklich erreichen konnte, spielte keine Rolle. Das einzige, was zählte, war der Runenstein vor ihr.
Die Worte der Ältesten wurden leiser, feierlicher: „Bleib stets stark, Jüngerin. Wir vertrauen auf dich. Deine Aufgabe ist schwer. Sie bringt Leid, Schmerz und Opfer mit sich. Aber wenn du auf dein Ziel fokussiert bleibst, wirst du es erreichen – auf deine Weise.“
Ein weiteres Nicken. Mehr war nicht nötig. Denn sie fühlte es inzwischen deutlich: Das Pochen an ihrer Stirn war stärker denn je. Es hämmerte im Takt ihres Herzschlags, als wollte der Stein sie rufen. Als hätte er auf diesen Moment gewartet.
„Gut“, sagte Calira nun mit sanfter Entschlossenheit. „Wenn du bereit bist – dann nimm bitte den Runenstein.“
Leyla beugte sich langsam nach vorne, als würde sie durch Wasser waten. Sie hob die Hand, streckte die Finger aus – vorsichtig, zögerlich. Ihre Fingerspitzen berührten den kalten, runenbedeckten Stein. Und in dem Moment, in dem ihre Haut das Gestein traf, veränderte sich alles.
Die Welt um sie herum löste sich auf.
Die Farben des Zimmers verschwanden. Der Geruch von Moos und Blüten war fort. Stattdessen war da Sonne – warme, angenehme Sommersonne. Leyla saß auf einer hölzernen Bank in einem Garten, in dem die Zeit stillzustehen schien. Ein kleiner Teich plätscherte neben ihr, auf dessen Oberfläche das Licht tanzte. Um sie herum sprangen Tiere über das frische Gras, fraßen, schliefen, spielten – als gäbe es keine Sorgen, keinen Krieg, keine Trauer.
Und neben Leyla rollte sich eine kleine, schneeweiße Katze zusammen. Ihr Fell glänzte wie Neuschnee im Morgenlicht. Sie atmete ruhig und gleichmäßig.
Und Leyla kam ein Wort in den Sinn. Klar und absolut.
Frieden.



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