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Kapitel 184 - Blut oder Name

Aktualisiert: 11. Juni 2025

Sorgfältig rückte Franca ihre Lockenzöpfe zurecht. Ihre Hände bewegten sich mit der Präzision einer Frau, die seit ihrer Kindheit auf Etikette und Wirkung getrimmt worden war. Die Bewegungen waren nicht hektisch, sondern elegant – beinahe rituell. Sie strich mit den Fingern über das samtige Rot ihrer Robe, zupfte einen unsichtbaren Faden aus dem Stoff und stellte sich vor den hohen Spiegel an der Wand. Dann hob sie das Kinn leicht an und ließ ihr Lächeln in ihr Gesicht gleiten. Dieses Lächeln war ihr Kapital, ihre Waffe. Es war ein Lächeln, das den Adel verzauberte, ein Lächeln, das dem Pöbel Träume in die Herzen pflanzte – unerreichbare Träume.


Franca Aldobrandini. Ein Name, den man mit Ehrfurcht aussprach, manchmal auch mit Neid, doch stets mit Bewunderung. Die Aldobrandini waren die mächtigste Familie im Reich – abgesehen von der Kaiserfamilie selbst. Reichtum, Einfluss, Bildung – all das floss durch ihre Adern wie kostbarer Wein. Doch Franca war nicht nur eine Erbin dieses Namens. Sie war eine, die den Namen mit Stolz trug. Und mit Kampfgeist.


Sie war nicht aus romantischer Sehnsucht oder jugendlichem Übermut zur Kaiserlichen Kopfgeldjägerin geworden. Es war kein Abenteuerdrang, der sie getrieben hatte, kein Traum vom Heldentum. Es war Kalkül gewesen. Eine Entscheidung, geboren aus Notwendigkeit – aus Pragmatismus. 


In der Welt des Adels, in der Fruchtbarkeit und Nachkommen den gesellschaftlichen Wert einer Frau bestimmten, hatte ihr Körper ihr einen Strich durch die adlige Rechnung gemacht. Franca konnte keine Kinder bekommen. Für sie persönlich war das nie ein Problem gewesen – sie hegte keine Sehnsucht nach Mutterschaft – doch im Hochadel bedeutete diese Unfähigkeit das soziale Aus. Eine Frau ohne Gebärfähigkeit galt als beschädigte Ware. Verzichtbar. Unerwünscht.


Die Ernennung zur Kaiserlichen Kopfgeldjägerin war ihre Rettung gewesen. In diesem Amt durfte sie nicht heiraten. Keine Kinder bekommen. Keine Familie gründen. Damit wurde ihr Makel zur Tugend, zur Voraussetzung. Es war ein Titel, der sie vor dem Urteil ihrer Familie schützte. Und zugleich war es ein Mittel, um dem Namen Aldobrandini neuen Glanz zu verleihen. Denn jede ihrer Missionen, jeder ihrer Erfolge, jede der Ehrerbietungen, die man ihr zollte, fiel auch auf die Familie zurück. Auf jene, die sie beinahe verstoßen hätten.


Ihr Wohnbereich im Hauptquartier spiegelte ihren Stolz und ihre Herkunft wider. Es war kein Zimmer, es war ein Salon. An der Ostwand hing ein Wandteppich aus dem sagenumwobenen Elfenkönigreich Astaris, gewebt aus Mondfäden und mit Szenen aus der Gründungslegende der Elfen verziert. Die schweren Vorhänge, in dunklem Smaragdgrün gehalten, bestanden aus feinster Seide – angeblich von Spinnern gezüchtet, die nur einmal im Leben webten. Ein Duft von Jasmin und Lavendel lag in der Luft, sorgfältig dosiert, nie aufdringlich.


Franca atmete tief ein, ließ den Blick noch einmal durch den Raum gleiten, dann sagte sie mit entschlossener Stimme zu ihrem Spiegelbild: „So, los geht’s.“


Mit wenigen Schritten war sie an der Tür, griff nach der goldverzierten roten Schleife und band sie sich mit eleganter Geste ins Haar. Es war ein Markenzeichen von ihr geworden – wie ein Wappen, das sie auf dem Schlachtfeld der höfischen Etikette und der Jagd gleichermaßen trug. Dann öffnete sie die Tür und trat in den Gang.


Zielstrebig bewegte sie sich durch den Korridor, der ihre Unterkunft mit den anderen Bereichen des Hauptquartiers verband. Das Ziel war klar: der Wohnbereich ihrer Partnerin. Cyntha. Die Dritte unter den Zehn. Ihre Tür war nur wenige Meter entfernt. Franca blieb stehen, hob die Hand und klopfte in rhythmischer Dreifaltigkeit an die dunkelbraune Holzplatte.


„Cyntha? Kommst du? Wir müssen zum Treffen mit Yang“, rief sie, nicht zu laut, aber unmissverständlich.


Ein Moment verstrich, dann öffnete sich die Tür. Ein Schwall feuchter Luft trat ihr entgegen – der Duft von Lavendelseife und frischer Kleidung. Cyntha stand vor ihr, das violette Haar noch feucht, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Sie trug ein schlichtes, aber elegantes Gewand, das ihre Beweglichkeit unterstrich.


„Guten Morgen, Franca! Ja, ich bin soweit!“ Ihre Stimme klang hell und energisch, voller Tatendrang.


Franca erwiderte das Lächeln, auf ihre ganz eigene, kontrollierte Art. Cyntha war keine Frau des Hofes, keine geborene Adlige, doch sie hatte etwas, das Franca schätzte: Aufrichtigkeit. Temperament. Und eine gewisse Leichtigkeit, die sie selbst nie wirklich besessen hatte. In Cynthas Gegenwart fiel es ihr leichter, nicht immer an das Urteil der anderen zu denken. 


„Gut“, sagte sie ruhig, „dann lass uns Yang nicht warten lassen.“


Sie setzte sich in Bewegung, das Echo ihrer Schritte hallte leise durch den Gang, und Cyntha schloss sich ihr an – Seite an Seite, als Partnerinnen, wie Schwestern im Dienste eines höheren Zwecks.



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Die Tür zu Yangs Wohnbereich stand weit offen. Die stärkste Frau des Kaiserreichs hatte ihren Platz am großen Fenster eingenommen, ein halb gefülltes Glas Rotwein in der linken Hand. Die andere ruhte locker am Fensterrahmen, während ihr Blick sich über die Dächer der Kaiserstadt legte – ein Blick voller Nachdenklichkeit, vielleicht auch Kontrolle. Das rote Glas in ihrer Hand leuchtete wie Blut im goldenen Licht der Morgensonne.


„Kommt herein“, sagte sie ruhig.


Ein einfacher Satz. Freundlich im Klang, aber unmissverständlich ein Befehl. Kein Raum für Zweifel, kein Angebot. Nur eine klare Ansage, die keinen Widerspruch zuließ. 


Franca trat mit einem leichten Nicken über die Schwelle und ließ ihren Blick durch das Zimmer gleiten. Sie war zum ersten Mal hier – und sie wusste bereits, dass es ihr lieber wäre, wenn es auch das letzte Mal bliebe. Der Raum war karg. Kein Teppich, kein Gemälde, kein Spiegel. Die Wände waren glatt, grau, leer. Nur ein niedriger Tisch stand im Zentrum, flankiert von vier schlichten Holzstühlen. An einer der Wände befand sich ein massiver Schrank, gefüllt mit sorgfältig beschrifteten Weinflaschen. Sonst nichts. Kein Zeichen von Wohlstand, keine Anmutung von Status oder Dekoration.


Franca runzelte kaum merklich die Stirn. Das also war der Wohnraum jener Frau, die mehr Macht besaß als jeder andere? Sie verkniff sich einen Kommentar, doch in ihrem Innersten regte sich ein Urteil. Ein Mensch mit Einfluss sollte leben, wie es sich gehört. Repräsentation war Teil der Herrschaft.


Neben ihr ließ sich Cyntha mit jugendlicher Leichtigkeit auf einen der Stühle fallen, schwang ihre Beine übereinander und grinste zu Yang hinüber. Franca hingegen setzte sich langsam und kontrolliert. Ihre Haltung blieb aufrecht, ihre Hände ruhten im Schoß. Eine Haltung, die Würde demonstrierte, selbst in einem spartanischen Raum wie diesem.


„Worum geht es bei diesem Treffen?“ fragte Franca sachlich, den Blick auf Yang gerichtet.


Die Kommandantin drehte sich vom Fenster weg, ließ sich langsam gegenüber von ihnen nieder und stellte ihr Weinglas vorsichtig auf den Tisch. Ihre Bewegungen waren ruhig, kontrolliert, ganz so wie ihre Stimme, als sie sprach: „Ihr beide werdet auf eine besondere Mission geschickt. Wie ihr sicher wisst, befindet sich Randurin derzeit in feindlicher Hand. Die fünfte Armee wird mobilisiert, um die Stadt zurückzuerobern. Ihr werdet sie begleiten und unterstützen.“


Sie machte eine kurze Pause, ehe sie fortfuhr: „Angeführt wird die Operation von General Francesco di Lorenzo.“


Franca unterdrückte nur mühsam einen verächtlichen Laut. Ihre Haltung blieb äußerlich reglos, doch ein scharfes Einatmen verriet ihre innere Regung. Di Lorenzo. Der Name allein ließ ihr Blut kochen. Die di Lorenzos – eine Familie aus dem Hochadel wie die Aldobrandini selbst, aber mit einem Erbe, das sich mit dem ihren über Jahrhunderte hinweg gebissen hatte wie zwei gleichstarke Raubtiere in einem viel zu engen Käfig. Intrigen, Dolche, Morde – und eine Rivalität, die älter war als die meisten anderen Häuser.


„Hast du ein Problem, Franca?“ fragte Yang, ihre Augen nun messerscharf auf sie gerichtet.


Franca blinzelte nicht einmal. „Nein, bitte fahr fort“, erwiderte sie ruhig, auch wenn sie innerlich kurz die Zähne zusammenbiss. Sich mit Yang anzulegen, wäre töricht – tödlich töricht.


Neben ihr kicherte Cyntha leise, doch das leise Lachen verstarb sofort, als Yang sie mit einem einzigen Blick zum Schweigen brachte.


„Eure primäre Aufgabe ist die Ausschaltung des Kriegers, der Bunj getötet hat“, erklärte Yang ohne Umschweife. „Die Berichte deuten darauf hin, dass er allein zu stark war, doch wir gehen davon aus, dass er euch beiden gemeinsam nicht gewachsen sein wird. Falls ihr jedoch zu einer anderen Einschätzung kommt, zieht euch zurück. Eure oberste Priorität ist es, die Stadt abzuriegeln. Niemand darf hinein oder hinaus.“


Franca hob leicht die Augenbrauen. Das war ein Auftrag nach ihrem Geschmack. Zielgerichtet, gefährlich, mit strategischer Tragweite. Endlich konnte sie zeigen, dass sie mehr war als ein Name – sie konnte sich beweisen. Ihre Familie würde diesen Einsatz nicht übersehen.


Doch Yang war noch nicht fertig. Ihre Stimme wurde etwas ernster. „Das ist allerdings noch nicht alles. Es besteht eine erhebliche Wahrscheinlichkeit, dass sich Varon euch entgegenstellt.“


Franca erstarrte. Varon.


„Seine Eliminierung hat oberste Priorität“, fuhr Yang fort. „Er darf Randurin nicht in den Händen der Rebellen festigen. Ich will ihn tot sehen. Gemeinsam agieren, niemals einzeln.“


Cyntha riss die Faust nach oben und rief energisch: „Verstanden!“


Franca nickte nur knapp. Der Name Varon hallte in ihrem Kopf nach. Ein Schatten aus der Zeit von Kaiser Tavil IV, aus düsteren Geschichten, die man sich im Hauptquartier zuraunte. Varon, der Nekromant. Der Mann, der aus dem Exil zurückgeholt wurde, um Randurin zu befreien – und sich dann gegen das Kaiserreich stellte. Ein Verräter mit gefährlichen Fähigkeiten, dessen Absichten niemand kannte.


„Du kannst gehen, Cyntha“, sagte Yang plötzlich. „Ich möchte mit Franca noch ein paar Worte allein wechseln.“


Cyntha wirkte überrascht, aber nicht besorgt. Sie sprang auf, schnappte sich ihre Stulpen und winkte Franca zu. „Ich warte dann in deinem Zimmer!“


Als sie gegangen war, trat eine seltsame Stille ein. Franca wandte sich Yang zu und senkte leicht den Kopf – eine Mischung aus Respekt und Vorsicht. Ihr Blick war fragend, doch sie sprach nicht.


Was wollte Yang von ihr?


Sie wartete. Still.



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Als die Tür hinter Cyntha ins Schloss fiel, trat für einen Moment völlige Stille ein. Eine Stille, die nicht bloß den Raum erfüllte, sondern auch Francas Gedanken – und sie dabei zu erdrücken schien.


Sie wagte nicht, sich zu bewegen. Ihre Augen ruhten auf Yang, doch ihre Gedanken jagten bereits durch sämtliche Möglichkeiten. Warum hatte sie sie zurückgehalten? War es eine Ermahnung? Ein Vertrauensbeweis? Oder ein Test?


Yang nahm einen Schluck ihres Rotweins. Dann stellte sie das Glas ruhig auf den Tisch und sah Franca mit einem ernsten Blick an, der weder feindselig noch freundlich wirkte – nur eindringlich.


„Sag, Franca“, begann sie schließlich, ihre Stimme weich wie Samt, aber mit dem Stahl eines Schwertes dahinter, „wem gehört deine Loyalität?“


Der Satz traf sie wie ein Schlag. Die Frage war einfach – zu einfach. Zu gefährlich.


,,Ist das eine Falle?’’ schoss es Franca durch den Kopf.


Franca richtete sich unmerklich auf. Ihr Rücken spannte sich durch. Ihre Hände, bis eben noch locker auf den Oberschenkeln, verkrampften sich. Ihre Stimme jedoch blieb fest: „Seiner Majestät Kaiser Verion III. Natürlich.“


Yang schwieg. Eine Sekunde. Zwei. Dann begann sie zu lächeln. Es war kein warmes Lächeln, sondern eines, das man bei einem Schachspieler sah, der den nächsten Zug bereits vier Runden im Voraus geplant hatte.


„Gut“, sagte sie schließlich. „Du kennst sicher Luca Aldobrandini, nicht wahr? Deinen Cousin. Der, der in der Region von Randurin lebt. Und dort die drittgrößte Schmiede des Kaiserreichs unterhält.“


Franca nickte langsam. Natürlich kannte sie Luca. Er war wie ein älterer Bruder für sie gewesen, damals auf der Brandiniburg, dem uralten Familiensitz in den Gipfeln der Larifen. Sie waren gemeinsam auf Mauern geklettert, hatten sich Geschichten erzählt, gemeinsam gelacht – damals, als das Leben noch aus Schnee und Spielen bestand, nicht aus Befehlen und Politik.


Doch sie wagte es nicht, diese Erinnerung auszusprechen.


„Wir haben Beweise, dass er den Rebellen Waffen liefert“, fuhr Yang fort, ihre Stimme jetzt kühl, schnörkellos. „Es wird deine Aufgabe sein, ihn umzubringen.“


Franca schluckte. Ein Eiskristall bildete sich in ihrer Brust. Ihr Atem wurde kürzer.


Sie sollte… Luca töten?


Sie spürte, wie ihr ganzer Körper sich verspannte. Das war kein einfacher Auftrag. Das war ein Todesurteil – nicht für Luca allein, sondern auch für sie selbst. Denn wer ein Familienmitglied tötete, wurde in der Welt der Aldobrandini zum Geist. Aus den Chroniken gelöscht. Vom Familiensitz verbannt. Der Name – ihr Name – würde ihr genommen.


„Was für Beweise?“ fragte sie zögernd. „Kann ich sie sehen?“


Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, bereute sie sie. Ihre Lippen pressten sich aufeinander, die Muskeln an ihrem Kiefer spannten sich. Und dann spürte sie es.


Die Luft im Raum veränderte sich.


Eine Welle aus unsichtbarer Kraft ging von Yang aus, wie eine langsame, unausweichliche Flut. Francas Kehle zog sich zusammen, als wäre ihr die Sprache entzogen worden. Ihr Atem wurde flacher, ihre Finger krallten sich in das Holz des Stuhls.


Yang hatte ihre Aura entfesselt.


Eine Aura, die den Raum beherrschte. Nicht durch Gewalt, sondern durch Macht. Durch Präsenz. Es war, als würde sie über einen Abgrund stehen, gehalten nur vom Willen dieser Frau, die mit nichts als Blick und Schweigen über Leben und Tod entscheiden konnte.


„Wofür brauchst du Beweise, Franca?“ Yangs Stimme war jetzt leiser – fast sanft – doch gerade diese Sanftheit machte sie umso beängstigender. „Du bist eine Kopfgeldjägerin. Du tust, was dir aufgetragen wird. Oder… möchtest du mir etwa sagen, dass dein Blut über dem Namen des Kaisers steht?“


Franca schüttelte sofort den Kopf, auch wenn sie wusste, dass selbst das ein Fehler sein konnte. Ihre Zunge klebte an ihrem Gaumen, ihr Rücken war schweißnass.


„Dachte ich mir“, sagte Yang. Dann nahm sie noch einen Schluck Wein. „Also. Du wirst ihn umbringen. Er ist ein Ziel, wie jedes andere. Du kannst wegtreten.“


Langsam – so langsam, dass sie kaum ihre eigene Bewegung spürte – stand Franca auf. Sie verbeugte sich leicht, wie es das Protokoll verlangte. Dann drehte sie sich zur Tür, ging mit anmutigem Schritt hinaus. Ihre Haltung blieb makellos. Jeder Wirbel ihrer Wirbelsäule war ausgerichtet wie ein Spielstein. Ihre Hände zitterten nicht.


Doch in ihrem Innern brodelte ein Sturm.

 
 
 

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