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Kapitel 182 - Wo Wege sich kreuzen

Aktualisiert: 9. Juni 2025

„Das ist also die Kaiserstadt“, flüsterte Alexandra andächtig, kaum lauter als der Wind, der ihr durch die blonden Haare fuhr. Ihr Blick glitt über die schneebedeckten Dächer der äußeren Bezirke, verweilte auf den weiß schimmernden Spitzen des Kaiserpalasts, der weit in der Ferne über allem thronte, und verlor sich schließlich in der schieren Masse an Leben, das sich vor ihr auf den Straßen ergoss. Menschen in dicken Mänteln eilten durch die Gassen, Händler schrien durcheinander, boten dampfende Pasteten, Talgkerzen oder angebliche Heilsteine an, während Kinder im Schnee lachten und ein bellender Hund seinem Herrn durch die Menge folgte.


Sie hatte große Hafenstädte im Süden gesehen – Inhantes, Anjen, sogar die Dockanlagen von Welldyl – doch nichts davon kam auch nur annähernd an das heran, was sich hier auftat. Diese Stadt war nicht nur groß, sie war wie ein eigenes Wesen. Ein schlagendes Herz, das im Rhythmus des Reiches pulsierte. Und sie trat nun direkt in seinen Strom.


Noch einmal atmete sie tief durch, nahm die Luft der Kaiserstadt in ihren Lungen auf, und dann ging sie durch das mächtige Stadttor, hinein in das Gewirr aus Gassen, Stimmen und Geheimnissen.


Es war überwältigend. So viel auf einmal. Die Geräusche, die Gerüche, das Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln und der leise Singsang eines fahrenden Sängers in der Nähe. Alexandra musste sich zwingen, nicht stehen zu bleiben, nicht alles mit offenem Mund anzustarren. Ihre Schritte waren langsam, doch entschlossen. Sie war nicht mehr das Mädchen aus dem Süden, das von Abenteuern träumte. Sie war anders geworden.


„Sowas ist für dich Alltag, Leyla?“ fragte sie leise, wissend, dass niemand ihr antworten würde. Doch der Name brachte ihr Trost. Eine Erinnerung an eine Reisebegleiterin, an jemanden, der wie sie zwischen den Welten stand. Und an die Person, die sie liebte.


Ihre dämonische Gestalt hatte sie mittlerweile unter Kontrolle. Die Flügel, die Hörner, die spitzen Klauen – sie kamen nur noch hervor, wenn sie es wirklich wollte. Oder wenn der Zorn sie übermannte. Doch sie lernte, das Feuer in sich zu bändigen. Es machte sie schneller, kräftiger. Und doch war ihr bewusst: Das war erst der Anfang. Ihre Macht war eine Kerze, nicht die Sonne. Vielleicht würde sie hier jemanden finden, der ihr zeigen konnte, wie man die Flamme richtig nährt.


Ein leises Trappeln auf hartem Pflaster lenkte ihre Aufmerksamkeit auf ein Kind. Ein kleiner Junge, vielleicht acht oder neun, rannte durch die Straße, die viel zu große Mütze rutschte ihm beinahe über die Augen, in seinen Händen hielt er Zeitungen, die er wie Fahnen durch die Luft schwenkte.


„Wollen Sie die neueste Ausgabe vom Kaisersprech, werte Dame?“ rief er mit hoffnungsvoller Stimme, während seine Wangen rot vom Frost leuchteten.


Alexandra blieb stehen. Ihre Augen glitten über die dünne Kleidung des Jungen – geflickte Ärmel, offene Schuhe mit notdürftig umwickeltem Stoff. Er fror, das sah sie sofort. Und doch war sein Lächeln ehrlich. Nicht, weil die Welt freundlich war, sondern weil er gelernt hatte, wie man sich in ihr hielt.


„Ja, gerne. Was kostet sie?“ fragte sie sanft.


,,Zwei Kupfer, werte Dame.’’


Sie zog ein kleines Beutelchen aus ihrer Manteltasche, reichte ihm die Münzen und nahm die Zeitung entgegen. Der Junge verbeugte sich leicht, bedankte sich und rannte weiter – sein Rufen wurde bald vom Lärm der Straße verschluckt.


Alexandra schlug die Zeitung auf. Der Geruch von Tinte, Papier und Kohlerauch stieg ihr in die Nase. Die ersten Seiten waren gefüllt mit politischen Lobpreisungen, einem Gedicht über Kronprinz Geroius und einem Spottartikel über ein Handelsbündnis auf den Sommerinseln. Doch auf der dritten Seite blieb ihr Blick plötzlich hängen. Eine Überschrift, fettgedruckt und eingerahmt von kunstvollen Ornamenten, zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Ihre Augen verengten sich, als sie zu lesen begann.



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„Sohn des Schwertdämons tot – Rebellen im Süden von Kaiserlichen Kopfgeldjägern zerschlagen!“


Alexandras Augen verengten sich. Der Ton des Artikels war triumphierend, fast stolz, und sie wusste, dass ein solcher Titel in dieser Stadt ebenso zur Beruhigung der Massen wie zur Einschüchterung der Feinde diente. Doch was sie wirklich interessierte, war, ob darin von Leyla die Rede war. Vielleicht konnte sie auf diese Weise erfahren, was aus ihr geworden war.


Sie überflog die ersten Zeilen, ihr Puls beschleunigte sich.


„Die zweite Basis des Schwarzen Sterns wurde im Grünwald ausfindig gemacht. Seine Hoheit Kronprinz Cornelius führte die Kaiserliche Armee ehrenvoll an. Begleitet von der sechsten Kaiserlichen Kopfgeldjägerin Leyla und der fünften Kaiserlichen Kopfgeldjägerin Nea, konnten sie die meisten Rebellen gefangen nehmen.“


Das war also einer der Aufträge, denen Leyla nachgegangen war. Alexandra runzelte die Stirn. Ob Leyla sich dabei wirklich ehrenvoll fühlte? Oder war es nur eine weitere Last, eine Pflicht, die sie trug, weil sie es musste?


„Es kam zu einer Konfrontation zwischen Leandro di Lorenzo, Sohn des Schwertdämons Francesco di Lorenzo und stellvertretender Anführer des Schwarzen Sterns, und den Kopfgeldjägern. Nach einem Kampf, in dem die Edle Miss Nea verletzt wurde, konnte er besiegt und seiner gerechten Strafe zugeführt werden.“


Alexandra spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Wenn Nea verletzt wurde – was war dann mit Leyla? Ging es ihr gut? Oder hatte sie ebenfalls Schaden davongetragen, vielleicht nur nicht erwähnt, weil sie sich nie beklagte?


Sie lehnte sich gegen die kalte Steinwand eines Hauses, presste die Zeitung an sich und las weiter, ihre Finger zitterten leicht.


„Damit bleibt nur noch die Bastion des Schwarzen Sterns im Norden. Der Kaiserliche Sprecher hat bereits verkündet, dass auch hier bald gehandelt wird, die treuen Bewohner des Kaiserreichs müssen sich keine Sorgen machen – das Zeitalter des Terrorismus ist bald zu Ende.“


Das Kaiserreich nannte es Terrorismus. Doch Alexandra wusste: Die Wahrheit war komplexer. Der Schwarze Stern mochte Fehler gemacht haben, doch seine Existenz war ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass nicht alles im Kaiserreich richtig lief. Dass es Dinge gab, die Leid verursachten, auch wenn sie in goldene Worte gehüllt wurden.


Unter dem Artikel war ein weiterer Text abgedruckt, eingerahmt von einem schlichten Kasten. Ein Kommentar. Alexandras Blick blieb daran hängen.


,,Leyla als Diplomatin ungeeignet - Ein Kommentar von Dennis Schwartz’’


Unwillkürlich verzog sie das Gesicht. Ein solcher Ton versprach nichts Gutes. Und doch las sie weiter – vielleicht in der Hoffnung, sich zu irren.


„Nach dem Debakel auf den Tabakinseln nun der zweite Beweis: Die Edle Miss Leyla hat es nicht verdient, den Diplomatenorden zu tragen! Wegen ihrer Unfähigkeit zu verhandeln wurde ihre Partnerin, die Edle Miss Nea, schwer verletzt. Sie konnte weder Leandro di Lorenzo rechtzeitig gefangen nehmen noch die Aufgabe Randurins bewirken. Und als wäre das nicht genug: Sie ist nicht mit der Armee zurückgekehrt, sondern macht Urlaub im Süden! Leyla ist eine Naturgewalt, die nur Zerstörung kennt. Als Kaiserliche Kopfgeldjägerin ist sie passabel – als Diplomatin ungeeignet.“


—RATSCH—


Mit einem wütenden Aufstöhnen zerriss Alexandra die Zeitung. Die groben Seiten knirschten zwischen ihren Händen, der Druck färbte leicht auf ihre Fingerspitzen ab, bevor sie das zerfetzte Papier achtlos in einen der hölzernen Abfallkübel warf.


Sie musste sich zusammenreißen. Schon spürte sie, wie sich Hitze in ihrer Brust sammelte, wie das Prickeln unter ihrer Haut begann. Noch ein wenig mehr – und ihre dämonischen Merkmale würden zum Vorschein kommen. Sie atmete tief ein, ließ die kalte Luft in ihre Lungen strömen und zwang sich zur Ruhe.


„Was für eine Frechheit“, murmelte sie, die Stimme rau vor unterdrückter Wut.


Wer auch immer dieser Dennis Schwartz war – sie verspürte ein starkes Bedürfnis, ihm die Meinung zu sagen. Nicht mit Worten, sondern mit Blicken, die Eiszapfen schmelzen konnten. Sie glaubte an Leyla. Daran, dass sie mit Entschlossenheit, Mut und tiefem Empfinden handelte. Leyla hatte sich ihren Orden sicherlich mehr verdient als jeder andere in dieser verlogenen Stadt.


Alexandras Blick wanderte über die Straße. Schneeflocken begannen erneut zu fallen, doch sie achtete kaum darauf. In ihr war nur ein Gedanke: Sie musste Leyla wiedersehen.



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Mehrere Stunden war Alexandra nun schon in der Kaiserstadt unterwegs. Der frostige Tag war inzwischen in einen grauen Nachmittag übergegangen, und mit jeder verstrichenen Minute wuchs die Müdigkeit in ihren Beinen – ebenso wie die Unruhe in ihrem Inneren. 


Vier Monate war es her, dass sie Leyla das letzte Mal gesehen hatte, an jenem dramatischen Tag, als sie auf dem Rücken des Drachens der Kaiserlichen Kopfgeldjägerin Cyntha, in Richtung Kaiserstadt geflogen war. Seitdem hatte sich so vieles verändert, und doch war der brennende Wunsch in Alexandras Herz derselbe geblieben: Sie wollte Leyla wiedersehen. Musste es.


Doch so sehr sie sich bemüht hatte, so viele Straßen sie auch durchquert, so viele Plätze sie sich eingeprägt hatte – das Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger blieb unauffindbar. Sie hatte nicht erwartet, dass die Kaiserstadt derart verwirrend sein würde. In den südlichen Hafenstädten, die sie kannte, konnte man den Horizont sehen, konnte sich an Küstenlinien orientieren. Doch hier war alles von Mauern, Türmen, Nebengassen und verschachtelten Bezirken umgeben, als wollte die Stadt selbst ein Geheimnis bleiben.


Mit einem tiefen Seufzen hielt sie an, als ihr Blick auf einen älteren Herrn fiel, der mit geradem Rücken auf einer Bank saß. Er las eine Ausgabe des Kaisersprechs – das Banner auf dem Titelblatt war nicht zu übersehen. Instinktiv regte sich Abscheu in ihr. Sie hatte noch nicht vergessen, was sie in der Ausgabe über Leyla gelesen hatte. Doch sie zwang sich zur Ruhe. Was zählte, war Leyla. Und wenn dieser Mann ihr helfen konnte, dann musste sie den Widerwillen herunterschlucken.


Sie trat höflich näher. „Entschuldigen Sie, wie komme ich zum Hauptquartier der Kopfgeldjäger?“


Der Mann senkte langsam seine Zeitung. Seine Augen lagen hinter einer altmodischen Brille verborgen, die er sich nun zurechtrückte, während er sie eingehend musterte – als prüfe er, ob sie die Antwort verdiente. Für einen Moment sagte er nichts. Dann aber erhellte sich sein Gesicht und ein freundliches Lächeln trat zutage.


„Junge Dame, das ist nicht weit. Folgen Sie einfach dem Kronenweg bis zu seinem Ende, dann halten Sie sich links zur Kapelle von Vici. Von dort aus sehen Sie das Anwesen bereits.“


Alexandra bedankte sich mit einer kurzen Verbeugung und ging in die angegebene Richtung. Jeder Schritt war begleitet von der Hoffnung, endlich anzukommen. Sie wollte nicht länger ziellos durch diese kalte Stadt streifen. Sie wollte zu Leyla. Oder wenigstens zu jemandem, der ihr sagen konnte, wo sie war.


Der Weg durch das nördliche Viertel zog sich. Die Straßen wurden breiter, edler. Pferdekutschen zogen vorbei, flankiert von Gardisten in kaiserlichen Farben. Zweimal wurde sie misstrauisch beäugt, doch niemand sprach sie an. Zwei weitere Stunden vergingen, ehe sie schließlich vor dem Anwesen stand.


Es war ein gewaltiges, in schwarzem Stein gehaltenes Haus, von stummer Autorität durchdrungen. Keine verschnörkelten Türmchen, keine unnötigen Verzierungen – nur klare, ernste Architektur. Der Garten, der das Hauptquartier umgab, war groß, fast parkartig, doch von zurückhaltender Gestaltung. Im Winter lag eine dichte Schneeschicht auf dem Boden, nur die immergrünen Büsche am Rand trotzten dem Frost mit unnatürlicher Frische.


Langsam ging Alexandra auf das große Eisentor zu. Noch bevor sie es berühren konnte, schwang es lautlos auf. Für einen Augenblick hielt sie den Atem an. Hatte es ihre Absicht erkannt? War Magie im Spiel? Oder öffnete es sich schlicht bei Annäherung? Sie konnte es nicht sagen.


Unsicher, aber entschlossen betrat sie den Pfad, der direkt zum Eingang führte. Jeder Schritt knirschte leise auf dem Kiesweg. Die Luft war eisig, doch unter ihrer Kleidung prickelte die Anspannung wie Hitze. Die Fenster des Hauses waren dunkel, die Vorhänge zugezogen. Kein Zeichen von Leben.


Sie näherte sich der schweren schwarzen Tür. Gerade wollte sie anklopfen, als aus dem Nichts eine Faust in ihre Rippen rammte.


Alexandra keuchte auf. Der Aufprall war brutal, präzise – und so unvermittelt, dass sie im ersten Moment kaum realisieren konnte, was geschehen war. Sie taumelte einen Schritt zurück, spürte, wie die Luft aus ihren Lungen gepresst wurde, rang nach Atem.


Instinktiv ballte sie die Hände zu Fäusten, ihre Augen blitzten auf, das dämonische Glühen begann in ihrem Inneren zu brodeln.


Wer auch immer das war – er würde es bereuen.



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Dämonen und Engel – zwei Kräfte, die seit Anbeginn der Zeit in Opposition zueinander standen. Ihre Feindschaft war kein Ergebnis politischer Intrigen oder göttlicher Befehle. Sie war älter. Tiefer. In ihrer Natur verwurzelt.


Wenn ein Engel einen Dämon sah, oder ein Dämon einem Engel gegenüberstand, geschah es in einem Augenblick: Ein Strom aus Abscheu, Abwehr, Widerwillen durchfuhr sie. Keine Überlegung, kein Zögern – nur ein instinktives, uraltes Gefühl, das jede Faser ihres Seins erschütterte. Es war ein Reflex, kein Urteil. Ein Echo aus einer Zeit, als Licht und Finsternis noch getrennt nebeneinander existierten und nur durch unreinen Willen miteinander in Kontakt traten.


Doch das bedeutete nicht, dass sie Feinde bleiben mussten.


Im Lauf der Jahrhunderte hatte es immer wieder Ausnahmen gegeben. Geschichten von Engeln, die sich in Dämonen verliebt hatten. Von Dämonen, die für einen Engel ihr Leben riskierten. Von Freundschaften, tief, aufrichtig, die trotz aller Unterschiede Bestand hatten. Es waren keine Legenden. Es waren Beweise, dass die Natur der Dinge zwar mächtig, aber nicht allmächtig war.


Und dennoch – das erste Aufeinandertreffen blieb ein heikler Moment. Immer.


So war es auch an diesem kalten Nachmittag in der Kaiserstadt, als sich zwei Seelen begegneten, wie sie unterschiedlicher kaum hätten sein können – und doch mehr gemeinsam hatten, als sie ahnten.


Alexandra, einst Elfe, nun Dämonin, getragen von neuen Kräften, die sie kaum verstand, geführt von einem Ziel, das sie über alles stellte: Leyla unterstützen. Noch war ihr Körper von der Verwandlung gezeichnet, ihre Kräfte ungeschliffen, ihr Geist schwankte zwischen alter Disziplin und neuem Instinkt. Seit ihrer Begegnung mit der Erzdämonin Jess war sie stärker geworden – kräftiger, schneller, wachsamer. Doch sie hatte ihre Kräfte nicht gezähmt. Noch nicht.


Und Nea?


Nea war etwas anderes. Etwas Altes. Sie war vor Jahrhunderten geboren worden – Tochter eines Erzengels, Kind des Lichts. Und obwohl sie wie ein Mädchen wirkte, war in ihr die Erinnerung eines langen Lebens, die Erfahrung unzähliger Schlachten und die Strenge einer Erziehung, wie sie nur der Himmel selbst erteilen konnte. Ihr Blick war scharf, ihre Sinne geschult. Als sie durch das Fenster des Hauptquartiers die Elfe mit dem dunklen Schimmer um die Seele sah, spannte sich in ihr alles an. Der Anblick allein genügte, um ihre innersten Instinkte zu entfachen.


Ohne nachzudenken, hatte Nea das Fenster geöffnet, war in den Garten gesprungen und hatte Alexandra mit einem gezielten Faustschlag gegen die Rippen getroffen. Kein tödlicher Angriff, aber eine klare Warnung – ein Zeichen, dass sie nicht zögerte, Gewalt anzuwenden.



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Alexandra stöhnte leise, während sie sich mühsam auf die Füße stemmte. Der Schmerz in ihrer Seite pochte heftig, ihre Rippen brannten, doch schlimmer als die Verletzung war die Wut. Ihre Augen richteten sich auf die Gestalt, die sie so grundlos angegriffen hatte.


Ein junges Mädchen stand dort, kaum älter als vierzehn Jahre. Sie trug ein schlichtes schwarzes Oberteil, das sich eng um ihre zierliche Gestalt schmiegte, und einen weißen Rock, der im leichten Winterwind wehte. Ihre schwarzen Haare fielen wie ein seidiger Vorhang über ihren Rücken, und aus ihrem Gesicht funkelten violette Augen, in denen sich gereizte Entschlossenheit spiegelte. Trotz ihrer Jugend war in ihrer Haltung nichts Spielerisches – nur eiserner Wille.


Alexandras Herz begann schneller zu schlagen. Da war etwas an diesem Mädchen, das sie reizte. Nicht im üblichen Sinn. Etwas in ihrem Inneren flammte auf, brodelte, schrie nach Reaktion. Hass. Unbändiger, ungezügelter Hass – irrational, uralt, tief verankert. Noch ehe sie es stoppen konnte, ergriff das Feuer Besitz von ihr. Ihre Fingernägel dehnten sich, verwandelten sich in scharfe, glänzende Klauen, die sich unter den Handschuhen streckten. Zwei gebogene Hörner durchstießen ihre Stirn, während aus ihrem Rücken zwei mächtige, pechschwarze Schwingen hervorbrachen und sich ausbreiteten wie das Banner eines drohenden Krieges.


Sie knurrte. Die Hitze ihrer Dämonennatur kochte in ihr.


„Was willst du hier, Dämonin?“ fauchte das Mädchen mit fester Stimme. „Suchst du den Tod?“


Alexandra verzog das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Ihre Stimme war schneidend. „Und du? Was glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du mich ohne ein Wort angreifst? Vielleicht bist du diejenige, die heute Schmerzen spüren wird.“


Diese Worte... so sprach sie sonst nie. So fühlte sie sonst nicht. Aber etwas an diesem Mädchen entzündete das Feuer in ihr – dieser uralte Impuls, der sie überrollte wie eine Welle aus brennendem Zorn. Ihr ganzer Körper zitterte. Nicht vor Angst. Vor Wut.


Die violetten Augen der Angreiferin verengten sich zu Schlitzen. Feuer flackerte in ihrer rechten Hand auf, lodernd, gleißend, fast elegant in seiner Form.


„Du hast es so gewollt, Dämonin. Ich bin Nea, Kaiserliche Kopfgeldjägerin – und ich verurteile dich hiermit zum Tod!“


Ein einzelner Name – doch er ließ in Alexandra alles erstarren.


Nea.


Die Partnerin von Leyla.


Ein Ruck ging durch ihren Körper. Der Hass – als wäre er nie da gewesen – verglühte in einem Wimpernschlag. Stattdessen trat Überraschung an seine Stelle. Dann Hoffnung. Und ein Hauch von Erleichterung.


„Warte... du bist Nea? Die Nea, die mit Leyla zusammenarbeitet?“


Nea schien irritiert von der plötzlichen Wendung, das Feuer in ihrer Hand zitterte leicht, wurde schwächer. Misstrauen flackerte über ihr Gesicht. „Ja, natürlich kenne ich Leyley. Und jetzt sag mir: Was willst du von ihr?“


Alexandra atmete einmal tief durch. Ihr Herz pochte noch immer heftig, doch der Zorn hatte sich zurückgezogen, wie eine Flut, die zu früh gekommen war. Ihre Stimme war nun ruhiger – drängend, aber ehrlich.


„Ich bin eine Freundin. Ich wollte sie besuchen. Es ist wichtig. Sehr wichtig.“


Der Flammenball in Neas Hand erlosch ganz. Das Licht verschwand, ließ nur den kalten Schimmer des Winters zurück. Sie trat näher, langsam, mit dem prüfenden Blick einer Jägerin, die noch nicht wusste, ob sie ihren Gegenüber verschonen oder zur Strecke bringen sollte. Zwischen ihnen lag kaum ein halber Meter, und Alexandra konnte die Wärme ihrer Aura spüren.


„Eine Freundin von Leyley also?“ Neas Stimme war leiser geworden, doch nicht freundlicher. „Und woher soll ich wissen, dass du nicht lügst?“


Alexandra runzelte die Stirn, der Groll kehrte leicht zurück – nicht dämonisch, sondern elfisch. „Gibt es wirklich so viele, die behaupten, ihre Freundin zu sein? Ist das so ungewöhnlich, dass du das anzweifelst?“


Nea schien gerade ansetzen zu wollen, um etwas zu erwidern, als plötzlich eine Stimme hinter Alexandra erklang – ruhig, freundlich, aber voller Neugier.


[???] ,,Wie ist dein Name? Du bist nicht zufällig Alexandra?’’



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Eine schlanke Filina stand hinter Alexandra, ihr graublaues Fell glänzte im kalten Winterlicht. In der Hand hielt sie einen geflochtenen Korb, aus dem der Duft getrockneter Kräuter und frischer Salbeiblätter strömte. Ihre Bewegungen waren ruhig, beinahe katzenhaft elegant, ihre jadegrünen Augen musterten Alexandra mit sanftem Interesse.


„Ja, ich bin Alexandra“, sagte diese, noch immer angespannt. „Und du?“


Die Filina lächelte und legte den Kopf leicht schief. Ihre Stimme war weich, aber bestimmt. „Ich bin ihre Leibdienerin, Eroica Nyva. Freut mich sehr, dich kennenzulernen. Leyla hat mir von dir erzählt.“


Alexandra blinzelte überrascht. Ihre Leibdienerin? Dann war diese Eroica vermutlich die Person, die Leyla am nächsten stand – oder zumindest eine derjenigen, die ihr tägliches Leben in der Kaiserstadt begleiteten. Wenn jemand wusste, wo Leyla gerade war, dann sie. Und vielleicht konnte sie ihr helfen, sie zu finden.


„Weißt du, wo sie ist? Ich muss dringend mit ihr sprechen.“


Doch Eroica schüttelte bedauernd den Kopf. Ihre Ohren zuckten leicht. „Sie ist noch nicht von ihrem Auftrag zurück. Ich weiß leider nicht genau, wann sie kommt. Aber wir sollten uns nicht hier draußen unterhalten. Komm doch erst mal mit rein. Und...“ – sie deutete mit einem feinen Nicken auf Alexandras Flügel und die Hörner auf ihrer Stirn – „…es wäre klüger, wenn du diese Merkmale wieder verbergen würdest.“


Alexandra atmete tief ein. Ihr Herz schlug noch immer schneller als gewöhnlich. Der Vorfall mit Nea steckte ihr in den Gliedern. Dennoch konzentrierte sie sich, schloss kurz die Augen und spürte, wie sich die entfesselten Dämonenzüge wieder zurückzogen. Die Federn verschwanden unter ihrer Haut, die Hörner zogen sich zurück, ihre Hände wurden wieder elfisch. Ein leises Knistern begleitete die Rückverwandlung, dann war es vorbei.


„So besser?“ fragte sie trocken.


Eroica nickte. „Deutlich.“


Gemeinsam traten sie durch das große, schwarze Tor in den Innenhof des Anwesens. Der Boden knirschte unter dem Neuschnee, doch die Pflanzen an den Seiten wirkten unberührt vom Winter. Immergrüne Büsche und eigenartige, blattlose Stauden mit silbrig glänzenden Knospen säumten den Weg. Zwischen ihnen lief Nea, nun scheinbar völlig unbeeindruckt von dem, was eben noch geschehen war. Sie summte eine fröhliche Melodie vor sich hin, warf Alexandra hin und wieder verstohlene Seitenblicke zu und grinste wie ein Kind, das ein neues Spielzeug entdeckt hatte.


„Du bist also Lex, soso“, begann Nea schließlich, ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ihre violetten Augen blitzten neugierig. „Leyley hat mir nichts von dir erzählt. Also – du schuldest mir eine Geschichte. Wie habt ihr euch kennengelernt? Was bist du für sie?“


Alexandra war irritiert. Gerade eben hatte dieses Mädchen noch gedroht, sie zu töten, und jetzt plauderte sie, als seien sie alte Freunde. Doch etwas an Neas unbeschwerter Art wirkte entwaffnend. Es war schwer, lange Groll zu hegen, wenn jemand einen so offen und neugierig ansah. Noch immer konnte sie ihre Beweggründe nicht ganz deuten – war das echte Offenheit oder gut gespielte Naivität? Vielleicht beides.


„Das ist eine lange Geschichte“, erwiderte Alexandra schließlich und lächelte schwach. „Aber ich erzähl sie dir gern. Nur… lass mich vorher kurz durchatmen.“


Nea nickte zufrieden. „Gut! Du kriegst Tee von Eroica. Aber wenn du lügst, schmeiß ich dich aus dem Fenster, klar?“


Alexandra lachte kurz auf. Es tat gut, zu lachen, nach so vielen Wochen voller Unsicherheit. Sie wusste, dass Leyla viel durchgemacht hatte. Doch wenn sie hier, inmitten dieser seltsamen, eigenwilligen Frauen war – mit einer verspielten Kriegerin wie Nea und einer stillen, aufmerksamen Dienerin wie Eroica – dann ging es ihr wahrscheinlich gut. Und vielleicht war Alexandra nun endlich am richtigen Ort angekommen, um den nächsten Abschnitt ihres Lebens zu beginnen.

 
 
 

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