Kapitel 179 - Der Garten des Friedens
- empirewebnovel
- 8. Juni 2025
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Wo war sie?
Diese Frage hallte in Leylas Kopf wider, kaum dass sie die Augen geöffnet hatte. Alles wirkte so real – das Licht, die Gerüche, der Wind, der ihr durch die Haare strich – und doch wusste sie, dass dies nicht die wirkliche Welt war. Es war kein Ort, den man auf einer Karte finden konnte. Nicht so wie Tripolis oder die Kaiserstadt. Nein, dieser Ort gehörte zu etwas anderem.
Als sie einst den Runenstein der Erde berührt hatte, war kaum etwas geschehen – zumindest nicht äußerlich. Die Macht, die sie entfesselt hatte, war roh gewesen, eine unkontrollierbare Reaktion auf den Zorn und Schmerz, der in ihr gebrodelt hatte. Der Stein hatte sie nicht an einen anderen Ort getragen. Keine Vision. Keine Stimme. Nur Zerstörung.
Der Runenstein des Meeres war anders gewesen. Dort hatte sie sich in einer Sphäre aus schimmerndem Wasser wiedergefunden, hatte mit dem Stein selbst kommuniziert – oder mit dem, was ihn beseelte. Dort war Klarheit gewesen, ein Gefühl von Ordnung. Ein Vertrag zwischen zwei Seiten.
Aber nun … nun stand sie in einem Garten. Kein tropischer, kein düsterer, kein magischer Dschungel. Sondern ein friedlicher, warmer Garten, der in seiner Schlichtheit eine fast kindliche Unschuld ausstrahlte. Blumen wiegten sich im Wind, ihre Farben sanft und leuchtend. Ein leises Summen erfüllte die Luft – das Geräusch von Bienen, die von Blüte zu Blüte flogen. Der Geruch nach frischem Gras und Morgentau lag in der Luft.
Er ähnelte dem Garten, in dem sie mit den Runensteinen versiegelt gewesen war, und doch war er anders.
Leyla betrachtete die Katze einen Moment lang. Vorsichtig, fast ehrfürchtig, streckte sie eine Hand aus und berührte das Fell. Es war weich, beinahe zu weich. Die Katze begann leise zu schnurren, öffnete aber nicht die Augen. Sie wirkte vollkommen in sich ruhend, als wäre sie hier geboren worden und hätte nie etwas anderes gekannt als diesen Frieden.
Leyla atmete tief durch und ließ den Blick schweifen. So schön dieser Ort auch war – etwas fehlte. Wo war der Runenstein? Sie konnte seine Anwesenheit spüren, das Pochen war nicht verschwunden. Es hatte sich nur verändert – war weicher geworden, weniger drängend. Es klang nun wie ein Herzschlag, der sich an ihren eigenen Rhythmus angepasst hatte.
Als auch nach längerem Verweilen nichts geschah, erhob sie sich langsam. Die Katze regte sich nicht. Sie drehte sich lediglich auf den Rücken und schnurrte weiter. Leyla schenkte ihr ein letztes Lächeln, dann begann sie, durch den Garten zu spazieren. Die Grashalme bogen sich unter ihren Füßen, ohne zu brechen. Der Boden war weich, fast samtig.
Ein Vogel – eine Schwalbe mit leuchtend blauen Federn – erschien aus dem Nichts und flog in verspielten Bögen um Leyla herum. Sie hob überrascht die Hand, doch der Vogel wich nicht aus. Bald darauf tauchten weitere Tiere auf: zwei Hasen, die neugierig ihre Nasen reckten und dann um ihre Füße herumhoppelten. Sie spielten miteinander, warfen sich neckisch an und flitzten im Kreis. Leyla musste schmunzeln. Die Tiere schienen sich durch ihre Anwesenheit nicht im Geringsten gestört zu fühlen – im Gegenteil. Es war, als gehöre sie hierher.
Sie folgte den Tieren eine Weile, bis sie einen schmalen Pfad entdeckte, der sich durch ein Wäldchen schlängelte. Die Bäume wirkten alt, doch nicht ehrfurchtgebietend. Sie wirkten freundlich, als würden sie jeden willkommen heißen, der ihren Weg betrat. Ihre Rinde war glatt, ihre Blätter hellgrün und von Sonnenlicht durchzogen.
Leyla zögerte nicht. Noch bevor sie den ersten Schritt auf den Pfad setzte, zog sie ihre Schuhe aus – und auch ihre Socken. Sie wollte den Boden spüren, wollte spüren, was dieser Ort ihr sagen wollte. Die kühle Erde unter ihren nackten Füßen fühlte sich gut an. Beruhigend. Natürlich. Es war, als würde sie ein uraltes Band berühren, das unter der Oberfläche ruhte und auf sie reagierte.
Langsam begann sie zu summen. Es war kein Lied, das sie kannte – keine Melodie aus ihrer Kindheit, keine Hymne aus einem Tempel. Es war ein Klang, der einfach in ihr aufstieg, geboren aus der Stille dieses Ortes, aus der Harmonie, die ihn durchzog. Eine Melodie ohne Worte, aber voller Bedeutung. Sie ließ den Ton durch ihre Lippen gleiten, ließ ihn mit dem Rascheln der Blätter und dem Zwitschern der Vögel verschmelzen.
Nach einer Weile – sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war – öffnete sich der Wald zu einer zweiten Lichtung. Diese war kleiner als die erste, beinahe rund, und vollkommen eingefasst von wildem Jasmin. In der Mitte befand sich ein Brunnen. Kein großer, steinerner Bau, sondern ein schlichtes Becken aus moosbedecktem Holz, aus dem leise Wasser gluckerte. Und über diesem Brunnen – frei schwebend, von keinem Faden gehalten – schwebte er.
Der Runenstein der Heilung.
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Der Runenstein leuchtete in einem gedämpften, sanften Grün – nicht grell oder aufdringlich, sondern von jener zurückhaltenden Klarheit, wie man sie nur in einem tiefen Wald oder am Grunde eines Brunnens findet. Sein Licht war durchscheinend, fast als bestünde er aus geschliffenem Glas, und doch vibrierte er leise, wie ein Herzschlag, der nicht zu hören, aber zu fühlen war.
Er schwebte reglos über dem Brunnen, als würde ihn keine Schwerkraft binden. Nicht einmal der Wind rührte ihn. Kein Drehen, kein Zittern – nur Stille. Und in dieser Stille lag eine sanfte, mächtige Präsenz. Nicht die Wucht der Zerstörung, nicht das Flüstern von Rache, sondern die beruhigende Umarmung dessen, was heilt, was trägt, was versteht.
Leyla trat vorsichtig näher. Jeder Schritt über das weiche Gras war wie eine kleine Offenbarung, als ob der Boden selbst sie segnete. Noch hatte der Stein sie nicht angesprochen, doch sie spürte seine Nähe wie einen Blick im Rücken, wie einen Gedanken, der bereit war, sich zu formen. Etwas in ihr wusste: Der Moment war gekommen, an dem der Stein mit ihr sprechen würde. Kein Zweifel begleitete dieses Wissen. Nur Erwartung – und vielleicht ein leises Staunen.
Sie hielt inne. Der Garten, der Brunnen, die Vögel, die sie begleitet hatten, das Licht – all das war nicht zufällig. Es war die Hülle, das Gewebe, das sie bis zu diesem Ort geführt hatte. Alles, was sie gesehen und gespürt hatte, war Teil eines Weges gewesen, der in diesen einen Punkt mündete. In diesen Moment der Entscheidung.
Leyla schloss die Augen. Sie lauschte dem Plätschern des Brunnens, das gleichmäßig und ruhig erklang. Es war ein Klang, der mehr war als nur das Geräusch von Wasser – es war ein Lied, ein Atem, der tief in ihr widerhallte. Und dann, fast wie ein Windhauch, trat die Stimme in ihr Bewusstsein:
,,Ich begrüße dich, Jüngerin.’’
Die Worte waren klar, reiner als Glas, sanfter als jede Berührung. Sie klangen wie das Plätschern eines Baches, wie der Wind durch Blätter, wie das erste Licht nach einem langen Winter.
Leyla öffnete ihre Gedanken, die Augen blieben geschlossen. „Du bist der Runenstein der Heilung, nicht wahr?“
„Natürlich bin ich das. Und du bist gekommen, um mich zu empfangen, um mich zu nutzen – so wie es vorherbestimmt ist.“
Sie schwieg einen Moment. Es war nicht die Stimme eines Befehls, nicht die eines Richters oder Lehrers. Es war die Stimme eines Begleiters. „Es ist schön hier“, sagte sie schließlich leise. „So friedlich. So … unberührt.“
,,Das ist es. Denn Frieden ist keine Belohnung, sondern eine Grundlage. Er ist das, was alles Leben trägt. Das höchste Gut.“
Ein leises Unbehagen stieg in Leyla auf, kaum wahrnehmbar. Die anderen Runensteine, die sie bereits in sich trug, regten sich. Nicht laut – eher wie ein leiser, skeptischer Atem. Die Kraft des Meeres war wachsam geworden, und selbst die rohe Macht der Erde schien sich zu rühren. Sie protestierten nicht, nicht offen. Aber sie meldeten Zweifel an. Leyla unterdrückte das Gefühl und lenkte ihre Gedanken auf das Gespräch. „Man hat mir in den letzten Tagen oft gesagt, dass Frieden wichtig ist. Doch… kann man ihn wirklich erreichen? Ist wahrer Frieden überhaupt möglich?“
„Das hängt nicht von der Welt ab. Sondern von dir. Frieden beginnt nicht draußen – er beginnt in dir. Hilf denen, denen du helfen kannst. Und vergiss dabei dich selbst nicht. Hilf dir zuerst. Dann dem Rest.“
Leyla nickte kaum merklich. „Ich möchte frei sein“, sagte sie. „Wirklich frei.“
,,Und das ist auch gut so. Freiheit ist kein Gegensatz zu Frieden. Sie gehört zu ihm. Sei du selbst. Kämpfe für dein Wohl, aber verliere nicht den Blick für andere. Denn wenn du anderen hilfst, wird es auch dir helfen.“
Sie schwieg erneut. Die Worte hallten in ihr nach. Der Runenstein der Erde hatte ihr einst gesagt, sie sei ein Monster – dass sie rücksichtslos sein müsse, wenn sie ihre Ziele erreichen wolle. Der Runenstein des Meeres hatte ihr geraten, alles zu tun, was sie glücklich mache – ein eher pragmatischer Ansatz, der auf Selbstverwirklichung zielte. Und nun dieser dritte Stein – er sprach von Balance, von Fürsorge, von Mitgefühl. Drei Stimmen, drei Wege. Und doch vielleicht ein gemeinsames Ziel?
„Von hier an wird dein Pfad schwieriger. Einige von uns werden von jenen festgehalten, die sie missbrauchen – in Ketten gelegt, in Zorn gezwungen, zu Werkzeugen gemacht. Du wirst leiden müssen, um sie zu befreien. Doch du wirst es schaffen. Mit meiner Kraft wirst du bestehen.“
Leyla öffnete leicht die Lippen. „Gibt es etwas, das du von mir verlangst? Etwas, das ich tun muss, um würdig zu sein?“
,,Nein. Ich habe keine Forderungen. Ich glaube an dich, Leyla. Nicht, weil du perfekt bist – sondern weil du immer wieder Entscheidungen triffst. Weil du bereit bist, zu tragen und zu lernen. Das macht dich zur Jüngerin.“
„Und… mit deiner Kraft kann ich heilen?“ fragte sie leise.
„Ja. Doch nicht nur dich selbst. Ich schenke dir die Macht, jeden körperlichen Schaden, jede Krankheit, jeden Fluch aufzulösen – durch deinen Willen, durch dein Herz. Und mehr noch: Ich schenke dir diesen Ort. Diesen Garten. Wann immer du Frieden brauchst, für deine Seele, für deinen Geist, wirst du hierher zurückkehren können. Denn nicht alle Wunden sind sichtbar, Leyla. Die tiefsten Narben trägt man im Inneren.“
Leyla öffnete die Augen.
Vor ihr schwebte der Runenstein – nur noch wenige Fingerbreit entfernt. Er strahlte ein tiefes, beruhigendes Grün aus, das sich wie Nebel um sie legte. Licht durchdrang sie, und in diesem Licht war Wärme. Geborgenheit. Hoffnung.
„Ich danke dir“, flüsterte sie.
,,Nein, Leyla. Ich habe dir zu danken.’’
Dann löste sich der Stein auf. Nicht wie zerbrechendes Glas – eher wie ein Traum, der langsam verblasst. Und mit ihm schwand auch der Garten, der Frieden, das Licht. Die Vision löste sich auf wie Morgentau in der Sonne.
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Als die Welt um Leyla langsam wieder Konturen annahm, als das Licht des Gartens der Heilung verblasste und die Farben des Feendorfes zurückkehrten, war das Erste, was sie sah, das kleine Gesicht von Calira. Die Dorfälteste saß noch immer auf derselben Holzbank wie zuvor, den Blick auf Leyla gerichtet – und ihre Augen waren feucht. Einige Tränen hatten ihren Weg über die zarten Wangen der Fee gefunden und glitzerten wie Tautropfen im Licht des warmen Waldes.
Leyla richtete sich auf, noch etwas benommen, und trat näher. ,,Ist alles in Ordnung?’’ fragte sie mit echter Besorgnis in der Stimme. Sie hatte nicht erwartet, Calira weinen zu sehen.
Die Fee nickte sofort, obwohl ihre Schultern leicht zitterten. Ihre Stimme war brüchig vor Emotionen, aber sie lächelte dabei. ,,Ja, alles ist gut. Besser als gut. Ich weine, weil ich mich so sehr freue. Weil unser aller Traum endlich Wirklichkeit geworden ist. Seit Generationen haben wir auf diesen Moment gewartet, Leyla. Auf dich.’’
Leyla trat ganz nah an sie heran. Ihr Herz war erfüllt von einem seltsamen Gefühl – etwas zwischen Dankbarkeit, Demut und einem zaghaften Stolz. ,,Kann ich irgendetwas für euch tun?’’ fragte sie leise, fast ehrfürchtig. Sie wollte nicht einfach gehen, nicht ohne zumindest ein kleines Zeichen des Dankes zu hinterlassen. Die Feen hatten ihr Vertrauen geschenkt, ohne Zögern, ohne Forderung.
Doch Calira schüttelte sanft den Kopf. Ihre Flügel zitterten leicht dabei. ,,Gehe einfach weiter deinen Weg, mein Kind. Das ist alles, was wir uns wünschen. Dass du nicht aufgibst. Dass du deine Aufgabe annimmst – mit Herz und mit Kraft. Alles andere liegt nicht mehr in unserer Hand.’’
Leyla nickte langsam. Es war eine Bitte, aber auch ein Versprechen. Und sie spürte, dass es mehr wog als tausend Verträge.
,,Darf ich mich vielleicht noch ein wenig ausruhen, bevor ich aufbreche?’’ fragte sie schließlich, etwas schüchtern. Die Müdigkeit war ihr mittlerweile in jede Faser ihres Körpers gekrochen. Der Kampf gegen Leandro, die Reise durch den Grünwald, das Gespräch mit dem Runenstein – all das hatte ihre Kräfte aufgezehrt.
Caliras Lächeln wurde noch weicher. Es war das Lächeln einer Großmutter, die wusste, dass ihr Kind nach einem langen Tag endlich schlafen darf. ,,Natürlich darfst du das, mein Kind. Der Garten wird über dich wachen. Und wir alle auch.’’
—GÄHN—
Ein wohliges Gähnen kam über Leyla, ganz unvermittelt und ungehalten, wie ein Bote des Schlafs. Sie lachte leise, legte sich vorsichtig zurück in den mit Baumwolle gepolsterten Nussschalensessel, der sich wie ein Nest anfühlte, wie ein Ort, der genau für sie gemacht worden war.
,,Nur kurz die Augen schließen...’’ murmelte sie.
Und noch ehe der Gedanke ganz verklungen war, fielen ihr die Lider zu. Wärme umhüllte sie, Geborgenheit. Der Atem wurde ruhig, das Herz schlug sanft, und der Winter draußen verlor seine Härte.
Leyla schlief ein – tief, traumlos und friedlich. Und über ihr summten leise die Lichter des Feendorfes.
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,,Lass mich mit dir kommen!’’
Die Worte hallten fast trotzig durch die kleine Lichtung, und Leyla musste unwillkürlich schmunzeln. Vinessas Stimme klang zwar zierlich, doch ihr Entschluss lag in jedem einzelnen Ton.
Leyla stand am Rand des Feendorfs, bereit aufzubrechen, die Riemen ihrer Rüstung wieder festgezogen, das Schwert an der Hüfte. Die Nacht war kühl, aber nicht unangenehm – der Zauber der Lichtung schien die Kälte fernzuhalten. Und tief in ihrem Inneren fühlte sie noch immer die leuchtende Wärme des dritten Runensteins. Der Runenstein der Heilung hatte sich zu den beiden anderen gesellt, und seine Kraft pochte leise und stetig in ihr wie das ruhige Schlagen eines Herzens.
„Die Reise ist gefährlich, Vinessa“, sagte Leyla schließlich mit ruhiger Stimme und hob eine Augenbraue. „Bist du dir da wirklich sicher?“
Die kleine Fee mit den goldenen Haaren verschränkte trotzig die Arme vor der Brust und stemmte sich in der Luft, als wolle sie ihr Anliegen durch pure Entschlossenheit bekräftigen. „Na, hör mal! Ich werde dir schon keine Last sein. Ich will dabei sein, wenn du dein Ziel erreichst. Du wirst noch froh sein, mich dabei zu haben!“
Leylas Blick glitt zu Calira, der alten Dorfältesten, die das Gespräch mit einem sanften Lächeln beobachtete. Die Fee flog etwas näher, ließ sich langsam auf Leylas Schulterhöhe nieder und strich ihr mit der kleinen Hand liebevoll über die Wange. Ihre Berührung war federleicht, aber von einer Wärme, die unter die Haut drang.
„Leyla, mein Kind“, sagte Calira leise, „ich würde mich sehr freuen, wenn du Vinessa mitnehmen würdest. Sie hat seit ihrer Kindheit davon geträumt, mehr von der Welt zu sehen. Und ich bin mir sicher, dass sie dich nicht belasten, sondern dir eine Hilfe sein wird. Hätte sie unser Dorf nicht trotz des Winters verlassen, wärst du vielleicht nie so schnell zu uns gekommen. Vielleicht war sie dein Schicksal.“
Leyla erwiderte die Geste mit einem stillen Nicken, streckte vorsichtig die Hand aus und stupste Calira sanft an. „Gut“, sagte sie, „ich werde auf sie aufpassen. Versprochen.“
Die Dorfälteste flog zurück, ihre Flügel schlugen ruhig und gleichmäßig, während ihr Blick nun zu der erwartungsvollen Fee wanderte. „Vinessa, Liebes“, sagte sie mit einer Stimme, die plötzlich fast feierlich klang, „unterstütze Leyla bitte, wo du kannst. Sei ihre Begleiterin, ihre Vertraute – und vielleicht auch ihre Erinnerung an alles, was gut ist in dieser Welt.“
„Natürlich, Älteste!“ rief Vinessa mit leuchtenden Augen und flog sofort zu Leyla, beinahe wie ein Stern, der seiner Umlaufbahn folgt.
Leyla blickte kurz zum Himmel, dann senkte sie den Blick, berührte konzentriert den Stoff ihrer Rüstung und ließ ein sanftes Pulsieren von Mana fließen. Der Stoff veränderte sich, wurde weicher, formte sich – und bald war eine kleine, gepolsterte Tasche an ihrer Seite gewoben, kaum größer als eine Handfläche, aber innen warm und magisch abgeschirmt. „Da kannst du dich vor der Kälte schützen“, sagte sie schlicht.
Vinessa jauchzte leise vor Freude und schlüpfte ohne Zögern hinein. Sie rollte sich zusammen wie ein kleiner Lichtfunke, der inmitten von Wolle ruht. „Oooh, ist das gemütlich! Ich bin bereit!“
Calira schwebte ein letztes Mal vor und erhob mit zitternden Flügeln ihre Stimme. „Leb wohl, Jüngerin Leyla. Unsere Hoffnung fliegt mit dir. Wir werden Tag und Nacht an dich denken – und wir werden immer auf dich warten, wenn du uns brauchst.“
Leyla blickte ein letztes Mal über die Lichtung, über die kleinen Häuser in den Ästen, die leuchtenden Pilze am Boden, die winzigen Gestalten, die zwischen Blumen und Moos hervorlugten. Es war ein Ort voller Sanftmut gewesen – doch jetzt rief die Welt erneut.
Sie drehte sich um und trat zwischen die Bäume.
Hinter ihr verstummte das Feendorf, vor ihr begann der kalte, schneebedeckte Wald. Doch sie ging nicht mehr allein. Und irgendwo jenseits der winterlichen Hügel lag ihr Ziel.
Die Kaiserstadt wartete.



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