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Kapitel 181 - Das Säuseln des Teufels

Nea wirbelte herum, ihre Augen schmal, ihre Schultern gespannt. Die Stimme, die sie angesprochen hatte, war ihr nur allzu bekannt – kühl, kontrolliert, in jedes Wort eine unsichtbare Klinge eingebettet. Ihr Blick traf den Mann, der seelenruhig in der winterlichen Gasse stand, als gehöre ihm die ganze Stadt. Er war groß, gekleidet mit einem hellrotem Mantel über dem schwarzen Gewand, tadellos sauber trotz des Schneematschs unter seinen Schuhen.


„Aragi…“ stieß Nea hervor. Es war kein Gruß, sondern ein Urteil.


Ihr Ausdruck war mit einem Schlag völlig ernst geworden. Die Verspieltheit, mit der sie eben noch einen Mörder verspottet hatte, war verschwunden wie Rauch im Wind. Sie kannte diesen Mann – oder glaubte es zumindest – und wusste, dass hinter seiner höflichen Fassade nichts als Gefahr lauerte. Selfmun Aragi war kein Krieger, kein Magier, keine uralte Kreatur. Er war einfach nur ein Mensch. Und dennoch… war da etwas an ihm. Etwas, das selbst ihr, einer der Stärksten im Kaiserreich, einen kalten Schauer über den Rücken jagte.


„Warum so feindselig, Nea?“ Seine Stimme war ruhig, fast schon weich, doch jeder Ton trug diesen sachten Spott, diese Überheblichkeit, die für ihn so normal war. „Ich bin nur zum Reden hier.“


Ein leises, kaltes Lächeln spielte um seine Lippen. Es war ein Lächeln, das nichts versprach, nichts offenbarte, und in dem keinerlei Wärme lag. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, dass er gar nicht wirklich da war – als sei er ein Schatten, ein Gedanke, der sich materialisiert hatte.


„Du willst nie ,nur reden’, das wissen wir beide“, antwortete sie scharf und trat einen Schritt näher. „Also? Was ist es diesmal? Ein Angebot? Eine Drohung? Eine Abmachung, von der ich nur die Hälfte wissen darf?“


Könnte sie ihn töten? Diese Frage kam ihr unwillkürlich. Vielleicht, wenn sie vollständig genesen wäre. Vielleicht, wenn sie ihn überraschen würde. Vielleicht, wenn… doch mit jedem Gedanken daran wurde ihr klarer, dass sie es nicht wusste. Selfmun Aragi war nur ein Mensch. Doch die Aura, die ihn umgab, war dichter als jeder Nebel, schwerer als jede Rüstung, gefährlicher als jede Waffe.


„Komm mit“, sagte er nur. „Ich lade dich zum Essen ein.“


Damit drehte er sich um, ganz ruhig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, als sei die Sache bereits entschieden. Er ging gemessenen Schrittes die Straße hinab, in Richtung eines kleinen Restaurants, dessen Fenster hell leuchteten und hinter denen sich die Wärme sammelte wie das Licht eines falschen Zuhauses.


Nea ballte die Fäuste. Wie sehr sie ihn hasste. Nicht mit dieser brennenden Wut, die zu einem Feuersturm werden konnte. Nein. Es war dieser tiefe, kalte Hass, der einem das Herz verätzte. Diese Verachtung, die sich über Jahre aufbaut, weil jemand nie die Wahrheit sagt, nie das zeigt, was er wirklich will. Sie hasste seine Selbstverständlichkeit, seinen Tonfall, seine endlosen Monologe, in denen jedes Wort wie ein Tropfen Gift in einen Kelch der Verlockung geträufelt war.


„Bastard“, murmelte sie und folgte ihm. Sie musste wissen, was er wollte. Auch wenn sie wusste, dass sie es am Ende nur halb erfassen würde.



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Nea starrte mit mühsam unterdrückter Genervtheit auf das Essen vor sich. Eine dampfende Schale Nudeln in Pilzsuppe, garniert mit feingehackten Kräutern von den Sommerinseln. Die Aromen stiegen ihr in die Nase – reichhaltig, würzig, beruhigend. Sicherlich war das Gericht köstlich. Es war nicht das Essen, das sie störte.


Es war der Mann, der es ihr hatte servieren lassen.


„Also, Aragi“, knurrte sie schließlich, ohne ihn anzusehen, „was willst du von mir?“


Selfmun Aragi saß ihr gegenüber, mit der Ruhe eines Mannes, der keine Eile kannte – oder nie eine gehabt hatte. Während sie mit ihrer Wut rang, aß er mit kontrollierter Gelassenheit. Kein Bissen zu schnell, kein Schlürfen zu laut, keine einzige Regung im Gesicht. Erst als sein Teller leer war, schob er ihn mit bedächtiger Geste beiseite. Dann hob er den Blick und sah Nea direkt an – und dieses Lächeln war zurück. Dieses künstliche, freundliche Lächeln, das wie eine Maske auf einem bleichen Totenschädel saß.


„Wie lief euer kleiner Ausflug zum Grünwald?“ fragte er in einem Tonfall, der vorgab, belanglos zu sein. „Ich habe gehört, dass es… Schwierigkeiten gab.“


Nea kreuzte die Arme und fixierte ihn mit einem kalten Blick. „Gut. Nichts Nennenswertes ist passiert.“


„Du willst nicht mehr erzählen? Auch gut.“ Er zuckte kaum merklich die Schultern, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Mir ist nur aufgefallen, dass Leyla heute Morgen nicht bei den Truppen des Kronprinzen war. Scheint, als hätte sie… andere Prioritäten. Ich frage mich, was das wohl sein könnte.“


Neas Blick verengte sich, ihre Faust schloss sich unter dem Tisch so fest, dass ihre Fingergelenke knirschten. „Wenn du ihr auch nur ein Haar krümmst, Aragi—“


Er lachte. Es war kein Lachen, das wärmte. Es war ein Geräusch, das eher an Glas erinnerte, das zu Bruch ging – kalt, leer, mechanisch. „Ihr etwas antun? Aber bitte, Nea. Leyla und ich – wir sind doch Freunde. Ich will ihr nur helfen.“


„Freunde“, wiederholte Nea mit beißendem Spott. Sie lehnte sich nach vorn, ihre Stimme ein Zischen. „Jemand wie du will mit meiner Leyla befreundet sein? Das ist der jämmerlichste Witz, den ich seit Langem gehört habe.“


Selfmun verzog gespielt das Gesicht, als sei er tief getroffen. „Ach, wirklich? Das tut im Herzen weh zu hören…“ Doch kaum war der Satz verklungen, verschwand die Miene wieder. Er beugte sich langsam wieder nach vorn, stützte sich mit den Ellenbogen auf die Tischkante, seine Stimme nun dunkler. „Wie dem auch sei. Sie ist in Gefahr, Nea. Und… sie weiß nicht einmal davon.“


Ein einziger Satz – und Neas Körper spannte sich wie unter einem Peitschenhieb. Alles in ihr wollte aufstehen, weglaufen, suchen, retten. Doch sie blieb sitzen, zwang sich zur Ruhe. Es konnte eine Lüge sein. Es konnte ein Trick sein. Aragi war ein Meister der Worte, und jeder Satz von ihm war ein Netz.


„Sprich“, verlangte sie mit gepresster Stimme. „Warum ist sie in Gefahr?“


Selfmun schwieg einen Moment, ließ die Spannung in der Luft sich aufbauen wie ein Gewitter. Dann kam das Lächeln zurück, schmal, fast sanft – und doch voller Genugtuung. „Und plötzlich… zeigst du Interesse.“



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Nea beobachtete ihn mit wachsamer, fast fiebriger Aufmerksamkeit. Wenn er jetzt nicht redete – wenn er sie weiter zappeln ließ – dann würde sie aufspringen, ihn packen, ihn zum Reden zwingen. Doch natürlich wusste Aragi das. Und wie ein Puppenspieler ließ er den Faden gerade so locker, dass sie sich bewegen konnte – aber nie ganz entkommen würde.


„Nun gut“, sagte er mit jener geölten Stimme, in der Arroganz und Berechnung Hand in Hand gingen. „Es ist ja in unser beider Interesse, dass es Leyla gut geht. Nicht wahr? Also lass mich dir eine Geschichte erzählen. Von einem Mann.“


Nea antwortete nicht. Sie wusste, jede Reaktion wäre nur eine weitere Öffnung in ihrer Rüstung. Aragi erfuhr von seinem Gegenüber immer genau das, was er wissen wollte. Nea war sich bewusst, dass sie in diesem Kampf der Worte keine Chance hatte. Sie war eine Meisterin des Kampfes, nicht der Rhetorik. Also schwieg sie und hörte. Lauschte. Nicht nur auf die Worte selbst, sondern auf das, was zwischen den Worten lag.


„Dieser Mann, nennen wir ihn Jamall, ist aufgebrochen. Eine Reise, ein Ziel. Und das Ziel… ist Leylas Tod.“


Der Name sagte ihr nichts. Jamall. Er klang unscheinbar, beinahe langweilig. Aber das bedeutete nichts. Die gefährlichsten Menschen hatten oft die gewöhnlichsten Namen. Und es war auch keine Überraschung, dass jemand Leyla nach dem Leben trachtete. Jeder Kopfgeldjäger hatte Feinde. Die Welt war voller verletzter Egos und Rachedurst. Und Leyla… sie war nach ihren Aufträgen in Welldyl und Tripolis eine Person die Rachegelüste anzog.


Doch Aragi fuhr bereits fort: „Jamall hat es geschafft, an eine erhebliche Menge Macht zu gelangen. Nicht irgendeine Macht – sondern etwas… Besonderes. Und er besitzt eine Waffe, die, bei der kleinsten Berührung, Leyla töten würde. Sofort.“


Neas Herz pochte. Nicht aus Angst, sondern aus Wut. Warum? Warum so gezielt? Was war dieser Mann? Warum diese Waffe? Selbst Leyla, so stark sie auch geworden war, hatte keine unzerstörbare Haut. Sie wäre fast von Leandro getötet worden. Doch das klang nach mehr. Nach etwas, das gezielt auf sie zugeschnitten war.


„Und wo ist er jetzt?“ fragte sie gepresst.


„Noch fern“, antwortete Aragi. „Doch er bewegt sich stetig. Wenn niemand ihn aufhält, wird er sie im späten Frühling erreichen. Spätestens. Und dann wird es kein Gespräch mehr geben, Nea. Nur Blut.“


Nea versuchte, sich keinen Druck anmerken zu lassen, doch ihre Hände zitterten leicht unter dem Tisch. Was, wenn es stimmte? Was, wenn Leyla in Gefahr war – einer realen, tödlichen Gefahr – und sie hier saß und ihre Suppe anstarrte?


„Was willst du von mir?“ fragte sie leise.


Er lächelte. Der Moment, auf den er gewartet hatte, war gekommen. Sie hatte gefragt. Sie war eingestiegen. Und sie hatte es nicht einmal gemerkt.


„Ich würde dir raten, dich in einigen Wochen auf den Weg nach Kries zu machen. Dort wird sich euer Schicksal kreuzen. Dort kannst du ihn finden. Und dort… kannst du ihn aufhalten. Bevor er Leyla zu nahe kommt.“


Es war so sauber, so glatt. Eine perfekte Schleife. Er hatte sie vom ersten Wort an genau hierher geführt – und sie hatte getan, was er wollte. Es war eine Falle. Nein – eine Einladung zu einer Falle, nur dass sie sie selbst geöffnet hatte.


Nea sah ihn an, ihre Augen voller Zorn. Doch sie sagte nichts. Wozu? Er wusste längst was sie sagen würde.


Selfmun stand auf, nahm sich die Zeit, seinen Stuhl leise zurückzuschieben. Dann legte er zwei Münzen auf den Tisch, als wäre er nur ein gewöhnlicher Mann, der ein gewöhnliches Frühstück hinter sich hatte.


„Danke für das Gespräch“, sagte er und wandte sich zum Gehen. „Ich lasse dir Bescheid geben, wenn es Zeit ist aufzubrechen.“


Und mit diesen Worten verließ er das Lokal. Keine Verabschiedung, kein Blick zurück.


Nea blieb sitzen. Sekunden verstrichen. Minuten. Der Platz gegenüber ihr war leer. Das Essen dampfte nicht mehr. Sie starrte in die Suppe, als könne sie ihr dort Antworten holen. Dann nahm sie die Schale, trank sie in wenigen, energischen Schlucken leer und stand auf.



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Nea ließ sich mit einem leisen, gepressten Seufzen auf ihr Bett fallen, als würde das Gewicht der letzten Stunden sie nun endgültig in die Knie zwingen. Die weiche Matratze gab nach, doch sie empfand keinen Trost. Ihre Augen richteten sich an die Decke, doch sie sah nicht die Struktur der Steine oder das fein geschwungene Muster des Stucks, sondern nur Dunkelheit. In ihr tobte ein Sturm, der nicht enden wollte – ein brutales Ringen zwischen dem glühenden Hass auf Selfmun Aragi und der schmerzhaften Sorge um Leyla. Um ihre Leyla.


Wie war sie nur in dieses Spiel hineingeraten? Wie hatte er es geschafft, sie so leicht in Bewegung zu setzen, wie ein einfachen Stein auf einem Spielbrett? Sie wusste, dass sie ihm damit diente, ganz gleich, was er ihr erzählte. Doch wenn das der Preis war, um Leyla zu schützen, dann sollte es eben so sein. Sie würde Jamall finden. Und sie würde ihn töten. Nicht aus Pflicht. Nicht für Ruhm. Sondern weil ihr Herz es verlangte.


„Scheiße“, murmelte sie heiser, und das Wort hallte leise in ihrem Zimmer nach, als könnte es den Knoten in ihrer Brust lösen.


Ein leises Klopfen an der Tür unterbrach ihre Gedanken. Sanft, höflich – wie ein ferner Ruf aus einer anderen Welt.


„Edle Miss Nea, wünscht Ihr etwas zu essen?“


Die Stimme gehörte Nyphe, ihrer treuen Dienerin. Eine Frau voller Anstand und Hingabe, die es irgendwie schaffte, immer zur falschen – und doch genau richtigen – Zeit aufzutauchen. Die Tür ging auf, und Nyphe trat mit einer tiefen, eleganten Verbeugung ein, wie es dem Protokoll entsprach.


Nea zwang sich zu einem Lächeln. Ihre Gesichtsmuskeln wehrten sich dagegen, als wären sie müde vom vielen Schauspiel. Wie oft hatte sie diese Maske schon aufgesetzt? Diese fröhliche, verspielte Fassade, die vorgab, sie sei ein sorgloses Kind, ein quirliger Wirbelwind aus Energie und Unbedarftheit. Dabei war sie in Wahrheit so oft nur ein Haufen aus Müdigkeit, Zweifeln und Schmerzen, zusammengehalten von der Vorstellung, dass sie stark sein musste, wenn niemand anderes es war.


„Nyphe, super lieb, dass du fragst“, sagte sie mit übertriebener Freundlichkeit, ein Lächeln, das ihre Stimme trug, aber nicht ihre Seele. „Aber ich habe bereits gegessen. Lässt du mir ein Bad ein?“


„Wie Ihr wünscht“, antwortete Nyphe höflich, ohne eine Miene zu verziehen. Dann verschwand sie mit einem lautlosen Schritt Richtung Badezimmer.


Nea ließ sich wieder zurückfallen, diesmal tiefer. Die Decke über ihr wirkte plötzlich schwer, zu schwer für ihre Schultern. Sie zog sie über den Kopf, als wollte sie sich ganz darin vergraben. Wie ein Tier, das Zuflucht in seiner Höhle sucht, sobald der Winter zu lang dauert. Ihre Finger verkrallten sich in den Stoff, ihr Atem wurde langsamer, flacher – und dann spürte sie es.


Tränen.


Nicht dramatisch oder laut. Sondern still. Fast entschuldigend. Sie rannen ihr über die Wangen, warm auf der kalten Haut, begleitet von einer drückenden Stille, die viel schwerer wog als jedes Wort.


„Komm schnell zurück, Leyley“, flüsterte sie leise in die Decke, kaum mehr als ein Hauch.


Es war kein Befehl, keine Bitte. Es war ein Gebet.

 
 
 

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