Kapitel 183 - Erst der Anfang
- empirewebnovel
- 9. Juni 2025
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„…und dann ist Leyla mit der Edlen Miss Cyntha zusammen nach Norden geflogen. Seitdem… nun, seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen.“
Alexandra beendete ihren Bericht mit einem leisen Seufzen. Sie hatte Eroica und Nea weitgehend offen von ihrer gemeinsamen Zeit mit Leyla erzählt – von der Reise durch die Sümpfe, ihren Erlebnissen mit den Blätterlosen, vom Kampf gegen den Oni. Die zarten, intimen Momente,- die Blicke, das Lachen – all das hatte sie nicht ausdrücklich erwähnt. Manche Dinge gehörten einfach nur ihr und Leyla.
Nea hingegen hatte sich auf das Sofa gefläzt, ihre Beine über die Lehne geschwungen und hörte mit wachsender Begeisterung zu. Nun klatschte sie in die Hände. „Dann seid ihr ja wirklich Freundinnen!“ rief sie strahlend, als hätte sie einen Wettbewerb gewonnen.
Alexandra musste lächeln. Es war erstaunlich, wie sehr ihr dieses Mädchen mit der unsteten Energie und der direkten Art bereits ans Herz gewachsen war – obwohl sie sie vor nicht einmal zwei Stunden noch angegriffen hatte.
„Ich danke dir, Alexandra“, sagte Eroica nun mit leiser Stimme. Ihre Augen wirkten dabei fast ein wenig müde, als trüge sie die Sorge ihrer Herrin mit. „Leyla hat es schwer, durch ihre Stellung wirkliche Freunde zu finden. Leute, denen sie vertrauen kann… das ist selten. Sie braucht Personen wie dich.“
Die Filina verbeugte sich leicht, aufrichtig und voller Anstand. Alexandra spürte, wie ihre Wangen warm wurden. Es war lange her, dass ihr jemand so offen Dankbarkeit gezeigt hatte – zumindest jemand, der ihr etwas bedeutete. Sie strich sich eine Strähne hinters Ohr und erwiderte leise: „Sie bedeutet mir wirklich viel.“
Nea rief sofort dazwischen: „Oho! Das klingt ja interessant!“ Sie kicherte und warf sich auf den Bauch, die Füße spielerisch in der Luft. Alexandra rollte die Augen, doch ein Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht.
„Also“, begann sie wieder, „weißt du vielleicht, wann Leyla zurückkommt? Ich würde gerne mit ihr reden. Es… es ist wirklich wichtig.“
Eroica schüttelte langsam den Kopf. „Das kann ich leider nicht sagen. Nach einem Auftrag hat sie gerne Zeit für sich.“
Alexandra seufzte. Sie gönnte Leyla die Ruhe nach den vielen Kämpfen und dem politischen Wahnsinn, in den sie verstrickt war – doch das änderte nichts an dem Knoten in ihrer Brust. Sie wollte sie sehen. Musste es. „Na gut“, murmelte sie, „dann muss ich mir wohl die Zeit in der Kaiserstadt vertreiben. Sagst du mir Bescheid, wenn sie wieder da ist, Eroica?“
„Selbstverständlich“, antwortete die Filina mit einem sanften Nicken.
Bevor noch jemand etwas sagen konnte, spürte Alexandra plötzlich einen Druck auf dem Rücken – Nea war aufgesprungen und hatte sich wie eine Katze auf sie geworfen. „Du schläfst einfach in Leyleys Zimmer! Die stört das sicher nicht!“
Alexandra lachte auf und versuchte, Nea wieder abzuschütteln. „Nein, ich denke, eine einfache Gaststätte tut es auch. Ich will ihr Zimmer nicht einfach besetzen.“
„Quatsch“, sagte Nea und ließ sich nun neben ihr auf das Sofa fallen. „Das ist ein Riesenbett, da passen fünf Leute rein.“
Alexandra zog eine Augenbraue hoch, bevor sie sich wieder an Eroica wandte. Doch die nickte ernst. „Ich finde auch, dass Nea Recht hat. Schlaf ruhig hier. Du bist willkommen – und ich kümmere mich darum, dass es dir an nichts fehlt.“
Ein Moment der Wärme durchflutete Alexandra. Nach all den Monaten auf Reisen, durch Schnee, Sümpfe und Schatten, war es das erste Mal seit Ewigkeiten, dass sie sich wie zu Hause fühlte. Und sie war noch nicht einmal einen Tag hier.
Doch Eroicas Gesicht veränderte sich. Ihre Ohren zuckten leicht, ihre Pupillen zogen sich zusammen. Sie sprach leise, aber mit Nachdruck: „Ich will dich gar nicht fragen, wie oder wann du zu einer Dämonin geworden bist, Alexandra. Doch es ist wichtig, dass du lernst, diese Kräfte zu kontrollieren. Auch um Leylas Willen.“
Alexandra senkte den Blick. Ihre Finger krallten sich leicht in den Stoff ihrer Hose. „Ich weiß.“
Eroica trat näher, ihr Blick nun aufrichtig mitfühlend. „Ich kenne jemanden, der dir helfen könnte. Er ist zwar kein Dämon – aber er kennt sich mit deiner Art Magie besser aus, als jeder andere in dieser Stadt.“
Alexandras Augen leuchteten auf. „Und… wer ist es?“
Doch Eroica hob nur leicht den Finger an die Lippen. „Geduld. Ich stelle dich ihm morgen vor.“
Nea streckte sich und gähnte theatralisch. „Ich wette, es ist dein verrückter Freund aus dem Kräuterturm. Der redet mit Fliegen.“
„Er ist nicht verrückt“, korrigierte Eroica trocken. „Er ist nur… ungewöhnlich.“ Dann wandte sie sich wieder Alexandra zu. „Mach dir keine Sorgen. Schlaf dich aus. Morgen wirst du verstehen, was ich meine.“
Alexandra lehnte sich zurück. Für den Moment war das genug. Sie war endlich angekommen. Und Leyla war nicht mehr weit entfernt.
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Es war ein überraschend warmer Tag, beinahe frühlingshaft, wenn man ihn mit den frostigen Wochen davor verglich. Die Sonne stand hoch am Himmel und ließ das weiß-graue Pflaster der Kaiserstadt in hellem Glanz erstrahlen. Ein lauer Wind wehte durch die Straßen, trug den Duft gebratener Kastanien und den Klang entfernt spielender Kinder mit sich. Inmitten dieses sanften Tageslichts bewegten sich Alexandra und Eroica Seite an Seite durch das lebendige Gewirr der Stadt.
Alexandra fühlte sich etwas rastlos. Zwar hatte Eroica versprochen, sie heute einer wichtigen Person vorzustellen, doch der Name ihres Gesprächspartners war bis zuletzt ein Geheimnis geblieben. Die Filina hatte nicht einmal einen Hinweis gegeben – was Alexandra zunehmend nervös machte. Hoffentlich war es nicht der seltsame „Fliegenflüsterer“, wie sie innerlich den Mann genannt hatte, den Nea erwähnt hatte.
Eroica wirkte heute noch kontrollierter als am Vortag. Selbst jetzt, als sie keine Repräsentationspflicht hatte, schritt sie würdevoll neben ihr her, die Ohren leicht aufgerichtet, die Miene aufmerksam und gelassen, wie es einer Leibdienerin einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin angemessen war. Es war fast so, als könne sie die Rolle nie ganz ablegen – oder vielleicht hatte sie sich mit der Zeit so sehr damit verwoben, dass sie längst ein Teil von ihr geworden war.
Alexandra dagegen versuchte, so viel wie möglich aufzusaugen. Die Kaiserstadt war gewaltig, unübersichtlich, atmete an jeder Ecke Geschichte. Sie beobachtete die Häuser, die Gassen, das Verhalten der Menschen. Wie sie sich bewegten, wie sie einander grüßten, wie sie den Tag lebten. All das versuchte sie sich zu merken – nicht nur, weil es klug war, die Umgebung zu kennen, sondern auch, weil sie Leyla irgendwann von allem erzählen wollte.
Der Weg führte sie weiter in den Norden, dort, wo die Straßen breiter wurden und die Gebäude zunehmend aus hellem Stein erbaut waren. Hier wirkte die Stadt älter, aber auch ehrwürdiger. Und bald sah Alexandra das Ziel ihrer kleinen Reise: ein gewaltiges Bauwerk, das aussah, als wäre es aus einem alten Märchen gefallen. In den Hang eines Hügels gebaut, thronte es wie ein weißer Tempel über der Umgebung, mit weiten Treppen, hohen Säulen und gewaltigen Türen, die von goldenen Rahmen eingefasst waren.
„Was ist das für ein Ort?“ fragte Alexandra, als sie kurz stehenblieb, um das Gebäude eingehend zu betrachten. Ihre Stimme klang zugleich ehrfürchtig und neugierig.
Eroica drehte sich zu ihr um, ihre Augen glänzten. „Das ist die Kaiserliche Bibliothek. Mein Lieblingsort in der ganzen Stadt.“
Alexandra staunte. Zwei Statuen flankierten den Treppenaufgang, beide meisterhaft gearbeitet. Sie zeigten Figuren in wallenden Gewändern, mit ernsten, fast melancholischen Gesichtern. Wer sie gewesen waren, wusste sie nicht – doch sie wirkten bedeutend, als hätten ihre Worte und Taten einst das Reich geprägt.
Schweigend stiegen sie die Treppen empor und betraten die Vorhalle. Die Decke war so hoch, dass sich ihre Stimmen in einem sanften Echo verloren. Es roch nach altem Papier, Tinte und warmem Holz – ein friedlicher, beinahe heiliger Duft. An einem breiten Tisch im Eingangsbereich saß ein älterer Mann. Seine Haut schimmerte schuppig im Licht – ein Drachar, wie Alexandra sofort erkannte. Vor ihm lag ein Buch, und seine langen Finger folgten konzentriert einer Zeile, als Eroica sich räusperte.
„Guten Morgen, Rhovar. Darf ich dir Alexandra vorstellen?“
Der Mann blickte langsam auf, legte das Lesezeichen zwischen die Seiten und richtete sich auf. Seine Augen waren von einem intensiven, beinahe leuchtenden Giftgrün, und Alexandra hatte das Gefühl, dass er sie mit einem einzigen Blick durchleuchtete. Doch seine Stimme klang sanft und gebildet, als er sprach: „Ah, Miss Nyva. Immer eine Freude. Und Sie also sind Miss…?“
„Lemyllion“, antwortete Alexandra und zwang sich zu einem leichten Lächeln. „Ich stamme aus dem Grünwald. Und… ich bin eine Freundin der Edlen Miss Leyla.“
Es fühlte sich merkwürdig an, Leyla so zu nennen. Der Ehrentitel wirkte in ihrem Mund fremd und zu distanziert – doch Eroica hatte ihr eingeschärft, wie wichtig diese Formalitäten waren, gerade hier, in der Nähe der Macht.
„Miss Lemyllion also“, wiederholte der Drachar nachdenklich. Er schien sich den Namen einzuprägen. „Ich bin Rhovar Trellis, Kaiserlicher Hofchronist und Verwalter dieser ehrwürdigen Bibliothek.“
Er musterte sie erneut, diesmal weniger durchdringend, eher abschätzend – wie ein Gelehrter, der prüfte, ob das neue Buch in seine Sammlung passt. „Und wie kann ich behilflich sein?“
Eroica trat einen Schritt näher und legte eine Hand sanft an Alexandras Schulter. „Sie ist eine Dämonin. Noch jung, ungeschult – aber mit Potenzial. Ich dachte, du könntest ihr helfen, ein wenig mehr über sich selbst und ihre Kräfte zu lernen. Natürlich vertraulich – es ist… ein Anliegen der Edlen Miss Leyla.“
Rhovar blinzelte, dann wandte er den Blick von Eroica zurück zu Alexandra. Eine lange Pause entstand, bevor er schließlich sprach: „Eine Dämonin also… nun, ich selbst war nie mit Magie gesegnet, zumindest nicht in dieser Form. Aber ich weiß einiges. Über ihre Natur, über ihre Geschichte. Wenn die Edle Miss Leyla es wünscht, dann teile ich mein Wissen mit Freuden.“
Er lächelte sanft. „Doch sagen Sie mir, Miss Lemyllion – was genau ist es, das Sie lernen wollen? Stärke? Kontrolle? Oder Verständnis?“
Alexandra zögerte. Sie spürte plötzlich, dass es hier nicht nur um Kraft ging. Nicht nur darum, ihre Hörner oder Flügel zu verbergen oder im Kampf standzuhalten. Es ging um mehr.
„Ich… ich möchte mich selbst verstehen. Und der Edlen Miss Leyla helfen, wenn sie mich braucht. Ich möchte stark genug werden, um an ihrer Seite zu kämpfen.“
Rhovar nickte langsam. „Dann sind Sie hier am richtigen Ort.“
Er klappte sein Buch zu. „Kommen Sie. Wir beginnen mit der Wahrheit über Dämonen.“
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Der Raum, in den Rhovar Trellis Alexandra geführt hatte, lag gut zwei Straßen von der Kaiserlichen Bibliothek entfernt – eingebettet in ein stilles Seitengässchen, das so unscheinbar war, dass Alexandra sich wunderte, wie ein Mann wie Rhovar diesen Ort überhaupt gefunden hatte. Es war ein schlichtes Gebäude, fast völlig aus Holz, mit schmalen Wänden, die nach oben hin in leicht geschwungene Balken ausliefen. Die Fenster bestanden aus weißem, leicht vergilbtem Reispapier, das das Licht nur gedämpft in den Raum ließ. Ein feiner Geruch von Sandelholz und altem Lack hing in der Luft.
Ein Dojo, dachte Alexandra, überrascht. Sie hatte mit vielem gerechnet – mit einem Archiv vielleicht, oder einer Studierstube voller Bücher über dämonische Blutlinien. Doch nicht mit einem Ort des Kampfes, der Disziplin, der Körperbeherrschung.
„Wollt Ihr etwa mit mir trainieren?“ fragte sie, noch bevor sie den Gedanken richtig gefasst hatte. Ihre Stimme klang eher neugierig als skeptisch – aber sie konnte sich nicht helfen: Rhovar wirkte nicht wie jemand, der je ein Schwert geschwungen hatte. Oder es überhaupt konnte. Als Drachar war es ihm nicht möglich ein Schwert zu halten.
Er schmunzelte leicht, ließ sich dann aber auf einem der flachen Meditationskissen am Rand des Raumes nieder. Mit einer Handbewegung bedeutete er Alexandra, es ihm gleichzutun.
„Miss Lemyllion“, begann er mit der ruhigen, angenehmen Stimme eines alten Gelehrten, „bevor Ihr trainiert, müsst Ihr verstehen. Wir beginnen mit einer simplen Frage: Was sind Dämonen eigentlich? Oder, präziser: In welche zwei Arten lassen sie sich einteilen?“
Alexandra schwieg einen Moment, während sie sich setzte. Sie war neu in allem, was mit ihrer Verwandlung zu tun hatte. Abgesehen von den wenigen Sätzen, die Jess zu ihr gesprochen hatte, und von dem, was sie sich selbst zusammenreimte, wusste sie kaum etwas über ihre eigene Natur. Das Wort ,Dämon’ war ihr bis vor wenigen Wochen nicht mehr als eine düstere Legende gewesen. Und nun sollte sie ihre eigene Art einordnen?
„Ich... weiß es nicht“, gestand sie schließlich ehrlich. „Ich kenne nur mich. Und einen alten Mann auf dem Berg der Dämonen.“
Rhovar nickte, als hätte er genau diese Antwort erwartet. „Das ist nicht ungewöhnlich. Viele wandeln durch das Leben, ohne zu wissen, was sie sind. Doch Wissen ist Macht. Und Macht kann nur kontrolliert werden, wenn man versteht, woher sie stammt.“
Er machte eine kurze Pause, so als wolle er prüfen, ob sie ihm auch wirklich zuhörte.
„Was ich Euch nun sage, gilt übrigens ebenso für Engel – denn Dämonen und Engel sind mehr Geschwister als Feinde, auch wenn sich beide Seiten das nur ungern eingestehen. Es gibt zwei Arten von Dämonen. Die erste, schwächere Art nennt man kreierte Dämonen. Dazu gehört auch Ihr. Es sind Sterbliche – Elfen, Menschen, Dracharen oder andere – die von einem der zehn Erzdämonen berührt, gezeichnet und verwandelt wurden. Ein Geschenk, manche sagen: ein Fluch.“
Alexandra schluckte trocken. Die schwächere Art, hallte es in ihrem Kopf wider.
„Die zweite Art“, fuhr Rhovar fort, ohne auf ihre Reaktion einzugehen, „sind die geborenen Dämonen. Sie werden entweder direkt von einem Erzdämon gezeugt oder stammen aus der Verbindung zweier Dämonen. Ihr Blut ist rein, ihr Körper von Anfang an geformt für das, was Ihr Euch noch mühsam aneignen müsst. Man nennt sie reine Dämonen.“
Alexandra nickte langsam, doch ihre Gedanken wirbelten. Es ergab Sinn, dass die reinen Dämonen mächtiger waren – stärker, gefährlicher. Doch sie konnte die Enttäuschung nicht ganz verbergen. Wie sollte sie je Leyla ebenbürtig sein, wenn ihr Fundament selbst schon schwächer war?
Rhovar schien ihre Gedanken zu erraten, denn sein Blick wurde weicher. „Lasst Euch nicht entmutigen. Die Macht eines Dämons bemisst sich nicht allein durch Geburt. Manche der gewaltigsten Kreaturen wurden nicht geboren, sondern geschmiedet – durch Schmerz, durch Mut, durch Erkenntnis.“
„Verratet Ihr mir, von welchem der Erzdämonen Ihr verwandelt wurdet?“ Seine Stimme war ruhig, doch in seinem Blick flackerte ein Funken Interesse.
Sofort schossen Alexandra die Bilder von dem dunklen Berg in den Kopf, von Jess’ schwarzen, durchdringenden Augen, von dem Moment, in dem alles in ihrem Körper sich verändert hatte. „Durch Jess“, sagte sie leise. „Durch die Erzdämonin des Krieges, Jess.“
Für einen Moment war Stille. Rhovars Augen weiteten sich leicht – ein Ausdruck, den Alexandra bisher nicht an ihm gesehen hatte. Es war fast so, als hätte er nicht damit gerechnet.
„Dann habt Ihr Glück“, sagte er schließlich und sein Mundwinkel hob sich zu einem Lächeln. „Von Jess erschaffene Dämonen sind... selten. Überaus selten. Nach allem, was ich weiß, seid Ihr sogar erst die zweite überhaupt. Und sie gelten als besonders mächtig. Jess verleiht keine halben Gaben.“
Alexandras Herz begann schneller zu schlagen. Der alte Mann auf dem Berg hatte es gesagt, Jess selbst hatte es angedeutet – aber erst jetzt, wo es Rhovar bestätigte, fühlte es sich real an. Vielleicht war sie doch etwas Besonderes. Vielleicht war sie nicht nur ein Schatten eines Schattens.
„Dann... könnt Ihr mich trainieren, Mister Trellis?“ fragte sie mit einem hoffnungsvollen, beinahe kindlichen Ausdruck.
Doch der Hofchronist schüttelte langsam den Kopf. „Nein, mein Wissen ist theoretischer Natur. Ich selbst bin kein Träger dieser Kräfte. Doch ich kann Euch lehren, wie Ihr denkt, wie Ihr fühlt, wie Ihr fokussiert. Ich kann Euch helfen, die Grundlagen zu verstehen, auf denen Eure Macht aufbaut. Das ist es, was den Unterschied macht – nicht das, was Ihr seid, sondern was Ihr mit dem, was Ihr seid, zu tun vermögt.“
Alexandra ließ sich auf das Gespräch ein. Sie wusste, dass es kein einfacher Weg werden würde. Doch sie lächelte trotzdem. „Ich danke Euch. Wirklich.“
„Und bitte“, sagte Rhovar mit einem leisen Schmunzeln, „dieses ‚Mister Trellis‘ ist viel zu steif. Rhovar genügt.“
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„Ihr habt sicher bereits bemerkt, dass Euer Körper nun weitaus kräftiger ist als früher“, begann Rhovar mit ruhiger Stimme, während sein Blick prüfend auf Alexandra ruhte. „Umso mehr, wenn Ihr seine wahre Gestalt annehmt – wenn Ihr Eure Klauen zeigt, sozusagen. Doch das ist nicht die eigentliche Stärke von Dämonen. Wisst Ihr, was Euch wirklich mächtig macht?“
Alexandra runzelte leicht die Stirn. Ihre körperlichen Veränderungen waren ihr natürlich nicht entgangen – die Klauen, die Hörner, die Flügel. Ihre Sinne waren geschärft, ihr Körper schneller, stärker, robuster. Doch jenseits davon... hatte sie nichts Besonderes gespürt. Keine neuen Fähigkeiten, keine überelfische Kontrolle. Nur ein wachsendes Feuer in ihr, das sich manchmal schwer zügeln ließ.
„Ich... weiß es nicht“, gab sie schließlich zu, während sie Rhovars Blick suchte.
„Die Antwort ist einfach“, sagte er mit einem leisen Nicken. „Es ist die Dämonenmagie. Eine besondere, uralte Form der Magie, die ausschließlich Dämonen zugänglich ist. Selbst ein gebrechlicher Dämon hätte über sie Macht, während ein starker Sterblicher, so geschickt er auch sei, niemals darauf zugreifen könnte.“
Er erhob sich und ging mit gemessenen Schritten zu einem niedrigen Tisch am Rand des Dojos. Dort stand eine schlichte Kanne aus dunklem Ton, aus der er sorgfältig dampfenden Tee in zwei kleine Becher goss. Mit der Gelassenheit eines Gelehrten kam er zurück und reichte Alexandra einen der Becher, bevor er selbst einen Schluck nahm.
„Dämonenmagie“, fuhr er fort, „ist oft an die Natur des Erzdämons gebunden, der Euch gezeichnet hat. Ihr habt bereits erwähnt, dass Ihr von Jess stammt. Eine bemerkenswerte Herkunft.“
Alexandra nickte langsam. Ihre Gedanken wanderten zurück zu den Erinnerungsfetzen aus Jess’ Geist – an den schwarzen Himmel über dem Schlachtfeld, an das Aufeinandertreffen mit dem Erzengel Gabriel. An die unfassbare Geschwindigkeit, mit der Jess eine Waffe nach der anderen beschworen hatte, Klinge auf Klinge, Schatten auf Schatten.
„Jess“, murmelte sie, „hat gegen Gabriel mit vielen verschiedenen Waffen gekämpft. Eine nach der anderen. Sie schien sie einfach aus dem Nichts zu ziehen.“
„Ganz recht“, bestätigte Rhovar. „Jess ist nicht umsonst die mächtigste unter den Erzdämonen. Ihre wahre Kraft liegt in der Beschwörung der Schattenwaffen – vierundsiebzig an der Zahl, jede mit einzigartiger Wirkung, Form und Geschichte. Sie erscheinen auf ihren Ruf hin und verschwinden, sobald sie ihrer Aufgabe gedient haben.“
„Vierundsiebzig?’’ fragte Alexandra mit leiser Faszination. Sie konnte sich kaum vorstellen, so viele Waffen zu beherrschen. Und doch – ein Teil von ihr wollte es. Instinktiv.
„Aber ich kann kaum Magie nutzen“, fuhr sie schließlich fort.
Rhovar schüttelte mild den Kopf, als hätte er diese Unsicherheit erwartet. „Das ist nicht ungewöhnlich. Selbst wenn Ihr keine sterbliche Magie wirken könntet – was ich übrigens bezweifle – so ist Euch doch der Pfad der Dämonenmagie offen. Es ist keine Magie, wie sie Gelehrte in der Akademie lehren würden. Sie ist roher. Reiner. Sie gehorcht nicht den gleichen Gesetzen.“
Er nahm noch einen Schluck Tee und sprach dann weiter. „Gerade bei Dämonen von Jess sollte jene Form der Magie aktiv werden, die mit Kampf und Instinkt zu tun hat. Ihr seid Kriegerin – das spüre ich, und Ihr wisst es selbst. Eure Magie wird sich dort zeigen, wo Blut fließt, wo Gefahr lauert, wo Ihr keine Wahl mehr habt, als Euch auf Eure tiefsten Kräfte zu verlassen.“
Alexandra senkte den Blick auf den dampfenden Becher in ihren Händen. Die Wärme tat gut. Und doch – tief in ihrem Innersten, brodelte bereits etwas. Es war nicht mehr nur Wut oder Groll. Es war etwas Neues. Klarer. Zielgerichteter.
„Muss ich...“ sie zögerte kurz, „...muss ich auch die Waffentechniken meistern, die Jess verwendet?“
„Müssen?“ fragte Rhovar mit einem spitzbübischen Schmunzeln. „Nein. Nichts daran ist Pflicht. Ihr solltet nicht Jess nachahmen. Überlegt lieber: Was macht Euch im Kampf aus? Welche Stärken habt Ihr bereits, und was davon wollt Ihr verstärken?“
Alexandra schloss für einen Moment die Augen. Vor ihrer Verwandlung war sie eine Schwertkämpferin gewesen. Keine Tänzerin mit tausend Stilen – sie hatte auf Geschwindigkeit gesetzt, auf präzise Hiebe, auf das Zusammenspiel von Kraft und Intuition. Ihr Stil war nicht filigran gewesen, aber effektiv. Brutal ehrlich, wie sie selbst.
Als sie wieder aufsah, lag Entschlossenheit in ihrem Blick. „Ich glaube, ich weiß jetzt, wie ich die Magie einsetzen will. Ich brauche keine vierundsiebzig Waffen. Ich brauche eine – aber sie muss mir gehorchen. Immer.“
Rhovar nickte anerkennend. „Ein kluger Gedanke. Es ist nicht die Menge der Werkzeuge, die den Schmied ausmacht – sondern wie er mit ihnen umgeht. Zu glauben, Ihr könntet wie Jess vierundsiebzig Waffen auf dem gleichen Niveau nutzen, wäre vermessen. Wenn es so einfach wäre, wäre sie nicht die Stärkste.“
Er stand auf, trat zur Mitte des Dojos, in die freie Fläche, die von sanftem Licht durchflutet wurde. Dort drehte er sich zu ihr um, das Gesicht ernst, aber voller Respekt.
„Dann, Miss Lemyllion, ist es Zeit. Lasst uns nun beginnen. Wir werden Eure Dämonenmagie erwecken.“
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„Schließt die Augen“, sagte Rhovar mit sanfter, beinahe beruhigender Stimme.
Alexandra zögerte nur kurz, dann tat sie, wie ihr geheißen wurde. Der Raum um sie herum verblasste. Kein Licht, kein Geräusch, nur das langsame, tiefe Pochen ihres Herzens, das in der Stille lauter wirkte als zuvor.
„Ihr habt es sicherlich bemerkt“, fuhr der alte Drachar fort, „dieses Brodeln in Eurem Inneren. Es ist nicht bloß ein Gefühl – es ist der Ursprung Eurer neuen Natur. Manche beschreiben es als das Erwachen eines uralten Monsters, andere als das Aufziehen eines gewaltigen Sturms. Wieder andere sagen, es fühle sich an wie ein brennender Feuersturm, der kurz vor der Entfesselung steht.“
Alexandra nickte, auch wenn ihre Augen noch geschlossen waren. Ja, dieses Gefühl war ihr bekannt. Es war immer da gewesen, seit sie von Jess verwandelt worden war – ein ständiges Vibrieren unter der Haut, eine gleißende Spannung tief in der Brust. Sie hatte es oft unterdrückt, aus Angst, was es bedeuten könnte. Doch jetzt, da Rhovar es benannte, wirkte es weniger fremd. Eher wie ein Teil von ihr, den sie endlich anerkennen musste.
,,Das ist eure Dämonenkraft. Gebt dem Gefühl nach“, sagte er ruhig. „Lasst es gewähren. Keine Angst. Ihr seid nicht sein Sklave. Ihr seid seine Herrin.“
Langsam erlaubte Alexandra dem Feuer in sich, sich auszubreiten. Kaum hatte sie es zugelassen, durchfuhr sie ein Schlag von Energie. Ihre Stirn wurde heiß, sie spürte, wie sich unter der Haut etwas bewegte, dann durchbrachen ihre Hörner wieder das Fleisch, als wollten sie die Welt erneut herausfordern. Ein Moment später fühlte sie, wie sich die Federn ihrer schwarzen Flügel entfalteten, wie sich die Sehnen ihrer Finger dehnten, bis ihre Nägel sich zu messerscharfen Klauen streckten. Ihre Atmung ging schneller, doch sie fühlte keine Angst. Nur Kraft. Reine, ungefilterte Kraft.
„Jetzt zieht Euer Schwert“, befahl Rhovar leise, aber bestimmt. „Und schlagt. So, wie Ihr es kennt.“
Alexandra griff an ihre Seite, wo die vertraute Waffe ruhte. Mit einem geübten Ruck zog sie sie, ließ sie durch die Luft gleiten. Drei Schläge, kräftig, fließend – der Klang der durchtrennten Luft hallte im Raum nach.
„Und nun“, sagte Rhovar, „stellt Euch vor, dieses innere Feuer, das Ihr spürt, würde direkt in die Klinge fließen. Lenkt es. Formt es. Gebt dem Schlag mehr als Muskelkraft – gebt ihm Eure Essenz.“
Sie schloss erneut kurz die Augen, stellte sich vor, wie das dunkle Lodern ihres Zorns, ihrer Sehnsucht, ihrer Stärke in das Metall sickerte, es durchdrang und auflud wie ein Sturm, der sich in der Stille sammelte. Dann schlug sie zu.
—BUMM—
Nicht bloß ein Knall – eine Druckwelle. Luft und Energie schossen explosionsartig von der Schneide der Klinge aus. Alexandra riss die Augen auf. Vor ihr stand Rhovar, von einer blassen, durchscheinenden Lichtkuppel geschützt. Um sie herum lag das Dojo in Trümmern. Die Teekanne war zerbrochen, die Schalen zersplittert. Holzbretter lagen in Schrägen, zerborsten, als hätte jemand eine Bombe gezündet. Nur die äußeren Wände und die papierdünnen Fenster blieben unversehrt, gehalten von weiteren Schutzbarrieren, die der alte Chronist offenbar instinktiv errichtet hatte.
Alexandra keuchte. „T–Tut mir leid… ich wusste nicht—“
Doch Rhovar hob bereits beschwichtigend die Hand. Sein Lächeln war warm, fast stolz.
„Nein, nein“, sagte er. „Das war ausgezeichnet. Ihr habt verstanden. Ihr habt dem Feuer nicht nur Raum gegeben, Ihr habt es geformt, gelenkt, gezielt entfesselt. Das ist der erste Schritt zur wahren Kontrolle.“
Er wandte sich langsam um, während er die Barrieren auflöste, als wäre nie etwas geschehen. „Was nun folgt, ist ganz Euch überlassen. Eure Kreativität, Euer Mut, Euer Wille – das sind die Werkzeuge, mit denen Ihr Eure Kräfte weiterentwickeln werdet. Probiert aus, scheitert, versucht es erneut. Und irgendwann… werdet Ihr etwas Einzigartiges schaffen.“
Er trat zur Tür, öffnete sie, und das Sonnenlicht fiel herein wie ein sanfter Segen. „Ich muss nun zurück an meine Arbeit. Die Bücher warten nicht. Doch wenn Ihr Fragen habt, oder Inspiration braucht – der Eingangsbereich der Kaiserlichen Bibliothek ist offen für Euch. Kommt jederzeit, Miss Lemyllion.“
Dann verschwand er.
Alexandra blieb allein zurück – zwischen Trümmern und stillem Licht. Sie senkte den Blick und betrachtete ihre Waffe. Die Klinge war unverändert… und doch nicht. Eine dunkle, flackernde Aura hatte sich um sie gelegt. Sie war nicht fassbar, aber spürbar – wie ein Schatten, der leben wollte.
Ihr Herz pochte laut, nicht mehr aus Angst, sondern aus neuem Mut. Sie hatte etwas entfesselt. Etwas, das ihr gehörte. Zum ersten Mal seit jener Begegnung im Berg der Dämonen fühlte sie sich nicht überfordert oder fremdbestimmt – sondern bereit.
Bereit, an Leylas Seite zu stehen. Nicht als Schatten, nicht als Bittstellerin, sondern als Gleichwertige.
Und tief in ihrem Inneren wusste sie: Das war erst der Anfang.



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